Kästchen ganz getäfelt und auf dem runden Birnenholztisch liegt ein
Buch, das ihm bekannt scheint: »Nachforschungen über den Gang der Natur
in der Entwicklung des Menschengeschlechts« steht auf dem Titel. Er
weiß nicht, warum ihn die Erschütterung hindert, es in die Hand zu
nehmen; er sieht sich wieder in dem Sterbezimmer seiner Mutter daran
schreiben -- als ob es gestern oder vor hundert Jahren gewesen wäre, so
nah und so fern -- fast meint er, es wäre dasselbe Zimmer, aber seine
Augen suchen vergebens in den fremden Sachen. Er ist wieder mitten
drin im hochmütigen Elend jener Tage; die Brandung spritzt, und er
fühlt sich versinken in die Tatenlosigkeit der endlosen Mannesjahre: da
weiß er, es ist kein Ufer, an dem er gesichert steht, es ist nur eine
Insel, ein Stein im Meer, darauf ihn die Brandung geworfen hat.
77.
Sechs Wochen lang ist Heinrich Pestalozzi auf dem Gurnigel, von lieben
Menschen treu gepflegt. Die reine Höhenluft heilt in seiner Lunge aus,
was Kalkstaub und Abc-Geschrei darin verwüstet haben. Es sind noch
andere Kranke oben, auch Gesunde, die vor der herrlichen Natur in
Schwärmerei vergehen. Seit seinem ersten Morgen vermag er nicht mehr in
die blaue Talweite hinunter zu blicken, ohne an sein verlassenes Werk
zu denken. Er sieht unter allen Dächern die Wohnungen der Menschen und
weiß, von wieviel Verwahrlosung jede Wohlhabenheit da unten umgeben
ist. »Meine Natur ist der Mensch,« sagt er den Schwärmern, und eines
Morgens ist er mit seinem Stock und Ranzen nach Bern unterwegs. Er hat
keinen Wagen gewollt; es tut ihm wohl, so bergab schreitend den Takt
seines fröhlichen Marsches zu fühlen: alle lebendigen Dinge gehen im
Zweischritt, hat er dem besorgten Zehender zum Abschied gesagt, nur das
Leblose und Kranke rollt auf Rädern.
Zum Mittag hat er die sechs Stunden bis Bern hinter sich, und als
Rengger und Stapfer, die beiden Minister, aus einer gemeinsamen Sitzung
noch etwas zu besprechen haben, das sich auf dem Heimweg besser als
im Betrieb der kommenden und gehenden Posten erledigen läßt, läuft er
ihnen buchstäblich in die Arme und lacht mit seinem Runzelgesicht wie
ein Knabe, der aus den Ferien wiederkommt. Er will Kinder haben, es
ist ihm gleich wo, an denen er seine Versuche fortsetzen kann, bis
sein Waisenhaus in Stans wieder kriegsfrei ist; und noch in derselben
Viertelstunde schlägt ihm Stapfer vor, nach Burgdorf zu gehen, wo auch
Fischer seit einem Monat sei und an dem Statthalter Schnell wie an
dem Doktor Grimm einsichtige Helfer habe. Als Heinrich Pestalozzi das
Wort hört, fährt ihm eine halbvergessene Erinnerung auf, wie ihn der
Vorwitz eines Morgens dort in die Hintersassenschule brachte; er nimmt
es als eine Fügung, auch scheint es ihm eine Erleichterung, in Burgdorf
nicht wieder einsam zu sein. In seiner Fröhlichkeit sagt er gleich zu,
so kann Stapfer die Eingabe ans Direktorium vorbereiten, er selber
macht sich am andern Morgen gleich unterwegs, sein neues Arbeitsfeld
abzuschreiten.
