die Mutter aus der Predigt kommen, zögernden Schrittes, weil nicht
allzuweit hinter ihr auch die Anna Schultheß ihr Gesangbuch heimträgt;
er hätte der Mutter nicht soviel List zugetraut, wie sie dicht unter
seinem Fenster eine Nachbarin anspricht -- was sie sonst niemals tut
-- nur damit die Jungfrau an ihr vorbei muß. Sie grüßen sich still
nickend, aber er von seiner Warte nimmt den Blick, mit dem sich die
beiden Frauen umfassen, wie einen priesterlichen Segen wahr.
Weiter als bis zu solchen Blicken freilich kommt es zunächst nicht, da
die Mutter Annas sich hartnäckig der Verbindung mit dem unansehnlichen
und -- wie sie sagt -- kindsköpfigen Wundarztsohn widersetzt; bevor
Heinrich Pestalozzi nicht vor der Welt etwas anderes vorstellt, kann er
nicht auf ein öffentliches Verlöbnis hoffen. Er offenbart sich Lavater,
weil der den Berner Chorschreiber Tschiffeli kennt, der mit seiner
Musterwirtschaft in Kirchberg als der beste Landwirt der Schweiz gilt
und namentlich die Zucht der Krappwurzel für die Rotfärberei als ein
neues und einträgliches Bauerngewerbe treibt. Lavater schreibt um eine
Lehrstelle, und rascher, als Heinrich Pestalozzi es gedacht hat, tut
sich für ihn eine Schlupftür ins praktische Leben auf. So schmerzlich
ihm die Trennung von Anna ist, der Drang, aus der Ungewißheit seiner
gescheiterten Studien in eine rechtschaffene Stellung vor der Welt zu
kommen, läßt ihn keinen Tag zögern.
Den letzten Abend ist er bei ihr draußen in Wollishofen, wo ihre Eltern
ein Gütchen besitzen; sie haben sich schon mehrmals da getroffen, aber
nun drängt die Wehmut des Abschieds zum Genuß der Stunde. Heinrich
Pestalozzi fühlt, daß er wie ein Baum im Frühling ist; obwohl sie beide
das Heiligtum ihrer Liebe zu hüten wissen, verblaßt die Nacht schon in
den frühen Tag, als er aus Tränen und ewigen Gelöbnissen losgerissen
am See vorbei nach Zürich zurückwandert. Es sind noch die selben Wege,
es ist die Stadt mit dem Getürm ihrer Tore und Kirchen, und überall in
den verschlafenen Häusern erwacht die tägliche Arbeit; nur er selber
irrt nicht mehr mit ziellosen Sehnsüchten darin umher: Liebe und Beruf
führen ihn aus ihrem Wirrwarr in die Einfältigkeit eines natürlichen
Daseins hinaus, darin sein ländliches Besitztum, von der Anna
Schultheß als Stauffacherin verwaltet, durch Wohlstand und Wohltun den
Mittelpunkt einer Bauernschaft abgeben soll. Um in seinem Glück nichts
von den Vorsätzen seiner Jugend zu verlieren, sucht er noch einmal sein
Leben danach ab, sich feierlich für jeden einzelnen verbürgend, sodaß
er aus dieser in Liebe durchwachten Nacht mit Gelöbnissen beladen im
Roten Gatter ankommt.
Da fängt der Abschied noch einmal an, und es gilt mehr als eine
Trennung auf Wiedersehen: hier packt er für immer ein. Trotzdem geht
alles viel leichter als in Wollishofen, und er schämt sich fast, mit
welchen Scherzen er das Nest seiner Jugend verläßt. Der Himmel seiner
Zukunft ist blausonnig wie der Septembermorgen, der seine Federwölkchen
nur zum Spiel aufsteigen läßt; und als er im Postwagen gegen Baden
und Aarau fährt, geht nicht ein trüber Gedanke mit. Lavater hat ihm
das Bild seiner Anna auf ein Papier gemalt, das hält er in Händen und
merkt nicht, wie die Mitreisenden sich über ihn lustig machen: sie ist
die Sonne, aus der alles Licht aufgeht, so sehr, daß ihm die Bäume
und Wiesen draußen in Schatten zu fallen scheinen, wenn er das Blatt
umdreht.
