Die Anstalt ist unterdessen mit den Bedienten auf fünfzig Mäuler

angewachsen, deren Ernährer Heinrich Pestalozzi sein soll, schon drohen

die Gläubiger mit der Vergantung, während er immer nach neuen Plänen

rudert, die alten zu retten: Seit zwei Jahren ist das Bärbel mit dem

Kaufmann Groß in Leipzig verheiratet, wo sie schon an Kindesstelle

bei der verwitweten Tante Weber gewohnt hat. Ihr Mann führt die

Geschäfte des Hauses Weber, sodaß die Schwester als die eigentliche

Erbin im Wohlstand lebt; Heinrich Pestalozzi hat sich in seiner Not

an sie um ein Darlehen gewandt, und wirklich erscheint eines Tages

im November sein Bruder Johann Baptista, der nach wechselnden Jahren

einer verunglückten Kaufmannschaft wieder in Zürich lebt, als ihr

Mittelsmann, den letzten Versuch einer Rettung zu machen. Es kommt ein

Vertrag zustande, worin die Scheune mit zwanzig Jucharten um den Preis

von fünftausend und etlichen Gulden verkauft wird, um damit Deckung

für die dringendsten Schulden zu gewinnen.

Eifrig wandert Heinrich Pestalozzi eines Morgens nach Hallwyl hinaus,

seiner kranken Frau die glückliche Wendung anzusagen, und schon malt

er sich den Traum einer Kolonie aus, wo Anna mit dem Knaben wieder auf

dem Neuhof ihr ruhiges Heim haben soll, während die Zöglinge rundum

mit einzelnen Hausvätern in besonderen Gebäuden wohnen; aber als er

heimkommt, ist Johann Baptista mit dem Geld unterwegs, sich in Amerika

eine Farm zu kaufen, wie er ihm in einem Abschiedsbrief hinterläßt.

So steht er mitten in seinem Unglück auch noch vor dem Zwang, für die

Mutter und vor der Welt seinen ehrlichen Namen zu retten. Er muß zum

andernmal nach Hallwyl, und nun wächst kein Traum einer Gartenkolonie

mehr in seiner verdüsterten Seele; er geht noch am selben Tag, und

weil es Abend geworden ist, den größten Teil des langen Weges in der

Dunkelheit. Hinter Lenzburg verirrt er sich und findet die Brücke nicht

über die Aa, bis er durch das kalte Wasser hindurch watet. Ein paarmal

ist der Gedanke in ihm, daß die Verirrung dauernd werden möchte, dann

hilft ihm der aufgehende Mond mit seinem ungewissen Licht auf die

Straße zurück, die ihn mit eisnassen Strümpfen nach Schloß Hallwyl

bringt. Da wartet er in der Dunkelheit des Morgens wie ein Bettler am

Tor, bevor er einen Knecht herausgeklopft hat.

Nun muß Anna Schultheß noch einmal die Taschen ihrer wohlhabenden

Herkunft absuchen; ihr Vater, auch Freunde helfen schließlich, den

Schlund notdürftig zuzustopfen -- wie sie den Neuhof nennen --

nur wird ihm unbarmherzig die Bedingung auferlegt, die Anstalt zu

schließen. Und damit es keinen Ausweg gibt, wird ein neuer Verkauf

gemacht, worin Johann Heinrich Schultheß die Fabrik und den größten

Teil des Landes übernimmt, um einen Pächter einzusetzen.

So kommt nach fünf Jahren der Tag, da Heinrich Pestalozzi seine

Dienstleute entlassen und die Kinder wieder in die Bettelarmut

zurückgeben muß, daraus er sie in seinen Neuhof geholt hat. Er findet

noch die Tapferkeit, ihnen allen mit einer Abschiedsansprache ans

Herz zu gehen, und es sind nun doch viele Hände, die sich nach ihrem

Vater strecken. Dann aber, als auch dieser Vorfrühlingstag im ewigen

Kreislauf der Gezeiten dunkel wird, bleibt er allein in den verlassenen

Stuben zurück. Die Messinglampe ist noch da, die ihm so manchen Abend

seiner einsamen Jungmannszeit in Müligen erleuchtet hat; er steckt

sie nicht an, obwohl unter dem bedeckten Himmel kein Stern aufkommen

will; es tut ihm wohl, daß seine Augen nichts mehr von allem zu sehen

brauchen, das nun sinnlos geworden ist. Die ganze Nacht hindurch sitzt

er wach in seinem Stuhl; erst als der Morgen kommen will, legt ihm der

Schlaf seine Hand auf die Augen, daß er das Gespenst des leeren Hauses

nicht in der Todestraurigkeit der ersten Morgenfrühe sähe.

