den Boden mit vermodertem Kalkgestein durchsetzt, das vielfach auch
mit einem beinernen Glanz zutage liegt: Hier ist wirklich Ödland, aber
wo der Hang ins ebene Feld ausläuft, doch wieder guter Boden, vor
allem aber ist reichlich Wasser da, und die abseitige Lage lockt ihn
besonders. Als er bis an den Waldrand hinaufgegangen ist und von da
unter einem Nußbaum über das stundenweite Birrfeld hinsieht -- stärker
als je in dem Traum, es von hier aus stückweise zu erobern und ein
Gartenmeer daraus zu machen, das Wohlstand in all die ärmlichen Dörfer
rundum verbreiten soll -- hört er hinter sich seinen Namen rufen, und
als er umsieht, steht der Märki dort und winkt ihm. Augenscheinlich
will er nicht gesehen werden, und so steigt Heinrich Pestalozzi zu
ihm hinauf in den Wald. Der selbe Mann, der gestern gleichmütig war,
scheint heute wütend: falls er etwa die Absicht habe, hier zu kaufen,
so möge er sich selber das Geschäft nicht verderben, indem er hellen
Tags hier herumlaufe! Bauern seien Bauern: wenn er, der Märki, etwa
hinginge und ihnen bares Geld für einen Acker brächte, wären sie
noch so froh; so aber der Herrenbauer käme, glaube jeder gleich das
große Los zu spielen. Er wolle sich mit diesem Beispiel nicht etwa
aufdrängen, er habe hier nur zufällig einer Klafter Kleinholz nachgehen
wollen, die überm Winter vergessen worden sei. Da er ihm aber nun
einmal den Rat gegeben habe, möge er natürlich nicht, daß er dabei zu
Schaden käme und ihm schließlich noch Vorwürfe mache!
Nichts für ungut, sagt er dann wieder höflich, als er das alles mit
rotem Kopf mehr geschimpft als gesprochen hat, lüpft an seiner Kappe
und geht davon, gefolgt von einem Metzgerhund, der sich faul aus der
Sonne aufhebt. Heinrich Pestalozzi bleibt wie ein gescholtener Schüler
zurück, doch ist er dem Mann dankbar; wenn er an die Tagelöhner in
Lupfig denkt, daß nie einer ein richtiges Wort aus den Zähnen läßt und
jeder an seinem Mißtrauen würgt, irgend einen Vorteil zu verlieren, so
ist dies doch von der Leber gesprochen. Er folgt seiner Weisung, geht
nicht über Birr, sondern im Bogen durch den Wald gegen die Hummeläcker,
wo ihm nun nichts mehr gefällt, sodaß er seine Pläne umdenkend nach
Müligen heimkehrt. Noch am selben Abend schickt er dem Märki eine
Botschaft nach Birr hinauf, und nun wird es rasch ein anderes Geschäft
für ihn: in knapp acht Tagen hat er durch den gewandten Unterhändler
zehn weitere Jucharte dazu gekauft, nicht übles Land, noch in der
Ebene gegen den Letten gelegen, sodaß er einen guten Platz für sein
Haus, einen Brunnen dazu und Land genug besitzt, um seine Plantage
zu beginnen. Daß die nun in zwei Stücken auseinander liegt, die
Hummeläcker mitten im Birrfeld und das andere eine gute halbe Stunde
weiter hinauf am Letten, beunruhigt ihn ebensowenig wie der doppelte
Preis: auch Tschiffeli hat so zerstreut Boden fassen müssen, und
schließlich ist doch alles ein großer Besitz geworden. Seitdem er den
Metzger Märki als Ratgeber hat, fehlt es ihm nicht mehr an Zutrauen,
daß auch sein Traum gelingt. Denn daß er selber in die Hände eines
Mannes geraten ist, der vieles zu sich heranbiegt, um daraus nichts als
seinen Nutzen zu haben -- was unter Kaufleuten die einzige Moral ist --
während er sich selber einen Nutzen immer nur erträumt, um eine Quelle
des Wohlstandes für die andern zu sein: das soll er noch erst erfahren.
39.
