Republik begonnen; seit der Tagsatzung in Paris gibt es aber nur
noch einen Schweizer Bund mit neunzehn selbstherrlichen Kantonen:
sein Landesherr ist nun die bernische Regierung, ihr gehört das
Schloß Burgdorf, und er muß zuwarten, ob sie ihn darin wohnen läßt.
Im vierspännigen Wagen, wie ein Landesfürst, kommt eines Tages der
Regierungspräsident von Wattenwyl an, seine Anstalt zu besichtigen;
obwohl es schwierig und steil geht, muß ihn der Kutscher bis in den
Schloßhof fahren, und als ihn Heinrich Pestalozzi dann begrüßen
darf, ist es kaum anders, als wenn ein Schloßherr sich von seinem
Kastellan Aufwartung machen läßt. Er schnurrt durch alles hindurch
mit einem deutlichen Mißbehagen an dem landfremden Zürcher, der sich
hier eingenistet hat und der Regierung mit seiner Berühmtheit und
dem intoleranten Heer der deutschen Geister lästig wird, dem sogar
französische Gelehrte, Generale und Minister beistehen, sodaß selbst
eine allmächtige Kantonsgewalt zuwarten muß. In einigen Stunden hat
er nach der Art solcher Regierungsherren das Ergebnis einer Arbeit
besichtigt, die Heinrich Pestalozzi ein Lebensalter mühsamer Kämpfe
gekostet hat, und ist im Dampf seiner eigenen Bedeutung wieder
abgefahren.
Seine Haltung in den Verfassungshändeln hat ihn den Aristokraten, die
nun wieder auf ihren alten Plätzen sitzen, mißliebig gemacht, und den
Kirchlichen ist er immer mit seiner Religion ein Aufwiegler geblieben:
nun, wo er sichtbar zu Paris in Ungnade und nicht mehr durch ein
helvetisches Direktorium geschützt ist, fängt die Hetze an, und noch
in dem Sommer muß sich Heinrich Pestalozzi durch eine Eingabe an den
Kirchenrat wehren, als fehle es in seiner Anstalt -- wie die Anklage
lautet -- an einem richtigen Religionsunterricht. Er überläßt die
Verteidigung Niederer, dem Religionslehrer und ehemaligen Pfarrer,
und zum erstenmal erhebt dieser Herold seine dröhnende Stimme für den
Meister.
Unterdessen ist aus dem Lehrerseminar wie aus der Waisenanstalt nichts
geworden, und die Zuwendungen der Regierung sind ihm gestrichen; das
einzige, was er von ihr noch hat, ist das Gebäude, und auch darin wird
es unsicher: Mit der neuen Ordnung ist ein Oberamtmann nach Burgdorf
gekommen, der zu seinem Ärger in einem Privathaus wohnen muß, während
oben im Schloß sich das fahrende Volk der Abc-Schützen breit macht. Er
fängt an, bei der Regierung in Bern um eine Änderung dieses krankenden
Zustandes zu mahnen, und weist alle anderen Vorschläge als unpassend
zurück; als es gegen Weihnachten geht, kann Heinrich Pestalozzi nicht
mehr zweifeln, daß ihm zum Frühjahr die Räumlichkeiten gekündigt
werden: »Es war das Haus der Herren und soll wieder das Haus der Herren
werden,« schreibt er an einen Freund, »ich hoffe, mein Ei sei bald
ausgebrütet, und dann achtet es auch der schlechteste Vogel nicht mehr,
wenn ihm die Buben sein Nest vom Baum herabwerfen.«
Doch kann die bernische Regierung angesichts der Schwärmerei, mit
welcher die gelehrte Armee Deutschlands die Vorteile dieser Anstalt
ausposaunt -- wie der Herr von Wattenwyl in einem Gutachten schreibt --
die Gefahr nicht herausfordern, mit diesem intoleranten Heer öffentlich
in eine Fehde zu geraten: so bietet man ihm das leere Kloster
Münchenbuchsee an, und im Januar fährt Heinrich Pestalozzi mit einer
Abordnung hin, es zu besichtigen. Er findet ein niedriges Gebäude,
das eine Zeitlang als Spital krätzischer und venerischer Soldaten
gedient hat, seitdem verwahrlost in einer melancholischen Ebene dasteht
und weder die grünen Hügel Burgdorfs noch sonst etwas von seinem
malerischen Reichtum um sich sieht. Am liebsten möchte er, all dieser
Dinge müde, seinen Stecken nehmen und in den Aargau zurückwandern;
aber es ist unmöglich, jetzt aus dem Kreis der Zöglinge und Gehilfen
fortzugehen; in den Möbeln, Betten und Lehrgegenständen stecken ihm
schon wieder zwanzigtausend Schweizerfranken, die er nicht lassen
kann, auch brennt der Abend an dem Tor immer noch in seiner Seele.
