zu empfinden, zusammenhängt, ihn völlig verzagt zu machen: Weil er im
Examen der Erste gewesen ist, trifft es ihn, daß er das Gebet vor der
Klasse sprechen muß. So feierlich für ihn die Worte des Vaterunsers
sind, da er sie selber zum erstenmal öffentlich sagen soll, überfällt
der komische Zwiespalt zwischen seiner in tausend Täglichkeiten
verbrauchten Knabenstimme und dem feierlichen Aufwand, den er damit
treiben soll, sein verscheuchtes Selbstgefühl derartig, daß er einem
unwillkürlichen Zwang zu lachen nicht widerstehen kann und dadurch zu
einer ernstlichen Vermahnung kommt. Auch in der Folge verliert sich
dieses Hindernis nicht; so oft er in der Schule oder gar in der Kirche
etwas öffentlich aufzusagen hat, ist das stete Gefühl dabei, vor den
anderen Knaben lächerlich dazustehen, und er braucht dann nur seinen
Blick mit einem andern zu kreuzen, um auch schon auszuplatzen. Es ist
ihm sicher, daß er niemals als Pfarrer seine Stimme in der Kirche wird
erheben können, ohne diesen Zwang zum Lachen. Die erste Erkenntnis der
Weltzusammenhänge hat ihm die Unschuld seines Knabendaseins unsicher
gemacht, und ängstlich fragt er, ob sie ihm jemals wiederkommt?
14.
Als Heinrich Pestalozzi mit dem fünfzehnten Jahr aus der Lateinschule
übertritt in das sogenannte Collegium Humanitatis, das auch beim
Chorherrngebäude des Großmünsters liegt, ist von seinen Knabenplänen
nichts geblieben als die Verzagtheit, überhaupt einen Platz mit seinem
Dasein in der Wirklichkeit zu finden. Da hilft ihm zum erstenmal
seine Vaterstadt; indem er anfängt, die Dinge zu beobachten, wie sie
außer dem Kreis seiner Sinne ihre eigenen wechselvollen Zustände
haben, sieht er sich unerwartet vor ihre Vergangenheit gestellt. Diese
Bastionen und Stadttürme, Kirchen und Brücken: das alles ist nicht
immer so gewesen, wie es nun für seine Augen dasteht. Es ist die
Erbschaft der Jahrhunderte -- wie die öffentlichen Einrichtungen der
Zünfte, der Lehrschulen und Gottesdienste auch -- von Menschenhänden
in den ewigen Kreislauf der Natur gestellt und von Menschen in der
unaufhörlich ablaufenden Frist ihrer irdischen Gegenwart verändert.
Noch bevor er Schüler vom alten Bodmer wird, der seit Jahrzehnten in
Zürich helvetische Geschichte lehrt, verfällt er mit Eifer auf die
Geschichte der stolzen Heimatstadt. Gerade weil sie ihm mit ihren
finsteren Gassen nie so heimelig geworden ist wie das Land, und weil
sein Gefühl sich so schwer zurechtfindet mit den Einrichtungen, die
überall Ehrfurcht fordern und ihn bedrücken: sucht er hitzig nach der
Herkunft aller dieser Dinge und Sitten, als ob es ihm so gelingen
müßte, sein eigenes Gefühl aus der drohenden Ungewißheit in eine
sichere Übereinstimmung mit der Heimat zu bringen.
