mit großer Mehrheit das Machwerk der Gesandten verworfen habe;
gleichzeitig geht das Gerücht, nun würden Frankreich, Zürich und Bern
Gewalt anwenden und die aufsässige Bürgerschaft mit Krieg überziehen:
Alles um eines gedruckten Buches willen, scherzt Bluntschli, als ob
es keine vernünftigen Anlässe mehr gäbe in der politischen Welt! Aber
die andern Patrioten sind eifriger, und der Privatlehrer Müller, des
Stadttrompeters Sohn, schreibt das angebliche Gespräch eines Bauern
mit einem Stadtherrn und einem Untervogt über den Genfer Handel,
liest es auf seiner Stube auch einigen Freunden vor und verschließt
es dann in sein Pult. Es ist mehr witzig als aufrührerisch, und
Heinrich Pestalozzi, der es mit angehört hat, hätte nie gedacht,
daß sich der Zorn der Obrigkeit daran entzünden könnte. Der Müller
aber ist unvorsichtig genug, einem seiner Schüler die Handschrift
zu überlassen. Der macht eine Abschrift davon und gibt sie weiter,
immer mehr Abschriften werden gemacht, und Mitte Januar flattert das
Bauerngespräch, wie man es heißt, heimlich durch die ganze Stadt,
überall die Erregung des Genfer Geschäfts in lustigen Spott über die
Perücken auslösend, bis eine Abschrift den Gestrengen Herren selber vor
Augen kommt, die sofort mit heftigen Verhören den unbekannten Verfasser
suchen.
Heinrich Pestalozzi, der sich mit Lavater besprochen hat, sucht noch
spät abends den Müller auf, und rät ihm, sich selber zu dem Scherz
zu bekennen, womit der Sache die Spitze abgebrochen sei; aber als er
am nächsten Morgen nachfragt, hat der Sohn des Stadttrompeters eine
richtigere Einsicht in seine Lage gehabt und ist über Nacht geflohen.
Aus seinem Scherzgespräch ist eine Schandschrift und aus der Lustigkeit
darüber ein Aufruhr geworden; ehe Heinrich Pestalozzi sich irgend einer
Gefahr versieht, sitzt er selber auf dem Rathaus in Arrest, weil er
dem Aufwiegler zur Flucht verholfen habe. Er wird auch drei Tage lang
wie ein Verschwörer in strenger Haft gehalten, bis von dem Flüchtigen
ein Brief eingelaufen ist, daß er das Bauerngespräch ohne böse Absicht
geschrieben hätte und an der Verbreitung unschuldig wäre. Darauf
lassen sie ihn zwar frei, aber die Untersuchung gegen den Aufruhr
verliert nicht an Hitzigkeit: in ganzen Kompanien ziehen die getreuen
Untertanen auf den Stadtplätzen auf, und bald wird von den Kanzeln des
Kantons ein Urteil verlesen: daß der Verfasser der aufwieglerischen
und höchst schandbaren Schrift aus dem geistlichen Stand removiert,
aus der gesamten Eidgenossenschaft verbannt sei und in den Wellenberg
geworfen werden solle, falls er betroffen würde. Die Schandschrift
solle zugleich mit dem Lästerbrief aus dem Hottinger Handel durch den
Henker öffentlich verbrannt werden, die Kosten für die drei Klafter
Brennholz seien durch die Patrioten zu bezahlen, ihre Wochenschrift
»Der Erinnerer« dürfe nicht mehr unter die Presse kommen, und sofern
die gefährliche Gesellschaft noch etwas gegen die Obrigkeit unternähme,
würden die schärfsten Strafen angewandt.
Bluntschli hat recht gehabt: das Sechseläuten fängt an; und ob es
Heinrich Pestalozzi selber angeht, soviel obrigkeitliche Torheit vermag
auch er nicht mehr ernst zu nehmen; als die Schandschriften durch den
Henker verbrannt werden, spaziert er mit einem Freund auf dem Balkon
der Meise und macht auf einer Pfeife die Musik dazu.
32.
