zu begegnen, das hat Heinrich Pestalozzi spartanisch an ihm geübt, auch
ist er mit List und Stärke dabei gewesen, seinen kindlichen Eigensinn
zu brechen -- bis der gefährliche Untergrund dieser Eigenschaften
im Ausbruch seiner Krankheit herzschneidend zutage kommt. Es ist in
der Zeit, da die Stimme anfängt zu wechseln; er hat einen Korb mit
Pflanzkartoffeln aus dem Keller holen sollen und kommt nicht wieder.
Als Heinrich Pestalozzi heftig hinunterläuft, sitzt er verträumt vor
einem Spinnennetz; die Überraschung mag zu jäh gekommen sein: ehe
Heinrich Pestalozzi bei ihm ist, tut der Knabe einen Schrei und fällt
hin wie ein Toter. Doch hat er ihn kaum an der Schulter gefaßt, als
das Leben mit unheimlichen Zuckungen wieder anfängt. Das fallende Weh
rast in ihm und Heinrich Pestalozzi, der als eifernder Vater zu hadern
gekommen ist, sieht sein armes Kind in dem fahlen Kellerlicht Mächten
überliefert, die seiner Strenge wie seiner Liebe spotten. Erst als
alles vorüber ist und der Knabe aus tiefer Bewußtlosigkeit erwacht,
wagt er die Lisabeth zu rufen.
Seine Hoffnung, daß es ein einzelner Anfall gewesen sein möge, wird
nicht erfüllt; die Krankheit kommt zurück und steht seitdem warnend
hinter jedem ärgerlichen Wort, das er dem Knaben sagen will. Das Grauen
nimmt ihm für lange den Mut; denn deutlicher als jemals sieht er, wie
das Schicksal des Menschen als einer Kreatur nicht an eigene oder
fremde Verschuldung allein gebunden ist, wie Glück und Unglück aus den
Naturgründen des Lebens kommen und alle sittliche Sorgfalt zu verhöhnen
scheinen. Lange versucht er, das Unheil Anna zu verheimlichen, die
bei dem ersten Anfall in Hallwyl war; als sie es eines Tages doch
erlebt -- sie sind in den Letten hinaus spaziert und müssen ihn da in
den rotblühenden Klee legen -- meint er in dem entsetzten Blick der
Mutter einen Vorwurf zu spüren, der ihm lange nachgeht und bald darauf
eine peinliche Ergänzung findet. Er hört, daß die Leute in Birr der
unvernünftigen Abhärtung -- den Knaben von kleinauf, auch im Winter,
im eiskalten Brunnenwasser zu waschen -- die Erkrankung zuschreiben.
Die Gewohnheit behält immer recht! sagt er bitter, aber ein grausamer
Rest ihrer Schadenfreude bleibt zurück und quält ihn mit Zweifeln, ob
er dem Knaben ein rechter Vater gewesen sei. Er sieht nun erst, daß der
Jakob kaum lesen und schreiben kann und auch sonst gegen die Kinder
seines Alters zurück ist. Am Ende kommt er mit Anna überein, ihn für
ein Jahr oder zwei nach Mülhausen in eine Erziehungsanstalt zu geben,
die ihm durch seinen Vetter, den Doktor Hotze in Richterswyl, empfohlen
ist; die zage Hoffnung auf seine Heilung muß ihnen über den schweren
Abschied forthelfen.