So liest Heinrich Pestalozzi, der zwischen den Bürgersöhnen immer noch
ein schmächtiges Gewächs und der Heiri Wunderli von Torliken ist,
die mehr als tausendjährige Geschichte seiner Stadt: wie schon zu
römischen Zeiten der Lindenhof ein befestigtes Kastell war und in den
Märtyrern der thebäischen Legion, Felix und Regula, seine christlichen
Schutzheiligen gewann; wie Karl der Große ihm seine geistlichen
Stifte, das Großmünster und das Fraumünster, gab und eine Reichsvogtei
das römische Kastell auf dem Lindenhof ablöste; wie es lange vor
dem Eintritt in die Eidgenossenschaft reichsfrei und ein mächtiges
Stadtwesen war, bis es durch Zwingli der Vorort der reformierten
Christenheit wurde. Er liest von den berühmten Bürgermeistern der
Stadt: von Bruns, dem ränkevollen Aufrührer der Innungen, der die
Regierungen der Zünfte gegen die Geschlechter begründete und in der
Züricher Mordnacht die von Rapperswil eingebrochenen Adeligen grausam
unterwarf; von dem riesenhaften Stüssi, der um das Toggenburger Erbe
den Krieg mit den Eidgenossen aufnahm und vor dem Stadttor an der
Sihlbrücke fiel; von Hans Waldmann, dem Helden zu Murten, unter dessen
Hand Zürich zum Vorort der ganzen Eidgenossenschaft wurde, bis er,
von seinem eigenen Glanz verblendet, seinen Gegner, den Volkshelden
Frischhans Theiling, hinrichten ließ und bei der Empörung der Seebauern
selber den stolzen Hals aufs Schafott legen mußte. Er liest, wie sich
die Bürgermeister um Geld an mächtige Fürsten verkauften, wie Zürich um
seines Vorteiles willen mehrmals die Eidgenossen an die Österreicher
verriet, und wie durch den Bundesvertrag mit Frankreich das Reislaufen
der Eidgenossen ein bezahltes Handwerk wurde. Aber dann kommt
Zwingli, der gegen diese wie andere Unsitten in Zürich ein Regiment
schweizerischer Mannhaftigkeit aufrichtet und, obwohl er selber bei
Kappel kläglich umkommt, Zürich zur evangelischen Glaubensburg macht.
Aus dem ränkevollen Spiel der Jahrhunderte wächst ihm die Gestalt
dieses Glaubenshelden zu einer Größe heraus, daneben die Figuren der
Bürgermeister in den schwankenden Schatten böser Leidenschaften
versinken.
Alle diese Dinge liest Heinrich Pestalozzi, wie ein anderer Zürcher
Knabe die Geschichte seiner Vaterstadt auch gelesen hätte; aber
unvermutet kommt eine Begebenheit, die seine eigene Herkunft angeht und
danach lange den heimlichen Schlüssel seiner vaterländischen Gefühle
abgibt: Zwingli ist seit vierundzwanzig Jahren tot, und überall haben
die Evangelischen mit der katholischen Gegenreformation zu kämpfen; da
ziehen an einem Mittag des Jahres 1555 einhundertsiebzehn Flüchtlinge
in Zürich ein, ziemlich die ganze reformierte Gemeinde aus Locarno,
die mit ihrem Pfarrer Beccaria über den schneebedeckten Bernardino und
den Splügen, durch Lawinengefahr und die Frühjahrsschrecknisse der Via
mala gewandert ist und in dem Nachfolger Zwinglis, dem Münsterpfarrer
und eigentlichen Regenten von Zürich, Heinrich Bullinger, einen
mannhaften Beschützer findet. Heinrich Pestalozzi weiß vom Großvater,
daß seine Familie ursprünglich italienisch und um des Glaubens willen
eingewandert ist: nun erkennt er die Umstände und wie tief er --
mütterlicherseits sogar ein direkter Abkömmling jener Flüchtlinge --
der Stadt Zürich verpflichtet ist. Zum andernmal wächst das Großmünster
mächtig auf vor einem Gefühl, aber es ist kein Grauen mehr; er sieht
die beiden Türme als reisige Wächter seines Glaubens die Stadt behüten,
und wenn nun Sonntags die mächtigen Glocken darin läuten, ist es der
Schlachtgesang Zwinglis und seiner Getreuen, die für das Evangelium
hinaus reiten in den Tod.
15.
