Unvermutet kommt Heinrich Pestalozzi in Eifer, an seinem Jaköbli

den Schlichen und Trotzproben dieser kindlichen Willenskraft mit

Experimenten nachzugehen, immer bemüht, die störenden Blätter beiseite

zu biegen, damit der Kern aus sich selber wachsen könne. Er sieht

erstaunt und betroffen zugleich, wieviel Schleichwege der kindliche

Geist schon kennt, der Erziehung auszuweichen, und wievieler Strenge

es bedarf, ihn dieser Schleichwege zu entwöhnen. Die Erinnerung an

die eigene Jugendzeit macht seine Besorgnisse nicht geringer; denn

nun meint er zu sehen, warum er selber solch ein im Wind der Gefühle

schwankendes und von dem Rankenwerk wirrer Einfälle behangenes

Gewächs geworden ist. Anna versucht ihm zu wehren, wo er dem Kleinen

zu arg zusetzt; aber als der Winter gekommen ist, scheint es seinem

entzündeten Eifer schon, als gäbe es nichts Dringlicheres für ihn und

andere in der Welt, als diese Dinge in unausgesetzten Versuchen klar zu

stellen; denn alles, was mit einem Menschen später auch geschähe: seine

Kindheit bliebe die Wurzel seines Schicksals; wie die ins Erdreich

finde, so wüchse es.

Als das Schwierigste erkennt er bald, die Wartung der kleinen Seele

so zu halten, daß sie den Mut und die Freude nicht verliert; und es

ist sein Knecht, der ihn auf diese Weisheit bringt. Denn als der das

Jaköbli einmal in seiner Gegenwart einige Weisheiten sagen läßt, die

er draußen am Bach mit ihm gelernt hat, und mit Vaterstolz fragt: ob

der Knabe nicht ein gutes Gedächtnis habe? schüttelt der Knecht, der

mit der kindlichen Munterkeit auf einem andern Fuß steht, traurig

den Kopf: Das wohl, jedoch Ihr übertreibt es mit ihm! Und als er ihm

betroffen sagt, das könne nicht wohl sein, weil das Jaköbli sonst

sicher die Freude verlöre und furchtsam würde; dann hieße es natürlich,

vorsichtig seinem Geist nachzugehen -- da richtet sich der Klaus von

seinem Holzscheit auf, daraus er einen Schwengel schnitzen will, und

die Freude steigt ihm ins ehrliche Gesicht: Ihr achtet also des Mutes

und der Freude! Eben das hatte ich gefürchtet, daß Ihrs vergessen

würdet!

O, Klaus, sagt Heinrich Pestalozzi da zu seinem Knecht, und der

Schrecken mischt sich mit dem Glück über das Wort: alles Lernen wäre

nicht einen Heller wert, wenn Mut und Freude dabei verloren gingen!

49.

Es ist zum erstenmal, daß Heinrich Pestalozzi sich selber als

Entdecker fühlt; was er bis dahin auch getrieben hat, von seiner

Jünglingsschriftstellerei bis zur Landwirtschaft, immer hat ein anderer

das Tor aufgeschlossen: hier aber hält er den Schlüssel selbst in der

Hand, und so scheint ihm auch die nebensächlichste Erfahrung seiner

Erziehungsversuche wichtig genug, sie in einem besonderen Tagebuch

wortwörtlich aufzuzeichnen.

Mit diesen Aufzeichnungen tritt er aber auch den Gedanken seiner

Jugend wieder näher, und als im Frühjahr die Helvetische Gesellschaft

ihre vierzehnte Tagung in Schinznach abhält, pilgert er hinüber, zum

erstenmal im Kreis dieser Männer zu sein, die aus dem herrschsüchtigen

Kantonsgeist wieder einer Eidgenossenschaft im Sinn der Väter

zustreben. Da sieht er den greisen Ratschreiber Iselin aus Basel,

dessen Gestalt als ein neuer Stauffacher in der jungen Schweiz ein

sagenhaftes Vorbild ist, und all die andern Träger würdiger Namen.

