seinen gewachsen ist: Niederer, den jedermann noch im Verhältnis
mit der Segesser glaubte, hat sich mit Rosette Kasthofer verlobt,
der Heinrich Pestalozzi im vergangenen November das Töchterhaus als
Eigentum abgetreten hat, was den Frauen schon damals nicht recht
gewesen ist. Auch ihm kommt die Nachricht unerwartet, aber länger als
eine Minute vermag er nichts Ärgerliches daran zu finden: Wir müssen
nun alle zusammen halten, sagt er aus seiner andern Welt, und erst als
Anna, die schon Wunderdinge aus Basel gehört hat, ihn verdutzt fragt,
ob es vielleicht doch anders gewesen sei, als das Freudengespräch durch
Ifferten gehe: berichtet er von seiner Audienz, darüber sie für diesen
Abend doch noch fröhlich miteinander sind.
Am andern Morgen aber ist der Spuk wieder da und böser, als er ihn von
Bern mitbrachte. So muß Noah zumute gewesen sein, denkt er, als er die
Arche baute: und meine vier dicken Türme können nicht schwimmen, auch
ist es gar die Zwingburg des Zähringers selber, darin ich sitze! Ich
muß mein Testament schreiben, sagt er zu Anna, aber sie merkt bald,
daß es nicht ihrem Enkel Gottlieb gilt: »An die Unschuld, den Ernst
und den Edelmut meines Zeitalters und meines Vaterlandes« steht oben
darüber, und wenn er jemals Worte für seine innere Beredtsamkeit fand,
so gelingt es ihm diesmal. Er hat in Bern und schon in Basel sagen
hören, daß es die alte Kultur herzustellen gelte: aber nun leuchtet
er die gerühmte Zeit der Väter mit dem Lichtschein der Menschlichkeit
ab und zeigt, daß ihre hitzigen Preiser nur den äußeren Glanz des
gesellschaftlichen Lebens meinen. Kultur aber ist nur da -- dies
setzt er scharf ins Licht -- wo das Gewissen des einzelnen sich zur
sittlichen Persönlichkeit durchfindet und wo die Gesellschaft zur
Gemeinschaft solcher Persönlichkeiten wird. Darum kann Kultur nicht
durch eine Veränderung der äußeren Zustände herbeigeführt werden,
ihr Boden ist allein der Mensch: Laßt uns Menschen werden, damit wir
Bürger, damit wir Staaten werden können!
Es schwinden ihm Wochen und Monate über dieser Schrift, und die
Täglichkeit, so peinlich und verworren sie ihn bedrängt, wird eine
ferne Unwirklichkeit. Mancherlei Freunde wollen der bankrotten Anstalt
mit Neuerungen in der Verwaltung aufhelfen, und Anna kommt von einer
Reise nach Zürich nicht zurück, weil sie der Besserung nicht im Wege
stehen will; Niederer heiratet die Kasthofer und geht für Monate
mit ihr auf die Hochzeitsreise: es wird abgerüstet, das ist das
einzige, was er davon wahrnimmt, und das treibt ihn wieder in die
Gedanken seiner Schrift zurück. Es geht an den Grund seiner ganzen
Lebensarbeit, es geht an die Wurzeln der europäischen Menschheit,
da ist das zufällige Schicksal seiner Anstalt nichts mehr als die
verspritzte Welle eines rauschenden Stromes. Als die siegreichen
Mächte auf dem Wiener Kongreß das Schicksal Europas bestimmen wollen,
ist der Freiherr von Stein der erste, dem er die Schrift übersendet;
ganz ahnungslos, daß der als Triebfeder der deutschen Befreiung schon
wieder ausgeschaltet ist, weil es nur noch die gierige Verteilung der
Länderbeute gilt.