Über dem ist der Herbst gekommen und weht Heinrich Pestalozzi die
dürren Blätter vor die Haustür; die Singvögel ziehen der scheidenden
Sonne nach, und abends steigen die Nebel kalt aus der Waldschlucht,
darin die Reuß ihr spärlich gewordenes Wasser der Aare zuführt: nach
dem Sommer mit der sonnigen Fülle seiner langen Tage kommt der Winter,
der die Menschen in den Kreis der Lampe drängt. An der seinen war das
Messing blank, als Anna sie schenkte: aber ihre Hände sind nicht da,
es zu putzen. Nicht einmal ein Stück Vieh steht im Stall, und Heinrich
Pestalozzi, der doch ein Stadtkind und gewohnt ist, über seine Dinge zu
sprechen, sitzt Abend für Abend allein in seinem Turm. Die Mutter kann
nicht mehr kommen, weil der Großvater sie wieder nach Höngg gefordert
hat; und dem Bärbel war es bald zu grauslich zwischen Wald und Wasser.
Seit seinem heimlichen Verlöbnis ist mehr als ein Jahr verstrichen,
Anna hat im Sommer schon ihren dreißigsten Geburtstag erlebt, und immer
noch steht die Weigerung der Eltern vor der gemeinsamen Zukunft. Die
Melancholie der Einsamkeit läßt ihren bitteren Saft in seine Stunden
fließen, und andere Briefe flattern nach Zürich, als sie aus Kirchberg
gingen. Einigemal reist er selber hin, auch nach Brugg kommt er
Samstags, die Schaffhäuser Zeitung zu lesen: aber es ist eine tote Zeit
für Heinrich Pestalozzi, da er zum erstenmal den einsamen Winter des
Landmanns wirklich zu spüren bekommt.
Noch im Spätherbst haben auf einer Spazierreise zu Pferd einige Freunde
aus Zürich bei ihm angeklopft, um sich den Scherz eines Besuchs bei
dem Einsiedler von Müligen zu machen; sie waren überrascht, alles
so heimelig bei ihm zu finden -- das Bärbel war gerade da -- und
namentlich der Johannes Schultheß aus dem Gewundenen Schwert, dessen
Vater Bankgeschäfte macht, zeigte für seinen Plan viel Aufmerksamkeit.
Er hat ihm unterdessen mehrmals geschrieben und ist tatsächlich auch
bei seinem Vater nicht untätig geblieben; als endlich das letzte
Schneewasser mit hundert Bächen die Reuß braun färbt und die ersten
vorwitzigen Singvögel den Sonnenschein prüfen, geht Heinrich Pestalozzi
in der Entschlossenheit eines Verschwörers nach Zürich, mit dem
Bankherrn in eine Geschäftsverbindung zu kommen. Es dauert zwar noch
ziemlich eine Woche, und er muß sich manche Laune des aufbrausenden
alten Herrn gefallen lassen; aber der Sohn läßt nicht locker, und
schließlich kommt eine Abmachung zustande, daß der Bankiers mit einem
Einsatz von fünfzehntausend Gulden allmählich in seine Pflanzung
eintreten will und ihm gleich ein Drittel dieser Summe als Kredit
eröffnet.
Damit steht Heinrich Pestalozzi vor den Kaufmannsleuten im Pflug als
einer ihresgleichen da, und als er aus dem Gewundenen Schwert an die
Limmat hinaustritt, seinen Kreditbrief in der Hand, wagt er damit
auch den zweiten Gang. Er findet aber niemand zu Haus als den Bruder
Salomon, da die Eltern mit Anna nach Wollishofen hinaus gegangen
sind; das ist ein bequemer und weichlicher Mensch, der mit seinem
Doktorstudium nicht fertig wird und den Schwarmgeist aus dem Roten
Gatter wie eine Brummfliege haßt: er steht nicht einmal auf von der
Polsterbank, und als ihm Heinrich Pestalozzi seinen Kreditbrief zeigt,
spöttelt er, die Schwester sei ihnen kostbarer als solch ein Stück
Papier. Auch Anna, die er am Abend für eine Stunde sieht, vermag ihm
keine bessere Hoffnung zu geben, da die Mutter unversöhnlich sei und
der Vater nichts gegen sie vermöchte. So muß er andern Nachmittags doch
wieder ohne Braut in das Limmatschiff steigen.