Auf der Rückreise sucht er einen Herrn Battier in Basel auf, der
ihm noch durch Iselin bekannt geworden ist; ein Kaufmann, der
fest im Sattel seiner zahlreichen Geschäfte sitzt, aber allen
menschenfreundlichen Dingen mit der Kraft seiner unabhängigen und
kühnen Natur zugewandt blieb; der will den Jakob nachher in die Lehre
nehmen. Vorläufig aber hat er von all den kläglichen Nöten gehört,
in denen der berühmte Verfasser von Lienhard und Gertrud immer noch
lebt, und setzt ihm hartnäckig zu, eine Liste seiner Schulden und
Verpflichtungen aufzustellen. Es wird eine quälende Stunde für Heinrich
Pestalozzi, in dem blitzsauberen Kontor und vor dem schneeweißen
Halstuch dieses Kaufmanns seine verzwickte Lage zu offenbaren; auch
vermag er aus der Erinnerung unmöglich durch den Urwald seiner
Bedrängnisse hindurch zu kommen. Er weicht ihm schließlich aus mit dem
Verspruch, ein genaues Verzeichnis seiner Güter und ihrer Belastung
aufzuschreiben; aber der Kaufmann ist nicht für Ausflüchte: dann wolle
er sich, wenn es ihm recht sei, den Neuhof einmal selber ansehen, und
zwar gleich andern Tags, da er doch in Geschäften nach Zürich müsse!
So kommt Heinrich Pestalozzi am nächsten Morgen nicht bescheiden
mit der Post aus Basel fort, wie er gedacht hat, sondern in dem
blitzblanken Reisewagen des Kaufmanns Battier mit zwei Apfelschimmeln,
die den Postwagen schellenklingelnd überholen und auch weiterhin nicht
wie die Postgäule bei jeder Steigung aus dem Trab fallen. Mein Leben
hat zwei Straßen, sagt er seinem unternehmenden Begleiter, als er
Stück für Stück der wohlbekannten Landschaft flinker als sonst nahen
sieht: auf einer bin ich von Zürich gekommen und die andre bringt
mich zeitweils nach Basel; es will mir scheinen, daß die Basler mir
allmählich geläufiger wird! Das ließe sich ändern, sagt Battier und
legt ihm von hinten -- als ob er ihn umarmen wolle -- die Hand auf die
Schulter: Wenn Sie selber nach Basel zögen, wäre es wieder nur die eine
Straße, auf der Sie gekommen sind, und zu Ihrem Sohn hätten Sie es
näher!
Es zeigt sich bald, daß dies nicht nur eine Augenblicksrede war; denn
als der Kaufherr noch am selben Nachmittag stundenlang unermüdlich
gewesen ist, jeden Acker in Augenschein zu nehmen, mit vielen Scherzen,
als ob das alles nur ein Spaß dem schönen Wetter zuliebe wäre, und
als sie danach bei einem Glas Landwein in der Stube sitzen, holt er
aus seiner Tasche ein Bündel Papiere heraus, die längst schon in
der saubersten Ordnung enthalten, was er soeben gesehen hat: jeden
Acker nach seinem Tageswert abgeschätzt, und daneben das Verzeichnis
aller noch ungelöschten Schulden und Verbindlichkeiten in einer
Vollständigkeit, daß Heinrich Pestalozzi erstaunt und erschrocken
zugleich ist; denn wenn es vor den Augen eines nicht einmal übel
gesinnten Geschäftsmannes so mit ihm steht, brauchte nur das Soll mit
dem Haben vertauscht zu werden und die Rechnung ginge so auf, daß
er in der Mitte mit nichts übrig bliebe. Er muß an den Bankier aus
dem Geschwundenen Schwert in Zürich denken, der damals auch so im
Handumdrehen seinen Besitz beaugenscheinigte; nur daß der Basler sich
den Bericht des Bedienten anscheinend schon vorher verschafft hat. Aber
dann kommt statt der Enttäuschung von damals die Überraschung: das sei
der Vermögensstand von heute; aber wie die Felder ständen und wie sie
durch resolute Behandlung werden könnten, in dieser Differenz läge ein
möglicher Zukunftsgewinn für einen praktischen Mann, der den Neuhof
heute zu dem gültigen Satz übernähme. Dieser Käufer wolle er selber
sein und ihm also schon jetzt die Zinsen des zukünftigen Wertes als
eine Rente zahlen, die ihn und die Seinen mit einem Schlag sorgenlos
mache und ihm erlaube, ungehindert seiner Schriftstellerei zu leben!
