Es ist eine andere Luft als in der Gerwe zwischen den hitzigen Herren,

von denen ihm jeder einzelne seine bürgerliche Zukunft mit einem

Tintenstrich durchstreichen kann; er hält aber ihre Kreuzfragen aus und

verweigert standhaft, einen Gewährsmann zu nennen: er habe ihm seine

Hand darauf geben müssen, und niemand in der Welt dürfe ihn zwingen,

wortbrüchig zu werden. Er hätte seine Hand dem sagenhaften Römer gleich

ins Feuer stecken können, so überzeugt ist seine Gebärde, aber den

Herren scheint der Fall zu heikel für solche Gewalt. Sie ziehen sich

mit ihrer Unschlüssigkeit in das geheime Gemach zurück und lassen ihn

allein zwischen den Stühlen und Schränken. Doch steht ein Fenster

auf, und er kann hinunter sehen auf den Münsterplatz, wo gerade der

Bluntschli mit seinen vier Zöglingen daher kommt. Um eines Übermuts

willen laufen sie ihm fort, und der Kandidat vermag ihnen nicht zu

folgen gegen den steilen Berg. Heinrich Pestalozzi hört ihn husten und

sieht auch, wie ihn der Anfall würgt; er möchte ihm beispringen, aber

während er noch den unnützen Gedanken erwägt, machen die Kinder in

einem neuen Übermut kehrt und laufen an ihm vorbei gegen das Haus zum

Loch hinunter. Indem Bluntschli ihnen dahin folgt, sieht er ihn mit

seiner weltmännischen Höflichkeit eine Jungfer grüßen, die freundlich

nickend an ihm vorübergeht. Es ist Anna Schultheß, die schöne Schwester

ihres gemeinsamen Freundes, des Theologiestudenten, und wie er seitdem

erfahren hat, die Tochter des braunbärtigen Mannes aus der Gerwe. Er

weiß, daß die beiden miteinander im Gerede sind, und es macht ihn

wehmütig, sie so lebendig gegen den Berg schreiten zu sehen, der seiner

kranken Brust zu steil gewesen ist.

Nach ihr kommen noch viele Menschen über den Platz, fremde und solche,

die er kennt; er hat Zeit, ihnen nachzudenken, denn dreimal schlägt die

volle Stunde am Münsterturm, bis seine Richter wiederkommen, verärgert

und erhitzt. Sie schicken ihn nach Haus, wo er sich unter Androhung

schwerer Strafen verhalten soll, bis sie ihn wieder rufen ließen. An

dem Abend hört er nichts mehr von ihnen; nur seine Mutter scheint

unterdessen eine Nachricht zu haben: sie hält sich in der Kammer

eingeschlossen, und er weiß, daß dies ein Zeichen schwerer Kränkung

ist. Andern Mittags wird sie statt seiner vor die Herren gerufen; sie

bringt ihm, blaß wie der Tod, die Weisung mit, daß er sich noch am

selben Tag zu seinem Großvater, dem Dekan in Höngg, verfügen müsse,

dem er vorläufig für vier Wochen zur Ahndung seiner vorlauten Anzeige

überantwortet sei. Diese Weisung steht in der Schrift, die sie ihm

überbringt; sie selber sagt kein Wort, nimmt auch das Bärbel mit in die

Kammer, sodaß er ohne Abschied, nur vom bitterbösen Babeli vor die Tür

getan, den Weg antreten muß, den er nun doch in Trotz und Bitterkeit

geht.

28.

Heinrich Pestalozzi findet den Großvater auch diesmal in seiner

Studierstube; seit dem Tod der Pfarrerin ist er im Regiment des Tantli

und sitzt fast den ganzen Tag bei seinen Kirchenvätern. Er liest die

Weisung mehrmals durch und legt sie mit einem Lächeln beiseite, das

Heinrich Pestalozzi an die Großmutter erinnert, nur ist es spöttischer.

Nachher werden sie von der Magd zum Vesperbrot gerufen und müssen mit

dem Tantli von andern Dingen sprechen. Der Großvater sagt ihr, daß

der Neffe diesmal vier Wochen bleibe, und scheint schon nicht mehr zu

wissen, warum; es drängt ihn augenscheinlich, wieder allein zu sein,

und Heinrich Pestalozzi sieht ihn an dem Tag nicht mehr. Doch wie er

am Abend frühzeitig in seine Kammer kommt, hat er ihm nach seiner

Gewohnheit etwas auf den Tisch gelegt.

