Alters doch noch erreicht. Als ich auszog, war ich Einer; jetzt sind
es Tausende in der Welt, die meinem Gedanken diese Hülfe bringen! Aus
dem Einsiedler im Neuhof ist eine Gemeinde in Europa geworden; mein
letztes Werk in Clindy soll dem Menschengeist in Europa eine andere
Stunde der Befreiung einläuten als das Jakobinertum der Revolution!
In Stans, wo ich meine Schulmeisterschaft begann, ist auch die Heimat
von Winkelried, der in der Schlacht bei Sempach dem Vaterland mit
seiner Brust eine Gasse durch die Lanzen machte: mir hat es die Brust
zerstochen gleich ihm, aber nun ich sterben gehe, schallt Sieg um mich,
weil ich die Gasse der Menschenbildung gebrochen habe!
98.
Es sind die Sturmtage mit jagenden Regen- und Hagelschauern, die
das schönste Abendrot auftun und die Berge mit den Wolken in eine
Herrlichkeit verklären. Aber leicht ist dann noch hinter den Bergen
ein Hinterhalt der kalten Winde, die den Nachthimmel doch wieder mit
schwarzem Sturmgewölk bedecken, als ob der Aufruhr nun in die hohen
Lüfte gekommen wäre, indessen die Nacht sich ruhig in die Täler der
Erde legt. So brennt die Abendröte Heinrich Pestalozzis in die letzte
Täuschung hinein: er hat die fünfzigtausend Franken aus den Händen
gegeben, ehe sie darin waren; erst nach drei Jahren kommt eine Rate
von zehntausend Franken an; so kann er die Anstalt auftun, aber nicht
halten. Niederer hat den Streit um Mein und Dein zu einem Prozeß
gemacht. Demütigung und Trotz, Zorn und Verzweiflung, Liebe und Verrat:
alles jagen die kalten Winde aus dem Hinterhalt der Berge in den
Sturmhimmel der sinkenden Nacht.
Noch sechs lange Jahre bleibt Heinrich Pestalozzi in Ifferten, und
immer mehr entsinken die Zügel seiner zitternden Hand; wohl hält
Schmid die Peitsche, die Pferde doch noch in den Stall zu bringen,
aber längst schon ist es kein fröhlicher Trab mehr, den sie laufen;
sie sind vom Weg gekommen, und ihre Beine stapfen im Moor, das die
Räder versinken läßt, bis keine Hoffnung bleibt, den Wagen zu retten:
sie müssen abspannen vor der Nacht und mit den Pferden den Heimweg
nach dem einsamen Licht suchen, das aus der Ferne leuchtet. Es kommt
vom Birrfeld, wohin sein Enkel Gottlieb mit der Schwester Schmids, als
seiner jungen Frau, ihnen voraus gegangen ist, den dritten Hausstand im
Neuhof zu versuchen. Am letzten Februar seines achtzigsten Jahres nimmt
Heinrich Pestalozzi Abschied von dem Grabstein unter den Nußbäumen;
seine Hände sind nicht mehr stark genug, daran zu rütteln, und in
seiner Seele rast kein Zorn mehr: Ich muß heim, Anna, klagt er, du
bleibst unter deinem gemeißelten Stein; ich armer Müdling gehe bei den
Enkelkindern im Birrfeld eine Zuflucht suchen. Aus Reichtum und Armut
kamen unsere Wege zusammen, nun scheidet sich der meine in die Armut
zurück; dich lasse ich im Schloß, als dessen Herrin sie dich begruben!
99.
