Zuhörer für seine zornigen Gedanken zu haben. Vielemal läuft er mit ihm
disputierend am Wasser auf und ab, auf dem der Mond sein Silberlicht in
einen ruhelosen Abgrund schüttet: Er habe die Grundlage der sittlichen
Bürgerordnung, nicht den Aufruhr stipulieren wollen, sagt der Kandidat,
und obwohl Heinrich Pestalozzi seine Freude an dem braunbärtigen Manne
gehabt hat, folgt er dem Aufgeregten in seine Welt. Es tut ihm wohl,
von dem Älteren so gewürdigt zu werden, und als er endlich allein --
vom Nachtwächter verscheucht -- zum Roten Gatter hinaufgeht, geben
die einstürmenden Erinnerungen aus der Stadtgeschichte nur noch die
Begleitung zu seiner fast trunkenen Melodie, daß er nun mit beiden
Füßen in das Gemeinleben der Stadt eingetreten sei und daß er an dem
Kandidaten einen Bekannten gewonnen habe, von dessen entschiedenen
Meinungen er sich manches für seine eigene Zukunft erhoffen dürfe.
19.
In der Folge sorgt Heinrich Pestalozzi, daß ihn der Bluntschli nicht
wieder aus den Augen verliert. Er weiß, wie der unbemittelte Sohn
eines Steinmetzen es gleich ihm nicht leicht hat zwischen den reichen
Bürgersöhnen, aber um seines Fleißes und der jungmännlichen Strenge
willen mit besonderen Hoffnungen betrachtet wird. Wen der Bluntschli
von den Studenten seines Umgangs würdigt, der ist damit schon etwas
Besonderes; obwohl er den unfröhlichen Menschen bisher nicht günstig
angesehen hat, überläßt sich Heinrich Pestalozzi nun willig seiner
Führung, weil sein Ehrgeiz in dieser Gefolgschaft schneller einen Weg
in die Lebensdinge zu finden hofft, als auf dem Umweg der Schule.
Es dauert auch nicht lange, so darf er ihn besuchen im Zunfthaus zu
den Zimmerleuten, wo sein Vater Stubenverwalter ist. Er spürt wohl,
daß der Bluntschli einen herrschsüchtigen Hang hat und seinen Freunden
strengere Pflichten auferlegt, als es einem Lehrer gestattet würde;
aber weil er selber in einen fanatischen Lerneifer geraten ist, sodaß
er nicht essen kann, ohne daß noch ein Buch neben dem Teller liegt, ist
ihm die Strenge recht.
Eines Tages kommt es zu einem Spaziergang, durch Sihlport hinaus
gegen den Uto. Er muß sich einen Tadel gefallen lassen, weil er dem
Bluntschli zu hastig mit den Armen schlenkernd dahinläuft; als sie
dann gegen den Waldrand hinauf wollen, merkt er freilich, daß es
nicht nur die Sorge um seine Würde ist, die den andern so gemessen
schreiten läßt: der Atem wird ihm bald zu kurz, sodaß sie den steilen
Weg verlassen und einem Pfad links unter der Manegg her folgen. Wo
die Büsche den Blick frei lassen, geht er über die schattige Rinne
des Sihltals und den dunklen Waldrücken bei Wollishofen in das
blaue Himmelsbecken des Zürichsees, darin Wolken und Bergfernen ihr
schimmerndes Licht mischen: so erstaunt Heinrich Pestalozzi nicht,
als sie in einer grünen Wiesenbucht einen Maler emsig dabei finden,
die Linien und Farben dieser Ansicht auf ein Papier zu bringen. Ein
Genosse von ihm hat sich augenscheinlich als Staffage auf eine Kuppe
davor gesetzt, und ein weißer Hund liegt artig ihm zu Füßen, als ob er
seine Wichtigkeit im Bild fühle. So emsig der eine mit den Wasserfarben
hantiert, so eifrig liest der andere in einem Buch; und erst als der
Hund sich erhebt, die beiden Ankömmlinge knurrend zu stellen, schauen
beide auf, erst der Maler, und als der gleich einen Juchzer ausstößt,
auch der Leser.