53.

Am Nachmittag des andern Tages schließt Heinrich Pestalozzi die Tür

am Neuhof zu, die dritte einsame Wanderung dieser Tage anzutreten.

Bis Brugg weiß er noch nicht, wohin sie führen soll, dann ist es der

Ratsschreiber Iselin in Basel, an den sein inneres Gefühl sich wendet;

er sieht die klargütigen Augen des Mannes und hört seine Stimme, als

ob er schon vor ihm stände: von allen Freunden seiner Jugendheimat

weiß er keinen seiner Not so nah wie diesen ihm wesensfremden Basler,

zu dem er nun über den Jura wandert. Er kommt an dem Tag nur noch bis

Frick und als er da eine Herberge suchen will, merkt er, daß er ohne

Geld wegging. Es scheint ihm fast recht, denn mehr als ein Bettler

kommt er sich kaum vor; müde sitzt er am Wegrain und denkt schon,

sich um Gotteswillen ein Obdach zu erbitten, da treibt ein Ziegenhirt

seine Herde an ihm vorbei, lustig auf einer Holzpfeife blasend, die

er aus jungem Saftholz geschnitten hat. Er selber hätte ihn garnicht

erkannt, aber der Bursche hält gleich mit dem Stecken sein meckerndes

Volk zurück und ruft ihn an, höflich den alten Hut lüftend. Es ist ein

Zögling, der vor einigen Jahren als Waisenkind kurz bei ihm war und nun

in Frick die Ziegen hütet. Treuherzig von ihm eingeladen, geht Heinrich

Pestalozzi mit auf den Hof, wo er bei einem rechtschaffenen Bauer

-- der durch den Burschen Gutes von ihm weiß -- ein sauberes Lager

angeboten erhält, bevor er darum zu bitten braucht.

Der freundliche Zufall gibt ihm eine bessere Stimmung in den andern

Morgen, da er nach dankbarem Abschied seine Wanderung fortsetzt; und

eben läuten die Basler Glocken den Mittag ein, als er gegen Sankt

Albanstor kommt. Da hat sich ein Blinder an den Weg gesetzt, seinen

Hut vorzustrecken, so oft er Schritte hört. Heinrich Pestalozzi vermag

nicht, an ihm vorbeizugehen, und weil er nichts anderes schenken kann,

löst er die silbernen Schnallen von seinen Schuhen und wirft sie in

den Hut. Er fühlt, daß es unnütz ist, aber in seinem Zustand tut es

ihm zornig wohl, das Letzte freiwillig hinzuschenken, wo ihm soviel

gewaltsam genommen ist. Doch vermag er ohne die Schnallen nicht zu

gehen, und so flicht er aus Binsengras ein paar dünne Riemchen, mit

denen er die Schuhe zur Not bindet.

