So kommt es zu einem Frühsommerabend, wo er wieder wie als Jüngling mit

dem Agis nun mit seinen Nachforschungen über den Gang der Natur dasitzt

und seine zitternde Stimme Wege in ihre Herzen suchen läßt. Er weiß,

dies ist für ihn mehr als eine Schrift, es ist die Grundlage alles

dessen, was er in Taten und Worten versucht hat, die Rechtfertigung

seines im bürgerlichen Sinn gescheiterten Daseins und zugleich ein

Religionsbuch der Zeit, wie er keines kennt. Aber die Freunde haben

etwas anderes von dem Ehrenbürger der Franzosen erwartet, etwas, darin

der Brand der Zeit ist; sie sehen sich wieder einmal enttäuscht durch

ihn, und obwohl sie betreten schweigen und vor seinen zitternden Worten

stumm bleiben, mag in allen das gleiche Gefühl sein: daß in diesem

Menschen eine krankhafte Sprunghaftigkeit sei; nun er als Figur für die

Öffentlichkeit feststeht und sein Weg durch die Erfolge vorgezeichnet

ist, verfällt er auf philosophische Spekulationen, zu denen es ihm --

so scheint es ihnen -- durchaus an der Bildung fehlt. Der Abend geht

peinlich in eine betretene Stimmung aus; nur ein alter Landpfarrer

vom See, der ihn schon mehrmals im Neuhof besucht hat, ein ehrlich

gesinnter Menschenfreund, ist erregt von dem Abend. Er begleitet ihn

nach der kleinen Stadt hinüber, und Heinrich Pestalozzi scheint es, als

ob er auf der mondlichten Brücke und nachher in dem Schattengewinkel

der Gassen ein paarmal tief vom Herzen seufze. Erst vor seiner Tür

findet der Mann die Worte zu seiner Bewegung, indem er die Kappe

abnimmt und ein paarmal über sein weißes Haar streicht: er müsse

Abschied von ihm nehmen; er könne sich nun einmal sein Christentum

nicht als einen Kirschbaum denken, den sich die Menschen selber in

ihren Garten gepflanzt hätten!

In seine Milde ist ihm unvermutet der pfarrerliche Zorn gefahren; ehe

Heinrich Pestalozzi -- der mehr den Zorn als die Worte versteht --

aus seiner Bestürzung antworten könnte, ist der alte Mann schon im

Schlagschatten der nächsten Quergasse verschwunden. Sie wollen alle

das Beste, sagt er bitter, als er im Dunkeln die enge Stiege allein

hinauf tappt, aber sie fürchten das Gute. Noch in derselben Nacht aber

schreibt er sich selber eine bittere Grabrede als Nachwort zu seiner

Schrift: »Und die Welt zerschlug ihn mit ihrem eisernen Hammer, wie

die Maurer einen unbrauchbaren Stein zum Lückenfüller zwischen den

schlechtesten Brocken!«

68.

Es geht Heinrich Pestalozzi mit seinen Nachforschungen in der großen

Welt nicht anders als in der Enge seiner Zürcher Freunde; trotz seinem

flehentlichen Schlußwort kommt kein Echo, und wenn alles ein blasser

Unsinn gewesen wäre, könnte die Stille nicht peinlicher sein. Aber

nun ist es zu Ende mit der Einsiedlerschaft und der Wartezeit seiner

einsamen Mannesjahre: die Stube der Mutter hat ihn wieder in seine

Vaterstadt gebracht, und von den Signalen seiner Jünglingszeit erfüllt,

nimmt er teil an dem Handel mit dem aufrührerischen Stäfa, der auch den

Gestrengen Herren in Zürich die Schicksalsstunde läutet.

Er hat den Anfang schon in dem Winter erlebt, als er seinem Vetter

Hotze das Haus in Richterswyl hütete. Auch durch die Dörfer am See ist

der Sturmwind der Menschenrechte geweht und hat in dem unterdrückten

Landvolk die Erinnerung an alte Gerechtigkeiten geweckt, an den

Kappeler Brief und den Waldmannischen Spruch. Als die Urkunden sich in

der Gemeindelade zu Küsnacht wirklich fanden, haben die Seebauern zu

Küsnacht, Horgen und Stäfa, ein Memorial an die Gestrengen Herren in

Zürich gesandt, ob diese Briefe noch zu Recht beständen? Das allein

aber hat den Rädelsführern schon den Kopf kosten sollen, und nur der

hinreißenden Beredtsamkeit Lavaters ist es gelungen, Bluturteile zu

verhindern. Seitdem sitzen ihrer zwei aus den drei Orten gefangen im

Wellenberg, und über dem Haupt des Ältesten, eines siebzigjährigen

Greises aus Stäfa, namens Bodmer, ist auf offenem Markt das Schwert des

Henkers geschwungen worden, zum Zeichen, daß sein Leben den Zürcher

Herren verfallen sei.

