der die Seele solcher Taten ist: die Kinder sind durch einen jungen
Dorfschulmeister namens Hermann Krüsi aus Gais gebracht worden, der
als dritter ein Zimmer im Schloß erhält. Er ist ein lernbegieriger
Mensch von vierundzwanzig Jahren, dem die Nähe des berühmten Verfassers
von Lienhard und Gertrud eine Erhöhung seines Lebens bedeutet;
für seine Appenzeller Kinder wird ihm eine besondere Schule im
Ort eingerichtet, sodaß sie morgens miteinander in den Burgdorfer
Schuldienst hinuntergehen. Obwohl Heinrich Pestalozzi sich mit seinen
Menschheitsplänen in der Buchstabierschule der Jungfrau Stähli -- wie
er dem Krüsi sagt -- allmählich gleich einem Seefahrer vorkommt, der
seine Harpune verloren hat und mit der Angel probiert, Walfische zu
fangen, bleibt er unverdrossen dabei, bis er im Frühjahr die Burgdorfer
zu einer öffentlichen Prüfung einladen kann. Schon die Neugierde, in
die seltsamen Karten des wunderlichen Fremdlings zu blicken, treibt sie
zahlreich herzu; aber nun steht nicht mehr das Mitleid kopfschüttelnd
da wie in Stans, es gibt eine wahre Verblüffung über die Fertigkeiten
so junger Schüler, und die Schulkommission stellt ihm ein öffentliches
Zeugnis aus, dankbar, daß er gerade Burgdorf für seine Lehrversuche
gewählt habe. Diese Anerkennung macht ihn zittrig vor Freude, weil
er nun endlich die Weite für seine Dinge geöffnet sieht, sodaß er
in seinem fünfundfünfzigsten Jahr trotz dem Ehrenbürgertum der
französischen Republik wie ein belobter Schüler in die Ferien kommt und
seiner Frau Anna das Zeugnis in den Schoß legt. Eigentlich bist du zu
alt dazu, lächelt sie wehmütig mit dem Papier in der Hand: oder sollte
die Zeit gekommen sein, wo die Großväter wieder zur Schule gehen? Aber
er läßt sich sein Glück nicht erschüttern: »Man hat mir schon in meinen
Knabenschuhen gepredigt, es sei eine heilige Sache um das von unten
auf Dienen; ich achte es für die Krone meines Lebens, daß man mich mit
grauen Haaren in der Schule von unten anfangen läßt!«
Er hätte nötig, daß diese Ostertage Ferien für ihn würden, aber sein
Sohn Jakob will sterben, und während draußen der Frühling schäumt,
zerreißen die Schmerzen den hilflosen Mann, dem er den Neuhof als
Erbschaft mühsam aufgespart hat. Zerstört von Nachtwachen kommt er
wieder in Burgdorf an, wo Krüsi allein auf ihn wartet, weil Fischer
enttäuscht und todkrank nach Bern zurückgegangen ist. Als Heinrich
Pestalozzi spät abends den Steilweg aus dem Ort hinauf tastet, findet
er den Appenzeller, der seitdem einsam und landfremd in den leeren
Gebäuden haust, sehnsüchtig harrend am Tor. Mein Sohn stirbt, sagt er,
als sich der Jüngling ihm weinend in die Arme wirft: kommst du mir an
Sohnes Statt?
Danach gibt es einen Erntesommer für ihn, wie er noch keinen erlebte:
die Bürger haben ihn dankbar zum Lehrer an der zweiten Knabenschule
gemacht, darin er an die sechzig Knaben und Mädchen zu lehren hat;
und kaum, daß er mit Krüsi überlegt, wie ihre Schulen sich vereinigen
und, in Klassen eingeteilt, besser im Lehrplan einrichten ließen --
nur an Raum fehlt es im Schulhaus, während im Schloß die schönsten
Räumlichkeiten leer stehen -- sind die Herren in Burgdorf und Bern
gleich so diensteifrig, daß die Kinder schon zum Sommer auf dem Berg
einrücken können. Als der Schloßhof von dem emsigen Gewirr ihrer
Stimmen widerhallt, müssen die Knaben und Mädchen von der Linde ein
Schweizerlied ins waldige Emmental hinunter singen, und diesmal stehen
keine Luzerner da zum Lachen, weil er selber mit seiner alten Stimme
fröhlich den Takt hineinkräht: Nun ist es kein leeres Schloß mehr,
denkt er, und ich brauche morgens nicht auf einem Steckenpferd den
Berg hinab zu reiten! Wie ein Feldherr einen Engpaß bezwungen hat,
das bedrängte Land von den Feinden zu räumen, fühlt er sich längst
über die ersten Buchstabier- und Rechenkünste hinaus und mächtig, in
die entlegenen Gebiete der herkömmlichen Schulmeisterei den Gang der
Natur zu tragen. Er hat zum Wort und zu der Zahl die Form der Dinge als
drittes Element für seinen Unterricht gefunden und hält nun endlich
das Geheimnis in der Hand: das Abc der Anschauung, daraus sich alle
Fertigkeiten und Kenntnisse gewinnen lassen.
