zu fassen, daß ihrer viele noch draußen horchen, wie der alte Pfarrer
und Dekan seiner eigenen Frau die Leichenrede hält. Auch er ist welk,
und der Kopf kämpft mit dem gebeugten Nacken, das Angesicht von der
Erde zu heben, aber die Stimme trägt noch klar durch den Raum, als
er der Gemeinde den Lebenslauf der Dorothea Ott vorträgt, die seit
achtundvierzig Jahren seine Frau und seit sechsunddreißig Jahren ihre
Pfarrerin gewesen ist. Heinrich Pestalozzi weiß nun, es ist nicht
der liebe Gott seiner Knabenjahre, der da spricht, es ist ein Greis,
den sie selber bald um die Kirchecke tragen; umsomehr fühlt er, wie
ergreifend dies ist, daß ein Mensch mit seinem Leid dasteht und aus
der Ewigkeit den Lebenslauf seiner Gefährtin ablöst, deren irdisches
Dasein vor dem seinen vollendet ist. Aber was ihn tief erschüttert, ist
die Erfahrung, wie alles, was er hier sieht und hört, nur ein Stück
aus dem Buch des Genfers scheint. Wenn er von hier aus an die Stadt
denkt, an ihre Gassen, ihren Aufwand, ihr Gezänk: glaubt er niemals
wieder hineingehen zu können. Auf dem Dorf allein ist das menschliche
Wesen noch auf die Einfalt der Natur gestellt; von hier aus allein kann
deshalb der Geist natürlicher Sittlichkeit wieder gesellschaftliche
Rechte in der Menschheit erhalten. Es ist ihm nicht anders, als ob sie
drei: die ländliche Gemeinschaft, seine Seele und der Traum des Buches
in dieser Stunde einen Bund schlössen gegen den verkünstelten Aufwand
der städtischen Welt.
24.
Seitdem denkt Heinrich Pestalozzi wieder ernstlich daran, Pfarrer
zu werden; das Bild des Großvaters ist von neuem sein Lebensziel
geworden, aber nicht um den Armen ein väterlicher Freund, sondern
dem menschlichen Wesen ein Fürsprech und Märtyrer gegen Unnatur
und elende Versunkenheit zu sein. Er tritt mit seinen Studien, die
ihn immer leidenschaftlicher abgesondert haben, bis das Erlebnis
Rousseaus ihm alles andere überflüssig machte, wieder in den Kreis des
vorgeschriebenen Unterrichts ein. Selbst das Patriotentum in der Gerwe
scheint ihm für eine Zeit nicht mehr so wichtig, und als es im Januar
wieder zu einer Anklage diesmal gegen den Zunftmeister Brunner kommt,
der sich schwerer Veruntreuungen schuldig gemacht hat, bleibt er der
Sache fremd.
Er geht schon in sein neunzehntes Jahr und sieht wohl die Sorge, mit
der die Mutter seine Unstetigkeit aufnimmt. Er wollte ihr auch den Emil
zu lesen geben, aber sie ist nur traurig dabei geworden und hat ihm das
Buch ungelesen wieder hingelegt. Seitdem er mehr von seinem Vater weiß,
wie der zwar ein geschickter Wundarzt, aber ein sorgloser Haushalter
gewesen ist, spürt er leicht eine Besorgnis in ihren stillen Augen, daß
er von seiner Art zuviel geerbt haben möchte -- zumal von seinem Bruder
Johann Baptista bedenkliche Nachrichten kommen -- und immer tapferer
wird sein Entschluß, auch ihr zuliebe etwas Tüchtiges zu werden. Er
weiß, wie schwer ihm alles in den Kopf geht, was nicht irgendwie
sein Gefühl ergreift; doch weil er gerade das, was eine kaltblütige
Beobachtung erfordert, als das Wichtigere geschätzt sieht, übt er sich
täglich im Zwang zur Aufmerksamkeit. Unvermutet aber wird er durch
einen Lehrer wieder aus der Zucht seiner strengen Entschlüsse geworfen:
Im selben Frühjahr ist ein Schüler Breitingers mit Namen Steinbrüchel
als Lehrer der Eloquenz ins Collegium gekommen, ein noch jugendlicher
Mann, der die größte Belesenheit mit einem glänzenden Vortrag verbindet
und bald zum Abgott der Studenten wird, dabei von schneidender
Schärfe, wo er unklaren oder halben Dingen zu Leibe geht. Auch