Heinrich Pestalozzi hat damals selber im Verdacht gestanden, das

Memorial verfaßt zu haben; als nun der Handel in einen Bürgerkrieg

auszugehen scheint, indem das erbitterte Landvolk -- von den

Sturmnachrichten aus Frankreich mutig gemacht -- die Aufhebung des

ungerechten Urteils und die Freigabe der Eingekerkerten unter Androhung

offener Gewalt verlangt, sodaß die Revolution in der Schweiz hier

ihren Ausgang nehmen will: ist er der einzige Zürcher, der es wagen

darf, in das empörte Stäfa zu gehen, um mit der Geltung seines Namens

den blutigen Ereignissen entgegenzuarbeiten. Er hat es unterdessen

auf sonderbare Weise noch einmal zum Fabrikanten gebracht: eine

Seidenfirma Notz richtet auf der Platte in Zürich eine Fabrik ein

und braucht einen Zürcher Bürger als Inhaber, um die Erlaubnis der

Niederlassung zu erhalten; weil, wie er selber spottet, sein Name in

den zweiundfünfzig Jahren das einzig Brauchbare an ihm geblieben ist,

läßt Heinrich Pestalozzi sich den abkaufen. So führt er bürgerlich

nur noch ein Schattendasein; aber mit Sendschriften und Flugblättern

flackert sein landfahrender Menschengeist durch den wilden Handel. Zum

erstenmal seit seiner Jünglingszeit kommt er dabei wieder mit Lavater

überein, der -- wie er in den Seegemeinden -- in Zürich die Regierung

von gewaltsamen Schritten abhält. Überall liegen die Waffen zur offenen

Empörung bereit, Blut soll die verweigerte Gerechtigkeit auslösen, und

die Verhandlungen zwischen den feindlichen Mächten sind abgebrochen:

da überbringt Heinrich Pestalozzi einen offenen Brief Lavaters an

den redlichsten Mann in Stäfa, in dem eine friedliche Freilassung

der Verurteilten aufs bestimmteste in Aussicht gestellt wird. Und so

ehrlich ist das Vertrauen der Landbürger auf die beiden Männer, daß die

Waffen noch einmal ruhen.