Heinrich Pestalozzi hat es gleich gefühlt, daß sein Gespött auch die
eigenen Träume trifft. Wie in der Heiterkeit des Bluntschli, den er
nun auch gleich den andern Freunden Menalk nennt, der bittere Ernst
immer deutlicher wird, so ist es auch mit ihm: er trägt im Übermut
dieser Tage das Gefühl unabweisbarer Entscheidungen in sich, die
mit all diesen flatternden Sehnsuchten und Lebensspielereien seiner
verzettelten Jugend aufräumen werden; daß der Demosthenes dabei sein
wird, ist ihm sicher.
Das Frühjahr will diesmal nicht kommen; immer wieder schütten die
Wolken Schneeflocken in den Regen, und wo sich ein blaues Stück Himmel
zeigt, blasen die kalten Winde es wieder zu. Heinrich Pestalozzi geht
nun fast täglich nach der Zimmerleutenzunft hinunter, wo der Menalk
meist am Fenster sitzt und in die Limmat sieht. Er ist hager geworden,
mit tiefen, forschenden Augen und einer merkwürdigen Art, seine
Knochenhand auf die Dinge zu legen, die er braucht. Seine Heiterkeit
aber ist geblieben, und er spricht gern, als ob er jetzt erst den
richtigen Abstand von seiner Mitwelt habe, die ihm sonst zu nahe und
daher bedrückend gewesen sei.
Wenn Heinrich Pestalozzi nachmittags gegen die Dämmerung kommt, trifft
er leicht mit der Anna Schultheß zusammen, die für eine Stunde bei dem
Freund ist. Menalk hat es nicht gern, wenn er dann stört, und so meidet
er die Stunde. Um so lieber spricht der Kranke, der immer deutlicher
ein Sterbender wird, von ihr, die -- um fünf Jahre älter als er --
doch wie eine jüngere Schwester zu ihm steht. Sie hat als Mädchen noch
die merkwürdige Zeit erlebt, wo der Dichter Klopstock ein halbes Jahr
lang in Zürich lebte, und entsinnt sich seiner wohl, wie er auch in
ihrem Elternhaus zum Pflug war. Da sie wohlhabend und vielgereist ist,
dabei schön von Gesicht und Gestalt, gilt sie den jüngeren Freunden
ihres Bruders Kaspar als eine Art Muse, und es war immer eine besondere
Feier, wenn sie an einer ihrer Veranstaltungen teilnahm. Dabei ist
sie seit langem Bluntschli so offensichtlich zugetan, daß sich kein
anderer um sie zu bemühen wagt; und seitdem sie mehrmals Bewerbungen
abwies, was bei ihrem Alter auffällig war, gilt es für ausgemacht, daß
sie einmal Menalks Frau würde, obwohl die Eingeweihten wissen, daß ihr
Verhältnis zu dem Kandidaten viel mehr geschwisterlich ist.
Je sichtlicher die kranke Brust Menalks den letzten Kampf mit dem
unheimlichen Feind aufnimmt, um so mehr spricht er von der Freundin;
einmal so schwärmerisch, daß Heinrich Pestalozzi ihn erstaunt ansieht.
Er bricht dann mitten in der Schilderung ab und sieht lange vor
sich hin, bevor er die Augen zu ihm hebt: Wir haben zu viel Eifer in
unsern Sitten gehabt und zu wenig Liebe! Und als ob auch das noch
nicht richtig sei, nach einer Weile: Ich habe nun so viele Tage vor
Gott gesessen; am Ende weiß er doch besser als wir, was vonnöten ist.
Es ist da eine leere Stelle in mir geblieben, aber ich kann sie nicht
mehr füllen! Er hat seine große Hand über das Herz gebreitet und
nimmt sie auch nicht mehr fort. Als Heinrich Pestalozzi aus seiner
Erschrockenheit aufblickt, sieht er die Spur einer Träne, die ihm über
die hageren Backenknochen in den Mundwinkel geronnen ist.