Heinrich Pestalozzi spürt die herzliche Absicht in dem Vorschlag; er
sieht, wie der Mann glüht, ihm wohlzutun: aber er ist den schmerzlichen
Blick noch nicht los, mit dem er seinen Knaben in der Franzosenstadt
im Elsaß gelassen hat. Es ist ein blauer Himmel, der sich da nach
Gewitter und Nebelschwaden auftut; nur würde er seinem Sohn das
Erbe ableben, wenn er den Vorschlag annähme! Auch wäre es für ihn
selber ein Verrat an seinen Plänen, die er heimlich viel ernsthafter
trägt, als der Basler ahnen kann, der schließlich wie die andern auch
nur den Schriftsteller in ihm sieht. Er nimmt die angebotene Frist
bis zur Rückkehr aus Zürich an, lässt den Kaufmann mit fröhlichem
Peitschenknall gegen Abend nach Baden fahren und steht winkend an der
Straße. Aber als Battier nach drei Tagen wiederkommt, ist er mit Anna
tapfer entschlossen, nicht die verlockende Fahnenflucht zu machen,
sondern nach soviel überstandenen Bedrängnissen auszuharren und, sei es
selbst durch bittere Nöte, dem Sohn das Hoferbe zu erhalten.
Battier nimmt die Absage seines edel gesinnten Vorschlags zunächst als
Eigensinn, und er sagt das auch in der ersten Verstimmung, sodaß es
diesmal einen unbewinkten Abschied gibt. Aber schon nach drei Tagen ist
ein fröhlicher Brief von ihm da, als ob nichts anderes im Vorschlag
gewesen wäre: er wolle die drängenden Schulden auf sich nehmen ohne
Kauf und Verzinsung, nur gegen eine bestimmte Anerkennungsgebühr. Jetzt
braucht es also nur, sagt die Lisabeth, der er den Brief zeigt, daß ich
fleißig bin und daß der Herr Pestalozzi nicht über jeden Bettler mit
einem Gulden herfällt!
60.
Unterdessen geht Heinrich Pestalozzi schon gegen die Vierzig; es
kann ihm geschehen, daß er wie ein uralter Rabe dasitzt und über die
Trümmerfelder seiner Mannesjahre wehmütig in die ferne Jugend denkt.
Die erste Neugier um den Einsiedler auf Neuhof hat sich längst gelegt,
und es ist selten, daß ein Wanderer oder gar ein Wagen den Weg zu ihm
aufs Birrfeld findet. Solange der Knabe noch dagewesen ist mit seinen
Spielen und Gesprächen, hat die Einsamkeit nur zum Besuch kommen
dürfen; nun wohnt sie in seiner verlassenen Kammer und macht sich
täglich breiter im Haus. Die einzige Verbindung mit den Vorfällen der
Welt besorgt die Schaffhauser Zeitung, die Heinrich Pestalozzi Samstags
im Gasthof zum Sternen in Brugg liest. Da ihm der Weg dahin allmählich
zu mühsam wird, namentlich bei schlechtem Wetter, hat er sich angewöhnt
zu reiten. Sein struppiges Pferdchen ist, wie die Bauern sagen, genau
solch eine Vogelscheuche wie die Pestilenz selber, und da er immer
noch die Gewohnheit seiner Jugend hat, das Tier mit dem Zügel im Trab
zu halten, gibt er einen merkwürdigen Reiter ab, dem die vornehmen
Kurgäste aus Baden oder Schinznach mit spöttischem Vergnügen begegnen.