Der mit dem Buch ist Lavater, und Heinrich Pestalozzi begreift nicht,
daß er ihn nicht beim ersten Blick erkannt hat; von dem andern weiß
er, daß er ein Sohn des Malers Füeßli ist, gleichfalls Theologie
studierend, aber gern mit dem Handwerkszeug seines Vaters über Land,
und den Lehrern mit seiner freimütigen Art vielmals ein Ärgernis. Er
hat wie meist sein Waldhorn mit, und ehe sie noch ihren Gruß sagen
können, bläst er ihnen schon einen ländlichen Hopser ins Gesicht.
Dem Bluntschli scheint die Begrüßung zu mißfallen; er geht an dem
übermütigen Bläser vorbei gleich auf Lavater zu, und es sieht aus, als
ob er ihn zur Rede stelle. Dabei hat er den Hund des Malers nicht mit
berechnet; denn als er mit einer beschwörenden Gebärde auf den Freund
losgeht, stellt das große Tier seinen Mann und legt ihm die Pfoten auf
die Schultern, sodaß er statt dem Gesicht des Ungetreuen das bleckende
Maul vor sich hat. Der Füeßli kann vor Gelächter nicht mehr blasen; er
ruft den Hund erst zurück, als er sieht, daß der Bluntschli sich mit
seinem blassen Zorn in Gefahr bringt.
Heinrich Pestalozzi hat den Auftritt, weil der Füeßli nicht zu seiner
Bekanntschaft gehört, wie ein überflüssiger Zuschauer erlebt; sein
Pflichtgefühl ist bereit, sich zu dem Zornigen zu schlagen; als aber
der Maler ihm lachend die Hand hinhält, vermag er den lustigen Augen
nicht standzuhalten. Die andern scheinen sich unterdessen auch geeinigt
zu haben; obwohl verstimmt, kommen sie hinzu, setzen sich auch zögernd,
wie der mit dem Waldhorn vorschlägt, miteinander auf den trockenen
Grasboden und betrachten sein Bild. Es zeigt erst die porzellanene
Bergferne und vorn das waldige Sihltal wie eine dicke grüne Raupe, aber
es ist sauber gemalt, und Heinrich Pestalozzi muß den leichtherzigen
Menschen bewundern, der gleichwohl solches vermag. Dem Bluntschli
scheint das Bild keiner Beachtung wert; er will wissen, was für ein
Buch Lavater gelesen hat, und als der ihm den Titel zeigt, weist er
es kopfschüttelnd zurück. Als ob er sich vor Pestalozzi rechtfertigen
müsse, gibt Lavater ihm das Buch in die Hand: es ist eine Schrift von
Winckelmann über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei
und Bildhauerkunst. Er weiß nicht weshalb, aber er hat im Augenblick,
da er es nahm, gehofft, es möchte der Emil von Rousseau sein; so gibt
er das Buch enttäuscht aus der Hand.
Der Maler will die Stimmung retten und schlägt vor, daß sie zusammen
durch das Sihltal hinüber nach Wollishofen wandern und von da am Abend
in einem Schiff zurückfahren sollten. Heinrich Pestalozzi würde das
trotz seinem Erlebnis an dem Weidling mitgemacht haben; aber Bluntschli
steht geärgert auf und geht ohne Gruß den gleichen Pfad zurück, es ihm
überlassend, ob er folgen oder sich den andern anschließen will. Er
wäre auch bei besserer Stimmung eines solchen Verrats nicht fähig, gibt
also beiden mit einem flehenden Blick für seinen zornigen Genossen die
Hand und springt ihm nach.