An einem Abend im Mai wird er zu ihm gerufen. Der alte Steinmetz --
Menalk ist der zweitjüngste von neun Kindern, und die Mutter liegt seit
drei Jahren auf dem Kirchhof -- hat ihn noch einmal aus dem Bett ans
Fenster tragen müssen, wo er im Kissen sitzt. Als ob er die Rechnung
mit der Bitterkeit seines frühen Todes nun fertig gemacht habe, sieht
er ihm befreit und heiter entgegen; spricht dann lange nichts, und
als Heinrich Pestalozzi zögernd fragt, wie er sich befinde, hört er
nicht darauf. Endlich scheint er die vorgefaßten Worte zu finden: Ich
gehe sterben, sagt er und sieht auf seine Hände, die nebeneinander vor
ihm liegen: du baust zuviel Pläne; die Menschen sind nicht so, wie du
sie glaubst. Bescheide dich in einer stillen Laufbahn, und laß dich
auf keine weitgehenden Unternehmungen ein ohne einen Ratgeber, der
die Menschen und die Sachen kaltblütiger nimmt als du. -- Es ist mein
Testament, setzt er nach einigen Atemzügen hinzu, und der Schatten
von einem wehmütigen Lächeln hängt an den Lippen, als ob er sich
entschuldigte, daß es nur Worte wären. Als Heinrich Pestalozzi nach
einer erschütternden Stille sprechen will, wehrt er ab: Geh jetzt, wir
sehen uns noch!
Am andern Mittag will er nach ihm sehen, da kommt ihm aus der Tür
Anna Schultheß entgegen. Wie gehts? fragt er beklommen, weil sie die
Tränen achtlos rinnen läßt. Sie vermag nichts zu antworten, hebt nur
die Hände, als ob die allein noch sprechen könnten, und für einen
Augenblick scheint es, wie wenn sie in einer Ohnmacht hinsinkend sich
an ihm halten wolle; dann eilt sie fort. Ihre Augen, die vom Schrecken
übergroß geweitet und glanzlos vom Weinen sind, verlassen ihn nicht,
bis er in die Stube tritt. Da steht Lavater mit einigen Freunden; sie
sehen schweigend auf den Sterbenden, der nicht mehr spricht, nur hastig
atmet wie einer, der zu rasch gelaufen ist. Einmal macht er die Augen
groß auf, doch sieht er keinen mehr in der Stube; nach langem tut er
ein paar tiefe Atemzüge, als ob er endlich Luft genug in seine Lungen
bekäme, dann scheint er sich erlöst zum Schlaf hinzulegen; aber es ist
der Tod gewesen, und Lavater, der es am ersten sieht, drückt ihm mit
behutsamen Händen die Augenlider zu.
Die andern gehen danach fort; Heinrich Pestalozzi vermag es nicht, er
fühlt, daß ihm mehr als ihnen gestorben ist. Aber als er stundenlang
vor der Unbegreiflichkeit gesessen hat und, einer Regung folgend, dem
Freund noch einmal die Hand geben will, ist sie schon kalt und nicht
mehr menschlich; da fühlt er mit Grauen, daß etwas Fremdes an seiner
Stelle liegt. Darüber kommt Lavater, dessen Umsicht dem alten Vater die
nötigen Besorgungen abnimmt, mit zwei Frauen wieder, die den Leichnam
waschen und für den Sarg herrichten wollen; der führt ihn hinunter und
geht, ohne ein Wort zu sagen, mit ihm vielmals am Wasser hin und her,
wo die Maisonne ihre Wärme in das Wasser schüttet und die Schwäne den
Blust ihrer Federn spreizen. Als sie sich trennen, verspricht er ihm
eine Zeichnung von dem toten Freund.
Ich habe so viele Tage vor Gott gesessen! Das Wort Menalks ist in ihm
wie ein Stein geblieben, der immer tiefer sinkt; und je mehr er den
Freund im Unbegreiflichen fühlt, weit fort von dem Leichnam, den fremde
Frauen wuschen, um so inniger bildet er an seiner Gestalt, wie er da
tagelang vor der letzten Entscheidung gesessen hat. Am andern Morgen
bringt ihm Lavater die Zeichnung; er legt sie erschrocken fort, daß ihm
das Bildnis des Toten die Erinnerung an den Lebendigen nicht störe, und
während das Blatt unter seinen Blättern versteckt liegt, fangen seine
Gedanken ein Denkmal an, das mehr als diese Zeichnung sein möchte.
Er soll Träger sein, aber als die Glocken zum Begräbnis läuten, steht
er noch immer mit dem Babeli im Eifer über seiner Kleidung. Bis er
hinunter kommt, tragen sie den Sarg schon ohne ihn die Gasse hinauf. Er
will sich verzweifelt durchdrängen, aber die Jünglinge und Männer, die
da mit ernsten Gesichtern in der vorgeschriebenen Ordnung schreiten,
lassen ihn nicht hinein. Unfähig, sich den letzten anzuschließen, irrt
er fort -- ein Überflüssiger auch hier -- und findet sich aus seiner
Beschämung erst am Kirchhof wieder, als die ersten schon heimkehren.
