ein schweres Nervenfieber durchgemacht und ist noch hohlwangig davon.
Seit dem Sommer hat er gemeinsam mit Fellenberg und den andern
Lehrern über dem Wortlaut einer Einladung an die Eltern Europas
gesessen, ihre Kinder als Zöglinge nach Münchenbuchsee zu geben; Satz
für Satz ist darin durchberaten worden, auch Heinrich Pestalozzi hat
mitgeholfen, bis eine umfängliche Flugschrift seiner Methode fertig
war. Als aber der Druck Weihnachten ankommt, hat Fellenberg ihn
nachträglich mit eigenen Ankündigungen zum Teil großsprecherischer
Art für seine besonderen Zwecke zurecht gemacht, was nun auch Muralt
und Tobler gegen den eigenmächtigen Mann aufreizt. Das Frühjahr geht
in einem unaufhörlichen Wechsel von Streit und Versöhnung hin, der
seine Wellenschläge nach Ifferten hinüber tut. Heinrich Pestalozzi
sucht aus dem Knäuel der Verstimmungen die Fäden der Liebe und der
gemeinsamen Ideale herauszuziehen; am liebsten aber möchte er den
Knäuel in den Bach werfen: er läßt sich nun nicht mehr beirren, daß die
Anstalt im Umkreis seiner Absichten nur einen Versuch bedeutet, und
ist weder für Münchenbuchsee noch für Ifferten aus dem Dachsbau seiner
Schriftstellerarbeit herauszubringen, die der Welt andere Resultate als
die zufälligen einer solchen Anstalt sichern soll.
Doch wird er hier wie dort die Geister, die er rief, nicht los: er hat
das Klostergebäude in Münchenbuchsee von der bernischen Regierung nur
für ein Jahr erhalten und müßte zum Juli einen neuen Antrag um gnädige
Überlassung für ein weiteres Jahr stellen; weil aber Fellenberg in
einer Zuschrift an die Regierung die Leitung niedergelegt hat, sind
die Hunde der Verdächtigung auf seine Sache losgelassen. Um nicht
abzuwarten, daß er böswillig ausgeräumt wird, reicht er selber die
Kündigung ein. Damit hat er nach einem halben Jahr der Trennung alles
wieder, was ihm nun nicht mehr wie beim Abschied Glück und Unglück
seines Lebens bedeutet; aber daß die Herde ihm sehnsüchtig nachfolgt
und ihn durch diese Nachfolge anerkennt, tut ihm doch wohl, und um
dieses Wohlgefühls willen tritt er tätiger in die Leitung ein, als er
es nach seiner Rettung bei Cossonay für möglich gehalten hätte; auch
reißen ihn die glücklich veränderten Umstände hin, und eine heimliche
Hoffnung überredet den Widerstand:
In Ifferten ist er nicht mehr wie in Burgdorf der zugewanderte Greis,
der froh sein muß, eine Schulstube für seine Versuche zu finden; der
Ruhm seiner Sache ist europäisch geworden und die Bürgerschaft setzt
viel daran, davon zu profitieren. Sie hat ihm -- um die Lockung nach
Peterlingen zu schlagen -- die weiten Räume des Zähringer Schlosses
und die Gärten dazu unkündbar überlassen und richtet alles nach seinen
Wünschen ein. Auch steht die Regierung im Kanton Waadt, aus dem
dreihundertjährigen Zwang der bernischen Landvögte befreit, anders zu
ihm, als die Aristokratenherrschaft in Bern; ihr ist er keiner staats-
und kirchenfeindlichen Gesinnung verdächtig. Die Zöglinge, die von
Anfang aus dem liberalen Waadtland am reichlichsten kamen, mehren
sich rasch; als auch die geborene Fröhlich -- die aus Münchenbuchsee
bald fortgegangen war, einen wohlbegüterten Landwirt namens Kuster
zu heiraten -- den Haushalt von neuem in ihre unverdrossenen Hände
nimmt, ist unvermutet der ganze Bienenstaat wieder um ihn versammelt,
eifriger als je, den Honig einer neuen Menschenbildung einzutragen;
nur noch die verscheuchte Königin fehlt, weil Heinrich Pestalozzi noch
immer eine abergläubische Furcht hat, sie schon zu rufen.
