die ein überzartes Kind von sechs Jahren ist und schon am Unterricht
teilnehmen kann. Zum Fest kommt auch die Großmutter mit dem Gottlieb,
sodaß sie bis auf Lisabeth, die den Neuhof hüten muß, in Burgdorf
beisammen sind. Es befriedigt ihn, endlich einmal Anna seine Dinge
in der neuen Gestalt zeigen zu können, wo er nicht selber mehr der
Lehrling, sondern der Meister ist; und selbst damals, wo er sie auf dem
Gut Tschiffelis umher führte, ist er nicht stolzer auf sie gewesen als
nun, wo sie lächelnd über seinen Eifer mit ihm durch die Schulstuben
und Schlafsäle der Anstalt geht. Die zweiunddreißig Jahre der Ehe
haben ihm nichts von ihrer Schönheit ausgelöscht, und während sie den
Gehilfen eine ehrfürchtig begrüßte Matrone vorstellt, ist ihm bräutlich
zumut. Der Tod ihres einzigen Kindes geht noch mit ihr, und obwohl sie
willig zu seinen Erklärungen nickt, bleibt der Schmerz in ihren Augen
wie Glas, darin sich die Eindrücke dieser Dinge mit der Spiegelung
schmerzhafter Erinnerungen mischen. Es wird ein stilles Fest, aber
heilig für ihn; und als sich gleich nach Neujahr Tobler im Schloß
trauen läßt, und Niederer zum zweitenmal nach Burgdorf kommt, seinem
Freund die Traurede zu halten, sitzt er wirklich -- wie Niederer sagt
-- als Erzvater dabei.
Aber die Zeiten sind nicht testamentarisch; unversehens zieht noch
einmal ein Kriegsjahr seine Unruhen und Bedrängnisse um die Anstalt.
Schon im vergangenen Oktober haben die Föderalisten, wie sich die
Anhänger der alten Kantonswirtschaft nennen, die helvetische Regierung
in Bern gestürzt und eine andere gewählt, die dem Schwyzer Aloys
Reding als Landammann untersteht. Da es der neuen Herrschaft aber wie
der alten an Geld fehlt, um aus der Schuldenwirtschaft zu kommen,
steigen im Frühjahr schon wieder die sogenannten Unitarier auf der
Schaukel hoch. Dagegen erheben sich die Urkantone, die auch sonst
überall die Mißvergnügten an der neumodischen Franzosenwirtschaft
finden, und während für Europa endlich ein Friedensjahr gekommen
ist, fangen die Schweizer unter sich Kriegshändel an. Obwohl sie es
selber um der altmodischen Bewaffnung willen den Stecklikrieg nennen,
muß die helvetische Regierung vor den Aufständischen aus Bern nach
Lausanne flüchten, und gerade soll der Tanz im Waadtland losgehen,
als zwischen den feindlichen Scharen der General Rapp sechsspännig
vorfährt, den Einspruch Bonapartes zu bringen, dem ein nachrückendes
Heer von vierzigtausend Franzosen ein unwiderstehliches Gewicht gibt:
die einzelnen Kantone sollen ihm, statt diesen Bruderkrieg zu führen,
Abgeordnete nach Paris schicken, um dort unter seiner Aufsicht eine
neue Verfassung zu beraten. Es bleibt den hitzigen Schweizern nichts
übrig, als ihr Waffenzeug heimzutragen und die Tagsatzung statt in
Schwyz in Paris vorzubereiten, weil sie -- wie ein Witzbold sagt
-- ihrem vielbeschäftigten Ehrenpräsidenten Bonaparte jetzt keine
Schweizerreise zumuten dürften!
