oder auch über Zürich, geschieht es ihnen leicht, daß sie mit ihrer
Begeisterung für Heinrich Pestalozzi an diesen Orten als närrische
Wallfahrer aufgenommen werden, weil man da eine andere Ansicht
von dem unruhigen Projektenmacher hat, sodaß sie kleinlauter in
das viertürmige Schloß eintreten und dann nicht selten durch die
unordentliche Erscheinung ihres Propheten abgeschreckt werden, als ob
die achselzuckende Mißachtung des Mannes in seiner Heimat am Ende doch
das Klügere sei. Sie haben erwartet -- weil sie als Deutsche blindlings
ans Gute glauben -- daß sein Vaterland wie eine stolze Familie zu ihm
stände, und finden ihn eher als verlorenen Sohn darin, zu dem sich
nur die Tapferen ohne Vorbehalt bekennen. Je höher der Lichtschein
seines Ruhmes draußen steigt, umso ängstlicher wird die Vorsicht,
als Schweizer für seinesgleichen gehalten zu werden, als ob etwa die
gesicherte Kultur Helvetiens noch seiner seltsamen Bildungsversuche
bedürfe.
In Basel und Zürich sind es die Humanisten, die seine Abc-Künste
bespötteln, und in Bern die Aristokraten, die seine Anstalt als staats-
und kirchengefährlich hassen, besonders seitdem er in dem abtrünnigen
Waadtland haust. Und gerade während der Zeit, da in Preußen Humboldt,
Stein und Fichte seine Grundmittel der Menschenbildung mit heiliger
Überzeugung ergreifen, muß Heinrich Pestalozzi sich in der Heimat gegen
böswillige Angriffe wehren. Um ihrer mit einem Mal Herr zu werden,
stellt er der schweizerischen Tagsatzung in Freiburg das Ansinnen,
seine Anstalt von Landeswegen zu prüfen, ob die Methode nicht auch
in der Schweiz, wie in Preußen zum Vorteil des Vaterlandes allgemein
eingeführt werden könne! Auch hat der Eifer Niederers vermocht, daß
eine schweizerische Gesellschaft der Erziehung gegründet wird, die
wie vormals die helvetische Gesellschaft in Schinznach so jährlich
zum Sommer in Lenzburg tagen soll, und bevor noch die Dreimänner der
Tagsatzung zur Prüfung der Methode nach Ifferten kommen, hält Heinrich
Pestalozzi als Präsident der Gesellschaft eine Rede über seine Idee
der Menschenbildung, mit der er noch einmal als ein Demosthenes
seines Landes auf den Markt tritt: aber die ihn anhören, sind einige
vierzig für seine Sache schon vorher bemühte Leute, nicht die neunzehn
Kantonsregierungen des Schweizervolks, das in seinen Blättern manchen
Spott lesen kann, ob eine solche Sache wohl berechtigt sei, ernsthafte
und gelehrte Leute zu bemühen? Und als die nächste Tagsatzung den
Bericht der Dreimänner bekannt gibt, ist es eine hämische Aufzeichnung
der Mängel, die sie in der Anstalt gefunden haben, sodaß nun Niederer
wieder mit einer Flugschrift auf dem Wall erscheint und den Gegnern der
Anstalt mit Heroldsworten den Fehdehandschuh hinwirft.