35.
Die Fahrt nach Kirchberg dauert zwei Tage; es ist die erste wirkliche
Reise, die Heinrich Pestalozzi macht. Sie geht das Limmattal hinunter
über Baden nach Brugg und dann im breiten Aaretal hinauf über Aarau
ins Berner Vorland hinein; die Landschaft wechselt aus der waldigen
Enge seiner Zürcher Heimat in die breite bernische Behaglichkeit, und
auch die Sprache macht diesen Wechsel mit: er nimmt davon so wenig
wahr wie von den Mitreisenden. Wenn ihn etwas so bewegt, wie jetzt
der Abschied und die kreisenden Gedanken um das Ziel, verlieren seine
Sinne den Zugang zum Bewußtsein; er kann stundenlang sitzen und ihren
Wahrnehmungen keine Aufmerksamkeit schenken, sodaß sie gleichsam an den
Zäunen Wächterdienste tun, indessen seine Seele im Garten ihrer selber
spazieren geht.
Erst als sie am zweiten Nachmittag ins weite Emmental hinein fahren
und einer beim Anblick der ersten Krappfelder den Namen Tschiffeli
ausspricht, wacht er auf und möchte am liebsten gleich aus dem Wagen
springen, die berühmte Kultur der Färberröte zu sehen. Er weiß, daß es
nur die Wurzeln sind, die den Farbstoff enthalten, an mannshohe Stauden
mit stachligen Blättern und Blüten hat er nicht gedacht; als nun ein
leiser Wind hindurch rieselt, erschließt sich ihm die beglückende
Aussicht, daß dieser Anbau die Schönheit ländlicher Arbeit nicht
vermissen lasse: wie beim Korn, beim Flachs und in den Wiesen gibt sich
auch hier das Wachstum der Natur als ein Segen, der dem Menschen mit
allen Wundern der Blüte und der schwellenden Frucht in die Hände wächst.
Er findet Tschiffeli als einen gebräunten Mann anfangs der Fünfziger,
der diesen Überschwall wogender Felder aus einer verwahrlosten Öde
geschaffen hat und wie ihr leibhaftiger Gottvater darin umher geht.
Als blutarmer Leute Kind verdankt er alles der eigenen Kraft, die
seine neumodischen Einfälle gegen die guten Meinungen und Ratschläge
der Gewohnheit durchgesetzt hat, bis er als erfolgreicher Mann vor
seinem Vaterland dasteht. Das gibt seinem mannhaften Wesen eine
andere Geltung, als die Zürcher Herren sie aus ihrer Herkunft oder
Gelehrsamkeit besitzen; Heinrich Pestalozzi fühlt hier einen Teil von
sich selber zur Vollendung gekommen, und wenn er ihn Vater nennt,
wie es auf dem Gut Sitte ist, liegt für ihn ein besonderer Sinn
darin. Tschiffeli wiederum freut sich dieses Zöglings, der garnicht
das Stadtsöhnchen spielt, den ganzen Tag in Hemdärmeln arbeitet und
abends noch lustig ist zu Tabellen und Berechnungen. Wenn seine
Ungeschicklichkeit auch viel mit zerschnittenen Fingern und Beulen zu
tun hat, so ist doch noch niemand da gewesen, der seinen Spekulationen
so begeistert und mit Verständnis anhängt.
Es wird ein reicher Herbst und Winter für Heinrich Pestalozzi, der mit
seinen eigenen Plänen hier nicht verlacht wird, wie bei den Freunden
in Zürich, sondern einen bereitwilligen Berater findet. Wenn er sieht,
wie Tschiffeli für die fünf Gemeinden seiner Güter ein Wohltäter
geworden ist, indem durch ihn Ordnung und Verdienst dahin kam, wo
vorher Unordentlichkeit und Armut waren, erkennt er freilich auch,
daß es wirksamere Mittel zur Übung der Volkswohlfahrt gibt als die
öffentliche Anklägerei der jugendlichen Patrioten: das Beispiel und
der Antrieb zur Selbsthilfe. So wie Tschiffeli im bernischen Land will
er einmal im Zürcher Gebiet dastehen als der Mittelpunkt einer in
planvoller Gemeinsamkeit fröhlich schaffender Bauernsame. Er kann einen
wahren Spott mit sich selber treiben, wenn er an Winterabenden bei
den Berechnungen hilft -- wieviel Jucharten für diese und jene Kultur
einzurichten wären, um mit der mutmaßlichen Ernte den Abschlüssen
gerecht zu werden -- und dann an seine Jugendläuferei in Zürich denkt,
an den Schwall seiner Freunde, Pläne und Sehnsüchte, und wie hier
alles sich selber zufrieden macht; die Zürcher Stadtbürger haben den
schwarzen Pestaluz sicher kaum kritischer betrachtet, als er es nun
selber tut.