Heinrich Pestalozzi hat diese Händel als einen Streit von Bauleuten
angesehen, die sich über den Plan ihres neuen Hauses nicht einigen
können und dem alten nachjammern, obwohl sie es selber eingerissen
haben; er ist zu der bitteren Einsicht gekommen, daß es bei solchen
Parteikämpfen mehr um die Macht, zu regieren, als um das Volkswohl
geht. Bevor noch das sechsspännige Fuhrwerk des Generals Rapp in
die Schweiz eingefahren ist, hat er in einer Flugschrift die vier
Eckpfeiler aufgestellt, mit denen das Haus einer helvetischen
Verfassung besser als mit Flinten und Kanonen unter Dach zu bringen
wäre: wirkliche Volksbildung, unbestechliches Gericht, allgemeine
Militärpflicht und gerechte Finanzen. Der Grundstein aber müsse unter
dem Pfeiler der Volksbildung eingesetzt werden; weil an die anderen
Pfeiler ohne diesen ersten nicht zu denken wäre, sei er dem heutigen
Geschlecht das einzig Erreichbare. Er hat die Schrift in wenigen Tagen
hingeschrieben; sie stellt ihn auf den schmalen Grat, wo der Haß von
beiden Seiten aufbrandet, aber als die Wahlen für die Tagung in Paris
vorüber sind, ergibt sich, daß er an zwei Stellen, von den Bauern des
Emmentals wie von dem Landvolk in Zürich, als Abgeordneter gewählt ist.
Ich werde nicht sechsspännig fahren, scherzt er, mein Wagen geht auf
zwei Beinen! Obwohl er dann um der unruhigen Zeiten und der Mühsale
willen -- auch geht es in den Winter -- die Reise doch im Wagen machen
muß, fährt er fröhlich und mit besonderen Hoffnungen für seine Sache
ab. Seitdem er seine Anstalt in Burgdorf hält, haben drei französische
Gesandte in Bern gewechselt, doch jedem sind seine Dinge mehr als
einen flüchtigen Besuch wert gewesen; auch weilt Stapfer in Paris,
der ihm die rechten Türklopfer in der Stadt zeigen kann, darin die
Zukunft Europas zurechtgehämmert wird. Und seine Anstalt läßt er gut
besorgt zurück, weil Anna sich tapfer entschließt, während seiner
Abwesenheit das Hausregiment zu führen. Es ist seine zweite Reise und
in der Strecke fast der Fahrt nach Leipzig gleich, die er vor zehn
Jahren machte; auch werden die Tage wieder in die selbe Kette von
Zollhäusern, Posthaltereien und Gasthöfen eingespannt, nur daß die
Uniformen französisch sind. Doch als er am zwölften Nachmittag die
Unermeßlichkeit der Stadt um den blinkenden Lauf der Seine daliegen
sieht, ist es ein anderes Wesen als das Landstädtchen an der Elster. So
hat sich auch sonst alles um mich geweitet, denkt er: damals kam ich um
eine Familienerbschaft, heute schickt mich mein Volk für seine Zukunft;
in Leipzig lief ich als Unbekannter die Türen kleinstädtischer Behörden
ab, hier werde ich als Ehrenbürger der Franzosen vor ihren Konsul
treten!
Aber er bekommt den Machthaber nur einmal zu sehen, als Bonaparte
unvermutet in ihren Saal tritt, anscheinend zufällig, als ob er nur
den Durchgang benützte, aber eindrucksvoll mit seinem goldflirrenden
Gefolge. Das letzte Wort der unterbrochenen Rede findet noch Zeit,
in das Stuckwerk der Decke zu flattern, dann ist die starre Ruhe
der Augen da, die alle auf den kleinen Mann blicken, der, im Alter
der jüngste unter ihnen, Europa mit dem Ruhm seines Namens erfüllt
hat. Er läßt sich kurz rapportieren, wobei er mehr durch die Augen
als die Ohren zu hören scheint, schneidet mit der Handbewegung eines
ungeduldigen Knaben die Rede ab und wendet sich mitten durch die
Reihen, sie gleichsam überrumpelnd, einigen Köpfen zu, die ihm ins
Auge fallen. Auch Heinrich Pestalozzi fährt unvermutet eine Frage ins
Gesicht; er ist geistesgegenwärtig genug, eine Antwort zu finden, die
den Machthaber festhält, sodaß der sich schon halb im Weitergehen noch
einmal zu ihm wendet. Heinrich Pestalozzi merkt sofort, daß er mehr als
ein Name für ihn ist, er umklammert ihn gleichsam mit Worten und sieht
mit einer glücklichen Hoffnung, daß in dem kalt forschenden Blick etwas
von ihm selber zu leben beginnt. Kein Zweifel, daß er den Konsul der
Franzosen mehr als einer der Männer vor ihm interessiert; während die
andern im Kreis zurückgetreten sind, weiß er auf die Zwischenfragen
des blassen und verarbeiteten Gesichtes ebenso rasch zu antworten:
Jetzt oder nie, denkt er, ist meine Stunde da! Auch noch, wie er in
hastig abgerissenen Sätzen von der Volksbildung spricht -- daß sie das
Fundament jeder wirklichen Verfassung und ohne sie alles nur der Schein
einer Gesetzgebung sei -- hört der Konsul noch sichtbar nachdenklich
zu, als ob er versuche, den Gedanken bei sich einzustellen. Irgendwie
scheint ihm das nicht zu geraten; er klopft ein paarmal unwillig mit
der Fußspitze, und während Heinrich Pestalozzi noch von Worten der
Zukunft überströmt, ist er für den Mann der Gegenwart nur noch ein
unangenehmer Greis, der ihm mit seinen haspelnden Armen an die Brust
will: Ich kann mich nicht in euer Abc mischen, sagt er spöttisch und
verläßt unverzüglich den Saal, als ob er versehentlich in eine Schule
geraten wäre.
