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Schäfer, Lebenstag eines Menschenfreundes
Wilhelm Schäfer
Lebenstag eines
Menschenfreundes
Roman
Georg Müller Verlag München 1920
12. Tausend
Copyright 1920 by Georg Müller Verlag A.-G. München
Inhalt
Morgen 3
Mittag 113
Abend 239
Nacht 397
Berichtigung 407
Morgen
1.
Als die Menschenseele in Heinrich Pestalozzi erwacht, liegt sie in
einer Stube am Hirschengraben, wo sich jenseits der alten Stadtmauer
bis zu den neuen Bastionen am Zürichberg hinauf die Landhäuser der
Reichen sonnen. Sie selber spürt nicht viel von dieser Sonne, sie
haust mit Kleinbürgersleuten im Gedränge hoher Steingebäude, die nur
finstere Gäßchen zwischen sich lassen und mit dunklen Treppen in
beengte Wohnungen führen. Außer der Mutter und einer Magd, die Babeli
gerufen wird, sind noch drei Geschwister in der Stube, ein Knabe
Johann Baptista und zwei Mädchen, von denen das kleinste in der Wiege
liegt. Das wird eines Tages von schwarzen Männern fort getragen, über
die dunkle Treppe hinunter in die Stadt, die draußen mit beschneiten
Dächern wartet. Im Sommer aber ist es wieder da, schläft in der Wiege
und heißt Bärbel, wie es vorher auch geheißen hat. Doch weint die
Mutter immer noch, und der Vater, der sonst mit großen Schritten durch
die Stube gegangen ist, liegt in der Kammer nebenan, nicht anders als
das Bärbel in der Wiege; seine haarigen Hände ruhen auf dem Leintuch,
und die Augen forschen an der Zimmerdecke.
Eines Tages muß das Babeli hinein zu ihm -- allein und lange, während
die Dachtraufe vor dem Fenster einen langen Strahl zerstäuben läßt;
als es wieder herauskommt, fällt es der Mutter um den Hals und weint.
Die hat, das Bärbel säugend, auf der Ofenbank gesessen; nun tut sie
das Kind schnell von der Brust und läuft in die Kammer. Nachher muß
Heinrich Pestalozzi mit den Geschwistern auch hinein; der Vater bemerkt
sie schon nicht mehr, seine Augen aber forschen noch immer an der
Zimmerdecke, nur die eine Hand ist von der Bettdecke abgerutscht, und
die Mutter hängt daran, als ob sie ihn festhalten wolle.
Am andern Tag ist er in einen Sarg getan, die Hände sind auf der Brust
gefaltet, und die Lider haben wie zwei Deckel aus Wachs die forschenden
Augen zugemacht. Heinrich Pestalozzi und sein Bruder bekommen die
Sonntagskleider an und müssen -- als fremde Männer in schwarzen Röcken
und Hüten kommen, den Vater zu holen -- mit hinunter über die dunkle
Treppe und hinter ihnen her durch die Gassen nach dem Großmünster
gehen, wo gesungen und gebetet wird, bevor sie den Sarg auf den
Kirchhof bringen und bei Wind und Regen in ein frisch gegrabenes Loch
versenken. Seitdem Heinrich Pestalozzi die hohen Münsterhallen mit dem
Donnerschall der Orgel gesehen hat, weiß er, wo die Schwester Bärbel so
lange gewesen ist; der Vater aber kommt nicht wieder, bis er ihn fast
vergißt und nur noch manchmal gleich ihm mit langen Schritten die Stube
messen will.
Als wieder Winter wird, nimmt ihn das Babeli eines Abends schnell
bei der Hand, einen Arzt zu suchen; sie finden den ersten nicht und
müssen den zweiten erst aus einem Wirtshaus holen, wo viele Männer
bei der Lampe in einer qualmigen Stube sitzen. Der läuft gleich
mit, doch geht er bald wieder kopfschüttelnd fort von dem Bettchen
der Schwester Dorothea, und andern Morgens sagt die Mutter, es sei
gestorben an der Bräune. Die schwarzen Männer kommen zum drittenmal,
aber diesmal tragen sie das Dorli fort, mit dem er jeden Tag gespielt
hat. Seitdem ist ihm das Großmünster ein furchtbares Geheimnis, und
so oft er die Glocken läuten hört, läuft er zur Stubentür, den Riegel
vorzuschieben. Manchmal aber kommen doch Menschen über die Treppe
herein, die mit der weinenden Mutter sprechen und denen er die Hand
geben muß; er tut es gehorsam, doch immer in der Furcht, daß sie ihn
mitnehmen könnten in das Großmünster. Auch wenn die Mutter oder das
Babeli ihn selber an der Hand hinunter führen, ist er nicht froh,
bis er endlich durch die Haustür hinein schlüpfen kann und oben die
Heimeligkeit der Stube wiederfindet. Und nur dadurch, daß seine
seltenen Ausgänge meist den gleichen Verlauf nehmen, durch die steilen
Gassen und über Treppen zum Markt hinunter, wo die Limmat unter den
Holzbrücken hindurch ihr reißendes Wasser drängt, oder Sonntags bis an
den gleißenden See hinaus, wo die Schiffe und Schwäne schwimmen und die
Wolken auf den fernen Bergen Rast machen, die den blauen Himmel mit
ihrem weißen Zackenrand begrenzen: bahnt sich seine furchtsame Seele
allmählich Straßen in die fremde Unermeßlichkeit, darin die Türme des
Großmünsters drohend stehen. Sonst aber bleibt die Stube die einzige
Sicherheit seiner Welt.
2.
Einmal macht Heinrich Pestalozzi auch eine Reise an den See mit
seiner Mutter; mittags nach dem Markt fahren sie hinaus, unaufhörlich
am Seeufer hin durch Dörfer mit weißen Kirchen, durch Weinberge und
Matten, wo die Bauern lustige Haufen Heu zusammen bringen, bis nach
Richterswil, wo der Onkel Johannes wohnt. Es ist dort ein großes Haus
mit einem prächtigen Garten und vielen fremden Menschen, die seiner
schwarzen Mutter um den Hals fallen und denen er die Hand geben muß.