Um Anna zu halten, nimmt er das Obdach an, das ihm schäbiger Weise
zunächst bloß für ein Jahr instandgesetzt werden soll. Nur nicht wieder
als ein Unbrauchbarer vor ihr dastehen, denkt er, als er die vorläufige
Abmachung unterzeichnet, und ahnt nicht, daß diese Kränkung schon auf
ihn wartet.
So zieht dieses Frühjahr hin -- es ist das fünfte seiner Burgdorfer
Zeit -- wie wenn das Jahr mit ihm erschrocken seinen Lauf einstellen
wolle; denn ob das Emmental den Blumenteppich seiner Wiesengründe
ausbreitet, und ob die Wälder täglich grüner werden: im Schloß fängt
heimlich das Aufräumen an, die Möbel warten, daß sie von kräftigen
Händen hinausgetragen werden -- sie sind sich selber ihre Särge, sagt
Heinrich Pestalozzi -- und wie auch ein Änderungsgedanke auftaucht,
gleich tritt ihm das Bedenken in den Weg, daß mit den Ferien der Auszug
beginnen soll. Als der Tag da ist, werden die meisten Zöglinge in
Trupps mit je einem Lehrer auf die Reise geschickt, meist ins sonnige
Waadtland hinüber, und nur Freiwillige bleiben, den Umzug mitzumachen.
Auch Anna geht nun auf ihre Reise an den Zürcher See: Ich bin das
erste Möbel, das ihr fortschafft, scherzt sie, als er mit ihr in der
Morgenfrühe zur Post hinuntergeht; denn sie selber hat tapfer dableiben
und helfen wollen. Er hört ihre Worte garnicht, weil seine Gedanken in
Sorgen sind, daß sie nicht wiederkommen möchte: Ich war ein halbes Jahr
lang im Traum, sagt er, und stellt ihre Reisetasche hin, dem Gottlieb
einen Klatschmohn abzunehmen, den der für die Großmutter anbringt:
Jetzt habt ihr mich wach gemacht, und du gehst fort! Er will ihr die
Blume geben, aber der fallen die roten Blätter ab, daß nur die grüne
Fruchtkapsel mit dem Deckel bleibt. Das kann die Großmutter nicht mehr
brauchen! klagt er zu dem Kleinen und will das Ding wegwerfen; sie aber
nimmt ihm die Kapsel rasch aus der Hand und lächelt ihn fast listig an
mit einem Schulmädchengesicht: Bis ich nach Münchenbuchsee komme, ist
der Same reif, dann streuen der Gottlieb und ich ihn aus, damit wir
doch ein Andenken vom Schloßberg haben!
87.