Bevor darauf die Angreifer aus allen Kantonen mit den entrollten
Bannern der überkommenen Weltordnung anrücken, das Nest des Aufruhrs
in Ifferten auszuheben, bricht es innen auseinander. Einem Dämon
der Zwietracht gelingt es, die verhaltene Feindschaft Schmids und
Niederers in das innerste Glas ihrer Männlichkeit zu gießen, wo sie
zischend auseinander fahren muß. Seit einiger Zeit ist eine Lehrerin,
namens Luise Segesser, in der Anstalt, ein schönes und herzlich
verankertes Mädchen aus Luzern, um das sich beide mit der Leidenschaft
ihrer fanatischen Seelen bemühen. Schmid, der gegen den rotköpfigen
und schwächlichen Niederer ein starkes Mannsbild von unverkennbarem
Tirolertum ist, glaubt sich schon als Katholik im Vorteil gegen
den pfarrerlichen Protestanten, da die Segesser selber aus einem
katholischen Hause kommt. Sie würde es bei ihrer Familie mit ihm ebenso
leicht haben wie mit Niederer schwer, aber nach dem Instinkt solcher
Frauen wählt sie das Schwere. Schmid ist immer noch erst ein Jüngling
von dreiundzwanzig Jahren, ihm werden durch ihre Wahl stolze Bäume
aus der Wurzel gerissen; er war bis auf diese Zeit der Liebling des
Meisters und die sichtbare Stütze der Anstalt, selbst der hämische
Bericht der Dreimänner hat seine Leistungen ausnehmen müssen: jetzt ist
ihm alles unwert, weil ein Mädchen sich gegen ihn entschieden hat. Es
fängt an, in seiner Galle zu wühlen, und nun ist es nicht mehr seine
Feindschaft mit Niederer allein, nun hat ihn der Geist der Anstalt
verraten, wo jeder -- so scheint es ihm -- vom kleinsten Zögling bis
zum ältesten Lehrer das tut, was seiner Neigung bequem ist, und wo
Heinrich Pestalozzi nur als Strohpuppe gehalten wird, mit der sie
abwechselnd ihr Ränkespiel treiben: Er vermag nicht mehr, in der
Gemeinschaft zu bleiben, deren fester Stundenschlag er mehr als jeder
andere gewesen ist; eines Tages steht er tief vergrollt vor dem Meister
und sagt ihm, daß er für immer fortgehen müsse!
Es ist ein Frühlingsabend, und Heinrich Pestalozzi, dem das Alter
den Rücken müde gemacht hat, liegt nach seiner Gewohnheit in den
Kleidern auf dem Bett und diktiert, als er zu ihm tritt. Er kennt den
Herzenslauf des Jünglings seit langem, und die Schadenfreude hat ihm
zugetragen, an welches Ende es nun damit gekommen ist: Du nimmst meinem
Dach den Firstbalken weg, sagt er zu ihm, als sie allein sind: und es
ist kein anderer da, der ihn mir wieder aufrichtet; aber wenn dir alles
im Blut verleidet ist, will ich dich nicht mit dem Wasser meiner Worte
halten! Er greift ihm nach den Händen, und einen Augenblick ist es,
als ob der andere ihm seinen Kopf an die Brust werfen und in Tränen
aufgehen möchte; aber der Trotz hält ihn erschlossen gegen solche
Weichheit, daß er die Hände zurücknimmt und bald mit hohen Schultern
das Gemach verläßt.
Der Wind hat die Tür hinter ihm wieder aufgedrückt, daß sie leidmütig
in den Angeln knarrt. Heinrich Pestalozzi ruft nach Anna; sie scheint
nach ihrer Gewohnheit hinuntergegangen zu sein in den Garten, wo die
Vögel das junge Laub anschreien, daß ihm ein einziges Geschrill
davon durchs offene Fenster kommt. Um nicht allein zu sein mit der
Entscheidung, die unsichtbar in der Kammer auf ihn wartet, tappt er
hinunter, sie zu suchen. Es ist die Stunde, da die Knaben unten am See
unter den Bäumen spielen, und darum eine Stille auf den Gängen und
Treppen, die ihn fast ängstlich macht. Bin ich auf einmal allein in der
Welt, denkt er; als er aufatmend unten Schritte hört und, rasch über
die Galerie gebeugt, Muralt mit einem Brief in der Hand quer durch den
Hof zur Treppe gehen sieht. Den schickt mir der Himmel, hofft er und
wartet still, während der andere auf seine schlanke Art heraufkommt;
aber als er ihm seine Sache klagen und ihm sagen will, daß er der
einzige sei, Schmid umzustimmen, wehrt Muralt gleich schmerzlich ab
und reicht ihm seinen Brief. Es ist seine Berufung nach Petersburg,
die schon seit Monaten schwebt: So wollt ihr mich alle verlassen, wie
die Ratten das sinkende Schiff, schreit er im Zorn und will ihm das
Papier an die Brust werfen. Aber es fliegt übers Geländer und tanzt im
Zickzack in den Hof nieder, wo es wie eine Anklage seiner Heftigkeit
liegen bleibt, bis Muralt nach einer Pause hinuntergeht und es aufhebt.
