Fellenberg scheint diesen Reiseeinfall zunächst für einen Witz zu

halten; er fitzt ein paarmal mit der Reitgerte durch die Luft und lacht

dazu, als sie nachher miteinander auf einer Fensterbank sitzen: Das

wäre allerdings keine üble Szene, wenn er in Wien als Wunderdoktor

aufträte! Aber als Heinrich Pestalozzi mit einem Freudenruf aufspringt

und redend ins Zimmer läuft, wie wenn er schon vor dem Grafen stände,

wobei er sich freilich in einen Teppich verfängt und stolpert, fällt

der Ratsherr ihm in den Arm, setzt sich aber gleich hin, ingrimmig

lachend und den Kopf abermals schüttelnd wie einer, der mit seinem

Verstande zu Ende ist. Je mehr sich Heinrich Pestalozzi in die

Einzelheiten seines phantastischen Plans hinein redet -- wie er als

dramatischer Dichter versuchen will, dem ganzen Hof ins Gewissen zu

reden -- je schweigsamer wird der andere; bis beide schweigen und

Fellenberg sich mit aller Gewandtheit seiner Diplomatie daran gibt,

das Schaukelbrett wegzuziehen, darauf die Pläne seines Gastes gebaut

sind: Der Wiener Hof und der Graf Zinzendorf hätten zur Zeit andere

Dinge zu bedenken; der Kaiser Josef, durch dessen Eifer alle Mühlen

in Österreich so eifrig am Mahlen gewesen wären, läge sterbenskrank

darnieder, verbittert am Widerstand seiner Zeit. Er würde ihn wohl kaum

noch lebend finden, wenn er in Wien ankäme; und so große Hoffnungen

auch auf seinen Bruder Leopold, den Herzog von Toskana, als seinen

Nachfolger zu setzen wären -- Heinrich Pestalozzi habe ihm ja immediat

schreiben dürfen und besitze sicher einen Gönner in ihm -- er würde den

Staat in einer Verfassung finden, die fürs erste auf andere Dinge als

noch mehr Reformen ginge! Und was er sich sonst unter Wien und seinem

Hof vorstelle? Es könne ihm passieren, daß er, einmal versehentlich

ins Armenhaus gebracht, nicht so leicht wieder herauskäme wie hier.

Jedenfalls würde ihn der Graf Zinzendorf kaum selber herausholen!

Es hilft nichts, daß Heinrich Pestalozzi seine Gegengründe mit den

Armen heran bringt, diese Dinge kennt der Ratsherr besser als er; und

da der ihm weder in Bern noch sonst in der Schweiz einen Platz für

seine Experimente weiß, tritt er nach drei Tagen, gedemütigter als

er gekommen ist -- trotz aller ehrenden Sorge des Ratsherrn -- seine

Rückreise nach dem Neuhof an. Da es sein muß, vermag er den Weg nicht

durch eine neuerliche Wanderung in die Länge zu ziehen; er fährt mit

der Post und langt nach einer durchrumpelten Tagesfahrt nachmittags in

Lenzburg an, von da über den Berg zu laufen. Er will sich im »Löwen«

noch stärken für den Marsch, als ihm sein Sohn aus der Tür mit einem

Mädchen entgegentritt, das er nach der ersten Überraschung als eine

Brugger Tochter namens Fröhlich erkennt, die auch schon einigemal

im Neuhof gewesen ist. Die beiden haben sich, wie sie abwechselnd

errötend sagen, zufällig hier in Lenzburg auf dem Markt getroffen und

wollen mit ihren Eltern im Wagen nach Brugg heimkehren. Da er ablehnt,

mitzufahren, und der Wagen schon wartet, treten sie garnicht mehr mit

ihm ein; so kommt er trotz der Begegnung allein mit dem Abend ins

Birrfeld hinunter, nun völlig sicher, daß kein Platz mehr für ihn und

seine Pläne auf dem Neuhof ist.

63.

