Heinrich Pestalozzi hat schließlich ein System von Listen, das Ungetüm

lebendig zu sehen, indem er sich selber anscheinend mit auffressen

läßt oder unter einem Vorwand nebenan in der Küche lauscht. Als er

eines Nachmittags in Mellingen eintritt, weil er schätzt, daß ihrer da

mehrere vom Viehmarkt sitzen würden, findet er das Zimmer noch leer,

und da der Wirt augenscheinlich auch noch unterwegs ist, juckt ihn

der Vorwitz so, daß er in eine große Futterkiste klettert, die in der

dunklen Ecke neben dem Ofen als Truhe dient und deren offener Deckel

ihn wie eine Wand verbirgt. Er hört auch bald ihrer zwei hereinkommen

und über den Metzger Märki in Birr schimpfen, der ihnen beim Handel

die Flöhe abgesucht hat, wie sie sagen. Weil das Gespräch einmal den

Lauf genommen hat, bleibt es auch dabei, als andere eintreten, und

so bekommt Heinrich Pestalozzi unvermutet eine Predigt über seinen

ehemaligen Ratgeber zu hören, wie sie nicht in seine Tabellen gegangen

wäre. Aber als sich das Ungetüm so recht wieder aneinander gewachsen

hat und groß tut mit Fäusten und Flüchen, wird es still von einem

Schritt, der durch die Tür hereinkommt und nach einem brummigen Gruß

mitten im Zimmer stehen bleibt. Heinrich Pestalozzi hinter seiner

Wand hört das Ungetüm schnaufen, bis einer den Märki -- denn niemand

anders ist es -- nach den Hummeläckern fragt und gleich das Gelächter

über die Anspielung losbrüllt. Aber so ist der Metzger nicht, daß

er sich abtrumpfen läßt: im Nu ist er mit ihnen aneinander in einem

Maulgefecht; und wollten sie ihn um den ausgezogenen Herrenbauer im

Neuhof hänseln, so gibt er ihnen sein Kunststück mit frecher Prahlerei

preis: warum sie es nicht selber gemacht hätten, wenn es so leicht

gewesen wäre? Jedenfalls habe er das Kalb abgestochen; sie könntens ja

mit ihm auch einmal versuchen: er würde ihnen schon dartun, wer der

Meister wäre, wie er es diesem Herrn Pestalozzi auch dargetan habe!

Die Abfertigung scheint dem Ungetüm plausibel, denn es schweigt; aber

als der Märki sich abseits von ihnen auf seinen Trumpf setzen will,

findet er keinen besseren Platz als die Futterkiste; er klappt den

Deckel zu, merkt garnicht, daß ein Widerstand da ist, und will sich

gerade noch einmal auslachen, als es unter ihm mit Faustschlägen

rumort. Wenn der Teufel selber aus dem Kasten gestiegen wäre, hätte

die Wirkung nicht anders sein können als nun, da das abgestochene Kalb

seiner Prahlerei heraus springt. Auch das verdutzte Ungetüm muß sich

einen Augenblick am Wirtstisch festhalten, und es ist noch nicht zu

sich gekommen, als Heinrich Pestalozzi durch die Tür dem gemeinsamen

Gelächter entgeht.

56.

Die Bauern auf dem Birrfeld sagen, daß dem Märki die schwarze Pestilenz

als Teufel aus der Futterkiste erschienen wäre; aber so sehr sie dem

Metzger den Schrecken gönnen, die Narrheit bleibt doch an Heinrich

Pestalozzi hängen; und wie sie ihn danach bei Sonnenschein und Regen

draußen herumlaufen sehen, bestätigt ihnen nur, daß ihm sein Unglück

mit dem Neuhof und der Armenanstalt auf den Verstand geschlagen sei.