Er meint fast, noch einmal in der Gerwe zu sein, so werden die

spartanischen Vorbilder seiner Jünglingszeit in einem Vortrag wach, den

der Landvogt Tscharner von Wildenstein hält; aber während der Mann die

Abhärtung des Körpers und der Seele als Losung gegen den weichlichen

Luxus der Zeit ausgibt, fängt es in ihm selber anders an zu brennen: er

denkt an die Scharen der Bettelkinder, und daß keinem Tanner auf dem

Birrfeld mit einer solchen Losung gedient sei, die für die Herrenkinder

und Stadtbürgersöhne allein gedacht ist. Er sieht die gepflegten

Gesichter der Zuhörer, die aus der Sicherheit ihres Standes tapfer und

begeistert sind, gegen den Luxus zu kämpfen, und kommt sich plötzlich

als ein Fremdling der Armut unter ihnen vor: Es ist eine ältere

Generation! will er sich trösten; aber als er am andern Nachmittag

allein auf der Höhe bei Brunegg steht, wo der Blick zurück auf das

saubere Bad Schinznach trifft, aber vor ihm in die armselige Breite

des Birrfeldes geht, fühlt er die Scheidung der Menschlichkeit in arm

und reich wie zwei feindliche Heerlager, dazwischen er selber als

heimatloser Überläufer im Zwiespalt geblieben ist. Sein Jaköbli bekommt

zwar danach manches von den spartanischen Vorschlägen des Landvogts zu

spüren, aber ihn selber treibt sein Gefühl in andere Notwendigkeiten.

Unterdessen machen ein böses Frühjahr und ein trockener Sommer auch

die Hoffnungen seiner Sennerei zunichte. Die ersten Viehkäufe hat ihm

der Märki noch besorgt, und es sind nicht einmal die schlechtesten

gewesen; als er sich selber in die Untiefen der Märkte wagt, stellt

er oft genug den Dummen dar, den die Händler suchen. Auch hat die

kostspielige Einrichtung Schulden auf ihn gelegt, deren Zins ihn schon

in guten Zeiten drückte; nun selbst die Bauern mit fetteren Ländereien

in Futternot geraten, sitzt er auf seinem steinichten Neuhof bald in

der Dürre da. Ein Stück Vieh nach dem andern geht ihm fort, bis der

Rest den Aufwand seiner Sennerei nicht mehr ertragen kann. Da er mit

den Zinsen in Rückstand bleibt, werden die Gläubiger besorgt; als erst

einer sein Kapital gekündigt hat, folgen die andern dem Beispiel, und

so steht eines Tages Heinrich Pestalozzi zum zweitenmal vor der Not,

daß ihm seine Besitzung versteigert wird.

Es liegen fünfzehntausend Gulden Schulden darauf, und diesmal ist kein

Bankherr als Teilhaber da, der sich mit einem Verlust herauszieht. So

bitter und demütigend es für Heinrich Pestalozzi ist, nun können nur

noch die Erbhoffnungen seiner Frau den Neuhof retten. Sie einigt sich

mit ihren Brüdern -- und hat nicht einmal Tränen gegen ihren Spott --

daß sie die dringendsten Schulden für einen entsprechenden Verzicht

auf ihre Erbschaft übernehmen. Nur glauben die nicht mehr an seine

Landwirtschaft und richten ihm einen Baumwollenhandel ein, wo sie nach

Zürcher Art den Rohstoff liefern, den er im Birrfeld zum Spinnen und

Weben in die Häuser geben muß, sodaß er nichts als den karg bezahlten

Aufseher ihrer Geschäfte vorstellt. Als endlich stürzende Herbstfluten

den dürren Sommer auslöschen, ist von dem Traum seines Lebenskreises,

der Wohlstand und Segen in der ärmlichen Landschaft verbreiten soll,

nichts geblieben, als daß er im Dienst städtischer Fabrikherren

die Not des Bauernvolks ausnützen hilft; und es bedürfte nicht der

Erinnerung an den Ernst Luginbühl im Webstuhl und an den Großvater mit

seiner Verachtung dieser ins bäuerliche Leben einfressenden Industrie,

um ihm sein zertretenes Dasein zur Qual zu machen.

50.