Es geschieht so, wie Fellenberg prophezeit hat; nach einigen Monaten

liest Heinrich Pestalozzi in der Schaffhauser Zeitung, daß der

edle Kaiser Josef im neunundfünfzigsten Jahr seines Lebens und im

fünfundzwanzigsten Jahr seiner Regierung gebrochenen Herzens gestorben

sei. Damit ist der Rest seiner heimlichen Hoffnungen allein auf seinen

Nachfolger Leopold gestellt, und im Herbst wagt er es, ihm mit einer

Schrift durch den Grafen Zinzendorf seine Dienste anzubieten. Aber

auch damit hat Fellenberg recht gehabt, der Brief bringt ihm nie eine

Antwort ein, und während er nach Trostgründen sucht, stirbt der neue

Kaiser seinem Bruder rasch hinterher.

Unterdessen ihm die Weltgeschichte diese Striche durch seine

phantastische Rechnung macht, beeilt sich sein Sohn Jakob mit der

Anna Magdalena Fröhlich von Brugg; im einundzwanzigsten Jahr macht

er Hochzeit, und seitdem sitzt Heinrich Pestalozzi wirklich auf dem

Altenteil im Neuhof. Seine Frau ist nun fast immer bei ihrer Freundin

auf Schloß Hallwyl, und ihn treibt seine einsame Ruhelosigkeit nach

Zürich, wo er den Rest seiner Freunde gelegentlich um neue vermehrt.

Noch immer ist es die gelobte Stadt schwärmerischer Jünglinge,

denen die Lage am See, der Ausblick ins Gebirge, dazu die gastliche

Geselligkeit ihrer reichgewordenen Bürger und nicht zuletzt das durch

Bodmer -- den auch nun längst gestorbenen -- begründete literarische

Leben einen Zauber von freier Schönheit vortäuschen. Obwohl seine

Schriften weder im Einklang mit dem Wesen der Stadt noch mit ihrem Ruf

stehen, ist der Verfasser von Lienhard und Gertrud doch für manchen der

fremden Jünglinge eine Bekanntschaft, die ihnen zugehörig scheint; und

das Angenehmste, was Heinrich Pestalozzi von seinem Ruhm erlebt, wird

ihm von ihnen gelegentlich in Zürich zuteil.

So trifft er einmal einen jungen Holsteiner namens Nicolovius, der

mit dem Grafen Stolberg nach Zürich gekommen ist und sich -- wie er

Heinrich Pestalozzi sagt -- seit Beginn der Reise darauf gefreut hat,

ihn zu sehen. Die norddeutsche Kühle des jungen Mannes entspricht

wenig dieser warmen Versicherung, und er erwartet eigentlich nicht

viel, als er ihn einlädt, ihn einmal auf dem Neuhof zu besuchen. Wie

er dann aber kommt, ist er ohne seinen Grafen viel weniger steif, und

als sie erst einen Spaziergang miteinander machen übers Birrfeld und

Müligen nach der Reuß hinunter, erschließt er ihm bald sein Herz. Der

Jüngling hat all seine Schriften mit glühendem Eifer gelesen und den

Plan seines eigenen Lebens darauf gebaut. So erlebt Heinrich Pestalozzi

ganz unvermutet an ihm das Glück einer wirklichen Jüngerschaft; in der

Gedrücktheit seiner Lage wird das ein berauschendes Erlebnis für ihn,

und wie er trotz Iselin und Battier niemals zu einem der Schweizer

Freunde hat sprechen dürfen, so öffnet er diesem Jüngling sein Herz.

Er kommt fröhlicher als seit langem heim, und darum fällt ihm die

Traurigkeit so schneidend ins Herz, als um einer Besorgung willen sein

Sohn ins Zimmer tritt und die beiden nebeneinander stehen, ziemlich

gleich groß im Bau, aber der eine stumpf und von der Verbitterung

seiner Krankheit mißmutig, trotzdem er das fröhlichste Frauenzimmer

der Welt sein eigen nennt, der andere hell, klug und voll Schwung,

ein junger Bach, in den er alle Trübheit seines Alters gießen könnte,

ohne die gläserne Helligkeit zu trüben. Ach wäre es mein Sohn! schreit

eine Stimme in ihm auf, wieviel leichter stände ich in der Welt, einen

solchen Erben meiner Wünsche für die Menschheit zu haben! Und um nicht

weinend über diesen Zwiespalt dazustehen, läuft er hinaus gegen den

Wald, mit stürzenden Tränen wie in seiner Jugend.

64.