Als aber der Winter den Reichtum nicht vermindert und das Frühjahr
den Ruhm der Anstalt in einen Erntesommer trägt, der ihm -- wie er
einem Freund bestürzt durch diese Wendung schreibt -- das Geld zum
Dach hinein regnet, bittet er sie frohen Mutes, wieder wie in Burgdorf
seine Hausmutter zu sein! Sie kommt ihm mit einem Schiff über den See
gefahren, und er wartet manche Stunde unruhig unter den alten Bäumen,
die immer noch den Jurawind durch ihre Blätter rieseln lassen, bis
gegen Abend das Boot anschwimmt.
Schon von weitem sieht er ihre Gestalt still darin sitzen und meint
fast, ihre Augen auf sich zu spüren, wie er unruhig am Ufer hin und
her läuft. Sie ist alt geworden, und ihr kranker Fuß, an dem sie
lange in Zürich gelegen hat, hindert sie noch immer beim Gehen, sodaß
der Schiffsmann ihr über den Steg ans Land helfen muß: Das sind
meine vier dicken Türme, sagt er mit glücklichen Augen und zeigt
auf das Schloß, das zwischen dem Grün weißlich durchschimmert. Sie
gibt keine Antwort und ist auch schweigsam, während sie das kurze
Stück über die weichen Wiesen gehen, nur bringt sie die Lippen
nicht so fest wie sonst aufeinander, weil die strengen Falten einem
hinterhaltigen Lächeln nicht Meister werden. Erst als sie sich durch
die stürmische und ehrfürchtige Begrüßung der Zöglinge und Lehrer
-- die haben sich im bekränzten Schloßhof aufgestellt und singen ihr
ein Lied -- hindurchgelächelt hat und endlich in ihrer Turmstube im
Lehnstuhl sitzt, fragt sie: Hast du auch einen Garten? Er hört die
Frage garnicht, weil er nun erst mit seinem vergessenen Blumenstrauß
ankommt, den er ihr ans Ufer bringen wollte; sie aber fängt in ihrer
perlenbestickten Reisetasche an zu kramen und holt ein Schächtelchen
heraus, darin die Mohnkapsel winzig zusammengeschrumpft zwischen den
schwarzen Samenkügelchen liegt. Das legt sie ihm behutsam mitten auf
seine Blumen und lächelt sich die Tränen der Rührung fort: Wenn die
Samen nur nicht überjährig geworden sind!
90.
Heinrich Pestalozzi ist über sechzig und Anna Schultheß fast siebzig
Jahre alt, als sie ihr gemeinsames Leben im Zähringer Schloß zu
Ifferten beginnen; in Burgdorf war der Unterschied ihrer Jahre
ausgelöscht, nun aber fängt sie an, ihr Leben abzurüsten, während er
noch neue Segel einsetzt. Wenn sie miteinander in dem weitläufigen
Gebäude, im Garten oder weiter hinaus gegen Clindy gehen, ist er im
Eifer, ihr alles günstig zu zeigen, immer voraus, während sie oft
still steht und am Stock nachkommend mehr ihm zuliebe als für sich
ihre Augen auf seine Dinge richtet. Habe ich dirs nicht gleich gesagt,
Pestalozzi, ich sei zu alt für dich! scherzt sie einmal, als er wie
ein ungeduldiger Knabe am Bach nach ihr ruft, weil eine Ringelnatter
fortschwimmt, bevor sie zur Stelle ist. Aber es gefällt ihr alles
sichtbar wohl, und wenn sie mit ihrem Enkel Gottlieb durch die Straßen
der ländlichen Kleinstadt geht, gern gegrüßt von den Leuten, sehen
sie eine wirkliche Schloßherrin. Sie hat noch einmal geerbt von ihrem
Bruder Jakob in Zürich und braucht in ihrer bescheidenen Wohlhabenheit
nicht gleich zu sorgen, wenn es irgendwo eine Spalte in dem großen
Hauswesen gibt.