Heinrich Pestalozzi tritt bei ihm ein, und er erwartet sich für seine
gegenwärtigen Absichten eine heilsame Kur davon. Es geht auch anfangs
vortrefflich, solange er nichts als seinen Schüler vorstellt; aber als
nach einem Vierteljahr die erste Bekanntschaft gesichert ist, sodaß
auch in diesem Verhältnis das Menschliche zum Vorschein kommen kann,
sieht er als Grundlage aller glänzenden Fähigkeiten dieses Mannes den
Geist der Aufklärung, den er immer gehaßt hat und der ihm seit dem
Emil als die Quelle aller Unnatur verächtlich wurde. Es ist eine Art,
die Welt in das Einmaleins der Vernunft aufzulösen, die seiner Natur
unmöglich ist und ihm als Vorbereitung für das Pfarramt verbrecherisch
scheint. Das Bild eines Seelsorgers, wie es ihm vorschwebt, ist der
Diener eines gütigen und demütigen Menschentums; dies aber dünkt ihm
eine Sklavenherrschaft der Bildung zu sein, die auch die jungen Pfarrer
noch von dem Volk absondert zu dem geistigen Hochmut, in dem er alles
städtische Wesen eingezirkelt sieht: In dem Zwiespalt dieser geistigen
Dressur zu seinem Lebensgrund zerreißen sich die tapferen Absichten
der Selbstzucht; denn gerade die freimütige Art des Professors, seine
Schüler zur tätigen Mitarbeit herauszufordern, bringt seine Natur
zu Äußerungen des Widerspruchs, die dem selbstsicheren und auch
selbstgefälligen Mann als mädchenhaft verächtlich sein müssen.
So kommt es eines Tages, als Steinbrüchel über das vernünftige Denken
in der Religion mit allem Aufwand seiner gewetzten Vernunft und
seines spöttischen Witzes gesprochen hat und gerade dabei ist, seinen
Triumph aus den Äußerungen der Schüler zu ernten, zu einem Frage-
und Antwortspiel, darin der Streit von Anschauungen zu persönlicher
Feindschaft ausartet. Heinrich Pestalozzi, der das Rüstzeug Rousseaus
gegen Voltairesche Dialektik in Händen hat und an seine sterbende
Großmutter denkt, wie sie die Lilie im Garten streichelt, vergißt die
Eitelkeit des berühmten Lehrers und sagt: Wie alles Wahrnehmbare könne
auch die Religion Gegenstand der vernünftigen Denkarbeit sein, nur
dürfe man nie den Unterschied vergessen, der zwischen ihr selber und
den Gedanken über sie bestände, und um Gottes willen diese Gedanken
nicht schon für Religion halten; wie in allen Arten der Liebe, in der
Treue, im Haß und in der Trauer habe man in ihr eine direkte Äußerung
des Lebens -- und zwar die tiefste, da sie auf den Zusammenhang mit dem
Geheimnis der Welt ginge -- während alles Denken nur indirekt, eine
Hilfe des Lebens, aber nicht wie jene Dinge, das Leben selber sei!
Er bringt das nicht so rasch heraus, verhaspelt sich vielmals und
sucht mit den Armen nach dem fehlenden Wort, sodaß die andern schon
zum Spott gestimmt sind, bevor der Professor ihn mit dem scharfen Witz
abfertigt, daß sie ja auch hier zum Denken und nicht zum Leben seien,
auch wenn ihm das eine schwerer zu fallen scheint als das andere! Mit
solcher Waffe hat er es natürlich leicht, die Spottlust der Klasse über
seinen ungeschickten Gegner herauszufordern, sodaß die Antwort Heinrich
Pestalozzis vom Gelächter verschüttet wird. Seit diesem Tag behandelt
Steinbrüchel ihn mit einer spöttischen Nachsicht, als ob er einen
komischen Störenfried in seiner Klasse hätte; und da der Geist der
Aufklärung, aus dem er sich mit den meisten seiner Schüler verständigt,
der Stolz von Zürich ist, kommt Heinrich Pestalozzi unvermutet wieder
in die Rolle des Heiri Wunderli von Torliken, und gerade die Klasse,
in die er mit so tapferem Willen eingetreten ist, wird ihm zu einem
Martyrium, darin er nun die Freude am Collegium überhaupt verliert.