Vorher ist er noch einmal nach Höngg hinaufgegangen, wo sein Freund
Wüst als Vikar das Pfarramt versieht, dessen Würden der Großvater
nur noch in seiner Studierstube zu tragen vermag. Er ist mit seinen
sechsundsiebzig Jahren ganz wunderlich geworden, schüttelt zu allem,
was er ihm sagt, nur den leeren Kopf, als ob er genug von den Dingen
der Erde gehört habe. Erst wie er Abschied nehmen will und die zittrige
Geisterhand in die seine nimmt, hebt er den anderen Zeigefinger, ihn zu
vermahnen, läßt aber gleich wieder ab und schüttelt von neuem den Kopf,
sodaß Heinrich Pestalozzi nichts vermag, als weinend seinen Mund auf
die kraftlosen Hände zu legen.
Im Juli danach ist er tot; Heinrich Pestalozzi erhält die Nachricht
so spät, daß er das Leichenbegängnis nicht mehr erreicht; wie er
nach der langen Postfahrt den Berg hinauf hastet, kommt ihm auf der
Straße still weinend Anna Schultheß entgegen, die außer dem Willen
ihrer Eltern mit auf den Kirchhof gegangen ist und nun nach Hause
will. Ihr so unvermutet auf dem Berg seiner Jugend zu begegnen, das
reißt ihn hin; und auch sie ist durch das Ereignis so bewegt, daß die
beiden sich aller Augen zum Trotz weinend in die Arme fliegen. Nachher
gehen sie Hand in Hand nach Höngg zurück, wo unter den leidtragenden
Amtsgenossen des verstorbenen Dekans noch die Mutter mit dem Bärbel
ist. Heinrich Pestalozzi läßt auch da die Hand der Geliebten nicht
los, und sie sträubt sich nicht, sodaß sie wie zwei Kinder an den
frischen Grabhügel kommen. Beide entsinnen sich da des Grabes, das
ihre Freundschaft zusammen führte; aber während er sie nun losläßt und
weinend niederkniet, bleibt sie aufrecht und verharrend bei ihm stehen,
bis sein Blick sie wiederfindet. Dann gibt sie ihm die Hand zurück,
und weil er seiner Füße nicht geachtet hat, kommt es so, daß sie zu
beiden Seiten des Grabes stehen, über dem ihre Hände sich für immer
geschlossen halten.
40.
Seit dieser Begegnung in Höngg müssen die Kaufmannsleute im Pflug
einsehen, daß nichts mehr ihre Tochter vor dem schwarzen Pestaluz
bewahren kann. Als nacheinander seine Freunde Füeßli und Lavater --
der nun schon Diakonus ist -- sich um die Liebenden bemühen, als der
wohlhabende und angesehene Doktor Hotz von Richterswil als Freiwerber
für seinen Neffen erscheint und mit dem Antistes Wirz selbst der
Bürgermeister Heidegger ein Wort für die Heirat findet, schickt sich
die Mutter grollend in die Gewalt und gibt die Tochter frei; jedoch nur
sie selber, ohne Aussteuer, allein die Kleider, ihren Sparhafen und
das Klavier darf sie mitnehmen. Heinrich Pestalozzi kommt mit einem
Wagen von Brugg, sie abzuholen; er hat sich den Tag anders gedacht, als
daß er sie gleich einer Verstoßenen wegführen müsse. Der Zunftpfleger
ist aus dem Hause gegangen, den Auftritt nicht zu erleben; die Mutter
empfängt ihn ohne Gruß wie einen Landfahrenden und gibt der Tochter den
zornigen Spruch mit, daß sie bei ihm noch einmal mit Brot und Wasser
zufrieden sein müsse! Aber Anna verhält sich tapfer und schön; sie
fühlt nun andere Mächte über sich als die elterliche Gewalt, und obwohl
sie ihr Gesicht blaß geweint hat, steht keine andere Sorge darin, als
der Mutter nicht hart zu begegnen.