Über Nacht gibt es Regen, und er muß die Post nehmen; ein guter Zufall
setzt ihm den Statthalter Schnell aus Burgdorf in denselben Wagen. Der
kennt ihn, hat am Abend vorher schon durch Stapfer von seinen Absichten
gehört und ist begeistert, dem berühmten Verfasser von Lienhard und
Gertrud gefällig sein zu können. Die Fahrt wird in Gesprächen kurz, und
in Burgdorf muß Heinrich Pestalozzi sein Gast sein; auch der Doktor
Grimm wird Hals über Kopf zu Tisch geladen, und es ist eine wahre
Verschwörung, wie sie ihm alles einrichten wollen. Sie wundern sich,
daß er gerade an der Hintersassenschule lehren will, und wollen ihm
das ärmliche Lokal erst zeigen. Er erzählt ihnen von dem Morgen, wo er
vorwitzig hinein sah, und ist fast ausgelassen vor Erwartung. Gegen
den Abend, als der Regen endlich nachläßt, macht er noch einen Gang zum
Schloß hinauf, das eine kleine Festung vorstellt, aber augenscheinlich
seit langem verwahrlost ist. Das äußere Tor hängt offen in den Angeln,
und an dem innern läutet er so lange vergebens, bis er merkt, daß
die Schlupftür geöffnet ist. Die Kiesel im Schloßhof sind vom Gras
überwachsen, hinten steht eine Linde, und als er bis an die Mauer geht,
fällt der Berg da fast senkrecht in die schäumende Emme, die ihn im
Bogen umfließt. Es nisselt immer noch, und sein Rock ist längst feucht;
er merkt es nicht, er hat zuviel gesprochen bei den Männern da unten,
und nun sind die Gedanken wie eine Krähenschar, die nicht zur Ruhe
kommt:
Er hat es Mord genannt, wie die Kinder bis ins fünfte Jahr im
sinnlichen Genuß der Natur bleiben, wie sie sehen, sprechen und ihre
andern Sinne gebrauchen lernen, und sich von selber eine natürliche
Anschauung der Welt in ihrer Seele aufbauen: wie sie dann aber gleich
Schafen zusammengedrängt in eine stinkende Stube geworfen würden, um
der fremden, sinnlosen Buchstabenwelt ausgeliefert zu sein! Nun denkt
er, wie auch die Moral und das Gesetz, selbst die Religion und ihre
Tugenden von hier aus der jungen Menschenseele aufgenötigt würden
und dadurch leicht das bittere Beigefühl lebensfeindlicher Mächte
behielten; sodaß, was dem Leben des Menschen einen höheren Sinn geben
solle, im Gefühl der Armen als Mittel der Unterdrückung bliebe. Seine
Gedanken können es noch nicht greifen, aber er fühlt sie dicht daran:
daß er alles, was nur aus dem Buchstaben gelernt würde, als fremd und
gleichgültig in seinem Unterricht ausscheiden, daß er den Naturgang
der ersten fünf Lebensjahre weiterführen möchte; nicht, um es den
Kindern bequemer zu machen, sondern um die Unnatur aus dem Wachstum des
Menschen zu nehmen.
Er ist so versessen in diese Gedanken, daß er garnicht hört, wie jemand
von hinten zu ihm kommt und die Hand auf die Schulter legt. Als er sich
umkehrt, ist es Fischer, der ihn zufällig aus seinem Fenster gesehen
hat: Wir sind die einzigen Menschenseelen in dem ganzen Gebäude, sagt
er erklärend zu ihm; aber Heinrich Pestalozzi ist noch viel zu sehr
bei den Reitversuchen seiner stolzen Gedanken, um ihn wörtlich zu
verstehen: Dann müssen wir jeden Tag den Berg hinunter traben, sagt
er und muß hellauf wie ein Knabe lachen, so rasch springt ihm aus
der abendlichen Grübelei ein Scherz auf: Zwei Narren in einem leeren
Schloß mit einem Steckenpferd, das wird ein schönes Rittertum, wenn wir
ausreiten.
78.