Umso aufrührerischer aber tut das zugelaufene Volk, das sich eine

Gelegenheit entschwinden sieht. Seitdem es sich herumgesprochen hat,

daß in Stäfa der Handel des unterdrückten Landvolks mit den hochmütigen

Stadtherren zum Austrag kommen soll, ist dort alles zusammengeströmt,

was in der Zürcher Herrschaft und in den Kantonen rundum auf den Tag

der Abrechnung wartet, sodaß die Wirtschaften und Scheunen in Stäfa

voll sind von einer braunen wilden Menge: ehrlich Verbitterte, die

auf Vergeltung lauern, und gewalttätiges Bettelvolk, das schon von

einer Plünderung der reichen Zürichstadt träumt, alte Kriegläufer,

die in der neuen Ordnung keinen Platz mehr gefunden haben. Sie haben

ihr Hauptlager in einer leeren Scheune, wo sie die Zürcher Herren mit

wilden Flüchen nach dem Pariser Vorbild an die Laternen hängen, obwohl

sie vorläufig weder Laternen noch Zürcher dahaben. Im Vertrauen auf

seine Geltung wagt sich Heinrich Pestalozzi mit dem Brief Lavaters

auch dahinein; aber da wissen sie nichts von Lienhard und Gertrud und

seinem Ehrenbürgertum, ihnen ist er nichts als ein Zürcher Spion, und

so empfängt ihn in der halbhellen Scheune eine Schweigsamkeit, die nur

höhnisch lachen, nicht mehr sprechen kann. Zu arglos in seinem Eifer

fängt er an, gutmütig scheltend auf sie einzureden; aber als er schon

denkt, sie zu rühren -- so still ist es um ihn -- tut einer einen Ruf,

und gleich ist es, als ob sich rundum ihre Hörner senkten. Er hat noch

ein Stück seiner Rede im Mund, da heben sie ihn wie eine Strohpuppe an

den Beinen hoch und tragen ihn, die Marseillaise heulend, durch den

Raum. Noch immer täuscht sich Heinrich Pestalozzi über die Gefahr und

versucht, auf sie einzureden; aber je mehr er dabei in ihren Fäusten

zappelt, umso höhnischer wird das Hetzgeschrei -- bis ein Schuß fällt.

Einer hat den Zürcher abschießen wollen wie einen Schützenvogel, aber

gefehlt, und die Kugel zischt ins Gebälk. In der Verwirrung kommt er

wieder auf den Boden; aber es wäre keine Rettung für ihn gewesen, wenn

sich nicht ein stakiger Kerl mit einem alten Soldatenhut vorgedrängt

hätte, der ihm gleich beim Eintritt durch das von feurigen Narben

entstellte Gesicht und um einer Ähnlichkeit willen aufgefallen wäre:

Heißt der Mann nicht Pestalozzi? Und als einige verblüffte die barsche

Frage bejahen: Dann Brand und Pest, wer ihn anrührt! Er gehört mir, wir

haben noch etwas miteinander auszumachen! Dabei hat er schon seinen

alten Reitersäbel blank, und Heinrich Pestalozzi meint, sein Arm müsse

unter dem Griff zerbrechen, wie er ihn durch das Gedränge schiebt und

mit dem Fuß das klappernde Tor aufstößt: So, Heiri, sagt er, als er ihn

draußen hat -- und Heinrich Pestalozzi aus dem verwüsteten Gesicht den

Ernst Luginbühl erkennt -- jetzt schau, daß du weiterkommst!

69.

Mit diesem Vorspiel in der Scheune ist das Kriegstheater in Stäfa schon

wieder aus; bereits am dritten Tag danach kommt der Bürgermeister

Wyß, durch einen dringenden Brief Lavaters aus der Tagsatzung in

Aarau gerufen, zu einer Sitzung der Rate und Bürger, die den Wünschen

des Landvolks nachgibt. Heinrich Pestalozzi ist dabei, wie sie unter

Glockengeläut und Freudenschüssen die Befreiten in geschmückten Wagen

heimholen, und an der Grenze von Zollikon spricht er dem ehrwürdigen

Bodmer einen Zuruf, dem diesmal die Freude lauter nachschreit, als die

Wut in der Scheune. Den Luginbühl findet er nicht mehr, der gehört zu

denen, die sich der neuen Lage mißtrauend davon gemacht haben, an einem

andern Ort die Abrechnung zu erwarten; denn daß die alte Zeit stürmisch

zu Ende geht, fühlt jeder in der Schweiz, seitdem der General Bonaparte

von seinem siegreichen Feldzug in Italien nach Rastatt selbstherrlich

durchs Land gereist ist, Gunst und Ungunst wie ein Herrscher verteilend.

Heinrich Pestalozzi vermag die Stunde nun doch nicht in Zürich zu

erwarten; in der Seidenfabrik auf der Platte ist nur sein Name nötig,

er selber geht noch einmal auf das Birrfeld zurück. Vorher läßt er die

Stuben seiner Mutter ausräumen und fährt so nach dreißig Jahren zum

andernmal auf einem Wagen mit Hausrat aus der Sihlporte hinaus. Es ist

ein graulicher Wintertag, und er kommt im Dunkeln auf dem Neuhof an, wo

ihm seine Schwiegertochter unterdessen ein zweites Enkelkind geboren

hat, sein Sohn Jakob aber schon viele Monate gelähmt daliegt. Es war

noch zu früh, sagte er der Lisabeth, die noch im Mondlicht mit einem

schweren Korb aus der Scheune kommt und ihn vor Erstaunen hinsetzt: ich

muß ein kleines warten, bis sie mich brauchen; meinen Namen hab ich

dahinten gelassen; er ist in Zürich Fabrikant!