Hinter Büschen versteckt, wartet er die letzten ab und sieht den
Totengräber beschäftigt, dem Hügel mit der Schaufel die vorgeschriebene
Form zu geben. Er wagt nicht eher, an das Grab zu gehen, bis auch der
Mann fort ist. Was er dann vor sich hat, ist nichts als ein Stück
Frühlingserde, vom Gärtner frisch zubereitet, das er bald wieder
verläßt.
Obwohl er den Totengräber beobachtet hat, wie der das Tor hinter sich
zumachte, bedenkt er nicht, daß es geschlossen sein könnte; erst
als er hinaus will, sieht er sich gefangen. Es ist kein zu großer
Schrecken für ihn, und er hätte schon einen Schlupf gefunden; aber
als seine Hände noch in der ersten Überraschung die Torstäbe halten,
sieht er den Totengräber mit einer schwarzen Jungfrau zurückkommen,
die einen Strauß Frühlingsblumen trägt. Er weiß auf den ersten Blick,
daß es Anna Schultheß ist, die dem Grab des Freundes zunächst einen
Gruß bringen will. Gern möchte er sich noch verstecken, aber die
beiden haben ihn schon gesehen; so wartet er steif an dem Tor, bis
es geöffnet wird. Der Mann ist mißtrauisch und augenscheinlich nicht
gewillt, ihn durchzulassen, wenn er nicht vor seiner Begleiterin in der
lächerlichsten Verwirrung den Hut gezogen hätte; so läßt er ihn laufen,
der aus seiner Scham weder ein Wort noch eine Miene der Erklärung
findet und fassungslos nach der Stadt hinunterstürmt.
Er fühlt die Zweideutigkeit seiner Lage sofort: die Freundin kann
nicht anders glauben, als daß ihn der besondere Schmerz um den Menalk
zurückgehalten habe; und soviel er in seiner Bestürzung von ihrem
Gesicht wahrnahm, ist der Dank ihrer guten Meinung schon darin gewesen.
Indem er fortrennt, statt ihr gleich tapfer die Umstände zu gestehen,
hat er die Zweideutigkeit noch vermehrt; denn sie muß sich auch das
noch auf einen Schmerz deuten, was nichts als die erbärmlichste
Feigheit ist. So steht er am Grab des gemeinsamen Freundes in einer
Schauspielerei vor ihr, die unaufgeklärt eine böse Lüge und aufgeklärt
eine unerträgliche Beschämung bedeutet. Trotzdem er sich sogleich
tapfer für die Beschämung entscheidet, liegt bis dahin die Lüge auf
ihm; und das Gefühl davon saugt alles auf, was an selbstklägerischen
Gedanken seiner wirren und fahrlässigen Jugend schon vorher in ihm
gewesen ist, sodaß er an der alten Stadtmauer hin und gegen die
Bollwerke rennt, als ob ihn diese Flucht vor sich selber retten könne.
Als er sich ganz in das Mauerwerk verlaufen hat, wirft er sich hin, und
niemals hat er so die Erschütterung zu weinen gespürt wie unter der
blaßblauen Himmelsglocke dieses Frühlingstages.
33.
Heinrich Pestalozzi ist einundzwanzigjährig, als der Tod des
gemeinsamen Freundes ihn der Anna Schultheß nähert und dem
sehnsüchtigen Schwall seiner Jugend einen frühzeitigen Durchbruch
ins Leben bringt. Seit der Begegnung an der Kirchhofstür geht sie
schwarz gekleidet mit Frühlingsblumen durch seine Träume, und wo seine
wachen Gedanken den Gestorbenen wehmütig bekränzen. Er hat ihr eine
offene Darstellung seiner Irrgänge am Begräbnistag gesandt und den
flackernden Leichtsinn seiner Jugend nicht geschont, um das Gegenbild
des toten Freundes hell vor die Dunkelheit zu stellen, wie der sein
Jünglingsleben streng vollendete und von der Selbstüberwindung mit
Heiterkeit gesegnet in den Tod einging.