Mit dem Sommer fängt die Nachricht von der Wunderschule im Schloß
zu Burgdorf an durchs Land zu gehen, und wie ehemals auf dem
Neuhof, kommen Gläubige und Zweifelnde an, sich mit eigenen Augen
zu überzeugen, was Wahres an dieser neuen Zeitung sei. Sie finden
keinen Einsiedler mehr: Krüsi hat aus Basel seinen Freund Tobler
geholt, der dort als Theologiestudent den Hauslehrer spielte; der
wiederum bringt einen jungen Buchbinder namens Buß aus Tübingen mit,
weil er sich trefflich aufs Zeichnen und die Musik versteht, welche
Künste Heinrich Pestalozzi auch in den Anfängen versagt sind. Sie
hausen zu vieren in dem Schloß und müssen manchmal selber lachen,
was für einen seltsamen Verein sie bilden: ein Romanschreiber, ein
Theologiestudent, ein Buchbinder und ein Dorfschulmeister. Ich bin
nun wirklich ein Wundertier, scherzt Heinrich Pestalozzi oft, ich
habe vier Köpfe und acht Hände. Er wird auch nicht müde, die Fremden
durch die Klassen zu führen, wo im ersten Stock die Körbe mit den
Buchstabentäfelchen stehen, daraus sich vor den Augen der Kinder die
Silben und Wörter auswachsen; in der zweiten fangen die Schreibkünste
auf den Schiefertafeln an -- die meist als die größte Neuheit bestaunt
und befühlt werden -- und durchsichtige Hornblättchen mit eingeritzten
Buchstaben sind die stummen Schulmeister in den Händen der Kinder,
ihre Schriftzüge zu kontrollieren; der dritte Raum ist groß genug zu
Marschübungen, und wenn den Besuchern schon aus den andern Stuben
der Takt im Chorsprechen als das Erstaunlichste im Ohr geblieben
ist, weil er die Vielheit der Schüler mit einem Mund sprechen läßt,
so sehen sie nun den selben Takt als Erscheinung lebendig werden,
wenn die Kinder fröhlich singend oder deklamierend gleichen Schritt
halten. Heinrich Pestalozzi weiß wohl, daß dies alles nur die
Augenfälligkeiten seiner Lehrübungen sind, und es ficht ihn nicht an,
wenn ein gelehrter Herr kopfschüttelnd über die Einfalt solcher Methode
den Berg hinuntergeht. Sie suchen den Stein der Weisen, spöttelt er,
aber es darf kein Stein sein, weil sie sonst nur an den Bach zu gehen
brauchten! Auch meinen sie, ich plagte mich in meinen Großvaterjahren
um neue Schulmeisterkünste, wo ich doch nur der Armut eine Treppe bauen
will. Und als der sinnende Tübinger, dem es am schwersten fällt, sich
einzuleben, ihn einmal am Abend fragt, wie er das meine? sagt er sein
Beispiel von dem Haus des Unrechts.