Am selben Tag, da Heinrich Pestalozzi von diesem Abschied fröhlich
wird und den ernsthaften Niederer durch die Mitteilung in Verwirrung
bringt, daß er in Münchenbuchsee wieder Landwirtschaft treiben und
lauter Felder mit Klatschmohn anbauen wolle, erscheinen mittags zwei
ländliche Männer im Schloß, die garnicht aussehen, wie die sonstigen
Wallfahrer. Sie kommen aus Peterlingen im Waadtland und bringen einen
Antrag der Stadt, mit seiner Anstalt dorthin zu kommen; sie wollen
ihm ihr Schloß mit allen Gärten lebenslänglich zur Verfügung halten,
ihm das Ehrenbürgerrecht mit einer Pension geben und jährlich ein
bestimmtes Maß von Korn, Weizen, Wein und Holz. So bin ich immer noch
im Traum, sagt er, und reicht den Männern gern die Hand; auch müssen
sie zum Mittag bleiben, und es wird fast ein Fest, das er mit Niederer
und Krüsi -- den einzigen Gehilfen, die noch bei ihm sind, weil der
Auszug schon begonnen hat -- und den Bürgern von Peterlingen feiert.
Wir werden einen Orden der neuen Menschlichkeit gründen und all die
verlassenen Schlösser der Gewaltherren in der Schweiz mit neuem Leben
bevölkern, schwärmt Niederer, der gern bei einem Glas ins Weite
schweift. Aber Heinrich Pestalozzi, der die enttäuschten Gesichter
der Männer sieht, lenkt schalkhaft ein: Zuerst müssen wir einmal nach
Münchenbuchsee auswandern und sehen, ob es von da einen Fahrweg für
unsere Möbelwagen nach Peterlingen gibt!
Der Abschied hat danach seinen Stachel verloren; als andern Tages noch
ein Herr von Türck aus Mecklenburg anreist, ein Päckchen neuer Liebe zu
bringen, machen sie mit dem und den Burgdorfer Freunden, die wehmütig
dabei sind, einen schwärmerischen Gang nach Kirchberg hinüber, bevor
sie die letzte Nacht in Burgdorf schlafen -- nun schon nicht mehr im
leergeräumten Schloß, sondern beim Stadthauswirt -- und andern Morgens
mit der ersten Sonne nach Münchenbuchsee wandern, wo die Zöglinge mit
Tobler sehnsüchtig ihren Vater erwarten.
Es sind drei Stunden Wegs, und sie müssen an Hofwyl vorbei,
wo Fellenberg, der Sohn des Ratsherrn, seit fünf Jahren eine
landwirtschaftliche Musterwirtschaft als Grundlage seiner
Erziehungsanstalt für alle Stände eingerichtet hat. Wir suchen die
Goldkörner der Methode im Land, und er prägt die Goldstücke daraus,
sagt Niederer sarkastisch, als sie in einiger Entfernung an der
sauberen Erscheinung seiner Gebäude vorüberwandern und überall in
den Feldern und Gärten die Zeichen der wohlhabenden Ordnung sehen.
Aber Heinrich Pestalozzi verweist ihm den Spott; er weiß zwar, daß
Fellenberg gleich mit einer Viertelmillion Franken das Gelände ankaufen
und aus dem Vollen wirtschaften konnte -- wo er sich notdürftig
durchhalf und gerade noch in diesem Augenblick erstaunt ist, daß er
mit Ehren aus den Burgdorfer Schulden kam -- aber er weiß auch, daß
der Sohn seines alten Freundes, des Ratsherrn in Verehrung zu ihm groß
geworden ist, und daß diese Anstalten nur eine Frucht aus Lienhard und
Gertrud sind: »Er deckt wenigstens das Elend nicht mit dem Mist der
Gnade zu, wie es die andern machen!«
Als sie dann aber gegen Münchenbuchsee kommen und die wenigen Zöglinge,
die nicht in Ferien sind, unter Toblers Leitung mit einem Schweizerlied
anmarschieren, hält seitwärts ein Reiter, als ob die kleine Truppe
ein Vorposten seines Regiments wäre; es ist Fellenberg, der nach
der jubelnden Begrüßung respektvoll herzu reitet: auch er habe den
Nachbarn nicht unbegrüßt einziehen lassen wollen! Er bleibt nicht auf
seinem stolzen Gaul sitzen, als er das sagt; aber gerade, wie er vom
Pferd springt und seine hohe Gestalt beugt, ihn zu umarmen, wird der
Unterschied zwischen dem gepflegten Aristokraten und dem ärmlichen
Greis so deutlich, daß Niederer für seinen Meister gekränkt beiseite
geht. Auch Heinrich Pestalozzi ist durch die Umstände dieser Begrüßung
verstimmt: Wir sind zu nahe an den Schloßherrn von Hofwyl geraten,
sagt er nachher zu Tobler, nun reitet er schon auf seinem Vorwerk herum!
