Nach einigen Tagen bringt der Baumeister den Plan des Wohnhauses,

wie es nach seinen eigenen Angaben sein soll: etwa dreißig Schritt

im Geviert mit einem Zeltdach und ganz aus Steinen gebaut; es soll

unten am Letten stehen, wo der angeschwemmte Boden als Gartenland

geeignet ist, und Neuhof heißen. Der Baumeister hat neben den Aufrissen

auch eine Ansicht des Hauses in Farben gemacht; es sieht mehr einer

italienischen Villa gleich als einem schweizerischen Bauernhaus,

aber gerade das gefällt ihm. Er scherzt, daß er selber ein Italiener

wäre, und so oft er das hübsche Bild ansieht, wird der Traum seiner

landwirtschaftlichen Existenz daran lebendig: wie er mit seiner

Stauffacherin da aus und ein gehen wird, wie unter den Bäumen -- die

bis jetzt nur auf dem Papier grün sind -- Kinder spielen und auf den

Feldern rundum fleißige Tanner lohnende Arbeit finden, wie die breit

gewölbten Keller sich mit Feldfrüchten füllen, und wie er als ein

neuer Tschiffeli der Mißwirtschaft des Birrfeldes aufhielt durch sein

Beispiel planvoller Arbeit!

Auch der Baumeister Daniel Vogel, den er sich als fachmännischen

Berater aus Zürich holt, billigt den Plan; der setzt im

freundschaftlichen Vertrauen die Berechnungen fest und macht die

Akkorde mit den Handwerkern unter genauen Abmachungen über das Material

und die Ausführung. Es ist ein sicherer Gang der Ordnung, wie ihn

Heinrich Pestalozzi bisher noch nicht in seinen Dingen gespürt hat;

als ob ihm neue Hände gewachsen wären, seitdem in den abwartenden

Verdruß des Winters ein wirkliches Geschäft gekommen ist, so gibt sich

eins ins andere und bringt die Fröhlichkeit zweckbewußter Arbeit mit.

Als erst der Boden ausgehoben, Steine gebrochen und die Fundamente

gelegt werden, ist er von früh bis spät dabei und scheut das nasse

Schneewasser nicht, selber jede Art von Arbeit mitzutun. Daß morgens

die Leute kommen, Tag für Tag, zum Teil stundenweit und sichtlich froh,

gute Beschäftigung zu haben, gibt ihm ein Vorbild, wie es einmal auf

Neuhof sein soll; und wenn er sie Sonntags entlöhnt, ist sein Traum

schon Wirklichkeit: daß er als der Mittelpunkt einer Unternehmung

dasteht, daraus die ersten Quellen aller Wohlhabenheit, der sichere

Verdienst einer regelmäßigen Arbeit, ins magere Birrfeld fließen.

Nachdem Ende Januar unerwartet ein Wechsel aus dem Pflug nach Müligen

geflattert ist für das Laufende, kommen nacheinander die Brüder,

am längsten der Doktor Salomon, der die warmen Frühlingstage schon

zum Angeln -- seiner Lieblingsbeschäftigung -- geeignet glaubt. Sie

mögen Bericht nach Zürich gegeben haben; denn an dem Mittag, da sie

abreisen wollen, steht unvermutet die alte Schultheßin mit dem jüngsten

Bruder gerade vor der Haustür, als sie hinaustreten. Nun bleiben

alle bis zum andern Tag, und weil die Aprilsonne scheint, wird noch

am Nachmittag ein fröhlicher Spaziergang durch die Felder und auf

den Bauplatz gemacht, wo die Fundamente schon kniehoch aus der Erde

sind und eingewölbt werden sollen. Auch auf den Hang kommen sie, wo

der Nußbaum niedergebrochen ist; sein Stamm reicht allen zum Sitz,

sodaß einer den Scherz macht, sie weiheten die Bank ein, bevor das

Holz dazu geschnitten wäre. Von unten klappert das Gewerk der Maurer,

und einer, der den Mörtel in der großen Pfanne rührt, singt das alte

Grenchenlied mit dem spöttischen Hohoho als Schlußreim, in den die

andern einfallen. Auch die Schultheßin, die mit unverhohlenem Mißtrauen

den ausgespreiteten Mergel auf den Kleefeldern für weißen Schutt

gehalten hat, vermag die fröhliche Luft nicht einzuatmen, ohne daß auch

ihr etwas davon ins gallige Blut geht. Die Scherze der Brüder sorgen

dafür, daß die Ausgelassenheit auch den Rückweg im sinkenden Nachmittag

besteht, durch den sie, nun selber das Grenchenlied singend, über die

Kante des Birrfeldes nach Müligen hinunter kommen.