Es sind nicht immer die eigenen Kinder der Bauern und Tanner,

die Heinrich Pestalozzi in den Baumwollstühlen das Elend ihrer

verwahrlosten Jugend weben sieht, sehr häufig sind es Waisen, von der

Gemeinde ausgedungen, die ihren Pflegern das harte Brot verdienen

müssen. So schneidend traurig es für ihn ist, daß er Anna und ihren

Knaben mit in den Zusammenbruch seiner Traumgebäude gerissen hat,

schlimmer greift es ihn an, Helfershelfer dieser Ausnützung zu sein.

Sein Herz zittert, wenn er in die Häuser muß, und das früh verblaßte

Gesicht Ernst Luginbühls kommt wieder in seine Träume. Immer deutlicher

fühlt er die Hand des Schicksals, die ihm alles zerbricht, was er

selbstgefällig in seine Hand nimmt; und tagelang kann er verscheucht

im Neuhof sitzen, über seine Schuld an diesem Schicksal zu grübeln.

Zuletzt empfindet es sein verscheuchter Geist fast als Milderung, daß

die Teuerung ihm noch schlimmeres Elend vor den Neuhof treibt.

Denn die an den Webstühlen sitzen, haben immer noch Bett und

Brot, während ihrer viele von der Hungersnot in den Straßenbettel

getrieben werden, daß sie wie herrenlose Hunde die Häuser der Reichen

umlagern und auf den Abfall der Haushaltung warten. Auch vor den

Neuhof kommen sie scharenweis, und Heinrich Pestalozzi, der ihre Hudeln

und die von der Krätze entstellten Hände, ihre Frechheit und die

Verkommenheit der jungen Gesichter sieht, kann Tränen der Bitterkeit

weinen, wenn er bei diesem Anblick an den Vortrag des Landvogts

Scharner denkt; solange es Luxus und dieses grausame Elend gleichzeitig

gibt, sind alle patriotischen Träume leichtsinnige Spielereien. Es

treibt ihn, sich ganz zu den Enterbten zu schlagen, und oftmals nimmt

er ihrer einige ins Haus, mehr als das Brot mit ihnen zu teilen; er

sieht, wie unmenschlich sie schon geworden sind, gierig und in aller

Heimtücke der Verstellung geschickt: aber er wendet unermüdlich die

Erzieherklugheiten an, die er an seinem Jaköbli erfahren und geübt

hat und immer sicherer wird es ihm, daß er damit an ein Zaubermittel

rührt, ihrer Verkommenheit statt von außen von innen zu begegnen.

Was sonst in Stadt und Land sich als Wohltätigkeit breitmacht, setzt

eine Weltordnung voraus, dazu die hilflose Verkommenheit der Armut

so unabänderlich gehört wie der Überfluß des Reichtums, während --

das wird ihm sicherer mit jedem Tag -- in jedem dieser Bettelkinder

der natürliche Keim zu einem rechtschaffenen Menschen steckt, nur

daß keiner daran denkt, den zu bilden und also der Armut von innen

beizukommen.

Was in andern Zeiten für Heinrich Pestalozzi nur eine hitzige Erfahrung

gewesen wäre, das ergreift seine gedemütigte Natur nun zur Rettung, und

eines Tages löst die Verzweiflung dieser Zeit die tiefe Erkenntnis

seines Schicksals aus: Ich mußte arm werden aus meinem Hochmut der

Wohlhabenheit; denn wie soll einer dem Armen helfen können, der mit

den Sorgen seines Besitztums belastet ist? Wohlstand und Reichtum

sind Zwangsherren; was für Umstände und Vorsichten braucht es, sie zu

erhalten? Der Reiche kann nicht der Bruder des Armen sein; denn Geben

und Nehmen scheidet ihre Seelen. Darum steht im Evangelium geschrieben:

verkaufe, was du hast, und gibs den Armen!

Seine Frau erschrickt, wie sie die Botschaft hört; sie fühlt sofort,

daß dies eine neue Prüfung wird; doch kennt sie ihre Sendung, das

Senkblei seiner Stürme zu sein, und obwohl sie um ihren Knaben zittert

-- der durch all die neuen Worte des Vaters nicht gestört worden

ist, aus seinen Brettchen ein Haus zu bauen, und der sie ungestüm an

der Hand herbei holt -- nickt sie dem Mann erst zu, bevor sie das

Wunderwerk des Knaben bestaunt. Es ist einer wie der andere, denkt sie

und sieht die Spalten zwischen den Brettern, die trotzdem ein Dach

bedeuten sollen: aber es sind Männer und sie wollen bauen, während wir

Frauen wohnen möchten.