Er bemerkt nicht, daß Tobler betreten schweigt, so sehr bewegt ihn
die Sorgfalt, mit der die geborene Fröhlich schon Ordnung in die
neue Wirtschaft gebracht hat: Du bist die Schwalbenmutter, scherzt
er zu ihr, wir sperren die hungrigen Schnäbel auf, und du hast immer
etwas hineinzutun. Tobler schweigt zum zweitenmal; er weiß, daß ihre
Haushaltungskünste allein es nicht vermocht hätten, der Anstalt einen
so guten Abgang aus Burgdorf zu sichern, und daß die Sorge vor den
Gläubigern manche Woche auf Pestalozzi gelegen hat, bevor sich alles
unerwartet löste; er weiß auch, wie diese Lösung zustande kam, und er
ist mit Muralt, seinem Mitverschworenen, fest entschlossen, den Meister
endlich aus allen wirtschaftlichen Sorgen zu befreien. Noch muß er die
Rückkehr des andern abwarten, aber als die kurzen Ferien vorüber sind
und von allen Seiten die Vögel wieder zufliegen, der melancholischen
Gegend zum Trotz in Münchenbuchsee ihr Geschwärm wieder zu beginnen,
gehen die beiden entschlossen ans Werk: Wenn die Anstalt in Burgdorf
zuletzt nur noch mit Mühe zu halten war, steht sie hier, wo sie sich
ohne Zuschüsse der Regierung ganz aus sich selber erhalten muß, nur an
der Schwelle neuer Schwierigkeiten. Sie haben die Ordnung in Hofwyl
gesehen, und da sie die Verehrung Fellenbergs für den Verfasser von
Lienhard und Gertrud kennen, ist es ihr Plan, die wirtschaftliche
Leitung der Anstalt in die festen Hände dieses Mannes zu legen, um
Heinrich Pestalozzi für seine wertvolleren Dinge unabhängig zu machen.
Nichts als treue Liebe führt sie auf diesen Weg, an dem die Sorge, ihn
nicht zu verletzen, die Meilensteine setzt.
