den Gängen werkeln die Bauleute noch mit Staub und Lärm. Tiere
könnten nicht so verwahrlost sein wie diese Menschenkinder, die mit
eingewurzelter Krätze und aufgebrochenen Köpfen, viele wie ausgezehrte
Gerippe, gelb, grinsend, mit Augen voll Angst und Mißtrauen von den
Verwandten oder auch vom Landjäger in den Kreis seiner Liebe gebracht
werden. Es ist anfangs kein Platz da, außer einer Haushälterin in der
Küche irgendwen zur Hilfe unterzubringen; auch wenn es ginge, Heinrich
Pestalozzi möchte es nicht. Damals in den rauchenden Trümmern hat das
Mitleid sein Herz hineingerissen; jetzt aber gilt es das Experiment
seiner Lehre: daß auch in dem niedrigsten Opfer der menschlichen
Verwahrlosung noch ein Keim läge, der zum Dasein einer sittlichen und
freien Menschlichkeit gepflegt werden könne. Er weiß, daß der Zwang
einer äußeren Ordnung, Ermahnungen oder gar Strafen die Herzen nur
verhärten würden, aus denen er dem Keim die erste Nahrung geben will;
nur die Liebe vermag ihn zu wecken, und was diese Liebe von ihm zu tun
verlangt, das vermöchte ihm kein anderer: er schält sie selber aus
ihren Lumpen heraus, er wäscht ihnen die Geschwüre und die Krusten der
Verwahrlosung ab, als ob er eine Tiermutter wäre in dem Winterlager,
wohin sie die Not und Kälte aus der verschneiten Bergwelt getrieben
hätten. Er ißt und schläft mit ihnen, er weint mit ihren Leiden und
lächelt zu ihren kleinen Freuden, sie sind außer der Welt und außer
Stans, sie sind bei ihm, als ob sie wieder in den Ausgang ihres
Lebens zurückgekehrt wären, um hier den Mut zu finden, nach so vieler
Bitterkeit das Dasein noch einmal zu versuchen.
In kaum einem Monat sind es siebzig Waisen, und obwohl allmählich mehr
Stuben fertig werden und auch schon fünfzig Betten dastehen, sodaß
er ihrer nur zwanzig am Abend heimschicken muß, die tagsüber kommen,
ist er immer noch allein unter ihnen. Der Pfarrer Businger, den die
Regierung an Stelle des entwichenen nach Stans gesandt hat, und der
Bezirksvorsteher Truttmann -- beides wohlgesinnte Männer, die tapfer zu
ihm stehen -- drängen darauf, daß er sich Hilfe nähme. Er fände keinen,
der ohne Schaden zwischen ihn und die verscheuchten Seelen seiner
Zöglinge treten könnte.
Als die Frühlingssonne den Schnee wegschmilzt, daß sich die grünen
Matten immer höher hinauf in die weißen Berge heben, ist in der
verwahrlosten Schar die Menschlichkeit schon äußerlich zu Hause; die
älteren Kinder helfen ihm, daß sich die kleineren sauber halten, die
ordentliche Nahrung hat vielen die Backen gerötet, und nun wartet er,
daß die Frühlingssonne sie bräune. Einige lockt ihr Straßenblut, und
manchmal geschieht es, daß eins in der Dämmerung entwischt, andere
kommen dafür wieder: es ist ein wenig wie ein Bienenstock, wenn die
Wärme drängt. Er läßt es sich nicht verdrießen, so sehr ihn der Undank
und die Untreue schmerzen; denn nun ist er längst in den Dingen mit
ihnen, die ihm mehr gelten als ordentliches Essen und saubere Kleidung.
Der Seelenfänger hat ihnen die Schlingen gelegt, und ob ihn das
Mitgefühl hinreißt, wo ein Schmerz oder eine Freude an sie kommt, ob
er mit seinen Großvaterbeinen treppauf und -ab rennen muß und zwanzig
Hände zu wenig wären, alles das zu tun, was auf ihn wartet: es sind nur
die Spinnfäden seiner Absicht, die er unermüdlich um ihre Seelen legt;
er selber sitzt still mitten im Nest und wartet auf die Stunden, wo er
seine Lehre an ihnen versuchen darf.
73.