Heinrich Pestalozzi bleibt in dem Kreis der schadenfrohen und
bestürzten Gesichter, die wieder an ihre Plätze gerufen werden, und
braucht lange, bis er seinen Stuhl findet; aber während die Verhandlung
weiterstolpern will, kommt ihm alles wie eine leer laufende Mühle vor.
Noch immer ist er mit dem blassen Mann allein in dem Saal: Wir beiden,
denkt er -- und tritt über Scham wie Hochmut hinweg in den Bereich des
Menschengeistes, wo die Persönlichkeit aufgibt, sich selber zu gehören
-- wir beiden sind verschieden an dem Gefährt der Menschheit beteiligt:
er will sein Lenker sein, und ich möchte haltbare Räder machen; er aber
kanns nicht abwarten, weil er nur seine Stunde hat, drum knallt mir
seine Peitsche um die Ohren.
Herab mit dem Schild, wenn die Sache weg muß! sagt er zu seiner
eigenen Erstaunung laut in die Verhandlung hinein und geht durch die
Hinterpforte hinaus, wie der andere durch die Flügeltüren gegangen ist.
84.
Heinrich Pestalozzi merkt bald, daß der Pariser Wind der helvetischen
Republik ungünstig weht. Die Franzosen haben genug Menschenrechte
proklamiert, und Bonaparte hält wieder Hof in den Tuilerien; er
braucht Glanz und Aufwand um sich, und die Aristokraten von Bern
passen besser in seine Pläne als die hartnäckigen Unitarier. Bevor
die Verhandlungen beginnen, ist die Schweiz durch sein Dekret schon
wieder in neunzehn Kantone eingeteilt; was den Abgeordneten noch zu tun
bleibt, sind nur die einzelnen Kantone, und es ist vorgesorgt, daß die
Herren von Herkunft und Vermögen darin das Heft in Händen behalten.
Heinrich Pestalozzi versucht es noch einmal mit einer schriftlichen
Darlegung seiner Ansichten, aber er weiß nun schon, daß er Wasser in
den Bach trägt. Selbst sein Ehrenbürgertum scheint bei den Franzosen
des Konsulats schäbig geworden zu sein; er braucht nur zu sehen, wie
die geputzten Herren und Damen seine Erscheinung belächeln, um sich
aller Illusionen zu schämen: Sie müssen mich für ein großes Wundertier
gehalten haben, wie ihren Cagliostro, spottet sein Grimm, nun bin
ich bloß ein Mensch! Und wie es ihm mit seiner Kleidung und der Art,
ihre Sprache zu sprechen, geht, so bleibt auch seine Methode mit all
dem Umstand ihrer tiefen Begründung den Parisern eine belächelte
Geheimniskrämerei; es brauchte nicht das unaufhörliche Geknatter ihrer
Sprache in seinen Ohren zu sein, und die Nötigung, seine Herzensdinge
dahinein zu sperren, um ihm seine Wesensfremdheit unter den Welschen
bald unerträglich zu machen.