So treibt das unruhige Wasser seines Lebens mit dem letzten Stauwehr
doch noch eine reiche Mühle, und er ist sicher, daß im Land kein
besseres Korn gemahlen wird. Aber er denkt noch immer nicht daran,
hier für lange den Müller zu spielen; sein Brot soll für die Armen
gebacken werden. Nun es ihm mit dem andern herrlich geraten ist, nun
er die Methode eines auf die Natur des Kindes gegründeten Unterrichts
in Händen hat, nun ihm Hilfskräfte jeder Art verfügbar sind und er
des Beistandes vieler für eine solche Unternehmung sicher sein kann:
fängt die Armenkinderanstalt wieder an, das Ziel zu werden, mit dem er
sein Leben krönen will. Der Schauplatz seiner letzten Tat aber soll
nicht das welsche Waadtland, sondern der Kanton Aargau sein: wo er
den Kampf um die allgemeine Menschenbildung begonnen hat, will er ihn
auch enden. Das Schloß Brunegg hat unterdessen einen andern Besitzer
gefunden, aber Wildenstein bei Schinznach steht noch leer, und mitten
aus dem fröhlichen Gesumm seines wohlbestellten Hauses reicht er den
Antrag um den Wildenstein bei der Regierung in Aarau ein. Die kommt
ihm willig entgegen, und so steht er vor dem geöffneten Tor seiner
letzten Ausfahrt, als die Zustände in Ifferten ihn nötigen, den Wagen
vorläufig wieder abzuspannen.
Als ob sie die Ansteckung aus Münchenbuchsee mitgebracht hätten, ist
der Lehrerstreit da und reißt ihm einen Spalt mitten durch die Anstalt,
den weder Anna mit ihrer Erbschaft noch er aus dem Faß seiner Liebe
verstopfen kann. Den ersten Riß bringt eine Erholungsreise Niederers
mit, die ihn nach einem Rückfall seines Nervenfiebers fast zwei
Monate lang von Ifferten fernhält und gleichzeitig eine Studienreise
sein soll für die Lebensgeschichte des Meisters, die er schreiben
will. Von Anfang an hat er sich als Herold der Methode gefühlt, und
Heinrich Pestalozzi, der wohl weiß, wie eigenwillig ihm selber in der
Rede und Schreibe die Gedanken zulaufen, kann erstaunt zuhören, um
wieviel gelehrter und selbstbewußter sie in dem Mund Niederers klingen.
Selbst, wo ihm Zweifel überkommen, ob nicht im Strom dieser Worte
fremdes mitfließt, steht er willig dafür ein, weil er der Einsicht und
selbstlosen Begeisterung des Eiferers sicher ist. Er hat ihn immer als
seine rechte Hand gehalten und ihm die Führung in Ifferten zugedacht,
wenn er selber als Armenhausvater fortgehen wird: nun aber sieht er
während seiner Abwesenheit gründlicher in die Mädchenanstalt hinein,
die unter Niederers Leitung in einem besonderen Gebäude neben dem
Schloß eingemietet ist, und nimmt eine Lässigkeit wahr, die sich mit
keiner Liebe mehr zudecken läßt.
Als Niederer danach heimkommt, geladen mit Eindrücken und
schwärmerisch beglückt über sein gesammeltes Material zu der geplanten
Lebensgeschichte, vermag Heinrich Pestalozzi keine Freude mehr an
diesen Dingen zu gewinnen. Ihm ist in der Abwesenheit der rechten
Hand die linke wichtiger geworden, und mit Eifersucht sieht der
Ideenmensch Niederer an der andern Seite des Meisters den Realmenschen
Schmid stehen, der in allem seinen Gegenspieler vorstellt. Es ist der
Tirolerknabe, mit dem er damals nach Burgdorf kam, und der sich im Lauf
der wenigen Jahre aus einem unwissenden, aber begabten Schüler zum
glänzenden Lehrer der Anstalt durchgearbeitet hat: Wie er in seinem
Fach der Zahl- und Raumlehre die Methode als Schulmeisterkunst ausübt,
das wird von den andern Gehilfen immer williger anerkannt und von
den Besuchern bestaunt; vor den glänzenden Leistungen seiner Klasse
vollzieht sich meist die Bekehrung der Ungläubigen. Er ist zu einseitig
gebildet, um die Niedererschen Gedankenflüge mitzumachen, auch liegt
die Schwärmerei seiner Natur nicht: sonnengebräunt und fest wie das
Gesicht ist sein Wesen und in Tüchtigkeit verbissen, die auf alle
Unordnung und Faulheit in der Anstalt wie ein Raubvogel Jagd macht; für
das geplante Armenkinderhaus ist er begeistert, er mag die wohlhabenden
Zöglinge nicht und verachtet die Eltern, die ihre Kinder -- wie er sagt
-- nur aus Bequemlichkeit in Erziehungsanstalten schicken.