Heinrich Pestalozzi hat nichts von ihrer Bewegung gemerkt, er ist

hinausgegangen in den Abend, wo der verspätete Herbstregen schon wieder

in Strömen fließt, und läuft dem Sturz seiner Gedanken nach bis in die

Dunkelheit. Und während die Täglichkeit danach auf dem Birrfeld ihre

Herbstarbeiten macht und mancher Blick mit Mitleid das niedrige Dach

des Neuhofs streift, wo die Sorgen -- wie jeder weiß -- dem vorwitzigen

Herrenbauer aus Zürich ans Fundament seines Daseins gegangen sind,

sitzt Heinrich Pestalozzi glücklich bei seinem Knaben und baut Häuser,

Brettchen auf Brettchen, ob sie zusammenstürzen, unermüdlich aufs

Neue, bis der Plan seiner Armenkinderanstalt fertig ist: Ich habe ein

zu großes Haus, sie haben keins; mir fehlen die Hände, die Felder zu

bestellen, und ihnen mangelt die Arbeit! Was gilts, wenn wir Armen

uns zusammentun, sind wir reich! Sie sollen mir spinnen für ihren

Unterhalt, und ich will sie lehren. Ich will sie säubern von ihrem

Schmutz und will selber rein werden von den Geschäften, für die ich

nicht geschaffen bin. Ich habe mein Haus Neuhof genannt, als ob es eine

Neuigkeit wäre, noch ein Haus wie tausend andere dahin zu stellen; nun

aber soll es ein Neuhof sein, wie keiner vordem war: ein Neuhof, wo die

Armut sich selber durch Arbeit und Lehre zur Menschlichkeit verhilft,

die sonst in Faulheit und Laster betteln geht. Jetzt weiß ich, warum

ich auf dieses steinichte Birrfeld mußte; und wenn weiter Sorgen und

Not kommen, will ich sie gern tragen, weil es die Sorgennot der armen

Menschheit, nicht mehr die meine ist!

51.

Das Jahr ist noch nicht zu Ende, als Heinrich Pestalozzi schon die

ersten Bettelkinder im Hause hat. Er kalkuliert, daß der Abtrag ihrer

Arbeit die Kosten einer einfachen Erziehung bestreiten müsse, und gibt

sich zuversichtlich daran, die Sennerei in einen Raum zum Spinnen

umzuwandeln, den er seine Fabrik nennt. Die Schwäger in Zürich, die mit

seinen Baumwollgeschäften schon unzufrieden waren, lamentieren über

den neuen Plan und beschwören Anna, daß sie ihn davon abhalten möge.

Ihnen, die seine Lage kennen, darf er sein Herz nicht öffnen, er muß

ihnen vorrechnen, daß es für ihn selber eine Rettung aus seinen Nöten

sei; es fällt ihrer Geschäftsgewandtheit nicht schwer, ihm die Irrtümer

seiner Kalkulation mit spöttischen Fragezeichen anzumalen; aber weil

Anna mit Standhaftigkeit die Mutterschaft seines Armenkinderhauses

antritt, schlägt er den Widerstand nicht an.

Für Anna ist es ein Opfer, sie fängt schon an zu kränkeln, auch

stehen ihr als Stadtherrnkind die Hände nicht danach, verwahrlosten

Bettelkindern die Läuse abzulesen. So schlimm es ihr erging in den

Kämpfen dieser Jahre, in den Stuben ist die Ordnung und Reinlichkeit

ihrer Gewohnheit geblieben, Freunde sind auf Besuch gekommen, und

wenn Abends die Messinglampe brannte, senkte sich doch ein Stück

Gottesfrieden in ihren warmen Schein: nun geht das alles hin wie

ein schöner Traum; als ob sie selber mit ihrem Knaben ins Armenhaus

gekommen wäre, dringt der Geruch der Hudeln und das Geschrei der

Verwahrlosung durch ihre behüteten Räume. Aus sich selber hätte sie

dergleichen niemals vermocht, obwohl es ihrem Herzen nicht an Edelmut

fehlt; der gierigen Tatensucht ihres Gatten vermag sie um so weniger zu

widerstreben, als sie das Glück sieht, das nach der mutlosen Dumpfheit

so vieler Jahre über ihn gekommen ist. Sie hat ihn nun wieder, wie er

als Jüngling werbend vor ihr gestanden hat, trotzig bereit, sich die

Adern aufzuschneiden, wenn sein Blut für etwas Edles fließen müßte;