25.
Mitten in den Entmutigungen dieser Zeit trifft Heinrich Pestalozzi ein
merkwürdiges Ereignis: Lavater ist nach fast einjähriger Abwesenheit
in der Stille zurückgekehrt, hat sich auch den Freunden einige Wochen
lang nicht gezeigt und überrascht sie eines Tages mit einem Bändchen
Schweizerlieder. Der nach seiner demütigen Abbitte aus der Vaterstadt
entwichene Kandidat kehrt damit als ein Dichter in die Heimat zurück,
den nun auch die Mißgünstigen nicht mehr wie einen jugendlichen
Störenfried abtun können. Als er danach zum erstenmal wieder in die
Gerwe kommt, von Bodmer an der Hand geführt, wird der Tag von den
Patrioten wie ein Sieg der vaterländischen Sache gefeiert. Auch
Heinrich Pestalozzi schüttelt dem Glücklichen die Hand, geht aber
bald wehmütig fort; nicht, daß er dem Lavater den Triumph weniger als
ein anderer gönnte, aber es wird ihm mitten im Kreis der Freunde, die
sich um ihn drängen, deutlich, daß er nicht zu ihnen gehört, daß er
nur einen jüngeren Nachzügler ihrer Generation vorstellt. Fast alle
sind älter als er und haben ihr Studium schon beendigt, während er sich
selber immer mehr als ein Gescheiterter vorkommt. Darin hilft ihm auch
sein Rousseau nur zu einem trotzigen Selbstbewußtsein, das letzten
Grundes seine Unfähigkeit zu einer bei jenen geachteten Existenz
bestätigt.
In dieser Laune begegnet er Bluntschli, der unterdessen Hauslehrer
in Zürich geworden ist und, durch seine Verpflichtungen verspätet,
noch zur Gerwe will. Um mit seinem frühen Weggang nicht sonderbar
zu erscheinen, geht er einige Straßen mit ihm zurück und klagt ihm
offenherzig seine Not. Der hört ihn schweigend an, aber als sie vor der
Gerwe stehen, kehrt er kurzerhand um: Wenn es ihm recht wäre, könnten
sie miteinander noch auf den Lindenhof gehen!
Es ist eine unermeßliche Sternennacht da oben; obwohl der Mond noch
nicht aufgegangen ist, scheinen die Dächer der Stadt vom Licht
begossen, und der See leuchtet den Himmel in einer zarten Verklärung
wider. Sie schweigen lange, bis Bluntschli spricht: Du hast mir von
einem Menschen gesagt, der sein Leben nicht wie einen sauberen Parkweg
vor sich sieht und darum verzweifelt ist; ich könnte dir von einem
andern erzählen, der seine Stunden sorgfältig vorbereitet hat, nur daß
er sie selber nicht mehr wird schlagen hören, weil ihm das Uhrwerk vom
Rost zerfressen ist! Er hat die Hand auf seine vom Anstieg angestrengte
Brust gelegt, als er das sagt, und danach schweigt er, sodaß Heinrich
Pestalozzi -- der kein Wort findet, das ehrlich und zart zugleich ist,
um eine Antwort auf dieses Bekenntnis eines Todgeweihten zu sein -- in
einer Spannung dasteht, als müsse ihm der Kopf zerspringen. Auch der
andere kommt nicht mehr zurecht, bis sie schweigend aus dem Schauer
dieser Sternennacht hinunter gehen, in die dunklen Gassen und auf der
Brücke mit dem Mühlrad nach der großen Stadt hinüber. Erst auf der
Münsterterrasse, wo die beiden Türme sich riesenhaft in die Sterne
einzubauen scheinen, findet die Erregung noch einmal ein Wort: Wozu
meinst du, sagt der Bluntschli und zeigt an den Steinmauern hinauf,
wozu meinst du, daß die dastehen? Für dich nicht und für mich nicht,
für jeden einzelnen wären sie zu groß, und für alle sind sie auch nicht
da; denn ich weiß hundert, denen sie gleichgültig bleiben! Aber daß
die Menschlichkeit im Namen des Höchsten, das wir kennen, täglich in
die Geschäfte und die Arbeit eingeläutet wird, dafür sind sie so dick
und dauerhaft gebaut. Und daß sie uns sagen: was einer für sich selber
Irdisches zuwege bringt, das hört mit seinem Leben auf; aber was er an
der Menschlichkeit tut, das ist unsterblich. Du sorgst, was aus dir
werden soll, und mir ist die Sorge bald abgenommen -- am Ende aber ist
es wichtiger, was wir gewesen sind!