Mehr als einer in den geläufigen Gassen sieht verwundert nach seinen

Füßen, und auch der Ratsschreiber, als er den unvermuteten Gast selber

an der Tür abnimmt, vermag seine Blicke nicht zu behüten. Da Heinrich

Pestalozzi nicht mit der Unwahrheit vor ihm stehen will, als fehle es

ihm schon derart am nötigsten, erzählt er ihm den Vorfall, worauf ihn

Iselin, der im Alter sein Vater sein könnte, kopfschüttelnd und nassen

Auges über soviel Einfalt in die Arme schließt. Nach diesem Empfang

ist es ihm nicht mehr schwer, die letzten Stationen des Leidensweges

seinem Patron bekannt zu geben, der sich mehr als ein andrer in den

Ephemeriden und sonst für ihn eingesetzt hat. Er ist bis ins einzelne

vorbereitet und hat auch schon eine Antwort zurecht, die mehr als ein

leerer Trost ist: die Anstalt sei ein Experiment gewesen, und wer in

der Wissenschaft gearbeitet habe, wisse wohl, daß es auf die Resultate

ankomme. Freilich bliebe es für ihn ein Schicksalsschlag, daß er das

Vermögen seiner Frau dabei verloren habe; aber er sei jung und besäße

in seinem Neuhof immer noch ein gutes Dach über dem Kopf. Am Ende

wäre alles für ihn nur die Grundlage einer anregenden und fruchtbaren

Schriftstellerei gewesen. Ob an dem Emil etwas schlechter würde, wenn

Rousseau selber etwa mit einem solchen Erziehungsversuch gescheitert

wäre? Man könne freilich mit derartigen Dingen keine goldenen Berge

erwerben, aber eine bescheidene Ernährung solle sich eine so starke

Feder wie die seine schon erzwingen können. Da wäre zum Beispiel das

Preisausschreiben der Basler Aufmunterungsgesellschaft: Wieweit es

schicklich sei, dem Aufwand der Bürger Schranken zu setzen? Ob er es

nicht einmal um die zwanzig Dukaten versuchen wolle?

Iselin spricht das alles noch vor seinem Stuhl stehend, und reicht

ihm die Nummer der Ephemeriden hin, als ob es nur noch an ihm läge,

die zwanzig Dukaten einzuheimsen; dann geht er hinaus, den Gast zum

Essen einzumelden. Der sitzt mit dem Blatt in den Händen und vermag

keinen Buchstaben zu lesen; die Stimme des Ratsschreibers ist wie ein

Frühlingsregen auf seine verstaubte Stimmung gerieselt; auch hat er

die Worte nicht alle verstanden, nur wohlig den herrlichen Ton der

Gesinnung und den unbeugsamen Willen gespürt. Warum bin ich nicht mit

meinem Werk in der Nähe dieses Mannes gewesen statt in der Daseinsluft

des Metzgers Märki? denkt er immerfort, und die Tränen rinnen ihm auf

den Rock. Er ißt mit ihm, und als der Ratsschreiber -- der gerade

Strohwitwer ist -- mit einem Scherz das Glas gegen das seine hebt,

vermag er schon wehmütig wieder zu lächeln. Er läßt sich danach drei

Tage lang von ihm betreuen, auch seine Schnallen bekommt er wieder,

weil der Ratsschreiber sie heimlich bei dem blinden Stammgast vor St.

Alban eingelöst hat, und als er in der vierten Frühe die Rückwanderung

antreten will, hat ihm der väterliche Iselin einen Platz bei der Post

bezahlt. So kann er dem Ziegenhirt hinter Frick nur von fern zuwinken,

nicht einmal sicher, ob der auf ihn rät. Ihm ist er auf dieser traurig

begonnenen Wanderfahrt fast so wert gewesen wie der Ratsschreiber, und

noch während die Post in den breiten Talkessel von Brugg einrollt,

denkt er, daß sein Traum einer menschlichen Gemeinschaft trotz aller

Verschiedenheit der Stände, geeinigt durch ein sittliches Bewußtsein,

doch nicht von den Sternen wäre.

Trotzdem wird es ihm schwer, von Brugg aus den Weg in das Trümmerfeld

seiner Wirksamkeit zu gehen, wo viele ihm ohne Gruß begegnen und einige

Buben ihm höhnisch nachrufen. Aber als er gegen den Neuhof kommt, sieht

er einen Knaben emsig am Brunnen spielen, der, als er ihn erkennt,

jubelnd in seine Arme läuft. Es ist das Jaköbli, und die Mutter -- der

er Nachricht von Basel gegeben hat -- ist auch da; sie sitzt, noch

schwach von ihrer Krankheit, auf einem Baumstamm in der Sonne und hält

tapfer lächelnd den Regenschirm in der Hand: Wir dachten, es möchte

regnen; aber, Lieber, die Sonne scheint! Und erst als sie beide, den

Kleinen an den Händen zwischen sich, hinein gegangen sind und die

verlassene Stube mit ihrer Gemeinschaft füllen, daß die Leere durchs

Fenster entweicht, tritt auch die Frau von Hallwyl zu ihnen, die

unterdessen beiseit gegangen war.

54.