Sie sitzen auf der Mauer unterm Lindenbaum und sehen, wie die
Sonnenröte die Alpen herrlich überschüttet, und auch die beiden anderen
kommen horchend herzu, als er beginnt: Was meint ihr, daß einer im
Keller unseres Schlosses von diesem Abend sähe! Die Luken im Gewölbe,
zu hoch für die Augen, werden ihm nur einen bläßlichen Schein der Röte
geben! Besser wird es in den Stuben des unteren Stockwerks sein; obwohl
es nach außen kein Fenster hat, sieht man den Widerschein im Hof und
ahnt die Herrlichkeit! Nur oben, wo die Fenster aus den Sälen nach
allen Seiten den freien Ausblick gestatten, kann der Bewohner sich
gemächlich in eine Nische setzen, den Anblick zu genießen! Nun denkt
euch, Freunde, es gäbe keine Treppe in diesem Haus, sodaß die Herren
in den Sälen die einzigen Genießer wären, die Bürger in den Stuben
darunter könnten nicht hinauf, obwohl ihnen der Widerschein im Hof das
Blut unruhig machte; das arme Volk aber in den Gewölben säße gefangen
im fensterlosen Dunkel und hätte von Gottes Sonne nur die trübe Röte an
der Luke!
So, Freunde, ist das Haus des Unrechts um die Klassen der Gesellschaft
gebaut. Drum hab ich mich gemüht mein Leben lang und bin ein Narr
geworden vor ihren Augen, daß ich in dieses Haus des Unrechts die
Treppe der Menschenbildung baute.
81.
Wenn die Morgenstunden seiner Schule zu Ende sind, geht Heinrich
Pestalozzi bei gutem Wetter an die Emme hinunter, Steine zu suchen. Er
kennt nur wenige Arten und wählt sie mehr wie ein Kind nach der schönen
Farbe aus, doch schleppt er gern ein Taschentuch voll davon, wenn
er zum Stadthauswirt Schläfli an den Mittagstisch kommt. Meist geht
auch eins oder das andere der Appenzeller Kinder mit, und namentlich
ein Knabe namens Ramsauer begleitet ihn gern. Wie er eines Tages mit
dem im sonnigen Gestein sitzt -- trotzdem ihm die Gehilfen tapfer
beistehen, schmerzt ihn die Brust vom Sprechen -- denkt er mit einer so
traurigen Sehnsucht an sein verlassenes Waisenhaus in Stans, daß ihm
die Tränen rinnen. Er weiß schon lange, daß ihn die Regierung nicht
dahin zurücklassen will, aber er hat es nicht angeschlagen um seiner
neuen Arbeit willen; nun läuft ihm die Bitterkeit der unbefriedigten
Gedanken von allen Seiten zu. Es gerät ihm wie niemals vorher mit
seiner Treppe der Menschenbildung, er hat den Schlüssel, alle
Stockwerke zu öffnen, aber es sind doch nur die Bürgerkinder dieser
wohlhabenden Kleinstadt, die davon Nutzen haben: Schlimmer als jemals
ist die Not im Land, und ich habe in eitler Selbstgefälligkeit die
Fremden durch meine Methode spazieren geführt. Als sie mich für einen
Narren hielten, schrieb ich meine Schriften; jetzt, wo mir die Bürger
gute Zeugnisse geben und ein Gehalt zahlen, bin ich Großvater wirklich
ihr Narr geworden!
Als er bedrückt von solchen Gedanken, diesmal ohne Steine im Sacktuch,
in die Stadthauswirtschaft kommt, sieht er Tobler schon wieder mit zwei
Fremden dasitzen, einem rotköpfigen Pfarrer und einem Tirolerknaben,
die erfreut aufstehen, ihn zu begrüßen. Er kann seinen Groll zu
keinem freundlichen Wort zwingen, macht augenblicklich kehrt und
läßt sein Mittagsmahl im Stich, obwohl Tobler gleich hinter ihm her
ruft. Unterwegs tut ihm die Torheit leid, aber wie er dann an seinem
Sorgenplatz unter der Linde steht, kommen ihm die drei hartnäckig
in den Schloßhof nach, und nun muß er selber lachen, weil der junge
Pfarrer niemand anders als der Freund Toblers, Johannes Niederer aus
Sennwald ist, mit dem er seit Monaten im herzlichsten Briefwechsel
steht. Den Tirolerknaben, der auf eigene Faust sein Schüler werden
will, hat er zufällig unterwegs getroffen. So geht mirs, klagt er und
schließt sie beide in die Arme: vor Gleichgültigen mache ich meine
Kapriolen, und wenn Freunde kommen, rennt der Hase fort!