Es ist zum letzten Mal, daß der Menschengeist in Heinrich Pestalozzi
auf ein europäisches Abenteuer reitet; seine Seele sitzt unterdessen
in den Nöten seiner Anstalt zu Ifferten und wartet, wer ihr daraus zum
Frieden helfe. Die Reise nach Basel hat nicht das benachbarte Grandson
von den Lazaretten freihalten können; von dort aus verbreitet sich das
Nervenfieber der österreichischen Soldaten doch nach Ifferten, und
als der Herbstwind die gelben Blätter auf den Weg zu treiben beginnt,
trifft es die geborene Fröhlich. Im siebenundvierzigsten Jahr ihres
schaffnerischen Lebens legt ihr der Tod die Hände ineinander, die seit
dreizehn Jahren das Hauswesen der Anstalt gehalten haben. Als sie den
Sarg hinaus bringen, trägt Heinrich Pestalozzi keine Hoffnung mehr
hinterher: Anna ist von Zürich auf den Neuhof gegangen; er möchte vom
Kirchhof zu ihr laufen, statt in das verwahrloste Schloß zurück zu
gehen, wo fremde Hände sein Geld und seine Worte ausgeben.
In dieser Zeit nimmt Niederer sein Herz in die Hand; er hat schon
auf der Hochzeitsreise seinen Gegner Schmid in Bregenz besucht,
den alten Groll auszulöschen; nun setzt er viele Briefe daran, dem
Trotzigen die Rückkehr abzubitten, weil er allein mit dem Ruf seiner
Lehr- und Regierfähigkeit die Anstalt retten könne. Und während
die eifersüchtig streitenden Mächte auf dem Wiener Kongreß wie
eine gestörte Spatzenschar auffliegen, weil Bonaparte noch einmal
das Glück der Weltgeschichte versucht, kommen kurz nacheinander
zwei Wagen nach Ifferten gefahren, die Heinrich Pestalozzi seine
siebenundsiebzigjährige Frau Anna mit der hart und grau gewordenen
Lisabeth und den Tiroler Schmid wiederbringen. Beide werden auch von
den andern jubelnd begrüßt, und Pfingsten ist noch nicht im Land, da
zeigen Stundenzeiger und Uhrwerk wieder den festen Gang des Uhrwerks
an. Das Geld regnet nicht noch einmal zum Dach herein, aber es fliegt
auch nicht mehr hinaus, weil eiserne Sorgfalt es behütet.
Heinrich Pestalozzi hat schon nicht mehr gedacht, noch einmal sorgenlos
unter den hoben Seebäumen spazieren zu können; aber so sehr er die
Erlösung aus den täglichen Nöten fühlt, die Landschaft ist taub für
ihn geworden, und es kann ihm begegnen, wenn er Anna zuliebe vor dem
Gelärm der Zöglinge beiseite geht, daß er sich selber erleichtert
fühlt, das Gewühl ihrer Stimmen nicht mehr zu hören: er hat Sehnsucht
nach der harten Stille des Birrfeldes, die Anstalt ist ihm verleidet,
und er möchte sein Waisenhaus haben. Mit all seinem Ruhm -- sogar den
Wladimirorden hat ihm der russische Kaiser gesandt -- mit dem fremden
Zulauf in seine Anstalt kommt er sich vor wie ein Wagen, der mit den
Achsen nach oben auf der Wiese steht und seine schnurrenden Räder
nur noch als Spielzeug der Kinder hat: Solange ich nicht mit einem
Armenkinderhaus gezeigt habe, wie der Armut aus sich selber geholfen
werden kann, hat die Methode nur der Schule, nicht dem Leben gedient,
und mein Werk ist nur halb getan! sagt er zu Schmid. Aber der schüttelt
eisern den Kopf: Ehe er nicht ohne Verschuldung auf den Neuhof zurück
könne, ließe er ihn nicht fort! Er brauche vielleicht nicht länger als
ein Jahr, aber das müsse er aushalten!
Wenn Heinrich Pestalozzi über solche Worte bei Anna klagt, obwohl
er sich der Liebe darin freut, legt sie wohl seufzend ihr Buch aus
der Hand und sieht ihn über die Brille wie ein Meerwunder an, daß er
noch mit grauen Haaren solch ein Kind seiner Unrast sei. Sie liest
nun ziemlich den ganzen Tag und spricht von den Dingen und Gestalten
ihrer Bücher, als ob sie die Wirklichkeit wären. Von ihrer letzten
Anwesenheit im Neuhof hat sie das Nibelungenlied mitgebracht, wie es
der Stadttrompeterssohn und Patriot Müller aus der Gerwe zum ersten Mal
in Druck gab; daraus ist es gekommen, daß sie Schmid den ingrimmigen
aber treuen Hagen von Tronje nennt.