Er läßt ihn danach stehen, gibt ihm nicht einmal die Hand und geht auf
seine vorgebeugte Art davon. Heinrich Pestalozzi kommt nach Haus, als
ob er aus dem Jenseits wiederkehre.
26.
Seit diesem Frühwinterabend verliert Heinrich Pestalozzi die enge
Fühlung mit den Freunden in der Gerwe nicht mehr; es ist, als habe er
eine Verkündigung erlebt, was zwischen ihnen Gemeinsames sei. Als sie
zum Januar ein Wochenblatt gründen, das der Erinnerer heißt und von
der klugen Hand Lavaters in Gemeinschaft mit Heinrich Füeßli -- einem
Vetter des Malers, der unterdessen in London seine Künstlerlaufbahn
begonnen hat -- geleitet wird, ist er eifrig dabei. Sie haben nun alle
Rousseau gelesen; und wenn Bodmer sie von Anfang an lehrte, daß der
sicherste Weg zur persönlichen Freiheit der sei, sich aller unnötigen
Bedürfnisse zu entwöhnen, da man nur durch diese den Machthabern
ausgeliefert, ohne Bedürfnisse aber frei wäre: so wird nun ein
asketischer Wetteifer daraus, der über die persönliche Unabhängigkeit
hinaus eine spartanische Vereinfachung der Sitten erzwingen will.
Mit jugendlicher Behendigkeit wird dadurch das Ideal des sittlichen
Lebens aus der Zeit Zwinglis und der Eidgenossen in das Kriegslager
der Spartaner zurückverlegt; und auch Heinrich Pestalozzi überrascht
das Babeli damit, daß er sich auf den Stubenboden bettet, nur mit
einem Rock zugedeckt, und dies auch monatelang zu ihrer Verzweiflung
durchhält.
Unvermutet gibt die Züricher Regierung den patriotischen Jünglingen
Gelegenheit, die spartanische Tugend zu erproben: Schon in der
deutschen Schule ist in der Klasse von Heinrich Pestalozzi ein Sohn
des Amtmanns Schinz zu Embrach gewesen, der -- ein Jahr älter als er
-- jetzt mit ihm Theologie studiert und auch einer aus der Gerwe ist.
Dessen Eltern besitzen einen Pachthof in Dättlikon, wo der Pfarrer
Hottinger von seiner Gemeinde eher für einen Wolf im Schafspelz als
für einen guten Hirten gehalten wird. Da ihn die Züricher Regierung
trotz der bösesten Gerüchte weiter amtieren läßt, weil er anscheinend
beim Antistes einen verläßlichen Fürsprecher hat, setzt der Student
Rudolf Schinz eine Anklageschrift auf, die von dem Gerichtsvogt und dem
Schulmeister in Dättlikon, den Gebrüdern Ernst, unterschrieben und mit
sorgfältiger Beachtung aller Vorschriften in Zürich eingereicht wird.