Der Schnee vergeht im Tauwind, und die Wasserrinnen ziehen schwarze
Striche hindurch, als Heinrich Pestalozzi nach siebenundfünfzig Jahren
zum zweitenmal auf das Birrfeld kommt: Es gibt keinen Punkt auf
diesem meilengroßen Kirchhof, sagt er zu Schmid, darauf ich nicht eine
Erinnerung als Grabstein stellen könnte! Aber wie sie gegen den Neuhof
fahren, steht Lisabeth da, die fast ein halbes Jahrhundert lang seine
Schaffnerin gewesen ist, und hängt Kinderwäsche in den Wind. So bin ich
auch noch Urgroßvater geworden! will er sagen, aber der Boden seines
Lebens bricht durch, daß Anna und Jakob, sein Enkel Gottlieb mit seiner
Frau nichts mehr als die Erinnerung eines fremden Romans in seiner
Seele sind. Ich habe mich verspätet, Babeli, ruft er und will aus dem
Wagen zu ihr hinspringen; doch sind ihm die Beine steif von der langen
Fahrt, und ehe er an die Gartentür kommt, steht Lisabeth statt ihrer
vor ihm und nimmt ihn an der Hand: Wir haben erst für morgen auf Euch
gerechnet, Herr Pestalozzi, aber die Suppe wird bald gerichtet sein! Er
sieht ihr hartes, treues Gesicht und findet das Babeli nicht; als ob er
sich verirrt hätte, tritt er in das Haus. Auch als sie ihm den Urenkel
darbringen, betrachtet er das eigene Geschlecht kopfschüttelnd wie
ein fremdes und beugt sein braunes Runzelgesicht über das Kissen, als
ob er sich vor ihm entschuldigen müsse: Ich will hier nur den andern
Wagen abwarten, sagt er und merkt nicht, daß seine Tränen dem Säugling
ins Gesicht tropfen, bis der ein Geschrei anhebt und in die Kammer
zurückgebracht wird.
Als danach die letzten Leintücher des Winters aus dem Birrfeld
verschwinden und die Quellen wieder klar fließen, geht er viel um den
Neuhof herum, die Obstbäume zu suchen, die noch aus seiner Zeit stehen
geblieben sind -- es ist mancher ein Krüppel geworden, den er noch als
schwankes Stämmchen kannte -- da drängen sich die Grabsteine seiner
Erinnerung am dichtesten, und je nachdem sie lustig oder ärgerlich
sind, kann er zornig brummen oder lachen. Wenn ihn die Birrer so sehen,
wie er mit dem Halstuchzipfel im Mund seine ewige Unterhaltung hat,
sagen sie, er sei kindisch geworden; aber die Alten, die ihn noch
kennen, wehren ab: so sei er immer gewesen, im Streit mit den eigenen
Gedanken. Daß sie ihn die schwarze Pestilenz nannten, will keiner so
recht mehr wissen; alle aber wundern sich, wie er mit seinen achtzig
Jahren noch rüstig zu Fuß ist und weder einen Gang nach Brugg oder
hinauf nach Brunegg anschlägt, wo die Frau Hünerwadl -- ehemals seine
Schülerin zu Ifferten -- ihm noch immer wie eine Tochter anhängt.
Wenn ihm der Berg zuviel geworden ist in der Maisonne, fordert er
sich von ihr ein Ruhebett, ein Stündchen friedlich zu schlafen. So
lebt er den ersten Frühling, als ob er nur auf den Tod warte und von
der Rastlosigkeit seines langen Lebens allein noch seine schrulligen
Gewohnheiten hätte.
Wie dann aber die Maienblust auch im Birrfeld ihre weißen Fahnen weht
mit Wolken und Blühebäumen und in Schinznach wieder die Helvetische
Gesellschaft tagt, in der er vor einundfünfzig Jahren den Vortrag des
Landvogts Tscharrner hörte, läßt er sich hinüber fahren und erscheint
unter den Jungleuten, die da im Geist ihrer Väter und Großväter raten.
Es lebt keiner mehr aus jenen Tagen, und so steht er erschüttert am
selben Ort und in der selben Stube unter den fremden Gesichtern einer
neuen Zeit; aber es sind wenige da, die ihn nicht kennen, und auch
diese Wenigen schätzen es als ein Glück, den Greis zu sehen, der wie
eine ehrwürdige Gestalt der Vorzeit in ihre Gegenwart eintritt. Und
so erlebt Heinrich Pestalozzi noch einmal, daß es außer den Zürcher
Humanisten und den Berner Aristokraten doch andere Schweizer gibt,
die ihm innig anhängen; und daß es die besten seines Volkes sind, die
sich hier treffen, weiß er aus seinen Tagen. Es wird ein Jubel ohne
gleichen, als sie ihn zu ihrem Präsidenten wählen; und wenn er sich wie
ein dürres Eichblatt vorkam, als er eintrat, vom Wind in ihr junges
Grün geweht: so geht er andern Tags fort in dem Gewühl eines Baumes,
der seine Blätter rauschen hört.