Es ist auch ein Schriftstück des Antistes, aber nicht seinetwegen an

den Dekan in Höngg gerichtet; als Heinrich Pestalozzi es gelesen hat,

legt er seine Verweisung mitten darauf, denn auch das andere ist ein

Stück Papier behördlicher Ungnade! In dem selben Dorf Buchs, woher

das Babeli ist, hat der Dorfpfarrer einigen Kindern die Konfirmation

verweigert, angeblich wegen ungenügender Kenntnisse, anscheinend aber,

weil er mit den Eltern Streitigkeiten hatte. Darauf hat der Dekan in

Höngg die Zurückgewiesenen ohne Umstände selber konfirmiert, und das

Schriftstück da ist der sanfte Tadel für seine Eigenmächtigkeit. Wie

Heinrich Pestalozzi nun an das spöttische Lächeln des Großvaters denkt,

muß er laut lachen, sodaß er aus diesem verdrießlichen Tag doch noch

mit Lustigkeit ins Bett kommt.

Als er in der Frühe erwacht, hört er eine Sense dengeln; er besinnt

sich gleich, daß die Kornernte angefangen hatte, als er heraufkam, und

mit einem fröhlichen Einfall springt er aus dem Bett. Unten ist noch

die Dumpfheit der überstandenen Nacht im Haus, aber als er den Riegel

öffnet, strömt ihn die Morgenluft an wie ein Bad; überall krähen die

Hähne, und aus einigen Schornsteinen drehen sich schon die blauen

Rauchsäulen in den Himmel, der noch ohne Sonne ist, aber Hahnenruf und

Rauch als Frühopfer der Erde in seine reine Stille verschwinden läßt.

Dem ersten Bauer, dem er begegnet, heftet er sich an; es ist ein zäher

Greis, der seine Enkelin an der Hand führt und den fröhlichen Gruß

mit der abwartenden Miene erwidert, darin der Bauer die städtische

Zutraulichkeit abweist. Er merkt es nicht, nimmt das Kind, das seine

sieben Jahre zählen mag, kurzweg bei der andern Hand, und so gehen

sie zu dritt die Straße hinunter, bis der Bauer vom Weg abklettert,

die gedengelte Schneide mit den Fingern prüft und seinen harten

Sensenschlag in die gelben Halme beginnt, die einen Sprung zur Flucht

zu machen scheinen, bevor sie ihren stolzen Wuchs für immer neigen.

Heinrich Pestalozzi steht am Grabenrand und denkt, daß sie mit dem

Sommerwind ihr geschmeidiges Fangspiel gemacht und im Gewitter sich

ängstlich geduckt haben, daß sie den dünnen Regen und das dicke goldige

Sonnenlicht tranken und nun über den süßen abgeschnitten werden, immer

ein Bündel zugleich, wie sie auch nur miteinander ihr schwankes Leben

aufrecht halten konnten. Doch ist er nicht da für solche Gedanken, und

er wartet auch nur ab, was das Mädchen beginnen wird, das vorläufig am

Rain einer Sternblume die weißen Blättchen auszupft und dazu einen

Zählreim sagt. Als er beobachtet hat, wie sie danach aus Halmen dünne

Seile dreht und damit die einzelnen Bündel zu Garben bindet, gibt er

sich mit daran und bleibt auch hartnäckig dabei, als der Bauer den

Wetzstein holt und sein Tun mißtrauisch besieht. Auf die Dauer einigen

sie sich doch, und wie gegen sieben Uhr der schmale Ackerstreifen

niedergelegt ist und nur noch ein letztes Büschel steht, läßt ihm der

Alte sogar die Sense, das abzuschlagen; er fährt freilich fast mit

der scharfen Sense gegen sein Bein, aber gerade das macht den andern

gesprächig, sodaß sie mit der warmen Morgensonne anders zurückkommen,

als sie in der kühlen Frühe auszogen.