Mit vorsichtigen Andeutungen und Besuchen in Hofwyl, mit Besorgnissen
über die ungewisse Zukunft, mit Mahnungen an sein Alter und was er
der Methode noch schuldig sei, bringen sie ihn endlich zu einer
Zusammenkunft mit Fellenberg. Sie findet, damit der Boden neutral sei,
unter einer Linde statt, die ziemlich in der Mitte zwischen Hofwyl
und Buchsee mit einer alten Steinbank steht. Fellenberg kommt diesmal
nicht geritten, doch trägt er die Reitgerte in der Hand, und zwei Hunde
kläffen ihm vorauf. Heinrich Pestalozzi hat um so weniger eigensinnig
scheinen wollen, als Muralt und Tobler die Vertrauten Annas unter den
Gehilfen sind; er sieht dem Mann mit der Reitgerte und den Hunden nicht
einmal mißmutig entgegen, da er sich seiner Sache sicherer fühlt,
als seine Harmlosigkeit merken läßt. Aber wie sie dann anfangen zu
sprechen, sind es drei gegen ihn, und jedes Wort wird so sorgsam auf
die Goldwage seiner Empfindlichkeit gelegt, daß er unmöglich hart und
abweisend gegen soviel treue Vorsorglichkeit werden kann: Es ist ein
Dachsfang, wo ich alter Kerl in die Sonne gelockt werden soll, denkt
er und läßt sie sprechen, bis dem blassen Tobler die Schweißperlen
auf der Stirn stehen und Muralt verzweifelt die Hände reibt. Nur der
selbstsichere Fellenberg verliert die Zuversicht nicht und entfaltet
ein Papier aus der Brusttasche: ob er ihm einmal den Entwurf einer
Übereinkunft vorlesen dürfe? Heinrich Pestalozzi hat nie recht zuhören
können, wenn einer etwas aus einer Schrift vorlas; er läßt die Worte
fließen und fühlt fast, wie sie an seinem Rock heruntertropfen. Zum
Schluß nimmt er die Handschrift, in keiner andern Absicht, als den
dreien die Enttäuschung nicht zu fühlbar zu machen. Wie dann aber seine
Augen, fast so taub wie vorher seine Ohren, über die Buchstaben laufen,
tut es ihm unvermutet einen Stich zwischen die Rippen: Haben wir nicht
heute den fünfzehnten Juli? fragt er und bringt den Zeigefinger nicht
von dem Datum fort, das am Schluß steht. Beschlossen auf den ersten
Juli 1804. Sie wollen ihm erklären, daß dies nur um des Semesters
willen so zurückgeschrieben sei; aber seine Gedanken sind schon Milch
auf dem Feuer: er reißt den Schriftsatz in zwei Fahnen und wirft sie
den Hunden hin, die ihn sofort anbellen und ihm, als er die bestürzten
Mienen und beruhigenden Worte abwehrend davon läuft, in die Hacken
fahren, sodaß ihr Herr sie mit der Pfeife zurückholen muß.
Sie haben mich verhandelt wie eine Kuh! schreit ihm sein Grimm in
die Ohren, während er seitwärts in das Wäldchen läuft, sich da einen
Schlupfwinkel zu suchen; aber erst, als er sich gegen das Gewässer
verlaufen hat, das seine Binsenfelder vor ihm auftut und -- wo seine
Fläche durchblinkt -- den langen Tierrücken des Jura spiegelt, merkt
er, daß ihm der Stich ein Gift beibrachte: warum Muralt und Tobler
und nicht die andern? Weil Anna dahinter steht? Er sieht sie wieder
abfahren mit der Mohnkapsel, davon ihm die roten Blätter abgefallen
sind, er hört ihr Wort und sieht ihr Lächeln: Ich dachte, klagt er
laut in den Sommertag, ich wäre endlich etwas vor ihr gewesen! Nun war
ich doch im Traum und bin erwacht in meine Unbrauchbarkeit!
Weit in der Ferne tut es einen Schuß von einem verlorenen Donnerschlag,
und über den Jura bläht sich ein Wölkchen grellweiß in den blauen
Himmel. Daß es ein Gewitter würde und mich kalt machte, damit es
endlich einmal ein Ende hätte mit diesem Strom von Irrtum und Unrecht,
darin mein Leben geflossen ist! Es bleibt aber schön, und er geht
stundenlang auf dem weichen Moosboden hin, bis die Frösche aus dem
Röhricht quaken. Sie werdens auch schon wissen! zürnt er noch einmal,
dann überläßt er sich willig der dämmrigen Traurigkeit, bis die leise
Nacht kommt und ihn doch noch den Heimweg finden läßt: Bist du es, will
er flüstern, als ihm ihre Gestalt zur Seite schreitet; sie nickt nur
und sieht ihn kaum an; da merkt er, daß es die Jungfrau Anna Schultheß
ist, die mit einem Strauß Frühlingsblumen an das Grab Menalks will.