Nach acht Tagen kommt Heinrich zum zweitenmal aus Bern; diesmal in
einem heiteren Wolkenwetter zu Fuß; die Verwaltungskammer hat ihm im
Schloß ein Zimmer als Wohnung eingeräumt und für die Hintersassenschule
die Lehrerlaubnis erteilt. Der Schulmeister Samuel Dysli muß ihm
einen Teil von seinen dreiundsiebzig Schülern überlassen; weil aber
nur eine Stube da ist, vereinbaren sie einen Strich, der die Klassen
trennt: auf der einen Seite stellt sich Heinrich Pestalozzi auf und
fängt wieder tapfer an, aus der Sprache die Buchstabenlaute abzulösen;
auf der andern wandert der Schuhmacher von Bank zu Bank und behört
den Heidelberger Katechismus. Er kann es nicht verwinden, daß man
ihm den alten Landstreicher in die Schulstube schickt, die doch mit
dem Haus sein angeerbtes Eigentum ist, und wenn er in der Folge das
unaufhörliche Geschrei hört, wie der andere die Kinder abrichtet, im
Chor zu sprechen, wobei er selber mitkräht, wenn er sieht, wie sie
keine Bücher und Schreibhefte, nur eine Schiefertafel haben -- nie hat
er solch ein Schreibzeug gekannt -- darauf sie mit dem Griffel allerlei
Winkel und Figuren kritzeln: glaubt er einem Tollhäusler zuzusehen.
Er versucht, ihm zur Beschämung, mit seiner Schar die gewohnten Dinge
zu treiben, aber auch die ist von dem seltsamen Wesen angesteckt, hat
Augen und Ohren auf der andern Seite; und weil er sich scheut, vor den
Augen dieses Narren wie sonst mit dem Stock drein zu fahren, frißt ihm
der Ingrimm über die Vergewaltigung Stunden und Tage auf. Er sieht
bald, daß einer von ihnen beiden hier unmöglich wird, und da es seine
eigene Werkstatt ist, aus der er sich hinterlistig verdrängt sieht,
richtet er sich auf den Krieg ein.
Wenn Heinrich Pestalozzi, der ihn im Eifer meist ganz vergißt, ihn
kollegialisch ansprechen will, stellt er den gekränkten Stolz seiner
Bildung zwischen sich und ihn; denn er hat bald gemerkt, daß der
andere den Firlefanz nur treibt, weil er weder den Katechismus noch
sonst etwas nach der Vorschrift kann. Der Wurm der Kränkung will ihm
unterdessen das Herz abfressen, und schließlich geht er zum Pfarrer.
Dem ist es verdächtig, sich in diesen Handel zu mischen, weil er die
Hintermänner kennt; doch gibt er ihm Lienhard und Gertrud mit, damit
er sehe, was für ein Wundertier dieser Mann vorstelle. Samuel Dysli
hat schon gehört, daß es ein Romanschreiber sei, doch macht es ihm zu
viel Mühe, so dicke Bücher zu lesen; er blättert nur höhnisch darin
herum, und so findet er die Stelle, wie es dem alten Schulmeister in
Bonnal übel geht und wie sich der stelzbeinige Leutnant mit allerlei
Schleicherkünsten an seiner Stelle einnistet. Nun weiß er Bescheid,
und während Heinrich Pestalozzi schon wieder besessen von seiner
Absicht ist und gleich einem Specht an der Anschauungskraft der Kinder
herumklopft, bearbeitet Samuel Dysli die Väter, und eines Sonntags
halten die Burgdorfer Hintersassen eine Art Landesgemeinde in seiner
Werkstube ab: Wenn die Bürger und Herren schon ihre Narrheit mit der
neumodischen Lehrart hätten, möchten sie die Probe auch an den eigenen
Kindern machen!