So unsicher die Aussicht auf die zwanzig Dukaten der

Aufmunterungsgesellschaft und die anderen Schriftstellereinnahmen für

Heinrich Pestalozzi vorläufig ist, so bestimmt stehen die Schildwachen

der Bedrängnis rund um den Neuhof. Es fehlt am Nötigsten, und für

Anna ist die Zeit gekommen, die ihre Mutter prophezeite, ja selbst

das Brot ist nicht immer da. So sieht sich Heinrich Pestalozzi als

Schriftsteller in der lächerlichen Bedrängnis, nicht einmal das

notwendige Papier zu haben. In dieser Not fällt ihm ein alter Erbkoffer

ein, der mit anderem Haushalt von der Mutter bei der Einrichtung in

Müligen herübergekommen ist und seit Jahren vergessen auf dem Speicher

steht. Irgendein Vorfahr hat sein Leben lang in der Lotterie gespielt,

und zwar in der Meinung, daß sich das Glück in Tabellen nachrechnen und

erlisten ließe. Für diese Tabellen hat er sich dann Bogen mit roten

Linien herstellen lassen, die Berechnungszahlen einzutragen. Damit ist

der ganze eisenschwere Koffer gefüllt, durch den nun der gewinnsüchtige

Vorfahr seinem Erben einen späten Liebesdienst leistet; denn selbst

da, wo schon Zahlen eingeschrieben sind, lassen sich die Bogen noch

benutzen, und Hunderte sind ganz frei.

In diese rote Linienwelt schreibt Heinrich Pestalozzi das erste

Resultat seiner Erfahrungen nieder, und es scheint fast, als ob die

Tabellenfächer die äußere Form bestimmten: es werden lauter einzelne

Sprüche daraus, deren Weisheit in den roten Linien wie der Honig

in Bienenzellen voneinander abgetrennt ist; aber ihr Geschmack ist

bitterer Wermut. Er nennt sein Schriftstück die »Abendstunde eines

Einsiedlers« und schickt es Iselin nach Basel, der es auch sogleich in

die Ephemeriden gibt. Dadurch ermutigt, macht Heinrich Pestalozzi sich

auch an die Preisaufgabe der Aufmunterungsgesellschaft.

Es liegt nicht an der roten Liniatur, daß sein Eifer bei der zweiten

Schrift erlahmt; so reich die Gedanken drängen, so schwer fließen ihm

die Sätze dazu, auch mit den Forderungen der Schriftsprache kommt er

nur seufzend zurecht. Er muß Bogen vollschreiben, um einige brauchbare

Zeilen zu gewinnen, und die scheinen ihm wie gepreßte Pflanzen. Sich

und die Seinigen zu ernähren -- das sieht er bald -- ist es kein

Geschäft. Um andere Wege zu versuchen, nimmt er zum zweitenmal den

Stecken, diesmal nach Zürich, wo die meisten seiner Freunde wohnen.

Wieder geht er zu Fuß; es ist nur ein kleiner Tagesmarsch, und schon am

Nachmittag kommt er zur Sihlporte herein. Eben will er über den Rennweg

gegen das Fraumünster hin, als ihm einer der Schulgenossen begegnet,

mit denen er damals nach Wollishofen hinaus gerudert ist, er hat ihn

seither oft gesehen, zuletzt bei der lustigen Gesellschaft, die ihn

nach seinem ersten Weihnachtsbesuch im Pflug ans Schiff brachte. Er

freut sich, gleich einem Bekannten zu begegnen, aber ehe er noch bei

ihm ist, entweicht der andre in eine Nebengasse.

Als er nachher das Erlebnis dem Buchhändler Füeßli erzählt, der

von allen Zürchern am treuesten zu ihm steht, obwohl er nicht zart

mit Worten ist, läuft der nach seiner Gewohnheit einigemal in der

Schreibstube hin und her, wirft zornig ein Bündel Papier aufs andre,

bis die Schriften in einem rechten Durcheinander sein müssen, und

sagt ihm dann mitten ins flehende Gesicht: soviel sollte er doch die

Zürcher kennen, daß sie ihn nur noch fürs Armenhaus oder das Spital

kalkulierten; in einem Jahrdutzend eine vermögende Frau arm zu machen

und wer weiß wen geschäftlich zu schädigen, das ginge ihnen über das

bürgerliche Maß. Wenn er ehrlich sein wolle, müsse er ihm schon sagen,

daß ihn seine Mitbürger für einen bösartigen Narren hielten! Dabei

wirft er sein Kontobuch, das er gerade ergriffen hat, mit einem solchen

Zorn in die Papiere, daß sein Tintenfaß erschrocken aufspringt und die

Umgebung mit mehreren Klexen bespritzt. Er schüttelt ihm dann zwar

freundlich die Hand, aber immer noch hat sein Zorn einen Hinterhalt:

Was er denn meine, daß ihm Lavater gesagt habe? Er solle ihm einen

einzigen Satz von Heinrich Pestalozzi beibringen, der sauber und ohne

Fehler geschrieben wäre, dann wolle er ihn auch sonst noch für eine

Sache im Leben brauchbar halten! Aber das unterschreibe er, der Hans

Heinrich Füeßli, nicht; wenn er nur erst von seiner Narrheit abkäme,

andern helfen zu wollen, bevor er sich selber geholfen habe, so würde

sich schon etwas für ihn finden!

Das hat der Gekreuzigte auch hören müssen, sagt Heinrich Pestalozzi,

den der Zorn des andern angesteckt hat, und fegt nun auch hin und her,

sodaß es für einen Dritten, der in die Stube gekommen wäre, ausgesehen

hätte, als machten die beiden ihre schlimmsten Händel aus. Dann

überkommt ihn die Verzweiflung: Und wenn ich Perücken strählen müßte,

ich würde es um der Meinigen willen tun! sagt er schmerzlich und läuft

aus der Stube, weil ihm die Tränen fließen.

Im Roten Gatter findet er auch keinen Trost; die Mutter, nun schon

sechzigjährig, sieht ihn augenscheinlich in den Fußspuren seines

Bruders, und das Babeli, eisgrau und wunderlich geworden in der

Einsamkeit mit der verhärmten Frau, redet mit ihm, als ob sie ihn am

liebsten noch einmal verwalke. Er muß von seinen Dingen günstiger

sprechen, als sie sind, und vermag nicht über Nacht zu bleiben. Noch

vor dem Abend geht er unter dem Vorwand dringender Geschäfte fort und

auf Umwegen aus der Stadt; er ist in den letzten Monaten in eine wahre

Gier gekommen, nachts zu wandern. An der Sihlporte fallen ihn die

Wächter mit scharfen Fragen an; wo ehemals ausgediente Stadtknechte ihr

Altersbrot hatten, stehen jetzt in aufgeputzten Uniformen stattliche

Burschen, als ob sie für die Fremden zur Zier dahingestellt wären.

In seiner Stimmung ärgert ihn die Neuerung, und während er in die

sinkende Dunkelheit hinein läuft, verbeißt er sich in einen Zorn,

daß solcherweise die Fortschritte wären, für die das Geld blindlings

geopfert würde. Er fühlt wohl, daß der Anlaß seinem Zorn nicht

entspricht, und um sich selber zu begegnen, übertreibt er den Vorfall,

bis eine Schnurre daraus geworden ist, über die er selber mitten in die

Nacht hinein lachen muß.

Er kommt damit bis Baden; und wenn ihn dann seine Müdigkeit und die

Nähe des Neuhofs wieder in seine Melancholie bringen, sodaß er sich die

letzten Stunden nur noch in einer tonlosen Traurigkeit hinschleppt:

am andern Morgen ist doch noch so viel von der höhnischen Lustigkeit

dieser Nacht in seinem Bett, daß er bis in den Mittag darin liegen

bleibt und von neuem an der Schnurre formt. Nachher nimmt er sich

einige von den stockfleckigen Lotteriebogen vor und hängt seine

Einfälle in die roten Linien hinein; ohne Sorgen, wie die Sätze werden,

nur daß er seinen Zorn noch einmal so närrisch losbekäme. Um dem treuen

Füeßli den Beweis seiner vollkommenen Narretei zu geben, wie er in

einem Begleitbrief schreibt, schickt er ihm die Bogen zu; dann begibt

er sich ingrimmig wieder an seine Preisaufgabe.