Als er so eines Samstags sein Pferd am Sternen angebunden hat und
drinnen bei einem Kirschwasser die Schaffhauser Zeitung liest, ist ein
Fremder da, der ihn ungeduldig abwartet, ihn dann aber klug in ein
Gespräch verwickelt, daß Heinrich Pestalozzi bald merkt, einen Mann
von Kenntnissen vor sich zu haben, der auch seine Schriften und Taten
genau kennt, obwohl er sonst wie ein Handelsmann aussieht. Ehe er noch
eine Absicht des Mannes merkt, hat der ihm beigebracht, daß seine wie
alle ähnlichen Mißerfolge nur von der Vereinsamung der einzelnen
Menschenfreunde kämen, die wie die Prediger in der Wüste lebten und auf
die zufälligen Bekanntschaften angewiesen wären. Wenn die sich etwa an
den Jesuiten ein Beispiel nehmen und sich zu einer Gemeinschaft der
Heiligen zusammen tun wollten, würde der Einzelne mit einem Schlag eine
Macht bedeuten. Nur dürfe es keine öffentliche Gesellschaft mit dem
Ehrgeiz der Führer und der Scheu der einzelnen Mitglieder sein: Wie
zum Beispiel der Geheimorden der Illuminaten Hunderte von Mitgliedern
hätte, deren keins das andere persönlich kenne, weil jedes nur mit
einem selbstgewählten Namen geführt würde, aber unter diesem Decknamen
mit jedem einzelnen korrespondieren könne, und zwar mit vermögenden und
hochstehenden Persönlichkeiten.
Das Gespräch dauert bis in die Dunkelheit, und Heinrich Pestalozzi
hätte es gern noch fortgesetzt, so beglückt ihn diese geheimnisvolle
Möglichkeit, seine Ideen bei Ministern und Fürsten anbringen zu können.
Aber der Fremde, der seinen Stand und Namen nicht einmal andeutet, muß
mit der Post nach Baden zurück, von wo er gekommen ist. Er sagt ihm
noch, daß eine Nachricht von Augsburg kommen würde, die er an die selbe
Stelle beantworten möge, und läßt ihn in einem Schwall von Hoffnungen
zurück, mit denen er nachher in einem gespenstischen Galopp durchs
nächtliche Birrfeld reitet.
Durch diese Begegnung ist der Docht seiner Pläne wieder ins Glimmen
gebracht; tiefer als jeder andere glaubt er die Not des Volkes zu
kennen; während die Wohltätigkeit vergeblich an den bösesten Löchern
flickt und, wie er sagt, die Gerechtigkeit in der Mistgrube der Gnade
verscharrt, hält er die Menschenbildung als Heilmittel in der Hand.
Er hat von dem Herzog von Württemberg gehört, der mit den Seinen als
einfacher Landmann lebt; nun spürte er in der Rede des seltsamen
Fremden einen Hauch dieses Geistes aus Deutschland herüber wehen,
und als die angekündigte Schrift aus Augsburg kommt, tritt er mit
weitgreifenden Hoffnungen in den Bund der Illuminaten ein, obwohl ihm
die Geheimniskrämerei daran von Anfang an mißbehagt.
Er legt sich nach dem sagenhaften König der Angelsachsen den Namen
Alfred zu und ist mit fiebrigem Eifer dabei, ein Memorial nach dem
andern in den namenlosen Bereich des Ordens hineinzusenden, wie ein
geschäftiger Apotheker sein Heilmittel anpreisend. Es gelingt ihm auch
bald, über seine Vorschläge zur Menschenbildung mit einflußreichen
Persönlichkeiten in einen direkten Briefwechsel zu kommen, unter denen
der Herzog von Toskana und Graf Zinzendorf, der Minister Josefs II. in
Wien, die wichtigsten sind. Von allen Zeiten seines Lebens ist diese
nun die seltsamste, wo er sich in der bäuerlichen Verborgenheit des
Neuhofs allmählich seinen Landsleuten aus dem Augenkreis verschwinden
und den Ruhm seiner Schriftstellerei nach jedem neuen Buch mehr
versiegen sieht, während er mit Ungestüm an das Gewissen von Ministern
und Fürsten klopft. Den ersten Teil von Lienhard und Gertrud hat er
noch im Angesicht des Birrfeldes geschrieben, und die Abendstunden
von Christoph und Else haben als Katechismus in die Strohhütten
gesollt: nun wachsen sich die beiden letzten Bände von Lienhard und
Gertrud immer mehr in Gesetzesvorschläge hinein; aus dem Ungetüm der
Wirtshäuser wird das Ungetüm der Verwahrlosung überhaupt, und an die
Regierenden in Europa geht sein Aufruf, es mit dem Heilmittel der
allgemeinen Menschenbildung zu bekämpfen.