Die Kaufmannstochter im Pflug dankte ihm kühler, als er erwartete; er
spürt aus ihren Schriftzügen und Sätzen, um wieviel gehaltener sie
mit ihren neunundzwanzig Jahren zum Leben steht als er mit seinen
einundzwanzig: aber weil ihn die heftigen Winde seiner Meinungen den
Altersgenossen voraus in die Schwierigkeiten einer eigenen Berufswahl
getrieben haben, indessen sie noch den behüteten Gang ihrer Studien
gehen, lockt ihn das Ältliche an ihr erst recht. Er weiß es abzupassen,
daß er sie bald danach auf einem Spaziergang trifft, und ruht nicht,
als sie zu Besorgungen fort muß, bis sie ihm noch eine Stunde am selben
Abend verspricht.
Noch liegt für ihn selber das Eingeständnis einer andern als
freundschaftlichen Neigung nicht zutage; obwohl lebhaft von den
wechselnden Begebenheiten der Vaterstadt hingenommen und in hundert
Anlässen geschäftig, die ihn eher vorlaut erscheinen lassen, ist er
schüchtern, und er hätte aus sich selber kaum die Entschlossenheit, sie
in der Dämmerung auf dem Lindenhof abzuwarten, wenn er nicht durch die
schmerzliche Gemeinschaft um den toten Freund in eine so seltsame Nähe
zu ihr gekommen wäre. Sie wiederum mag durch Menalk viel Rühmliches
von ihm gehört haben, auch ist sie durch ihre Brüder an Kameradschaften
gewöhnt: aber als sie dann unter den Bäumen des Lindenhofs beieinander
stehen -- es ist diesmal noch zu hell, als daß die Sterne schon funkeln
könnten -- sind sie doch nur ein Menschenpaar, das, ungleich im Alter,
den Zwang der Natur zu fühlen bekommt. Heinrich Pestalozzi spricht
unablässig, von der Winternacht, wo er mit Bluntschli hier gestanden
hat, von dessen bitteren Worten und ihrer gemeinsamen Beklommenheit
nachher, auch von dem Vermächtnis des sterbenden Freundes am vorletzten
Abend, nicht anders, als ob erst jetzt das gedämmte Gefühl einen
Abfluß fände: aber er fühlt wohlig die innige Verbindung mit seiner
schweigsamen Hörerin, und wieviel er dabei von sich selber in ihre
Seele sprechen kann.
Als sie sich trennen, erst leise dann dringend von ihr gemahnt, und sie
ihm die Hand gibt, eine weitere heimliche Zusammenkunft nicht unbewegt,
aber bestimmt ablehnend, vergißt er sich zu Tränen, sie darum zu
bitten, und läßt in seiner Inbrunst ihre Hand nicht wieder los, bis sie
sich selber freimacht und flüchtend von ihm fort eilt.
Heinrich Pestalozzi beherrscht sich mühsam, ihr nicht zu folgen, aber
er fühlt jeden Schritt ihrer Entfernung wie einen körperlichen Schmerz,
und in der Frühe findet er sich, mit einem Seufzer aus sehnsüchtigen
Morgenträumen aufgewacht, aufrecht im Bett sitzen. So sehr er sich
selber zur Rede stellt und sich des schwärzesten Verrats an Menalk
beschuldigt, daß er das Gedächtnis an ihn für seine eigenen Gelüste
mißbrauche: der Drang, sie zu sehen, ist so unbezwingbar, daß er
unablässig Möglichkeiten aussinnt. Als es ihm am ersten Tag mißlingt,
am zweiten und dritten auch, weil sie sich offenbar der gewohnten
Gänge enthält, vermag er es am vierten nicht mehr und geht ihr mit
einem Vorwand ins Haus. Er weiß, daß sie in der Handlung des Vaters an
der Ladentheke bedient, und tritt um die stille Zeit nach Mittag ein.
Von der Ladenschelle gerufen, findet sie ihn als Kundschaft, die sie
bedienen muß; bis sie den zornig und fast mit Tränen verlangten Zucker
für die Haushaltung der Mutter abgewogen und ihm hingelegt hat, ist sie
gesammelt genug, ihn ernst zu bitten, das nicht mehr zu tun!