Aber feierlich wie das große Himmelslicht jeden Morgen hinter den
Emmentaler Bergen wärmend und segnend über der Arbeit Tschiffelis
aufsteigt, so steht die Liebe über seinem Tageslauf: sie weckt ihn in
der Frühe und sie bläst ihm abends die Kerze aus, nichts gerät ihm,
ohne daß er die Stimme Annas zu hören glaubt, und nichts mißrät, ohne
daß er ihre Augen mit dem scherzhaften Tadel darin fühlt. Er hat sich
eine feste Ordnung gemacht, ihr seine Erlebnisse und Erfahrungen zu
schreiben, und da sie ebenso pünktlich antwortet, flechten die hin und
her reisenden Briefe aus ihren getrennten Lebensläufen einen Zopf,
darin die Hoffnung mit lustigen Schleifen eingebunden ist.
36.
Es sind fast neun Monate, die Heinrich Pestalozzi als Lehrling der
Landwirtschaft zubringt; aus dem Zürcher Theologiestudenten wird ein
bernischer Bauernknecht, der stolz auf seine vernarbten Hände ist und
Sonntags in Hemdärmeln zur Kirche geht. So findet ihn seine Braut, als
sie ein freundliches Geschick zu einem Besuch in Kirchberg ausnützen
kann. Ihr Bruder Kaspar hat eine Pfarrstelle im Württembergischen
bekommen, die nach alten Herkünften den Zürcher Herren untersteht; er
führt nun befriedigt seine Susanna Judith Motta aus dem Traverser Tal
heim, eine Herzensfreundin der Schwester und auch Heinrich Pestalozzi
aus ihrem Zürcher Aufenthalt wohlbekannt. Anna holt ihn zur Hochzeit
ab, da es über Kirchberg kein zu großer Umweg ist, und sieht mit
eigenen Augen das gelobte Land ihres Freundes.
Es wird ein Jubeltag für Heinrich Pestalozzi, wie er noch keinen
erlebte, als er seinem Meister Tschiffeli und allen Leuten auf dem Gut
ein so stattliches und feines Frauenzimmer als seine Braut vorweisen
kann. Sie hingegen ist sichtlich bestürzt über die Verwahrlosung seiner
Hände und Kleider, doch findet sie sich rasch und folgt ihm in die
Gärten und Felder, die Schauplätze seiner Wochenberichte nun selber
zu sehen. Am Abend hat Tschiffeli dem Gast zu Ehren Wein und Blumen
auf den Tisch gestellt, und da er in ihrer Gegenwart den Eifer und das
Geschick seines Lehrlings mit anerkennenden Worten belegt, kommt der
Besuch zu einem fröhlichen Abschluß, sodaß Heinrich Pestalozzi der Tag
nicht mehr fern scheint, wo er selber mit ihr als solch ein Gutsherr
dasitzen wird.
Als sie andern Morgens miteinander in den Wagen steigen, gegen
Burgdorf und Aarberg aus dem ländlichen Bereich seiner Bekanntschaft
hinauszufahren, sitzen ein paar Stutzer aus Neuenburg darin, die ihn
belächeln. Heinrich Pestalozzi im Eifer, ihr noch im Abfahren jeden Weg
und Hügel seiner Welt zu zeigen, merkt nichts davon; sie aber zupft ihm
seine Kleidung zurecht und wird schweigsamer, je weiter sie ins welsche
Land hineinfahren. Zum ersten Male erlebt er, wie ihn mit der Sprache
auch die Heimat verläßt; je näher sie an den waldigen Jura heranfahren,
je seltener trifft ein deutsches Wort sein Ohr. Das letzte ist der
Abschiedsgruß einer alten Bäuerin aus Erlach, die von Aarberg bis Ins
mitreist; dann fährt er mit Anna allein in die welsche Welt, und obwohl
er im Schutzgebiet der Eidgenossenschaft bleibt und obwohl die Sprache
Rousseaus seiner Seele mit mancher Wendung vertraut ist: der fremde
Klang schlägt an seine Ohren, als ob er ins Wasser geworfen wäre.