Er kommt nicht zurück, schreitet mit gesenktem Gesicht aus dem Hof
hinaus, sodaß Heinrich Pestalozzi wieder allein in dem leeren Gemäuer
bleibt: ein Bettler im eigenen Haus, wie er bitter vor sich hindenkt,
bevor er zurück in seine Kammer geht, wo die Vögel noch immer das junge
Laub anschreien. Aber die Sonne ist fort, und aus den Ecken wachsen die
grauen Gespinste, den letzten Tag zu verzehren.
93.
Meine Anstalt ist ein Uhrwerk, klagt Heinrich Pestalozzi, als Schmid
und Muralt nicht mehr in Ifferten sind, davon mir irgendwer den
Stundenzeiger und das Schlagwerk fortgenommen hat: nun schnurren die
Räder weiter, und der Minutenzeiger läuft unaufhörlich im Kreis herum,
aber niemand weiß die Stunde! Umso eifriger ist Niederer; er hat nun
endlich freie Hand, die Gewichte nach seiner Neigung aufzuziehen, und
macht aus der Stunde siebzig Minuten, die Anstalt und die Methode vor
den Angreifern zu retten.
Bisher haben die Gegner ihren Zorn nur in den Kantonsblättern auslassen
können; der Aristokratenprofessor von Haller in Bern macht ihnen
endlich im Ausland auf eine Weise Luft, die auch die Anspruchsvolleren
befriedigt. Unter dem schützenden Mantel der Gelehrsamkeit -- darin
seit je die Bosheit ihren geliebten Schlupf hat -- tritt er in den
Göttinger Gelehrten Anzeigen auf, um dem harmlosen Deutschland die
Augen über die gefährliche Revolutionsschule in Ifferten zu öffnen.
Da kann der Haß gegen den Unruhestifter einmal dick ausfließen, und
fleißige Schaufelräder bemühen sich allerorten, ihn ins Land zu
leiten. Niederer, für den nun endlich die Methode aus dem Staub der
Schulklassen in das Feuer der geistigen Prüfung kommt, schlägt mit dem
Schwert seines Eifergeistes in den Brei, bis er selber in einem Berg
von Schaum dasteht. Aber schon meldet sich von Zürich der Humanismus,
der seit Agis Zeiten noch eine Abrechnung mit dem vorlauten Patrioten
aus der Gerwe hat: in der viel gelesenen Zürcher Freitagszeitung
stellt der Chorherr Bremi drei Dutzend Zeitungsfragen, die sich mit
gewandter Bosheit gegen den rasselnden Niederer richten, aber Heinrich
Pestalozzi dem gebildeten Geschmack preisgeben. Er will nun selber
antworten, aber weder die Zeitung in Zürich noch die in Bern nimmt
seine Einsendungen auf, sodaß doch wieder Niederer das Wort nimmt,
diesmal in einem zweibändigen Werk, das den Streit in den Untiefen der
Dialektik entscheidet.
Die Aufregungen dieser papierenen Kämpfe machen aus dem Zähringer
Schloß in Ifferten mehr eine belagerte Festung als eine Schule.
Manchmal genug muß Heinrich Pestalozzi an seine Kattunfabrik und
die Zurzacher Messe denken, wenn er zusieht, wie sich bei Niederer
die Pläne jagen, wie im Handumdrehen ein Verlagsgeschäft, eine
Buchdruckerei und eine Buchhandlung im Schloß eingerichtet werden, um
besser für diese Händel gerüstet zu sein; doch liegt er nun fast immer
an seinem Rückgrat in Schmerzen auf dem Bett und läßt es geschehen, daß
ihm der Zielpunkt seines Lebens täglich mehr auf die Seite geschoben
wird, als ob er um solcher Klopffechterkünste willen gelebt hätte.