Nicht lange danach macht Heinrich Pestalozzi die erste größere Reise

seines Lebens; die Tante Weber in Leipzig ist gestorben, und weil er

am ehesten abkömmlich ist -- wie ihm der Vetter Hotze in Richterswyl

nicht ohne Spott beibringt -- reist er als Erbbevollmächtigter seiner

mütterlichen Familie hin. Er reist gern, weil er sich freut, das Bärbel

wiederzusehen, das ihm in den fünfzehn Jahren als Frau Groß nicht

untreu geworden ist und aus seinen Briefen von allem Schicksal weiß.

Dahinter aber lockt die Hoffnung, daß er nun selber in dieses große

Deutschland fährt, aus dem ihm immer noch das stärkste Echo gekommen

ist. Vielleicht, daß er doch einen Reichsfürsten für seine Pläne findet!

Die Fahrt geht noch im nassen März über Schaffhausen, Ulm, Nürnberg,

Bamberg; aber diese Städte sind nur die größeren Nachtpausen in der

endlosen Fahrt, die durch ein Gewirr von waldigen Hügeln, Wiesentälern

und Ackerfeldern unaufhörlich über neue Grenzen in immer fremdere

Gebiete führt. Wie es heißt, sind deutsche Heere nach Frankreich

gezogen, den gefangenen König zu befreien, und überall begegnet

er den Spuren dieses Feldzugs, sodaß er froh ist, nach einer fast

vierzehntägigen Reise endlich in Leipzig zu sein. Er findet seine

Schwester, die als Mädchen fortging, als eine stattliche Matrone

wieder an der Seite eines Mannes, der vom ersten bis zum letzten

Augenblick des Tages keinen andern Gedanken hat als sein Geschäft. Die

Förmlichkeiten der Erbschaft denkt er bald zu erledigen und danach

den eigenen Sachen nachzugehen; aber eine Eingabe zieht die andere

nach sich und ein Anwalt den andern; schon nach acht Tagen sitzt er

vor einem Berg von Akten, und jedes Papier hat die Sache schwieriger

gemacht. Dabei ist er ein Schweizer unter lauter Sachsen, und so

komisch er ihre Sprache findet, sie können das Lachen nicht verhalten

vor der seinen. Selbst wenn er jemand für seine Sache eifrig gemacht

hat, zerstört ein Gespräch mehr, als drei Briefe Nutzen brachten. Ist

er in der Schweiz mit seinen Taten der Narr der Leute gewesen, so wird

er es hier mit seiner Erscheinung; er vermag schließlich nur noch

ängstlich über die Straßen zu gehen, weil immer wieder die Buben mit

Gelächter hinter ihm drein laufen.

Sein geheimer Plan, nach Weimar oder sonst an einen Fürstenhof zu

fahren, verdrückt sich dadurch; verschüchtert und ingrimmig über die

langwierigen Termine und die Ergebnislosigkeit seiner Reise fängt

er bald an, Heimweh nach seiner Schweiz zu kriegen, und eher, als

er gedacht hat, ist er auf der Rückfahrt. Nicht einem Menschen hat

er ernstlich von seinen Dingen sprechen können, aber mit seinen

Luftschlössern im Ausland ist er trotzdem fertig. Er hat gesehen,

daß Zürich und Leipzig für ihn dasselbe ist; hier wie dort gibt es

Stadtbürger, deren Namen einem gefüllten Geldsack den Klang verdankt;

hier wie dort sind diejenigen weiße Raben, die mehr als ihren Vorteil

wollen, nur daß er die weißen Raben daheim allmählich kennt und zu

beurteilen weiß, während er dort nicht einmal zu einer oberflächlichen

Kenntnis kommt! Auch auf der Heimreise sieht er nichts von den Ländern,

durch die sein Postwagen fährt. Überall Postmeister, Stadtsoldaten

und Zöllner, Schlagbäume und mürrisch geöffnete Stadttore. Ohne ein

eigentliches Erlebnis kommt er gedemütigt wieder an und nicht geneigt,

mehr als seinen geschäftlichen Bericht von der Reise zu geben. Daß er

zweimal dicht am Rheinfall vorüber gefahren ist, erfährt er erst, als

man ihn danach fragt.