Als darauf zwei Monate lang nichts geschieht, als ob die Gestrengen
Herren auch diese Anklage noch verschweigen wollten, findet der
Antistes Heß an einem Maitag in seinem Kirchenstuhl einen mit Bleistift
geschriebenen Zettel, auf dem der Oberpfarrer an seine Pflicht erinnert
wird: Weil sonst die Steine anfangen möchten zu schreien!
Dieser Lästerbrief, wie er danach in den Akten heißt, bringt die
Gestrengen Herren mehr in Zorn als alle Amtsvergessenheit eines
lasterhaften Pfarrers. Wer von den Patrioten fähig scheint, ihn verfaßt
zu haben, wird peinlich ins Verhör genommen; auch Heinrich Pestalozzi
trifft es diesmal. Seine Mutter verschließt sich traurig in die Kammer,
als er den Weg aufs Rathaus antreten muß, und das Babeli putzt ihn
grimmig zurecht, daß er zum wenigsten noch in der Kleidung als ein
ordentlicher Mensch vor die Herren käme; er selber ist voll überlegener
Verachtung. In einem öffentlichen Anschlag des Kleinen Rates sind
dem, der den Briefschreiber verriete, zweihundert Dukaten versprochen
worden unter Verschweigung seines Namens: Daß eine Regierung, die in
ihren Schulen die Tugenden der Römer und Spartaner lehren läßt, sich
so weit vergißt, hat -- wie der Bluntschli sagt -- aus dem Schwert der
Gerechtigkeit ein Dolchmesser gemacht. So hört Heinrich Pestalozzi die
umständlichen Vermahnungen der Herren mit verächtlichem Trotz an und
verweigert wie die andern den verlangten Eid -- nichts von der Sache zu
wissen -- mit der vereinbarten Begründung, daß er bereit sei, einen Eid
für alles zu schwören, was er nach seinem Bürgergewissen zu sagen sich
für verpflichtet halte.
Gegen so viel Festigkeit der Jünglinge, die sich in die Hand gelobt
haben, ein Beispiel spartanischer Tugend zu geben, wagen die Gestrengen
Herren diesmal noch nicht vorzugehen: der Pfarrer Hottinger wird seines
Amtes enthoben, die Brüder Ernst in Dättlikon als Landbürger müssen
»übertriebener Anklägten« halber zweimal vierundzwanzig Stunden aufs
Rathaus in Arrest, Rudolf Schinz kommt als Stadtzürcher mit einer
Verwarnung davon.
In Heinrich Pestalozzi löst das Ergebnis einen Plan aus, den er
schon lange mit sich herumgetragen hat: Seitdem Klopstock und andere
deutsche Dichter Zürich hoch gerühmt haben, ist es eine beliebte
Äußerung des Heimatstolzes geworden, die Stadt an der Limmat mit Athen
zu vergleichen. Ihm scheint der Vergleich in dem besonderen Sinn
zu passen, daß athenischer Luxus und athenische Verweichlichung in
der Stadt Zwinglis überhand genommen haben, und daß es not täte, sie
auf das Beispiel Spartas zurückzuführen. Nun hat Heinrich Pestalozzi
in der ganzen Geschichte des lakonischen Staates nichts so gerührt
wie das Schicksal des jungen Königs Agis, der die von athenischen
Sitten angesteckte Stadt wieder zu den Gesetzen des großen Lykurgus
zurückführen wollte und darüber von seinen eigenen Landsleuten
hingerichtet wurde. Lykurgus und Zwingli sind für sein Gefühl eins;
weil aus dem spartanischen Zürich der Reformationszeit das Limmatathen
des Dättlikoner Handels geworden ist, liegt es für ihn nahe, auch
für Zürich einen Agis zu erwarten, und tatsächlich vermag er nicht
an seinen Freund Bluntschli zu denken, ohne daß dieser ihm das Bild
jenes edlen und unglücklichen Agis vorstellt. Nun sie in dem Handel
Sieger geblieben sind, gewinnt er Mut zur Beschwörung des alten
Heldenjünglings; aber seine Darstellung soll so deutlich auf Zürcher
Verhältnisse zielen, als ob der spartanische Reformator noch einmal in
die Welt gekommen wäre.