So hält er es für zwecklos, das Ende der Händel abzuwarten; als Ende
Januar die Hauptverhandlung ist, fährt er durch ein mildes Frostwetter,
das die Wege trocken gemacht hat, im Sundgau schon auf Basel zu, und
fünf Tage später holt ihn Anna am Stadthaus in Burgdorf aus der
Post. Da hast du deinen Odysseus wieder! versucht er zu scherzen, um
seiner Tränen Herr zu werden. Sie schafft ihm seinen Ranzen nach,
den er vor Rührung vergessen hätte, und er meint das Lächeln um ihre
schmerzensreichen Lippen zu sehen, als er ihre Stimme auf seinen Scherz
eingehen hört: So bin ich mit fünfundsechzig Jahren gar deine Penelope?
In Wahrheit, Pestalozzi, es war mir schwer, die Freier zu füttern; nun
magst du wieder deinen Bogen spannen!
Er findet aber alles aufs beste besorgt, und daß sie als Hausmutter in
der Anstalt waltete, hat einen Segen hinein gegeben, der bisher fehlte;
von den Kindern wie von den Gehilfen ehrfürchtig begrüßt, bringt sie
eine ruhige Gangart in das Tagwerk. Der Bienenschwarm hat seine Königin
erhalten! sagt Krüsi in seiner biederen Art, als Heinrich Pestalozzi
sich verwundert, um wie weniger lärmend es bei den Mahlzeiten zugeht,
nur weil sie still an ihrem Platz sitzt. Auch sonst hat sie der Anstalt
wohlgetan: Briefe und Bücher sind in eine schöne Ordnung gebracht, und
wenn er nun aus dem Trubel in seine Stube tritt, wohnt die Häuslichkeit
darin. Daß es so bleiben könnte, denkt er jeden Tag; denn seitdem sie
damals aus Hallwyl nicht wiederkam, ist seine Seite leer geblieben;
und ob es bitter oder fröhlich mit seinen Plänen ging, daß ihre
Abwesenheit ihm alles entkrönte, war immer die leise Trauer darin.
Auch diesmal ist sie nur gekommen, an seiner Stelle das Hauswesen zu
leiten, und mit heimlicher Sorge wacht er über ihre Schritte, ob sie
nicht wieder zur Abreise rüsten werde. Doch läßt sie Wochen gleichmütig
verstreichen, und er hofft schon, daß sie dauernd bliebe, als ihr mit
den ersten Frühlingsblumen das Heimweh in die Säfte steigt. Sie ist
im Winter schwer krank gewesen, nun kommt die Schwäche wieder über
sie mit Todesahnungen: Ich möchte unsern See noch einmal sehen, klagt
sie; aber als sie dann endlich nach Zürich zu ihren Brüdern reisen
will, hat sie wohl seine erschrockenen Augen gesehen; denn andern Tags
möchte sie wieder bleiben. Doch sieht er, daß die Unruhe in ihr nicht
mehr rastet; ihr Ehrenplatz im Saal bleibt immer häufiger leer, da sie
die Mahlzeiten allein nimmt: der Taubenschlag ist ihr zu laut, aber in
ihrer Stube plagt sie die Einsamkeit.