Das einzige, was er mitbringt, sind die ungeheuren Vorgänge in Paris,

von denen täglich neue Blutberichte nach Leipzig kamen. Noch lebt der

König, aber schon weiß man, daß er kaum mehr als ein Gefangener der

Empörer ist. Auch sonst scheint die Weltordnung einzustürzen; das Elend

und die Verzweiflung der Armut stehen auf, wie Heinrich Pestalozzi

es längst befürchtete, und da er das Heilmittel angepriesen hat, die

Regierungen mit ihren Völkern übereins zu bringen, kommt er sich wie

ein Prophet vor, auf den niemand hören wollte. Aber als bis in den

Hochsommer hinein sich die Schreckensnachrichten häufen, sodaß es

scheint, als ob Paris den Untergang Jerusalems noch einmal erleben

solle, bekommt er die Nachricht, daß ihm die Nationalversammlung

der Empörer in Paris das Ehrenbürgerrecht des französischen Volkes

verliehen habe. Achtzehn Ausländern ist es zugesprochen worden, und

neben den weltberühmten Namen Washington, Klopstock und Schiller sieht

er den seinigen geehrt, wie er es niemals geträumt hätte.

Er ist wieder einmal mit Hans Heinrich Füeßli zusammen -- den sie

unterdessen in Zürich auf den Lehrstuhl für vaterländische Geschichte

am Collegium Carolinum berufen haben -- als die Nachricht eintrifft:

Das ist was Rechtes, spottet der, um seine Freude zu verbergen,

Ehrenbürger einer Räuber- und Mörderbande zu sein! Aber in seinem

Kopf haben alle Gedanken schon eine neue Windrichtung angenommen:

Wo Heinrich Pestalozzi Ehrenbürger wird, sagt er fest, und bleibt in

seiner Gläubigkeit allem Hochmut fern, ist etwas Gutes im Wege! Für

eine Räuberbande könnten sie landauf, landab schon andere Leute finden,

auch in Zürich.

Trotzdem, ein Ehrenbürger des Aufruhrs bleibst du, sagt Füeßli nun

gleichfalls ernst und setzt seinen Hut auf, weil er doch gehen will!

Da gibt ihm Heinrich Pestalozzi die Hand, und jedes Rünzelchen seines

braunen Gesichts scheint einzeln zu lächeln: Du meinst, weil ich selber

ein Aufrührer sei? Ich hätte freilich gern euren Brei gerührt, er war

zu zäh für meine Holzlöffel, die mir nacheinander zerbrochen sind. Was

gilts, die haben eiserne Löffel, und ihr werdet daraus essen müssen!

65.

Seit diesem Tag ist ein Schein in der Welt, der Heinrich Pestalozzi

das Blut unruhig macht; er fühlt, daß es die Sache der Menschheit

ist, die in Paris verhandelt wird, und soviel Greuel da mit Greueln

totgeschlagen werden: er wartet aus der wilden Mordnacht getrost auf

ein Morgenlicht, das auch seinen Dingen scheinen soll. Für ihn bedeutet

die Verkündigung der Menschenrechte auch die der Menschenpflichten;

während die Franzosen ihrem König den Kopf abschlagen, schreibt er in

einer glühenden Schrift sein klares »Ja oder Nein« zu dem Aufruhr der

verwahrlosten Menschennatur; und weil er sieht, wie nun das Christentum

von denen zur Hilfe gerufen wird, die es bisher nicht brauchten,

scheut er sich nicht, die Übereinstimmung der christlichen Lehre mit

den sozialen Forderungen der Revolution in einer zweiten Flugschrift

darzulegen. Aber er findet keinen Drucker in der Schweiz für diese

Kühnheiten, und seine Freunde sind erlöst, daß er sie ins Schubfach

legt.

Indessen Heinrich Pestalozzi so die flackernden Brände der

Zeitgeschichte in den Spiegel seiner Ideen nimmt, sitzt er selber noch

überflüssig auf dem Neuhof im Altenteil; so kommt ihm eine Anfrage

seines Vetters, des Doktors Hotze, recht: Der will eine längere Reise

nach Deutschland machen, wo seine Tochter einen Herrn von Neufville

in Frankfurt heiratet, und er soll ihm über den Winter das Haus in

Richterswyl hüten. Er sieht sich als stellvertretender Hausherr in die

Sorglosigkeit eines wohlhabenden Hauses am See verpflanzt, den Freunden

in Zürich mit einer nicht zu umständlichen Schiffahrt erreichbar und

mitten in einer Landschaft, die ihn mit den letzten Gesängen der

Weinernte umfängt und gegen das rauhe Birrfeld ein einziger Garten ist.