Es ist wirklich nur noch ein kleines; fünfmal kommt er noch

Sonntags auf seinem Pferdchen nach Brugg, im Gasthof zum Sternen

die Schaffhauser Zeitung zu lesen, und jedesmal sind es der

Sturmnachrichten mehr: Im Waadtland fängt es an mit der lemanischen

Republik; wohl rufen die Berner den Landsturm auf gegen die

eindringenden Franzosen, und Tausende folgen den Sturmglocken, aber

die Kräfte sind verzettelt; als es dem tapferen Oberst von Grafenried

gelingt, die Welschen im Sensetal blutig zu schlagen, ist der Sieg

umsonst, weil unterdessen der General Schauenburg nach dem Gefecht

bei Fraubrunnen an einem Märzmittag in Bern eingezogen ist und der

unbesiegten Stadtherrlichkeit eines Jahrtausends ein unrühmliches Ende

gemacht bat.

Wie Heinrich Pestalozzi zum sechstenmal geritten kommt, steht

von eilfertigen Patrioten aufgerichtet auch schon in Brugg der

Freiheitsbaum: es ist vorüber mit der alten Eidgenossenschaft der

Landstände; die Tagsatzung in Aarau muß im Zwang der französischen

Waffen die Helvetische Republik proklamieren. Obwohl der Baum ihm immer

noch zu dünn und ohne Wurzeln ist, steigt er ab von seinem Tier und

tauscht den Bruderkuß. Im Sternen will man ihn deshalb hänseln, er aber

fährt sie zornig an: Die alte Welt konnte von Heinrich Pestalozzi nur

noch den Namen gebrauchen, vielleicht, ihr Herren, daß in der neuen

Platz für mich selber ist!

70.

Heinrich Pestalozzi weiß wie wenige im Land, daß die Freiheit eines

Volkes andere Dinge verlangt, als daß ihm die Ketten einer ungerechten

Verfassung abgenommen werden: der Baum, den sie im Wald abschneiden und

ohne Wurzeln in die Straße pflanzen, scheint ihm ein passendes Sinnbild

solcher Freiheit. Er aber ist auf seinem Neuhof der Armennarr geworden,

weil er einen Freiheitsbaum mit Wurzeln wollte: Ein Volk, das sind

tausend und viele tausend Einzelne; jeder Einzelne aber bringt eine

lebendige Menschenseele mit auf die Erde, und wer diesen Seelen ein

Gärtner ist, daß sie in der Jugend Wurzeln schlagen können zu einer

wirklichen Anschauung der Weltzusammenhänge, tut mehr für die Freiheit,

als wer einen neuen Zaun mit prahlenden Fähnchen an den Toren um den

Garten zieht. Von allen Figuren um Lienhard und Gertrud steht ihm der

Leutnant Glüphi am nächsten, der sich kein besseres Los auf der Welt

findet, als den Dorfkindern in Bonnal ein Schulmeister zu sein; und

seit dem Tag, da die Helvetische Republik Raum für solche Dinge gibt,

brennt Heinrich Pestalozzi vor Begierde, es seinem Leutnant gleich zu

tun.

Gleich in den Frühlingstagen der jungen Republik geht er hinüber nach

Aarau, sich dem Vaterland anzubieten. Er findet es ungünstig, indem der

zuständige Minister, an den er durch Lavater dringend empfohlen ist,

noch in Paris weilt. Trotzdem spürt er gleich, daß die Lebensluft der

neuen Verhältnisse ihm günstiger weht; sein Name schließt Türen auf, an

die er bisher vergeblich klopfte, und als er einen Brief hinterläßt,

weiß er sicher, daß in den Aktenfächern kein Stockfisch daraus wird.

Der neugebackene Minister der Künste und Wissenschaften Albert Stapfer

ist vordem Professor der Philosophie in Bern gewesen; er kann Heinrich

Pestalozzi nicht freundlicher gesinnt sein, als es Iselin und Battier

vor ihm gewesen sind, aber seine Ministerhände greifen breiter als die

ihrigen; auch kehrt die neue Regierung noch scharf als neuer Besen, und

unter den Männern in der Schweiz ist keiner, der aufrichtiger dabei

helfen will, als der Einsiedler und Armennarr vom Neuhof. Stapfer

ist kaum aus Paris zurück, als ihn die Bürger von Aarau schon fast

täglich mit Heinrich Pestalozzi unterwegs sehen. Er lutscht noch immer

an seinem Halstuchzipfel und stellt auch sonst neben dem feinen und

gewandten Stapfer einen altmodischen Großvater vom Land vor; aber

hier kennen und ehren ihn viele, die ihm nun die lange Schicksalszeit

auf Neuhof als ein Martyrium der neuen Herrlichkeit anrechnen; denn

in Aarau als Vorort ist man mit der Helvetischen Republik nicht übel

zufrieden.