Er mag das grausam heidnische Buch nicht, wie er es nennt, und
er schmollt oft in einen Greisenzank, wenn sie schon wieder über
Kriemhildens Klage weint; aber es tut ihm wohl wie alter Wein, daß sie
so geruhsam am Fenster sitzt und zum wenigsten sein Werk in Ifferten
nun als gesichert ansieht. Wenn ihn selber die Unruhe quält, schlüpft
er gern für einige Minuten in das Behagen ihres beruhigten Alters ein;
er weiß, daß sie einen gepreßten Klatschmohn im Buch liegen hat, den
sie im Sommer aus dem Schloßgarten anbrachte, und das verblaßte Rot
davon braucht nur aus den Blättern zu leuchten, so möchte er schnurren
wie ein Kater in der Ofenwärme.
So glüht ihnen das Jahr still zu Ende, das unerwartet das letzte ihres
Lebens ist. Anfangs Dezember wird sie von heftigen Brustschmerzen
überfallen, die sich nach einer fiebrigen Nacht in Schlafsucht lösen.
Am dritten Nachmittag wacht sie auf und streicht ihr dünnes Haar
zurecht wie ein Mädchen, das sich verschlafen hat: Siegfried hat
wie Christus keinen Sohn gehabt, sagt sie aus ihrem Traum und muß
noch lächelnd weinen, weil sie an ihren Jakob denkt. Als sie dann
kopfschüttelnd über ihre Verwirrung aufgestanden ist und auf dem Sofa
sitzt, hebt sie die beiden Hände vor die Brust und sieht ihn aus einer
tiefen Verwunderung an: Wie seltsam ist dies, Pestalozzi, in Schlaf
zu fallen und wieder zu erwachen! Er hört nicht recht darauf, weil er
ihr die Schuhe holen will; auch fällt ihm ein, daß nun bald wieder
Weihnachten und Neujahr ist, wo er in der Kapelle sein Haus ansprechen
muß, und wie er diesmal eher ein Brot, aus Gottes Korn gebacken,
mitbringen könne als einen Sarg! Weil solche Einfälle in ihm ihr
eigenwilliges Leben haben, ist er gleich eifrig dabei, Gedanken daran
zu schnüren, indessen sie -- nicht anders glaubt er -- die Hände sinken
läßt, noch einmal in ihren Schlaf zu fallen. Aber wie es darüber
dunkel in der Stube wird und er die Messinglampe holt, die auch den Weg
vom Neuhof hierher gefunden hat, sieht er, daß sie zu dreien im Zimmer
gewesen sind, von denen zwei ihm unbemerkt weggingen.
96.
Als Anna Schultheß begraben wird, die für Heinrich Pestalozzi durch
achtundvierzig Jahre das Senkblei seiner Stürme gewesen ist, gibt
es eine Trauerfeier für Ifferten, als ob wirklich die Schloßherrin
gestorben wäre. Eilfertige Liebe hat bei der Regierung in Lausanne
bewirkt, daß ihr Sarg im Schloßgarten beigesetzt werden darf, unter
zwei alten Nußbäumen, die sie gern hatte; und für Heinrich Pestalozzi
ist schon der Platz daneben bereit. Irgendwer heftet ihm den
Wladimirorden an den Rock, und auch sonst ist soviel Sorgfalt um die
feierliche Stimmung des Tages bemüht, daß er sich als die willenlose
Hauptfigur dieser Handlung umher geschoben fühlt und erlöst ist,
endlich aus dem Schwall von Glockengeläut und feierlichen Mienen in
seine Stube zu können. Er hat noch immer für das Frühjahr heimliche
Pläne mit dem Neuhof gehabt, und es sollte eine gemeinsame Heimkehr
aus der welschen Fremde sein. Nun hat er keine Heimat mehr; denn Anna
liegt hier in der fremden Erde und wartet auf ihn. Ob seine ruhelosen
Gedanken auf den Wegen der Vergangenheit mit Vorwürfen und Klagen
seiner Unbeständigkeit nach ihr suchen, diese Qual steht unbeweglich in
ihm: Nun bin ich schiffbrüchig, klagt er, und niemand kann mir wieder
ans Land zurück helfen!