Er ist aber nur in eine Auseinandersetzung mit dem Ungetüm geraten, das

nicht -- wie es scheint -- vom Überfluß, sondern von Mühsal und Armut

lebt; denn die ihm zu fressen geben, sind die Schwachen, Leichtfertigen

und Verzweifelten, die, irgendwie von der Bank unverdrossener Arbeit

abgerutscht, ihr Letztes in Trunk und Geschwätz vertun, während der

Wirt die ärmlichen Groschen einsammelt und also von dem Ungetüm lebt

wie ein Savoyardenknabe von seinem Murmeltier. Er will es zum Helden

einer Geschichte machen; und ob er somit den Kampf mit dem Ungetüm

nur auf dem Tabellenpapier seines Erbahnen aufnehmen kann: mit einer

Handlung, einfach und drastisch genug in alle Köpfe einzugehen, wird

seine Feder, so hofft er, ihm doch eine gefährliche Waffe werden.

Diese Handlung aber vermag er lange nicht zu finden, weil er immer noch

nicht von sich selber loskommt und sich stets wieder als vorwitziger

Advokat allein auf der Bühne redend findet. Da hilft ihm unvermutet

die tapfere Lisabeth aus der Not; als er sie eines Tages wieder bei

ihrer Unverdrossenheit beobachtet hat, wie sie den Kreis der Ordnung

Tag für Tag um ihren Mittelpunkt vergrößert, als er sich ausmalt, wie

sie einem Mann anders als die meisten Bauernweiber an die Hand zu

gehen vermöchte, von dem Ungetüm los zu kommen: da hat er endlich

den Gegenspieler seiner Handlung gefunden, um dem hundertköpfigen

Tier nicht mit den Mitteln fremder Hilfe, sondern mit den Waffen der

Armut selber beizukommen. Er braucht der tapferen Person nur einen

leichtfertigen Mann und Kinder anzudichten, wofür sie kämpft, und

schon ist der Aufbau einer Handlung gegeben, die sich anders als die

moralischen Erzählungen Marmontels in die Wirklichkeit einstellen soll.

Als ihm dann noch der Märki als Vogt und Wirt in seine Handlung kommt

und er ihm um der Hummeläcker willen den Namen Hummel gibt, macht er

eine Gertrud aus ihr, die als die Frau eines Maurers namens Lienhard

den Kampf mit dem Vogt beginnt und schließlich das ganze Dorf von ihm

und dem Ungetüm befreit. Er hat sich dessen nie für fähig gehalten:

wie die Gestalten seiner Handlung von allen Seiten zulaufen, wie sich

Gespräch und Tat verflechten, und wie aus der geplanten Belehrung

eine Darstellung des Schicksals wird, die ihn selber oft genug zum

Weinen erschüttert. In wenigen Wochen stehen die hundert Kapitel

seines Buches da, als wären sie nicht erfunden, sondern ein Bericht

aus dem Leben, wie es sich wirklich abgespielt hätte. Da weiß er, daß

die Schriftstellerei mehr vermöge, als müßigen Leuten die Langeweile

zu vertreiben, daß sie eine geheimnisvolle Gabe sein könne, die

Erfahrungen des Lebens zu verdichten und Hunderten von Lesern die Wege

des Schicksals aufzuzeigen, wo sie selber nur heitere oder traurige

Vorfälle sehen.

Ehe er es gedacht hat, ist er nach Zürich unterwegs mit seinem Schatz,

der diesmal ein handgreifliches Päckchen statt einem geträumten

Luftschloß ist, obwohl Anna, an den Zusammenbruch so mancher mit

Worten aufgebauten Hoffnung bitter gewöhnt, nur wehmütig über seine

Begeisterung gelächelt hat. Füeßli ist nicht der Mann dazu, in Rauch

und Feuer aufzugehen, auch sieht dies anders aus als die Schnurre

von den ungekämmten Nachtwächtern; er weist ihn an den gemeinsamen

Freund Pfenniger, der in den Dingen des literarischen Geschmacks

sachverständig wäre. An die Literatur hat Heinrich Pestalozzi freilich

nicht gedacht, als er schrieb, und erst garnicht an den gebildeten

Geschmack, der, statt den geistigen Dingen zu dienen, mit anmaßenden

Forderungen vor ihnen steht. Pfenniger findet die drei oder vier ersten

Bogen, die er ihm vorliest, nicht übel, aber so voll unerträglicher

Verstöße gegen den literarischen Geschmack, daß er ihm dringend die

Umarbeitung des Buches durch einen Menschen von schriftstellerischer

Übung empfiehlt und auch gleich einen theologischen Studenten nennt,

der das literarische Handwerk ebenso beherrsche, wie es ihm fehle. Das

Wort Lavaters von seiner Unfähigkeit, einen einzigen Satz richtig zu

schreiben, hat er noch nicht vergessen, und kleinlaut überläßt er sein

Buch den Ordentlichen, daß sie es für ihren Gebrauch zurecht machen:

Ich will nur abwarten, sagt er bitter, ob es mir Unordentlichem einmal

gelingt, ohne Euch richtig zu sterben!