Das Frühmahl schmeckt ihm danach besser als sonst, und er sitzt schon

wieder in der Ungeduld dabei, was ihm der Tag nach diesem Anfang sonst

bringen könnte. Um noch beim Melken dabei zu sein, ist es zu spät;

doch tut er gleichwohl einen Sprung in den nächsten Stall. Da ist die

Frau gerade dabei, die seimige Milch durch das Haarsieb zu gießen; sie

braucht keine Hilfe, aber die hölzernen Eimer unter dem Brunnen sauber

zu waschen, versucht er doch, bis sie über seine Narrheit lacht und ihn

anders belehrt. Aus dem Stall geht es in die Matte, wo ein Bub noch

saftiges Futter vor der steigenden Sonne zu bergen hat, und so fort

durch das halbe Dorf, wo sich jeder über den närrischen Pfarrstudenten

wundert. Als er zum Mittagessen kommt, ist er brandig rot, und am Abend

muß ihm das Tantli einen Finger verbinden, der ihm irgendwo in ein

Schnitzmesser geraten ist.

Mit dem Großvater spricht er an diesem Tag nur ein paar Worte, da

der in einer Dekanpflicht über Land gefahren ist; aber auch in den

nächsten Tagen hält ihn seine ländliche Tätigkeit so weit ab von den

Kirchenvätern des alten Herrn, daß sie sich nur beim Essen treffen; es

scheint ihm, als ob der lächelnde Mund immer sarkastischer würde; als

er es aber eine ganze Woche lang so fort getrieben hat und nun schon

fast wie ein Bauernknecht aussieht -- nur daß er jetzt schon drei

Finger verwickelt hat -- findet er abends ein Buch in seiner Kammer,

das er längst kennt, aber bisher kaum beachtet hat: »Die Wirtschaft

des philosophischen Bauers« oder, wie es kurzweg heißt, Der Kleinjogg.

Es ist von dem Doktor Hirzel in Zürich geschrieben, der zu den neun

Argonauten in Schinznach gehört und manchmal auch in die Gerwe kam.

Tags hat er immer noch keine Zeit, aber nachts liest er es bei der

Kerze, und bald schwört er darauf, daß es für einen echten Jünger

Rousseaus keinen andern Beruf geben könne, als Landmann zu werden. Wenn

er mitten aus seiner Feldarbeit heraus nach Zürich hinunter sieht und

an den Grund denkt, der ihn hergebracht hat, an die greulichen Dinge

im Alumnat, an die Schule und die Stadt mit dem Gezänk der Zünfte, dem

Gewerk der dunklen Kellerlöcher und dem Geschwätz der guten Stuben:

dann kann er mitten in seiner Freude traurig werden wie ein Narr, weil

ihn der Gedanke an die Rückkehr schreckt.

Eines Tages schreibt er wirklich dem Bluntschli einen Brief, daß er

sein Studium aufgeben möchte, weil er doch nicht zum Pfarrer tauge und

es auch sonst in der städtischen Unnatur nicht mehr aushalten könne,

nachdem er einmal das wirkliche Leben eines Landmannes geschmeckt

habe. Alles andere wäre nur ein Maulwurfsdasein, zum wenigsten könne

er von seinem Berg die hochmütige Stadt Zürich nur ansehen wie einen

Maulwurfshügel. Wolken und Sonne und Schnee: für den Städter wären sie

nichts als veränderte Gelegenheiten zu gutem und schlechtem Wetter --

und seinen Erdboden habe er gar mit Fundamenten und Straßen völlig

getötet -- für den Landmann aber bedeuteten sie die Elemente seines

natürlichen Daseins, sie brächten seiner Saat Regen und machten das

Korn reif; der Wechsel der Jahreszeiten, ja der ganze Kalender wäre für

ihn der Kreislauf eines in der Natur gegründeten Lebens. Wenn es ihm

nicht zuwider sei, möge er schon seiner Mutter bei Gelegenheit ein Wort

der Vorbereitung sagen, daß sie durch seinen Entschluß nicht auch ihren

zweiten Sohn verlöre, sondern ihn erst recht gewönne.