Es fällt ein leichter Frühregen, wie sie durch die Sihlporte hinaus
auf der Straße nach Alstetten ihren Auszug beginnen; Heinrich
Pestalozzi hat die Geliebte eben noch in der Wohlhabenheit ihres
Hauses gesehen, die nun fröstelnd in der kühlen Nässe neben ihm auf
dem ärmlichen Fuhrwerk sitzt: so überkommt ihn die Wehmut, wie traurig
es für sie sein müsse, die Heimat so zu verlassen und mit ihm ins
Ungewisse zu fahren. Sie aber, die alles schon durchlebt hat, was
bitter daran ist, sieht nicht ein einziges Mal zurück; sie nimmt nur,
als sie seine Gedanken fühlt, mit einem tapferen Lächeln seine Hand
-- die nun ihre Heimat sei -- und in ihren Augen, die nicht dunkel
und voll Unruhe wie die seinen, sondern hell und ruhig sind, steht
der geklärte Entschluß aus harten Monaten, treu zu beharren bei ihrem
Herzen und dem Schicksal alles zu bezahlen, was es für die späte Liebe
fordert. So Hand in Hand beieinander auf ihren Siebensachen sitzend,
fahren sie durch den Herbsttag hin, der schon bei Alstetten zwischen
aufgeregtem Gewölk ein blaues Auge zeigt und gegen Baden die Sonne
zärtlich scheinen läßt.
Bis zur Hochzeit bleibt Anna Schultheß bei dem Pfarrer Rengger in
Gebistorf, der auch der Freund ihres Bruders ist; dort in der alten
Dorfkirche werden sie am letzten September getraut. Nachher gehen
sie miteinander nach Müligen, wo ihnen das Babeli ein einfaches Mahl
bereitet hat und mit einem bäuerlichen Spruch für die junge Frau unter
der bekränzten Haustür wartet. Anna dankt dem treuen alten Wesen mit
einem Kuß auf die runzelige Stirn und heißt es mit in ihrer Reihe
sitzen, wie sie Heinrich Pestalozzi leise sagt, als Ehrengast. Der
sieht die Braut allein von ihrer Sippe in der Mitte der Seinigen, als
wäre er noch immer zu Haus; aber es sind andere Räume, und unmerklich
ist in seinem Leben die Anna Schultheß an die Stelle der Mutter
gerückt. Sie sitzen nebeneinander, die ihn geboren hat und die ihm
Kinder bringen soll; es scheint ihm, als wären sie Schwestern, so
ähnlich sind sie. Das ist so stark, daß ihm die beiden auf einmal
entfremdet scheinen, weil er die eine nur als Mutter gekannt hat
und staunend fühlt, wie unbekannt ihm ihre Frauenwelt war; in diese
Frauenwelt aber ist die andere nun durch ihn eingefordert worden.
Da fühlt er tief, daß menschliches Glück nicht in der Erfüllung der
eigenen Wünsche bestehen könne, weil ein Mensch mit seinen Wünschen im
Gefängnis einsamer Dinge bliebe. Nur, wessen Seele in andere Seelen
einginge, könne aus der Enge seines zufälligen Daseins ins Leben kommen!
41.
Als Heinrich Pestalozzi Anna Schultheß aus ihrem wohlhabenden
Stadtbürgertum in seine bäuerliche Einsamkeit holt, ist sein Besitz auf
neununddreißig Jucharte angewachsen, die meist im steinichten Letten
am Fuß und Abgang des Kestenbergs liegen. An die geplante Gärtnerei
kann er nicht denken, solange er selber noch so weit entfernt von
seinen zerstreuten Ländereien in Müligen wohnt; so beginnt er auf dem
Hummelacker wie auf den unteren Feldern im Letten seine Krappkultur und
sät die minderen Flächen vorerst mit Esparsette an, weil er weiß, daß
dieser Futterklee auch auf steinichtem Boden gerät und das Land für
anderen Anbau fruchtbar macht: das eifrigste seiner Geschäfte aber ist
der Plan eines eigenen Wohnhauses, das den zerstreuten Besitz erst zu
einem Gut machen muß, und mancher glückliche Herbstgang mit der tapfer
erkämpften Lebensgefährtin gilt der Bestimmung des Platzes, wo sie als
Hausfrau seiner Besitzung walten soll.