Seit diesem Maitag drängen die Säfte noch einmal hoch, die ihm selber
in der Vereinsamung und Enttäuschung der letzten Jahre eingetrocknet
schienen. Seine Wurzeln haben die Heimat wiedergefunden; aber es ist
nicht das Birrfeld, es ist das ganze Schweizerland, darin er sich
gewachsen fühlt, indessen zu Ifferten nur das Gezänk von Lehrern und
Zöglingen war. Nun braucht ihn niemand mehr an die noch ausstehenden
Bände seiner Gesammelten Werke zu mahnen; eher müssen die Seinen
aufpassen, daß er sich nicht zuviel zumute. Sie haben ihm einen
Mann gefunden, der sein Diener und Schreiber in einem ist, einen
ordentlichen Glarner, namens Steinmann; der hat nun manchmal bis
tief in die Nacht zu schreiben, während Heinrich Pestalozzi nach
der Gewohnheit seines müden Rückens in den Kleidern auf dem Bett
liegt und unermüdlich das Band seiner Gedanken abwickelt. Ehe er es
selber gedacht hat, ist er mitten darin, noch einmal die Lehre seiner
Menschenbildung darzustellen. Er nennt es seinen Schwanengesang,
und der treue Steinmann muß oft genug anhören, wieviel Wehmut und
Schelmerei sich in dem Titel mischen; denn als er noch einmal mit dem
Eifer seines Alters das Ziel und die Mittel seiner Lehre durchgegangen
ist, als ob er behend eine Leiter hinauf liefe, die er sich Sprosse
für Sprosse selber mit dem Schnitzmesser machen mußte: kommt er wieder
an das Fragezeichen, das ihm seine Lebenserfahrung als Fähnchen oben
hingesteckt hat: Warum, wenn dies alles so klar und notwendig ist,
warum bin ich selber mit meinen Versuchen immer wieder gescheitert und
als ein Unbrauchbarer auf den Neuhof zurückgekehrt?
Noch einmal zieht er die Lehre aus seinem Leben, die ihm die harte
Juraluft in Bulet gab, daß er ein unreines und verbeultes Gefäß für
seine Lehre gewesen sei; und der selbe Bekennerdrang, der ihm den
Sarg in die Kapelle stellte, läßt ihn nun nach den Mängeln seiner
Natur und ihrer Erziehung suchen. Sich selber unerwartet schreibt
er mit achtzig Jahren seine Lebensgeschichte; aber es ist weder
Altersgeschwätzigkeit noch Eitelkeit oder Jugendwehmut darin, es wird
die Schicksalsgeschichte seiner Fehler und Schwächen. Und er ist tapfer
genug, vor Ifferten nicht Halt zu machen; obwohl ihm doch wieder
Bitterkeit und Zorn einfließen, daß er oft genug an den Bodensatz
seiner Verzweiflung kommt, läßt er nicht nach, bis er auch da seine
Lehre und ihre Gültigkeit von seiner eigenen Unbrauchbarkeit gereinigt
hat.
Der Sommer weht ihm darüber hin wie kaum einer in seinem Leben; es wird
Herbst und Winter, ehe er es weiß, und erst, als wieder Frühjahr um
ihn ist -- es sind nur einundachtzig Lenze, denkt er, man könnte sie
in einer Minute zählen, wenn sie neben- statt hintereinander ständen;
und nur, weil man immer eins durchs andere sieht, scheint es wie eine
Unendlichkeit -- kann er die Druckbogen absenden. Es ist unterdessen
noch einmal bunt um ihn geworden; seitdem er sich so unvermutet in
Schinznach zeigte, wissen viele, daß er wieder im Land ist; und mancher
erinnert sich seiner als eines Ideals der eigenen Jugend, das er über
den toten Jahren zu Ifferten fast vergessen hat, als ob Heinrich
Pestalozzi längst gestorben wäre: nun ist er für den Aargau von den
Toten auferstanden, und es vergeht selten ein Tag, der ihm nicht einen
Dank zubrächte, ein Stück seines Menschengeistes, das irgendwo zum
eigenen Leben kam und sich seines Schöpfers erinnert. Er hat sich noch
einmal durch den Groll schreiben müssen: es waren die Reste des alten
Mannes in mir, denkt er nun oft mit den Worten Annas; seitdem ich den
los bin, ist mir frei und leicht.
