Freilich, wenn Heinrich Pestalozzi, der es im Leben zu keinem Wohlstand

brachte, der in schlechten Kleidern ging und auch so aß und wohnte, von

seinen einsamen Gängen wieder in die Hauptstraßen zurück käme und den

Aufwand der Schaufenster, die geputzten Menschen und die Marmorsäle

sähe, die jeden Mittag und Abend gefüllt sind, als ob es ewig Feste

zu feiern gäbe: er würde in einem tiefen Schrecken von neuem seitab

irren in die dunkleren Straßen der unermeßlichen Steinwüste und den

Plakaten folgend in eine der Versammlungen geraten, wo die Männer der

Lohnarbeit einem jüdischen Redner zuhörten, der die Schlupfwinkel

einer wirtschaftlichen Frage mit juristischer Dialektik ableuchtete.

Sie würden erstaunt sein, wenn sich nachher der Greis mit dem

blatternarbigen Runzelgesicht zum Wort meldete, und mißtrauisch seine

seltsame Erscheinung betrachten, ob er ihnen nicht mit lächerlichen

Einfällen Unfrieden stiften wolle? Auch bliebe Heinrich Pestalozzi

selber im Anfang noch verschüchtert, wie wenn ihn der Schulmeister

Dysli mit seinem Anhang unter den Hintersassen noch einmal aus der

Stube schicken könnte; bald aber fände er in den feindlich abwartenden

Augen eine Menschenseele, zu der er also spräche:

Lieber Bruder und Genosse -- wie ihr euch nennt -- meiner Seele ist es

gegangen wie deiner, sie fand sich in eine Ordnung gestellt, die aus

dem Unrecht der Gesellschaft gewachsen war, und seit den Jünglingstagen

wallte mein Herz wie ein Strom, die Quellen des Elends zu verstopfen,

darin ich das niedere Volk um mich versunken sah: aber wie mir die

Methode nur das Mittel und nicht das Ziel war, so auch die äußere

Wohlfahrt. Darum habe ich zwei Dinge nicht gekannt, die mir in diesen

Tagen mehr, als es gut ist, begegneten: den Neid und den Haß. Warum,

Bruder und Genosse, willst du den Reichen hassen, und um was willst du

ihn beneiden? Er hat ja selber nichts als sein Geld und was er sich für

sein Geld kaufen kann? Ist es aber dies, warum wir zwischen Geburt und

Tod unser rasches Leben haben, und kann es unser Glück sein, daß unsere

Frauen sich putzen können mit kostbaren Kleidern, und daß wir die edlen

Weine trinken und Kapaune essen?

Ich weiß wohl und habe es bitter gefühlt wie du, daß ein Mindestes

für jeden Menschen nötig ist: daß er im Winter nicht friere und im

Sommer nicht hungrig sei, daß er Stunden haben möchte, wo er aus der

harten Arbeit zu sich selber käme, und daß er um seines Lohnes willen

niemandes Knecht zu sein braucht! Auch weiß ich wie du, daß dies

abscheulich an unserer gesellschaftlichen Ordnung ist, wie sie am

Geldsack hängt: aber geht nicht vieles, wie ihr es ändern wollt, geht

es nicht auch nur im Gelüst auf jene Genüsse, die aus dem Geldsack

kommen? Ist nicht in eurem Haß auf die besitzenden Klassen auch der

Neid? Der Neid auf Güter, deren Genuß euch nicht weniger als der Mangel

im Elend eines nichtigen Lebens ließe!

Eine gute Verfassung ist zwar von einer schlechten wie ein guter Acker

von einem schlechten verschieden; aber du weißt, es wächst dir weder

auf dem guten noch auf dem schlechten Acker etwas aus dem Acker allein,

sondern aus der Arbeit und dem Samen, die du darauf verwendest! Wie

aber kann deine Arbeit wertvoll für dich und die andern sein, wenn du

doch wieder das alte Unkraut säst? Wie anders haben wir es damals von

den Welschen gelernt: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! nur laß es

mich verdeutschen:

Es gibt vielerlei ~Freiheit~ auf der Welt: aber die Freiheit der

Sau im Wald, die ihren Suhl hat, und die Freiheit des Reichen, der

sich mit seinem Gold das Tischlein-deck-dich herzaubern kann, ist

Knechtschaft der Begierden. Frei sein heißt nicht, tun dürfen, was du

möchtest, sondern tun wollen, was du mußt; darum achte, daß du draußen

wie drinnen keinen Herrn über dein Gewissen habest! Jesus Christus,

der sich für die Mühseligen und Beladenen ans Kreuz schlagen ließ, war

freier als Pontius Pilatus, der den Befehl dazu gab.

Es gibt vielerlei ~Gleichheit~, aber willst du dem Schlechten

und Geringen gleich sein oder dem Besten? Soviel dir einer voraus

hat in Gütern, Wissen und Fertigkeiten, im Selbstgefühl kannst du

dem Reichsten und Klügsten gewachsen sein trotz all seinem Geld,

seinen Künsten und seiner Wissenschaft. Vor Gott gleich sein, wie die

Frommen wissen, heißt etwas anderes, als nichts vor seiner Allmacht zu

bedeuten; denn frage deine Seele, ob du dich als Sandkorn von Meer und

Wind verweht fühlen oder selber Meer und Wind sein willst? Vor Gott

gleich sein, heißt aus dem Ungewissen ins Gewissen der Welt, heißt in

die Allmacht berufen sein.