Das wird im Val Travers nicht besser, wo sie spät abends von ihrem
Bruder Kaspar und seiner Braut abgeholt werden; in Zürich hat die
Judith Motta nicht anders als deutsch gesprochen, hier in ihrer Heimat
ist sie welsch, und Heinrich Pestalozzi erleidet ein Gefühl, als ob ihm
Anna von einer Strömung fortgerissen würde, wie sie nun selber in der
fremden Flut untergeht. Als sie sich im Eifer vergißt und ihn selber
in den welschen Lauten etwas fragt, vermag er ihr nicht zu antworten,
so schnürt ihm der Schrecken die Kehle zu. Er muß sich zwar am selben
Abend doch dazu bequemen, weil die Verwandten -- die im übrigen
freundliche Leute sind -- nur französisch sprechen; es macht ihm aber
Mühe, dem ungewohnten Schwall zu folgen, und er spürt grimmig, wie
seine Zunge über die fremden Silben stolpert.
Er übersteht die Hochzeit indessen tapfer, und weil er neben einer
ältlichen Tante aus Môtier sitzt, die für Rousseau schwärmt und ihn
vielmals gesehen hat, als er noch selber mit seiner Therese da wohnte,
vermag er sogar seine Scheu vor den welschen Worten zu überwinden.
Sie bleiben aber ungeschickt auf seiner Zunge und geben Anlaß zu
manchem Gelächter; namentlich die beiden Stutzer aus Neuenburg, die
unvermutet auch Hochzeitsgäste sind und an seiner Kleidung wie an
seinem bäuerlichen Wesen Anstoß nehmen, fangen an, ihren Spott mit ihm
zu treiben, gegen den er sich um so weniger wehren kann, als er die
Andeutungen in der fremden Sprache meist garnicht versteht. Da überdies
die Verwandten der Anna ihr Mitleid nicht verhehlen, als ältliche
Jungfer noch an einen solchen Tölpel geraten zu sein, und da die
Geltung in der Welt des guten Tons ihre Empfindlichkeit ist, sieht er
sie danach mehrmals weinen und hitzig an ihm werden, bis ein Vorfall am
dritten Hochzeitstag seiner gequälten Stimmung Luft macht.
Er hat das Haus sehen wollen, wo Rousseau wohnte; die Tante lud ihn
und die andern ein, und so schwärmt am Nachmittag die geputzte Schar
nach Môtier hinunter. Anna hat Freundinnen gefunden und plätschert in
der welschen Lustigkeit, als ob es ihr angeborenes Element wäre; der
eine Neuenburger hat sich als ihr Galan an sie gehängt, während der
andere angeblich als krank zurückgeblieben ist. Wie sie dann gegen das
Haus kommen, das ihm die andern in aufdringlicher Freundschaft schon
von weitem zeigen, geht die Tür auf, und augenscheinlich nach einem
Kupferstich des berühmten Mannes zurechtgemacht, tritt eine Gestalt im
Kaftan mit ausgebreiteten Armen heraus: Ob sie ihm sein Früchtchen,
den Emil, wieder mitgebracht hätten? Bevor Heinrich Pestalozzi die
Hänselei begreift, hat die Gestalt ihn gerührt ans Herz gezogen und ihm
von hinten her eine Zipfelkappe aufgestülpt, worüber sich dann alle
totlachen wollen. Er hört ihr Gelächter, als ob rundum Hunde bellten
-- auch Anna, so meint er, ist darunter -- aber ehe sich der Komödiant
dessen versieht, hat er ihn an der Gurgel, und als er unter dem Turban
das fade Gesicht des andern Neuenburgers erkennt, schlägt er zu, daß
dem die blutende Nase den Kaftan bemalt. Die andern springen abwehrend
herzu, und der hämische Scherz ginge mit einer bösen Prügelei aus,
wenn nicht Anna ihrem Freund die Hand von der Gurgel löste und ihn aus
dem Rudel zöge. Vor ihrer Bestimmtheit weichen die andern zurück; ohne
ihrer weiter zu achten, führt sie ihn ins Haus der Tante, deren Tür sie
hinter sich verschließt.