Doch vermag er nicht, sich ganz von seinem Buch zu trennen; er

läßt ihnen nur die ersten drei Bogen, damit er die Bearbeitung

erst sähe, und geht für ein paar Tage nach Richterswyl hinaus, wo

sein Vetter, der Doktor Johannes Hotze, die Praxis des Vaters mit

Klugheit verwaltet, während der jüngere Bruder mit dem Federhut

richtig unter die Soldaten gegangen und bei den Österreichern schon

General geworden ist. Er weilt gern dort, weil der Doktor Hotze ein

Philanthrop von Einsicht und Willenskraft ist; aber als er ihm mit

Andeutungen seines Buches begegnet, hält der es anscheinend für einen

neuen Seitensprung und wehrt warnend ab. So kommt er demütig zu

Pfenniger, seine Handschrift wie einen vom Lehrer verbesserten Aufsatz

zurück zu erhalten; aber als er sein Naturgemälde des bäuerlichen

Schicksals unter dem frömmelnden Firnis dieses Theologen wiedersieht

und angesichts der steifen Schulmeistersprache, die seine Bauern darin

reden, an seine Entdeckungsfahrten denkt, fällt die Demut erschrocken

ab: Dann wolle er doch lieber mit Beulen und steifen Gelenken ein

ungekämmter Stadtwächter sein, als ein derart gekämmter, sagt er zu

Füeßli, der zugegen ist, läßt dem Pfenniger die gesäuberte Umarbeitung

und macht sich auf den Heimweg mit seiner ungesäuberten Handschrift,

die anscheinend ebensowenig in die ordentliche Welt paßt wie er selber!

Er ist schon in Baden, als er es nicht vermag, mit diesem Ergebnis

heimzukehren, und entschlossen seine Reise nach Basel fortsetzt, um

auch bei Iselin sein Glück zu versuchen, bevor er selber an seinem

Buch zweifelt. Er darf ihm und seiner Gattin noch am Abend seiner

Ankunft einige Kapitel daraus vorlesen; so inbrünstig seine Hoffnung

insgeheim um ein günstiges Urteil gefleht hat, auf einen solchen

Erfolg rechnete sie nicht. Die Frau Ratsschreiber weint vor Rührung,

und der Ratsschreiber selber geht mit erregten Schritten im Zimmer auf

und ab, bis er ihm die Handschrift aus den Händen nimmt, als ob er sich

vergewissern müßte, daß dies alles auch wirklich dastände. Er lachte

herzhaft auf, als er die Schrift in den roten Tabellen hängen sieht;

und auch als er dann liest, schüttelt er immer wieder den Kopf: es sei

nicht zu glauben, wie einer so etwas Herrliches ausdenken und zugleich

solche Sprach- und Schreibfehler machen könne! So wie es dastände,

wäre es allerdings ein ungekämmter Stadtwächter, aber den zu strählen,

brauche es keinen Theologen, sondern einen Setzer, der deutsch könne.

Er müsse freilich das Buch erst ganz lesen, aber nach dem, was er bis

jetzt gehört habe, wüßte er nicht seinesgleichen.

Heinrich Pestalozzi bleibt drei Tage lang in Basel, und es ist eine

Zeit für ihn, als ob Schlaf und Wachen ein einziger Traum geworden

wären; so erlöst ihn der Beifall dieser klugen und herzlichen Menschen

aus dem Gefühl seiner Unbrauchbarkeit. Die Schreibfehler in der

Handschrift verspricht Iselin selber zu beseitigen; auch schickt er

gleich einen Brief an den Verleger Decker in Berlin, ob er das Buch

herausbringen wolle? Um ihm aber zu den vielen Tauben auf dem Dache

doch einen Spatz in die Hand zu geben, offenbart er ihm zum Abschied,

als er bis Liestal mit ihm gegangen ist und da auf die Post wartend im

Ochsen noch ein Glas Wein trinkt, daß die Aufmunterungsgesellschaft

zwar nicht ihm allein, aber doch ihm zu gleichen Teilen mit dem

Professor Meister in Zürich den Preis von zwanzig Dukaten zuerkannt

habe.