Bis zur Sihlbrücke kommen sie schweigend, Bluntschli immer vorauf und
er wie sein Pudel hinterher; dann scheint das rauschende Wildwasser
den Groll zu lösen, und obwohl Heinrich Pestalozzi deutlich fühlt, daß
nur die Eifersucht um Lavater den Verärgerten so sprechen läßt, horcht
er doch seinen Worten. Die ersten hört er kaum im Lärm der Sihl, erst
nachher versteht er, daß der Bluntschli streng und erbittert von dem
Geist der Aufklärung spricht, von dem Heidentum, das mit der gerühmten
modernen Bildung in die Stadt Zwinglis gekommen sei und sich da mit
dem Tand seidener Kleider, mit komischen Erzählungen lüsterner Art,
mit radierten Idyllen und dem armseligen Götterwerk der heidnischen
Welt breitmache. Solange man seine Urteilskraft an wahrhaft nützlichen
Gegenständen üben könne, sei es ein Abfall, dürre und unfruchtbare zu
wählen: Die nötigen Kenntnisse sind allen Menschen gemein, die nicht
allgemeinen sind unnötig!
Es ist zuviel von seiner eigenen Gesinnung darin, als daß Heinrich
Pestalozzi ihm nicht zustimmen sollte, und für eine Weile stehen die
beiden da oben im Wald vor ihnen wie rechte Taugenichtse da; aber als
sie von der Meisezunft her gegen die Wasserkirche über die Brücke
gehen, lehnt bei dem Mühlrad ihr Lehrer, der weise Bodmer, und sieht in
das glatt strömende Wasser, als ob er etwas in seinem Grund suche. Sie
wollen ehrfürchtig grüßend an ihm vorbei; er erkennt sie aber und hält
sie an: ob sie schon wüßten? Als sie beide den Kopf schütteln, nimmt er
sie mit hinunter in die Gerwe und zeigt ihnen da eine Anklageschrift
gegen den Landvogt Grebel, die in der ganzen Stadt verbreitet wäre und,
wie er bestimmt vermute, Lavater und Füeßli zu Verfassern hätte: Wenn
sie sich dazu bekennen müssen, sagt er und faltet das Papier wieder in
seine Brusttasche, ist den beiden der Wellenberg sicher!
20.
Einige Tage später muß Heinrich Pestalozzi hinauf nach Höngg, wo seine
Mutter mit dem Bärbel die kränkelnde Großmutter pflegt. Sie ist nun
einundsiebzig und längst zu schwach für ihren Garten, doch hat sie
es gern, wenn sie bei gutem Wetter hinuntergelassen und auf Stühlen
zwischen den Beeten gebettet wird. Da liegt sie auch diesmal, als er
um einer Laune willen unten an der Limmat hin und dann den steilen Pfad
heraufgekommen ist. Es macht die alte Frau besorgt, daß er von dem
raschen Anstieg seine brandigen Hitzflecken im Gesicht hat, und sie
ruht nicht, bis er sich mit ihrer Schürze den Schweiß abtrocknen läßt.
Nachher muß er sich auf die Steinbank setzen und ihr erzählen; da ihn
die Vorfälle um den Vogt Grebel, die geheimnisvolle Anklageschrift und
die zornigen Untersuchungen der Gestrengen Herren bis in den heißen
Kopf erfüllen, spricht er ihr davon. Dann scheint es ihm freilich,
als ob ihr einfältiger Sinn den Dingen nicht zu folgen vermöchte; sie
streichelt nur immer eine Lilie, die sich in der linden Luft zu ihr
neigt, und lächelt auf eine kindliche Art dazu. Als er aufsteht, die
andern aufzusuchen, hält sie ihn fest mit ihrer welken Hand, und für
einen Augenblick scheint ihr Greisensinn völlig verwirrt. Du mußt im
Traum sein, Heiri, den Landvogt hat der Tell geschossen!