Andern Morgens nehmen sie Anna für ein paar Tage mit nach Zürich, wo

sie das Rote Gatter ebenso überraschen will, wie sie selber überrascht

worden sei. Heinrich Pestalozzi gibt ihnen das Geleit bis Baden; der

laute Abschied erinnert ihn an die wehmütige Winterschiffahrt, und daß

ihm die Brüder mit ihrer Ausgelassenheit die Geliebte für ein paar

Tage entführen, ist ihm auch nicht recht; doch läßt sie ihm ein inniges

Wort zurück, das er feierlich durch den Morgen nach Hause trägt: Ich

will deiner Mutter meine Hoffnung sagen!

Er ist noch keine Viertelstunde unterwegs, als er den übrigen Schwall

schon vergessen hat und nur noch an das Glück denkt, das sie bei der

Mutter mit ihrem Geständnis einbringen wird. Dabei lallt er die sieben

Worte immerzu; sie bilden eine Perlschnur, an der die beiden Frauen

als die letzten angereiht sind -- bald werden sie eins weiter gerückt

und in die Kette eingereiht sein -- ihm aber ist sie mit der Sorge in

die Hand gelegt, daß die Perlen bei dem Wechsel der Vergangenheit in

die Zukunft keinen Schaden nähmen. Was bin ich, und was wird aus mir

werden? hat er ins Tagebuch seiner Frau eingeschrieben; aber auf die

Anklage seines Leichtsinns hat das Gefühl der Vorsehung einen Segen

gelegt, den er glücklich in den Lerchenmorgen hinein trägt: Was er ist,

darauf haben die beiden Frauen in unübersehbaren Stunden Schätze der

Liebe gehäuft. Und wenn er ein sinnloser Verschwender damit würde, es

kann ihm nicht gelingen bis in den Tod, sie auszugeben! Als ihn kurz

vor Brugg ein Bettler um Geld anspricht, bietet er ihm alles, was er in

seiner Tasche findet, und geht glücklich weiter, ihm für eine Stunde um

keinen Kreuzer voraus zu sein.

44.

Es ist auf lange Zeit der letzte reine Morgen für Heinrich Pestalozzi;

denn noch am Nachmittag erfährt er, daß über seine Unternehmung die

absprechendsten Gerüchte in Umlauf sind, sodaß der unvermutete Besuch

der Schwiegermutter nachträglich eine unfreundliche Bedeutung erhält.

Nicht lange danach, daß Anna wieder von Zürich zurück ist, erscheint

auch der Bankier Schultheß im eigenen Reisewagen mit zwei Söhnen und

einem Bedienten, die Grundlage seines Darlehens zu prüfen. Er will

jedes Feld und die Art der Besserung sehen, das Haus mißt er selber mit

dem Maßstab in den Fundamenten aus: er hat dabei eine Art, zornig den

Kopf zu schütteln, aber das ist nur eine Angewohnheit des alten Herrn,

und am Ende geht es wie mit der Schultheßin: die Stimmung bessert sich,

und wie damals Anna fährt nun Heinrich Pestalozzi mit dem Besuch nach

Zürich zurück.