Darüber kommt er durch einen törichten Unfall auch noch fast ans
Sterben: als er eines Tages mit einer Stricknadel im Ohr bohrt,
aber nicht recht aus dem Gehänge seiner Gedanken aufwacht, läuft er
unversehens damit gegen den Kachelofen, so unglücklich, daß ihm die
Nadel durch das innere Ohr in den Kopf hinein sticht. Trotzdem es ihm
wehtut, scherzt er selber noch über sein täppisches Ungeschick, bis
die Schmerzen nach einigen Tagen heftiger werden, Fieber dazu kommt
und ihm wie den andern die Gefährlichkeit ankündigt. Krüsi begleitet
ihn nach Lausanne, aber da lassen ihn die Ärzte nicht mehr fort, weil
nun schon das Fieber mit den Schmerzen um sein Bewußtsein kämpft und
der Tod an seine Bettstelle treten will. Vier Monate seines Lebens
kostet ihn die falsche Anwendung dieser Stricknadel, und manche Woche
irrt sein Geist in Delirien hin, darin die Kämpfe der letzten Zeit in
den Spuk früher Kinderträume tauchen, wo die Feinde mit greulichen
Gesichtern und langen Messern heran schleichen. Namentlich ein plumpes
Tier peinigt ihn lange, das dicht über seinen Augen schwebt und ihn
erdrücken wird, wenn es sich niederläßt. Als seine Sinne heller werden,
weil die Sonne durchs Fenster scheint und mütterliche Hände um seine
Wiege sind, ist es der bunte Papiervogel, von dem er geschrieben hat,
daß ihn die Appenzeller Mütter ihren Kindern übers Bett hängten,
damit der suchende Blick daran den ersten Anhalt aus dem Unbewußten
in die Menschenwelt fände. Endlich an einem Nachmittag erwacht er
wieder in seine Greisenwelt, Anna Schultheß lächelt ihn an mit ihrem
Faltengesicht, und der Vogel ist fort: aber die Erinnerung an seine
Farben bleibt in ihm, wie wenn er aus dem Paradies gewesen wäre. Und
noch einmal wird Heinrich Pestalozzi überwältigt von dem tiefen Sinn
dieses Volksgebrauches: Mir löscht das Bewußtsein meiner alten Tage den
Traum bald wieder aus, denkt er und liegt noch immer wie ein Kind in
der Wiege lächelnd mit gefalteten Händen da; aber das Kind, das sich
die Welt mit seinen Sinnen erst aufbauen soll, sieht am Eingang den
paradiesischen Vogel, und es wird immer diesen Kern von Wohllaut in dem
Weltgebäude seiner Anschauung fühlen.
Mitten in diese Gedanken hinein muß er so herzhaft lachen, daß
sich Anna erschrocken -- das Fieber möchte wiederkommen -- zu ihm
hinunterbeugt. Es dauert lange, bis er mit den schwerfälligen Worten
dem blitzschnellen Lauf seiner Gedanken nachkommen kann: Er hat von dem
Papiervogel aus an das Bergwerk gedacht, darin die Seele im Verlauf
einer Jugend von den Erfahrungen der Sinne begraben wird, und an die
unendliche Geduld seiner Methode, sie mit der Ordnung einer wirklichen
Weltanschauung wieder ans Licht zu bringen, auf einmal ist aber noch
Niederer dagewesen mit dem Papierberg seiner Wissenschaft: Weißt du
noch, kichert er und malt ihr mit dem Finger einen Vogel auf die Hand,
wie mich der Henning aus Preußen neulich nach der Stelle in meiner
Lenzburger Rede fragte, aus der Niederer ein gedrucktes Buch gemacht
hat? Es wäre mir auch zu tiefsinnig, was ich da gedacht hätte, sagte
ich: er müsse Niederer fragen!