Zum erstenmal in seinem unrastigen Mannesleben weicht die Täglichkeit

der Sorgen von ihm zurück, und während er in den ersten Tagen sein

zeitweises Besitztum abschreitet, gegen den See hinunter und bis an den

Wald hinauf, kommt es ihm vor, als habe er in seinem Leben noch keinen

Spaziergang gemacht.

Wie er nun eines Tages unten am See sitzt und sich von der letzten

Wärme der Herbstsonne durchschauern läßt -- es ist dieselbe Stelle, wo

ihn die Mutter damals auf den Armen ins Haus holte -- muß er an den

Knaben im Federhut denken, der es unterdessen bei den Kaiserlichen

zum General gebracht hat. Wo sind meine Taten? fragt er da in die

blausonnige Seewelt hinaus, und alles, was er an großen Dingen

versuchte, erst mit seinen mißlungenen Gründungen, danach mit seiner

Feder, scheint ihm ärmlich und zerstreut. Wohl hat er mit Lienhard

und Gertrud einen Plan aufgebaut, wie der verwahrlosten Menschheit

zu helfen wäre, aber der Plan ist auf das Herrenrecht gegründet

gewesen, das er nun überall wanken sieht. Er ist nicht auf den Grund

der Menschennatur gegangen, er hat seine Vorschläge an Verhältnisse

geklebt, die sich vor der großen Abrechnung, die nun kommt, nicht

halten können, und so bröckeln sie mit ihnen hin. Nichts scheint ihm

fest in dieser Zeit, als der Gedanke der menschlichen Verpflichtung,

der sich im Schicksal der Tage aufringt und aus dem allein die Ordnung

der Zukunft kommen kann.

Er sitzt noch mitten in dieser Rechnung, als er drei Männer vom Haus

herunter an den See kommen sieht, von einer Magd zu ihm gewiesen:

Landfremde, die er aus Zürich kennt, zwei Deutsche und der dänische

Dichter Baggesen; der eine Deutsche aber, namens Fichte, hat die

Tochter einer Freundin in Zürich geheiratet und ist ihm dadurch wie

durch den Steilflug seiner Gedanken vertrauter geworden. Wie die

drei gerade in dieser Stunde daher kommen, wird ihm alttestamentlich

zumut, so wohl tut ihm ihre Gegenwart. Noch sind sie keine Stunde

da, als er schon tief im Gespräch ist, wie nichts nötiger sei als

eine Nachforschung über den Gang der Natur in der Entwicklung des

Menschengeschlechts. Die Abrechnung mit der alten Zeit ist da, und

allein aus der Natur kann die Formel für die neue gefunden werden. Er

hat ein Gefühl, als ob ihm in der Tiefe ein Strom aufgebrochen wäre,

daraus seine Rede zur Sprache des Lebens selber würde. Und da es Männer

sind, die wie er diese Zeit im Innersten erleben, die nicht wie die

Regierenden und Besitzenden händeringend um die bedrohte Macht und

ihren Reichtum dastehen, sondern in sich die Seele und das Schicksal

ihres Volkes und der Menschheit fühlen, spricht er nicht rauben Ohren.

Der Tag geht hin und die halbe Nacht; und obwohl sie kaum Wein dazu

trinken, ist ein Rausch in ihnen, daß sie sich aller Dinge kraft ihres

Geistes mächtig fühlen.

Als gegen Mitternacht der Mond aufgeht, treten sie noch einmal hinaus,

wo eine alte Linde ihre Äste über den Hof senkt. Das ist unser

Freiheitsbaum, sagt Heinrich Pestalozzi und faßt die Hände seiner

Nachbarn: seine Wurzeln im Saft der Erde halten die Krone im Wind;

kein dürrer Steckling, sondern eine gewachsene Kreatur! Ehe sie es

selber merken, hat sich auch Fichte als der vierte eingefaßt, sodaß

sie in einem Ring um den Lindenbaum dastehen. Aber der Stamm ist so

dick in den Wurzeln, daß sie sich alle vier ihm dicht zuneigen müssen

und mehr in einer Umarmung als zum Reigen dastehen: Es ist nichts

mit dem Tanzen, sagt Heinrich Pestalozzi, jetzt weiß ich, warum die

Freiheitsbäume der Franzosen so dünn sind!