Seitdem sich Heinrich Pestalozzi selber als einen Schützling dieser
mächtigen Stadt erkannte, mag er einsam durch ihre Straßen gehen
und sich allein von solchem Gang beglückt fühlen: Es braucht nur
ein Hufschmied zu hämmern, und schon hört er Schwertschlag auf
stählerne Panzer, und wenn er Sonntags mit der Gemeinde in den hohen
Münsterhallen singt, beim Donnerschall der Orgel, wenn er den Prediger
das Buch vom Altar nehmen sieht, wie es Zwingli an derselben Stelle
genommen hat, mischt sich mit dem ehrfürchtigen Grauen der Stolz und
Dank seiner von unbändigen Erinnerungen erfüllten Seele. Er weiß nun,
was es bedeutet, daß der steinerne Karl außen hoch am Münsterturm das
Schwert flach auf den Knien hält und warum auf den Brunnen die reisigen
Männer stehen. Als er einmal mit in die Zwölfbotenkapelle unter dem
Großmünster hinunter darf, läuft er nachher wohl eine Stunde lang
weinend vor Glück an der Limmat hin.
Es ist, als ob er nun die Stadt erst sehe, in der er aufgewachsen
ist; und wenn er durch eine der alten Porten hinaus geht, die noch
immer wehrhaft dastehen, obwohl draußen die wohlgerüsteten neuen
Bastionen sind, kann es ihm ängstlich werden, die schützende Grenze zu
überschreiten. Der schwarze Pfahlwall im See am Grendel, der mit der
Dunkelheit die Schifffahrt absperrt, der Wellenbergturm mitten in der
Strömung, das mit mächtigen Quadern ins Wasser vorgebaute Rathaus, die
stattlichen Zunfthäuser und der breitbedachte Rüden am Stücklimärt,
wo immer noch die Constafel, die Geschlechter, tagen, das Haus zum
Königstuhl mit seinem derb vorgebauten Erker, darin der Bürgermeister
Stüssi gewohnt hat, oder das Haus zum Loch, mit seltsamen Sagen dem
großen Kaiser Karl verknüpft: jeder Stein der Stadt wird mit dem
Bewußtsein der Geschichte lebendig, die daran gebaut hat.
Auch empfindet er nun, daß es etwas anderes ist, ob der Antistes
von Zürich durch die Straßen geht, oder ob sein Großvater von Höngg
zu einer Besorgung herein kommt; und als er erst einmal in der
Wasserkirche gewesen ist, wo die alte Bibliothek der Stadt in zwei
Galerien eingebaut steht und mit den alten Ölbildern an den Wänden
gleichsam das Uhrwerk ihrer geistigen Geschichte darstellt, wird der
stille Saal für ihn ein Raum mancher heimlichen Feier. Von hier aus
beginnt er mit Stolz nach den Männern zu sehen, die zum Ruhm und
Vorbild der Bürgerschaft leben, und wenn er nun den greisen Bodmer
daherkommen sieht, fühlt er: es ist mehr als ein Professor der
helvetischen Geschichte, es ist der Geist dieser tapferen Geschichte
selber, der unter seinen buschigen Augenbrauen in die Gegenwart blitzt.
16.
In dieser Zeit fängt Heinrich Pestalozzi auch an, Kameraden zu
bekommen; er ist den Wunderlichkeiten des alten Babeli entwachsen,
und so sehr die Gute schilt, wenn seine Kleider bei einer unnützen
Kletterei an der Stadtmauer oder sonst Schaden genommen haben: er ist
zu lange in ihrer Stubenhaft gewesen, um nicht mit Ausgelassenheit
die Freiheit solcher Streifereien zu genießen. Sogar reiten lernt er,
als wieder einmal der Vetter Weber aus Leipzig für einige Zeit in
Zürich auf Geschäften ist und ihm eins von seinen Rossen leiht. Es
geht ihm immer noch wie damals bei dem Großvater in der Kalesche, er
kann nicht mit dem Gaul übereinkommen, hält sich an den Zügeln fest,
als ob es Rettungsseile wären, und macht das arme Tier einmal am
Hottinger Pörtchen so wild, daß es auf der Holzbrücke anfängt, Männchen
zu machen, und ihn beinahe über das Geländer in den Stadtgraben
hinunter wirft. Schon läuft der Torwächter erschrocken hinzu, und die
Spaziergänger flüchten sich; irgendwie aber bleibt er doch noch im
Sattel hängen, das Pferd zieht es vor, den Stall zu suchen, und er
widerstrebt ihm nicht, obwohl er dabei seine Mütze verliert und nicht
gerade eine Reiterfigur macht.