und da es dieser rauschhafte Edelmut ist, um dessentwillen sie ihn

andern Männern von soliderer Daseinsfestigkeit vorgezogen hat, nimmt

sie -- zum wenigsten im Anfang -- auch dieses Los gern auf sich, das

ums Vielfache schwerer als das ihres Mannes ist: weil ihr Teil allein

die Aufopferung ist, wo er den Genuß seiner Idee und die Befriedigung

seiner Natur hat.

Heinrich Pestalozzi weiß von Anfang an, daß es mehr gilt als seine

eigene Anstalt, und daß er wohl die Menschenfreunde des Landes anrufen

darf, ihm beizustehen; wenn erst sein Versuch gerät, ist allerorten

ein Beispiel gegeben, auf menschlichere und gründlichere Art mit der

Bettlerplage aufzuräumen als durch Landreiter: das Wort des Großvaters

in Höngg, daß er andere Mittel wüßte als die monatliche Betteljagd der

gestrengen Herren, liegt ihm dabei wie ein Vermächtnis im Sinn. So

scheut er sich nicht, selber die Betteltrommel für sein Werk zu rühren

und mit einem Flugblatt an den Türen der reichen Häuser in Basel, Bern

und Zürich anzuklopfen. Es ist zum erstenmal seit jener jugendlichen

Mitarbeit am Erinnerer, daß er die Feder in die Hand nimmt; er ist

unterdessen ein Jahrzehnt älter geworden und steht mitten in den Nöten

des Lebens, dem sein Jünglingseifer mit römischen und griechischen

Schulideen zu Leibe wollte. So wird es eine andere Rede, als er sie

damals aus Demosthenes übersetzte, ein Quell wirklicher Nothilfe fließt

darin und rührt an die Herzen, daß vielerorten Gutwillige, von der

Neuheit des Planes wie von seiner hinreißenden Darstellung gewonnen,

dem Urheber auch das Vertrauen schenken, ihn auszuführen. Was er sich

in seiner Lernzeit als Lebensberuf gedacht hat, ein Fürsprech des

niederen Volks zu sein, das ist er damit unvermutet doch noch geworden,

und die Besten im Lande lohnen ihm seine erste Rede mit freudigem Opfer.