66.

Danach fühlt Heinrich Pestalozzi, wie alles in seinem Leben der

Auflösung entgegengeht. Nach dem Winter in Richterswyl findet er

sich nicht mehr in den Neuhof zurück; wohl hält er sich auch danach

noch wochenlang dort auf, aber seitdem seinem Sohn eine Tochter

Marianne geboren ist, die ihn zum Großvater macht, sitzt et nur noch

wie ein Zuschauer dabei, wenn sie sich abends im Lichtkreis um den

Tisch sammeln -- es ist immer noch die Messinglampe, die ihm schon in

Müligen geleuchtet hat und bis auf den Tag das Staatsstück des Hauses

vorstellt. Er ist nun wieder viel und gern bei seiner Mutter, die noch

einmal nach der kleinen Stadt hinübergezogen ist, wo sie mit einer

Aufwärterin in zwei Stuben ihr einsames Wesen hat; denn auch das Babeli

liegt bei St. Leonhard begraben nach seinem tapferen Leben. Sie ist

nun in der Mitte der Siebziger, schlohweiß und eingeschrumpft; doch

weiß sie noch immer, daß sie eine geborene Hotzin ist, und Heinrich

Pestalozzi erfährt manchen Tadel, weil er nicht acht gibt auf ihre

Ordnung und Reputation. Am liebsten hat sie, wenn er vom Bärbel und

seinem Besuch in Leipzig erzählt und wie da alles in den Glanz des

bürgerlichen Lebens gekommen ist, den sie entbehren mußte; es gibt

Fragen, die sie schon hundertmal gestellt hat und deren Antwort sie

doch immer mit der gleichen glücklichen Neugier abwartet. Auch ein paar

dunkle Stellen sind da um den andern Sohn, wo sie den Kopf schüttelt

und am Boden wie auf einer Landkarte den Verschollenen sucht; doch

kennt Heinrich Pestalozzi die Brücken, um sie rasch hinüberzubringen in

die sicheren Umstände ihrer Täglichkeit.

Eines Tages im März wacht sie nicht mehr auf aus ihrem

Mittagsschläfchen; aber als er sie findet, liegt abgegriffen und

weich, kaum noch wie ein Papier, der letzte Brief ihres Johann Baptista

unter der Schürze, als ob sie ihn auch noch vor dem Tod ängstlich

verstecken wolle.

Nun stehen wir vorn, sagt Heinrich Pestalozzi zu seiner Frau, als

sie von dem Kirchhof bei St. Anna zurückkommen und abgesondert von

den Leidtragenden in die leere Wohnung der Mutter gehen: wir beide

sollten nun hier wohnen und auf den Herold mit der Sense warten! Aber

Anna Schultheß, die auch schon achtundfünfzigjährig und eine rechte

Großmutter ist, hat in den dreißig Jahren gelernt, daß nichts weniger

als abwarten seine Sache ist: Wer weiß, sagt sie und lächelt ihn mit

der Güte an, die über alles Schicksal ihr edles Teil für ihn geblieben

ist: wer weiß, auf welchen Wegen wir noch gehen und den Herold abholen

müssen!

Abend

67.

Als Heinrich Pestalozzi und seine Frau Anna ein paar Stunden lang still

miteinander in den Stuben geblieben sind, daraus sie morgens seine

Mutter als die letzte von den vier Eltern ihrer Ehe auf den Kirchhof

getragen haben, trennen sich ihre Wege für lange Zeit. Nicht, daß sie

unfriedlich auseinander gingen; ihre Seelen sind selten so im Rätsel

der Vertrautheit gewesen wie an diesem Nachmittag, wo sie im Vorhof

des Todes und also im Allerheiligsten des Lebens ihre Hände und Augen

ineinander legen und das Naheste ihres Lebenskreises, ihr Fleisch

und Blut im Neuhof und dahinter die Herzensfreunde nur noch wie eine

fremde Ferne fühlen. Aber Abmachungen vom Morgen rufen Anna zu ihren

Brüdern im Pflug, wo noch am Abend ein Wagen sie zu einer Freundschaft

abholen soll. Er mag weder zum einen noch zum andern: Es sind deine

Sachen, sagt er, wie meine Mutter allein die meine ist; ich will noch

ein paar Tage ihr Sohn gewesen sein, weil nun der Faden meiner Kindheit

abgeschnitten wurde.