Stapfer, der voll eigener Ideen ist, will zuerst der allgemeinen

Schulnot des Landes durch ein Lehrerseminar abhelfen, durch das

endlich andere Männer als Schneider und Schuster in die Dorfschulen

kämen; er tritt eines Tages auf der Straße mit dem Einfall auf ihn

zu, daß er die Leitung übernehme. Aber Heinrich Pestalozzi hat gerade

Kindern zugehört, die in einem schattigen Winkel Schule spielen und

sich mit dem Prügelstock und Geschrei den Katechismus abhören; die

ganze Sinnlosigkeit dieses Betriebes ist ihm aufgegangen als ein

Handwerk, das weder Werkzeug noch Fertigkeiten hat, und wehmütig

lächelnd entgegnet er dem Minister: Wie soll man etwas lehren können,

was noch keiner kann? Es hilft nichts, Bürger Minister, ich muß erst

Schulmeister werden!

71.

Heinrich Pestalozzi hat dem Minister den Plan einer Armenschule

eingereicht; der ist genehmigt worden, und er wartet auf die Anweisung,

wo er beginnen könne, als der neue Besen der Regierung schon im

Stiel zu wackeln beginnt. Im Juni soll der Helvetischen Republik

der Huldigungseid geleistet werden; aber die Urkantone, die unter

dem tapferen Reding den unerbetenen Geburtshelfern aus Frankreich

bis zuletzt blutigen Widerstand geleistet und bei Morgarten dem

Schlachtenruhm der Väter ein neues Blatt beigefügt haben, bleiben

halsstarrig. Sie werden von den französischen Heerhaufen überwältigt,

aber sie geben ihr Herz nicht aus der Hand. Ehe Heinrich Pestalozzi

es merkt, sieht er sich dem Uhrwerk in Aarau eingefügt, das solchem

Widerstand zum Trotz die neue Schweizerzeit einlaufen soll: es gilt,

Aufrufe zu schreiben, redlich und einleuchtend genug, zum wenigsten

die Gutwilligen für die neue Ordnung zu gewinnen. Es sind keine

Nachforschungen mehr, was er schreibt, es sind die quellenden Worte

eines Fürsprech, der das Schicksal des Angeklagten in die Macht seiner

Rede gelegt sieht. Für ihn ist die Sache Frankreichs die Entscheidung

der Menschheit; wenn sich die Schweiz ihr abwendet, ist sie für lange

verloren: »Ihr tretet jetzt hin, die Sache der Telle und Winkelriede

gegen alle Geßler, die Sache der Völker gegen alle Unterdrücker -- die

Sache der Kirchen und Schulen, der Vernunft und des Fleißes gegen die

Barbarei Dummheit, Bettelei und das Elend zu verteidigen!« Wieder wie

in Stäfa steht er mit der Macht seiner Rede im Kampf, aber diesmal geht

sie ans ganze Schweizervolk; ihm zuliebe hat er Fürsprech werden wollen

aus den Griechenträumen seiner Jünglingszeit, nun ist es zum zweitenmal

Wahrheit geworden.

Als auch die Gewalt zu Aarau es mit einem Regierungsblatt versucht,

den guten Willen und die Einsicht ihrer Machthaber in alle Köpfe zu

predigen, ist Heinrich Pestalozzi der Mann des Schicksals, es zu

leiten: statt in eine Armenschule sieht er sich in die Redaktion des

Helvetischen Volksblattes gesetzt, das vom Herbst ab wöchentlich

erscheinen soll. Es wiederholt sich alles, denkt er, der es vordem mit

seinem Schweizerblatt schon auf eigene Hand versucht hat. Aber die

eigene Hand ist besser daran gewesen, sie hat schreiben können, was sie

wollte; hier kommen andere mit ihren Schriftstücken: er ist schließlich

nichts als ein Sekretär, der sich mit dem guten Willen und der Torheit

seiner Vorgesetzten herumschlägt. Auch was er selber schreibt, wird ihm

diktiert, und da er nichts ohne sein Herz vermag, steigert er sich in

einen blinden Glauben hinein, aus dem er redet und schreibt, als ob das

alles sein Herzblut wäre.