Auch einen Knaben gibt es, älter als er und wie ein Soldat mit einem
stolzen Federbusch gekleidet; der führt ihn auf den großen Speicher,
wo Korn in Haufen liegt, durch die Ställe mit unheimlich behörnten
Kühen und stampfenden Pferden in die Weinberge hinauf zu einer Bank,
die unter einer Linde einen Ausblick auf den See gibt bis tief in die
blauen Bergschlüfte hinein, und danach an das weiche Ufer hinunter, wo
das Ried mit hohen Halmen aus dem Wasser wächst und seine Büschel im
Wind verneigt. Da haben Jünglinge gerade ein Schiff los gemacht, und
weil der eine ein Bruder des Knaben mit dem Federhut ist, sollen sie
mit einsteigen. Die Mutter aber kommt gelaufen, todblaß, und trägt ihn
auf den Armen, obwohl er sich dessen schämt und schreiend wehrt, durch
den Garten zurück ins Haus.
Sie bleiben zwei Tage dort, bis sie am dritten Morgen noch in der
Dunkelheit abfahren auf dem selben Bauernwagen und in der Morgenfrühe
zurück kommen in die Stadt und in die Stube, wo der dicke Kachelofen
mit der kühlen Steinbank auf sie wartet und das Babeli mit den
Geschwistern ist. Er denkt später nicht gern an diese Reise; es ist ihm
alles fremd geblieben, als ob er nur geträumt hätte.
3.
Lieber hat Heinrich Pestalozzi die Ausflüge nach Höngg, wo der
Großvater als Pfarrer amtet. Sie brauchen keinen Bauernwagen dahinaus,
sie gehen durch die Niederdorfporte auf die Schaffhauser Straße und
dann am Käferberg sacht hinauf durch Weinberge bis an den Hügelrand,
wo nach einer Stunde das Dörfchen mit der sauberen Kirche und dem
Pfarrhaus erscheint. Unten zieht die Limmat ihren Silberstreifen
durch das breite Tal, und hinten zeigt der Albisrücken die steile
Schmalseite; wo seine Kante gegen den See verläuft, steht vor der
Heiligkeit der Berge und gegen das blanke Wasser die Stadt Zürich mit
ihren Mauern und Türmen dunkel wie ein Haufe reisigen Kriegsvolks da.
Jedesmal, wenn er mit seinem Bruder Johann Baptista angekommen ist und
sie sich in dem unteren mit spitzen Feldsteinen gepflasterten Flur von
dem Staub des Marsches gereinigt haben, dürfen sie zu dem alten Herrn
in die Studierstube hinauf. Sie liegt ganz oben und ist in der Ecke
des Pfarrhauses so eingebaut, daß durch die breiten Fenster von Süden
und Osten die Helligkeit der weiten Landschaft hinein sieht und den
würdigen Greis mit Heiterkeit umspielt. Er steht nicht auf, wenn die
Buben zu ihm herein kommen, auch dürfen sie nicht anders als einzeln
gerufen zu ihm an den Tisch treten. Jedes muß sein Sprüchlein sagen,
wie sie die Mutter verlassen haben und wie lange sie unterwegs gewesen
sind; und niemals fällt es ihnen bei, hier oben die Ehrwürdigkeit
durch eine Zärtlichkeit zu verletzen. Erst unten, wenn er mit am Tisch
sitzt, wo die Großmutter mit den gütigen Zwickelfalten ihres alten
Gesichtes das Gespräch führt, wird er der Großvater, der sie aus den
Schoß nimmt und Scherze mit ihnen treibt. Aber wenn sich allmählich aus
dem Donnergott des Großmünsters das Bild Gottes als eines himmlischen
Vaters in Heinrich Pestalozzi umbildet, sind es die Züge des Großvaters
in der Studierstube, die dem Bild ihr Wesen geben.
Stärker wird dieser Eindruck, als er am Gottesdienst teilnehmen darf.
Das Pfarrhaus ist an die Kirche so angebaut, daß es mit dem Totenacker
seitlich vom Dorf und am äußersten Rand des Hügels eine Art Gutshof
vorstellt, der wie ein solcher auch durch einen Torweg zugänglich ist.
Durch den sieht Heinrich Pestalozzi Sonntags die Kirchgänger kommen,
sauber gekleidet in ihrer bäuerlichen Tracht. Die Glocken klingen
heller, und auch die Orgel hat nicht den brausenden Schall wie im
Großmünster. Wenn sie anfängt zu spielen, ist es nicht anders, als ob
sich die dunkleren Stimmen der Männer mit denen der stauen und Kinder
mischten, und wenn das Lied dann wirklich einsetzt, wird alles zum
Gesang der Gemeinde.
Weil er die Stimme und das Wesen des Großvaters kennt, bleiben ihm auch
die Worte seiner Predigt nicht gar so fremd, so wenig er im einzelnen
davon versteht. Es ist fast der himmlische Vater selber, der zu seinen
Kindern in dem feierlichen Ton der Studierstube spricht, aber der
gütige Klang in seiner Stimme bleibt; und weil er niemals poltert,
niemals aus den Rand der Kanzel schlägt wie die Prediger in der Stadt,
bekommt die Predigt nichts von ihrem gottfremden Haß. So trägt Heinrich
Pestalozzi jedesmal einen warmen Glanz von der Empore mit hinunter;
und weil er die Kirchgänger nachher nicht gleich den Zürchern in die
dunklen Schlüfte der Gassen verschwinden sondern langsamen Schrittes
sich rund herum in die Gehöfte zerstreuen sieht, zweifelt er nicht
daran, daß sie überall etwas von dem Glanz hinbringen. Um so stolzer
ist ihm zumut, daß er selber danach im Pfarrhaus bleiben und mit dem
Träger dieser feierlichen Macht zu Tisch sitzen darf -- wo der Pfarrer
freilich am Sonntag außer dem Gebet niemals ein Wort spricht, wie er
auch an diesem Vormittag das Frühbrot in seiner Studierstube nimmt
und sich vor dem Gottesdienst niemandem zeigt. Erst wenn er seine
Mittagsruhe gehalten hat, sehen ihn seine Enkel als Großvater wieder,
der gern fröhlich ist und sie manchmal noch bis vor das Tor der Stadt
zurück begleitet; hinein geht er seit dem Tode seines einzigen Sohnes
nicht mehr gern.