Er ist acht Jahre älter geworden seit dem ersten Band, als er den
vierten hinaussendet, und er stapft schon mit einem Fuß auf die
Fünfziger zu; die Straßen nach Basel und Zürich geht er nun gleich
wenig, wohl aber studiert er auf der Karte die Reise nach Wien, wo
Zinzendorf sich immer mehr für seine Dinge erwärmt und wo der Glanz
des Kaisers seine Hoffnungen anlockt. Für die Bauern im Birrfeld
bleibt er die Pestilenz, die sie nun schon wie etwas Zugehöriges über
die Straßen reiten oder Sonntags in der Kirche nach seiner Gewohnheit
am Halstuchzipfel lutschen sehen; für die weitere Heimat ist er die
Vogelscheuche seines Ruhms geworden, die immer noch den unnützen
Phantastereien seiner Jugend nachhängt und sich den letzten Ausweg zum
Wohlstand als Schriftsteller mit dem angeborenen Ungeschick verbastelt
hat.
61.
Lisabeth, die Magd, ist in den Jahren fleißig und sparsam gewesen, wie
sie Heinrich Pestalozzi versprochen hat; sie hält die verkleinerte
Wirtschaft über Wasser, bis der Jakob sie übernehmen kann. Der ist
aus Mülhausen durch den tapfer sorgenden Battier in seine Handlung
in Basel übernommen worden, um einmal besser als sein Vater für die
geschäftliche Führung gerüstet zu sein. Doch läßt ihn seine Krankheit
nicht mehr los; als er wieder auf den Neuhof kommt, ist es auf den
ersten Blick ein großer und starker Jüngling, aber für Heinrich
Pestalozzi stehen ihm die Spuren seines Zustandes zu grausam im
Gesicht, als daß er seiner froh werden könnte.
Er ist ein Vierteljahr da, als der Vater Annas in seinem fröhlichen
Greisentum kränkelt; der Tod nimmt ihn weg, bevor ein längeres Siechtum
ihn mißmutig machen könnte. Sie begraben ihn an einem harten Wintertag
hinter dem kleinen Schulhaus in Birr; auch die Brüder Annas sind da,
und einer entäußert sich des gemeinsamen Verdrusses, daß sie nun ihren
Vater, der doch ein Zürcher Bürger und Zunftpfleger gewesen sei, auf
dem bäuerlichen Kirchhof im fremden Aargau begraben müßten, alles
um der Projekte seines Schwiegersohnes willen! Heinrich Pestalozzi
weiß, daß ihn viel mehr die Unstimmigkeiten mit den Söhnen auf den
landfremden Altenteil getrieben haben -- wodurch ihm die eigene Mutter
scheu in der Einsamkeit des Roten Gatters geblieben ist -- er hört aus
den Worten des Schwagers schon die Entscheidungen heraus, die nachher
kommen sollen, als es gilt, den Rest der Erbschaft aus dem Pflug zu
teilen; denn so fern die Geschwister Schultheß allem stehen, was nach
einem Erbstreit aussehen könnte, so wenig verhehlen sie ihre Besorgnis,
daß auch der letzte Teil Annas in neuen Plänen verschwinden möge. Es
findet sich auch eine Klausel im Testament, und ehe sich Heinrich
Pestalozzi dessen versieht, ist er in endlose und manchmal hitzige
Verhandlungen verwickelt, in denen sein eigener Sohn den Prozeßgegner
vorstellt. Es wird schließlich ein Pakt gemacht, laut welchem er seinem
minderjährigen Sohn Jakob den Neuhof für sechszehntausend Bernergulden
verkauft; doch erhält er dieses Geld nicht, sondern es werden damit die
Brüder Annas und andere Gläubiger abgelöst.