So schreibt Heinrich Pestalozzi, der sein zwanzigstes Lebensjahr
noch nicht vollendet hat und unter den Patrioten immer noch das
Nesthäkchen ist, als Antwort auf den Dättlikonhandel seinen »Agis«
nieder, den er dem greisen Bodmer in Handschrift überreicht, und
den er nachher auch in der Gerwe vorlesen darf. Endlich kommt sein
Ehrentag, und er hätte am liebsten seine Mutter, das Bärbel und das
Babeli dabei -- den Großvater hat er gefragt, aber der hat sich
nicht entschließen können mit seinen dreiundsiebzig Jahren -- wie
er den jungen und alten Patrioten seiner Heimatstadt ein Bild ihrer
schlimmen Zustände im Spiegel Spartas zeigen darf. Nicht allen sind
seine starken Ausdrücke recht, wie er das Reislaufen für fremdes Gold,
die Raubsucht der Reichen, die aufgeblasene Weisheit, das kriechende
Wesen der Untertänigen und den Redner, der um Beifall spricht, mit
dem Zeigefinger aus dem Bild herausholt; als er die Verleumdung gegen
Agis auch die Sprache der Niedrigkeit unserer Tage nennt, stürmen die
Jünglinge so laut mit ihrem Beifall, daß einige Ältere aufstehen und
sich entfernen; und als er den Agis sagen läßt: Ich rede die vergessene
Sprache der Freiheit in ein Jahrhundert hinein, das gewohnt ist, die
ewigen Gesetze der Freiheit verletzen, Mitbürger in Sklaverei stürzen
und das Heil des Staates vertilgen zu sehen! sind auch manche von
den Jüngeren erschrocken, und viele Augen richten sich fragend auf
den sonst so klugen Bodmer. Der aber, der den Schluß kennt, sieht
unbewegt und fast spöttisch unter seinen weißen Augenbüscheln gegen das
vertäfelte Gebälk der alten Zunftdecke. Als sich dann das Schicksal
des spartanischen Jünglings unter hohen Worten erfüllt, kommt alles
so, wie es der alte Herr vorausgesehen hat: mit ihrer Rührung um den
Helden gehen sie doch wieder in das griechische Altertum ein; soweit
sie ängstlich gewesen sind, sichtlich froh, alle harten und bösen Worte
mit dahinein packen zu können.
Aber in den Erinnerer wagt Lavater die Arbeit doch nicht zu nehmen,
und selbst Bluntschli, der sich die Handschrift noch an dem Abend
mitnimmt, bringt sie nach einigen Tagen, manchen Ausfall tadelnd,
zurück. Bei den Jungen und Stürmischen aber trägt ihm die Vorlesung
ein, daß sie seitdem auf ihn als einen Führer sehen, wie er selber beim
Eintritt ins Collegium auf Lavater und Bluntschli gesehen hat.
27.
Der Beifall, den Heinrich Pestalozzi an seinem Abend in der Gerwe
genossen hat, die Achtung selbst von denen, die bis dahin bereit
gewesen sind, ihn um seiner Wunderlichkeit willen zu verspotten,
die bedenklichen Gesichter der Abwägenden und das Gemunkel um seine
rebellischen Ausfälle: bringen für ein paar Wochen einen Überschwall in
ihm zustande, als ob er selber seiner Stadt ein Agis werden könne. In
dieser Stimmung findet er eines Mittags, aus dem Collegium heimkehrend,
ein Billett, das ihm jemand unbemerkt zwischen seine Bücher und Hefte
gesteckt hat: Einer, der von seinem Vortrag gehört habe, bäte ihn
aus einer verzweifelten Notwendigkeit um ein geheimes Gespräch; er
möge nachmittags um fünf Uhr unauffällig durch die Stadelhofporte
hinausgehen bis ans Zürichhorn, wo ihn dort oder schon unterwegs jemand
ansprechen würde.
Das Wetter ist dem sonderbaren Ausflug nicht günstig; schwarze
Wolkenballen drohen ein Gewitter, und gerade, als er zur Porte hinaus
will, prasselt ein Platzregen los mit Hagelkörnern und Donnerschlägen.