Längst hat Heinrich Pestalozzi angefangen zu unterrichten; anfangs ist
er sich vorgekommen wie der alte Lehrer, zu dem ihn das Babeli brachte;
auch so mit der Ungeduld seines Alters im Gedränge ihrer Wünsche
und Fragen: wo es schwer wäre, mit einem Frager fertig zu werden,
sind es Dutzende, und dabei sitzen die Trägen noch immer abseits in
ihrer Untätigkeit. Doch merken sie bald, wenn er sich laut sprechend
hinstellt, daß sie alle nur sein einziger Zuhörer sind. Er lehrt sie,
seine Sätze im Chor zu wiederholen, und lockt Antworten heraus, die sie
gemeinsam sagen können; täglich gewitzter in dieser Kunst, die auch die
Unaufmerksamen in seinen Sprachkreis zieht, entdeckt er das Geheimnis
der Klasse, die aus dem Vielerlei von Schülern ein Wesen macht, sodaß
es gleich ist, ob ihrer drei oder dreißig dasitzen. Dabei nimmt er sich
ängstlich in acht, etwas Fremdes in sie hineinzusprechen; immer lauert
er, wo ihre Sinne und Gedanken sind, um sie für sich einzufangen.
Irgendwo ist ein Riß in der Wand, der wie ein seltsames Tier aussieht,
einen langen Schnabel wie eine Ente, aber Füße wie ein Maikäfer hat; ob
sie wollen oder nicht, wenn ihre Blicke durch den Raum gehen, hängen
sie daran fest: er fängt ihnen das Ungeheuer ein in Sätze, die sie
willig nachsprechen, weil sie von ihnen selber gefunden sind.
Einige haben Bücher, und ein paar können sogar ein weniges lesen; er
zeigt den andern, wo diese Hexenmeisterkunst ihre Herkunft hat. Er
läßt sie in den Worten die tönenden und zischenden Laute finden und
macht ein lustiges Spiel daraus, ihrer zwei miteinander zu verbinden,
jeden einzelnen durchs Abc hindurch; dabei schont er sich nicht,
unermüdlich das ba, be, bi, bo mitzusprechen, bis ihm die Stimme in
der Brust schartig wird; manchmal kommt er sich vor wie ein Hahn, wenn
er schwitzend dasteht und mit ihnen kräht. Bis eine Stunde mit Minuten
und ein Tag mit Stunden abgelaufen ist, läßt sich viel hineinfüllen,
und Tag für Tag geht es verzwickter zu, vom bal, bel, bil, bol, bul zum
balk, belk, bilk: immer anders marschieren die Soldaten aus ihrem Mund
auf, bis ihnen alle Übungen, rechts- und linksum, kehrt und vorwärts
marsch gleich geläufig sind. Und eines Tages läßt er für die Augen
sichtbar werden, was solange nur durch Mund und Ohren ging.
Er hat ihnen keine Fibeln mitgebracht, nur einen Korb mit Täfelchen,
darauf die Buchstaben einzeln mit ihren Häkchen und Schnörkeln wie
Vögel mit ihren Schwanzfedern prahlen, und rastet nicht, bis jeder
seinen Laut als Namen hat, sodaß er ihn nur zu zeigen braucht, und
schon gibt ihm die ganze Klasse Antwort. Sie wissen nun längst,
daß keiner die siebzig Einzelnen verstehen kann, wenn jeder nach
seinem Einfall losschreit, und warten das Zeichen ab, das ihnen sein
Finger gibt. Sie sind dann wirklich eine Klasse, ein Wesen, das
hundertvierzig Ohren und Augen, aber nur einen Takt und darum nur
einen Mund hat. Und manche Nacht, während sie schlafen und er allein
in der Schlaflosigkeit des Alters wach unter ihnen liegt, bildet
sich traumdünn die Ahnung einer Lehrmethode: daß es wie mit den
Buchstaben mit allen andern Kenntnissen des Menschen sei, daß sie sich
bauen ließen, Steinchen um Steinchen, bis eine Wand, ein Zimmer und
schließlich das Haus einer Wissenschaft dastände.