So steht sein Barometer mit ihr schon wieder auf veränderlich, als
eines Tages ein Jüngling das Quecksilber rasch auf schön Wetter steigen
läßt. Heinrich Pestalozzi bringt ihn aus Bern mit, aber er hat ihn
nicht dort erst gefunden: Ich mußte nach Paris reisen, um meinen Jünger
Johannes zu finden, scherzt er oft, so froh ist er selber, daß ihm
der Thurgauer von Muralt dort in die Hände kam. Es fehlt ihm nicht
mehr an Gehilfen, seitdem die dänische Regierung zwei junge Lehrer aus
Kopenhagen sandte und die gebildete Welt Deutschlands von Burgdorf
als einem Wallfahrtsort der Erziehung spricht; auch sind junge Leute
von Geist darunter, aber alles Schwarmseelen und wie ihr Meister
mehr auf stürmische Absichten als auf Sorgfalt gestellt, allmählich
Burgdorf mit ihrer buntgewürfelten Absonderlichkeit erfüllend. Johannes
von Muralt bringt nicht nur den Klang eines in der ganzen Schweiz
bekannten Namens, sondern auch die Vorzüge einer guten Erziehung und
gründlichen Bildung mit; als er zum erstenmal mit zu Tisch sitzt,
sorgfältig gekleidet und frei von der hastigen Schüchternheit, die
mit Empfindlichkeit gepaart das Erbteil einer durchgekämpften Jugend
ist, schweigt Heinrich Pestalozzi und Anna spricht. Es sind freilich
diesmal nicht die gewohnten Schuldinge; Johannes von Muralt ist durch
drei Semester in Halle der Lieblingsschüler des Philosophen Friedrich
August Wolf gewesen und hat in Paris mit dem Dichter Schlegel und
seiner Gattin Dorothea freundschaftlich verkehrt: der Geist schöner
Bildung lebt in seinen Gesprächen auf, der für Anna Schultheß seit der
Erscheinung Klopstocks in ihrer Jugend die heimliche Liebe geblieben
ist.
So schließt sie den Jüngling mit einem Eifer ins Herz, der Heinrich
Pestalozzi fast eifersüchtig macht, bis der Schalk in ihm den Vorteil
erkennt. So schmerzlich er den Zwiespalt zum Vorschein kommen sieht,
der seit Anfang zwischen seinen Absichten und ihren Neigungen bestand
und schließlich zur Trennung ihrer äußeren Lebenswege führte -- obwohl
sie durch alle Schicksalsschläge treu zu ihm stand -- das Leben hat ihn
nicht so verwöhnt, daß er sich die Äpfel wie andere frank und frei von
den Bäumen pflücken kann. Fast listig läßt er sie gewähren, da sie nun
den See und ihre Abreise zu vergessen scheint: Wir Alten wollen die
Kinder unseres Geistes haben, überlegt er, und da es uns beiden mit
einem Sohn mißraten mußte, weil die Natur aus diesem Zwiespalt nichts
machen konnte, müssen wir Ersatz für unsere ungesättigte Elternschaft
suchen. Ich will ihr gern diesen Sohn gönnen, wenn sie mir damit die
Mutter meines Hauses bleibt!
85.
Heinrich Pestalozzi lächelt fast hinterhaltig, als er Anna nicht
lange danach den Johannes Niederer anbringt, der sein Pfarramt in
Sennwald aufgegeben hat, um -- wie er sagt -- mit bei der Wiege der
Menschenbildung zu sein: Nun habe auch ich wieder einen Sohn, und es
ist seltsam, daß sie beide Johannes heißen, denkt er, als er neben
dem schwarzen Muralt den roten Schopf Niederers sieht. Der hat auf
seinem Dorf keine Zeit gehabt, sich an der Welt zu schleifen: mit
neunzehn Jahren voreilig in den Pfarrdienst gekommen, hat er seit fünf
Jahren in der Feldschlacht menschenfreundlicher Bemühungen gestanden
und um Gottes willen seine wohlhabende Gemeinde im Appenzell mit dem
armseligen Rheindorf Sennwald vertauscht; da haben andere Dinge als
Bildungsformen gegolten, so sitzt er wie ein Glaubensstreiter aus
dem Heerhaufen Zwinglis da. Heinrich Pestalozzi sieht, wie Anna fast
erschrickt vor ihm, der mit seinen vierundzwanzig Jahren noch ein
Jüngling wie Muralt, aber in Mannesgeschäften kantig geworden ist;
Jakob und Esau, vergleicht er, in diesem fließt das stillere Blut von
Anna, aber in jenem arbeitet mein Ungestüm!