Er kehrt danach mit ihnen in das Stadtwirtshaus zurück, und es wird
ein fröhlicheres Mittagsmahl, als er es seit Wochen hatte; denn seit
dem Holsteiner Nicolovius ist ihm nicht mehr solche Liebe widerfahren,
wie in den Feuerbriefen dieses kaum zwanzigjährigen Pfarrers aus
Sennwald, der nun wie der Husarenkapuziner aus Stans neben ihm sitzt,
so rotköpfig und so verbissen in seine Gedanken. Er ist zwar vorläufig
nur zum Besuch gekommen, aber Heinrich Pestalozzi reißt wieder einmal
gierig die Zukunft aus der Gegenwart los: Ihr seid die Jugend, die zu
mir aufsteht, sagt er und halt ihnen sein Glas hin, als ob er alle Tage
so schöppelte; nun will ich den Fischzug meines Lebens machen! Und weiß
auf einmal garnicht, warum er sich bis zu diesem Tag geweigert hat,
die Erbschaft Fischers ganz anzutreten: ein Schullehrerseminar, eine
Musterschule und eine Pensionsanstalt hat der in Burgdorf gewollt, den
nun in Bern der Rasen deckt, indessen er noch immer eigensinnig auf
sein Waisenhaus in Stans wartet, als ob es diese oder jene Waisen und
nicht die Treppe seiner Lehre gelte.
Noch in den Tagen, da Niederer wie ein Spürhund durch die Klassen geht
und jeden Fund verbellt, verhandelt er mit der Regierung in Bern. Er
fühlt, daß sich die Summe seines Lebens einsetzen will: was er als
Landwirt, Armennarr und Schriftsteller auf dem Neuhof, als Waisenvater
in Stans und als Winkelschulmeister in Burgdorf an Erfahrungen
einbrachte, soll nun Erscheinung werden. Zwar haben die politischen
Hagelwetter seinen Freund Stapfer als Minister verdrängt, aber
noch in den letzten Wochen hat er ihm eine helvetische Gesellschaft
von Freunden des Erziehungswesens gegründet, die ihm nun mit einem
Aufruf an die Bürger aller Kantone beisteht. Zum andernmal nach einem
Vierteljahrhundert rasselt seine Werbetrommel durch das Land, aber nun
treten ihrer viele zu dem Bürger, dessen Ruhm im Ausland geklungen
hat. Schon im November sind an die fünfzig Zöglinge im Schloß, nicht
Bettelkinder wie im Neuhof, die ihren Unterhalt durch eigene Arbeit
verdienen sollen, sondern Bürgersöhne und Töchter, deren Eltern den
Aufenthalt mit gutem Geld bezahlen. Er löst die Burgdorfer Schule ab,
und nur die von den Appenzeller Kindern bei ihm bleiben wollen, behält
er um Gotteswillen; der Tiroler Schmidt ist auch darunter.
Heinrich Pestalozzi staunt, wie rasch ihm dies alles ins Kraut
geschossen ist, aber der Erfolg macht ihn fröhlich, sodaß er dem Herbst
und Frühwinter die Tage wie die Blätter eines Märchenbuches abliest.
Darüber kommt Weihnachten, und er kann diesmal nicht in Neuhof sein,
weil einige Kinder mit den Gehilfen bleiben, denen er als Vater das
Fest bereiten muß. Zum Neujahr deckt ein dicker Schnee alles mit runden
Kappen zu, und der Weg vom Schloß hinunter bis in die Häuser ist
eine steile Schlittenbahn. Selbst seine Burgdorfer Freunde schütteln
mißbilligend den Kopf, als sie ihn da mit den Kindern schlitteln
sehen, und der Doktor Grimm sagt ihm, daß dies kein Geschäft für einen
Großvater sei; er aber, der nichts Schöneres auf der Welt kennt, als
wenn verschüchterten Kindern die Augen fröhlich aufgehen, nimmt
einen Schneeball und wirft ihn, sodaß es -- als die Knaben seinem
Beispiel folgen -- ein lustiges Gefecht um die Fröhlichkeit gibt, bei
dem der Griesgram in die Flucht geschlagen wird: Das ist keine so
einträgliche Schlacht für euch Doktoren, als wenn mit Bleikugeln auf
Menschen geschossen wird, sagt er ihm einige Tage später, als er ihn
bei Tauwetter wiedertrifft, aber sie macht rote Backen! Der Doktor
schüttelt unwillig den Kopf: er habe ihm nur die Post mitgebracht, weil
er doch zu dem Knaben müsse, der sich bei dem Spaß bös erkältet habe.