So geht er zum andernmal in die Helvetische Gesellschaft, diesmal
nach Langental als ihr Präsident; und was im vergangenen Jahr eine
Überraschung gewesen ist, fällt nun als Springbrunnen des Segens auf
ihn zurück. Er fühlt es und sagt es auch: dies ist der Dank meines
Landes! und alle bitteren Jahrzehnte wiegen nun die eine Stunde
nicht auf, da er sich im Kreis dieser Männer und Jungmänner als eine
Lebensquelle fühlt, die immer noch über den Rand zu fließen vermag. Er
kommt beschüttet vom Glück und mit der seligen Wehmut heim, daß es sein
letzter Tag in ihrem Kreis gewesen sei, weil er ein Nocheinmal nicht
ertrüge.
Im Spätsommer ist er immer noch rüstig genug, mit Schmid -- der seit
Ifferten ein Unsteter geworden ist und nun nach Paris will, um dort
eine französische Ausgabe der gesammelten Werke einzurichten -- bis
Basel zu reisen; in die Stadt, die ihn, das weiß er, bis auf den Tag
verachtet in dem Hochmut ihrer gesicherten Kultur, und die ihm doch
zweimal durch einen ihrer Bürger zur Rettung geworden ist. Ich hätte
nicht her kommen sollen, klagt er; es stimmt ihn wehmütig, die Gassen
und Häuser wieder zu sehen, die einmal lebendig um sein Leben standen
und jetzt für ihn gestorben sind. Doch läßt er sich durch Schmid
verleiten, im Wagen nach Beuggen hinaus zu fahren, wo Zeller ein
Waisenhaus in seinem Sinn führt. Da hat sich die Anstalt seit Tagen
gerüstet, den Vater der Waisen zu empfangen, und die Kinder treten ihm
mit Gesang entgegen. Er weiß beim ersten Ton: das hätte ich mir nicht
antun dürfen, meinem versagten Herzenswunsch das Bild eines fremden
Gelingens zu zeigen. Sie wollen ihm einen Kranz überreichen, aber er
wehrt ihn ab und wankt vor ihnen in den Saal, wo ein Ehrenpult steht,
daß er zu den Kindern spräche. Vorher singen sie noch einmal:
»Der du von dem Himmel bist,
alles Leid und Schmerzen stillest,
den der doppelt elend ist,
doppelt mit Erquickung füllest,
ach! ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust!
Süßer Friede,
komm, ach komm in meine Brust!«
Hat ihm schon draußen der Gesang an sein tiefstes Leid gerührt,
so reißt er ihn nun zu Tränen hin, daß er meint zu ersticken. Die
Goetheschen Verse, die ihm schon in Lienhard und Gertrud klangen, wie
wenn irgendwo in der Welt eine Quelle der Liebe unerschöpflich quölle,
ergreifen ihn nun in ihrer überirdischen Schönheit; er vermag vor den
Augen dieser Waisen, die alle mit fragender Neugier an seinem Schmerz
hängen, nichts als aus der Tiefe seines Herzens zu schluchzen, wie
vielleicht in seiner ersten Jugend, aber nie mehr in seinem bitter
gesegneten Leben.
Der Tag hat ihm in seine Heiterkeit einen Schnitt gemacht, der nicht
wieder heilt. Obwohl sein Verstand kopfschüttelnd dabei steht, er
vermag seiner Seele nicht Halt zu gebieten, die nun ihre Sehnsucht
immer nach der gleichen Seite fließen läßt, bis sein Enkel Gottlieb ihm
nachgiebt und neben dem Neuhof noch den Bau eines Armenkinderhauses
beginnt. Er weiß es genau und sagt es sich immer wieder, daß er nicht
mehr hineinkommt, daß es aus seinem Leben in die Nachwelt gebaut wird;
aber er kann seine Hände nicht davon lassen, und wieder wie damals am
Neuhof steht er unter den Bauleuten, ihnen übereifrig Handreichung zu
tun, obwohl es nasser Schnee ist, darin seine Füße kalt werden.