Sie haben mir das Tor zugemacht, weil ich zu spät gekommen bin! klagt
er und staunt, wie weit sich der Weg über den Kirchhof zieht. Auch
weiß er nicht, warum ein Licht auf dem Grab brennt. Bis Niederer ihm
aus dem Schein entgegentritt und der Spuk verschwindet, weil er den
Klostergiebel in Münchenbuchsee erkennt.
88.
Nach diesem Abend fühlt Heinrich Pestalozzi sein Dasein in
Münchenbuchsee nur noch wie einen Krug, der an einem Sprung leer
läuft; er widerstrebt den Freunden nicht mehr und unterzeichnet den
Dienstvertrag, wie Niederer das Schriftstück nennt. Wenn Fellenberg
angeritten kommt und mit Sporen durch den Hof klirrt, schließt er
sich in sein Zimmer ein, das er auch sonst wenig verläßt. Er hat
Wandergedanken, aber er findet kein Ziel, bis eine Mahnung aus Ifferten
kommt. Dort hat ihm der Stadtrat schon vor den Männern von Peterlingen
das Schloß des Herzogs von Zähringen angeboten; er ist auch einmal im
Frühjahr dort gewesen und hat das viertürmige Gebäude angesehen, aber
er fürchtet sich vor dem welschen Land. Nun, wo die Stadt ihm schreibt,
daß sie das Schloß von der Regierung angekauft habe und seine Wünsche
vernehmen möchte, wie es einzurichten sei, kommt die Aufforderung
seiner Sehnsucht recht, ganz aus dem Bereich seiner Enttäuschung
fortzugehen. Abschied vermag er keinen zu nehmen; die Seinen denken,
es gelte nur eine Fahrt, als sein Wagen in der Frühe gegen Aarberg
davonrollt. Er wäre lieber gewandert, aber die Kräfte haben ihn
verlassen, als ob nun das Alter mit einem Male käme.
Die Stadtherren in dem verschlafenen Ifferten haben schon vernommen,
daß der berühmte Volksfreund nur ein unscheinbarer Greis ist; sie
finden seine Wünsche bescheiden und laden ihn zu einem Mahl ein, die
Bekanntschaft festlich zu besiegeln. So kommt Heinrich Pestalozzi am
dritten Abend, den er aus Münchenbuchsee fort ist, an eine Tafel mit
ehrenfesten Bürgern, die beglückt sind, einen solchen Fang zu tun. Der
schöne Wein mundet ihm, der sonst nur selten mehr als ein Kirschwasser
nimmt, und die lebhaften Gespräche dieser weinfröhlichen Waadtländer
helfen, ihm die Zunge zu lösen; gerade, daß sie französisch sprechen,
läßt ihn auf ihre Worte hören, und daß er selber welschen muß, macht
ihn unversehens lustig, sodaß die Stadthäupter zu ihrem Erstaunen den
Greis mit dem Sorgengesicht lebhaften Geistes und schlagfertig finden.
Ihn selber freilich stimmt der Abend, als er andern Tages erwacht,
noch trauriger als zuvor; seit ihm die Verwirrung seiner Sinne an dem
abendlichen Gewässer die Erscheinung Annas vorgetäuscht hat, fürchtet
er, kindisch zu werden, und so nimmt er auch seine Fröhlichkeit
nachträglich als einen Beweis dafür. Er bleibt aber fürs erste in
Ifferten, weil ihm die Landschaft um das kleine Städtchen gefällt;
namentlich in die Wiesen gegen den See geht er gern, wo in den hohen
Bäumen auch bei der Hitze noch der Jurawind rieselt: Sie stehen wie
müßige Greise da, und ich bin der müßigste unter ihnen!