Schlimmer geht es ihm jenes Mal, als er an einem Sonntagnachmittag mit
einigen Kameraden in einem Weidling nach Wollishofen hinausgerudert
ist und nachher wieder heim will. Sie sind nach Knabenart laut
gewesen, haben Schweizerlieder gesungen und in dem schwanken Schiff
ihre Katzbalgereien gehabt, als ob ihnen garnichts Schlimmes begegnen
könnte. Beim Einsteigen aber, als sie noch mitten im Gelächter sind,
kommt er mit dem einen Fuß nicht vom Landungssteg los, während er den
anderen schon auf den Rand gesetzt hat. Durch den Ruck weicht das
Schiff unter ihm fort, bis seine Beine zu kurz für die Spannung sind
und er kopfüber in den See kippt. Er kann nicht schwimmen; das Wasser
ist ihm immer unvertraut gewesen, und nur dadurch, daß die andern ihm
schnell das Ruder hinhalten, als er mit zappelnden Armen hoch kommt,
ertrinkt er nicht. Sie schleppen ihn daran wie einen gefangenen Fisch
gegen das Ufer zurück, wo sie ihn diesmal mit größerer Vorsicht ins
Boot holen wollen. Er mag aber nicht mehr, verschlägt sich unter
den Scherzen der andern seitwärts an eine durch Büsche geschützte
Uferstelle und trocknet da seine Kleider in der Sonne. Das dauert
einige Stunden, während die andern wieder ihre Tollheiten in dem
Kahn machen und ihn schließlich, seine Feigheit verhöhnend, im Stich
lassen. Daß seine Kleider naß geworden sind, macht ihm nichts aus bei
der Sonne; auch ist er so rasch wieder oben gewesen, daß er gleich mit
den andern dazu gelacht hat: nun er aber allein so am Wasser sitzt,
das auf eine gierige Art ans Ufer schwappt, fängt das Erlebnis an, ihn
schwermütig zu machen. Er hat, als er untersank, für einen Augenblick
die Augen der Mutter dicht vor den seinen gesehen, und den Großvater
dahinter, wie er ihm die Hand auf die Schultern legte: nun hört er das
übermütige Geschrei der Knaben vom See und kann nicht begreifen, daß
er selber dabei war. Es wäre nichts als ein unnützer Knabe gewesen,
den das Wasser an ihm verschluckt hätte; weil aber nichts so heftig in
seiner Seele aufbegehrt als der Ehrgeiz, sich selber wert zu halten
und es den großen Männern seiner Stadt einmal gleich zu tun, werden
für Heinrich Pestalozzi die beiden Nachmittagsstunden, während er am
See bei Wollishofen in der Sonne sitzt, zu einem Selbstgericht, wo ein
beschämter Jüngling die Kleider halbtrocken wieder anzieht, die sich
der Knabe naß vom Leib gerissen hat.
Stärker als damals in Höngg vor der Tür des Ernst Luginbühl ist das
Gefühl eines eitlen und selbstgefälligen Daseins in ihm. Mit all seinem
Selbstbewußtsein, mit seinen Vergangenheitsträumen und spintisierten
Taten ist er doch nur ein Schüler, nach dem niemand fragt, als die,
denen er mit seinen Großsprechereien zuleide ist. Seine Auflehnung
gegen die Ungerechtigkeit der Lehrer, wenn der Kantor betrunken in
die Singstunde kommt oder der Provisor Weber -- der selbe, der sich
einmal eine Laus vom Kopfe nahm und ihm auf dem Papier zerknickte
-- dem Ludwig Hirzel vom Schneeberg ein paar Fehler übersieht, weil
dessen Eltern ihm eine Metzgeten ins Haus geschickt haben; sein ganzes
Weltverbesserertum setzt er nun gegen die Unfähigkeit, mit sechzehn
Jahren sich selber und seine Kleider in Ordnung zu halten oder einen
Heller zu haben, den er seiner Mutter nicht abgebettelt hat, als ob die
ganze Schöpfung nur da wäre, einem Schulknaben nach seinen Einfällen
und Sinnen gefällig zu sein.