Das gute Wesen hat einen festlichen Kaffeetisch gedeckt und erlebt
nun erschrocken, wie sich die andern drohend auf der Straße sammeln
und mit Fäusten gegen die Tür trommeln. Als ein Stein durchs Fenster
herein fliegt, nimmt Anna ihren Verlobten wieder bei der Hand, führt
ihn rasch durch den Garten gegen den Wald hinauf und auf einsamen Wegen
zu den Verwandten zurück. Heinrich Pestalozzi ist noch lange erregt und
will ihr nicht folgen auf dieser Flucht; aber mehr noch als der Zwang
der festen Hand hält ihn der Klang ihrer Stimme. Sie spricht wieder
die vertraute Sprache, und nach dem welschen Geschrei ist es ihm, wie
wenn die Heimat selber in ihren Worten mit ihm spräche. Es war nur ein
Scherz von ihnen, und ich hätte nicht aufbegehren sollen! sagt Heinrich
Pestalozzi zuletzt und bleibt vor ihr stehen, als ob er sie beruhigen
müsse; sie aber schüttelt den Kopf und wendet sich bittend von ihm
ab: Daß du aufbegehrtest, war recht und ich hab dich lieb darum; aber
wir hätten nicht herkommen sollen! Und dann nach einer Pause wieder
gewaltsam lächelnd in ihrer schelmischen Art: Du mußt denken, daß die
Traverser dem Rousseau auch die Fenster eingeworfen haben, bevor er auf
die Flucht ging nach der Petersinsel.
37.
Heinrich Pestalozzi hat auch die Frühjahrsbehandlung der Krappkultur
erlebt, und seine Lehrzeit geht zu Ende; aber noch immer fehlt ihm
das Jawort aus dem Pflug, sodaß er von dem zukünftigen Gut nicht mehr
als den Hausschlüssel der Liebe in den Händen hält. Um ihren Eltern
einen andern Begriff von dem schwarzen Pestaluz zu geben, schreibt
er der Anna eine für fremde Augen geeignete Darlegung seiner Pläne
mit scharfsinnigen Berechnungen der Rentabilität, wie er gleich
seinem Lehrer Tschiffeli Ödland ankaufen und zur Krappkultur instand
setzen wolle; nur zwanzig Jucharte, davon fünfzehn dem Krapp und fünf
der Gärtnerei dienten. Artischoken, Spargel, Cardiviol und anderes
Feingemüse im großen zu gewinnen und teilweise erst im Frühjahr -- nach
einer neuen Art der Überwinterung -- mit doppeltem Abtrag zu verkaufen,
dagegen keine Wiese, keine Äcker, keine Reben und wenig Vieh zu haben:
das solle die nährende Grundlage seiner Landwirtschaft sein, daraus er
genügenden Unterhalt zu finden glaube!
Es ist alles wie für eine Doktorarbeit durchgedacht; aber die
praktischen Eltern im Pflug sehen den Scharfsinn auf die Mitgift ihrer
Tochter gegründet und sind weniger als je geneigt, damit in ungewisse
Projekte einzutreten; sie halten in den Dingen des Erwerbs praktische
Hände für wichtiger als Ideen und finden in solchen Projekten nur
den Bessermacher aus dem Roten Gatter, dem sie die Mitgift mit einem
glatten Nein zudecken, in der Hoffnung, daß ihnen dann auch die Tochter
bliebe.