Unterdessen erreichen ihn Briefe Niederers, der als ein angeschossener
Wolf in Münchenbuchsee geblieben ist; sie schildern ihm den Zustand der
Anstalt nach seinem Weggang so wenig günstig, daß er in einigen Wochen
noch einmal zurückgeht, seinen Abschied nachzuholen. Er bringt keine
Ermutigung daraus mit; Fellenberg ist gereizt, daß er sich beiseite tun
will, und droht, von der Übereinkunft zurückzutreten; als sie sich noch
einmal an dem Wäldchen treffen -- diesmal ist Niederer dabei -- sieht
sich Heinrich Pestalozzi von einer Flut böser Vorwürfe überschüttet,
die er nur mit großen Augen anhören kann. Es kommt danach zwar noch
eine Versöhnung zustande, die ihn seiner persönlichen Verpflichtungen
entläßt, aber die Trennung ist nun sicher. Mit Buß und Krüsi und
mit neun Zöglingen geht er zum andernmal nach Ifferten; er selber
aber vermag es nun auch dort nicht mehr auszuhalten. Auf einer Fahrt
nach Lausanne, um bei der waadtländischen Regierung den Gesetzen der
Niederlassung zu genügen, verläßt ihn in Cossonay der Mut zur Rückkehr.
Er hat dort nur übernachten wollen, aber am andern Morgen läßt er die
Post fahren und bleibt in dem kleinen Ort, der zwischen Weinbergen
auf einem Hügel liegt und ihn mit seinem Ausblick über die Talweite
wehmütig an seinen verlorenen Schloßberg in Burgdorf erinnert. Da hockt
er einsam und in den Gedanken seiner Schwermut verhangen, bis der
biedere Krüsi ihn findet und wie ein Sohn um ihn sorgt. Nach Ifferten
aber, wo Buß unterdessen die neue Anstalt einrichtet, folgt er ihm
vorläufig nicht.
Das Weinland der Waadt, in dem er lebt, ist die Heimat von Laharpe,
dem ehemaligen Direktor der helvetischen Republik, der seiner Sache
mit hoher Achtung zugetan ist. Als Erzieher des Kaisers Alexander
von Rußland vermag er noch viel in Petersburg, und so kommt eines
Tages in das kleine Cossonay eine kaiserlich russische Berufung an
Heinrich Pestalozzi, das livländische Schulwesen von Dorpat aus nach
seinen Vorschlägen einzurichten. So verdonnert ihn Krüsi ansieht,
und so abenteuerlich der Plan ist, in seinem Alter noch nach Rußland
auszuwandern, seine Stimmung hängt sich mit Leidenschaft daran. Er
hat schon seine Bedingungen mitgeteilt und macht allen Abratungen zum
Trotz Vorbereitungen für die Auswanderung, von der er nicht mehr zurück
zu kommen hofft, als ihm ein zufälliges Erlebnis ein Loch in seine
Schwermut reißt:
Als er eines Tages nach Ifferten gefahren ist und am Abend mit Krüsi
neben dem Wagen her gegen Cossonay hinauf geht, begegnen ihnen in
der frühwinterlichen Dunkelheit einige leere Weinfuhren, die sie im
Geräusch des eigenen Wagens nicht hören, bis Heinrich Pestalozzi dicht
vor sich zwei Pferde spürt. Er glaubt, es seien Tiere von der Weide,
und will zwischen ihnen durch; da wird er von der Deichsel getroffen,
die ihn unter die Hufe der Pferde wirft: So jäh es ihn gefaßt hat,
so schnell arbeitet sein Instinkt, daß er noch vor den Rädern gleich
einer Katze unter den Pferden her auf allen Vieren seitwärts in den
Graben springt und die beiden Wagen an sich vorüber rasseln läßt. Als
Krüsi ihn findet, der seitlich gegangen war, ist er schon dabei, sich
aufzurichten; die Kleider sind ihm bis auf den bloßen Leib zerrissen,
aber ihm selber ist nichts geschehen, sodaß er -- durch Gefahr und
Rettung in einem Augenblick des Wunders hindurch gegangen -- gegen den
Berg schreitend wie vorher das Gasthaus erreichen kann.