Es ist eine klare Regelung, und Heinrich Pestalozzi kann mit dem
Ergebnis zufrieden sein, da es den Neuhof für seinen Sohn sichert, wie
er es selber gewollt hat; auch werden die Beratungen mit dem Respekt
geführt, den man dem berühmten Verfasser von Lienhard und Gertrud
schuldig zu sein glaubt: aber das mildert nur wenig an der Grausamkeit,
mit fünfundvierzig Jahren schon ausgezogen und auf die freiwillige
Unterhaltung durch seinen Sohn gesetzt zu sein! Und bitterer noch
als dieses Ergebnis sind die Bedenken, die dahin führten und die ihn
-- so sehr es auch verklausuliert wird -- gleich einem Verschwender
entmündigten.
So bin ich denn lebendig begraben! spottet Heinrich Pestalozzi grausam,
als er seinen Namen unter den Vertrag gesetzt hat und unter dem
Vorwand, in Bern mit dem Herrn von Fellenberg unterhandeln zu müssen,
nicht mit Anna auf den Neuhof zurückgeht. Er kommt an dem Tag nur bis
Kirchberg; denn als er da gegen Abend mit der Post durchfahren will,
erschüttert ihn der Anblick der bekannten Fluren so, daß er aussteigt
und sich in wehmütige Erinnerungen verliert. Es sind mehr als zwei
Jahrzehnte vergangen, seitdem er hier gelernt hat, und da der Vater
Tschiffeli seit zehn Jahren in der Erde liegt, stehen die Felder längst
nicht mehr von ihm bereitet da. Die Krappkultur ist auch hier bis auf
spärliche Reste eingegangen, und wo damals junge Alleen führten, hängen
jetzt vereinzelte Bäume verwildert im roten Laub: Ich bin Landwirt
geworden, sagte er, wie ein Brot in den Backofen sollte; da haben sie
mich vergessen, und ich bin in den Krusten vertrocknet!
Es fällt ihm ein, wie er hier mit Anna umher gegangen ist, mehr sie den
Leuten, als ihr die Dinge zeigend; und weil sie damals einen Ausflug
nach Burgdorf und seinem ragenden Schloß gemacht haben, läuft er noch
am selben Abend durch den Mondschein dahin. Er kommt erst in der Nacht
an und sieht nur noch im Unterdorf Licht in einer kleinen Wirtschaft,
weil eine Kuh kalbt. Da findet er zwar ein Lager, aber er schläft
nicht bis in die Frühe, und als dann endlich die bleierne Ermüdung auf
seine rastlosen Gedanken gefallen ist, wird er bald wieder aus dem
Morgenschlaf geweckt. Er träumt, daß er noch eine Armenanstalt habe
und sich eifrig mit den Kindern plage; aber wie er wach wird, ist es
die Hintersassenschule nebenan mit ihrem Lärm. Es lockt ihn nachher,
als er mit der Morgensuppe fortgeht, die Schultür zu öffnen und in
den Raum hinein zu sehen, wo immer noch wie damals in der Hausschule
zu Zürich der Lehrer mit einem Stock schreiend in der Klasse herum
wandert. Der Mann bemerkt ihn gleich und läuft unwirsch auf ihn zu: was
er wünsche? Heinrich Pestalozzi sieht an seiner Schürze, daß es ein
Schuhmacher ist, und die Bitterkeit schießt ihm auf, daß in der Schule
das gleiche Elend geblieben ist durch vier Jahrzehnte: Ich wünsche, daß
dies anders werden möchte! sagt er und geht fort, während der verdutzte
Schulmeister in der Tür steht und dem Landstreicher nachsieht.