Es ist nur ein zierlicher Brief, von Frauenhand mit dünnen Buchstaben
adressiert; er öffnet ihn gleich und liest, daß ihm die Tochter
Lavaters den Tod ihres Vaters meldet, der am zweiten Januar seiner
Verwundung nach langem Siechtum erlegen sei. Von ihm selber aber liegt
ein Zettel dabei, den er als Abschiedsgruß noch auf dem Sterbebett an
ihn geschrieben hat:
»Einziger, oft Mißkannter, doch hochbewundert von vielen,
Schneller Versucher des, was vor dir niemand versuchte,
Schenke Gelingen dir Gott! und kröne dein Alter mit Ruhe!«
Heinrich Pestalozzi ist so erschüttert, daß er den erstaunten Doktor
ohne Wort auf der Straße stehen läßt und quer über die nassen
Schneefelder zur schwarzen Rinne der Emme hinunterläuft. Dies ist genau
so unvermutet wie in den Jünglingstagen, als Lavater ihm den »Emil« ins
Rote Gatter brachte: Er war nicht mein Freund, überschlägt sein Gefühl,
er hat mich nie recht gemocht, und nur ein paarmal hat uns das Leben
nebeneinandergestellt; nun hat er wie Bluntschli vor Gott gesessen
mehr als ein Jahr, kaum, daß ich einmal an ihn dachte im Strudel meiner
Dinge, und er schickt mir dieses Wort!
Nur die treue Erinnerung hat er aus dem Zettel gelesen, kaum die
Sätze; doch wagt er nicht, ihn noch einmal vor die Augen zu bringen,
so ehrfürchtig ist ihm zumute, weil er von einem Toten kommt: Wie
dieser Bach im Schnee übereilen wir unsern Weg, sagt er und läßt seine
Augen mit den Glattwellen laufen, bis sie hinter den schwarzen Büschen
verschwinden. Nur an unsern Ufern sehen wir die Dinge, alles nur einmal
im Gedränge, und kein Augenblick kann gegen den Wellenschlag zurück.
Wenn wir unten sind, ist dies unser Leben gewesen; aber unser Wasser
war es nicht. Das Wasser gehört der Welt, der kein Tropfen an irgend
wen verloren geht; unser Teil ist, daß wir fließen. Durch ein paar
Mühlräder können wir laufen unterwegs, aber nicht mehr sehen, wieviel
von Gottes Korn damit gemahlen wird.
82.
Heinrich Pestalozzi hat sich in dem nassen Schnee eine Erkältung
geholt, die über Nacht fiebrig wird, sodaß ihn der Doktor Grimm für
ein paar Tage zur Vergeltung ins Zimmer sperrt. Kröne dein Alter mit
Ruhe! steht auf dem Zettel Lavaters, den er nun auswendig weiß; aber
selten hat ihm ein Wort so viel Unruhe bereitet. Er weiß, wie dünn ihm
die Kräfte geworden sind und daß ihn täglich die Gefährlichkeit seiner
Jahre ankommen kann; aber keine drohende Krankheit vermöchte ihn so zu
schrecken wie die Sorge, lässig zu werden: Die Ruhe des Alters kommt
denen zu Recht, die Glück mit ihrem Leben hatten; ich aber, dem alles
unter den Händen zerbrach und der ich noch als Großvater in die Schule
mußte, ich wäre damit einem Bauer gleich, der seine Felder und Gärten
in Dürre und Kriegsnot bestellt hat und danach die Ernte versäumte.