Auch was hierbei wehmütig ihre Schritte begleitet, daß ihr das eigene
Elternhaus feindlich versperrt sei, erfährt bald eine unvermutete
Wendung: ihrem Vater, dem Zunftpfleger zur Saffran, ist augenscheinlich
die Trennung von seiner einzigen Tochter das eigentliche Ärgernis an
ihren Heiratsplänen gewesen -- um so mehr, als er mit den Söhnen nicht
aufs beste steht und oft Verdruß mit ihnen hat -- und auch die Mutter
sieht nach der Trennung ein, daß es besser sei, eine Frau Pestalozzi
als gar keine Tochter mehr zu haben. Nicht länger als zwei Monate hält
ihr gekränkter Bürgerstolz der Sehnsucht stand, dann kommen Briefe nach
Müligen, die deutlich nach einer Aussöhnung verlangen; und eben will
der Winter das einsame Paar einschneien, als eine Einladung erscheint,
den vorenthaltenen elterlichen Segen zu holen, damit Weihnachten keinen
Unfrieden mehr in der Familie fände. Mitte Dezember schließen sie
frühmorgens in dunkler Kälte die Haustür in Müligen ab und sind abends
miteinander im Pflug, wo die Rührung des Wiedersehens die verlegene
Erinnerung an die lange Zwietracht im ersten Augenblick zudeckt und
danach rasch ein so erträgliches Verhältnis entsteht, daß sie statt
der gewollten drei Tage bis über Weihnachten bleiben. Es kommt nun
doch noch zu den verwandtschaftlichen Besuchen; die Mutter Pestalozzi
erscheint im Pflug, und die Zunftpflegersleute bemühen sich zum Essen
ins Rote Gatter, wo die geborene Hotzin sie mit den Formen ihrer
Jugend empfängt. Auch sonst gehen die jungen Leute den Fäden ihrer
Freundschaften nach, und der heilige Abend kommt als der Schlußpunkt
fröhlicher Festwochen. Um den Übermut zu vollenden, erscheint der Oheim
Hotz von Richterswil mit aller Behaglichkeit seines Alters und nimmt
sie mit auf eine Schlittenfahrt nach Hegi und Winterthur. Als sie
endlich, diesmal im Schiff, aus dem winterlichen Zürich heimfahren,
sind sie beschüttet von Segenswünschen und Versicherungen herzlicher
Freundschaft; denn der Heinrich Pestalozzi, im Pflug als Tochtermann
angenommen, steht anders vor der Welt da als der Wundarztsohn, der mit
der Tochter im Unfrieden auf einem Bauernfuhrwerk davongefahren ist.
So hätten sie Anlaß, fröhlich auf dem Wasser zu sein, das von der
winterlichen Mittagssonne dampft, und Anna sagt es auch, noch von dem
Übermut des Abschieds voll: daß dies erst ihre rechte Hochzeitsfahrt
sei. Aber ihre Fröhlichkeit schwimmt nur noch wie das Schiff auf dem
dunklen Wasser; und als ihr Heinrich Pestalozzi ins Auge sieht, traurig
fragend mit diesem Blick, wie sie das meine, kommt sie unvermutet ein
tiefes Weinen an, das er viel eher als den Übermut versteht. Ihm ist
aus dem Lärm dieses Mittags schon vorher die Wehmut aufgestiegen,
daß sie auf ihrem Wagen damals, den er selber durch den regnerischen
Herbsttag lenkte, einander näher gewesen seien, und mehr als dies,
daß sie näher am Herzen Gottes gehangen hätten als jetzt auf dieser
schaukelnden Schiffahrt, wo sich ihre Hände aus der Zerstreuung so
vieler Tage nicht zu finden vermögen.
Erst als sie von Turgi noch unter der mondhellen Sternennacht den
langen Weg nach Müligen wandern und kein Wort sprechen, verliert sich
Klang und Schaum der überfüllten Tage bis auf den letzten erdigen Rest,
der ihnen bitter schmeckt -- bis sich noch vor der Haustür Hand und
Mund zum innigen Gelöbnis finden.
42.