Es geht mir wie dem Mann, sagt Heinrich Pestalozzi, der am Sonntag zehn

Louisdor verloren hatte und sich am Montag freute, weil er drei Kreuzer

fand.

57.

Schon Anfang September erhält Heinrich Pestalozzi Nachricht, daß der

Verleger Decker aus Berlin in Basel gewesen sei und ihm für jeden

Druckbogen einen Louisdor als Honorar bewilligt habe. Das wäre vormals

nicht viel gewesen, jetzt aber bedeutet es für den ausgeplünderten

Neuhof eine Quelle, die bei sparsamer Verwendung seine Insassen auf

eine gute Zeit vor Nahrungssorgen schützt und Heinrich Pestalozzi mutig

macht, auch noch den Rest seines Tabellenpapiers vollzuschreiben. An

eine neue Erzählung vermag er nicht zu denken, so voll sind ihm noch

Kopf und Herz von dieser. So beginnt er noch im Herbst, bevor das Buch

gedruckt ist, eine Erläuterung dazu zu schreiben, die er »Christoph

und Else« nennt! In einer angeblichen Bauernhaushaltung läßt er abends

seine Geschichte von Lienhard und Gertrud lesen und besprechen, wobei

er dann wieder selber auf der Bühne erscheinen und den Vorgängen der

Handlung seine Nutzanwendung mitgeben kann: So sind die Leiden und

Schäden des Landvolks, so sind die Wurzeln seiner Kraft und Urkraft,

und so kann der Verwilderung geholfen werden! Aus der Abendstunde eines

Einsiedlers werden Abendstunden einer gutwilligen Gemeinschaft.

Er ist noch mitten in dieser Arbeit, als der Tod in der Familie seiner

Frau vorspricht und sich die kränkelnde Mutter, gebotene Holzlaub,

heimholt. Dem alten Zunftpfleger, dem der braune Bart längst weiß

geworden ist, wird es danach unheimlich im Pflug, wo seine Söhne

eigenwillig schalten; er zieht der einzigen Tochter nach, an der immer

sein Herz gehangen hat. So wird der Haushalt um einen Greis vermehrt,

dem das Leben die Augen zur Freundlichkeit und Milde geöffnet hat,

obwohl er von Haus aus zornig war. Von seinem Vermögen ist nur noch ein

bescheidener Altersteil in seinen Händen; aber auch damit bringt er

eine Sicherung in den Neuhof, die wohlig empfunden wird und das Gefühl

einer vorsichtigen Wiederherstellung verstärkt. Als dann zur Ostermesse

endlich »Lienhard und Gertrud« erscheint und seine Wirkung macht,

sodaß vieler Augen sich auf den Neuhof richten, finden sie nicht mehr

die Trümmerstätte selbstverschuldeter Armut, als die er den Bauern im

Birrfeld und dem selbstgerechten Bürgersinn der Zürcher gegolten hat.

Der erste, der ihm Gutes berichtet, ist Iselin, der zwar bescheiden die

dankbare Widmung aus dem Buch beseitigt hat, aber stolz und beglückt

durch den Erfolg zu seinem Schützling steht. Er gibt Nachricht von

dem Beifall der Zeitungen in Deutschland und wie man dort nach dem

ungenannten Verfasser des Dorfromans riete; auch sammelt er, was

Rühmens in den Schweizerblättern steht, und hat einen fröhlichen Eifer

damit, ihm nach den ersten spärlichen Posten ganze Stöße von gedruckter

Anerkennung in den Neuhof zu schicken.