Er hat den Brief schreiben müssen, um endlich einem Menschen etwas

von der Befriedigung seines ländlichen Daseins sagen zu können; der

Großvater weicht allen Gesprächen darüber aus, und das Tantli, das

aus einer ländlichen Pfarrerstochter eine Vikarsfrau geworden war und

nun wieder einem Landpfarrer den Haushalt führt, vermag nur hellauf

zu lachen, wenn er mit seiner Schwärmerei anfängt; aber als er am

dritten Tag danach gerade auf einem Wagen voll Korn glücklich obenauf

sitzt und ins Dorf gefahren kommt, steht vor dem Pfarrtor ein Wagen,

und Bluntschli sieht kopfschüttelnd seine Einfuhr an. Nachdem er dem

Dekan seine Aufwartung gemacht hat, die nur kurz ausfällt, gehen sie

miteinander durch seinen ländlichen Bereich, bis Bluntschli müde wird

und sich an einen Rain hinsetzen muß. Der hat den begeisterten Freund

bisher reden lassen; nun weist er auf seine Hände, an denen fast alle

Finger angeschnitten oder verwickelt sind: ob das seine besondere

Begabung für die ländliche Arbeit sei? Und ob er nicht wisse, daß zum

Bauerntum zuvörderst ein richtiger Bauernsitz gehöre? Wenn der Junker

Meis im Winkel aus der gleichen Begeisterung Bauer würde, wisse er,

wovon! Aber das alles seien Fragen, die ihn als seinen Freund nichts

angingen; denn Freundschaft hieße nicht, daß einer dem andern praktisch

beistände, Freundschaft sei eine Sache der Seele: Dies aber drehe sich

alles doch nur darum, daß er ein Dasein haben möchte, wie es für seine

Art möglichst bequem und vergnüglich wäre. Was er zu seinem Agis sagen

würde, wenn der die Not Spartas verließe, um sich einen Meierhof zu

suchen? Er möge doch nicht vor seinen eigenen Ideen verächtlich werden,

was sicherlich der eigentliche Verrat der Freundschaft sei!

Heinrich Pestalozzi wird ihm auf keine dieser Fragen eine Antwort

schuldig, aber als der Freund, der es eilig hat, wieder abfährt, bleibt

er mit einem zerbrochenen Mühlrad zurück; obwohl er noch trotzig darein

blickt, merkt er gleich, er bringt es nicht mehr zum klappern. Und

als ihm nach drei Tagen der Großvater einen Brief der Mutter in die

Kammer legt, den sie an ihren Schwiegervater geschrieben hat: was es

für Torheiten habe mit ihrem Sohn? er möge ihm die Flausen aus seinem

Wirrkopf blasen! da fällt auch der Trotz rasch ineinander.

Nachdem seine vier Wochen herum sind, läßt er sich vom Großvater die

Weisung des Antistes als erfüllt bescheinigen und marschiert nach der

Stadt zurück, die mit ihren Türmen und Dächern gleichmütig am See

geblieben ist und seine Schritte wie sonst in der Niederdorfporte

hallen läßt. Gerade, als er hindurchgeht, kommt ihm die Anna Schultheß

entgegen, die er als Freundin seines Freundes verehrungsvoll grüßt. Daß

sie das erste ist, was ihm in Zürich begegnet, gibt der Gedrücktheit

seiner Gedanken einen ziemlichen Stoß, sodaß er heller bei den Seinen

im Roten Gatter eintrifft, als er in Höngg fortgegangen ist; wobei

freilich die Liebe seiner Mutter auch das ihre tut, als sie ihn

herzlich weinend umfängt.

29.

So muß Heinrich Pestalozzi doch noch einmal ins Collegium, und es ist

nicht leichter für ihn geworden in dieser Zwischenzeit: im Alumnat hat

es eine böse Reinigung gegeben, und die davon betroffen sind, stehen

nun in tückischer Feindschaft gegen ihn; auch die Lehrer übertragen

zum Teil die Stimmung der peinlichen Enthüllung gegen ihn, und da

seine Erscheinung durch die ländlichen Sommerwochen nicht gewonnen

hat, finden sich Anlässe genug ihn zu verhöhnen. Das Schlimmste

bleibt trotzdem, daß er sich in den witzigen, aufklärerischen Geist

der Theologenschule nun gar nicht mehr zu finden weiß. Er kann es

nicht begreifen, daß sich im Zeitalter Rousseaus der humanistische

Bildungsdünkel noch so breitmachen kann wie in diesem Unterricht.