So kommt Heinrich Pestalozzi im Frühsommer als ein von Sonne und Regen
gebräunter Landwirt ohne Land nach Zürich zurück; auch seine Hoffnungen
auf die wohlhabende Tante Weber in Leipzig erfüllen sich nicht; der
Doktor Hirzel verschafft ihm zwar die Aussicht, das Pachtgut der
Johanniter in Bubikon zu übernehmen, doch geht ein so weitschichtiger
Betrieb über seine Kräfte. Verdrießlich an dieser Ungewißheit und weil
es regnet, steht er eines Tages unter den Lauben, als ihm jemand die
Hand auflegt; wie er umsieht, ist es der Pfarrer Rengger aus Gebistorf
bei Brugg, den er aus seiner Kollegienzeit kennt. Der fragt ihn aus
nach seiner Lehrzeit bei Tschiffeli, und als dabei der Grund seiner
Verdrießlichkeit zutage kommt, spricht er scherzend von dem Birrfeld
bei Brugg; dort habe man vor kurzem noch steinichte Äcker umsonst
ausgeboten: wenn er etwa bei dem Hexenmeister in Kirchberg die Kunst
gelernt habe, aus Steinen Brot zu machen, fände er dort Feld genug.
Er hat nur einen spöttischen Scherz machen wollen; aber Heinrich
Pestalozzi nimmt den Vorschlag ernst und ist gleich eifrig dabei,
Näheres zu wissen. Da dem andern nicht mehr als der allgemeine
Verruf des Birrfeldes bekannt ist, führt er ihn von der Gasse weg
ins Weiße Rößli am See, wo er sich -- um einer geistlichen Tagung
willen in Zürich anwesend -- mit dem Pfarrer Fröhlich aus Birr und
andern Kollegen abgesprochen habe. Der weiß genauer zu berichten:
daß im ganzen fünf Gemeinden an dem Birrfeld teil hätten, daß es
vielleicht mehr als andere Gegenden an der Mißwirtschaft des Weidganges
leide, aber durchaus nicht nur ein wüstes Heideland sei, wie es
verschrien wäre. Er rät Heinrich Pestalozzi, als er seine Absichten
hört, ernsthaft zu einer Besichtigung, und da ihn nun auch Rengger
freundschaftlich einlädt, springt er mit beiden Füßen in den Plan ein;
um so mehr, als der Pfarrer Fröhlich von einem burgähnlichen Gebäude
in Müligen an der Reuß spricht, seit altersher der Turm genannt, das
mit Scheune, Stall und Garten zu mieten wäre.
Noch in derselben Woche ist er nach Gebistorf unterwegs; er findet das
Birrfeld als eine stundenweite Hochfläche, die zur Reuß mit steilen
Waldhängen abfällt und sich in steinichten Halden gegen das Kalkgebirge
des Kestenbergs hebt, auf dem das alte Schloß Brunegg steht. Von einem
mit Kiesgeröll gemischten Moder bedeckt und an vielen Stellen sumpfig
wie ein altes Seebecken, ist sie mit Wacholder und kleinen Tännchen
bestanden und bietet den Anblick einer Heide, obwohl sie da, wo sie
wirklich bebaut ist, garnicht so üble Felder zeigt. Namentlich aber
gefällt ihm die Wohnung in Müligen; mit Efeu dicht berankt und unter
Bäumen am Hügelabhang sonnig gelegen, scheint sie ihm wohl geeignet als
Nest für sein kommendes Glück. Sie gehört einer begüterten Familie in
Brugg, und er beeilt sich, sie für vierzig Gulden jährlich zu mieten.
Der heimlichen Liebsten kann er nur in Briefen blühende Schilderungen
davon machen; aber seine Mutter kommt bald auf einem Wagen, das Nest
mit einem Bett und dem nötigsten Hausrat einzurichten. Es wird anders
mit ihren Söhnen, als sie gehofft hat: der eine tut als Kaufmann nicht
gut, und der andere hat mehr als ein Dutzend Jahre die Schulbänke
gedrückt, um die Weltverlassenheit dieser Bauernschaft als sein Glück
zu preisen. Sie vermag bei seinen Freudensprüngen nicht mehr zu lächeln
und sieht über die Stundenweite des Birrfeldes mit einer trostlosen
Wehmut hin. Dies wird einmal ein einziges Gartenfeld sein! sagt
Heinrich Pestalozzi und begreift die ärmlichen Dörfer des Landes in
einer großmächtigen Armbewegung. Sie zieht das schwarze Witwentuch um
ihre schmächtige Gestalt, als ob sie fröre; doch als er sie dann fast
knabentrotzig fragt, ob sie es nicht glaube? weht ihr ein Lächeln alles
Trübe fort aus dem blassen Gesicht: Wie soll eine Mutter anders als
gläubig zu ihren Kindern sein!