So aufgereizt sind sie, daß sie es nicht bei dem Beschluß belassen; als
Heinrich Pestalozzi am Montag danach um sieben Uhr in die Schulstube
kommt, sitzen auf seiner Hälfte nur noch drei Kinder und heulen. In
der ersten Bestürzung ist er töricht genug, den Dysli zu fragen; der
läßt den Katechismus herunter schnurren, als ob er ihn extra für ihn
aufgezogen hätte. Da merkt er, daß ihm einer das Uhrwerk abgestellt
hat; doch kann er seinen Jähzorn noch meistern und geht hinaus. Und
nun meint er, daß der Schulmeister ihn wiederkennen müsse; denn wie
damals an dem Morgen kommt er ihm nach bis in die offene Tür. Auch
sonst stehen die Leute an den Fenstern und auf der Gasse; er sieht im
Vorbeigehen, daß sie die Kinder hinter sich halten, als ob sie ihre
Brut vor dem Wolf schützen müßten. Einige vermögen ihre Schadenfreude
nicht zu meistern und rufen ihm nach; ein Flickschneider, der ein
Schwager des Dysli ist, verfällt auf die Rache, laut zu buchstabieren:
b u bu, b e be, b a ba! Die ganze Gasse ist begeistert davon, und so
muß Heinrich Pestalozzi Spießruten laufen durch sein höhnisches Echo,
das ihm noch nachkräht, als er schon im Oberdorf ist.
Er will zu seinen Freunden, aber weder den Statthalter Schnell noch
den Doktor Grimm trifft er zu Hause, und Fischer ist für ein paar
Tage nach Bern gereist. So geht er kopfschüttelnd und trotz seiner
Großvaterschaft dem Weinen nahe wie ein Knabe den steilen Schloßweg
hinauf. Der Hof ist leer wie immer, und die Sonne malt die verzogenen
Schatten der Dächer hinein, als ob auch die ihm Fratzen schneiden
wollten. Es ist ihm für den Augenblick gleichgültig, wohin er geht,
weil jeder Schritt zwecklos ist; so tritt er unter die Linde und starrt
über die Mauer in die glitzernde Emme hinunter. Auch da unten sind noch
Hütten der Hintersassen, denen er aus der hilflosen Armut helfen will,
aber die bellen ihn an wie Hunde. Der Abend fällt ihm ein, wo er zum
erstenmal hier stand und das von dem Steckenpferd sagte. Nun haben sie
mir auch das fortgenommen, denkt er, und jetzt laufen ihm richtig die
trotzigen Tränen übers Gesicht, daß er ihre Schärfe in den Mundwinkeln
schmeckt.
79.
Das Erlebnis geht Heinrich Pestalozzi so nah ans Herz, daß er an diesem
und auch am folgenden Tag das Schloß nicht verläßt, obwohl er Hunger
leidet. Dann kommt Fischer aus Bern zurück, hört schon im Stadthaus,
wo er aus der Post steigt, von dem Aufruhr der Hintersassen, und
nun erlebt der Geschlagene, was treue Freundschaft für ihn vermag:
Grimm und Schnell helfen, und noch in derselben Woche steht Heinrich
Pestalozzi in der Buchstabier- und Leseschule der Margarete Stähli, wo
er seine Versuche ohne Widerstände fortsetzen kann. Da sind nur zwei
Dutzend Kinder in einer hellen Stube, und die Jungfrau bescheidet sich,
ihm eine Gehilfin zu sein. Er ist zwar im Anfang noch verscheucht, man
möchte ihn noch einmal aus der Schulstube fortschicken, und hält sich
ängstlich an die äußeren Vorschriften -- täglich von acht bis sieben
Uhr, die Mittagspause abgerechnet, steht er in seiner Klasse -- aber
indem er nun nicht mehr wie in Stans durch die wirtschaftlichen Sorgen
als Hausvater belästigt und bedrückt wird, auch keine verwahrlosten
Bettelkinder, sondern gepflegte Bürgertöchter vor sich hat, kann
er sich ungehindert dem Abc der Anschauung widmen, das ihm als die
Grundlage aller Kenntnisse und Fertigkeiten täglich geläufiger wird.