Ehe Heinrich Pestalozzi Augen für ihre Eifersucht hat, ist sie schon
zur Feindschaft geschwollen, und er steht mitten darin: Ich bin wie
eine Jungfer zwischen zwei Liebhabern, scherzt er zu Krüsi und glaubt
noch lange, er könne den bösen Zustand mit launigen Zurechtweisungen
lösen; aber weil beide ihren besonderen Anhang haben, sieht er zu
seinem Schrecken die Anstalt in zwei feindliche Lager geteilt und wird
mit seiner hülflos suchenden Liebe ein Fangball, den sie einander
zuwerfen: der alte Vorwurf seiner Unbrauchbarkeit ist über Nacht aus
dem Boden gewachsen, grausamer als sonst, weil er ihn diesmal aus allen
Himmeln reißt. Um kein Trümmerfeld in Ifferten zu hinterlassen und Anna
für immer zu verscheuchen, die sich jetzt schon verstimmt durch die
Händel in ihrem Zimmer hält, muß er den Plan der Armenkinderanstalt in
Wildenstein vertagen. So gießt ihm der Herbst des mit Siegesgedanken
begonnenen Jahres Galle in seinen Jungbrunnen, und obwohl schließlich
durch den vermittelnden Muralt eine Aussöhnung zustande kommt, sodaß
sie Weihnachten in Frieden feiern, bleibt eine bittere Stimmung in ihm,
die seiner gewohnten Neujahrsrede nicht günstig ist.
Am letzten Nachmittag des Jahres kommt er zufällig mit einer Besorgung
in die Werkstatt des Schreiners, der seit der Einrichtung die Arbeiten
im Schloß hat. Sie nennen ihn in Ifferten den Heiden, und Heinrich
Pestalozzi kennt unter andern Seltsamkeiten des alten Sonderlings
auch diese, daß er sich für jedes Neujahr einen Sarg herrichtet, die
erste Nacht des Jahres darin zu schlafen. Wie er nun bei ihm eintritt,
stehen die fünf Bretter schon fertig genagelt da, und er ist gerade
dabei, dem Deckel eine Hohlkante anzuhobeln. Den brauch ich vorläufig
nicht, spöttelt er und bietet ihm eine Prise an, es ist nur wegen der
Vollständigkeit! Und als Heinrich Pestalozzi, den der selbstgefällig
lächelnde Greis neben dem Sarg verwirrt, ihn fragt, warum er sich
jedes Jahr solch ein neues Bett mache, streicht der mit der Hand die
Hobelkante ab und paßt den Deckel ein, wie einer, der das Schicksal
pfiffig überlistet: Weil es mir noch keinmal geraten ist, ihn zu
verwahren; schon im Frühjahr ist meist ein anderer Liebhaber da!
Heinrich Pestalozzi vermag keinen Geschmack an dieser
Lebensversicherung zu finden, aber der gehobelte Sarg hat ihm das
Herz bewegt, und als er draußen den Schmid trifft, wie er mit einigen
Zöglingen einen Handwagen voll Tannenreisig aus dem Wald anbringt, die
Schloßkapelle zu schmücken, übermannt es ihn so, daß er ihn gerührt
in die Arme schließt. Ein hämischer Zufall will, daß Niederer seither
dazu kommt, todblaß, weil er die Herzlichkeit gesehen hat. Sie gehen
zu dreien miteinander vor dem Handwagen der Zöglinge her in einem
verlegenen Gespräch, und Heinrich Pestalozzi in der Mitte will sich
schon der Begegnung freuen, als die Worte zerbrechen und die Scherben
im Streit umher fliegen. Er rafft die Zöglinge an den Händen fort, daß
sie nicht Zeugen der Häßlichkeit würden; aber noch, als er drinnen auf
dem oberen Treppenumgang steht, hört er die bellenden Stimmen durch die
Mauern dringen.