Geschwellt von diesem Beifall wächst sich der Plan bald aus. Anna

Pestalozzi mit zwei Mägden leitet die Mädchen in allen Arbeiten der

Küche und des Haushalts an, sie lernen waschen, nähen, flicken, auch

die einfache Gartenarbeit, während die Knaben mit den Knechten auf die

Felder, in die Ställe und in die Scheune gehen: sie sollen für kein

anderes Leben aufgezogen werden als das der ländlichen Arbeit, wie

es ihrer wartet, und bei allem zugreifen lernen, was die gemeinsame

Haushaltung ihnen unter die Hände bringt. Daneben müssen sie spinnen

und weben, und hierfür hat Heinrich Pestalozzi das Glück, in der

Jungfer Madlon Spindler aus Straßburg eine vortreffliche Lehrmeisterin

zu finden, die bald als das Spinner-Anneli im ganzen Birrfeld bekannt

ist. Er selber gibt den Kindern Unterricht; denn wenn sie auch zu

keinem andern Leben als dem der Armut abgerichtet werden sollen, die

Wurzel seines Planes bleibt doch, Menschen aus ihnen zu machen, die

das Bewußtsein ihrer menschlichen Würde nicht mehr verlören und auch

dem schlimmsten Los die Unverlierbarkeit ihrer Seele entgegenzustellen

vermöchten. So lehrt er sie nicht nur das Abc, sondern versucht in

die zufälligen Wahrnehmungen ihrer Sinne die Ordnung einer bewußten

Anschauung zu bringen, indem er sie anleitet, über das Gefühl des

Augenblicks das Urteil ihrer eigenen Erfahrung Meister werden zu

lassen. Was er selber in den Gesprächen mit dem Jaköbli erfahren hat,

wendet er nun an, und ob er oft einsehen muß, daß ihm viel zu einem

Schulmeister fehlt, weil er zu hitzig und zu blind in seinem eigenen

Eifer wird, sodaß er leicht mit einem Gedanken schon ans Ende gelaufen

ist, während sie noch begossen vom Schwall seiner Worte den Anfang

garnicht gefunden haben: so verliert er doch hierin den Mut nicht,

schließlich die rechten Kunstmittel zu finden, um auch im Blödesten

noch den Keim zu wecken.

Über allem aber steht wie eine himmelhohe Rauchsäule das Glück, als

Dreißigjähriger endlich dem Leben zu dienen, statt sich im Erwerb der

Lebensmittel aufzureiben. Als der Ratsschreiber Iselin eine Zeitschrift

nur für die Fragen der Volkswohlfahrt gründet, die er die Ephemeriden

nennt, glaubt Heinrich Pestalozzi wirklich wieder in den Zeiten der

Gerwe zu leben; nur, was damals Überschwall jugendlicher Ideen gewesen

ist, das lebt nun als Tat und Wirklichkeit, und er steht mitten drin.

Kein Geringerer als der Landvogt Tscharner auf Wildenstein tut ihm die

Ehre an, in siebzehn Briefen über Armenanstalten auf dem Lande seine

Pläne zu erörtern; und wie er ihm darauf mit eigenen Briefen in den

Ephemeriden antworten, seine Ansichten und Bedenken, seine Hoffnungen,

Erfolge und Enttäuschungen vor den Gebildeten seines Landes darlegen

darf, in der Gewißheit, man achtet seiner und horcht auf ihn: da steht

Heinrich Pestalozzi endlich da, wohin sein Traum in zwei Jahrzehnten

gegangen ist. Nicht zu genießen, sondern zu wirken ist der Trieb

seines Lebens; als er mit der Landwirtschaft sein Dasein auf die

eigene Wohlfahrt gründen wollte, hatte ihn das Schicksal gedemütigt,

bis er die Hand darin erkannte; nun liegt die Landwirtschaft und die

Collegienzeit hinter ihm als bittere Lebensschule, die Sehnsucht seiner

Jugend ist keine Täuschung gewesen, der Traum wurde doch Wahrheit; und

so mühsam, so aufreibend in hundert Hindernissen sein Dasein geworden

ist, ein gepeitschtes Wasser, darauf der Kahn seiner Häuslichkeit ohne

Segel und Ruder verlassen schwimmt: die Tage seines Glücks sind da,

weil nichts mehr zwischen seinem Gewissen und seinen Geschäften steht.

52.

Heinrich Pestalozzi merkt lange den Zwiespalt nicht, an dem sein Glück

scheitern muß. So überzeugend seine Zahlen auf dem Papier stehen, daß

die Anstalt sich aus sich selber zu halten vermöge: als die Armenkinder

wirklich da sind, kommt es zwingender als früher darauf an, die

vergrößerte Haushaltung wirtschaftlich zu halten; denn die Zuschüsse

der Menschenfreunde, so tapfer sie auf seine Bitte eingehen, decken

nicht einmal die erste Einrichtung. Um das Exempel aus dem Papier in

die Praxis zu bringen, bedarf es anderer Finanzkünste, als sie Heinrich

Pestalozzi geläufig sind; seine Geschäftsführung kommt schließlich

doch wieder auf die alte Torheit hinaus, die kleinen Löcher aus einem

großen Loch zu flicken, und wenn das zu bedenklich wird, mit einem

phantastischen Lappen die Blöße zu decken. An Einfällen hierzu fehlt es

ihm nicht; nach Jahresfrist ist aus seiner Anstalt schon eine wirkliche

Fabrik geworden, indem er die Baumwolle nicht nur spinnen und weben,

sondern die gewebten Stoffe auch färben und bedrucken läßt, und eines

Tages erleben die Zurzacher den Spaß, daß der Armennarr vom Neuhof --

wie er nun schon im ganzen Aargau heißt -- selber seinen Stand auf

ihrer Messe aufgeschlagen hat, gefärbte und bedruckte Baumwollentücher

zu verkaufen.