Am 8. September endlich erscheint die erste Nummer, tags darauf aber

tut das Schicksal einen Schlag auf seinen Redaktionstisch, daß ihm die

Spreu seiner politischen Leitartikel für immer durcheinanderfliegt.

Er ist unterdessen mit der Regierung als ihr unlösbares Anhängsel

nach Luzern gezogen, der neuen Hauptstadt der Helvetischen Republik,

wo ihm die Berge der Telle und Winkelriede, von denen er geschrieben

hat, täglich vor Augen stehen. Auch fährt er eines Tages mit Legrand

von Basel und anderen Räten aus dem Direktorium über den grünblauen

See in die enge Bucht von Stansstad, wo sie unter freiem Himmel eine

Besprechung mit den aufständischen Nidwaldern haben, die der Republik

den verlangten Eid verweigern. Er ist den Bollwerken der heimatlichen

Unabhängigkeit noch nicht so nahe gewesen, und als er aus dem Kahn ans

Ufer tritt, möchte er sich vor Ehrfurcht hinwerfen, den heiligen Boden

zu küssen. Er sieht aber auch den Husarenkapuziner, wie sie ihn nennen,

den Pater Paul Styger, den roten Zünder der fanatischen Volksbewegung;

in Todesfeindschaft stehen sie auf dem geheiligten Boden gegeneinander,

die in beiden Lagern doch Schweizer und um der selben Heimat willen

voller Feindschaft sind. Wie leicht ist der Haß der Menschen aufzurufen

und wie schwer die Güte! denkt er und fühlt mit einem schaudernden

Blick in sein Leben, daß er nun selber Partei ist: mit anderen, aber

nicht besseren Gründen als diese Männer aus Nidwalden auch, die alle

ihre Hände wie zum Schwur übereinandergelegt halten und gleich den

Stieren ihres Landes dastehen, die vermeintliche Freiheit der Väter zu

verteidigen.

Da die Nidwaldener es nicht bei ihrer Weigerung belassen, sondern

sich zu zweitausend waffenfähigen Männern um den Husarenkapuziner

scharen, die von Uri und Schwyz Zuzug erhalten und so dicht vor

den Toren der Hauptstadt Luzern eine böse Gefahr für die junge

Republik bedeuten, zumal die katholischen Luzerner selbst mehr zu den

Nidwaldenern als zu der ketzerischen Regierung halten: ruft die den

General Schauenburg zu Hilfe. Der rückt mit sechzehntausend Franzosen

an, das Ländchen zum Gehorsam zu zwingen; drei Tage brauchen sie nach

den ersten Schüssen, bis sie vor Stans aneinander kommen, aber dann

ist es kein Soldatenkrieg mehr: Frauen und Kinder, alles, was einen

alten Morgenstern, ein Beil oder eine Sense tragen kann, ist dabei,

und als die Franzosen am Sonntag mittag mit dem Glockenschlag zwölf

in Stans einrücken, gilt es nicht den Sieg, sondern den Anfang einer

grausamen Metzelei. Es ist den Nidwaldern eingeredet worden, daß

es um den Glauben gehe, drum wollen sie lieber sterben, als in die

Hände der Ketzer fallen. Jedes Haus wird eine Opferstätte verrückter

Menschlichkeit, tief in die Nacht geht der wahnsinnige Kampf, und am

Morgen ist das blühende Stans ein rauchendes Ruinenfeld, darin die

Leichen wie geerntete Feldfrüchte liegen. Nur der Husarenkapuziner, der

ihnen unverwundbare Leiber und Engelscharen versprochen hat, ist über

die Berge davon.