So erlebt er seinen siebzigsten Geburtstag einsam und düster, und auch
die Zustände in der Anstalt sind nicht mehr so, daß sie ihn aufheitern
könnten. Als ob er nur den Tod der Hausmutter abgewartet hätte, ist
der Lehrerstreit heftiger als je ausgebrochen; die Kränze liegen noch
auf ihrem Grabhügel, da sind die Hände, die sie banden, schon wieder
in Feindschaft geballt. Sie haben den Tiroler gerufen, daß er Ordnung
in die Verwahrlosung brächte, nun er Unmenschliches leistet, die
Anstalt zu retten, nehmen sie Anstoß an seinen Mitteln: Obwohl nur noch
achtundsiebzig Zöglinge da waren, als er kam, lebten zweiundzwanzig
Lehrer von den Einnahmen; er kündigte den Entbehrlichen und kürzte das
Gehalt der andern, er sorgte für einen Stundenplan, der die Lehrkräfte
ausnützte, und sah unbeugsam darauf, daß er eingehalten wurde; er
richtete eine Buchführung ein, darin kein Rappen seitwärts ging, und
räumte mit den Niedererschen Verlagsgeschäften, der Buchhandlung und
Druckerei auf. Auch kann ihm niemand nachsagen, daß er den eigenen
Vorteil suche, weil er am ersten Tag seine mühsamen Ersparnisse ohne
Schein und Zins in das Loch der Verschuldung hineingeworfen hat. So ist
er in Wahrheit der unabänderliche Stundenschlag, der alles bedrängt,
was faul und sorglos ist.
Der, den es am ärgsten trifft, ist Niederer; er war die rechte Hand
und soll nun gehorchen, wo die linke kommandiert. Mehr als je hält
er sich für den Herold der Methode und verachtet den unwissenden
Rechenmeister: so wird er die Brandstelle für die Verstimmung der
andern. Verbittert durch den Undank, und daß sie ihm mit ihrem Streit
diese Zeit entweihen, stellt sich Heinrich Pestalozzi selber vor ihren
Groll, Schmid zu schützen; um zu erfahren, daß sich seit den Tagen
Steinbrüchels nichts für ihn geändert hat: kein Lehrer damals hat ihm
seine Mängel grausamer vorgehalten, als es nun die eigenen Gehilfen
tun, und namentlich Niederer führt eine Sprache, als ob er nur das
verunreinigte Gefäß von Ideen wäre, die in seinem Feuer viel reiner und
mächtiger brennten. Ach, daß ich einmal gerade und einfach meine Straße
gehen könnte, klagt Heinrich Pestalozzi, statt immer auf die Folter
meiner Unfähigkeit gespannt zu sein!
Darüber wird es Pfingsten, und die Konfirmanden der Anstalt sollen
durch Niederer in die Christengemeinschaft aufgenommen werden; um
der besonderen Feierlichkeit willen sind auch viele Einwohner in der
Schloßkapelle, als er die Kanzel besteigt. Vorher haben die Zöglinge
eine Kantate aufgeführt, und wie draußen im jungen Grün ist in den
Herzen drinnen die Stimmung des Festes, das so seltsam dem Geist in der
Menschheit gewidmet ist, dem Heiligen Geist, der nach dem apostolischen
Glaubensbekenntnis sogar gleich dem Vater und Sohn als göttlich verehrt
wird. Das merkwürdige Mädchenwort seiner sterbenden Frau von Siegfried
und Christus ist Heinrich Pestalozzi noch nicht so aufgeblüht wie an
diesem Pfingstmorgen, wo es ihm wunderlich an die Schläfen klopft,
um wieviel heller und siegfriedhafter die Gestalt Christi in dieser
Erscheinung geworden ist als in seinem ganzen Leben von Bethlehem
bis Golgatha. Der Geist macht lebendig, sagt er glückselig vor sich
hin, indessen der Brustton Niederers mit wahren Wortschauern über
die Versammlung regnet. Und merkt erst, daß etwas geschieht, als die
Worte, die eben noch so rauschend flossen, gehackt und heiser in die
Stille fallen, die sich ihnen erschrocken entgegenstellt. Und auch
dann muß er seine verstörte Seele lange an der Schulter rütteln, daß
es Wirklichkeit sei, wie Niederer sich auf der Kanzel mit hadernden
Worten von ihm lossagt und ihm am Pfingstfest vor der Gemeinde sein Amt
hinwirft.