Als aber Anna schon wieder in Ifferten ist und er noch immer geschwächt
von seiner Krankheit daliegt, bleibt der mühsame Weg von dem
Appenzeller Vogel bis zur Wortposaune der Lenzburger Rede der Strich,
an dem er den Gang seiner Absichten auf der Bettdecke abtasten kann:
Es geht schon arg über den Rand damit, sagt er kopfschüttelnd, und
macht sich fast ein Spiel daraus, wie alles andre danach, der Professor
Haller in den Gelehrten Anzeigen und der Chorherr Bremi mit den drei
Dutzend Zeitungsfragen samt den Niedererschen Antwortschriften auf den
Boden purzelt, wo sie das Turnier in ihrer eigenen Welt, nicht in der
seinen abmachen.
Endlich nach fast vier Monaten kann ihn Anna im Wagen wieder holen; er
möchte -- wie er wehmütig scherzt -- den Umweg über Ifferten garnicht
mehr machen, da es über Burgdorf näher nach dem Birrfeld wäre. Und bei
Cossonay muß ihn der Kutscher ein Stück gegen den Berg hinauf fahren,
damit er ihr die Stelle seiner Rettung unter den Pferden zeigen kann.
Es ist seit Januar Anfang Mai geworden, und die sonnige Luft hat ihn
heiter gemacht; aber wie sie nachher durch das Sumpftal der Orbe
hinunter fahren, fängt er bitterlich an zu weinen. Er hat an das Glück
der Ruhe damals gedacht, und wie anders dies jetzt ist, in das er
hinein fährt: Wo ist mein Jungbrunnen geblieben? klagt er unaufhörlich,
sodaß Anna, die nicht an den Boden seiner Trauer gelangen kann, schon
bitter zweifelt, ob die Nadel seinem Kopf nicht doch geschadet habe.
94.
In den selben Maitagen, da Heinrich Pestalozzi so weichen Herzens
von der überstandenen Krankheit nach Ifferten zurück fährt, reist
Bonaparte seinem Heer nach, den Feldzug gegen Rußland zu wagen. Noch
einmal versammelt er in Dresden die deutschen Könige und Fürsten als
seine Vasallen um sich, bevor er dem Winter in den russischen Steppen
entgegen zieht. Das Gepränge seines Ausmarsches, den auch Tausende
von Schweizersöhnen mitmarschieren, ist kaum in die Einöde verklungen,
und eben legt der erste Winterschnee dem Jurarücken seine Schutzdecke
auf, als der Brand von Moskau sein blutiges Nordlicht leuchten läßt.
Noch sind es Wenige, die den Schein zu deuten wagen; aber bald fliegen
die Gerüchte an den Landstraßen hin, daß der Weltherrscher in einem
Schlitten allein durch Deutschland zurück geflohen sei, indessen die
Leichensaat der großen Armee in Rußland geblieben wäre. Während sich
eine dumpfe Erwartung über die Menschen legt, fängt bei den preußischen
Lehrern, die noch in Ifferten sind, die Unruhe an zu brennen;
kaum fallen die ersten Eiszapfen von den Dachrändern, als sie dem
Befreiungskrieg ihres Vaterlands zufliegen.
Wenn der Krieg auch fürs erste der Schweiz fern bleibt, bekommt ihn die
Anstalt doch zu spüren; schon mit den preußischen Lehrern sind Zöglinge
heimgereist, und auch sonst holen besorgte Eltern ihre Kinder. Mit dem
Frühjahr schmelzen die Einnahmen bedenklich hin, während die Ausgaben,
von den Niedererschen Ideen gedüngt, üppig ins Kraut schießen. Es geht
schon wieder wie mit der Fabrik im Neuhof, Heinrich Pestalozzi in
seiner Bedrängnis stopft die kleinen Löcher aus einem großen Loch, und
noch einmal muß Anna Schultheß aus ihrem Ererbten sechstausend Franken
hergeben, den Bankrott abzuwehren. Sie ist fünfundsiebzigjährig, als
sie den Pakt unterzeichnet, und ihr Enkel steht schon als Jüngling
dabei; ihm den Rest des Vermögens zu sichern, wird ein Vertrag gemacht,
der sie nun selber auch auf den Altenteil setzt, sodaß sie beide
nichts mehr besitzen, als daß sie -- wie die Lehrer auch -- ihre
Unterkunft in der Anstalt haben: Jetzt kann ich nicht mehr das Senkblei
deiner Stürme sein, sagt sie zu ihm, jetzt bin ich leicht wie du!