Als im selben Juli auch noch Tobler -- mit einer eigenen
Erziehungsanstalt am hochmütigen Widerstand der Basler gescheitert --
zu ihm zurückkommt, ist Heinrich Pestalozzi mit diesen dreien, mit
Krüsi, Buß und dem Zustrom von Gehilfen aus aller Welt, die nur kurz
bei ihm lernen wollen, auch für die Burgdorfer kein Steckenpferdritter
mehr, der morgens aus dem Schloß zu ihnen herunter reitet: Der Weg geht
zu steil, sonst würde es von Wagen nicht leer werden im Schloßhof, die
täglich neue Fremde nach Burgdorf bringen, das aus einem bäuerlichen
Städtchen durch ihn ein Hauptort der Schweiz geworden scheint. Schon
was die Zöglinge -- längst über hundert -- an Besuch von Eltern und
Verwandten nachziehen, würde für die Gasthäuser und Fuhrleute etwas
bedeuten, dazu die Pädagogen und Pfarrer aus aller Welt: das Schloß
ist wirklich ein Taubenschlag geworden, und die Bürger bestaunen die
fremden Vögel, die seiner Berühmtheit zufliegen.
Längst schon denkt Anna nicht mehr daran, daß sie nur für die Zeit
seiner Pariser Reise nach Burgdorf gekommen ist; sie sieht endlich die
Erntewagen in die Scheune fahren, die weder seine Landwirtschaft noch
alle Bemühung seines hingehetzten Lebens jemals zu ernten vermochte.
Daß kein Gold daraus in seine Taschen fließt, weiß sie wohl; trotzdem
die meisten Zöglinge zahlen -- wenn auch nicht alle den vollen Preis
-- sind es doch viele Mäuler, die täglich auf Nahrung warten, und wenn
die Haushaltungskünste der geborenen Fröhlich, ihrer schaffnerischen
Schwiegertochter, nicht wären, würden die Sorgen sich manchmal dichter
auf ihrem Schreibtisch sammeln; aber daß der angeblich unbrauchbare und
vor der Zeit entmündigte Mann nun vor sich selber und vor dem Spott der
Tüchtigen im Glanz eines Ruhmes dasteht, der alles für sie Erreichbare
in den Schatten enger Bürgerlichkeit stellt: das ist für sie wie eine
Abendsonne, die in der letzten Stunde doch noch über einen trübseligen
Regentag gesiegt hat.
So wird es ein bewegter Geburtstag für sie, als ihr die fünfundsechzig
Jahre vollgezählt werden, und es ist unwirklich schön, daß er auf
einen Sonntag fällt. Muralt und Niederer haben ihn als ein Sommerfest
vorbereitet, das bei kühlsonnigem Augustwetter im Schloßhof gefeiert
wird. Da sind Bänke und Tische aufgestellt, auch ist ein Boden
aufgeschlagen, einen Tanz oder ein Spiel zu machen, und solange die
Sonne in den Hof geschienen hat, mag sie nicht ein so buntes Getümmel
darin gesehen haben wie an diesem Tag. Das Gemäuer rundum ist mit
Laubgewinden und Schweizerfahnen aller Kantone geschmückt, und eine
Musikkapelle -- von den Zöglingen unter Bußens Leitung gestellt --
sorgt, daß die Schweizerlieder auch Begleitung haben.
Als dann die Röte sich aus dem Licht der Sonne ablöst und umso wärmer
zu leuchten scheint, jemehr die Wärme versiegt, treten ihrer viele an
die Mauer, nach den Bergen zu schauen, die langsam von der Glut voll zu
laufen scheinen. Auch Heinrich Pestalozzi ist mit Muralt vorgegangen,
und Mutter Pestalozzi, wie sie an diesem Tag mehr als hundertmal
begrüßt worden ist, wird von Niederer in einem galanten Anfall am Arm
herzu geleitet. Wie sie dastehen, mag über Tobler, der seit seinem
Mißerfolg in Basel leicht wehmütig wird, der Schatten einer Eifersucht
fallen, daß er nun sichtlich an die dritte Stelle geraten ist; als
ob er den Meister in die gemeinsame Frühzeit zurück führen müsse,
erinnert er ihn an den Abend, wo sie zu vieren hier standen und er
sein Beispiel vom Haus des Unrechts sagte. Daß die andern davon nichts
wissen, tut ihm sichtlich wohl, und als sie darum drängen, versucht
er es mit eigenen Worten zu sagen, wie der Anteil an den Lebensgütern
in drei Stockwerke geteilt wäre, darin die Wenigen, wenn sie wollten,
Gottes Herrlichkeit aus allen Fenstern sähen, die Mehreren nur den
Glanz an den Hofwänden, während die Vielen im Keller nicht einmal den
trüben Schein in ihren Löchern zu deuten vermöchten.