Er kann kein anderes Wort vorbringen; doch hat er sie nun
wiedergesehen, und als er dem Babeli den heimlich erworbenen
Zuckervorrat in die Küche geschmuggelt hat, verhehlt er sich nichts
mehr von seiner Leidenschaft und beginnt, seine Aussichten zu prüfen:
Sie ist wohlhabend, und er ist arm; sie trägt ihr schönes Antlitz auf
einer wohlgebildeten Gestalt, während er als der schwarze Pestaluz um
seiner pockennarbigen und unordentlichen Erscheinung willen in den
Gassen verhöhnt wird; sie ist auf zahlreichen Reisen in den Formen
des Welttons gebildet und mit Geschmack sorgfältig gekleidet, also
auch darin sein Gegenbild: aber sie steht auch mehr als jedes andere
Mädchen, das er kennt, mit herzlicher und kluger Kenntnis in der Welt
seiner Jugendideale und ist durch die gemeinsame Freundschaft mit
Menalk seinem Herzen so nah wie sonst kein Menschenkind in Zürich.
Wenn -- wie es heißt -- Lebensgefährten einander ergänzen sollen,
vermag er sich nichts Vollkommeneres zu denken als sie; und auch er
hofft ihr -- so sehr er in der Gegenwart seine Mängel fühlt -- aus
seinen Zukunftsplänen einige haltbare Wechsel bieten zu können. Ihr
steht es frei, ihm nein zu sagen, nicht aber ihm, sie zu fragen.
Um sich zu prüfen, schließt er sich vor der Schwester ein -- die Mutter
ist in Höngg, den kranken Großvater zu pflegen -- und sagt dem Babeli,
daß er krank wäre. Er wird auch wirklich krank in der Unruhe und Marter
seiner Sehnsüchte und Hoffnungslosigkeiten, bis er nach hitzigen
Fiebertagen einen Brief schreibt. Er sitzt den ganzen Tag daran, und es
wird mehr eine Abrechnung mit sich selber, darin er auf der einen Seite
die eigenen Mängel zu Bergen auftürmt, um auf der andern seine Neigung
und seine Vorsätze dagegen zu stellen. Aber als er nach einer dadurch
beruhigten Nacht den Brief noch einmal durchliest, erschrickt er selber
über seine Maßlosigkeit und zerreißt ihn. Er beginnt dann von neuem,
noch zweimal an dem Tag, auch diese Briefe wieder zerreißend; bis er,
aufs tiefste entmutigt über sein Mißgeschick, den ersten Brief noch
einmal in besonnener Form wiederholt und, um ein klares Ja oder Nein
bittend, ihn auch endlich absendet.
Sie läßt ihn zwei lange Tage und längere Nächte auf Antwort warten;
und was sie ihm dann schreibt, ist nur eine Aufzählung der Gründe, die
gegen ein innigeres Verhältnis sprechen, und der unverhohlene Wunsch,
mit einem abgewiesenen Liebhaber nicht den Freund zu verlieren. Aber
Heinrich Pestalozzi ist nun ein abgeschossener Pfeil, der sein Ziel
treffen oder verfehlen, nicht mehr zurück kann. Er schreibt ihr wieder,
alle Gründe, namentlich den ihres verschiedenen Alters, mit einem
Feuerwerk edler Worte widerlegend, und bittet sie aufs neue um eine
Unterredung -- die sie ihm zögernd gewährt. Diesmal treffen sie sich
frühmorgens auf der Straße nach Höngg, wo die Morgenfrische ihr gegen
seine brandige Leidenschaft hilft; doch muß sie ihm zugestehen, daß er
ihr schreiben und sie manchmal auch sehen dürfe. Sie hält danach noch
wochenlang an ihrer Bedingung fest, daß alles zwischen ihnen im Rahmen
der Kameradschaft bleiben solle. Aber mit abendlichen Stelldicheins und
morgendlichen Spaziergängen, mit langen Briefen und innigen Gesprächen
nistet sich auch bei ihr die Liebe ein, und als der Sommer auf seiner
Höhe ist, vermag Anna Schultheß dem Ansturm seiner Gefühle nicht
mehr zu widerstehen. Es schreckt sie nicht mehr, daß ihre Mutter den
schwarzen Pestaluz als einen unnützen und prahlerischen Schwarmgeist