So bewirkt der Großvater in Höngg durch die weise Trennung amtlicher
Würde von seiner gütigen Menschlichkeit, daß sich für die Kindheit
Heinrich Pestalozzis das Grauen von den kirchlichen Dingen hebt.
4.
Auch außerhalb des Pfarrhauses findet Heinrich Pestalozzi im ländlichen
Leben zu Höngg vertrautere Wege aus der engen Stube als in der
finsteren Stadt. Wo jeder den andern kennt und die Großmutter wohl
weiß, mit welchen Kindern sie den Enkel spielen läßt, ergibt sich
leichter ein Kamerad. Der angenehmste heißt Ernst Luginbühl und wird
ihm bald ein sehnsüchtig erwarteter Führer in die hügeligen Gebiete
bis an den Wald am Käferberg hinauf oder gar in die steinichten
Limmatwiesen hinunter, wo Samstags die Schiffe der geputzten Zürcher
eilfertig mit der Strömung nach Baden treiben und Sonntags von dem
Landvolk an Stricken mühsam stromauf gezogen werden. Er trägt keinen
stolzen Federhut wie der Vetter in Richterswil, er läuft barhaupt und
barfuß wie die andern Landbuben auch und hat prallrote Backen mit
wasserhellen Augen; aber er weiß, wo man am sichersten einen Specht bei
seiner Klopfarbeit belauscht oder wo ein Ameisenberg ist. Sein Vater
arbeitet als Baumwollenweber, der erste und einzige in Höngg; einmal
geht Heinrich Pestalozzi mit hinein und sieht den bärtigen Mann gebückt
in dem Gestänge sitzen. Er hat nichts Ähnliches von menschlicher Arbeit
gesehen; Küfer, Schmiede, Bäcker und Schreiner und erst recht die
Bauern: alle schaffen mit den Händen und bleiben für sich selber frei;
dieser Weber aber sitzt im Gestänge seiner Arbeit als ein Teil von
ihr, wie die Spinne ans Netz gebunden. Er bleibt eine Stunde lang mit
den Knaben dasitzen und hört dem unablässigen Geklapper zu, das aus
dünnen Fäden Stoff macht. Als er nachher beim Abendessen ausgefragt
wird, wo er gewesen ist, und anfängt, von dem Baumwollenweber zu
erzählen, will der Großvater stirnrunzelnd nichts mehr hören von dem
Unglück dieser städtischen Neuerung -- es ist das einzige, was Heinrich
Pestalozzi von seinem Unwillen versteht.
Einmal ist er eine ganze Woche lang in Höngg geblieben und kommt
sich selber schon wie ein Landkind vor, als ihn die Mutter wieder
holt. Auch diesmal geht der Großvater mit, aber nur bis Wipkingen,
von wo er sich geärgert gegen den Berg zurückwendet. Er ist böse
auf das geputzte Stadtvolk in den Schiffen, das sich am Sonntag von
den Dorfleuten heimziehen läßt, ihre schwere Arbeit mit übermütigem
Geschrei begleitend, und Heinrich Pestalozzi hört wieder, wie er von
dem städtischen Unglück zu der Mutter spricht. Es geht schon gegen die
Dämmerung, und so wendet sich der alte Mann von ihnen fort in einen
dunkelroten Abendhimmel hinein, der den Häusern glühende Augen macht.
Heinrich Pestalozzi weiß nicht warum, aber die Traurigkeit überkommt
ihn so, daß er herzbrechend hinter dem Großvater her weint; es dauert
lange, bis die erschrockene Mutter heraus bekommt, daß es die dunkle
Stadt ist, vor der er sich fürchtet, und daß er alle Tage mit ihr
und den Geschwistern und dem Babeli auf dem Land wohnen möchte. Da
gesteht sie ihm, daß die Verwandten in Richterswil ihr das schon
damals bei dem Besuch vorgeschlagen hätten, daß sie es aber nicht
möchte der Stadtschulen wegen. In Richterswil möchte ich auch nicht,
sagt er fast trotzig, lieber in Höngg! und weiß nicht, warum nun seine
Mutter herzbrechender weint als er vorher; sodaß sie beide mit einer
verlorenen Traurigkeit durch die Niederdorfporte in Zürich eingehen.
5.
Nach diesem Abend verlangt Heinrich Pestalozzi sehnsüchtig in die
Schule. Seitdem die Schwester Dorothea gestorben ist und der Johann
Baptista, um ein Jahr älter als er, täglich sechs Stunden zu den
Schulmeistern am Neumarkt geht und nachher bei den Schularbeiten sitzt,
ist er tagsüber allein mit dem Bärbel, das immer noch in der Wiege
liegt und ihm kein Gespiele sein kann. Für die deutsche Schule scheint
es der Mutter noch zu früh, so bringt ihn das Babeli eines Morgens in
die Hausschule.