Andern Morgens im Frühdunkel verläßt Heinrich Pestalozzi das Haus, um
noch einmal nach den Feldern zu sehen, darüber er am selben Vormittag
in Königsfelden vor dem Landvogt den Kaufvertrag machen will. Auf dem
einen steht der breite Nußbaum, unter dem er oft mit seiner jungen
Frau gestanden und das zukünftige Besitztum überblickt hat; da soll
dann ein schattiger Sitzplatz sein. Es ist kaum hell, als er hinkommt;
um so mehr erstaunt er, als Anschläge klingen und gleich darauf ein
schwerer Baum krachend niederstürzt; wie er Böses ahnend zuläuft,
liegt der Nußbaum auf der Erde, und der ihn gefällt hat, ist der Mann,
von dem er den steinichten Acker um dieses Nußbaums willen nicht eben
billig kaufen will. Es ist, wie er weiß, ein Tanner -- so nennen sie
die Tagelöhner im Birrfeld -- dem es mit sieben Kindern übel geht und
dem er deshalb auf Zureden Märkis auch den geforderten Kaufpreis ohne
Abrede zugestanden hat. Da er nur zufällig noch auf den Acker gekommen
ist und ihn andernfalls gekauft und bezahlt hätte, macht ihn die
Niedertracht des Mannes wütend, sodaß er schimpfend gegen ihn anläuft.
Der aber ist selber so im Zorn, daß er die Axt gegen ihn hebt; und
als er seinem Frevel dann mit Worten beikommen will -- nun kaufe er
den Acker überhaupt nicht oder nur um die Hälfte des Kaufpreises --
schlägt der Mann die Axt in den Stamm, daß es zischt: das sei ihm beim
Leibhaftigen gleich, und nur der Märki habe den Schaden davon! Seine
Wirtsschulden würden ihm doch falsch angekreidet, und er bekäme keinen
Kreuzer von dem Kaufgeld. Den Baum habe er als Knabe selber gepflanzt
und er solle auch keinem andern gehören!
Heinrich Pestalozzi hat schon mehrmals solche Dinge von dem Märki
vernommen, und von dem Pfarrer weiß er, daß die Leute um seiner
Verbindung mit dem Metzger willen gehässig gegen ihn sind; aber daß der
ihn betrügt wie hier, wo er sich den höheren Kaufpreis in seine eigene
Tasche gehandelt hat, das ist ihm eine bittere Erfahrung. Er geht
traurig von dem Platz fort und läßt dem Märki durch einen Boten sagen:
er könne nicht mit ihm fahren, würde aber pünktlich in Königsfelden
sein. Als er dann nach einer verstimmten und nicht gradlinigen
Wanderung den großspurigen Mann sieht, der auch unter Menschen immer
dasteht, wie wenn er gleich zu metzgen anfangen möchte, hat er nicht
den Mut, ihm den Handel auf den Kopf zuzusagen, unterschreibt auch
den Kaufvertrag trotz dem gefällten Nußbaum -- da der Märki die
Vollmacht des Tanners vorweist -- und ist erschrocken über soviel
Verschlagenheit. Nur auf seinen Wagen steigt er auch diesmal nicht,
und erst, als der andere ihn augenscheinlich um seiner Verstimmung
willen in allerlei Gesprächen aufhält, sagt er ihm sein Erlebnis aus
der Morgenfrühe ins Gesicht und läßt ihn stehen. Er hört ihn noch über
das Tannerpack schimpfen, als er mit langen Beinen aus seinem Bereich
eilt; und kaum ist er eine Viertelstunde unterwegs, da rollt der Wagen
schon hinter ihm her. Er denkt nicht anders, als daß der Metzger sein
Pferd zornig an ihm vorbeipeitschen würde; aber der läßt es in Schritt
fallen, immer neben ihm heran. Ob der Herr Pestalozzi dem versoffenen
Lumpenkerl vielleicht auch noch glaube? Dann möge er sich jemand anders
für seine Geschäfte suchen: er habe sich weder aufgedrängt noch sei er
versessen darauf, für ihn mit aller Welt in Händel zu geraten!
Heinrich Pestalozzi kann nicht antworten, so widerlich ist ihm nun Art
und Stimme des Mannes. Er tritt in den Graben und will ihn vorfahren
lassen; der Märki aber hält sein Pferd an, wie wenn er ihn anders
verstanden habe: er wolle also doch noch aufsteigen? Da merkt er, daß
ihn der Metzger nicht loslassen will, und läuft querfeld über den
gefrorenen Acker davon, wo ihm das Fuhrwerk nicht folgen kann. Noch von
weitem hört er das höhnische Gelächter, und es hallt ihm noch in den
Ohren, als er verbittert über sich und seine Händel zum Mittag durch
die Haustür in Müligen eingeht. Da will es sein Unglück, daß auch Anna
Ärger mit ihrer aufsässigen Magd gehabt hat, sodaß sie beide gereizt
am Tisch sitzen. Er will ihr nichts sagen, aber sie fragt, bis seine
kargen Antworten ihr doch den Handel verraten. Da legt sie freilich den
Löffel hin: ob er den Kauf wirklich gemacht habe? Und als er, nun schon
trotzig, ja sagt, entfährt ihr ein hartes Wort. Sofort flammt auch sein
Jähzorn auf, und obwohl er innerlich verzweifelt vor ihr kniet, daß
sie ihm die Sätze nicht nachtragen möge, bleibt sein hitziges Blut im
bösen Streit mit ihr, bis er vom Tisch aufspringt und gegen die Reuß
hinunterläuft.