Heinrich Pestalozzi, dem die Mißachtung einen bösen Bannkreis um seine

Einsamkeit gezogen hatte, sieht sich in die Beleuchtung eines rasch

wachsenden Ruhmes gestellt, in den nun mancher wieder hineinlärmt,

der sich vorher still beiseite getan hat; denn ob sein Name nicht auf

dem Deckel des Buches steht, dafür sorgen die fleißigen Gerüchte, daß

überall, wo die Gestalten von Lienhard und Gertrud in ein Schweizerhaus

eintreten, auch der Armennarr von Neuhof als ihr Pate gilt. So ist es

kaum noch nötig, daß Iselin den Namen des Verfassers in den Ephemeriden

bekannt gibt; wohl aber scheint es ein Signal zu sein für die Kutscher

und Postillone, die nun fast täglich Besucher nach dem Neuhof bringen.

Sie finden da einen freundlichen Greis, der sich über den Ruhm seines

Schwiegersohnes um seiner verhärmten Tochter willen freut und gern

ein Wort spricht; einen elfjährigen Knaben, der als das Jaköbli mit

den Bauern auf einem vertraulichen Spielfuß steht und augenscheinlich

beliebter bei ihnen ist als sein Vater; eine Frau von dreiundvierzig

Jahren, die sich dem Schwall nach Möglichkeit entzieht; endlich ihn

selber, dem das braune Gesicht mit Rünzelchen verkritzelt ist, als

ob er sechzig statt erst fünfunddreißig wäre, der aber alle fröhlich

willkommen heißt, nicht eitel, doch sichtbar glücklich, daß er nun

endlich Macht über die Menschen gewonnen hat, wie er sie für seine

Dinge jahrelang vergeblich erflehte. Als eines Morgens der Wagen des

Herrn von Effinger mit zwei galonierten Dienern vor dem Neuhof hält,

ihn nach Schloß Wildegg als Ehrengast zum Essen abzuholen, und als

noch am selben Tag von der Ökonomischen Gesellschaft in Bern fünfzig

Dukaten mit einer goldenen Denkmünze ankommen, da scheint es zu Ende

mit seiner angeblichen Unbrauchbarkeit, da ist Heinrich Pestalozzi, der

gescheiterte Landwirt und Armennarr auf Neuhof, ein Schweizerbürger

geworden, auf den die Augen seines Volks mit Stolz sehen. Und nun

endlich kann auch die Stunde nicht mehr fern sein, wo aus Reichen

und Armen, Klugen und Törichten, Herrschaften und Beherrschten die

Volksgemeinschaft wird, darin die Menschenbruderschaft des Evangeliums

aus der Sonntagspredigt in die wirklichen Wohnungen und Geschäfte

der Menschen kommt. Er ist auf der Höhe seines Lebens, als er diesen

Glückstraum erlebt; die Gier und Sehnsucht seiner Jugend, die Radbrüche

seiner ersten Fahrten und der grausame Unfall gelten ihm nun nichts

mehr, da er sich durch die Hand des Schicksals, die er in einem

tieferen Sinn als die Sonntagsgläubigen und Kirchenbeter Gott nennt, in

Schuld und Sorgen zu solcher Erfüllung geführt sieht.

58.

Könnte Heinrich Pestalozzi die siebzehn einsamen Wartejahre danach

voraussehen, darin er die Kräfte seiner Mannesjahre aufreiben soll,

bis ihn das Schicksal an die Dinge selber statt an die Worte läßt, so

würden ihm die Knospen kaum so schwellen, wie nun, wo er im Rausch des

Erfolges noch einmal die stürmischen Säfte seiner Jugend fühlt. Er

hat im Vorwort seines Buches angekündigt, daß die Erzählung aus dem

angeblichen Dorf Bonnal nur die Grundlage eines Versuchs wäre, dem

Volk mit einigen Wahrheiten in den Kopf und ans Herz zu gehen. Auf

alles, was als Tugend oder Laster an seinen Gestalten sichtbar wird,

Heuchelei und Tapferkeit, Hoffart und Sparsamkeit, Freiheitsliebe

und Tyrannei, auf alles läßt er nun Christoph und Else in ihren

Abendstunden mit dem Zeigestock hinweisen, und er selber gibt die

feurige Lehre seiner in tausend Nöten durchglühten Erfahrung dazu, um

die Quellen der Bosheit und des Elends in den Zuständen und in der

Gesetzgebung Europas darzustellen.