Irgend ein Spaßvogel bringt die Absprache auf, daß er sich eine

reichliche Bestellung abmessen läßt; wie aber Heinrich Pestalozzi

glücklich seine Elle geschwungen hat und schwitzend hinter dem Berg

seiner entrollten Ware steht, entdeckt der angebliche Käufer soviel

Fehler, daß er ihm scheltend alles hinwirft und unter dem Gelächter der

andern verschwindet. Erst als ihm das zum drittenmal begegnet, merkt

seine Harmlosigkeit, daß es die Rache der Händler für die unerbetene

Konkurrenz ist. Er läßt sich von seinem Zorn hinreißen, mit seiner Elle

dem Mann nachzuspringen, weil aber der halbe Markt mit Hetzgeschrei

hinter ihm herläuft, bleibt er doch der Gefoppte. Als er am dritten Tag

entmutigt abführt, hängt hinten an seinem Wagen -- ohne daß er es merkt

-- ein freches Schild: Hier wird um Gotteswillen schlechte Ware für

gute verkauft!

Der Spott trifft ihn tief, weil seine Ware wirklich nicht gut ist

und es auch gar nicht sein kann. Die Kinder, zum Teil mit Zwang in

seine Arbeit gebracht, sind viel zu sehr ans Bettelgeläuf gewöhnt,

um die strenge Arbeitszucht zu ertragen; wenn sie den ersten Hunger

gesättigt haben und in sauberen Kleidern stecken, jammern sie nach

ihrem ungebundenen Elend. Immer wieder geht eins in der Sonntagnacht

mit den guten Kleidern davon, und es wiederzuholen ist schwierig,

weil die Bauern -- denen er die billigen Arbeitskräfte der Kinder

fortgenommen hat -- ihm feindlicher sind als je und auch die Behörden

der neumodischen Gesinnung im Neuhof argwöhnisch mißtrauen. Selbst die

Gutwilligen bleiben selten länger, als ihre Zwangszeit ist, und darum

hat sein klug ausgerechneter Plan, mit dem Verdienst der Zöglinge die

Anstalt zu erhalten, das böse Loch, daß er nur die fehlerhafte Ware von

Anfängern liefern kann.

Zu alledem muß Heinrich Pestalozzi immer bitterer bemerken, daß

er selbst für die Schulmeisterei weder geeignet noch geübt ist;

unausgesetzt beschäftigt, die richtige Lehrart zu finden -- sodaß

eigentlich nur er allein bei seinem Unterricht etwas lernt -- ist er

ganz unfähig, drei Dutzend solcher Kinder in Disziplin zu halten. Im

Augenblick überfließende Liebe und im nächsten maßloser Zorn, steht er

machtlos inmitten ihrer Tücke, die sich vor seinen Schlägen fürchtet

und bei seiner Liebe heuchelt; um beides zu verhöhnen, wenn er den

Rücken gewandt hat.

Niemand fühlt diese Mängel tiefer als seine Frau, die nun den Schmerz

erlebt, den Geliebten auch in den Dingen seiner Neigung unfähig wie

im praktischen Erwerb zu sehen; bald hat sie statt seiner die Leitung

der Anstalt in der Hand, während er unruhig von einem zum andern

läuft, mehr verwirrend als fördernd. Durch einige Jahre erhält sie

mit unmenschlichem Kampf den äußeren Bestand der Dinge, dann wird

sie krank, und kaum hat sie einige Wochen gelegen, als auch schon

die Unbotmäßigkeit zur Überschwemmung anschwillt, darauf Heinrich

Pestalozzi mit seinem unsteten Willen wie ein Kork schwimmt. Ein

paarmal rafft sich die Tapfere noch auf, die Sache zu retten; aber mit

ihren vierzig Jahren ist sie für die stündlichen Aufregungen nicht mehr

stark genug. Auf einem verzweifelten Besuch bei ihrer Freundin, der

Frau von Hallwyl, kommt sie ernsthaft zu liegen und kehrt nicht mehr

auf ihren Posten zurück.

Lebenstag eines Menschenfreundes · 第 10 / 25 段