Kühner aber, als jemals sein Kopf ein Gespinst machte, scheint ihm
dies: daß auch alles andere, was einen Menschengeist mitsamt der
Seele ausmache, seine Denkkraft, seine Fertigkeiten, sein Wille,
seine Wünsche, seine Absichten, sein Glauben wie seine Taten, in
einem solchen Takt einzufangen sei, und daß, wenn einer erst den
Taktstock dazu finde, ihn hundert andere gebrauchen könnten, um
überall die wildaufwachsenden Menschenseelen in den Wohlklang der
Ordnung einzuführen. Er kann sich dann ein Zukunftsbild austräumen,
daß es zwar reich und arm, jedoch nicht mehr die häßliche Anwendung
davon gäbe, wo die Habsucht und Willkür des Reichen den Armen
unterdrücke und ausnütze; denn das einzige Mittel dieser Geldherrschaft
sei die Unwissenheit des Armen: erst einmal im Besitz seiner
entwickelten Seelen- und Geisteskräfte, könne er nicht mehr das Opfer
herrschsüchtiger Ausbeutung sein! Was jetzt allerorten geschähe, daß
Reiche den Armen helfen wollten durch Wohltätigkeit, sei Täuschung
und Selbstbetrug: der Reiche könne dem Armen garnicht helfen, er habe
nichts als sein Geld, das auch im Wohltun das Zwangmittel ungerechter
Herrschaft bliebe; erst wo Gerechtigkeit regiere, könne eine
brüderliche Hilfe von Herzen wohltätig sein!
74.
Während Heinrich Pestalozzi so mit seinen Waisen auf der Wanderung
nach einer neuen Menschlichkeit ist, wächst das Dickicht der alten ihm
rundum die Wege mit Unkraut und Brennesseln zu. Noch immer zieht der
Haß seine Schwaden durch die Täler des Nidwaldener Landes; der Aufruhr
wurde in Blut und Brand erstickt, aber was ihn heraustrieb, blieb mit
tausend Wurzeln lebendig. Für die Stanser ist Heinrich Pestalozzi
ein Ketzer, von der Revolutionsregierung gesandt, ihre Waisen und
Armenkinder im Unglauben der neuen Zeit abzurichten, sie den Sitten
der Väter und dem Glauben der Heimat mit Teufelslisten zu entfremden.
Sie sehen seine verwahrloste Kleidung und achten ihn für einen
Landstreicher, der bei der neuen Herrschaft der Lumpen und Schelme
untergeschlupft ist.
Aber auch die Freunde fangen an zu zweifeln; sie verstehen nicht,
warum er sich allein mit siebzig Kindern abplagt, eigensinnig ihr
Lehrmeister, Aufseher, Hausknecht und Dienstmagd in einem und dabei
selber zum Erbarmen verwahrlost ist. Sie raten und drängen, doch
Gehilfen zu nehmen, damit er endlich aus seiner Anstalt ein richtiges
Waisenhaus mache, und sind verstimmt, weil er sich unter Ausflüchten
weigert. Er scheint ihnen vom Eigensinn des Alters wie von einem
Fieber befallen, und vertrauliche Briefe gehen an die Minister, daß
man dem alten Mann mit Gewalt aus diesem Zustand helfen möge. Stapfer
aber hält treu und weitsichtig zu ihm, weil er das Experiment fühlt
und daß Heinrich Pestalozzi erst zu Resultaten gekommen sein muß,
bevor er Hilfe brauchen kann. Er ermuntert ihn auch im Mai, als warme
Sonnenbläue die Täler füllt und der See rund an den Ufern in einem
Blust von Blumen zu schäumen scheint, mit seinen Zöglingen einen
Ausflug nach Luzern zu machen.