Ein Drittel seines Buches hat er so erklärt, als ihn der Eifer drängt,

näher mit dem Volk zu sprechen; Iselin redet ihm zu, und so gründet er

sich selber eine Wochenschrift, die er »Ein Schweizerblatt« nennt. So

hitzig ist er in seinem Eifer, daß er fast alles selber darin schreibt;

er wird wieder der Marktschreier der Zurzacher Messe, aber diesmal sind

es nicht Baumwollentücher, sondern Einsichten und Weisheiten, die er

unablässig, mit Witz und hinreißender Gläubigkeit gemischt, anpreist:

»Himmel und Erde sind schön, aber die Menschenseele, die sich über den

Staub erhebt, ist schöner als Himmel und Erde!«

Mitten in seinem Glück hört er schon wieder den Tod an die Tür klopfen,

und an einem Julitag fährt er im Innersten bewegt nach Basel, Iselin,

der ihm fast ein Vater war, zu begraben. Durch ein Gewitter erreicht

er die Post nicht mehr, und er ist gerade dabei, sich in Brugg auf

eigene Hand einen Wagen zu heuern, als Füeßli mit dem Doktor Hirzel

durchfährt. Die nehmen ihn mit, und so wird es eine Freundesfahrt der

Lebendigen zu dem Toten; denn auch die andern haben Iselin geliebt,

wenn sie auch nicht soviel Freundschaft von ihm erfahren konnten wie

er. Während sie so durch die grünen Täler hinfahren, manchmal im

Schritt, weil es scharf bergan geht, dann wieder trabend, will Füeßli

wissen, was er jetzt schreibe. Und weil Heinrich Pestalozzi durch den

Tod Iselins erst recht in seinem Eifer entzündet ist, jeder Stunde zu

achten, damit von seinem Leben ein Nutzen für das arme Volk bleibe,

spricht er von seinen Abendstunden und merkt lange nicht, daß die

beiden schweigen und ihn fast traurig ansehen.

Ich dachte, sagte Füeßli endlich und kollert vor Zorn, daß du jetzt

dein Metier gefunden habest und wenigstens im Schwabenalter vernünftig

würdest, aber dich reitet die Bessermacherei, bis sie dich ganz vom

Neuhof ins Spital verschupfen! Über die bösen Worte ist Heinrich

Pestalozzi so erschrocken, daß er ihn fragt, wie er das meine. Er sehe

doch, wie die Menschen durch sein Buch gerührt würden, warum er die

dargebrachte Rührung nicht für die Menschlichkeit ausnützen solle! --

Als ob die Leser dem Verfasser jemals ihre Rührung gäben, antwortet

Füeßli und ist nun selber bitter geworden. Sie erwarten und nehmen sie

als Genuß von ihm für ihr ausgelegtes Geld, gleich einem Kirschwasser

oder einem Schweinebraten auch!

Sie begraben danach den Ratsschreiber in Basel; es ist ein Sarg, wie

Füeßli grausam vor Trauer sagt, darin der Hummelvogt den selben Platz

gehabt hätte. Für Heinrich Pestalozzi wird alles zum Verhängnis seit

dem bösen Wort im Wagen. Er hat es längst gespürt, daß er mit seinem

Buch nichts als ein Menschenmaler geworden ist, von dem man nun weitere

Bilder verlangt. Wenn die Bauern im Birrfeld sich hämisch freuen,

daß er es seinem Widersacher Märki gut gegeben habe, oder wenn die

literarischen Blätter die Vortrefflichkeit seiner Charakterschilderung

rühmen: es ist das Gleiche, daß sie ihn als ihren Spaß- oder Rührmacher

halten, nicht aber ihm redlich ins Menschliche folgen wollen. Er

vermag nicht, mit den beiden wieder heimzufahren, tut sich vor der

zudringlichen Begrüßung des berühmten Verfassers scheu zur Seite und

wandert frühmorgens heimlich aus Basel fort. Unterwegs gelüstet es ihn,

das bäuerliche Paar in Frick aufzusuchen, das ihn damals so freundlich

genächtigt hat, in der Sehnsucht, von ihm andere Botschaft des Volkes

zu hören als von den Gebildeten.