Der Zorn faßt ihn augenblicklich, und er hört seine Löwenstimme
durch den Raum schallen, ihm den Frevel zu verweisen, bevor er die
Worte bedenken kann. Der rote Niederer bringt danach seine Rede
zu Ende und spricht auch das Gebet zum Schluß wie sonst; es ist
Heinrich Pestalozzi, als müsse ein Wasser einbrechen und sie alle
hinausschwemmen, die statt einer Pfingsterbauung nur die Häßlichkeit
dieser Zänkerei in der Seele haben. Er spricht mit keinem, als sie
hinausgehen, senkt seine Augen vor den Zöglingen und flüchtet in sein
Zimmer wie ein Gerichteter: Es ist mein Haus, in dem das geschah, und
es ist mein Werk, das zu diesem Ende zielte!
Andern Tags erhält er von Niederer einen Brief; er zittert, daß eine
Abbitte des Frevels darin sein möchte; als er ihn öffnet, ist es eine
Aufrechnung seines Stundengeldes. Unter allen Mißlichkeiten seiner
Lebenserfahrung ist ihm keine so verhaßt wie die, immer wieder an
den Punkt zu kommen, wo die menschlichen Verhältnisse mit Franken
und Rappen bezahlt werden. Er fürchtet, daß der Streit hierin noch
häßlicher auslaufen möchte, schickt ihm am selben Tag das Geld und
zugleich für die geborene Kasthofer eine Generalquittung, daß er auf
alle Ansprüche aus dem Mädchenheim verzichte, sich aber bereit erkläre,
was sie noch etwa zu fordern habe, als gültig anzunehmen und zu
bezahlen. Nur endlich fort in eine reinliche Welt, fleht er, als er die
Quittung fortschickt; und die Gewißheit, zum wenigsten in Geldsachen
durch das Ordnungswerk Schmids nicht mehr unfähig zu sein, gibt dem
Abschied eine grimmige Tröstung bei.
Unterdessen hat der Austritt Niederers dessen Freundschaft mitgerissen;
in den nächsten Tagen kündigen ihm andere Lehrer den Dienst, sodaß er
zum guten Teil mit Schmid allein in der Anstalt bleibt, die dadurch in
der Wurzel angeschnitten wird. Und als er sich durch diese Kündigung
doch wieder in das Elend des Streites zurückgeworfen sieht, den er mit
der Quittung aus dem Haus senden wollte; kommt ihm das Papier selber
höhnisch zurück. Niederer und seine Gattin erkennen die Quittung nicht
an; sie glauben, selber viel höhere Forderungen an ihn zu haben, deren
er sich dadurch mit einer böswilligen Unterstellung entledigen wolle,
und melden den Streit beim Friedensrichter an.
Es ist schon dämmerig, als er diese Nachricht erhält in Worten,
die ihn als einen Satan von Bosheit und hinterlistiger Berechnung
hinstellen. Und nun erst erlebt er, wie die äußere Ruhe dieser Tage
eine Selbsttäuschung gewesen ist, wie das Erlebnis in der Kirche noch
garnicht auf den Grund seiner Seele gekommen war: jetzt schlägt es den
Bodensatz seiner Verbitterung auf; daß er meint, in Verzweiflung und
Galle ausfließen zu müssen. Warum lebe ich noch! jammert er und irrt
hinaus in den Abend, um aus der Welt seiner Unfähigkeit fort zu laufen.
Die Sonne des Frühsommertages hat nicht alle Helligkeit mitnehmen
können hinter die Juraberge; nur unter den hohen Bäumen hat der Abend
seine Schatten eingesetzt, über dem See und auf den Wiesen an seinem
Ufer liegt das vergessene Licht bis hinauf in den unwirklich hellen
Himmel: Es ist der Dämmerungsspuk meines übriggebliebenen Daseins,
fühlt er, indem er schwer gegen das aufrauschende Wasser vor seinen
Füßen angeht, es will nicht Nacht werden und ist doch kein Tag mehr!