Sie sind kaum fort, als Anna hört, daß der Bediente unterdessen seine

eigenen Wege im Birrfeld gegangen ist, überall die Meinung aushorchend;

auch bei dem Märki ist er gewesen: nach seinen boshaften Bemerkungen

mit dem kläglichsten Ergebnis. Sie nimmt sich vor, es zu verschweigen,

aber als Heinrich Pestalozzi nach einigen Tagen von Zürich zurückkommt,

weiß er schon alles und wie das Urteil dieses Bedienten die Stimmung im

Gewundenen Schwert macht. Noch am gleichen Tage gehen sie miteinander

in den Letten hinauf, sich selber zu vergewissern, ob der tüchtige

Stand der Felder doch nur eine Selbsttäuschung wäre. Sie finden die

Esparsette auf den steinichten Ackern gut angesetzt, und auch die

Krappflanzen lassen sich nicht übel an; aber die boshaften Worte

des Bedienten werden damit nicht ausgewischt, und als Heinrich

Pestalozzi gegen die Baustelle seines stolzen Hauses kommt, faßt ihn

der Unwille so, daß er sich abwendet; gerade das ist von dem Bankherrn

zu kostspielig gefunden worden. Schlimmer aber als alles ist ihm das

Unkraut der Feindschaft, das der Bediente aus den Dörfern ans Licht

getragen hat. Er schreibt zwar noch eine lange Darlegung an den

Geldgeber, aber als Antwort kommt nach drei Tagen die unumwundene

Mitteilung, daß er die Unternehmung als ruiniert ansehe.

Es ist Anfang Mai, als das geschieht, und für den Sommer trägt Anna

ein Kind unter dem Herzen; die frohe Hoffnung seiner Geburt vermehrt

nun die Sorgen dieser Tage. Es kommen zwar noch der Junker Meis und

der Pfarrer Schinz als Sachverständige zur Prüfung; sie finden, daß

mehr als eigentliches Mißgeschick die allgemeine Unkenntnis der bei

Tschiffeli erlernten Neuerungen den vorwitzigen Herrenbauer bei den

Leuten ins Gespött gebracht hat, und daß der Haß sich eher gegen s

einen Ratgeber Märki als ihn selber richtet. Auch treten sie ihm mit

Wärme bei in ihrem Gutachten; aber der Bankherr will wie alle Geldgeber

das Gold wachsen sehen, Mitte Mai kündigt er die Gemeinschaft, und

bevor Heinrich Pestalozzi seine Dinge ins Gehen bringen kann, sind

ihnen die Beine schon abgeschnitten.

45.

Das Kind wird im August geboren; es ist ein Knabe, den sie Hans

Jakob nennen. Obwohl der Bankherr noch einmal begütigt worden ist,

weiß Heinrich Pestalozzi, daß sein Mißtrauen nur auf den günstigen

Augenblick wartet, sich ganz zurückzuziehen. Die Sorgen und Kämpfe

um die Rettung seiner Existenz haben ihn so täglich beansprucht,

daß er mit Scham und Schrecken vor den Richterstuhl des Ereignisses

kommt. Seine Mutter ist zur Pflege da; sie legt ihm das kleine Wesen,

das aus dem Schoß der Geliebten ans Licht gebracht worden ist und

erschrocken von dieser Reise mit seinem dünnen Stimmchen schreit, mit

einem wissenden Lächeln in die Hände. Er vermag der Erschütterung

nicht standzuhalten, gibt ihr in einer abergläubischen Furcht das

Kissenbündel zurück und läuft in den sinkenden Sommertag hinaus. Seit

seinem Unglück mit dem Bankherrn ist ihm zumute, als ob alles mißraten

müsse, was seine Hände anfassen, und dies ist eine lebendige Seele.

Doch irrt er noch im Schatten seiner Bäume, als ihm eine Stimme aus dem

Ungewissen Halt ruft: Ob er das Kind in seine Hände nimmt oder nicht,

es bleibt sein Sohn, mit dem er gegen Gott und die Welt in eine neue

Verantwortung getreten ist. Da gilt es andere Eigenschaften, als in

feigem Aberglauben davon zu laufen. Indem er sich beschämt nach dem

Haus zurück wendet, darin er sein Kind, seine Frau und seine Mutter

in der Heiligkeit einer Menschengeburt verlassen hat, und in einem

einzigen Aufblick die ewige Verantwortung seiner Vaterschaft fühlt,

erkennt er auch, wie kläglich seine Sorgen und Kämpfe in den Monaten

zuvor am Vergänglichen gehangen haben: Ein stolz gebautes Wohnhaus und

blühende Kleefelder, Darlehen und Kaufbriefe sind keine Dinge, die vor

Gott wichtig stehen; er ist ein Narr der Täglichkeiten geworden wie

tausend andere und hat keine Zeit mehr für seine Seele gehabt, die sich

darum furchtsam verkriechen wollte, wo etwas anderes als Geschäfte an

sie kam.