Es ist Sonntag, und sie gehen die drei Stunden zu Fuß, bei Stansstad in
Kähnen hinüber nach Hergiswyl und dann zwischen Pilatus und dem See bis
Horw, wo sie den weiten Talboden der Allmend von Luzern erreichen. In
Horw rasten sie, und da sie früh aufbrachen, sehen sie da erst, wie die
Sonne überm Rigi hochschießt; ein jedes hat Brot im Sack, und Wasser
fließt überall aus den Brunnenrohren. Die älteren haben gesorgt, daß
sie alle sauber sind; nur auf ihren Schuhen liegt der Staub wie Mehl,
als sie singend über die alte Kapellbrücke in Luzern gehen und die
vielgetürmte trutzige Stadt bestaunen. Es ist Sonntag, und viele Leute
spazieren auf den Straßen, die den seltsamen Zug und den seltsameren
Mann davor belächeln. Einige kennen ihn von seinem Luzerner Aufenthalt
und lüpfen den Hut, um ihm kopfschüttelnd nachzusehen. Aber Stapfer,
der Minister, hat gesorgt, daß die Stanser Waisen nicht unbegrüßt in
der Landeshauptstadt sind: auf dem alten Kornmarkt vor dem Rathaus
steht einer in blanker Uniform mit einem Leinenbeutel, darin rasseln
lauter nagelneue Zehnbatzenstücke der Helvetischen Republik, und
jedes Kind bekommt eins zum Andenken in seinen Sack. Sie singen ein
Schweizerlied zum Dank, und Heinrich Pestalozzi, dem nichts so fern
liegt wie Musik, kräht mit vor Rührung; garnicht merkend, wie falsch er
die Töne nimmt, bis alles hinter ihm lacht.
Auch sonst geschieht den Kindern der Nidwaldener Gutes in dem
katholischen Luzern, und wie ein siegreicher Heerhaufe ziehen sie
am Nachmittag wieder hinaus. Aber nun hat die Sonne ihre strahlende
Bahn durch den Himmel gezogen und aus dem Weltall Glut auf die Erde
geschüttet. Die Kinder werden müde, und er muß nun hinter ihnen gehen,
die letzten anzutreiben. Dabei ist ihm selber schwül und nicht froh
zumut; er hat in Luzern von dem Lauf der Dinge gehört, die für Monate
außer ihm gewesen sind: der Krieg ist wieder im Land, überall bläst
der Wind hitziger Zeitläufte den Zunder an, und es gilt schon als
ausgemacht, daß die Regierung der Helvetischen Republik nach Bern
übersiedeln wird, wo ihr der Boden sicherer scheint als hier in der
Aufsässigkeit der Urkantone. Am Gotthard schlagen sich die Franzosen
mit den Österreichern herum, und viel wird gesprochen von den Taten
seines Vetters Hotze, der als kaiserlicher General über den Bodensee
bis Zürich ins Land gedrungen ist; es kann in einigen Wochen wieder aus
sein mit der republikanischen Herrlichkeit. Zu diesen Sorgen tut ihm
die Brust weh, und er merkt, wie ihm die Monate zugesetzt haben. Der
Pilatus zieht verdächtige Wolken an, und als ob über eine ferne Brücke
Lastwagen rollten, grollt ein Gewitter in der Luft: er kann sonst über
Ahnungen lachen, aber nun ist ein Gefühl da, daß es ihn treffen wird.
Gerade gehen sie von Steinrüti gegen Hergiswyl am See hin, der dick und
still daliegt, da wird ihm süßlich im Mund, und das Licht tanzt ihm wie
Mücken vor den Augen; er will einem Buben, der vor Müdigkeit weint, die
Hand geben, da fühlt er sich tiefer zu ihm hinsinken, als es nötig ist,
und sieht noch für einen Augenblick die erschrockenen Augen über sich.
Heinrich Pestalozzi meint, er sei gleich wieder aufgewacht, aber es
muß wohl länger gewesen sein; nebenan steht ein Wagen, der vorher
nicht da war, und im Kreis der Kinder bemühen sich Leute in Hemdärmeln
um ihn. Tiefer als im Schlaf war er aus allem fort, nun er die Augen
aufschlägt, nimmt sein Bewußtsein mit einem Blick den Kreis seines
Daseins auf, darin er Kind, Mann und Greis zugleich ist. Rund um
diesen Kreis sieht er die Berge spukhaft in den gewitterlichen Dunst
des Himmels ragen und fühlt, daß so die Schwierigkeiten um ihn stehen,
denen er nichts als die Willenskraft seiner zu Boden geworfenen Natur
entgegenstellen kann. Im gleichen Augenblick setzt er sich auf, von dem
ungebeugten Willen kommandiert; da merkt er, daß Blut in seinem Mund
ist.
Darüber erschrickt er tief und läßt sich nun willig in den Wagen heben.