Als es Mitternacht schlägt, findet er sich in nassen Kleidern unter den
Nußbäumen im Schloßgarten wieder. Sie haben ihr einen gemeißelten Stein
aufs Grab gesetzt und auch da schon Raum gelassen für seinen Namen.
Ach, daß ich darunter läge, weint seine verzweifelte Seele; gleich
aber jagt sein Zorn auf, daß es der Boden seiner Feinde sei, darin er
liegen soll. Sie haben mir schon lebendig den Grabstein aufgesetzt,
schreit etwas in ihm, und als ob alle Feindschaft dieser Tage gegen
ihn stände in diesem Stein, springt er ihn an und rüttelt an seiner
Unbeweglichkeit und rast mit Wahnsinnskräften, bis er ihn wanken fühlt.
Und obgleich Orgelstimmen in ihm aufquellen, ihn zu warnen: er vermag
die Raserei nicht aus den Händen zu bringen, bis der Steinklotz sich
hintenüberneigt und dumpf ins Erdreich schlägt. Da erst sieht er, daß
seine Füße auf dem Grab und den zerstampften Blumen stehen; der Bann
weicht von ihm, und mit einem wehen Aufschrei wirft er sich hin.
97.
Noch lange danach, wenn Heinrich Pestalozzi an diese Nacht denkt,
fürchtet er, den Verstand von neuem zu verlieren, so fürchterlich
ist seiner Seele der Einbruch sinnloser Wut noch in der Erinnerung.
Schmid hat ihn andern Tages nach Bulet auf den Jura gebracht, wo ihn
der Bergwind und die Stille in eine starke Kur nehmen. Soviel er kann,
kommt Schmid abends die drei Wegstunden noch zu ihm herauf; aber er mag
nichts mehr von Ifferten hören, fast abergläubisch ist seine Furcht,
noch einmal in die Hölle der Feindschaft hinunter zu müssen. Ich bin
wieder auf dem Gurnigelstein, sagt er bitter, diesmal endgültig, weil
mich die Welt nicht brauchen kann!
Aber Schmid hat ein Heilmittel bereit, das ihn aus der Wüste wieder zu
den fließenden Brunnen seines Lebens bringt. Schon vor dem schlimmen
Pfingstfest ist er nach Stuttgart zu dem Verleger Cotta gefahren, um
einer Gesamtausgabe der Schriften willen; er hat auch einen Vertrag
zustande gebracht, aber wie günstig dessen Bedingungen sind, zeigt sich
nun erst, als die Vorausbestellungen anfangen, einzulaufen. Der Kaiser
von Rußland steht mit fünftausend Rubel an der Spitze, und gegen den
Herbst kann Heinrich Pestalozzi aus seinem Anteil mit einer Einnahme
von fünfzigtausend Franken rechnen. Das ist ein Erfolg, den er auch
in hoffnungsvollen Stunden nicht erträumte; nun kommt der Segen in
die Entmutigung. Also bin ich den Leuten doch nur ein Buchschreiber
geblieben, sagt er zuerst noch grollend und will auch nichts mehr von
seinen Schriften wissen. Als er sie endlich zur Hand nimmt, in seiner
Bergstille zu prüfen, was die bittere Erfahrung dieser Jahre daran
geändert habe, packt ihn allmählich doch der Eifer, das Veraltete darin
neu zu sagen. Damit wird er, sich selber unbemerkt, auf die Heerstraße
seines Lebens zurück geführt; er sieht wieder, in wieviel Abenteuer
er für die Befreiung der Menschheit gezogen ist, und wird Blatt für
Blatt aufs neue begeistert für den Sinn seiner Sendung: die Treppe der
Bildung in das Haus des Unrechts zu bauen.