Er sieht an dem Abend niemand mehr und erlebt die Mitternacht allein
und verdüstert in seiner Kammer: Ich Narr der Eitelkeit, jammert er,
was soll die Welt mit meiner Lebensgeschichte, die ein Buch voller
Grabreden ist! Als er in den Kleidern auf dem Bett liegend endlich
einschläft, bleibt seine letzte Empfindung die mutlose Müdigkeit, daß
es der Sarg des Schreiners sein möchte! Und noch, als die ersten
Glocken den Morgen ansagen, quält er sich im Halbschlummer mit den
engen Brettern. So trifft Heinrich Pestalozzi die Stunde, wo er als
Hausvater vor den Seinen mit dem Bekenntnis des alten und dem Gelöbnis
des neuen Jahres stehen soll.
Er läßt durch zwei Zöglinge den Sarg des Schreiners holen und vor den
Altar stellen; und ob er Anna bei dem Anblick die Kapelle verlassen
sieht und aus all den fragenden Augen der andern das Entsetzen vor
seinem Frevel spürt: nichts vermag ihn aus der Nötigung zu reißen, den
Sarg als den seinen zu betrachten und statt einer Neujahrsansprache
sich selber eine Grabrede zu halten. Niemand vermöchte seine
Unbrauchbarkeit grausamer anzuschlagen, als er es nun selber tut, und
fast ist es mit Gott gehadert, wie er ihm die Unfähigkeit seiner Natur
vorhält und alle Schuld an dem Zerwürfnis auf sich selber legt. Aber so
erschütternd seine Klagen durch die Kapelle irren und in manchem Herzen
den Schrecken um seinen Verstand aufjagen: ihm selber ist es, als ob
sein Körper damit ausfließe wie ein verunreinigtes Gefäß; bis er, von
aller Verbitterung leer, die Brunnen der Demut in sich aufquellen
fühlt. Da weiß er, daß seine Anklagen nur die Torheit eines Kindes
sind, das sich durchtrotzen möchte und hundert Wohltaten vergißt, weil
ihm eine verwehrt wird: Wie undankbar und eigensinnig ist es, gegen
mein Schicksal zu hadern, das mich vor allen Menschen mit meinem Werk
gesegnet hat! Sodaß Heinrich Pestalozzi die Kapelle in einem Gefühl der
Begnadung verläßt, darin selbst die Beschämung über sein zorniges Tun
ins Ferne verfliegt.
91.
Nach dem Gewitter dieser Neujahrsrede fängt die Sonne wieder an zu
scheinen, und Heinrich Pestalozzi, der die schlimmen Dinge leichter
als die guten vergißt, fühlt ihre Wärme über Ifferten, als ob erst
Mittag wäre. Auch Anna, die lange gekränkelt hat, lebt wieder auf und
braucht nicht mehr am Stock zu gehen: Ich mußte die alternde Frau in
mir los werden, sagt sie einmal zu ihm, als sie dem bunten Getriebe der
Zöglinge auf der Eisbahn zusehen: jetzt sind die Reste fort, und ich
bin ganz eine Greisin; ich konnte nicht alt werden, nun ich es bin, ist
alles wieder frei; ich möchte fast ein paar Eisschuhe antun, so leicht
ist mir!
So bin ich doch der Ältere von uns beiden, antwortet er und nimmt
zärtlich ihre Hand; denn auch das habe ich dir vorgelebt: Nur das
Gesicht und die Hände waren jung und werden alt, die Seele lebt als
eine schwingende Schnur, die in der Mitte heftig schwirrt und am Ende
-- wie am Anfang -- nur noch zittert, bis der andere Knoten kommt, wo
sie an den Bogen ihres Erdendaseins gespannt ist!