Diese Ernte aber wächst weder in Burgdorf noch in einer andern
Anstalt allein, sie ist ihm auf den unübersehbaren Feldern seines
Lebens gereift, und nur, wenn er eine alles umgreifende Darstellung
seiner Lehre der Menschenbildung hinterläßt, hat er nicht umsonst
gelebt. Unter den Gehilfen, die er nun wieder mit den Zöglingen
Schneeballen werfen sieht -- weil der Winter neuen Schnee auf den
glatt gefrorenen Guß des Tauwetters gelegt hat -- ist keiner, der
von der Last seiner Erfahrungen und dem Gang der Methode mehr als
die Anfänge wüßte; und was sie davon ausbrächten, wenn er stürbe,
wäre nichts als eine notdürftig gebesserte Schulmeisterei. Schneller
Versucher des, was vor dir niemand versuchte, schreibt er mit den
Worten Lavaters auf das oberste der Blätter, die er gleich am ersten
Tag seiner Stubenhaft herauskramt, um sein Lehrbuch der Menschenbildung
zu beginnen. In seinen Nachforschungen über den Gang der Natur in
der Entwicklung des Menschengeschlechts hat er versucht, seine Sache
auf eine Weltanschauung zu gründen; nun will er den gleichen Gang
der Natur in der Erziehung aufweisen. Aber als er gleich in diesen
Januartagen anfängt zu schreiben, wird es zugleich ein Bekenntnisbuch
seines fünfundfünfzigjährigen Lebens: alle Einsichten, die er sich
in mühseligen und schmerzenden Erfahrungen für die Volksbildung
erkämpft hat, fließen ihm hin in zwölf angeblichen Briefen, von denen
jeder eine Schrift für sich sein könnte. Es ist nun wirklich, als ob
er die Früchte abnähme vom Baum seines Lebens, obwohl draußen erst
das Frühjahr den Winter ablöst und sich von einem Strauch zum andern
durchblüht in den grünen Sommer. Immer wieder füllen die Zöglinge den
Hof mit ihrem fröhlichen Lärm, von den Gehilfen zum Spiel geführt, Tag
für Tag steht er selber unter ihnen mit Zuspruch und Lehre, Eltern
kommen, ihre Kinder zu bringen, und Freunde weither in Reisewagen,
seine Schule zu sehen: was sonst der Sinn seines Tages war, ist nun
eine bunte Füllung geworden, und erst abends, wenn Heinrich Pestalozzi
wieder an seinen Blättern sitzt, blüht ihm die Seele im eigenen
Herzschlag auf. Wer ganz bei sich ist, ist bei den andern! schreibt er
einmal auf einen Zettel, als er sich selber zu eigensüchtig vorkommt
inmitten der durch ihn bewegten Dinge.
Das zwölfte Stück ist fertig, als ein Brief vom Neuhof anlangt, daß
sein Sohn Jakob im einunddreißigsten Jahr seines schmerzvollen Lebens
gestorben ist; seine Frau schreibt ihm die Nachricht und daß sie ihr
Kind selber, von Zürich hingerufen, nur noch auf dem Totenbett gefunden
habe. Es tut ihm einen Stich ins Herz, aber er vermag die Feder nicht
hinzulegen, so sehr scheint ihm die Nachricht aus der Verwirrung seiner
Gedanken aufzuquellen. Er ist mit seiner Arbeit in eine böse Stockung
geraten: wie er die Uhrfeder der Sittlichkeit in seine Methode
einsetzen will, erkennt er, daß die sinnliche Befriedigung bei jedem
Kind auf den Genuß geht und dem sittlichen Zwang feind ist. Soviel
er denkt und deutelt, er vermag die Sittlichkeit auf kein Bedürfnis
der Kindnatur zu gründen, und so muß er seiner Lehre selber die
Natürlichkeit fortnehmen, als er sie damit krönen will: »Es ist hier,
wo du das erste Mal der Natur nicht vertrauen, sondern alles tun mußt,
die Leitung ihrer Blindheit aus der Hand zu reißen und in die Hand von
Maßregeln und Kräften zu legen, die die Erfahrung von Jahrtausenden
angegeben hat.« In diese Verwirrung fällt die Todesnachricht, die
dadurch nicht gemildert wird, daß er sie für den Sohn als eine Erlösung
empfindet. Er hat den Blick Annas nicht vergessen, als sie ihn damals
ins Kleefeld legen mußten; irgendwie stürzt ihm das Gebäude seiner
Lehre ein und er hört die Säulen krachend zerbrechen: Wenn jetzt seine
Gläubigkeit nachläßt, wird ihm alles da entwertet, wo er es geheiligt
sehen wollte.