Die Frauen fürchten sich fast, als er wieder zu ihnen in die Kammer

tritt, so sehr ist sein Gesicht von Tränen überströmt; auch verstehen

sie seine Gebärde nicht, wie er das Kind aus der Wiege nimmt. Er macht

es nicht recht, und seine Mutter springt ihm bei, daß er kein Unheil

anrichte mit den kleinen Gliedern; dann aber muß sie lächeln, wie er

in seiner Ungeschicklichkeit dasteht, die beiden Arme vorgestreckt,

das Kissen zu halten, darauf das Neugeborene mit seinem struppigen

Kopf liegt. Er läßt sich ehrfürchtig nieder mit einem Knie, wie wenn

er es darbringen wollte, steht auch nicht auf, als ihm die Mutter das

Bündel vorsichtig wieder abnimmt und in die Wiege legt. Darin hast du

auch gelegen, sagt sie scherzend, um ihn nicht zu erzürnen, und bringt

die Wiege leise tuschelnd in Gang, weil das Knäbchen schon wieder

weinen will. Heinrich Pestalozzi, den die Scham fast tötet, als Kind,

Mann und Vater im Geheimnis der Zeugung entblößt zwischen den Frauen

dazustehen, hört es nicht; erst als Anna ihn ängstlich bei Namen ruft,

hebt er die Augen wieder in die Welt und sinkt weinend zu ihr hin, wie

wenn er ihr ein Unrecht angetan hätte, daß er sie aus ihrer einsamen

Jungfrauenschaft zu einer Mannesfrau und Mutter machte. Sie aber, die

nur das Glück der Erlösung darin empfindet, streichelt ihm vielmals

die schwarzen Haare, als ob er ihr Neugeborener wäre: Heiri, sagt sie,

und ihre Stimme geht auf dem süßesten Grat der Liebe, nun muß unser

Haus bald fertig sein!

46.

Die Größe und Kostspieligkeit des Wohnhauses ist von den Ratgebern

des Bankherrn am meisten getadelt worden; aber Heinrich Pestalozzi

hat nicht an ein notdürftiges Dasein gedacht, als er mit seinen

landwirtschaftlichen Zukunftsplänen aufs Birrfeld kam. Nun er auf

weitere Gelder nicht mehr rechnen kann, nimmt er dem Haus das obere

Stockwerk fort und läßt das flache Zeltdach gleich auf die Steinmauern

des Erdgeschosses stellen; es wird zwar etwas anderes als eine

italienische Villa daraus, aber es kann noch vor dem Winter gedeckt Und

zum Frühjahr eingerichtet werden.

Das unsichere Verhältnis mit dem Gewundenen Schwert schleppt sich

indessen unter Mißtrauen und Vertröstungen über den Herbst hin, bis

seine Freunde in Zürich ein Abkommen zustande bringen, wobei der

Bankherr ein Ende mit Verlust dem Verlust ohne Ende vorzieht und

angesichts der Schädigung, die sein Teilhaber durch diesen Rücktritt

erleidet, unter Zurücklassung von fünftausend Gulden auf das Geschäft

verzichtet. Das ist für Heinrich Pestalozzi, der seinen Dingen noch

immer ihren Wert beimißt, zunächst kein übler Schluß der mißlichen

Angelegenheit; aber aus den berittenen Plänen seiner Musterwirtschaft

werden simple Fußgänger, er kann nicht mehr über Jahre zielen und muß

aus der Hand in den Mund leben wie die andern auch. Für die Krappzucht

hat sich der Boden als zu rauh gezeigt, dagegen steht die Esparsette

ausnehmend gut und könnte Futter für manches Stück Vieh liefern; seine

Freunde raten zur Sennerei, und er müßte weniger Federkraft haben, um

nicht gleich mit beiden Füßen in das neue Arbeitsfeld hineinzuspringen.