verabscheut und selbst ihr Bruder Kaspar ihn einen Knaben nennt,
während der Zunftpfleger ihr zuliebe mit seinen sichtbaren Bedenken
humoristisch zurückhält, es schreckt sie nicht einmal, daß sie selber
an seinen Äußerlichkeiten Anstoß nimmt: sie hat in dem Schwarmgeist die
Tiefe der Gesinnung und in dem Knaben die Weite der Seele gespürt, die
sich freilich an allzu vielen Projekten begeistert, deren grenzenlose
Kühnheit sie aber mit Stolz empfindet. Auch die rastlose Werbung tut
das ihre, sie von der Unbeirrbarkeit seines Willens zu überzeugen:
als er wieder einmal vor ihr steht mit den dunklen Augen, aus denen
seine Seele in wahren Strahlenkränzen zu leuchten scheint, beugt sie
ihren Stolz der Kaufmannstochter, ihre weltklugen Erwägungen und die
Einsicht der älteren Jahre vor dem Ungestüm seiner Jugend und legt sich
-- auf die mancher wohlhabende Geschäftsfreund ihres Vaters im stillen
noch hofft -- mit dem Gelöbnis unverbrüchlicher Treue in die Arme des
einundzwanzigjährigen Jünglings Heinrich Pestalozzi.
Mittag
34.
Der Drang seines frühreifen Schicksals will, daß Heinrich Pestalozzi
das Glück heimlicher Liebesstunden nur kosten, nicht genießen darf.
Um die Kaufmannstochter aus dem Pflug heim zu führen, kann er keinen
Beruf gebrauchen, der ihn mit unbestimmten Hoffnungen hinhält; und
mit den Entwürfen seiner Volksreden verbrennt er die hochmütigen
Advokatenpläne. Irgendwo die Handgriffe der Landwirtschaft zu lernen
und dann auf einem Gut zu üben, scheint ihm von allen Möglichkeiten die
rascheste; nun, wo er mit der Braut auch den Berater gefunden hat, der
durch Sachen- und Menschenkenntnis -- wie Bluntschli sagte -- seinen
Traumsinn ergänzt, glaubt er den Schritt aus der Schulweisheit in
das Bauerndasein wohl tun zu können, zumal Anna Schultheß ihn tapfer
billigt. Daß es zunächst ein Bruch mit den Beglückungsplänen seiner
Jugend ist, übersieht er nicht; aber auch hier beruhigt ihn ein Wort
des Freundes, daß man von den schwachen und niederen Stauden keine
Körbe voll Früchte ernten könne, der Baum müsse stark und groß sein, um
Früchte zu tragen! Wenn er erst einmal frei und wohlhabend auf eigenem
Boden sitzt, will er die vaterländischen Dinge schon nicht vergessen
haben!
Unterdessen ist seine Mutter noch immer bei dem kranken Großvater in
Höngg gewesen, während er mit der Schwester und dem alt gewordenen
Babeli gewirtschaftet hat; nun kommt sie zurück, und er holt sie eines
Nachmittags ab, freudig, ihr sein Glück mitzuteilen. Der Dekan geht
kaum noch aus seiner Studierstube heraus; er hat Sterbegedanken und
ist verdrießlich, daß ihm der Antistes noch einen Vikar aufdrängen
will, statt seinen natürlichen Abgang abzuwarten. So kann Heinrich
Pestalozzi ihm nichts sagen, und auch bei der Mutter kommt er erst auf
dem Rückweg dazu, als hinter Wipkingen die Buben vom Tantli zurück
gesprungen sind. Sie gehen an der selben Stelle, wo sie mit dem Knaben
so bitterlich geweint hat, als er endlich Stimmung und Worte für seine
Freudenbotschaft findet. Zunächst ist sie erschrocken, daß er zu
den andern Torheiten seiner Jugend auch noch die einer überstürzten
Heirat über sie bringen will; wie sie den Namen Anna Schultheß hört,
steigt das Wetterglas auf schön, da sie die Vorzüge der Person und der
äußerlichen Vorteile in eins übersieht. Eine Schar Tauben flattert
aus dem Feld, und ihre Sorgen fliegen mit; es fehlt nicht viel, so
wanderten sie auch diesmal Hand in Hand zur Niederdorfporte hinein.