Unterdessen ist sein Schwanengesang erschienen; aus seiner
Lebensgeschichte hat ihm der Verleger die Jahre in Ifferten
herausgenommen, er hat sich aber nicht abhalten lassen, daraus eine
besondere Schrift zu machen, die er »Meine Lebensschicksale« nannte.
Lobendes und Tadelndes kommt ihm darüber zu, es ist ihm nicht mehr
wichtig, seitdem er in Beuggen war: Ich bin auf dem Altenteil der
Seele, sagt er dem Steinmann, der Menschengeist muß sehen, wie er
allein in der Welt zurecht kommt! Aber im Spätwinter fällt ihm die
Antwort aus Ifferten wie ein Stein auf den Tisch; Niederer hat ihn
geworfen, jedoch nicht die Tapferkeit gehabt, dafür einzustehen, sodaß
nun ein junger Lehrer an der Mädchenschule mit dem Namen Biber die
Schrift decken muß. Als Heinrich Pestalozzi die Anklage liest, die ein
ziemliches Buch ist, hat er ein Gefühl, als ob er noch immer lebe, aber
die Welt um ihn hätte ihren Lauf eingestellt. Vor einem halben Jahr
würde er es verwunden haben, sich aus dem eigenen Haus als Lügenvater
und als Wahnsinniger beschimpft zu sehen; jetzt nach dem Tag in Beuggen
trifft ihn der Dolchstich, daß er hinstürzt.
Mitten aus seiner hartnäckigen Gesundheit haben sie nun im Neuhof einen
Kranken zu pflegen, dem das Fieber aus der Seele in den Körper zu
rasen scheint. Schon liegt er von Schmerzen zerrissen auf dem Bett, da
will er noch die Antwort schreiben, und er fleht den Arzt an, ihm ein
paar ärmliche Wochen zu schenken, da er vorher doch so sinnlos lange
gelebt habe! Nicht mehr wie sonst vermag er zu diktieren, er muß die
Feder selber führen, und es ist grausig für den getreuen Steinmann, daß
er ihn vielmals ohne Tinte schreiben sieht: Tupfen, Herr Pestalozzi,
tupfen! sagt er ihm immer wieder; aber die gequälte Seele sieht nicht
mehr, was sie tut.
Die Schmerzen werden bald so stark -- es sind Harnbeschwerden -- daß
der Arzt ihn nach Brugg haben möchte, um besser nach ihm zu sehen.
Noch liegt dicker Schnee, als sie ihn mit Kissen und Decken in einen
Schlitten packen. Das ist mein Wagen, diesmal der letzte, sagt er zu
seinem Urenkel, den sie ihm aus der Wiege anbringen müssen, daß er den
fiebrigen Kopf über ihn neige; auch den andern gibt er mit tapferen
Worten die Hand, nur als sie an den halbfertigen Mauern des Armenhauses
vorbeifahren, hält er sich die weinenden Augen zu.
Im Gasthaus zum Roten Haus in Brugg wartet die Sorgfalt auf ihn und
Steinmann ist da, ihn zu pflegen. Noch eine Woche lang strömt ihm
die besorgte Liebe seiner Freunde aus dem Aargau zu, und er ist wach
genug, sie zu empfinden; nur der Glarner, der ihn nun besser kennt
als irgend einer, sieht durch Tränen, wie er die Hände nicht mehr zu
halten vermag, die Hände und die Lippen, als ob er unablässig aus einem
niederstürzenden Schutt die Worte ausscharren müsse.
Als es stiller damit wird, weiß der treue Diener zuerst, wer die Ruhe
bringt; und während die andern an seiner Heiterkeit wieder auf Genesung
zu hoffen wagen und mit ihm sprechen, als ob dies nur ein unpäßlicher
Aufenthalt auf einer Poststation sei, geht Steinmann in blinder Trauer
um seinen erwürgten Herrn beiseite. Bis mit dem Abend die Heiterkeit
aus den Augen Heinrich Pestalozzis auch in die Sprache kommt, daß
sie hell und frei wird wie bei einem Knaben, und endlich sich ein
überirdisches Lächeln um die Greisenlippen legt, dem nur die Augen
nicht standhalten, weil sie im Anblick der jenseitigen Welt erstarren
und für diese leblos aufgerissen sind: da schließt seine Dienerhand die
beiden Fensterläden, die zwischen dieses und jenes Leben von Anbeginn
der Menschheit gelegt sind.