Es wird aber kein schönes Erlebnis für ihn: als sie in den schmalen
Raum eintreten, der eigentlich nur einen breiteren Gang vorstellt, ist
der alte Lehrer gerade dabei, einen Buben zu walken; es sieht aus, als
ob er ihm die Haare in Büscheln ausreißen wolle; zugleich vollführen
die beiden ein weinerliches Geschrei, über das die andern Kinder, Buben
und Mädchen durcheinander, schadenfroh lachen. Erst als das Babeli den
Zornigen anruft, hört er auf. Hinten ist noch eine Bank frei, dahinein
wird Heinrich Pestalozzi mit seinen Sachen gesetzt; das Babeli droht
ihm noch einmal mit dem Finger und überläßt ihn den Kindern, von denen
er nicht eines kennt, und dem weißköpfigen Schulmeister, der -- als er
den Namenszettel gelesen hat -- die Magd für die Frau Pestalozzi selber
hält und ihr mit vielen Komplimenten an die Tür nachläuft. Der Lärm,
der durch die Neugier gestockt hat, hebt wieder an: die Kinder haben
neben den Büchern ihre Eßwaren, und was sie sonst mit sich führen,
auf den Pulten ausgebreitet; ein jedes liest laut oder schreibt für
sich wie zuhause: der Lehrer ist nur eine Art Unhold, der eines nach
dem andern vornimmt und die andern schwatzen und balgen läßt. So hört
das Geklatsch seiner Prügel und sein Geschrei ebensowenig auf wie der
Lärm der Kinder, die meist garnicht hinsehen, wenn sich sein Zorn
beim nächsten Opfer neu entzündet. Auch Heinrich Pestalozzi kommt
endlich an die Reihe, als er eine Stunde lang verängstigt dagesessen
hat; er wundert sich fast, als es diesmal ohne Prügel abgeht, malt
danach Buchstaben, wie er es von seinem Bruder gelernt hat, und ist
noch fleißig dabei, als die andern mit eiligem Geklapper ihre Sachen
zusammen raffen.
Auf der Gasse wartet das Babeli; und wenn ihm das schon diesmal Spott
einträgt, so wird ein paar Tage später ein wahres Schicksal daraus: es
macht sich gerade so, daß ein Platzregen losgeht, das handfeste Babeli
will ihn unter die Schürze nehmen; und rafft ihn kurzerhand -- da er
sich vor den andern schämt -- als Bündel unter den Arm, um mit ihm heim
zu rennen, so sehr er schreit und strampelt; sogleich verfolgt von
einem Rudel der Kinder, die sich nun alle aus dem Regen nichts mehr
machen und die Tropfen in ihre Gesichter klatschen lassen.
Seitdem haben sie ihren Schabernack mit ihm, wo sie nur können. Seine
Vorfahren vom Vater her sind Italiener gewesen, davon hat er die
schwarzen Haare und die dunklen Augen behalten, und von den Blattern
ein Gesicht voll Narben: so sieht er eher einem Savoyardenknaben
ähnlich als einem Stadtzürcher und ist für sie ein fremder Vogel.
Obwohl er nichts lieber gemocht hätte als mit ihnen spielen, macht ihn
die Erfahrung scheu, sodaß er nun erst recht ein einsames Stubenkind
wird.
6.
Später in der deutschen Schule tritt Heinrich Pestalozzi statt mit
dem Babeli mit seinem Bruder Johann Baptista auf; der ist beweglicher
als er und hat auch schon Bekanntschaften; dadurch kommt er mit den
Knaben anfangs besser zurecht, um so leidvoller wird die Schule
selber für ihn. Obwohl die Lehrer nicht solche Zornickel sind wie
in der Hausschule, bleibt auch ihr Unterricht eine fortgesetzte
Streitigkeit mit dem einzelnen Schüler, wobei sie die Schwächen eines
jeden mit geübter Schulmeistergrausamkeit zu finden wissen. Heinrich
Pestalozzi, dem es niemals völlig gerät, sich selber und seine Bücher
in Ordnung zu halten, der bald ungekämmt in die Schule kommt, bald
seine Schreibsachen oder Hefte vergessen hat, der aus den Spaziergängen
seiner Gedanken aufgeschreckt die törichtsten Dinge zu sagen vermag und
dem die richtigen Antworten meist erst auf dem Nachhauseweg einfallen,
ist ihnen bald nur eine Gelegenheit, die herkömmlichen Schulwitze
anzubringen. Daß er im ganzen eifriger als die meisten ist und sich
leicht geschickter anstellt als es zu ihren Späßen paßt, stört sie
nicht in ihren Hänseleien.
Und weil die Lehrer es so halten, widerstehen auch die Mitschüler der
Verlockung nicht, ihren Witz an diesem Neuling zu üben, der nichts von
ihren Spielen kennt und sich gutgläubig zum Narren halten läßt. Ihm
steht diese Gutgläubigkeit gleichsam schon im Gesicht geschrieben,
und seine linkischen Hände scheinen nur geschaffen, für ihr Gelächter
fehl zu greifen. So weiß ihn eines Tages einer mit Äpfeln begehrlich
zu machen, die er im Sack hat: er würde ihm den schönsten schenken,
wenn er ihm damit auf sechs Schritte in den Rücken werfen dürfe. Mehr
um der Tapferkeit als um des Apfels willen geht Heinrich Pestalozzi
auf den Handel ein; der Knabe aber trifft ihn so hart zwischen den
Schultern, daß er wie von einem Büchsenschuß hingestreckt wird, und --
als er sich mit einer Übelkeit kämpfend an dem nassen Steintrog unter
dem steinernen Brunnenmann aufrichtet -- nur noch sehen kann, wie ein
Flinker unter dem Hallo der andern den Apfel aufhebt und davon rennt.
Heinrich Pestalozzi fühlt damals schon, daß es die Absperrung seiner
häuslichen Erziehung ist, die ihn so fremd und linkisch unter den
andern Knaben macht; er ginge trotz solcher Späße gern nach der Schule
zu ihren Spielen auf die Gasse, aber das Babeli, das immer mehr wie ein
handfester Weibel die Stubenwelt der Witwe Pestalozzi regiert, duldet
dergleichen schon aus Sparsamkeit nicht: Warum wollt ihr unnützerweise
Kleider und Schuhe verderben? Seht eure Mutter, wie sie wochen- und
monatelang an keinen Ort hingeht und jeden Kreuzer spart, euch zu
erziehen! Und um dem Grund praktische Kraft zu geben, nimmt sie den
Buben nach der Schule sogleich die Schuhe weg.