Freilich, als er dann sucht, wie er seine unnützen Beine unter
dem Tisch der Mutter fortbringen könne, findet er nichts als die
Kaufmannschaft, dahinein sie schon im Frühjahr nicht ohne Tränen den
Johann Baptista getan hat. Ihr zuliebe muß er die Schule durchhalten;
so ist es unvermutet doch wieder der Zirkel solcher unnützen
Schülerschaft, darin er seine Jugend gebunden sieht. Trotzdem, als er
im späten Nachmittag allein gegen Zürich geht, fröstelnd von den nicht
völlig trockenen Kleidern, ist es ihm, als ginge er nun wirklich in den
großen Schritten des Vaters, die er als kleiner Knabe so gern versucht
hat. Er mochte sich kein Gelöbnis geben, und auch diesmal sind die
Kreise seiner Gedanken gleich dem Ringelspiel um die Steine verlaufen,
die er draußen in den See warf: doch geht eine Sicherheit mit ihm, als
läge sein unnützes Knabentum noch mit den Kleidern auf einem Häufchen
im warmen Uferschilf. Weil aber doch für einen Augenblick der Tod an
seine Natur gerührt hat, ist die heimliche Lust des Lebens in ihm, die
-- wie er danach noch tiefer erfahren soll -- durch nichts so sehr als
durch das Grauen des Todes angeregt wird.
17.
Heinrich Pestalozzi ist im Januar siebzehnjährig geworden, als er zum
Frühjahr ins Collegium Carolinum eintritt. Er weiß, daß er für keinen
schlechten Kopf gilt, wenngleich er bis zuletzt als ein unordentlicher
und zerstreuter Schüler gescholten worden ist: nun liegt die Zeit der
Abrichtung hinter ihm, und er steht als Student zu Hause wie vor den
Mitbürgern mit dem Stolz da, endlich auf die Wissenschaften selber zu
zielen. Wo Bodmer helvetische Geschichte lehrt und Breitinger außer den
alten Sprachen Philosophie, da hat die Schulmeisterei ihr Ende; das
sind Männer, um die er Zürich von halb Europa beneidet weiß, und zu
denen weither die Berühmtheiten angereist kommen. Namentlich Bodmer
mit seiner vaterländischen Begeisterung, der auch als Mitglied des
großen Rates in Zürich selber in die Regierung eingreift, ist das Ziel
seiner Verehrung. Der ist damals noch nicht der schrullenhafte Greis,
trotz seiner fünfundsechzig Jahre behend und rasch mit der trefflichen
Rede. Unter seinen Zuhörern zu sitzen, bedeutet für Heinrich
Pestalozzi, in die geistige Gemeinschaft seiner Stadt eingetreten zu
sein; und als es ihm zum erstenmal gelingt, einige Worte mit ihm zu
sprechen, erzählt er nachher der Mutter und dem Bärbel glückselig von
der Begegnung. Die Mutter, wie immer, hört mit leiser Trauer zu; das
Bärbel aber, das nun schon vierzehnjährig mit seinen Italieneraugen ein
zärtliches Kind vorstellt, ist stolz auf den großen Bruder.
Heinrich Pestalozzi spürt seit dem ersten Tage, daß ihm die
Zeitumstände einen günstigen Wind in sein Studium bringen; tagtäglich
kann er neue Segel aufziehen, und wenn er sein Lebensschiff in dieser
ersten Studentenzeit aufmalen könnte, wäre es von der Mastspitze bis
zum Steuer bewimpelt.