Während er so das Schneckenhaus seiner Gründung mühsam weiterschleppt,
ist die Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen, und wie Bonaparte
früher die Völkerscharen Europas gegen seine Feinde geführt hat, so
drängen sie nun gegen ihn. Ehe die Schweiz sich dessen versieht, steht
die Hauptarmee der Verbündeten in Basel, bereit, nach Frankreich
einzudringen; die Tagsatzung beschließt eine vorsichtige Neutralität,
aber nun gibt es zwischen Für und Wider keine Möglichkeit mehr, und
hundertdreißigtausend Österreicher rücken ungefragt ins Schweizerland,
den Heerweg zwischen Jura und den Alpen nach Genf zu nehmen. Ifferten
liegt mitten in der Bahn, und als schon Tausende durchgerückt sind,
reitet eines Tages ein Offizier mit dem Befehl in die Stadt, das Schloß
für ein Lazarett zu räumen! Kommt mir alles wieder? denkt Heinrich
Pestalozzi; aber nun ist er nicht mehr der hilflose Waisenvater in
Stans, und als die Stadt zwei Abgeordnete nach Basel ins Hauptquartier
schickt, das Übel noch abzuwenden, schließt er sich trotz seiner
neunundsechzig Jahre den beiden an.
Die modischen Stadtherren sind nicht erfreut, als ihnen der ungekämmte
Sonderling auch noch in den Wagen gepackt wird, und wo sie Rast machen
unterwegs, verleugnen sie ihn vorsichtig, um nicht für seinesgleichen
zu gelten. Aber als sie nach Basel kommen, wo es von Federbüschen
und goldbestickten Uniformen wimmelt und auf den Straßen die Karossen
der Fürstlichkeiten drängen, sind die Türen der Heeresämter nicht
so offen wie unterwegs die Gasthöfe; der Weltkrieg hat keine Zeit
für die Wünsche kleiner Landstädte, und selbst die Abgeordneten der
Tagsatzung zucken mit den Achseln; die Stadtherren von Ifferten müßten
ungehört abfahren, wenn ihnen nicht der mißachtete Greis die Türen und
Ohren aufmachte. Wie sie sich wieder nach ihm umsehen, ist er eine
vielbegehrte Berühmtheit, und schon am dritten Tag dürfen sie ihm zur
Audienz beim russischen Kaiser folgen.
Der empfängt den runzeligen Alten inmitten seiner Würdenträger wie
einen Zauberer, und schon sein erstes Wort entledigt die Stadtherren
von Ifferten aller Sorgen. Nur wurmt es sie, daß Heinrich Pestalozzi
sich nicht sogleich -- wie es schicklich wäre -- mit ehrfürchtigem
Dank zurückzieht, sondern den Herrscher aller Russen wie ihresgleichen
ins Gespräch nimmt; obwohl sie nicht hören, was er ihm alles sagt,
weil der Kaiser schrittweise vor seiner Lebhaftigkeit zurückweicht,
zittern sie um seiner Zudringlichkeit willen, und als er ihn nach
einer Viertelstunde bis an die gegenseitige Tür gedrängt hat und
immer noch nicht nachgibt, sogar die Hand hebt, um den Kaiser nach
seiner Gewohnheit am Knopf zu fassen, möchten sie ihn an den Beinen
hinausziehen. Doch scheint der Kaiser anderer Ansicht zu sein; sie
wollen es nicht glauben, aber sie sehen es mit ihren Augen, wie er den
alten Mann, dem im Eifer sein Strumpf gerutscht ist, gerührt in die
Arme schließt, bevor er sich wieder zu den Staatsgeschäften seines
Gefolges wendet.