Nacht
100.
Selten sind über das Birrfeld solche Schneemassen niedergegangen wie
in der Februarnacht, da der Glarner im Roten Haus zu Brugg Heinrich
Pestalozzi die erste Totenwacht hält; und erst am andern Nachmittag
ist soviel Bahn gemacht, daß sie ihn mühselig genug im Schlitten nach
dem Neuhof holen können. Da wird er bei Kerzenlicht in der Kammer
aufgebahrt, wo die stummen Dinge seiner Gewohnheit eine Woche lang
auf ihn gewartet haben; als ob er aus tiefem Schlaf erwachen wolle,
liegt er im Sarg, und das Lächeln glücklicher Träume scheint sich in
den Runzelfalten seines verwelkten Gesichtes zu verstecken. So ist er
über Nacht geworden, erklärt Steinmann dem Pfarrer und gibt auch seine
Dienerweisheit dazu: Der Körper freut sich, endlich die unruhige Seele
los zu sein!
Am andern Vormittag begraben sie ihn auf dem verschneiten Dorfkirchhof;
der Wind fegt eisig über das Birrfeld, und die Wege zwischen den
Dörfern sind wie Maulwurfsgänge durch den meterhohen Schnee gegraben:
aber die Schulkinder aus der ganzen Kirchgemeinde kommen, ihm ein Lied
ins Grab zu singen, und die Schulmeister tragen den Sarg. Damit sie auf
dem Kirchhof stehen können, haben die Bauern dem Küster helfen müssen,
einen Hof aus dem Schnee zu schaufeln, und die gefrorenen Erdschollen
poltern gleich Steinen auf die Bretter: es ist ein anderes Begräbnis
als vor elf Jahren, da sie Anna Schultheß im Schloßgarten zu Ifferten
begraben. Das bäuerliche Dasein, aus dem er mit seiner Bitte an
Menschenfreunde hervortrat, hat seinen Leib zurück gefordert, und bevor
die Freunde im Land Und draußen seinen Tod erfahren, verweht der eisige
Wind den einsamen Grabhügel schon mit neuem Schnee. Als ihrer dann
einige mit dem Frühjahr kommen, staunen sie, wie das Mißgeschick ihm
bis auf den Kirchhof folgte: er ist mit seinem Sarg unter die Traufe
des Schulhauses geraten; der Regen, den das Dach von den Dorfkindern
abhält, gießt auf seinen Hügel. Statt des Rosenstockes, der darauf
steht, möchten sie ihm einen Stein setzen; aber der Enkel im Neuhof
zeigt ihnen ein vergilbtes Blatt, darauf er sich selber den Grabschmuck
wünschte.
Der Stock trägt weiße Rosen und wird mit den Jahren ein Busch, der
im Frühsommer als ein schäumender Ball vor dem kleinen Schulhaus
steht. Selten kommt dann ein Fremder, der sich nicht eine Blüte davon
mitnähme; und an diesen Wallfahrten zu seinem Rosenstock merken die
Birrfelder, daß etwas von Heinrich Pestalozzi lebendig geblieben sein
muß.
* * * * *
Sein Sterbeteil ist längst vermodert, und die Seele Heinrich
Pestalozzis ruht im Zeughaus des Lebens aus von der Ruhelosigkeit
ihrer Tage; nur der Menschengeist, dem sie die schwingende Unruhe
war, reitet sein Abenteuer in die Unsterblichkeit. Die Zeiten sind
nicht danach, seinen Wahlspruch, Freiheit durch Bildung, beliebt
zu machen, und das prophezeite Jahrhundert der Menschlichkeit will
nicht anbrechen. Nach dem Traum der Befreiungskriege ist Europa
wieder eingeschlafen, und die deutsche Jugend der schwarzrotgoldenen
Burschenschaften wird hinter Gitterstäben von dem Traum kuriert.