Noch immer geht er von keinem vorgefaßten System aus; er verläßt sich
auf seinen Instinkt, daß er für jeden Unterricht den natürlichen
Anfang finden wird. Namentlich im Rechnen versucht er nun, von den
kindlichen Zählspielen ausgehend, zu den Schwierigkeiten der vier
Spezies zu gelangen. Er ist wie ein Chemiker im Laboratorium, immer
neue Mischungen versuchend, bis er die rechte Verbindung gefunden hat;
und die Jungfrau Stähli geht ihm mit gemischter Verwunderung zur Hand.
Unterdessen spielt das Kriegstheater auf Schweizerboden seine
europäischen Stücke, und es sieht nicht aus, als ob er sobald wieder
nach Stans käme: über den Gotthard drängen die Russen unter Suworow,
und über Zürich ins Glarner- und Einsiedlerland die Österreicher
unter seinem Vetter Hotze, der ein berühmter Kriegsheld geworden
ist. Aber Hotze fällt bei Schänis, Masséna nimmt Zürich ein -- wobei
Lavater durch einen betrunkenen Grenadier schwer verwundet wird --
und als Suworow die Franzosen nach dem mörderlichen Kampf um die
Teufelsbrücke zurückgedrängt hat bis Flüelen, sind die Kaiserlichen
überall geschlagen, und er muß sich seitwärts in böser Jahreszeit über
den Kinzig-, den Pragel- und den wüsten Panixerpaß ins Vorderrheintal
retten, wo er ohne Pferde und Geschütze ankommt und mit dem Rest
seiner Scharen die Schweiz bald verläßt. Als Bonaparte, aus Ägypten
heimkehrend, sich zum ersten Konsul der Franzosen macht, hat er die
Eidgenossenschaft ganz in der Hand, und den Urkantonen vergeht die
Hoffnung, daß ihnen fremde Hilfe aus der Helvetischen Republik in die
alte Kantonsherrlichkeit zurück helfen könnte.
Im Bernischen sind die Kriegsschläge nur von fern hörbar gewesen, aber
viele Heerhaufen rückten durch, und jeden Abend sank die Sonne in eine
Nacht voll ungewisser Furcht. Heinrich Pestalozzi hat in Stans erlebt,
was die ruhmvollen Taten der Kriegshelden in der Nähe bedeuten, wie
aus einer blühenden Landschaft ein Schlachtfeld wird, darin die Dörfer
brennen und die Verwundeten mit ihren Blutlachen zwischen Leichen auf
den Straßen und in den Feldern liegen, während in den Bergställen und
in Felsschlüften Frauen und Kinder schreckensbleich die Schießerei
abwarten, bis der Hunger sie doch in das Unheil hineintreibt. Er kann
nur auf den Tag warten, an dem dieser Kriegsbrand endlich gelöscht sein
wird; es wird auch für ihn der Tag sein, wo er für sein Werk gerüstet
dastehen muß.
Darüber fallen auch die Blätter dieses Jahres und eines Tages im
November, als der Regen schon eiselt, erfährt er, daß die Regierung ihn
nicht nach Stans zurücklassen will. Er hat gewußt, daß sich Stapfer
seit dem September vergebens darum bemühte, und ist gefaßt, daß ihm
die Tür nicht wieder geöffnet werde, die der Krieg zuschlug; aber die
Hoffnung hat doch jeden Abend auf seinem Bettrand gesessen, wenn er mit
den Kleidern auch die Mühsale des Tages auf den Stuhl legte. Im äußeren
Schloßhof steht noch ein Tretrad über dem tiefen Brunnen, der bis in
den Talgrund reicht; er ist einmal vorwitzig hineingestiegen, das
sonderbare Hand- und Beinwerk probieren; nun träumt er in der Nacht,
der Strick mit dem Eimer sei abgerissen, während er in den Sprossen
stände, sodaß er die Radtrommel, des Gegengewichtes beraubt, nur immer
um sich selber drehen müsse. Er tröstet sich zwar in der Folge, daß
er für seine Versuche in der hellen Stube der Jungfrau Stähli besser
aufgehoben sei als in dem Kalkstaub des Stanser Waisenhauses, aber der
Lebensstrang seiner Arbeit ist ihm doch schmerzlich abgerissen, und
unruhig fängt er an zu suchen, wo er ihn nach dieser Probierzeit wieder
einhaken könne. So kommt es, daß er mit dem Ende des Jahres von neuem
an seinen Neuhof denkt.