Es gibt vielerlei ~Brüderlichkeit~; aber daß der Reiche im Wagen

dich mitnimmt hinter seine Pferde, in sein Haus und an seinen Tisch:

dadurch wirst du nicht sein Bruder, sondern sein Knecht, der Wohltaten

empfängt. Und wenn er all das Seine mit dir teilte, gutwillig und

gerecht: er würde vielleicht dein Bruder sein, du aber nicht der seine;

denn Brüderlichkeit ist ein Geschenk, das nur gegeben, nicht empfangen

werden kann; du aber willst empfangen! Es gibt nur eine Brüderlichkeit,

die ist vor Gott -- und ich meine nicht die Stündlisbruderschaft -- ihr

sind die Güter der Erde wenig vor dem Gefühl der Seele, aus dem Rätsel

in das Menschenschicksal geboren zu sein und wieder in das Rätsel

der Welt hinein sterben zu müssen. Allein vermöchten wir das Grauen,

aus dem ewigen Weltall durch unser menschliches Bewußtsein für eine

flackernde Sekunde abgesondert zu sein, nicht auszuhalten, wir würden

vor Schreck daran verdorren: nur weil wir gleich den Halmen im Feld

dastehen, können wir miteinander auf den Schnitter warten und uns doch

wiegen im Wind und wärmen in der Sonne und den Saft der Erde trinken

für unsere Frucht!

Wenn Heinrich Pestalozzi das gesagt hätte, würde er noch einmal in

dem Saal dastehen, als ob er nach bestandenem Examen vor den andern

Schülern das Vaterunser sprechen müsse, so zum Lachen würde ihn schon

wieder eine Einsicht und ein Irrtum überraschen; und wie immer ginge

auch diesmal seine Rede in einem Selbstgespräch zu Ende, das keiner

der Männer in dem bleichen Gaslicht dieses Saales verstehen würde:

Ich dachte, es wäre der Menschengeist von mir, der immer noch auf

Abenteuer reitet, indessen sie meinen Körper unter die Dachtraufe und

den Rosenstock legten! Nun muß ich sehen, daß er nur der Diener unserer

Menschenbruderschaft und nicht das Leben selber ist, daß er die Worte

setzt, damit eine Botschaft von meiner Seele in deine, Bruder und

Genosse, käme; da beide sonst einsam im gemeinsamen Schicksal bleiben.

Denn allein die Seelenkraft ist das Leben, darin wir alle eins und von

Gott und also unverletzlich sind. Botschaft der Weltseele in unser

irdisches Dasein zu bringen, ist das Abenteuer des Menschengeistes,

dessen Tapferkeit sonst nur Ehrgeiz und Rauflust und vor der Ewigkeit

ein windiger Spaß wäre, ein grausames Puppenspiel der Menschen für ihre

Götter, wie es die Hoffnungslosigkeit der Alten dachte.

Berichtigung.

Der letzte Band meiner Erzählenden Schriften mußte durch widrige

Umstände ohne Korrektur gedruckt werden. Dadurch sind Druckfehler

stehen geblieben, die nach meinem Willen schon in früheren Ausgaben

beseitigt wären. Hierzu gehört auch, daß statt Tauner (Tagelöhner)

durchgehend Tanner gedruckt wurde, was natürlich falsch ist.

S.

Die Erzählenden Schriften von Wilhelm Schäfer

~Mannsleut~, Westerwälder Bauerngeschichten. Verlag Samuel Lukas,

Elberfeld 1894 (vergriffen).

~Die Zehn Gebote~, Erzählungen des Kanzelfriedrich. Verlag

Schuster & Loeffler, Berlin 1897.

~Gottlieb Mangold~, Der Mann in der Käseglocke. Verlag Schuster &

Loeffler, Berlin 1900.

~Die Béarnaise~, eine Anekdote. Sonderdruck der Rheinlande

Düsseldorf, 1901 (vergriffen).

~Rheinsagen~, mit Zeichnungen von Bernhard Wenig. Verlag Fischer

& Franke, Düsseldorf 1908 (vergriffen).

-- Neue Ausgabe für die Mitglieder des »Frauenbundes zur Ehrung

rheinländischer Dichter«, umgearbeitet und ergänzt. 1913.

-- Dieselbe Ausgabe zweite Auflage, Verlag Georg Müller, München 1913.

~Anekdoten~ (erste bis dritte Auflage), Verlag der Rheinlande,

Düsseldorf 1908.

-- seit der vierten Auflage Verlag Georg Müller, München 1911. Fünfte

Auflage 1913.

~Der verlorene Sarg~ und andere Anekdoten, Verlag Georg Müller,

München 1911.

~Dreiunddreißig Anekdoten.~ Verlag Georg Müller, München 1914.

Vierte Auflage.

~Die Mißgeschickten.~ (Zuerst in der »Neuen Rundschau«, Januar

1909.) Verlag Georg Müller, München 1909.

~Die Halsbandgeschichte.~ Verlag Georg Müller, München 1909,

Zweite Auflage. (Zuerst in den »Rheinlanden« 1908.)

~Karl Stauffers Lebensgang~, eine Chronik der Leidenschaft.

Verlag Georg Müller, München 1911. Sechste Auflage.

~Die unterbrochene Rheinfahrt.~ Verlag Georg Müller, München

1912. (Zuerst in der Frankfurter Zeitung.)

~Lebenstag eines Menschenfreundes.~ Verlag Georg Müller, München

1915. Zehnte Auflage. (Zuerst in der »Deutschen Rundschau«. Okt. 1914

bis April 1915.)

~Die begrabene Hand~, Sonderausgabe der neuen Anekdoten und

Novellen, Verlag Georg Müller, München 1918.

~Die Erzählenden Schriften.~ Gesamtausgabe in vier Bänden. Verlag

Georg Müller, München 1918.

~Lebensabriß.~ Verlag Georg Müller, München 1918.

Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt

Lebenstag eines Menschenfreundes · 第 25 / 25 段