Heinrich Pestalozzi vermag nicht wie sein Bruder Johann Baptista den
gutgemeinten Zwang mit allerlei Listen zu umgehen; er hat unterdessen
durch die Mutter erfahren, was damals am Sterbebett des Vaters
geschehen ist: da hat die Magd dem todkranken Wundarzt um ihrer
Christenheit willen versprochen, die Frau nicht zu verlassen, weil
seine Kinder sonst womöglich in fremde und harte Hände kämen! Das
Babeli in seiner Einfalt, damals dreißigjährig, hat es dem Sterbenden
in die Hand gesagt, an ihrem Platz zu bleiben, bis sie stürbe; auch
hat sie tapfer Wort gehalten, als sie den Antrag eines ehrlichen
Stadtbürgers ausschlagen mußte, und ist dem bedrängten Haushalt ohne
Lohn durch alle Schwierigkeiten treu geblieben. Seitdem Heinrich
Pestalozzi das weiß, kann er das faltige Sorgengesicht der guten
Magd nicht anders als ehrfürchtig ansehen; und wenn der Großvater in
Höngg dem Bild des himmlischen Vaters für seine Vorstellung die Züge
herleiten muß, so vermag er die biblische Erzählung von Christus und
den Schwestern in Bethanien nicht zu hören, ohne daß ihm seine Mutter
zur still vertrauenden Maria und das Babeli zur schaffenden Martha
wird. Soviel innige Gläubigkeit er aber damit auf die zarte Gestalt
der Mutter legt, die -- als Susanna Hotze in Richterswil bei den
wohlhabenden Brüdern aufgewachsen -- ihre bescheidene Lage niemals als
Armut fühlt und auch den Kindern das Gefühl ihres guten Standes erhält;
so wenig vermag er aus dem Evangelium eine Verachtung für die treue
Magd zu ziehen, deren Stunden nichts als schaffende Sorgen kennen; ja,
so oft er die abweisenden Worte Jesu liest, drängt ihn sein Gefühl, für
die schaffende Martha aufzustehen.
7.
Heinrich Pestalozzi ist acht Jahre alt, als ihm eine Veränderung der
äußeren Lebensumstände die Gedanken der Armut dennoch aufdrängen
will. Seine Mutter, die immer noch die alte Wohnung gehalten hat,
sieht sich genötigt durch die wachsenden Ausgaben für die Kinder,
den Haushalt in der kleinen Stadt jenseits der Limmat bescheidener
einzumieten. So lustig die Knaben mit dem Bärbel, das nun schon aus
der Kammer in die Stube laufen kann, den äußeren Aufwand des Umzugs
finden: so schmerzlich ist der Augenblick, als sie hinter dem Wagen mit
ihrem Hausrat her -- das Babeli trägt die Schwester auf dem Rücken,
und die Mutter führt die Brüder an der Hand -- am steinernen Rathaus
hinübergehen auf die breite Bretterbrücke und in die kleine Stadt.
Die ist freilich um den hohen Lindenhof herum gebaut, von dem die
Schriften sagen, daß er schon in römischen Zeiten befestigt und der
eigentliche Ursprung der Stadt gewesen wäre; aber darum lassen sie
doch das Großmünster mit dem Haus Zwinglis drüben, von wo der Zürcher
Glaubensheld für seinen Gott in den Krieg und Tod gezogen ist. Überdies
will ein Mißgeschick, daß am Hotel zum Schwert gerade ein fremder Herr
mit drei Rossen vorfahren will und bei der Wendung in die Deichsel
ihres Gefährtes gerät. Der Ruck ist heftig und bricht dem Tisch, der
hinten mit abgesperrten Beinen aufgebunden ist, eins davon ab, das
schief herunterhängt. Gleich gibt es zwischen den Fuhrleuten ein
Geschimpfe, und weil der ihrige zu Fuß geht, der andere aber in einer
stolzen Uniform auf dem Bock sitzt, auch der Wirt zum Schwert gleich
seinem vornehmen Gast zu Hilfe kommt, bleibt der mit den drei Rossen
Sieger, indessen sie mit ihrer Habe, verbellt von Hunden, demütig um
die Ecke ziehen.
Es ist kein großer Schaden; sie müssen den Tisch nachher in eine
Wandecke stellen, damit er ihnen beim Abendbrot nicht umfällt; doch
liegt die Stimmung des verschimpften Auszuges aus der großen Stadt so
jämmerlich auf ihnen, daß sie miteinander in eine Heulerei geraten. Die
neue Wohnung ist sichtlich beengter als die alte; außer der Küche mit
einem Alkoven für das Babeli und der gemeinsamen Kammer für die andern
hat sie nur einen Raum, der fortab Besuch- und Wohnstube in einem sein
muß: es ist die Lebensluft verschämter Armut, in die sie nun eingezogen
sind. Mehr als die Mutter hat das praktische Babeli auf den Umzug
gedrängt.
Die Mutter will auch da noch die geborene Hotzin bleiben; und wenn in
der Folge eine Bekanntschaft aus den besseren Zeiten, da der Wundarzt
Pestalozzi noch auf die Jagd oder fischen ging, oder gar einer aus
der vornehmen Verwandtschaft vom See den Weg in die kleine Stadt
findet, wird die Stube jedesmal mit allem Staat aufgemacht, den sie
aus ihrer Mitgift gerettet hat. Auch hält die einsam verhärmte Frau
ängstlich darauf, was sie als Stadtbürgerin an Ehrengaben zu leisten
ihrem Stande schuldig ist; und ob sie manchmal dem letzten Gulden mit
Ehrenfestigkeit zu Leibe geht, und ob das Babeli danach die Kreuzer
zusammenkratzen und auf dem Markt das Billigste erfeilschen muß: nach
außen soll alles den Anschein eines unabhängigen Bürgerhaushalts
behaupten.