Noch über den Winter werden neben der Scheune die Stallungen angebaut,

und als er zum Frühjahr auf Neuhof einzieht, brüllen schon die ersten

Kühe darin.

Es ist ein verdrießliches Regenwetter, als sie den Umzug machen,

und einmal bleibt der Wagen mit dem Hausrat so in dem aufgeweichten

Landwege stecken, daß sie ihn mitten im Birrfeld bei schneeigem

Schlagregen abladen müssen, wobei ein jedes Stück seine Himmelswäsche

mitbekommt. Dafür ist es auch zum letztenmal, daß wir umziehen, sagt

er zu Anna, die unterdessen mit dem Kind im Pfarrhaus Obdach gehabt

hat, als er sie nachher abholt und ihr das Mißgeschick schildert. Sie

lächelt wehmütig dazu, als ob sie dieser Sicherheit nicht traue. Doch

geht sie tapfer mit, das Kind in Tüchern eingewickelt auf dem Arm,

den Einzug auf Neuhof zu halten. Er schreitet sorglich nebenher und

hält ihren Regenschirm, den sie in den Mädchentagen von einer Reise

mitgebracht hat, über sie und das Kind. Er ist für die Bauern in Birr,

die nur ihre Regentücher kennen, ein so absonderliches Gerät wie die

ganze Landwirtschaft dieses Züricher Stadtherrn: so stehen sie in den

Türen, wie die drei daherkommen; einige Buben laufen ihnen durch die

Nässe nach, und weil ein Witzbold unter den Alten das Wort aufgebracht

haben mag, rufen sie es zum Schimpf hinter ihm her. Heinrich Pestalozzi

hört nicht darauf, weil ihn der Gang sehr bewegt; doch als sie schon

das Dach vom Neuhof im Regen glänzen sehen, hält ihn Anna am Arm zurück

und hat ein seliges Lächeln in den Augen: Achtest du denn gar nicht,

was sie sagen? Sie rufen: die heilige Familie mit dem Regenschirm!

Er versteht ihre lächelnden Augen lange nicht und erschrickt, als

er den Sinn erkennt, wie über eine Lästerung, sodaß auch ihr das

Lächeln in den Augen untersinkt. Als sie das letzte Stück dann

schweigend gegangen sind und vor das Haus treten, das er für sie und

sich, auch für den Knaben auf ihrem Arm aus kühnen Hoffnungen in

Sorgen hineingebaut hat, vermag sie nicht freudig über die Schwelle

hineinzugehen und beugt sich mit dem Kind weinend an seine Brust, als

ob dort eine bessere Heimat sei als in der Ungewißheit dieser Steine.

Nun aber hat sich ihr Lächeln in ihm zur Glut entzündet; gleich einem

Wanderstab hält er den zusammengeklappten Regenschirm in der Hand und

ist noch einmal Jüngling seiner rauschhaften Stunden: Die Knaben haben

recht; es mag wohl sein, daß wir dies bald verlassen müssen wie Joseph

und Maria auf der Flucht. Drum laß uns, Liebe, nur zur Rast eintreten,

weil es doch regnet. Vielleicht, daß morgen schon wieder die Sonne auf

unsere Wanderung scheint!

47.

Heinrich Pestalozzi beginnt seine eigene Wirtschaft auf dem Neuhof

mit ungefähr hundert Jucharten; doch liegen die einzeln gekauften

Acker nicht beieinander; er muß vielfach über fremde Felder fahren,

wenn er zu den eigenen will, und wiederum andere Bauern fahren ihm

über die seinen. Das macht Verdrießlichkeiten, weil er sich nicht an

ihre Dreifelderwirtschaft binden und die vorgeschriebenen Zeiten der

Zelgenwege einhalten kann. So muß er darauf sehen, sein zerstreutes

Gut durch Tausch und Kauf einheitlich abzurunden, Und ist bald in

hundert Händeln. Der Metzger Märki spielt darin immer noch die

Hauptfigur, er hat die nötigsten Stücke an sich gebracht, wie er sagt,

um der Preistreiberei der Bauern zuvorzukommen; aber darum sind seine

Forderungen nicht weniger gesalzen, und als es ihm gelingt, das gute

Land in den Hummeläckern gegen ein steinichtes Feld in den Letten zu

tauschen, das Heinrich Pestalozzi für sein Wegrecht nötig braucht, ohne

Nachzahlung, obwohl es nur halb so groß ist: wird dieser Handel zum

Wirtshausgespött im ganzen Birrfeld, um so mehr, als der Märki selber

mit dem Gelächter hausieren geht.