Von Burgdorf nach Bern sind es fünf Stunden; er braucht den ganzen Tag
dazu. Ich komme doch überall Zu früh, sagt er doppelsinnig zu sich
selber, indem er bald hier, bald dort seinen Einfällen nachgeht und
so schließlich erst gegen Abend vor dem Stadttor steht, bestaubt von
der Straße und auch sonst unansehnlich genug. Zufällig sieht ihn da
der Offizier der Wache, dem er verdächtig scheint; er fragt ihn nach
seinem Namen, den er nicht weiter kennt, und da der Wanderer an seinem
Halstuch lutschend ihm blöd vorkommt, läßt er ihn ohne weiteres als
einen Landstreicher abführen. So kommt Heinrich Pestalozzi statt zu dem
Ratsherrn von Fellenberg ins Fremdenarmenhaus, und seine Stimmung ist
so, daß er sich nicht einmal ungern dahin abführen läßt; es ist ihm
oft genug von den Züricher Freunden als sein sicheres Ziel prophezeit
worden. Meines Besitzes ledig, ohne Amt oder Beruf, auf nichts als auf
die Einfälle meiner Feder gestellt und auch damit längst nicht mehr
willkommen: was bin ich vor ihrer bürgerlichen Ordnung anders als ein
Bettler!
Als er seine Suppe und nachher ein Bett erhält, die eine wohlschmeckend
und das andere sauber, vergeht sogar seine düstere Stimmung: er findet
sich besser aufgehoben als zur vergangenen Nacht in Burgdorf, und
die Freude, daß für die anwandernden Armen in Bern so gut gesorgt
ist, macht ihn fast fröhlich. Er schläft gut, ißt andern Morgens
in der Frühe wieder seine Suppe und macht sich Freund mit seinen
Leidensgenossen. Ich habe eine Frau, ein Gut und einen Sohn gehabt, es
ist ein Strudel von Sorgen und Aufregungen um mich gewesen, ich bin
berühmt geworden mit einem Buch und wieder vergessen mit einem andern:
aber alles das war mein Leben nicht! Ich hätte arm sein und bleiben
sollen wie einer von diesen; das andere hat mich vom Notwendigen
abgebracht und in tausend Alltäglichkeiten verstrickt, die nicht die
Atemzüge wert waren, die ich dran wandte!
Er bleibt noch bis gegen Mittag da; erst, als er nachher eine Weile
spazieren will, merkt er, daß sie ihn gefangen halten, und schickt dem
Herrn von Fellenberg einen Zettel. Es dauert nicht eine halbe Stunde,
so kommt der Ratsherr selber angeritten, und der Aufseher kann sich
nicht genug verwundern, wie er vom Pferd springt und dem angeblichen
Landstreicher um den Hals fällt. Hernach scheint er gereizt genug,
sie alle um das Versehen anzufahren; aber Heinrich Pestalozzi legt
ihm sogleich die Hand auf den Arm und lächelt ihn listig an mit allen
Runzeln seines Gesichtes: Ich wollte doch nur sehen, wie ihr mit Betten
und Suppen für die Landarmen sorgt!
62.
Erst als er mit dem Ratsherrn, der sein Pferd am Zügel führt, durch
die Straßen von Bern geht, gesteht sich Heinrich Pestalozzi den Zweck
seiner Reise ein: Fellenberg hat ihn dem Grafen Zinzendorf empfohlen;
nun will er seinen Rat und andere Weisungen für Wien holen, denn
nichts anderes als eine Wanderung dahin hat er im Sinn. In den Neuhof
zurückzukehren, scheint seinem Trotz unmöglich, und sonst gibt es in
der Schweiz nichts mehr für ihn zu tun; in Zürich, Basel und Bern,
überall ist er der lästige Projektemacher. Zinzendorf war ziemlich
der einzige, der ihm über den vierten Teil von Lienhard und Gertrud
begeistert geschrieben hat; wenn er ihm unter die Augen träte -- er
hat sich den Augenblick hundertmal ausgemalt -- könnte es garnicht
fehlen, daß der Minister auch eine Stelle fände, sein Heilmittel der
allgemeinen Menschenbildung zu versuchen!