Heinrich Pestalozzi, der die Schwermut im Grund seiner Heiterkeit schon
den ganzen Tag gefühlt hat, spürt den Schrecken bei der ersten Frage
ans Herz klopfen; während der ahnungslose Erzähler vor den andern seine
Erinnerung ausbreitet, quillt das schwarze Wasser der Trübnis in ihm
auf, so überkommt ihn der Zwiespalt zwischen dem lauten Freudentag und
der verschütteten Heimlichkeit seiner Absichten. Er wagt nicht, Annas
Blick zu suchen, so wehmenschlich ist ihm zumut, legt Muralts Hand
von seinem Arm weg auf den Mauerrand, und ehe die andern wissen, was
ihn ankommt, läuft er durch ihre Reihen hinaus und über den unteren
Hof vors Tor. Da breitet sich die abendliche Landschaft in ihrer
Sommerfülle aus, und die Dächer der Bürgerhäuser stehen behäbig darin,
sodaß ihm der Schritt auch hier gehemmt wird: Warum hab ich es nicht
im Birrfeld vermocht? Ein Armenkinderhaus habe ich gewollt und die
Pensionsanstalt sollte mir nur die Mittel dazu geben: nun sind die
Mittel längst selber Zweck. Ich sitze als Glücksvogel hier auf dem
Schloß und spreize das Rad meiner Federn; im Birrfeld, oder wo sonst
die Not der Zeit ist, geht alles wie vor dreißig Jahren, nur diesem
Bürgerort hab ich neues Fett gemästet!
Er weiß nicht, daß er weint, aber als sich das Gesicht Annas zu ihm
beugt, die ihm allein nachgegangen ist, vermag er ihre Augen vor Tränen
nicht zu erkennen; auch quillt der Zorn noch so in ihm, daß er fast
nach ihr schlägt. Du hast gesiegt! schreit er und schlägt den Kopf in
beide Fäuste: der Armennarr ist tot! Ich hab verloren. Sie streichelt
und tröstet ihn nicht, wie er fürchtet, sie setzt sich still gegenüber,
wo ihr der andere Torstein einen Platz anbietet, und wartet ab, bis aus
der Mure seiner Verzweiflung die gröbsten Blöcke ins Tal gefahren sind
und endlich der zähe Schlamm seiner Verbitterung zum Stehen kommt. Sie
hat ihn klug verstanden, daß es zwei Welten wären: ihre Stille, den
Wohlstand herzugeben, und seine Unrast, ihn zu vertun; auch hat sie das
böse Wort nicht überhört, warum Kampf sein müsse zwischen ihm und ihr,
zwischen Mann und Frau durchs Leben? Aber als es dann still wird, weil
nichts mehr fließt, und nur ein Wind vom Tal sie beide mild bestreicht,
die in der sinkenden Dunkelheit am Tor dasitzen, als ob sie all das
junge Leben dahinter bewachen müßten gegen die unheimlichen Gestalten
der Nacht, fängt ihre Stimme an zu sprechen, daß nach dem Getöse seines
Bergsturzes nun wieder ein Bach hörbar wird: Pestalozzi, sagt sie und
wägt die Worte: ich dachte, daß wir vor Gott gleich wären, arm und
reich! Warum willst du das Unrecht nach unten in der Menschenordnung
mit Unrecht nach oben vergelten? Oder sollten Kinderseelen schon darum
unwert sein, weil die Eltern Geld im Beutel haben? Was nötig ist, sind
nicht die Waisenhäuser im Birrfeld oder hier, sondern daß du dein
Vorbild und deine Lehre hinterläßt. Am Ende kommt es darauf an, was
wir gewesen sind, hat dir der Menalk gesagt, als wir jung waren und
er schon sterben mußte. Nun, wo wir vierzig Jahre älter geworden sind
und alt an dem Tor dasitzen, will ich das Wort noch einmal sagen; doch
hat es sich verändert: Am Ende, Pestalozzi, fragt Gott nicht, was wir
gewesen sind, er rechnet, was aus uns werden möchte!
86.