Nachher wird dem schlauen Händler freilich die Haustür im Neuhof

zugemacht; aber weil er wirtet und das halbe Dorf in der Fron hält mit

Trinkschulden -- wie den Tanner, der den Nußbaum fällte -- hat Heinrich

Pestalozzi einen gefährlichen Feind an ihm. Gleich nach seinem Einzug

auf Neuhof ist er schon mit der Dorfgemeinde Birr in Streit gekommen um

einen Pfad nach Brunegg, den sie ihm mitten über seine Äcker laufen. Es

führt zwar auch ein Fahrweg gegen den Wald hinauf, aber in den Zeiten,

da die Felder meist unbebaut gelegen haben, ist der schnurgerade

Pfad eine Gewohnheit geworden, deren Beseitigung sie dem Herrenbauer

verübeln. Er versucht es mit Dornruten und Verhauen: aber was für

Hindernisse er auch am Tag baut, in dunkler Nacht werden sie hartnäckig

wieder zerstört, bis er den Weg durch den Pfarrer ins Verbot legen

läßt. Damit bringt er endlich sein Recht zur Geltung, aber die Gemeinde

ist ihm seitdem übel gesinnt, und als er auch den Weidegang auf seinen

Feldern öffentlich und rechtlich untersagen läßt, beruft sich die

Bauernsame von Birr auf ihr besonderes Weidrecht und fordert auch die

von Lupfig auf, dem neumodischen Herrenbauer auf Neuhof den Prozeß

anzusagen. Obwohl die Lupfiger sich dessen weigern, gibt es einen

langen Rechtshandel, der ihn die bäuerliche Verbissenheit in täglichen

Molesten spüren läßt.

Endlich wird zwar durch obrigkeitliche Entscheidung das Weidgangsrecht

auf seinen Feldern gegen einen jährlichen Bodenzins von einem Neutaler

aufgehoben: aber gerade das setzt in den Köpfen der armen Tanner,

die keine eigenen Matten haben und auf den Weidgang angewiesen sind,

das Gefühl eines Unrechts fest, das ihnen von dem neuerungssüchtigen

Herrenbauer angetan wird. Was durch seine anfängliche

Handelsgemeinschaft mit dem Märki begonnen wurde, das wird nun durch

dessen hinterhältige Feindschaft vollendet: die Armen, denen zu helfen

die heimliche Hoffnung seiner Bauernschaft gewesen ist, hassen ihn

als einen neuen Ausbeuter ihrer Not. Und da der Neuhof kein einsames

Bauernhaus ist, sondern oft städtischen Besuch erhält, da namentlich

Anna einen freundschaftlichen Verkehr mit den Frauen der umwohnenden

Herrenleute unterhält, ist Heinrich Pestalozzi selber in die Rolle

eines der Stadtherren gekommen, wie er sie in seiner hitzigen Jugend

zu Höngg verabscheute; denn was für Sorgen und Nöte er unterdessen mit

seiner Besitzung hat, das sehen die Armen bei ihm so wenig, wie er es

damals sah.

Eines Nachmittags muß er eine Bekannte seiner Frau zum Pfarrer nach

Birr zurück begleiten, wo sie auf Besuch ist. Sie kommt aus Zürich

und ist mit dem Aufwand der städtischen Mode derart geputzt, daß die

Kinder aus den Häusern kommen und einige ihr nachlaufen. Gleich hat sie

einige Batzen zur Hand, die sie zum Spaß hinwirft: nicht anders, als

ob Hühner nach hingestreutem Futter sprängen, sind sie augenblicklich

in einer Balgerei, die gleich einem Ball von Staub und Geschrei über

den Weg rollt. Andere laufen neugierig herzu, und da die Zürcherin

sich den Spaß noch ein paar Batzen kosten läßt, vergrößert sich der

balgende Knäuel, indessen die herzlose Person vor Lachen wie toll

auf ihren zierlichen Stiefelchen herum springt. Bisher hat Heinrich

Pestalozzi alles für unbedachten Übermut gehalten, aber als sie ihm

mit schadenfrohen Augen entgegen tritt -- da haben Sie Ihr Volk, Herr

Pestalozzi -- und lachend gegen das Pfarrhaus davonläuft, erkennt

er, daß der unwürdige Auftritt sein Gespräch mit ihr beantworten und

verhöhnen soll.