Er trifft sie auch und bleibt zum zweitenmal bei ihnen zur Nacht, nicht

anders aufgenommen als beim erstenmal, obwohl der Ziegenhirt nicht mehr

da ist. Aber als er enttäuscht, daß sie nicht selber davon sprechen,

zuletzt nach ihrer Meinung über sein Buch fragt, haben beide zwar

einiges davon gehört, jedoch nichts daraus gelesen. Wir sind Bauern,

Herr Pestalozzi, sagt der Mann treuherzig, und seine Frau nickt ihm

zu: wir haben unser Tagwerk; was soll in einem Buch von unserm eigenen

Leben stehen, daß wir nicht selber wüßten? Und unsere Nachbarn? Wir

reden selber nicht schlecht von ihnen, warum sollen wir lesen, wie das

ein anderer tut!

Es sind zwei Grabschriften, die Heinrich Pestalozzi von dem Begräbnis

seines väterlichen Freundes mitbringt und die nun in den Gärten

seiner Hoffnungen stehen. Er schreibt zwar danach noch tapfer sein

Schweizerblatt, Woche für Woche; aber daß es eigentlich keine Leser

hat, das nimmt er nun erst wahr. Als die ersten dreißig Abendstunden

von Christoph und Else erscheinen, die wie ein Katechismus des

bäuerlichen Lebens in alle Strohhütten gehen sollen, ist die Wirkung

so schwach, daß der Verleger das Buch nicht weiter drucken will.

Unterdessen singen die Blätter das Lob von Lienhard und Gertrud

unablässig weiter, bis der kleinste Kalender davon voll ist. Ich habe

das Pferd vorn und hinten eingespannt, denkt Heinrich Pestalozzi; und

da auch der Verleger um eine Fortsetzung seines Romans drängt, gibt er

sich tapfer daran, seine Pläne an dem Dorf Bonnal seiner Dichtung zu

versuchen und statt Ermahnungen und Vorschlägen die Darstellung einer

angeblichen Besserung zu geben. Ehe er es hofft, ist ein zweiter Band

von Lienhard und Gertrud fertig, aus dem nun der Ratsschreiber Iselin

die dankbare Widmung an seinen Schatten nicht mehr ausstreichen kann.

Die Neugier hilft, daß er diesmal noch gelesen wird; aber die den

ersten Band gepriesen haben, sind an dem zweiten enttäuscht und finden,

daß der Verfasser sich wiederhole und in der langen Jugendgeschichte

des Hummelvogtes nur eine überflüssige Nachrede brächte. Es ist mit

dem Ruhm und der Wirkung seiner Schriftstellerei wie mit einem der

Bäche im Kalkgebirge, die irgendwo stark aus dem Boden brechen, eine

Zeitlang trügerisch in der Sonne fließen und dann wieder im Gestein

verschwinden.

59.

Daß Heinrich Pestalozzi durch den Pfarrer seines Buches die

Jugendgeschichte des Hummelvogtes so ausführlich erzählen läßt, kommt

nicht von ungefähr. Das Jaköbli ist nicht nach seinen Hoffnungen

geraten; in den sechs Jahren der Armenanstalt ist es als Sohn der

Hausmutter vor dem Gesinde und den Zöglingen von selber der Prinz

geworden, an dem die einzelnen sich ein Wohlwollen verdienen wollen;

im wechselnden Drang der häuslichen Umstände danach zwischen die

überlieferten Erziehungsansichten der Mutter und die neumodischen

Absichten seines Vaters gestellt, hat seine Natur nicht die Ruhe an

den Wurzeln gehabt, die Kindern das Nötigste von aller Wartung ist.

So ist er mit zwölf Jahren wohl ein großer Knabe geworden, aber ohne

Festigkeit und geplagt von dem Eigensinn seiner reizbaren Art, die

zwischen der Heftigkeit des Vaters und der zärtlichen Liebe der Mutter

ihre Hinterhalte hat.

Lebenstag eines Menschenfreundes · 第 12 / 25 段