Überall hat sich der Geist der Väter auf die vergoldeten Stühle der
alten Herrlichkeit gesetzt, und die Landreiter spähen, daß seine Hüte
an den Stangen in der schuldigen Ehrfurcht gegrüßt werden. Darüber
flackern die Menschenrechte, denen zuliebe soviel Köpfe abgeschlagen
wurden, zum andernmal auf in einer Revolution, aber diesmal schlägt ein
nasser Sack die Strohfeuer aus: Das Reich fällt noch einmal in einen
bleiernen Morgenschlaf, und über den Ozean her leuchtet ein Morgenrot,
dem die halbwachen Schläfer in Millionen zutaumeln.
Indessen so von den Luftschlössern der Freiheit nichts übrig bleibt
als die Schwärmerei für Ruinen -- selbst der neue Napoleon begnügt
sich, von Gottes Gnaden auf dem angestammten Kaiserthron zu sitzen --
ist aus den Zeiten Steins in Preußen der Eckpfeiler der Volksschule
durch alle Schwierigkeiten pietistischer Bedrängung stehen geblieben,
und im preußischen Lehrerstand reitet der Menschengeist von Heinrich
Pestalozzi sein Abenteuer in die kleinsten Dörfer. Längst ist die
deutsche Frage ein Rattenkönig geworden, da tut es bei Königgrätz einen
scharfen Schlag, der die Schwänze blutig auseinander reißt: Preußen
marschiert und ein geflügeltes Wort kommt auf, daß der preußische
Schulmeister die Schlacht an der Bistritz gewonnen habe. Dann
schmiedet Bismarck das neue Reich aus Blut und Eisen, wie es in den
Ruhmesblättern heißt; aber er selber schreibt aus Versailles an seine
Frau, daß Deutschland dem gemeinen Soldaten mehr als den Generälen den
Erfolg in Frankreich verdanke.
Ich wüßte Einem, der mir folgte, eine Macht in Europa zu gründen, die
mächtiger als Bonaparte wäre; und ich sage euch, wer es am ersten mit
mir hält, dem wird die Herrschaft in Europa zufallen! hat Heinrich
Pestalozzi zu den Stadtherren von Ifferten gesagt, als sie von der
Audienz in Basel zurück fuhren: nun steht das Deutsche Reich mächtig in
Europa da aus seiner Lehre.
Aber wenn der Armennarr vom Neuhof, der den Rockknopf des russischen
Kaisers nicht zu fassen kriegte, danach seine dritte Reise machte,
diesmal fröhlicher nach Berlin als damals nach Paris: er würde das
goldblinkende Dach des Reichstags staunend von außen betrachten und
in die zweite Volksschule nur aus dem Zweifel gehen, ob die erste mit
ihren sauberen Klassen und dem peinlich umzirkelten Lehrplan nicht ein
Blendwerk der Schulbehörde gewesen sei; er würde nach den Wohnungen der
Armen fragen und aus dem Prunk der Linden hinaus wandern in die trüben
Straßen, wo die Kinder in engen Höfen spielen; und unverdrossen mit den
ärmsten bis in die letzte Dachwohnung steigen: Ich will sehen, was die
Treppe der Menschenbildung aus dem Haus des Unrechts gemacht hat!
Wohl würde er schaudern vor dem Haß des Klassenkampfes, aber er würde
sich tapfer zu seinem Anteil bekennen: daß der Arbeiterstand die
Gerechtigkeit nicht im Mist der Gnade verscharrt haben wolle, sondern
-- durch Bildung frei gemacht -- Macht gegen Macht einsetze, sie zu
ertrotzen. Er würde vor den Gewerkschaftshäusern und Konsumanstalten
beklommen vor Glück dastehen, daß aus der Masse von einzelnen Schwachen
soviel Stärke im Ganzen möglich wäre, und er ließe sich nicht mit
der Verdächtigung schrecken, daß da die vaterlandslosen Gesellen
ihre Kriegslager des Umsturzes hätten: Er hat es zu sehr am eigenen
Leib gespürt, wie rasch die herrschenden Mächte mit der bedrohten
Moral bei der Hand sind, wenn ihnen einer um der Gerechtigkeit willen
widerstrebt! Wie er dem Pfarrer Lavater einmal schrieb, daß er leicht
nach oben milder und nach unten strenger sei, als es sein Herr Jesus
Christus gehalten habe!