Er spricht auch sonst wieder viel mit ihr, fast wie damals auf ihren
ersten Spaziergängen, und lächelt hinterhaltig, wenn er sich bei den
Listen seiner Liebe ertappt. Als ob er noch einmal seine Mutter hätte,
geht er behutsam mit ihren Wünschen um und verschweigt ihr die Unrast
um sein Werk, die noch immer weit vom Knoten schwingt: Es ist nur mein
Sterbeteil, denkt er oft, der bei ihr die heimlichen Schlupfwinkel
seines Lebens hat; der Menschengeist in mir, dem die schwingende Seele
die zitternde Spindel war, ist nicht an ihre Schnur gebunden; der
trägt den Takt ihrer Bewegung fort ins Breite, wenn die Schnur längst
still steht! Und deutlich fühlt Heinrich Pestalozzi die Unheimlichkeit
dieser Trennung, wie die Seele sich zur Ruhe rüstet, indessen sein
Menschengeist immer ferner auf Abenteuer reitet.
Das Wort verläßt ihn nicht; der Zwiespalt seines Lebens wird
ihm sinnbildlich darin, daß seine Seele für die Abenteuer des
Menschengeistes einstehen mußte, der nicht den Seinigen, sondern dem
Volk gehörte und von dem Gewissen der Menschheit in Pflicht genommen
war. So hat die Seele daheim im Streit gelegen bis auf diese Stunden,
wo er zurseite Annas gemächlich am See spaziert -- unter den überhohen
Bäumen, die ihre Blätter nur deshalb im Jurawind rieseln lassen können,
weil ihre Wurzeln ihnen unablässig den Saft aus dem schwarzen Grund
zubringen -- indessen sein unruhiger Geist mehr als je in das Abenteuer
der Menschenbildung verwickelt ist: nur daß er, anstatt auf eigene
Faust zu kämpfen, längst ein Häuptling wurde mit einem Kriegslager,
dahinein von fernher die Krieger reiten, sich Weisung zu holen.
Denn Heinrich Pestalozzi -- der Greis, wie ihn die Burgdorfer schon
nannten -- ist unversehens in Europa eine Macht geworden; nicht,
weil er überall in den Regierungen Anhänger hat, die ihm Lehrlinge
der Methode nach Ifferten schicken, das dadurch eine Hochschule
der Erziehung wird, sondern weil nun die Weltgeschichte auch sonst
seinen mißachteten Ideen nachkommt: Seitdem ihm der Konsul Bonaparte
spöttisch den Rücken zukehrte, sodaß er mit dem verschmähten Sauerteig
der allgemeinen Volksbildung von Paris heimkehren mußte, hat sich
der korsische Advokatensohn zum Gewalthaber Europas gemacht, der
Fürstentitel und Königskronen wie Kinderspielzeug verschenkt, den
Papst nach Paris kommen läßt, ihn als Kaiser zu krönen, und der sich
die habsburgische Kaisertochter als seine Frau einfordert. Nichts in
der Welt scheint seiner Selbstherrlichkeit zu widerstehen; so ist
ihm auch der Preußenstaat des großen Friedrich nur ein Hindernis auf
seiner neuen Landkarte, das er mit einer kriegerischen Handbewegung bei
Jena beseitigt, wobei er noch Zeit findet, dem Dichter der Deutschen
das Kreuz der Ehrenlegion an die Weltbürgerbrust zu heften. Aber
diese Handbewegung macht dem Totengräber seiner Schwertmacht, dem
Menschengeist in Preußen, die Hände frei.