Die von den Kleinen am müdesten sind, müssen zu ihm, und so im Schritt
vor seiner Schar her geht es heim. Einer hat sich neben den Knecht
gesetzt, und der läßt ihm die Zügel, weil er den Gaul kennt. Heinrich
Pestalozzi muß wehmütig an den Tag denken, wo er mit dem Großvater
nach Höngg fuhr und auch so unablässig an den Zügeln rupfte, wie nun
der Knabe vor ihm: Ich habe mirs nicht abgewöhnt bis heute, lächelt
er bitter, wo ich selber ein Großvater bin, und alles, was ich in die
Hand nehme, ist so geblieben! Wenn mir jedes so in Ordnung ginge, wie
hier dem Gaul und dem Knecht, ich würde auch die Zügel gleichmütig
hängen lassen; aber nun bin ich dreiundfünfzig und über meine Jahre
gealtert, gar noch krank, und habe erst den Anfang vom Weg gefunden.
Ich müßte wohl den Gaul für ein paar Wochen in den Stall tun; doch ist
er unabkömmlich, weil ich noch weit mit dem Abend muß!
75.
Die zweite Woche seit seiner Wallfahrt nach Luzern ist noch nicht
ins Land gegangen, als Heinrich Pestalozzi eines Mittags durch
Trommelwirbel aufgeschreckt wird. Wie er ans Fenster läuft, rücken die
schweizerischen Soldaten, die gegen Engelberg und Seelisberg hinauf als
Rückendeckung der Franzosen ausgestellt sind, eilig in Stans ein: die
Österreicher kommen, heißt es und die im Uri geschlagenen Franzosen
seien über den See zurück. Die Panik des Krieges ist wieder in Stans,
bevor ein Schuß in den Nidwaldener Bergen fiel; wer noch bewegliche
Habe hat, flüchtet sie in die Sennhütten hinauf, händeringende
Weiber und trotzige Männer kommen, ihre Kinder zu fordern, und
Heinrich Pestalozzi vermag nicht, sie zu halten. Als ob eine Mure
vom Stanserhorn niederginge, läßt er die andern ihre Bündel raffen,
zur Flucht bereit zu sein. Gerade hat er sie um sich versammelt im
Arbeitssaal, da fällt ein Schuß; die Kinder schreien, einige laufen ihm
zu, viele aber auch hinaus auf die Gasse, sich noch in die Berge zu
retten.
Als danach alles still bleibt -- die Alarmnachrichten waren falsch,
und auch der Schuß ist nur einem hitzigen Sennbuben losgegangen --
sitzt kaum noch die Hälfte seiner Kinder da. Zwar kommen im Nachmittag
noch einige wieder, auch finden sie andere weinend irren, als sie
gegen Abend den Ort absuchen: aber die Besorgnis bleibt über ihnen
wie die schwarze Wolkendecke, die sich mit dem Abend vom Entlebuch
herüberdrängt. Die Kinder schlafen sich schließlich in angstvolle
Träume ein; Heinrich Pestalozzi bleibt wach: seit seiner Ohnmacht
fühlt er, daß es in Stans zu Ende geht. Mit einer Kerze in der Hand
wandert er um Mitternacht von Bett zu Bett; einigen, die sich stöhnend
wälzen, legt er seine Hand auf die Stirn, daß sie, erwachend, ins Licht
blinzeln und vor seinem Gesicht mit einem erlösten Lächeln um die
Lippen einschlafen. Nachher sitzt er noch, bis das Licht niedergebrannt
ist, streicht in seiner Liste die Schäflein an, die ihm fehlen, und
denkt den einzelnen nach, wo sie wohl seien. Bald aber wandern die
bekümmerten Gedanken auf einsamen Höhen, wo er mit seinem Werk allein
ist. Was auch mit den Kindern geschieht, für keins -- das fühlt er
sicher -- ist die Zeit vergebens gewesen: aber sein Werk, wenn er
es jetzt abbrechen muß, ist verloren. Es ist ihm zumut wie einem
Kundschafter im weglosen Dickicht; er hat sich durchgearbeitet, bis er
eine getretene Fußspur fand, die ihn zum Weg führen muß: da reißt ein
Bergbach die Schlucht vor ihm auf, und ob er drüben die Spur deutlich
weiter gehen sieht, er kann nicht hinüber.