8.
Für Heinrich Pestalozzi wird der Abstieg in die Armut dadurch
gemildert, daß er gleich am andern Tag nach Höngg hinauskommt. Er ist
mit der deutschen Schule zu Ende, und bevor er in die Lateinschule
am Fraumünster eintritt, will der Großvater seinen Kenntnissen noch
etwas nachhelfen. Er holt ihn diesmal selber ab; die Übersiedelung hat
ihn besorgt gemacht, doch findet er alles recht und gegen Abend ist
eine Kalesche da, sie miteinander hinauszufahren. Vor der Stadt darf
Heinrich Pestalozzi auch einmal kutschieren; er zupft aber unablässig
an den Zügeln, als ob es an ihm läge, daß die vier Beine sich bewegten,
sodaß der Gaul am Ende wild wird und sie in einem unfreiwilligen Galopp
nach Wipkingen bringt. Der Großvater liebt solche Vorfälle nicht; als
er ihm kurzerhand die Zügel abgenommen und das Pferd zur Ruhe gebracht
hat, sagt er strafend, das würde einem Knaben vom Land nicht begegnen;
es wäre ein rechtes Stadtbubenstück. Er bleibt aber nicht unfreund mit
ihm, und als er vor der Wegsteile gegen Höngg aussteigt und das Pferd
am Zügel führt, nimmt er ihn gütig an der Hand, als ob trotzdem noch
etwas Rechtes aus ihm werden könne.
Der Großvater hat den armen Kindern der Gemeinde erlaubt, hinter der
Kirche zu spielen, wo neben dem Kirchhof ein sonniger Rasenplatz auf
neue Gräber wartet. Obwohl manche von den Kindern nur mit Hudeln
bekleidet sind, tadelt er es nicht, wenn seine Enkel an ihren Spielen
teilnehmen. So ist Heinrich Pestalozzi eines Tages mit ihnen dabei,
das Wasser aus einer Pfütze neben der Kirche in einer Rinne bergab zu
leiten, wo es gerade den schönsten Wasserfall macht, als auf einmal
einige der Kinder, dann alle auseinander laufen und sich unter der
alten Steinbank, hinter Gräbern oder wo sie sonst einen Schlupfwinkel
finden, verstecken: ohne ihr sonstiges Geschrei und sichtbar in Angst,
nicht anders, als ob Hühner einen Habicht in der Luft gespürt hätten.
Er hält alles zunächst für eins von ihren Spielen, aber so still es aus
dem Kirchhof ist, so laut wird es auf der Landstraße: die Gestrengen
Herren in Zürich haben allmonatlich eine Betteljagd verordnet, und
nun kommen die Landreiter von ihrer Pirsch mit einer verlumpten
Schar, Alten und Kindern, in einem langen Strick wie eine Schafherde
eingehürdet.
Heinrich Pestalozzi besinnt sich nicht, er läuft nach vorn um die
Kirche an den Torweg, und obwohl die Holzflügel schwer mit Eisen
beschlagen sind, bringt er sie mit allen Kräften doch in die Riegel.
Die Landreiter sind unterdessen schon durch das Dorf geritten, sie
hätten sich auch schwerlich durch das Tor abhalten lassen; doch als
er eben dabei ist, den Verschüchterten anzusagen, das Tor wäre zu und
kein Landreiter könne herein, kommt der Großvater um die Kirche herum
neugierig nach. Er hat das eilige Geschäft seines Enkels bemerkt, tut
aber nicht weiter dergleichen, nur wie er ihn nachher an der Hand mit
ins Pfarrhaus genommen hat und der Knabe in dem dämmrigen Hausflur
schon denkt, er werde ihn strafen: hebt er ihn auf den Arm, als ob er
ihm sagen wolle, bist ein tapferer Bub! Und als sie miteinander oben
in dem Studierzimmer sind, wo er nun lernen soll, wendet er sich zu
ihm hin, wie wenn er ein Großer wäre: Ich wüßte den Herren in Zürich
andere Mittel als Landreiter und Betteljagden, der Armut auf dem Lande
abzuhelfen!
9.
Als Heinrich Pestalozzi diesmal von Höngg zurück kommt, trägt er einen
Schatz bei sich, mit dem er sich stolz und vieler Dinge mächtig fühlt.
Um ihm den ungewissen Weg in die lateinische Wissenschaft vertrauter zu
machen, hat ihn der Großvater das Vaterunser lateinisch gelehrt. Auf
dem ganzen Weg nach Zürich hinunter, den er diesmal tapfer allein geht,
sagt er die fremden Worte vor sich hin, ängstlich, daß ihm eins davon
entfallen könnte. Es ist aber nicht die Schule, der zuliebe er sorgsam
mit ihnen ist; dahinter steht das Bild des Großvaters als Lebensziel
auf: auch einmal so in einem Dorf Seelsorger zu werden -- womöglich in
Höngg selber -- den Armenkindern ein väterlicher Freund; das scheint
ihm alle kommenden Mühsale der Schule wert zu sein.