Wie immer kehrt auch hier der eiserne Besen der Not die unfähigen
Gewalthaber auf den Mist, und Männer treten in ihre Stellen ein,
nach den Menschenrechten die Menschenpflichten zu proklamieren,
in denen allein die Blutsaat der Revolution zu einer Volks- und
Menschengemeinschaft aufgehen kann. Einer der ersten ist sein Freund
aus den Tagen in Richterswyl Johann Gottlieb Sichte, der Schwiegersohn
des Wagenmeisters Kahn in Zürich; in seinen Reden an die deutsche
Nation, in denen er die sittlichen Mächte im deutschen Geist aufruft,
setzt er Heinrich Pestalozzi und seine Idee der Menschenbildung in eine
Beleuchtung, die keine Gegnerschaft mehr auslöschen kann. Als auch
der Holsteiner Nicolovius in die Leitung des preußischen Schulwesens
berufen wird, will der Traum in einem Land Europas Wirklichkeit werden;
die besten Geister haben die Regierung des preußischen Staates in
der Hand, und ihr Ziel ist das seine: Befreiung und Erneuerung des
Volkes als einer sittlichen Gemeinschaft, und als Grundlage dieser
Gemeinschaft die Erziehung aller mit den Mitteln, wie er sie in dem
Naturgang seiner Methode gefunden hat. So ist Heinrich Pestalozzi
aus einem einsamen Abenteurer des Menschengeistes doch ein anderer
Heerführer geworden als sein Vetter Hotze mit dem Soldatenhut, von dem
nur noch der verblaßte Ruhm übrig geblieben ist.
So gut geht alles, daß auch die feindlichen Lager in Ifferten
Gottesfrieden halten. Muralt hat vermocht, daß eine genaue Teilung
der Pflichten Niederer und Schmid auseinander hält, und namentlich,
seitdem Rosette Kasthofer aus Grandson das Töchterhaus in ihren
jüngferlich festen Händen hält, während Niederer -- der auch nicht
mehr im Schloß wohnt -- nur noch seine Pflichtstunden gibt und die
schriftstellerischen Tagesbedürfnisse der Anstalt besorgt, ist die
tägliche Verärgerung beseitigt. So kommt der letzte September des
Jahres 1809, an dem es vierzig Jahre her ist, daß Heinrich Pestalozzi
sich mit Anna Schultheß aus dem Pflug in der Dorfkirche zu Gebistorf
trauen ließ, recht in die Zeit für ein Freudenfest: Nun haben wir es
doch einmal beide nach unserem Herzen, sagt er neckend zu ihr, die
fast bräutlich geschmückt im Lehnstuhl auf ihn wartet, wird aber gleich
wieder ernst vor ihrem würdigen Gesicht: Unser Haus ist wohlbestellt
unter einem großen Dach, wie ich dir den Neuhof bauen wollte, und mir
ist sein Glanz keine Unruhe mehr, weil ich der Lebensströme sicher bin,
die daraus fließen!
Als sie dann miteinander in den geschmückten Saal treten und in das
fröhliche Bienengesumm die Stille ihrer Gegenwart bringen, als Niederer
seine Festrede aus der Brunnentiefe seiner gewaltigen Begeisterung
holt und ihnen Kränze von innigen Worten auf die weißen Häupter legt,
indessen sie Hand in Hand wie zwei Kinder im Augenblick hundertfacher
Liebe dasitzen: sind alle Wechsel, die der Lehrling Tschiffelis an
die Kaufmannstochter im Pflug sandte, so über alle damalige Geltung
eingelöst wie im Märchen, wo auch die gehäuften Nöte auf einmal von dem
vorbestimmten Glück abfallen. Nur ganz den feierlichen Ernst der Stunde
zu ertragen vermag Heinrich Pestalozzi noch immer nicht; es ist auch
hier ein wenig bei den hohen Worten, als ob er wieder nach dem Examen
vor den andern Schülern das Vaterunser sprechen solle: so lächert es
ihn durch seine Glückstränen. Kaum sind die Ströme der Feier über
ihn hingeflossen, und die Frühlingsblumen dieser Herbstfröhlichkeit
wollen in einem Tanz der Kinder aufblühen, da muß er ihnen zeigen,
wie es damals zuging, als er noch der schwarze Pestaluz aus dem Roten
Gatter und Anna Schultheß die scheu verehrte Muse der jungen Patrioten
aus der Gerwe war: und übermütig, wie er es damals nicht vermocht
hätte, schreitet Heinrich Pestalozzi, der Armennarr auf Neuhof, die
Pestilenz des Birrfeldes, der Waisenvater in Stans und der Prophet
der Menschenbildung in Burgdorf und Ifferten, mit seiner schlohweißen
Gattin zu einer alten Weise den ersten Tanz.
92.