38.
Jeden Morgen steigt Heinrich Pestalozzi den steinichten Hügelweg
hinauf, das Birrfeld wie ein Eroberer zu durchqueren; die Mutter hat
ihm einen Rest des väterlichen Vermögens mitgebracht, den sie zur Not
entbehren kann, und so kann er auf eigenen Landerwerb ausgehen. Er
findet die besten Plätze bald in den Hummeläckern, die ziemlich mitten
im Birrfeld liegen und zu der Gemeinde Lupfig gehören. Die Üppigkeit
einiger Kirschbäume gibt ihm Gewißheit, daß der verwahrloste Boden mit
guter Düngung bald ertragreich zu machen wäre, und rasch entschlossen
wendet er siebenundfünfzig Gulden an, sich vier bis fünf Jucharte davon
zu kaufen, die er mit allem Eifer seiner gelernten Künste aus einem
Mergellager am Kestenberg aufbessern will. Darüber aber kommt er bei
den Leuten der Gemeinde auch schon ins Gespräch als Herrenbauer, und
mehr als einer hört die ungewohnte Geldquelle gegen seine Äcker rinnen.
Als er darauf mit weiteren Ankäufen zögert, fangen die bäuerlichen
Listen an, sich mit Wegerechten, Weidgang und andern Vorwänden drückend
zu machen, sodaß er wohl oder übel zu höheren Preisen kaufen muß.
In diesen Schwierigkeiten, die ihn allein befallen, weil seine Mutter
wieder nach Höngg zum kranken Großvater gerufen ist, geht er eines
Nachmittags verdrießlich nach seinem Turm zurück, als ihn ein Mann
mit seinen Wägelchen einholt und aufsteigen heißt, da er gleichfalls
nach Müligen führe. Er hat den Mann auf seinen Gängen schon mehrmals
angetroffen, und weil ihn die Mißlichkeiten müde und unlustig zum Gehen
gemacht haben, nimmt er das Angebot gern an. Unterwegs holt ihn der
andere beiläufig aus, ob er auf seinem Hummelacker zu bauen gedächte,
und als er das bejaht: ob er denn Wasser habe? Warum er nicht weiter
aus dem Birrfeld hinaus, etwa da oben in den Letten baue? Da habe er
Quellen genug, brauche sich mit keinem Anlieger herumzuschlagen und sei
Herr auf seinem Boden. Billiger als da unten sei das Land sicher, wo
auch sonst die Lupfiger keine günstige Nachbarschaft wären.
Heinrich Pestalozzi weiß, daß der Mann, den er von seinen Gängen her
als einen Metzger und Wirt aus Birr mit Namen Märki kennt, wohlhabend
und durch seine Geschäfte bewandert in allen Verhältnissen der Gegend
ist. Irgendwie fällt ihm das Wort Bluntschlis von dem Ratgeber ein, und
da ihn der Mann im Sprechen auffällig an seinen Lehrmeister Tschiffeli
erinnert, nur daß er genau so drastisch in seinen Ausdrücken wie
jener vorsichtig ist, sieht er ihn prüfend von der Seite an und nicht
unlustig, seine Dinge mit ihm zu besprechen. Der aber scheint von dem
Gespräch genug zu haben, kutschiert gleichmütig darauf los, bald hier
bald dort mit dem Peitschenstiel auf eine Merkwürdigkeit deutend, sodaß
Heinrich Pestalozzi fast bedauert, als sie hart bremsend den letzten
gewundenen Abstieg nach Müligen hinunter fahren. Eine Einladung, bei
ihm für einen Augenblick abzusteigen, nimmt der Mann nicht an, da er es
wegen der Dunkelheit eilig habe. Bald sieht er ihn denn auch wieder den
Weg hinauf kutschieren, rüstig zu Fuß, das Pferd am Zügel führend.