Andern Tags ist alles vorbei, als ob es nur böse Träume gewesen wären;
die Bauern sind wieder bei ihrer Arbeit, und die Soldaten in den
Quartieren singen Schweizerlieder. Die Sonne geht ihren strahlenden
Lauf, als wolle sie es diesmal zwingen, über die Ermattung des Mittags
fort in den unendlichen Himmel hinein zu steigen. Noch ein paar Kinder
wagen sich unsicher wieder herzu, und als nach diesem Tag noch ein
zweiter und dritter die weißen Sommervögel durch sein dickes Blau
schwimmen läßt, fängt auch Heinrich Pestalozzi an, den Nacken zu heben.
Am dritten Abend sitzt er scherzend und fragend mit ihnen bei der
Hafersuppe, da ruft ihn ein Bote eilig zu dem Regierungsstatthalter
Zschocke.
Der empfängt ihn mit einem Blatt in der Hand. Er habe Stafette
bekommen, daß am frühen Morgen der General Lecourbe einrücken würde;
er müsse Platz besorgen für einige tausend Mann und ein Hospital für
die Verwundeten und Kranken herrichten, dazu habe er keinen andern
Platz als das Waisenhaus. Obwohl Heinrich Pestalozzi beim ersten
Wort weiß, daß ihm nun das Brett unter den Füßen fortgezogen wird,
damit er noch über den Bergbach zu kommen hoffte, kämpft er wie ein
aufgescheuchtes Tier für sein Nest und seine Brut. Aber nun ist er mit
allem Ruhm seiner Bücher und mit der ewigen Absicht seines Werkes nur
der Bürger Pestalozzi, der andere aber steht als Regierungsgewalt da
und löst das Waisenhaus auf. Weil er nicht wie die Nidwaldener kämpfen
und sterben kann, sondern dem Federstrich gehorchen muß, erfüllt er
bitteren Herzens den Rest seiner Pflicht. Er teilt jedem Kind doppelte
Kleidung, Wäsche und einiges Geld aus für das Notwendigste, rechnet mit
dem Statthalter ab und übergibt ihm von den sechstausend Franken, die
ihm das Direktorium bewilligt hat, den Rest mit dreitausend Franken --
mehr hat er nicht gebraucht in den fünf Monaten mit all den Kindern.
Noch eine Nacht geht er in seiner schlafenden Herde ruhelos umher,
nimmt in der Frühe weinenden Abschied von ihnen allen, deren Vater
er durch seine Liebesgewalt geworden ist, und am Nachmittag, als die
ersten Franzosen einrücken, fährt er nach Stansstad hinunter mit dem,
was er für bessere Zeiten retten will. Wieder einmal sitzt er auf
einem bepackten Wagen, diesmal auf Säcken neben einem Knecht, der ihn
gleichmütig in sein ungewisses Schicksal hinaus kutschiert; es ist ein
Appenzeller, der den Pferden mit der Peitsche die Fliegen vertreibt und
dazu mit halber Kehle seine heimatlichen Jodler singt, als ob es eine
Lustfahrt wäre. Er fühlt die Schmerzen in seiner Brust heftiger und die
brennende Angst fährt mit ihm, daß er nun sterben muß: dann ist alles
umsonst gewesen, was er Unmenschliches in diesen Monaten ertrug; denn
er allein weiß, daß er in Stans den Weg zur Befreiung der Menschheit
entdeckt hat, kein anderer kann fortsetzen, was für ihn selber ein
tastend beschrittener Anfang, aber darum doch das Ergebnis vieler
Tausend fiebernd benützter Stunden ist.
Immer noch läuft eine letzte Hoffnung hinter dem Wagen her, daß die
Luzerner Freunde mächtiger sein könnten als der Regierungsstatthalter;
als er ankommt in der vieltürmigen Stadt, muß er erfahren, daß die
Regierung der in tausend Nöten gefährdeten Helvetischen Regierung nach
Bern ausgeflogen ist.
76.