Dieses Ende marschiert mit den Schritten der allgemeinen Not, wie
keines vorher, als ob es die Leidensreste des vergehenden Jahrhunderts
noch über der Schweiz ausgösse, die durch die Kriegszüge verwüstet und
von den Franzosen mit Millionen von Kriegskosten ausgesogen ist. Als
er für die Weihnachtstage nach dem Neuhof fährt, wandern Scharen von
Bettlern über die winterlichen Straßen, sodaß er wehmütig an seine
Flugblätter und das Helvetische Volksblatt denkt, darin er sich und
dem Schweizervolk so herrlich viel von der neuen Ordnung der Dinge
versprach.
Er findet Anna, die er in Hallwyl abholt, mit eisengrauem Haar; sie hat
die Sechzig hinter sich, und sie sind nun die Großvatersleute, die zum
Besuch aufs Birrfeld kommen. Da schaltet die gebotene Fröhlich, und
Lisabeth hilft ihr, auch die schlimmen Dinge tapfer zu überstehen; sie
müssen den Hof allein halten; denn Jakob ist trotz seiner dreißig Jahre
ein übellauniges Gebreste. Es wird trotzdem ein inniges Weihnachtsfest,
die Großmutter hat aus Hallwyl den Enkelkindern viel Liebes
mitgebracht, und die fünfjährige Marianne vermag schon Christlieder
zu singen, in die der dreijährige Gottlieb selbstbewußt einstimmt. Als
danach die heiligen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr mit Rauhreif
kommen, der in der Sonne mit Millionen Kristallen funkelt, ist es
für Heinrich Pestalozzi mehr als die Insel auf dem Gurnigel, es ist
die Küste, von der er ausfuhr, und fast scheint es ihm, dies sei die
Heimkehr.
Silvester, als sich die Kälte in einen näßlichen Nebel gewandelt
hat, wandert er zufällig durch das Gehölz bis nach Brunegg auf den
Waldkamm hinauf. Er weiß, das kleine Schloß steht seit der neuen
Ordnung mit leeren Fenstern da, aber wie er hinzukommt, ist an der
verschlossenen Tür ein vergilbter Zettel angeheftet, daß die Regierung
den verlassenen Besitz mit sechzig Jucharten Wald und Weide zum Verkauf
ausbietet. Er braucht garnicht zu überlegen, der Plan steht gleich wie
eine Eingebung da: Schloß Brunegg zu erwerben und mit dem Neuhof zu
vereinigen in einem Besitztum, auf dem sich ein helvetisches Waisenhaus
wohl einrichten und halten ließe. Die Seinigen wissen nicht, warum er
allein an dem Abend fröhlich ist, während ihre Wehmut dem scheidenden
Jahrhundert die Totenwacht hält; nur Anna, die das Wetterglas seiner
Stimmungen besser kennt als sie, merkt bald, daß er irgend etwas im
Schilde führt. Wie dann die Standuhr auf dem Gang ihre zwölf Schläge
mit dem gleichen schnarrenden Klang wie sonst getan hat, und sie alle,
die im Schein der Lampe darauf warteten, sich den Menschenkuß geben,
nimmt er sie wie in den jungen Zeiten bei der Hand und führt sie aus
dem Kreis der andern hinaus in die Nacht, die durch die Erschütterung
der Glocken aus ihrer Stille aufgeschreckt und von Menschenlichtern
nah und fern durchleuchtet mit ihren Geheimnissen in die Wälder
zu flüchten scheint: So war die Nacht, wo ich mit Menalk auf dem
Lindenhof stand, sagt er draußen zu ihr, als sie unsicher schreitend