Er hat in diesem Herbst, wo er sich kindisch glaubte, oftmals zu
sterben gewünscht, bevor er ganz dem Siechtum des Alters verfiele;
nun ist er durch den Tod in einer Jünglingskraft hindurch gesprungen,
die er sich längst verloren glaubte. Was er schon als Knabe erfuhr,
als er bei Wollishofen aus dem Weidling in den See fiel, daß die
heimliche Lust des Lebens durch nichts so sehr als durch das Grauen
des Todes angeregt würde, das bewirkt nun eine Wiedergeburt in ihm,
die ihn fast übermütig macht: Er glaubte schon sterben zu müssen wie
Moses, ehe er einen Fußbreit von seinem Kanaan sah; nun fühlt er sich
im ungeminderten Besitz von Kräften, die alle Nervenschwäche und die
Müdigkeit seines vermeintlichen Siechtums als trübe Einbildungen von
sich abfallen lassen. Die Kränkung durch Muralt und Tobler, der Streit
mit Fellenberg und die Böswilligkeit der bernischen Regierung, die --
wie er längst weiß -- seine Anstalt in Münchenbuchsee als eine staats-
und kirchengefährliche Unternehmung überwachen läßt: alles, was ihm den
ängstlichen Geist in diesen Monaten ans Kreuz geschlagen hat, scheint
ihm vor dem Gefühl, zu leben und seiner Kräfte noch mächtig zu sein, so
nebensächlich, daß er seine Schwermut wie eine Torheit belächelt: Wo
ich Kränkungen ohne Maßen sah, sehe ich nun die treue Liebe, sagt er
glücklich, und niemals ist ihm das Bild seiner Lebensgefährtin klarer
dagestanden als in diesen Tagen.
Als bald danach der König von Dänemark ihm hundert Louisdor übersenden
läßt als Anerkennung für die gastliche Aufnahme der dänischen Lehrer,
ist er übermütig vor Glück: Schau, zweitausend Schweizerfranken, sagt
er zu Krüsi, mit nichts als einer Idee und etwas Güte verdient! So
bleibt es Monate lang, während er noch einmal an die Lehrbücher seiner
Methode geht; und so voll fühlt er den Segen strömen, daß ihm das
Wort Lavaters nun sein liebster Spruch wird: Ich war mürrisch, als
ich die Ruhe des Alters für Müdigkeit hielt; sie ist die Sammlung auf
der Lebensstraße, wo das Glück auf der Straße lag, indessen ich den
Seifenblasen meiner Wünsche nachlief. Nun der Höchste mir mein Alter
mit Ruhe gekrönt hat, sehe ich, daß es der Jungbrunnen ist, von dem die
Väter sagten.
89.
Indessen Heinrich Pestalozzi sich so die Trennung zum Besten dienen
läßt, sind die Nachrichten aus Münchenbuchsee immer mehr mit
Enttäuschung beschwert. Muralt und Tobler haben nicht bedacht, daß
sich Fellenberg mehr als Pädagoge denn als Landwirt fühlt und als
solcher -- wie Niederer sagt -- die Drei- und Vierfelderwirtschaft auch
auf die Zöglinge anwenden will; die Buchführung ist besser geworden,
und die Ordnung wird streng gewahrt, aber die Luft steht stiller und
kälter in den Räumen, die sonst auch an Nebeltagen immer noch von
einem Sonnenstrahl väterlicher Liebe und menschlicher Laune belebt
und erwärmt war. Daraus wächst Mißmut und -- weil es Fellenberg auch
nicht leicht hat mit Zöglingen und Gehilfen, die einen andern Meister
schwärmerisch verehren -- endlich der böse Streit.