Selbst die alten Schriftsteller scheinen ihm aufs gröblichste

mißverstanden, indem das Leben aus ihren Schriften weggelassen und nur

das Wort gelehrt und gedreht wird. Als Steinbrüchel, der schon mit

Übersetzungen der griechischen Tragiker aufgetreten ist, im Lindauer

Journal die erste olynthische Rede des Demosthenes abdrucken läßt als

Stichprobe seiner Übersetzung der sämtlichen Werke des athenischen

Redners, kann Heinrich Pestalozzi der Lust nicht widerstehen, dem

hochmütigen Mann an einem Gegenbeispiel zu zeigen, was in diesen Reden

mehr als humanistisch sei. Obwohl er im Griechischen ein mangelhafter

Schüler ist, legt er im Examen ein Bruchstück der dritten olynthischen

Rede vor, das er danach auch, gleichsam als Vorrede zu seinem Agis,

mit diesem im Lindauer Journal abdrucken läßt. Der Beifall, den seine

Übersetzung durch das Feuer und rednerische Talent der Sprache findet,

ist so allgemein, daß der gelehrte Professor Steinbrüchel seine

geplante Demosthenes-Ausgabe im Pult behält und als Übersetzer von nun

ab peinliche Enthaltung übt.

Damit ist das Studentenschicksal Heinrich Pestalozzis entschieden; aber

ihm hat die Übersetzung unvermutet ein Tor aufgemacht, durch das er

doch noch mitten ins Leben zu kommen hofft: Landwirt kann und Pfarrer

mag er nicht mehr werden; aber gleich dem Demosthenes ein Fürsprech

der Bedrängten und Volksredner der öffentlichen Dinge zu sein, das

scheint ihm ein Beruf, den er nun sich und andern mit glühender Liebe

ausmalt. Alles, was er von dem Leben des großen Griechen liest, wie der

gleich ihm den Vater früh verliert und erst durch mühevolle Gewöhnung

seine körperlichen Mängel überwindet, wie er die großen Dinge seines

Volkes in seine Reden einbegreift und aus einem Rechtsanwalt das

Sprachrohr der vaterländischen Gesinnung in Athen wird: in allem findet

er Hinweise für seine durch die Ähnlichkeit des Temperaments und der

Zeitumstände vorbestimmte Laufbahn. Auch Bluntschli billigt sie, und

die Mutter willigt schweigend ein. Da es im Collegium Carolinum keine

Klasse für die Rechtswissenschaft gibt, geht er nun endgültig von der

Anstalt ab, die ihm verhaßt geworden ist. Wie er zum letztenmal die

Steintreppe hinuntersteigt, drängt sich ein Trupp seiner Mitschüler

hinter ihm her, ihm einen höhnischen Abschiedsgruß zu pfeifen. Er

weiß, daß einige Lehrer gern mit dabei wären; obwohl noch nicht

zwanzigjährig, hat er nun schon erfahren, daß diese Erlebnisse zu

einem tätigen und ehrlichen Leben gehören; er schwenkt seinen Hut zu

den hochmütigen Zürchersöhnen zurück, als ob sie ihm den Wert und die

Rechtlichkeit seiner Entschließungen bestätigt hätten.

Nach Hause geht er aber nicht, sondern er läuft, wie er da ist, nach

Höngg hinauf. Bei dem Spott der Jünglinge ist ihm der Ernst Luginbühl

eingefallen, und wie es die selben sind, die dem Weberknaben die Schule

verleidet haben. Sogleich hat ihn aber auch die Scham gepackt, daß er

sich selber nicht mehr um ihn kümmerte. Wohl hat er sich oft nach ihm

erkundigt, aber zu ihm gegangen ist er nicht mehr, und nur einigemal

Sonntags hat er ihn gesehen, wenn er, langaufgeschossen und längst mit

blassen statt roten Backen von seiner Stubenarbeit, in die Kirche kam.

Er kann nicht anders, er muß es gleich gut machen; aber wie er nach

Höngg hinaufkommt, läuft er dem Großvater in den Weg, der sich noch

etwas in der Herbstsonne ergehen will. Von dem erfährt er, daß der

Ernst Luginbühl vor einigen Wochen nachts seinem Vater davongegangen

sei, niemand wisse wohin: aber er würde schon überall in der Welt einen

besseren Platz finden als an seinem Webstuhl! Glaubst du das wirklich?

sagt Heinrich Pestalozzi und sieht mit einem seltsamen Blick in die

wellige Hügelferne, als ob er zum erstenmal fühle, daß hinter diesen

Bergen auch noch eine Welt ist.