den Landweg nach Brunegg gehen: nur daß wir damals die Glocken in uns
selber hatten, und draußen war es still. Das ist das Schicksal dieser
Zeit gewesen, daß jeder in seinem Gehäuse saß; das einzige, was die
Menschen miteinander verband, hießen sie ihre Bildung: ich heiße es
ihre Ungläubigkeit. Das neunzehnte Jahrhundert der Christenheit wird
wieder einen Glauben wie zu Zwinglis Zeiten haben, aber es wird das
Jahrhundert der Menschlichkeit sein, wo die guten Werke nicht mehr für
einen guten Platz im Himmel getan werden. Wer die ewige Seligkeit erst
im Himmel anfangen will, hat sie schon versäumt. In Indien, heißt es,
werden die Heiligen ihrer auf Erden teilhaftig, indem sie ihre Wünsche
und Begierden Gott zum Opfer darbringen. Das heißen sie Nirwana oder in
Gott ruhen; aber Gott hat auch unsere Wünsche und Begierden gemacht,
nicht daß wir sie töten, sondern seinen Willen damit erfüllen. Wenn wir
Gott selber in unsern Wünschen und Begierden haben, können sie kein
Hindernis mehr sein. Ihre Seligkeit heißt, in Gott zu ruhen; unsere
wird sein, Gott zu tun.
Sie sind unter Brunegg stehen geblieben, weil es ihn angestrengt hat,
im Steigen soviel zu sprechen; nun sagt er ihr seinen Plan eines neuen
Waisenhauses. So bist du der Alte geblieben? fragt sie, und er sieht in
der ungewissen Helligkeit der Winternacht, wie sie selber die Antwort
dazu lächelt. Ihm aber ist es auf einmal zumut, als ob er wieder in
der Schule das Vaterunser sprechen müsse; er kann die Worte fast nicht
herausbringen, so unbändig kichert seine Fröhlichkeit: Ja, Liebe, und
darum wollte ich dich fragen, ob wir nicht Schloß Brunegg kaufen sollen!
80.
Seit dieser Nacht fühlt Heinrich Pestalozzi einen fremden Flügelschlag
über seinen Dingen, sodaß er sich eilen muß, den Ereignissen zu folgen,
statt sie mühsam anzuzetteln. Er macht zwar noch das Höchstgebot auf
Brunegg und findet bei der aargauischen Regierung eine unerwartete
Willfährigkeit, ihm bei der Einrichtung eines helvetischen Waisenhauses
behilflich zu sein; aber das Schicksal verlegt ihm mit gütigen
Wendungen den Rückweg aufs Birrfeld: Schon im November hat der Doktor
Grimm sich erboten, einige Waisen aus dem Kriegsgebiet in sein Haus
zu nehmen, andre Bürger sind ihm willig gefolgt, und da Fischer den
Plan mit Feuer betreibt, kommen Ende Januar sechsundzwanzig Kinder in
Burgdorf an, die der Pfarrer Steinmüller zu Gais im Appenzeller Land
gesammelt hat. Heinrich Pestalozzi will gerade zum Schloß hinauf, als
die Bürger ihnen entgegenleuchten; überall sind Betten und warme Suppen
für die Zitternden bereit, es könnten ihrer hundert sein, soviel Hände
strecken sich hilfreich aus. Auch sein Herz wallt ihnen entgegen,
und gleich ist er mitten in der Schar, mit scherzenden Fragen seinen
Willkomm zu sagen; aber eins nach dem andern wird ihm eingefordert, und
ehe er sichs versieht, steht er allein auf der Straße da. Meine Zeit
ist noch nicht gekommen, sagt er kopfschüttelnd vor sich hin, als er in
einer bestürzten Wehmut durch die Dunkelheit zum Schloß hinaufgeht.