Er findet die Mutter und das Bärbel, die er abholen soll, schon
reisefertig im Flur. Seitdem der Tochtermann des Pfarrers, der Vikar
Wolf, gestorben ist, führt ihm die Witwe den Haushalt; das Tantli,
wie sie bei ihnen heißt, ist noch eine junge Person und kann es trotz
ihrer beiden Kinder wieder allein machen, seitdem es mit der Großmutter
bessert. Er mag aber nicht sobald wieder fort; es drängt ihn, auch
mit dem Großvater zu sprechen; so läßt er die beiden allein gehen und
bleibt zur Nacht. Der Großvater hat mit der zunehmenden Gebrechlichkeit
des Alters eine Vorliebe für gelehrte Studien gefaßt und sitzt über
seinem Liebling, dem Kirchenvater Lactantius, den er den christlichen
Cicero nennt; er läßt sich aber diesmal gleich stören: Es geht mir
bald wie mit meinem Schwiegervater selig, dem Chorherrn Ott und seinem
Flavius Josephus, sagt er wehmütig lächelnd, indem er die alten Bände
zur Seite legt. Heinrich Pestalozzi weiß, wie merkwürdig die Weisheit
dieses Juden aus der Zeit Christi an dem Zürcher Baum der Erkenntnis
seines Urgroßvaters gehangen hat, und wie der alte Chorherr daran zum
Narren geworden ist; aber angefüllt von den Dingen der Gegenwart vermag
er nicht mit dem Großvater zu lächeln und sagt ihm das seltsame Wort
aus dem Garten, das einen Dammbruch in seine Gefühle gerissen hat. Der
alte Herr wird im Augenblick ernst und nimmt ihn hastig an der Schulter
hinaus, als ob dergleichen in seiner Amtsstube nicht gesprochen werden
dürfe.
Sie machen danach miteinander einen Gang ins Dorf, wo der Pfarrer dem
Schulmeister eine Weisung zu geben hat. Heinrich Pestalozzi sieht von
weitem das Haus, darin er den Ernst Luginbühl an den Webstuhl genötigt
weiß, und das schmerzhafte Erlebnis mit dem Testament der Mutter, das
er seitdem tiefunterst im Schrank verwahrt, gibt seinen strömenden
Worten einen bitteren Beiklang. Der Großvater läßt ihn schweigend sein
übervolles Herz ausschütten und tadelt ihn nur, als er sich allzu
heftig zum Richter aufwirft. In seiner Kammer aber findet er an diesem
Abend -- vom Großvater heimlich hingelegt -- die Verordnungen für das
gemeine Landvolk, die den Pfarrern von den Gestrengen Herren übergeben
sind. Er liest darin, bis sein Kerzenlicht zu Ende ist; nachher vermag
er nicht zu schlafen, sitzt in den Kleidern am offenen Fenster bis
in den Morgen und sieht in die unruhige Mondnacht hinaus, darin die
jagenden Wolken ihre schwarzen Schatten vor die silberne Scheibe
drängen; so oft sie auch siegend daraus hervorkommt, unaufhörlich
steigen die schwarzen Sturmvögel vom Zürichberg herauf, ihr Licht zu
decken; nicht anders, als die Verordnungen der Züricher Stadtherren
über den mühsamen Lebensstand des gemeinen Landvolkes kommen:
Alle Ämter in Staat und Kirche, alle ehrsamen Handwerke sind dem
Landvolk verschlossen, das mit Zehnten und Grundzinsen, mit dem Erb-
und Leibfall, der dem Landvogt bei jedem Todesfall das beste Stück der
Hinterlassenschaft sichert, mit Fronden und Kleidervorschriften, mit
Handelsverboten und strengen Strafen für jedes Gelüst der Freizügigkeit
von den Stadtbürgern wie leibeigen gehalten wird. Heinrich Pestalozzi
hat all diese Dinge einzeln auch schon vorher gewußt, wie der Bauer
nichts auf dem Dorf verkaufen, sondern alles auf den Zürcher Markt
bringen muß, wo die Bürger für jede Ware den Preis festsetzen, wie
ihm verboten ist, Geld auszuleihen, damit die Stadtherren den hohen
Zins behalten, wie er nicht einmal sein selbstgesponnenes Tuch und
Leinen selber färben darf: aber daß diese grausame Willkür mit allen
Folgen des Elends ein Verrat an den alten Sagen und Briefen der
Eidgenossenschaft ist, das hat er nicht durchgefühlt bis zu dieser
Nacht, wo ihn das einfältige Wort der Großmutter vom Landvogt und dem
Tell in einen Aufruhr aller Gedanken gebracht hat.
21.