Er wird auch im Fraumünster kein Schüler, wie ihn die Schulmeister
brauchen können. Zu sehr gewöhnt in seiner behüteten Stubenwelt, die
Dinge von sich aus zu erleben und eigene Wege in das Geheimnis der
Augenwelt zu suchen, sieht er sich bei ihnen vor ein unaufhörliches
Vielerlei von leeren Worten gestellt. Bloß auswendig Gelerntes
herzuplappern, wie es die meisten tun, vermag er nicht; und selbst,
wenn er etwas verstanden hat, wird es ihm schwer, Worte daraus zu
machen, weil er sich damit leicht wie ein Komödiant vorkommt. Damit er
etwas sagen kann, darf es nicht schon ausgedacht sein, es muß ihm aus
den Gedanken selber, nicht aus dem Gedächtnis kommen: weil aber die
Fragen der Lehrer selten in seine Gedanken treffen, findet er trotz
bestem Willen und innerer Lebendigkeit wenig Gelegenheit, sich als
guten Schüler zu zeigen; ja, weil er gerade dann, wenn ihn eine Sache
des Unterrichts wirklich beschäftigt, leicht für Minuten und länger
von dem unwiderstehlichen Fluß seiner Gedanken fortgetragen werden
kann, stellt er nur selten den gelehrigen Schüler dar -- der er doch
ist --, sondern er wird gerade dann gescholten, wenn er vielleicht
mehr als ein anderer bei der Sache ist. Am selben Tag kann er in einem
Fach der beste und gleich darauf doch wieder der schlechteste sein;
so kommt er bei allem Eifer auch in der Lateinschule bald wieder in
ein feindseliges Verhältnis zu den Lehrern, das mit zornigen Strafen
über seine Zerstreutheit anfängt und mit der Verspottung seiner
absonderlichen Art ausgeht, ihn nach wie vor dem Gelächter der Klasse
bloßstellend.
Obwohl das Babeli ihn stets ordentlich herausputzt, steht er doch in
der Kleidung gegen die gepflegten Herrenbuben zurück, und was er von
der mühsamen Ordnung heimbringt, ist manchmal übel genug. Auch hält
das Babeli immer noch strenge Hauszucht, sodaß er auch jetzt nicht zu
den Spielen der andern auf die Gasse darf und für die lateinischen
Mitschüler der gleiche fremde Vogel bleibt, der er auf der deutschen
Schule war. Als der erste Sommer zu Ende geht, hat er bei ihnen schon
den Spottnamen, der ihm von da ab durch die ganze Schule bleibt: Heiri
Wunderli von Torliken.
10.
Trotzdem hört Heinrich Pestalozzi allmählich auf, der unfreiwillige
Spaßvogel seiner Mitschüler zu sein; er lernt sich zu wehren, und kommt
durch einen Vorfall sogar in den Ruf einer besonderen Tollkühnheit:
Er ist ein Jahr lang Lateinschüler gewesen, als sein zeitweiliger
Spielfreund Ernst Luginbühl aus Höngg in die untere Klasse eintritt.
Dessen Vater ist herkömmlich ein verarmter Stadtbürger, der sich in
sein dörfliches Anwesen hinein geheiratet hat, aber bis in seine
Baumwollenweberei ein unruhiger Kopf bleibt, weshalb ihn auch der
Großvater nicht gern in seiner Dorfgemeinde sieht. Ihm selber ist es
mit allen möglichen Anschlägen fehl gegangen, darum will er seinem
Buben eine bessere Bildung mitgeben und bringt ihn -- der einen klaren
Kopf hat und gern lernt -- in die Lateinschule, wo er, älter als die
andern, in die untere Klasse aufgenommen wird. Er hat noch immer
seine roten Backen und die wasserhellen Augen, aber er trägt Schuhe
an den Füßen und ist auch sonst für die städtische Schule zurecht
gemacht, in einer ländlichen Art, die den Stadtkindern von selber zum
Gespött wird. Heinrich Pestalozzi weiß längst, wie die Bürgersöhne
den Knaben vom Land die Schule verleiden, als ob sie Eindringlinge in
ihre Vorrechte wären; ihn selber lassen sie deutlich genug merken,
daß seine Mutter nur eine Landbürgerin ist; nun aber trifft es seinen
Freund, der in dieser fremden, feindseligen Welt mit den Bauernaugen
um Mitleid zu flehen scheint. Jeden Morgen kommt er den mühsamen Weg
von Höngg herunter, manchmal, wenn es geregnet hat, naß bis auf die
Haut; und mittags, wenn die andern heimgehen, fertigt er seinen Hunger
im Klassenraum mit einem Stück Brot ab. Er gerät in ein hartes und
verstocktes Dasein, und wenn ihn Heinrich Pestalozzi anspricht, ist
es fast, als ob er etwas von seinem Haß gegen die hochmütigen und
grausamen Bürgersöhne auf ihn übertrüge, sodaß es hier in der Stadt
keine rechte Fortsetzung der ländlichen Freundschaft geben will.
Eines Mittags kommt Heinrich Pestalozzi zufällig als der Letzte aus der
Klasse und hört unter dem Gang im Hof ein Hetzgeschrei. Einige größere
Knaben haben den mißliebigen Weberssohn in eine Ecke gedrängt und hauen
auf ihm, der sich kratzend und beißend wehrt, mit Linealen herum;
einer muß ihn am Kopf getroffen haben, denn aus dem weißblonden Haar
laufen ein paar Zickzacklinien von Blut herunter. Heinrich Pestalozzi
weiß nichts von dem Anlaß des Streites, er sieht nur das Blut, und
wie sie ihren Übermut und Hohn an dem Knaben auslassen; darüber faßt
ihn augenblicklich der zornige Eifer so, daß er blindlings aus der
offenen Halle über die Steinbrüstung hinunter klettert. Es ist eine
kleine Stockwerkshöhe, und er könnte sich leicht zu Tode stürzen, als
er für einen Augenblick selber erschrocken an der Steinbrüstung hängt.