Selbst, was die Geißel seines Lebens gewesen ist, die eigene
Unbrauchbarkeit, die er -- in seiner Krankheit nichtswürdig vollendet
-- aus dem Seeboden herauf brachte in die Juraluft, hört auf, ihn zu
lähmen: Ich sollte nicht anders sein, als ich da bin; Gott hat meine
Seele gemacht, nicht ich; er wird wissen, warum sie solch ein unreines,
undichtes und verbeultes Gefäß sein mußte! Vielleicht, oder gewiß, daß
ich anders dem Menschengeist untauglich gewesen wäre, weil es doch
soviel saubere und glatte Kannen gibt, darin nur Selbstgefälligkeit
ist. Und darf ich wohl klagen, daß es mir übel ging, wo es meine
Begnadung war, um der Menschheit willen aus Schuld Und Irrtum zu lernen?
Wenn er in solchen Gedanken von der sonnigen Bergweide hinunter
sieht über den See, der von hier oben betrachtet mit seinem Becken
tief in die Berge gezwängt ist wie das Tal unterm Gurnigel, kann es
ihm geschehen, daß ihn schon wieder ein Lächeln anfliegt, weil er das
großmächtige Dach des Zähringer Schlosses klein wie ein Spielzeug
sieht: Es waren nicht seine vier dicken Türme, die mich ängstigten --
sie sind garnicht dick, ein Finger vor meinen Augen hält sie alle vier
zu -- es war der babylonische Turm meiner Erziehungsanstalten. Was
mir nur ein Mittel sein sollte, meine Methode klar zu machen und mir
das Geld für mein Armenkinderhaus zu bringen, das ist mir in Wahrheit
über den Kopf gewachsen, so hoch, daß ich vom Himmel nur noch das
Viereck über meinem Gemäuer sah. Hätte ich Waisenvater in Stans bleiben
können, wäre meine Welt klar und einfach und übersichtlich für meinen
Verstand geblieben. Ich hätte es schwerer gehabt, gleichviel, ich wäre
glücklicher gewesen! Und Heinrich Pestalozzi freut sich wie ein Knabe,
als er auf der Kuhweide in Bulet ein Wort findet, das ihm alle Qual der
letzten Monate in einen bittersüßen Scherz umkehrt: Weil ich es leicht
hatte, weil ich es mir zu leicht machte, nur darum bin ich unglücklich
geworden! Und jedesmal -- wie ein Sennbub wettend die Hand hinhält --
steht hinter dem Wort und dem Gedanken sein Mut schon wieder auf beiden
Beinen da: Topp, was gilts? Mein Leben hat noch Raum, glücklich zu
werden!
Als er im Herbst von seinem Berg herunter kommt, nußbraun von der
Sonne, daß seine Augen wie zwei Porzellanschilder darin stehen -- hat
ihm Schmid in die Hand versprochen, daß er den Traum seiner Seele,
sein Armenkinderhaus, sogleich versuchen darf.
Er findet ein Gebäude dafür in dem benachbarten Clindy; denn nun hat er
keine Fluchtgedanken mehr: meine Welt ist überall! sagt er, der sich
mit den Einnahmen aus seinen Schriften fürstlich genug vorkommt, die
Heimat des Werkes selbst zu wählen. Auch Gottlieb, der Enkel, der von
den Frauen einem Gerber in die Lehre gegeben war -- damit er einmal
fester als sein Großvater im Leben stände -- und der ihm zu Neujahr
fröhlich wiederkommt, will gern hier bleiben, wo seine Mutter und die
Großmutter begraben liegen. Ich habe meinen Jungbrunnen wieder! sagt
Heinrich Pestalozzi, und als er in sein dreiundsiebzigstes Jahr tritt,
liest er den Seinen zum Geburtstag eine Rede vor, die ihnen und der
Welt ein Testament seiner befreiten Stimmung sein soll; sie schreitet
Schritt für Schritt noch einmal die Absichten seines Lebens ab, um mit
dem letzten in Clindy am Ziel zu sein. Gleich für den Neuhof hat er die
Betteltrommel rühren müssen, und bis ins Alter sind ihm die Geldsorgen
auf den Fersen geblieben: jetzt endlich einmal steht er selber als
Stifter da, und keine Stunde in seinem Dasein ist er so stolz im Glück
gewesen wie nun, da er die fünfzigtausend Franken als ewiges Kapital
für seine Anstalt in Clindy stiftet.