Hunderte von Luzernern sind -- weil es Sonntag ist -- auf die

unteren Abhänge des Pilatus und auf den Bürgenstock gestiegen, um

dem schrecklichen Schauspiel wie einem Manöver zuzusehen. Heinrich

Pestalozzi war nicht unter ihnen, aber er hat in Luzern die fernen

Kanonenschläge gehört und noch in der Nacht Nachricht von dem Greuel

des Tages erhalten. Drei Tage später fährt er hinüber und sieht den

rauchenden Kirchhof, wo die Luft nach den verbrannten Leichen riecht

und die schwälenden Rauchsäulen der erstickten Brände den Gefallenen

die Totenwacht halten. Lebendiges scheint außer den französischen

Soldaten, die mit verbitterten Gesichtern noch immer Totengräberarbeit

tun, niemand mehr in Stans zu sein; was die Franzosen nicht

niedergemacht haben, ist in die Berge geflohen; nur ein Trüppchen

Kinder sieht er, das sich in seiner Verzweiflung unter der Kirchmauer

geschart hat und, von einigen Soldaten bewacht, kaum anders aussieht

als ein Haufe jungen Schlachtviehs. Er hat im Ranzen Nahrung für sich

selber mitgebracht, die teilt er ihnen aus, und was er an Geld bei sich

hat, gibt er eilig den Soldaten, daß sie ihm Brot holen unten am See,

wo schon Kähne mit Nahrungsmitteln angekommen sind. Auch spricht er mit

den Kindern und läßt sichs nicht angehen, daß kaum eines eine Antwort

gibt; er vergißt Zeit und Ort um ihrer Not willen und ruht nicht, bis

er sie alle in der Klosterscheune gebettet hat, weil im Kloster selber

die verwundeten Soldaten bis in den Gängen liegen; erst, als er sie

endlich schlafend weiß, sucht er sich selber ein Lager.

So bleibt er drei Tage lang mit ihnen und ist glücklich bewegt, als

sich das Trüppchen mehrt; am vierten Mittag findet ihn ein dringender

Bote aus Luzern um der fälligen Nummer des Helvetischen Volksblattes

willen. Er braucht lange, bis er sich in die Papierwelt seines letzten

Daseins zurückbesonnen hat; er schüttelt den Mann, der ihm folgt,

jähzornig ab und wäre so ein Armer unter den Ärmsten geblieben, wenn er

nicht dem Minister Rengger in die Arme gelaufen wäre, der auch diese

Ernte der neuen Regierung besichtigen und einen Bericht machen will:

Sollen wir nicht ein paar Tausend Volksblätter kommen lassen, sagt er

ingrimmig zu ihm, und die Tränen quellen ihm aus allen Rinnen seines

Gesichtes, das Elend einzuwickeln?

Ein Waisenhaus wäre nötiger, sagt Rengger und stellt sich hart wider

ihn. Da ist Heinrich Pestalozzi schon am Nachmittag wieder in Luzern,

um keine Stunde zu versäumen, das zu erreichen.

72.

Es dauert drei lange Monate, bis die Regierungsherren in Luzern sich

einigen, Heinrich Pestalozzi nach Stans zu lassen. Es ist die letzte

Wartezeit, doch wird das Vierteljahr ihm länger als Jahre vorher, so

drängt die Ungeduld, endlich aus dem Stauwasser seiner Schriften in

Fluß zu kommen. Er würde in den höchsten Alpen, ohne Feuer und Wasser,

anfangen, wenn man ihn nur einmal anfangen ließe.

Endlich im Dezember beschließt das Direktorium der Helvetischen

Republik, dem Bürger Pestalozzi die Einrichtung und Leitung eines

Waisenhauses in Stans zu übertragen; er wartet die Ausfertigung nicht

ab und fährt schon am zweiten Tag danach über den nebeligen See, um

bei der Baueinrichtung dabei zu sein. Die Anstalt soll in einem Flügel

des Frauenklosters eingerichtet werden, und der Baumeister Schmidt

aus Luzern geht mit hinüber, die notwendigen Veränderungen zu machen.

Da schon im Herbst eine scharfe Kälte eingefallen ist, sodaß den

Bauern die Erdäpfel in den Feldern erfroren sind, hat der Hunger die

Bettelwaisen aus ihren Schlupflöchern in die Häuser gejagt, wo ohnehin

schon zuviel hungrige Mäuler warten. Längst schon, bevor er Betten

und die sonstige Einrichtung hat, fängt Heinrich Pestalozzi an, Brot

zu verteilen und dabei seine Zöglinge zu suchen; als er Mitte Januar

die ersten Waisen bei sich hat, kann er zunächst an keinen Unterricht

denken, so verelendet sind sie.

Lebenstag eines Menschenfreundes · 第 15 / 25 段