Bei der Rückfahrt möchten die beiden seinem Alter diensteifrig zu Hilfe
sein; aber nun scheint dem Greis die letzte Vernunft zu entfahren: er
fragt sie selber aus seinem Traum, ob alles in Ordnung sei? Heinrich
Pestalozzi sind in diesen Basler Tagen andere Dinge wichtig geworden
als Ifferten und seine Anstalt. Wohl hat er dem Kaiser der Russen
vieles gesagt, wie der Mensch durch einen naturgemäßen Bildungsgang
in die Menschheit eingeführt werden müsse; aber er fühlt, es müßten
Monate, nicht Stunden der Predigt sein, um seiner Botschaft wirklich
solch ein Herz zu wecken: Es sind nicht die Menschendinge, die den
Mächtigen ans Herz gehen, sagt er zu den Stadtherren, die garnicht
merken, daß er mit sich selber spricht, es gilt nicht die Menschheit
und nicht einmal ihr Volk, es ist nur ihre Macht. Aber diese Macht
allein kann nichts als Heere unterhalten und Länder mit Krieg
überziehen; wenn danach der Friede kommt, ist sie wie eine Schelle
ohne Klöppel. Ich wüßte Einem, der mir folgte, eine Macht in Europa zu
gründen, die mächtiger als Bonaparte wäre; und ich sage euch, wer es am
ersten mit mir hält, dem wird die Herrschaft in Europa zufallen!
Er hat die beiden Stadtherren aus Ifferten nun wirklich an den
Rockknöpfen gepackt, und obwohl sein Menschengeist kühner als jemals
auf Abenteuer in die Zukunft reitet, murmelt er nur Worte, die sie
nicht verstehen. Darum sind sie froh, als er endlich schweigt und sie
losläßt; denn ob sie noch immer über die Geltung dieses unscheinbaren
Greises betroffen sind, ihn in die Arme zu schließen vermöchten sie
nicht, trotzdem es ihnen ein Kaiser vormachte.
95.
So zufällig der Anlaß dieser Reise nach Basel für Heinrich Pestalozzi
gewesen ist, so bedeutend wird ihre Folge. Er fährt den Stadtherren
zuliebe über Bern zurück, wo sie einen Tag lang bleiben wollen, noch
ohne Ahnung, daß dies gefährlich sein könnte. Schon zwei Tage vor
Weihnachten haben die Berner die napoleonische Verfassung abgeschafft
und sich wieder nach der ehrwürdigen Ordnung der Väter eingerichtet,
die ihnen von neuem die Zwingherrschaft über den Aargau und das
Waadtland geben soll. Sie wissen, daß sie beim Fürsten Metternich für
solche Gelüste Rückhalt finden und haben schon den österreichischen
Oberst Bubna beauftragt, im Durchrücken die verhaßte liberale Regierung
in Lausanne einzustecken. So ist jeder Waadtländer in Bern wieder ein
Empörer wie zu Davels Zeiten, und als Heinrich Pestalozzi sich in der
Frühe nach seinen Ratsherren umsieht, sind sie noch am Abend eilig
wieder abgefahren.
Es wird zwar noch nicht mit Musketen geschossen, und er kommt
ungefährdet aus den finsteren Trutzgassen der alten Bärenstadt wieder
hinaus; aber seine Schweizer Gedanken haben eine böse Erschütterung
erfahren. Nun erst sieht er, was dieser Siegesmarsch der Verbündeten
bedeutet: er soll der europäischen Welt die letzten zwanzig Jahre wie
ein Geschwür ausschneiden, und dies begreift er sofort, daß seine
Menschenbildung mit zu dem Geschwür gehört. Zwar wird er auf den Schutz
des russischen Kaisers und der preußischen Regierung rechnen können,
aber sein Werk wird in einer so kurierten Welt keine Lebensluft mehr
haben. Er ist nun selber die Schelle ohne Klöppel, und so lustig er
über die vorsichtigen Ratsherren gespottet hat: nun kommt er wie sie
mit einem Gefühl der Gefahr in Ifferten an. Die ersten Zöglinge, denen
er vor dem Ort begegnet -- es sind die goldäugigen Zwillinge eines
Pfarrers aus dem Traverser Tal -- holt er zu sich in den Wagen und hält
sie fest, als ob schon die Landreiter kämen.