Der Zorn über ihre Herzlosigkeit macht ihn wild: Dann gehöre ich

auch dazu! schreit er ihr nach und fährt mitten in die Balgerei. Das

erste, was er ergreift, ist der Schopf eines stakigen Mädchens, das

gerade über einen Vierjährigen herfällt, ihm seinen Batzen aus der Hand

zu reißen. Ehe er noch selber weiß warum, hat er sie und ein halbes

Dutzend der andren verwalkt und ihnen, soviel sie kratzen und beißen,

die Batzen abgenommen. Einigen gelingt es, mit ihrer Beute davon zu

laufen; die nichts haben, bleiben stehen, und als er das eroberte

Geld überzählt, braucht er nur drei Batzen aus seiner Tasche hinzu zu

legen und er hat für jeden einen: Hier ging Gewalt vor Recht, sagte

er, nun aber steht Recht vor Gewalt! zählt jedem seinen Batzen aus,

vom Kleinsten angefangen, und heißt sie heimlaufen. Die nichts gerafft

hatten, denen ist es recht, die andern aber -- die ihr erobertes

Eigentum aus seinen Händen verteilt sehen -- rufen mit mörderlichem

Geschrei die Ihrigen zur Hilfe, sodaß Heinrich Pestalozzi froh ist,

als er den letzten Batzen verteilt hat und sich heim wenden kann.

Doch hängt sich das schreiende Gefolge an ihn, und einige Mütter,

von ihren Kindern aufgeklärt, fordern drohend den Raub zurück. Unter

Schimpfreden und Steinwürfen kommt er gegen den Neuhof, wo ihn Anna mit

dem Knaben an der Hand erschrocken empfängt; denn nun erst nimmt er

wahr, daß er im Gesicht und an den Händen von Kratzwunden blutet und

mit seinen Kleidern durch den Staub gewälzt ist. In der folgenden Nacht

geschieht es zum ersten Mal, daß ihm einige von seinen blitzblanken

Fensterscheiben eingeworfen werden.

48.

Das Ergebnis dieser mißglückten Ausgleichung erschüttert Heinrich

Pestalozzi ebenso tief wie der höhnische Anlaß, und tagelang vermag

er nicht mehr an seine Dinge zu gehen, so mutlos wird er. Es ist nun

schon das sechste Jahr, daß er sich müht mit der Landwirtschaft, und es

ist nichts dabei heraus gekommen, als daß er sich und andere in Sorgen

und Verluste gebracht hat; er sieht kein Ende, danach es anders werden

könnte. Indessen gibt es solche Stadtfräuleins und solche Bettelbuben,

als ob sie in der Welt sein müßten wie alles Gute auch, und aus allen

seinen Plänen geschieht nichts, was etwas daran ändern könnte; denn

selbst, wenn er zum Wohlstand seiner Träume käme: die Unfeinheit

der einen und die häßliche Habgier der andern wäre damit doch nicht

geändert. Wieder einmal erkennt er die Quellen allen Übels in der

Natur des Einzelnen; und furchtsam sieht er auf seinen Knaben, der nun

ins vierte Jahr geht und die ersten Anzeichen seiner Persönlichkeit

nicht mehr verbirgt. Es ist sein Sohn, und schon meint er die eigenen

Fehler an ihm zu sehen, seine Zerstreutheit, Unordnung und den unsteten

Eigensinn. Namentlich die listigen Versuche des kindlichen Eigensinns

besorgen ihn; es ist nicht anders, als ob der kleine Geist unausgesetzt

eine Machtprobe gegen die Erwachsenen mache.

Lebenstag eines Menschenfreundes · 第 9 / 25 段