Aus Frankreich ist die Nachricht von einem Buch gekommen, das einen
Schweizer, den Genfer Uhrmacherssohn Jean Jacques Rousseau, zum
Verfasser hat und im Auftrag des Parlaments in Paris vom Henker
zerrissen und verbrannt worden ist; auch der Magistrat in Genf hat
das Buch verdammt, und so gibt es wenige, die seinen Inhalt wirklich
kennen. Aber als ob aus den Flammen des Henkers Funken fortgeweht
wären, nistet sich der Brand allerorten ein, sodaß die Wirkung des
»Emil« -- wie das Buch heißt -- ihm in hitzigen Gesprächen vorausläuft,
besonders da, wo die übrigen Schriften des welschen Schweizers seine
Naturreligion schon verbreitet haben. Heinrich Pestalozzi kann nicht
daran denken, so bald ein Exemplar dieses Buches zu erhalten, wohl aber
bekommt er seine Wirkung zu spüren. Er war eben aus der Lateinschule
gekommen, da haben die neun Schweizer, durch Iselin in Basel gerufen,
ihre Freundschaftsfahrt nach Schinznach gemacht, die helvetische
Gesellschaft zu gründen. Auch ein Zürcher, Hans Kaspar Hirzel, ist
dabei gewesen, und obwohl die Gestrengen Herren im nächsten Jahr die
Teilnahme an den Verhandlungen in Schinznach als staatsgefährlich
verboten haben, weiß er wohl, daß ihrer sieben heimlich dort gewesen
sind; und er entsinnt sich noch, mit welchen Augen selbst die Knaben in
der Schule davon sprachen, als ob Schinznach ein neues Rütli für die
Eidgenossenschaft wäre gegen den gewalttätigen Herrschaftsgeist der
einzelnen Kantone. Und nun kommt der Tag, wo der alte Bodmer das Licht
öffentlich aufsteckt, das bis dahin nur mit Tüchern verhüllt heimlich
von Haus zu Haus getragen worden ist; wo er als der einzige in Zürich,
der die Geltung und den Freimut zugleich besitzt, dergleichen zu wagen,
die helvetische Gesellschaft zur Gerwe einrichtet.
Als Heinrich Pestalozzi sich mit andern Studenten vor den Anschlag
drängt, der den Arbeitsplan der Gesellschaft kundgibt, kommt zufällig
Bodmer mit zwei jungen Männern daher, die schon die Kleidung
der zukünftigen Geistlichkeit tragen und aus Respekt vor dem
Professor, obwohl er freundschaftlich mit ihnen spricht, die Hüte
in der Hand halten. Die beiden sind ziemlich allen bekannt als die
Predigtamtskandidaten Bluntschli und Lavater, die dem alten Herrn
eifrig zu Diensten und auch bei der Gründung der neuen Gesellschaft
seine Handlanger sind. Sie verziehen keine Miene ihrer feierlichen
Gesichter, als sie vorübergehen; Bodmer aber bleibt seiner scherzhaften
Laune folgend stehen, und weil er zufällig an Heinrich Pestalozzi
gerät, tippt er ihm mit dem Zeigefinger leicht auf die Brust: ob er
Lust zur Mitarbeit habe? Die Frage scheint nicht weiter gemeint, der
alte Herr wartet auch gar keine Antwort ab und geht mit den schwarzen
Pagen zur Münstertreppe hinunter: aber darum hat er ihm doch mit dem
Finger ans Herz gerührt. Er wäre auch sonst glücklich gewesen, mit
bei dieser Sache zu sein, die aus seinen glühenden Wünschen gemacht
scheint; nun aber sind seinem Ehrgeiz Hoffnungen geweckt, die er sich
selber wie eine Fahne aufrollt.
Der schwarze Pestaluz wird Tambour! höhnt ein Bürgersohn, den die
Bevorzugung ärgert, und die andern lachen dazu, als ob sie ihn schon
trommeln hören; er aber ist viel zu erregt, darauf zu achten, und noch
als er zu Hause die Treppe hinaufgeht, spürt er die Stelle, wo ihm der
Bodmer genau auf das Herz getippt hat.
18.
Die Gesellschaft heißt zur Gerwe, weil ihre Versammlungen im Zunfthaus
der Gerber abgehalten werden, das unterhalb des Rathauses über die
Limmat hinaus gebaut ist. Als Heinrich Pestalozzi zum erstenmal
hinkommt, ist noch niemand da, weil seine Ungeduld sich verfrüht
hat; so wird er von einigen Männern, die nach ihm eintreten, um eine
Auskunft angesprochen und gerät dadurch gleich anfangs in die Stellung
eines Vertrauten, der mehr von dieser Sache weiß, um so mehr als Bodmer
nachher der Versammlung scherzhaft ankündigt, daß sie es einmal mit
der umgedrehten Welt versuchen und der Jugend das Wort lassen wollten,
indessen sie, die Alten, diesmal nur das Parterre im Theater wären.