Vor dem emsigen Zorn der Wellen findet er sich wieder, und schon zur
Vesper sind sie nach bitteren Tränen der Reue wieder ausgesöhnt: doch
bleibt das Weh seiner Scham, daß er sterben möchte und sich danach
auch wirklich bis zur Krankheit in die Selbstanklagen vergrübelt.
Sylvester feiern sie noch miteinander auf die vorbedachte Art, indem
sie an die Armen von Müligen einen Korb Brot verteilen -- was als ein
Anfang seiner Wohltätigkeit gedacht war, scheint ihm nun ein kläglicher
Rest seiner Beglückungspläne -- dann legt er sich hin und bleibt fast
eine Woche lang im Bett, unfähig vor Fieber und Mutlosigkeit. Es ist
längst nicht mehr der böse Tag allein, was ihn quält; es ist die erste
Abrechnung mit seinen Plänen und mit sich selber, dem hochmütigen
Plänemacher. Die Sehnsucht seiner Jugend hebt sich auf und steht ratlos
vor dem Schwall seiner Handlungen in diesem letzten Jahr. Er weiß
nicht, wo seine Füße anders hätten gehen sollen; nur daß sie falsch
gehen, das fühlt er genau. Gleich Trompeten schreit eine Stimme in
ihm, daß er die Forderungen seiner Natur betäubt habe: Was bin ich,
und was wird aus mir werden? schreibt er ins Tagebuch seiner Frau, das
immer offen vor dem Bett liegt, obwohl sie sich selber darin nicht
schont. Und alles, was er als Antwort findet, ist die Verzweiflung, in
Irrtum und Unrecht unwichtiger und falscher Dinge verstrickt zu sein;
nicht anders, als ob er selber mit der Peitsche im Metzgerwagen des
Märki säße und seine Seele über die hartgefrorenen Felder angstvoll
davonliefe.
43.
Als Heinrich Pestalozzi wieder aufsteht von seiner Krankheit, ist kein
Entschluß aus seinen bitteren Gedanken gekommen; sie sind vergangen,
wie nach Unwetter tagelang die Wolken auf den Bergen lasten, als ob sie
sich nie wieder heben wollten, und eines Morgens scheint doch die Sonne
in eine blanke Welt. Er kann wieder mit Freude an seine Unternehmungen
denken, und alle verzweifelten Gedanken daran kommen ihm als bequeme
Mutlosigkeiten und als Rückfälle in die unstete Natur seiner
Knabenjahre vor; er weiß, daß er in diesem Jahr Vater werden soll, und
schämt sich der Unmännlichkeit, die nicht für das Kind und seine Mutter
die selbstgewählte Pflicht erfüllt.
Der erste, an dem er sich erprobt, ist Märki; der kommt, das vorgelegte
Kaufgeld einzufordern, und ist wieder der schlau beherrschte Mann, der
Nachsicht mit den Launen seines Schützlings hat und ihn, wo er sich
auflehnen will, die Überlegenheit an Alter und Erfahrung fühlen läßt.
Heinrich Pestalozzi begreift sich selber nicht mehr, wie er ihm damals
ausweichen konnte: er sagt ihm unverhohlen und ohne Zorn, daß er das
andere anweisen, jedoch die Kaufsumme für den Acker um den geschlagenen
Nußbaum kürzen müsse, da er ihn hierbei in einer Täuschung gehalten
habe. Der Märki will aufbrausen, aber er verweist ihm das gleich
so bestimmt, daß der den andern Wind merkt und sich nach mehreren
Seitensprüngen um der Freundschaft willen, wie er sagt, zu der Sache
bequemt.