Es schlägt fünf Uhr, und der Märztag geht rötlich dem Ende zu, als er

sie auf die Straße bringt. Wir sind im Nachmittag, sagt er, und weil

am Morgen und Mittag alles kam, wie es geschehen mußte, wird auch der

Abend unseres Lebenstages nicht anders sein! Danach geht er hinauf und

sitzt zum Abend schon tief in den Gedanken, die seit Wochen und Monaten

das Selbstgericht seines Daseins sind: »Ich will wissen, was der Gang

meines Lebens, wie es war, aus mir gemacht hat; ich will wissen, was

der Gang des Lebens, wie es ist, aus dem Menschengeschlecht macht!« Das

sind seine Nachforschungen aus Richterswyl, und er verläßt die Stuben

seiner Mutter nicht eher, als bis er die Schrift vollendet hat, an der

er nun schon im dritten Jahr seine Denkkraft versucht. Er schreibt

sie nicht für sich und nicht um seinetwillen, er sieht sich in der

Menschheit und die Menschheit in sich, er will der wirren Zeit einen

sicheren Maßstab und Weiser ihrer Taten geben. Dies aber ist ihm im

Einzelnen wie in Allen der gleiche Gang der Natur: aus dem tierischen

Paradies der Jugend in die gesellschaftliche Verpflichtung als Bürger,

als Teil der Familie, der Gemeinde, des Staates, als Erfüller eines

Berufes; doch kann für ihn dieses Dasein des brauchbaren Bürgers nicht

Sinn und Ziel des Lebens sein: das Ziel ist allein der Mensch als

sittlicher Zustand, der sich jenseits von allem bürgerlichen Zweck in

das Weltwesen einordnet, wie es der Weisheit des Alters vorbehalten

scheint. Die selige Unschuld der Jugend kann er mit dem Bewußtsein

des Alters nicht wieder erreichen, aber doch die Unfreiheit des

gesellschaftlichen Menschen überwinden und als letzte Einsicht die

Einheit der Kreatur mit dem Schöpfer wieder gewinnen, die das Tier in

seiner paradiesischen Unschuld nicht verliert.

Es ist der Abschied von seinen Mannesjahren, den Heinrich Pestalozzi

einsam feiert, als er über dieser Schrift wochenlang mit dem hitzigen

Eifer seiner Jünglingsjahre sitzt. Daß er sie in der Stube seiner

Mutter niederschreibt, bringt ihm auch sonst die Stimmung der Zeiten

zurück, da er den spartanischen König Agis in die Zürcher Verhältnisse

beschwor. Wie damals hätte er gern einen Kreis Gleichgesinnter gehabt,

ihnen die gelungensten Stücke aus seiner Schrift vorzulesen; aber es

gibt keine Gerwe mehr, Bodmer liegt seit dreizehn Jahren in der Erde,

und statt seiner heiteren Menschlichkeit herrschen die Humanisten über

die Zürcher Jugend. Gleichwohl, als er zu Ende ist mit seiner Schrift

und im Gefühl tiefer Dankbarkeit aufatmet nach der fiebrigen Anspannung

dieser Wochen, treibt es ihn, einen Kreis alter Freunde zu suchen,

denen er die Hauptstücke seiner Nachforschungen vorlesen darf. Die

meisten sind unterdessen Großvater geworden gleich ihm, und der Beruf

hat nicht allen Zeit gelassen, den Lebensfragen so nahe zu bleiben wie

er; aber die Feuersbrunst von Westen hat so viele Brandflocken in die

Schweiz herüber geworfen, daß auch die Zurückhaltenden die Unruhe der

Zeit fühlen; und schließlich ist Heinrich Pestalozzi nicht mehr allein

der Armennarr von Neuhof, sondern auch der berühmte Verfasser von

Lienhard und Gertrud und schweizerischer Ehrenbürger der französischen

Republik.

Lebenstag eines Menschenfreundes · 第 14 / 25 段