30.

Die Nachricht von der Flucht Ernst Luginbühls hat Heinrich Pestalozzi

auf den Gedanken einer heimlichen Pilgerfahrt gebracht: Er weiß, daß

Rousseau seit dem Frühjahr auf der Petersinsel im Bielersee wohnt, und

er malt sich das Abenteuer aus, dort einmal mit dem großen Mann zu

sprechen; wenn er bis Baden eine Schiffgelegenheit nimmt, kann er den

Weg in zwei Tagen hinter sich bringen. Die Mutter wehrt mit der Hand

seine Worte ab, und er sieht, daß sie bis ins Herz erschrocken ist, als

er nur im Scherz davon spricht; den Bluntschli aber fragt er einmal in

der Gerwe auf den Kopf, was er davon hielte?

Da müßtest du weit reisen, sagt der; denn Rousseau ist auf der Flucht

nach England! Und so erfährt Heinrich Pestalozzi, was der andere

freilich auch erst seit zwei Tagen weiß, daß die bernische Regierung

dem Flüchtling sein Asyl auf der Petersinsel gekündigt habe. Warum ist

er nicht nach Zürich gekommen? fragt er in der ersten Enttäuschung;

aber nun wird Bluntschli, der eben noch gescherzt hat, bitter: Weil

die Zeiten Zwinglis vorüber sind und wir keinen Ulrich von Hutten

mehr brauchen können; besonders, wenn es nur ein Genfer Uhrmachersohn

ist! Wollte der große Voltaire kommen, sie möchten den Regenten der

Aufklärung mit vierundzwanzig Pferden einholen und er könnte bei dem

Antistes wohnen, aber den Rousseau mit seinen Menschenrechten würden

die Gestrengen Herren in den Wellenberg stecken!

Sie haben im Eifer nicht gemerkt, daß unterdessen der mit dem braunen

Bart -- wie Heinrich Pestalozzi nun längst weiß, der Pfleger Schultheß

zum Pflug, der Vater Annas und ihres gemeinsamen Freundes Kaspar --

hinter sie getreten ist: Der Wellenberg wäre das Mindeste für einen

Mann, sagt er ernst, der seine Kinder ins Findelhaus schickt und

ungetraut mit einem Weibsbild lebt!

Der Bluntschli steht artig auf, und Heinrich Pestalozzi sieht, wie er

todblaß geworden ist; auch ihn selber hat es ins Herz getroffen, das

Vorbild so von ihrer strengen Tugend entblößt zu sehen. Darüber treten

andere hinzu, die auch schon die Nachricht von Bern haben, und weil

durch ein Mißgeschick der angesagte Vortrag ausfällt, wird Rousseau das

erregte Abendgespräch an allen Plätzen.

Heinrich Pestalozzi hat über den Sommer zuviel in den Wolken gesegelt;

nun merkt er erstaunt, wie sehr das sogenannte Genfer Geschäft auch

schon die Züricher erhitzt. Es heißt, daß der Rat von Genf gegen seine

eigene Bürgerschaft -- die das Verdammungsurteil über Rousseau und

seine Schriften nicht anerkennt und darum schon im vierten Jahr mit ihm

streitet -- die Gesandtschaften von Zürich, Bern und Frankreich als

Friedensrichter in dieser Sache anrufen wolle. Damit würde, wie Bodmer

freimütig über die Tische weg sagt, sich auch Zürich zu entscheiden

haben, wieviel Macht der Wahrheit noch über Interesse, Herrschaft und

falsche Politik geblieben sei! Heinrich Pestalozzi vermag aber nicht,

diese Gespräche noch weiter anzuhören; das Wort des Pflegers Schultheß

hat ihn zu sehr getroffen. Als er den Bluntschli bald aufstehen sieht,

folgt er ihm rasch, um mit ihm in den gleichen Gedanken eingespannt

früher als sonst heimzugehen: Auch der Hutten soll an einer häßlichen

Krankheit gelitten haben, sagt der andere mit leiser Stimme, als sie

oben auf der Niederdorfgasse sind; dann sprechen sie nichts mehr, bis

sie sich ohne Gruß und Handdruck trennen.

31.