Er ist noch dabei, aus dem Wust mit Ändern und Streichen die endgültige

Fassung zu gewinnen, als er eines Nachmittags eine saubere Weibsperson

mit einem Bündel kommen sieht, die bestimmten Schrittes auf den

Neuhof zugeht und die er danach im Hausflur mit seiner Frau sprechen

hört. Es scheint ihm, daß er sie kennt, und als er, von dem Jaköbli

gerufen, hinzukommt, ist es die Lisabeth Näf aus Kappel, die vordem bei

seinem verstorbenen Onkel, dem Doktor Hotze, als Dienstmagd gewesen

und, soviel er weiß, von dessen Sohn -- seinem Vetter -- übernommen

worden ist. Sie wolle bei ihnen in Dienst treten, erklärt ihm Anna,

die augenscheinlich mit der resoluten Jungfer nicht fertig wird. Das

würde schwer gehen, sagt er, sie seien arm und könnten keine Dienste

bezahlen! -- Eben deshalb käme sie; sie wolle keinen Lohn; solange

Frau Pestalozzi noch nicht gesund sei, müsse ihr jemand an die Hand

gehen. Auch habe sie von dem Undank seiner Zöglinge gehört, daß sie

ihm alle davon gelaufen wären, und da sie sich in Richterswyl nach dem

Tod des alten Herrn entbehrlich oder gar überflüssig fühle, wolle sie

versuchen, ihre Nahrung, mehr nicht, bei ihnen zu verdienen.

Während Heinrich Pestalozzi noch zweifelnd erst seine Frau, dann

wieder das Wunder ansieht, das aufrecht gewachsen und geraden Blickes

da vor ihm steht, bittet sie schon wieder die Hausfrau, ihr ein Lager

zu weisen, da sie heute jedenfalls nicht mehr zurück könne. In kaum

einer Viertelstunde ist sie schon emsig im Hause, und andern Morgens

denkt keiner daran, sie wieder fortzuschicken; nach einer Woche ist

es so, als ob sie immer dagewesen wäre, so unbemerkt weiß sie sich in

den gedrückten Haushalt zu schicken. Es sei fast zu spät, den Garten

zu bestellen, sagte sie, ist aber schon dabei, ihn umzugraben; und

bald merkt Heinrich Pestalozzi, daß in seinem verworrenen Hauswesen

wieder der sichere Tageslauf der Sonne ist: Schritt für Schritt wird

die Unordnung des Untergangs beseitigt und aus dem weiten Bereich des

verwüsteten Gutes der saubere Umkreis des Hauses abgetrennt. Und als

ob die eine tätige Hand ihren Takt auch in die andern brächte, fängt

das gestörte Uhrwerk des Hauslebens wieder an, zu gehen. Selbst bis in

seine roten Tabellen dringt ihre Sicherheit, sodaß er seine Preisarbeit

bald zu Ende bringen und die Reinschrift der Aufmunterungsgesellschaft

in Basel nicht ohne Vertrauen auf ihren Wert zusenden kann. Daß man

dem Aufwand der Bürger äußere Schranken setzen müsse, ist freilich

nicht seine Meinung: Hier wie überall käme es nicht auf die Landreiter,

sondern auf die Menschenbildung an.

55.

Unterdessen hat seine Schnurre über die Umwandlung der ungekämmten und

krummen Stadtwächter in gerade und gekämmte in Zürich eine Art Glück

gemacht. Auf der Durchreise von Italien nach London ist der ehemalige

Freund Lavaters, der Maler Füeßli einen Tag lang bei seinem Vetter

gewesen; er hat die Schnurre zufällig gelesen, und zwar mit so viel

Spaß, daß er nicht begreifen will, wie es einem Mann mit einer solchen

Begabung schlecht gehen könne: sein Talent als Schriftsteller sei

derart, daß ihm der Erfolg nachlaufen müsse!

So kann ich meine Perücke wieder mitnehmen, scherzt Füeßli, als sie

in Baden eine rasche Zusammenkunft haben, das Ereignis zu besprechen:

ich hatte sie schon zum Strählen mitgebracht! Aber Heinrich Pestalozzi

ist es nicht zum Lachen, umsoweniger, als der andre augenscheinlich

kaum etwas andres als einen Sack voll solcher Schnurren im Sinn hat.