Heinrich Pestalozzi kommt am nächsten Morgen aus Höngg zurück, als ob
der Geist Tells in der Stadt Zürich auf ihn warte. Er findet den Kram
der Straßen in der gleichmütigsten Geschäftigkeit, und nur am Rathaus
drängen sich die Leute vor einem Anschlag der Gestrengen Herren: Man
habe mißfällig vernommen, daß gewisse für die Ordnung des Staates
zwar wichtige Nachrichten auf eine illegale Weise angezeigt worden
wären, und wolle hiermit jedermann erinnert haben zu berichten, was
er von der Sache wisse! Der Vorwitz der Stunde treibt ihn, sich eines
Wortes von Bodmer zu erinnern, daß es der Charakter der Regierungen
sei, sich selber allen Patriotismus zuzuschreiben und bei andern
Leuten nichts als Unverstand, unreine Absichten, Wildheit und Aufruhr
zu bemerken. Aber einige grämliche Handwerker, die dabei stehen,
nehmen ihm den jugendlichen Vorwitz übel und hätten ihm die vorlauten
Worte mit Schlägen heimgezahlt, wenn er nicht eilig in die Marktgasse
hinauf entwichen wäre. Als er sich da nach den schimpfenden Verfolgern
umsieht, aber hastig weiterläuft, hat er das Unglück, in eine offene
Kellertreppe hinein zu fallen, wodurch er zwar ihrem Zorn entgeht, sich
aber schmerzhaft den Knöchel vertritt. Er ist noch nicht aufgestanden,
als schon mit einem Licht aus der Tiefe des Kellers ein Mann im
Lederschurz herzuläuft, den er gleich als den braunbärtigen Ankläger
aus der Gerwe erkennt. Der hilft ihm mit lustigem Spott auf, leuchtet
ihn ab und bringt einen Napf mit Wasser, die Schramme an, der Stirn
zu waschen, aus der ihm Blut in die Augen läuft. Es scheint nichts
Schlimmes damit, und da er bei seiner hastigen Art Beulen und Schrammen
gewöhnt ist, hält ihn das Gespräch mit dem handfesten Mann länger auf
als seine Wunde. Er erfährt, daß sich Lavater und Füeßli gleich tapfer
zu der Schrift bekannt haben und sofort ins schärfste Verhör genommen
sind: weil sie geblasen hätten, was sie nicht brannte.
Um seine Mutter nicht unnötig zu erschrecken, humpelt er zunächst
ins Carolinum, wo ihm die allgemeine Aufregung die Mitteilung des
Mannes bestätigt. Er kommt in der kampflustigsten Stimmung, aber
mit schmerzendem Fuß zu Hause an, und über Nacht schwillt dieser so
auf, daß der Doktor kommen muß. Es ist nur eine Zerrung der Sehnen,
aber der Fuß wird eingepackt, und er liegt nun als das erste Opfer
der Begebenheit zu Hause. Das Babeli läßt ihn ihren Grimm über den
unnützen Fall spüren, und wenn ihm das Bärbel nicht mit schwesterlichem
Eifer zu Diensten wäre, hätte er es hart. Sie bringt ihm ans Lager,
was er braucht, und holt Erkundigungen über den Stand der Dinge ein:
Es gibt zwar eine zornige Partei, die den beiden Angebern nach altem
Brauch kurzerhand den Wellenberg verordnen möchte, aber der Kreis
der Patrioten aus der Gerwe sammelt Unterschriften aus der ganzen
Stadt, daß die beiden nur nach ihrem Bürgereid gehandelt hätten.
Da der Bürgermeister Leu sich in der Sache neutral verhält, obwohl
der beschuldigte Landvogt Grebel sein Eidam ist, auch Lavater wie
Füeßli aus angesehener Familie sind, gelingt es Bodmer, sie vorläufig
freizuhalten, indessen die Untersuchung nach anderen Aufrührern ihre
verbissenen Gänge weiter wühlt.