Es ist ein heißer Julitag, als Heinrich Pestalozzi durch das breite
Entlebuch ins waldige Emmental hinüber und durch seine reichen Dörfer
nach Bern hinunter fährt. Die Fahrt über die holprigen Bergstraßen
bekommt ihm schlecht, und als er spät abends anlangt, fühlt er sich
sterbenselend. Bis zum Schluß sind immer noch die Bauleute im Kloster
zu Stans gewesen, und wenn er hustet, meint er noch den scharfen
Kalkstaub in der Lunge zu spüren. Trotzdem ist er am andern Morgen
schon früh bei dem Minister Stapfer. Der erschrickt, wie er ihn sieht,
und rät ihm, den ungewollten Urlaub vor allem zu einer Kur zu benutzen,
damit er wieder zur Arbeit fähig sei, wenn nach dem Krieg die Anstalt
neu eingerichtet würde. Da er selber zu einer Sitzung muß, übergibt er
ihn seinem Kanzleivorsteher Fischer, einem ehemaligen Theologen, der
auch schon in Stans war.
Der bietet ihm willfährig seine Begleitung an, wohin er auch wolle,
und ehe Heinrich Pestalozzi sich beiseite tun kann, hat er ihn auch
schon eingefangen mit klugen und ehrlichen Fragen. Es findet sich, daß
sie Leidensgenossen sind, indem auch er den Traum seines Lebens an die
Schule gehängt hat. Er ist Schüler bei dem Philanthropen Salzmann in
Schnepfental gewesen und will nun in Burgdorf eine Musterschule, wenn
es erreichbar ist, ein Lehrerseminar einrichten. Es ist immer noch
das Lehrerseminar, das Stapfer ihm selber in Aarau angeboten hat, und
obwohl sich Heinrich Pestalozzi im stillen wundert, wie unbekümmert
sein Nachfolger die Schwierigkeiten übersieht, die ihm fast das Leben
kosten, ist er ihm doch dankbar, weil er die Lauterkeit in seinem
Wesen spürt. Er bleibt ziemlich den ganzen Tag mit ihm zusammen und
erwirbt durch ihn eine Bekanntschaft, die in seine gehetzten Tage eine
breite Pause bringt: Noch am selben Abend sitzen sie zu einem Mann
aus Bad Gurnigel, namens Zehender, der seine Schriften liebt und sein
Märtyrertum in Stans glühend bewundert; der lädt ihn ein, einige Wochen
bei ihm da oben in der reinen Gebirgsluft zu wohnen und von der Quelle
zu trinken. Stapfer und Fischer reden ihm dringend zu, und da der Mann
mit seinem Wagen andern Tags zurück muß, kommt Heinrich Pestalozzi
schon am Abend mit ihm auf dem Gurnigelberg an.
Ein verrauschtes Gewitter hat ihnen einen Regen nachgeschickt, der die
Talweite unter ihnen mit Nebelschwaden bedeckt; auch wirft ihn sein
Elend nun ganz hin, sodaß sie ihn fast aus dem Wagen ins Haus tragen
müssen. Den andern Tag läßt ihn sein Gastfreund nicht aus dem Bett,
auch den zweiten nicht: da es draußen doch noch regne! Am dritten
Morgen liegt er schon lange wach und wartet mit Sehnsucht auf den Tag;
als die Fensterscheiben in der Morgenröte warm werden, springt er mit
beiden Füßen aus dem Bett und reißt ein Fenster auf, seine Faulheit
zu lüften. Er tritt erschrocken zurück vor der unendlichen Weite; in
einer überirdischen Bläue sieht er das Tal zu seinen Füßen liegen,
unermeßlich und schön; er hat noch nie eine so weite Aussicht gesehen,
und das Glück davon überwältigt ihn so, daß er die Hände wie ein Kind
danach ausbreitet. Fast ängstigt ihn die Höhe, aber als er nach rechts
und links äugt, sieht er die hohen Baumgruppen; er fühlt den Wald und
den Berg hinter sich als sicheres Ufer, von dem aus er über das Meer
der morgendlichen Erde tief unter sich hinschaut. Und ehe sich noch
die Worte dazu bilden, ist ein Gefühl in ihm, wie wenn da unten sein
eigenes Leben läge: aus den blauen Seeweiten der Kindheit durch die
ruhelose Brandung seiner Mannesjahre bis auf die Bergkanzel dieser
Stunde hinauf.