Er dämpft die Begeisterung des Buchhändlers sauersüß, ist noch ein

paar Stunden gern in der Luft einer Freundschaft, denkt aber nicht

daran, ihm zu folgen; bis er heimkommt und die moralischen Erzählungen

des Franzosen Marmontel noch aufgeschlagen auf dem Tisch seiner

Frau findet. Er liest darin, und unversehens überlegt er doch schon,

dergleichen besser zu machen; um statt weichlicher Rührung gute

Gedanken ins Volk zu bringen.

Gleich andern Tags versucht er nun das Dichterhandwerk, angebliche

Menschen als Gestalten seiner Absichten in eine Handlung zu stellen.

Es gelingt ihm leichter, als er erwartete, und am Abend ist das

erste Ding schon rund gebracht; aber als er es dann überliest und

mit dem Vorbild vergleicht, findet er wohl, daß seine Gestalten sich

ernsthafter unterhalten als bei Marmontel, doch ist die Unterhaltung

so sehr die Hauptsache, daß es wenig Zweck hat, sie mit den Armen und

Beinen der Personen zu umgeben; auch haben sie für gemeine Bürgersleute

eine Art zu predigen, die ihnen nicht ansteht. Aber nun ist einmal

sein Eifer geweckt, und schon am nächsten Tage läßt er ein neues Paar

anmarschieren. Diesmal sind es zwei Bauern, ein alter und ein junger,

die sich über die neumodische Landwirtschaft erhitzen; haben die Bürger

gepredigt, so verkniffeln sich die Bauern wie zwei Advokaten, und da

auch hier wieder die Reden des Verfassers die Hauptsache sind, hätten

die Personen ebensowohl daheim bleiben können. Noch drei- oder viermal

versucht er es, um immer bedenklicher einzusehen, daß er kein richtiges

Bauernmundwerk aufs Papier bringt. Soviel er auch an den Tannern im

Birrfeld erlebt hat, nun merkt er, daß er sie garnicht kennt; und wie

er das Abc erst an seinem Knaben studiert hat, beginnt er nun, mit

ihnen seine heimlichen Experimente anzustellen.

Die Leute von Lupfig und Birr machen sich verdächtige Zeichen, als der

Herrenbauer vom Neuhof anfängt, in ihren Wirtschaften herumzusitzen;

sie wissen aus Erfahrung, wie dies das Ende solcher Existenzen ist,

und weil er kaum etwas trinkt, deuten sie hämisch auf seine leere

Tasche. Er dagegen merkt bald, daß sie mit ihm anders als unter sich

sprechen, so hält er sich abseits, in einem Wettergespräch oder sonst

mit dem Wirt, während sie bei ihren Karten oder um irgend einen Handel

untereinander sind. Wenn ihm dabei eins seiner eigenen Bauerngespräche

beifällt, kommt ihm alles darin so papieren vor, daß er manchmal im

Eifer mitanfängt zu fuchteln, als ob er damit die richtigen Worte

festhalten könnte.

Darüber fangen sie an, ihn vollends für übergeschnappt zu halten, und

legen sich aufs Hänseln; aber nun reitet ihn schon der Teufel seiner

Leidenschaft, auch um andrer Dinge als seiner Schriftstellerei willen

tiefer in ihre Wirtshauswelt hinein zu kommen. Er sieht, wieviele

Dinge hier ihren Anlaß und ihre Stärkung haben, wieviel aus der Bahn

geworfene Existenzen am Wirtshaustisch ihr Schicksal absitzen, und

wie nicht der Schnaps und der Wein allein sie dahin ziehen, sondern

der Trieb unnützer Buben, mit Hänseleien und großmäuligen Prahlereien

beieinander zu hocken. Hier müßte zu Hause sein, sagt er sich oft,

wer eine Armenanstalt aufmachen will; hier ist der Lebensboden aller

Laster, die in einem Menschen allein garnicht wachsen können, weil

immer nur mehrere zusammen das Ungetüm ausmachen, das den einzelnen

mit Haut und Haaren frißt; was nachher dann aus dem Wirtshaus nach

Hause geht, ist nur noch ein Stück von diesem Ungetüm, dem es natürlich

nirgend mehr wohl sein kann als bei sich zu Hause, nämlich auf der

Wirtshausbank, wo es zu fressen und zu saufen bekommt.

Lebenstag eines Menschenfreundes · 第 11 / 25 段