Er wartet mit drei modischen Mamsells, die sich nicht rechtzeitig
haben retten können und nun verdrießlich die Federn hängen lassen,
den schlimmsten Aufruhr ab und geht dann tapfer den Wiesenpfad am
See entlang. Unterwegs kommt die Sonne in die Nässe, und über den
Weinbergen versucht sich ein Regenbogen. Am Zürichhorn ist niemand;
aber als er sich schon für gefoppt hält, legt ein Weidling an, darin
jemand mit einer Angel gesessen hat. Es ist ein Student aus dem
Alumnat, den er von Ansehen, nicht mit Namen kennt, ein ungewöhnlich
langer und blasser Jüngling, dem die Hosen an den Beinen kleben von
dem Regen. Der fragt ihn nach einer scheuen Begrüßung, ob er ein
Stück mitfahren wolle auf die Seehöhe hinaus; und erst, als sie so
weit auf der gleißenden Wasserfläche sind, daß sie vom Ufer aus nicht
mehr erkannt werden können, fängt er an zu sprechen: nicht scheu und
stockend, wie Heinrich Pestalozzi erwartet, sondern rasch und fest wie
einer, der sich die Worte vielmals überlegt hat und seiner Scheu damit
Gewalt antut.
Was er mitteilt, ist Heinrich Pestalozzi nicht unbekannt; es betrifft
die geheimen Dinge im Alumnat, von denen im Carolinum längst
die schändlichsten Gerüchte gehen. Aber was ihm bisher nur ein
verächtliches Laster gewesen ist, bekommt in den Worten des Jünglings
eine Gefährlichkeit, daran er nicht gedacht hat: auch die noch
unbefleckt einträten, würden Opfer der allgemeinen Verführung, sodaß
die gesundesten Landsöhne schon ein halbes Jahr nach ihrem Eintritt
wie junge Birken wären, denen im Frühjahr der Saft abgezapft wurde. Er
selber sei einer von denen, die sich anfangs gewehrt hätten: aber weil
das Laster nicht mehr heimlich, sondern die allgemeine Gewohnheit im
Alumnat sei, würde die Tapferkeit nur verhöhnt als ländliche Dummheit,
auch vermöge sie schließlich der Lüsternheit, die doch nun einmal in
jeder menschlichen Natur läge -- hier fühlt Heinrich Pestalozzi in der
Erinnerung an seinen Rousseau einen feinen Stich im Herzen -- nicht
standzuhalten: Was er von ihm verlange, sei nichts als ein Antrag auf
Untersuchung, auch was die nächtlichen Zusammenkünfte auf dem hinteren
Speicher beträfe, der dafür seit Jahren eingerichtet sei. Aber ihn als
Angeber verraten dürfe er nicht, was auch käme, und er müsse ihm das
schon in die Hand versprechen, wenn ihm eine Hand wie die seine dazu
noch recht sei!
Heinrich Pestalozzi verspricht es ihm in die Hand und läßt sich ans
Ufer fahren, wo die Sonne aus der Regenfeuchtigkeit einen heißen Dunst
macht. Er geht durch Binsen und Gebüsch der reisigen Stadt Zürich zu
wie ein Bote, dem die Feinde eine eiserne Halskrause umgeschmiedet
haben. Als er sich vor der Stadelhofporte zurückwendet, erkennt er
den Weidling noch, wie er mit beigelegten Rudern auf dem schimmernden
Wasserberg steht; es ist ihm nun fast sicher, daß er das häßliche
Geheimnis bewahren muß. Aber noch am selben Abend schreibt er tapfer
die Anzeige und gibt sie so ohne Vorsicht an der Tür des Antistes ab,
daß er schon am andern Mittag ins Verhör genommen wird. Er steht noch
immer in Verdacht, den Lästerbrief geschrieben zu haben, auch hat sein
spartanisches Sittenbild die Stimmung der Chorherren gegen ihn nicht
gebessert: so setzen sie ihm scharf zu.