Es mögen an die hundert Personen in dem getäfelten Saal sein, wie
Heinrich Pestalozzi an der Begrüßung merkt, zumeist Schüler Bodmers,
der seit vierzig Jahren vaterländische Geschichte in Zürich liest und
schon der Lehrer einiger Graubärte gewesen ist, die nun als begeisterte
Eidgenossen in seine Studiengesellschaft eintreten. Den ersten Vortrag
hält der Kandidat Bluntschli; er liest ihn mit einer Stimme, die
beinern vor Erregung ist, und das Papier zittert ihm so in den Händen,
daß ein Blatt mitten durch reißt. Auch seine Worte sind so, sie handeln
von den Grundsätzen der politischen Glückseligkeit, und wie Heinrich
Pestalozzi den blassen, schon durch die Schwindsucht gezeichneten
Menschen von den politischen Einrichtungen Zwinglis sprechen hört,
glaubt er den Reformator fast selber zu sehen, so erfüllt ist dieser
Kandidat von der unbeugsamen Sittlichkeit seiner Gedanken.
Nachher gibt es eine Aussprache, und nun spürt Heinrich Pestalozzi,
daß dies mehr sein soll und ist, als eine Studiengesellschaft der
vaterländischen Geschichte. Einer der Männer, die ihn zu Anfang
angesprochen haben, nimmt auch das Wort, und es ist schon ein Zeichen
selbständiger Gesinnung, wie er mit seinem braunen Vollbart gegen die
rasierten Gesichter der modischen Herren steht. Er bringt die Rede auf
den Landvogt Grebel in Grüningen, der in seiner sechsjährigen Amtszeit
mehr ein Räuber als eine Obrigkeit im Sinne Zwinglis gewesen sei und
nur deshalb seinen Raub trotz aller Klagen des Landvolks behalten
könne, weil er der Eidam des Bürgermeisters wäre. Obwohl der alte
Bodmer sichtlich erschrocken die harten Worte mit erhobenen Händen
abwehrt, muß er sie wieder sinken lassen; denn aus der Versammlung
bricht die Empörung über die allbekannten Greuel des leichtfertigen und
bösen Mannes in solchen Zurufen aus, als ob sie sich alle nur deshalb
in der Gerwe vereinigt hätten. Bodmer weiß zwar die Erregung mit klugem
Bedacht wieder auf eine Aussprache zurückzulenken, aber die Worte, die
nun kommen, sind anders, als die vorher waren: als ob sie auf einem
Wasser hingerissen würden, so vergeht der einzelne Schall, aber die
stark strömende Flut der Erregung bleibt.
Heinrich Pestalozzi fühlt sich aus seinem jünglinghaften Träumerdasein
mitten ins Leben versetzt; er könnte die Worte des bärtigen Mannes aus
dem Gedächtnis sagen, so sind es Hammerschläge auf sein Herz gewesen,
und als es zum Schluß noch ein erregtes Zwiegespräch mit dem Bluntschli
gibt, steht er im Rausch dabei: Der Kandidat ist mit der Anwendung
seiner Grundsätze nicht einverstanden; weil er aber nur abzulesen,
nicht frei zu sprechen vermag, hat er dem braunen Mann vor der
Versammlung nicht entgegnen können; nun, wo die meisten, auch Bodmer,
schon gegangen sind, gerät sein zu lange verhaltener Widerspruch in
Zorn, sodaß es fast einen Streit gibt. Der andere aber, der vorher so
scharf gewesen ist, weiß nun den Humor des Älteren herauszukehren,
sodaß sie zuletzt noch friedlich mit einander auf die Gasse kommen.
Heinrich Pestalozzi hätte längst heim gemußt, er kann sich aber nicht
von den andern lösen, solange derartige Dinge in den Worten sind; so
geht er treulich noch am nächtlichen Limmatufer mit den andern hinauf
und befindet sich, als es unvermutet eine Abschiedsecke gibt, zu seiner
eigenen Verwunderung mit dem Kandidaten allein.