Heinrich Pestalozzi kann schon wieder vom Fenster an die Ofenbank
humpeln, als es eines Abends gegen die Dämmerung zaghaft an die
Stubentür klopft. Das Babeli hebt noch schnell ein Stuhlkissen auf,
das er dem Bärbel im Scherz nachgeworfen hat, bevor es den Riegel
aufklinkt. Herein kommt aber nur die unsichere Gestalt Lavaters, der
den Hut schon draußen abgenommen hat und damit ein Päckchen in seiner
Hand bedeckt. Heinrich Pestalozzi kennt ihn bisher eigentlich nur aus
der Gerwe, wo er freilich einmal lange mit ihm gesprochen hat, und ist
ebenso überrascht von dem Besuch, wie der andere verlegen scheint. Er
habe erst jetzt von seinem Mißgeschick gehört, sagt er schließlich,
als ihm Hut und Päckchen abgenötigt sind, und fängt an, vor Heinrich
Pestalozzi auf und ab zu schreiten: seine eigene Sache stände nicht
günstig, er wolle zwar nicht vorher fliehen, aber nach dem Urteil außer
Landes gehen; zu Hause und vor der übrigen Verwandtschaft als einer
dazustehen, der aus Leichtsinn seine Zukunft verspielt habe -- hier
läuft das Babeli weinend aus der Stube -- wäre ihm unerträglich; er
wolle sehen, ob die Welt keinen andern Platz für ihn habe! Er spricht
noch manches, bis es völlig dunkel wird, und verhehlt auch nicht, daß
Füeßli der treibende Wille und er nur die Feder dieser Anklageschrift
gewesen sei, die ihn nun selber zum Angeklagten gemacht habe. Als
das Bärbel ein Licht bringt, nimmt er seinen Hut, bevor Heinrich
Pestalozzi weiß, was er eigentlich gewollt bat, das Päckchen läßt er
liegen; die Schwester will es ihm nachbringen, aber er wehrt mit einer
komischen Verdrießlichkeit ab und geht auf seine lautlose Art rasch die
Treppe hinunter, von dem Bärbel beleuchtet.
Als sie wieder zurückkommt mit dem Licht und Heinrich Pestalozzi das
sauber verschnürte Päckchen ansieht, trägt es seinen Namen. Ungeduldig,
nun endlich zu wissen, was der seltsame Besuch des Kandidaten für ihn
bedeutet, reißt er den Umschlag ab, und dann steht für einen Augenblick
sein Leben still wie eine Kerzenflamme: was er in den Händen halt, ist
Rousseaus »Emil«.
Was hast du? fragt die Schwester, als sie ihn mit dem Buch in den
Händen so dasitzen sieht; er hält ihr den Titel hin und weiß kaum
selber, was sein Mund spricht: Ich habe den Propheten!
22.
Heinrich Pestalozzi vermag nicht so fließend französisch zu lesen,
daß er das Buch verschlingen könnte; er muß es wie einen alten
Schriftsteller studieren, und oft genug stockt er bei einem Wort,
dessen Sinn ihm vieldeutig oder unklar ist. Aber darum ist es doch für
ihn, als ob er eine Feuersbrunst erlebte, wie erst nur die Flämmchen
nach dem First hinlaufen, auf einmal Pfannen niederprasseln und endlich
das feurige Gerippe brennender Balken in der Lohe steht, wo vorher ein
Dach jahrhundertelang die Menschlichkeit vor den Elementen beschützt
hat. Zeit und Raum verliert er vor dem Buch; und wenn er aus den
Seiten aufblickt in die Stube, kann er staunend seine Mutter oder das
Bärbel dasitzen sehen, als ob sie im Augenblick aus himmlischen Weiten
hergeweht wären. Vieles kennt er schon, aber gerade darum ist es ihm,
als ob in den Gesprächen Bluntschlis, in den Reden Bodmers und allen
Verhandlungen der Gerwe nur Irrlichter gewesen wären von dem Feuer, das
hier durch Tag und Nacht seinen Brand brennt. Mehr als dies alles aber
ist die heimlich wachsende Erstaunung, daß die Seele seiner Jugend in
dem Buch ihre Heimat findet; immer bis zu diesem Tag ist es gewesen,
daß es von ihr zur Welt keinen Zugang gab: So irrend er gesucht hat,
so lieb ihm die Mutter und das Bärbel, das Babeli und der Baptist, die
Großeltern in Höngg und das heimelige Pfarrhaus gewesen sind, er ist
doch in der Einsamkeit geblieben, als ob nicht schon seine Ahne vor
mehr als zweihundert Jahren, sondern er selber erst fremd über die
Alpen nach Zürich gekommen wäre. Auch alle Schriften, die er bis dahin
gelesen hat, sind für ihn von dieser fremden Welt gewesen; nun aber ist
es, als ob in diesem Buch seine Seele selber aufgebrochen wäre, sodaß
es in der Welt ringsum nichts mehr gäbe als sie. Alles bis zu diesen
Tagen, was er gefühlt, gewollt und getan hat, ist mit dem schmerzlichen
Gefühl des Unrechts geschehen; zum erstenmal steht seine Natur auf und
sieht, daß sie recht hat.