Die Schriftzüge seiner Frau retten ihn; er weiß, ihr ist es als Mutter
schwerer geworden, die Nachricht mit einer Feder zu schreiben, als ihm,
sie zu lesen; aber kein Wort steht anders als in der Ergebung da, die
ihr heiliges Erbteil ist. So beugt er sich aus seinen Wirrsalen über
das tiefe Geheimnis der Mutter, darin die sinnliche Befriedigung alles
Daseins im Anfang beschlossen ist. Die Sitte der Appenzeller Frauen
fällt ihm ein, dem Neugeborenen einen papierenen Vogel über die Wiege
zu hängen, bunt bemalt, um so die ersten Sinneseindrücke des Säuglings
in den menschlichen Bannkreis zu zwingen. Die Mutter ist der Brunnen,
darin Gott und Natur noch eins sind, aus ihr wächst die erste Nahrung
des Kindes, wie es selber gewachsen ist, und alles, was sie ihm danach
gibt, wird natürlich durch ihre Gabe, sie kann aus Gott das Brot des
Lebens machen. Nachdem rastet Heinrich Pestalozzi nicht mehr, schreibt
durch diese Nacht und noch tief in den Morgen, bis er die letzten
Briefe seines Buches fertig hat, die nun ein Lobgesang auf die Mutter
werden und auch den Titel des Buches bestimmen: »Wie Gertrud ihre
Kinder lehrt«. Eine gehetzte Angst hat seinen Überschwall getragen, bis
er am andern Mittag vor den Blättern -- leergeflossen an ihrem Inhalt
-- auf dem Stuhl in einen bleiernen Schlaf sinkt.
Am andern Morgen in der Frühe holt er den Stecken und den Ranzen vor,
noch einmal aufs Birrfeld zu wandern, wo seine Frau das frische Grab
des Sohnes hütet. Es wird ihm leichter zu gehen, als er gedacht hat;
und als er schon tief im Aargau drin zwei Kinder bei einer Scheune
trifft, die eine Leiter quer über einen Brunnentrog zu einer Schaukel
gelegt haben, auf der sie abwechselnd mit glücklichen Augen in den
Himmel fahren, ruht er sich rätselvoll bewegt bei ihnen aus. Gleich
wird die Magd mit dem Eimer kommen, Wasser zu schöpfen, und der
Knecht wird die Leiter brauchen; das Glück ihres Spiels bleibt ihnen
trotzdem unangetastet: eine paar Steine auf dem Feld, eine Kuhherde
auf der Weide werden ihnen vielleicht in einer Stunde noch höhere Lust
bereiten, weil die nicht aus den Dingen -- und also aus den Sinnen --
sondern aus ihren Seelen kommt. Es gibt keine bösen Lockungen der
Sinne zum Genuß, es gibt nur eine Lust der Seele, die sich in ihrem
Körper fühlt; sie ist das Leben selber und kann kein Hindernis der
Bildung sein: gerade sie muß der Mutter das Leitseil werden, ihr Kind
ins Gute zu führen. Die Hölle und das Paradies liegen gleichviel darin,
oder fast nicht, weil Lust und Pein Feuer und Wasser sind, während jede
Lust in ewige Seligkeit ausfließen will!
Er trifft Anna, wie sie mit Gottlieb, dem Enkel, am Brunnen steht, als
ob es noch ihr Knabe wäre. Die Rührung überströmt ihn, sodaß er ihr
ins Ungewisse hinein die Hand hin hält, so hindern die Tränen ihn,
ihr Gesicht zu sehen: Nun ist das Band fort, das von meinem zu deinem
Leben ging! Aber als ob ein Schwamm ihm dreißig Jahre von seinem Leben
auslöschte, wird er vom Klang ihrer Stimme berührt: Nein, Pestalozzi,
es ist nur in die Ewigkeit gelegt!
83.
Im Oktober läßt Heinrich Pestalozzi das Buch erscheinen, und noch vor
Weihnachten sieht er die Saat seiner Worte in den deutschen Blättern
aufgehen; es können zunächst freilich auch nur Worte sein, aber die
Namen der Schreiber sagen der aufhorchenden Schweiz, daß aus dem
Armennarr im Neuhof eine geistige Macht geworden ist. Auch könnte
ihm Füeßli nicht noch einmal mit seiner Rede von der Rührung und dem
Kirschwasser kommen; denn alles an dem Buch ist Rede und Überredung,
und jeder Beifall bedeutet eine Entscheidung für ihn, die irgendwie
in Taten endigen muß. Indem sich danach die Zöglinge für seine Anstalt
reichlicher melden, hilft das Buch auch seiner äußeren Lage, sodaß er
diesmal zuversichtlicher als sonst das Frühjahr abwartet.