Im Frühjahr sieht Heinrich Pestalozzi die Züricher Gesandtschaft

mit ihren kostbaren Staatsperücken in einem großen Aufwand von

Reisewagen die Fahrt nach Genf antreten: es ist gekommen, wie an

dem Abend gesprochen wurde, die Mächte sind angerufen, den Handel

um Rousseau zu schlichten. Er ist immer noch nicht im reinen, wie

einer sittenlos leben und Tugend lehren könne, und dieser Zwiespalt

verbittert ihm die Politik. Unterdessen sind nach dem Agis im Lindauer

Journal auch im Erinnerer eine Reihe von Wünschen gedruckt, die er

im vergangenen Jahr geschrieben hat, aber selbst seine eigene Feder

ist ihm verdächtig geworden. Als Bluntschli seine Hauslehrerschaft

aufgibt und nach Hütten reist, um da eine Kur gegen seine kranke Brust

zu machen, bleibt er vereinsamt in Zürich zurück. Einmal begegnet er

dem Alumnaten, zu dem er damals am Zürichhorn ins Schiff gestiegen

ist; er will ihn ansprechen, aber der weicht ihm scheu aus, als ob

er eine Schuld von ihm einzufordern hätte. Wenn Heinrich Pestalozzi

nun an seine Anzeige denkt, fällt eine brennende Unruhe über ihn; es

ist das einundzwanzigste Jahr seines Lebens, als er gewahr wird, daß

in der menschlichen Natur schlimmere Feinde der guten Sitten und der

einfältigen Menschlichkeit liegen als in allen Gewalthabern.

Die Berichte der Gesandtschaft laufen ein, und jeder macht einen

Sturm im Großen Rat, wo Bodmer unerschrocken gegen die Mehrheit der

Gestrengen Herren auftritt. Es kommt, wie er prophezeit hat: die

Entscheidung der Genfer zwischen Wahrheit und Interessen wird auch den

Zürichern auferlegt; aber immer deutlicher sieht Heinrich Pestalozzi,

daß die Bürgerschaft durchaus nicht so auf der Seite der Patrioten

steht, wie seine spartanische Begeisterung gedacht hat. Wo ihrer

einige zu vorwitzig auf der Gasse sind, kann es ihnen geschehen wie

ihm damals, als er in den Keller fiel. Er ist verzagt genug, seinen

Traum nun selber zu belächeln, diese Bürger als ein neuer Demosthenes

zu reinen und hohen Dingen anzufeuern; es steht nicht einmal so, daß

er wie sein Agis das Leben wagen könnte, die Zünftler würden sich mit

einer Tracht Prügel genug tun.

Unerquicklich geht ihm der Sommer und der Herbst hin, indessen er

noch immer hartnäckig an seiner Rechtswissenschaft mit dem Studium

alter und neuer Gesetzschriften festhält. Er sieht den Bluntschli

aus seiner Kur in Hütten mit einer Schwärmerei für die Schönheit der

Natur und die Einfalt des ländlichen Lebens heimgekehrt, die er nun

wehmütig belächeln muß. An seiner Gesundheit hat der Freund nichts

mehr zu klagen, und wenn Heinrich Pestalozzi nicht durch die Mienen

und Gespräche besorgt gemacht würde, er könnte glauben, daß ihm die

Kur völlige Heilung gebracht hätte, so heiter sieht er ihn. Als er

noch einmal über Rousseau mit ihm sprechen will, schüttelt Bluntschli

den Kopf; auch sonst scheint er den Eifer eines Patrioten verloren

zu haben, wo sich die andern erhitzen, lächelt er, und als aus Genf

die Nachricht kommt, daß die mit dem Rat vereinigten Gesandten den

Bürgern eine neue Verfassung auferlegt hätten, sagt er: da könnte das

Sechseläuten angehen! Auch in seinen Büchern liest er nicht mehr, das

Wissenswerte stände nicht darin, pflegt er zu scherzen; obwohl Heinrich

Pestalozzi die Unheimlichkeit hinter dem veränderten Wesen fühlt,

vermag er sich der Heiterkeit nicht zu entziehen, darin der Freund

Jüngling und Greis in einem geworden scheint, und so erlebt er den

Zürcher Ausklang des Genfer Geschäftes viel weniger aufgeregt, als es

sonst gewesen wäre.

Lebenstag eines Menschenfreundes · 第 5 / 25 段