Die Tage füllen sich zu Wochen, und die Wochen laufen schon in den
zweiten Monat, daß Heinrich Pestalozzi noch immer mit dem Buch dasitzt
und sich mit achtzehn Jahren erst eigentlich zur Welt bringen läßt.
Unterdessen läuft draußen alles seinen Gang ab: der Landvogt Grebel
wird schuldig gesprochen, aber Lavater und Füeßli müssen öffentlich
Abbitte tun; sie verlassen bald miteinander Zürich, wo die Patrioten
in der Gerwe vom Argwohn und Haß der Gestrengen Herren beaufsichtigt
bleiben und von den Kanzeln gegen den aufrührerischen Geist der Jugend
gepredigt wird. Im Carolinum werden die alten Schriften und die
Kirchenväter gelesen, und in den Zünften wird mißtrauisch über die
städtischen Rechte der Gewerke Buch geführt, das Bauernvolk bringt
zu Wagen und zu Schiff die Erträgnisse seiner Arbeit auf den Zürcher
Markt, und Sonntags strömen die geputzten Bürgersöhne und Mamsells
hinaus in seine ländliche Welt, in den Gasthöfen steigen Kaufleute
und empfindsame Reisende aus allen Ländern Europas ab, und die
Baumwollenweberei stellt zum Nutzen Zürcher Fabrikherren einen Stuhl
nach dem andern in den Dörfern auf, angeblichen Wohlstand verbreitend,
die Landreiter gehen auf die Betteljagd, und an zierlichen Tischen
werden die Idyllen Geßners gelesen: alles um ihn läuft seinen Gang
wie zuvor, nur steht das sehnsüchtige Gefühl seiner Jugend nicht mehr
als ein unbrauchbarer Fremdling darin. Es hat die Natur als Boden der
Menschlichkeit gefunden, wo alles Verirrung und Falschheit ist, was dem
inneren Gefühl um äußerlicher Vorteile willen widerstrebt, und er ist
sicher: dies ist der einzige Schlüssel für den Menschen in die Welt.
23.
Heinrich Pestalozzi hat den Emil zum drittenmal gelesen und ist noch
immer im Traum dieser Dinge, als Ende November in Höngg die Großmutter
sanft hinwegstirbt. Sie haben sie am Mittag bei milder Sonne noch
einmal in den Garten hinuntertragen müssen; da sind ihr mit den letzten
verirrten Blüten die Augen zugefallen, als ob sie schliefe. Er muß
mit dem Bärbel allein zum Begräbnis gehen, weil die Mutter selber zu
Bett liegt. Der matte Glast der Novembersonne steht in der unbewegten
Luft, als sie den Sarg um die Kirche auf den Acker tragen, wo die alten
Holzkreuze auf ein neues zu warten scheinen. Das ganze Dorf ist da,
auch die, denen es zu keinem sonntäglichen Kleid mehr reicht in ihrer
Armut; bis an die untere Mauer stehen sie als der letzte Kriegshaufe
lebendiger Liebe gegen den Tod. Bevor sie ihm seine Beute in das enge
Erdloch hinunterlassen, tritt der Schulmeister vor, mit den Kindern das
Abschiedslied ihres Lebens zu singen: Heinrich Pestalozzi ist oft mit
dem Großvater in der Dorfschule gewesen und hat ihnen zugehört, nun
will ihm der Gesang der Mädchen- und Knabenstimmen einstimmig vereint
herrlicher klingen, als er jemals Menschen singen gehört hat, und die
Erschütterung davon ist tiefer als die Trauer.