Er purzelt aber einem, der sich gerade bückt, auf die Schultern, daß
der bäuchlings hinfällt und ihn wie einen Igel abkugeln läßt, ist
gleich von Zorn besessen wieder auf und springt auf die andern ein,
die im ersten Schrecken auseinander rennen. Auch der von seinem Sprung
Betroffene will fort, kann aber nicht auf und kriecht auf Händen und
Füßen eilig davon. Darüber erheben die andern, die schadenfroh der
Prügelei zugesehen haben, ein solches Hohngeschrei, daß ein Lehrer
dazukommt, ehe die Überfallenen ihrem kuriosen Angreifer heimzahlen
können. Es gibt nun zwar ein strenges Verhör, bei dem Heinrich
Pestalozzi, weil er trotzig schweigt, als der allein Schuldige
übrigbleibt und auch in Strafe genommen wird: aber mit seinem
tollkühnen Sprung ist er doch Sieger geblieben, und die Schande einer
feigen Flucht vor dem schmächtigen Heiri Wunderli von Torliken bleibt
auf den andern sitzen. Das Babeli, als es durch den Johann Baptista
davon hört, will ihn strafen, weil die Hosen zerrissen sind; aber die
Mutter wehrt ihr und streichelt ihn.
11.
Im Dezember des gleichen Jahres sind die Schüler in der Klasse von
Heinrich Pestalozzi gerade aufgestanden, ein Weihnachtslied zu üben,
als es einen Erdstoß gibt, wie wenn Pferde einen Wagen anzögen, auf dem
sie ständen. Sie hören in derselben Sekunde auf zu singen und halten
sich an den Bänken fest; dann ist der Lehrer der erste, bei dem sich
die Erstarrung auf die Gefahr besinnt. Mit langen Beinen springt er
zur Tür, die Geige und den Bogen noch in den Händen; aber ehe er dort
ist, drängen sich ihm schon die nächsten Knaben vor. Draußen quillt
die Schreckensflucht aus den andern Räumen ebenso zur Treppe; und ist
es zuerst totenstill gewesen, so erhebt sich nun das Geschrei; erst
derer, die hinfallen und getreten werden, dann der andern, die davon
angesteckt die letzte Besinnung verlieren. Es gibt keinen Einzelnen
mehr, nur noch eine Herde, dahinein die Todesfurcht gefahren ist; und
die am ehesten Kaltblütigkeit bewahren sollten, die schulmeisterlichen
Hirten gehen mit langen Beinen über die Köpfe und abwehrenden Hände der
Knaben hinweg.
Auch Heinrich Pestalozzi ist wie die andern von der Besessenheit
gepackt worden und hat Arme und Beine gebraucht, sich in dem Strudel
oben zu halten; aber darum haben seine Augen doch das unwürdige
Beispiel der Lehrer aufgefaßt; und als er unten auf dem Hofe steht,
wo rundherum die Stücke von Dachziegeln in dem schwärzlichen Schnee
liegen und die Nachzügler kommen, die von den andern überrannt wurden
und teilweise bluten -- einer liegt leichenblaß seitwärts allein,
weil er aus dem Fenster gesprungen ist und den Fuß gebrochen hat --
muß er weinen vor Zorn. Die meisten drängen auf die Gasse hinaus,
wo die Bürger unterdessen aus den Werkstätten gelaufen sind und in
den Himmel starren, der unbewegt über dem Erdbeben steht. Die zurück
bleiben, möchten zum Teil gern ihre Bücher und Hüte herunterholen,
aber keiner wagt sich hinein; obwohl nach der ersten Erschütterung,
die gleich einem langen Gerolle von unterirdischen Wagen gewesen ist,
nichts mehr geschieht und die leeren Gebäude gleichsam verwundert auf
die ängstliche Menschheit herunter sehen. Der Widerspruch zwischen
dieser lächerlichen Flucht und dem alten Heldentum, davon sie täglich
durch die selben Lehrer hörten, macht, daß ihm sein Knabenherz trotzig
aufspringt, sich selber und den andern ein Beispiel von Tapferkeit zu
geben. Während einige Bürger in den Schulhof gekommen sind und den
Jungen mit dem zerbrochenen Fuß aufheben, geht er in das verlassene
Schulhaus zurück: obwohl es unheimlich ist auf der leeren Treppe und
oben im Gang, wo alle Türen offen stehen, kommt er bis an die Klasse
und holt seine Sachen heraus; auch einigen andern bringt er mit, was
er rasch greifen kann; und nachher zwingt er seine Furcht, daß er die
Treppe nicht hinunter springt, Schritt für Schritt die Stufen nimmt und
triumphierend zu den Wenigen hinaus tritt, die da noch warten.
Als er danach heim kommt in die Stube, ist der Johann Baptista schon
längst dabei, dem Bärbel das Abenteuer zu erzählen, indessen das Babeli
verzweifelt durchs Fenster sieht und ihn scheltend empfängt, daß er
so spät käme; nun wäre die Mutter aus Angst um ihn schon auf die
Gasse gelaufen! Er könnte ihr anders antworten; doch wirft er nur die
Sachen verächtlich auf einen Stuhl und springt hinunter, den Schrecken
der Mutter abzukürzen. Er findet sie auch gleich, wie sie mit blassem
Gesicht zurück kommt und ihn erblickend nichts anderes vermag, als ihn
hastig am Arm zu nehmen, wie wenn sie ihn jetzt noch retten müßte.
Bei den Genossen aber gilt der Heiri Wunderli seit diesem Erdbebentag
als einer, der sich aus Großmannssucht für etwas Besseres hält, und
ihrem Spott ist fortab deutlich der Haß beigemischt, der für das
Ungewöhnliche das sicherste Erbteil unter den Menschen ist.
12.
Mit zwölf Jahren kommt Heinrich Pestalozzi wieder hinüber in die große
Stadt, wo seine Mutter im Haus zum Roten Gatter an der Münstergasse
eine billige Wohnung gefunden hat. Er tritt nun in die Lateinschule
am Großmünster über und verliert dadurch seinen ländlichen Freund
aus Höngg ganz aus den Augen. Um so betroffener wird er, als er beim
Großvater in die Ferien einrückt und dort erfährt, dem Baumwollenweber
sei es zu teuer geworden mit der Schule, auch habe der Ernst Luginbühl
selber die Plage mit den Stadtsöhnen nicht mehr gemocht. Er benutzt
den ersten Ausgang, ihn zu besuchen; schon draußen vor dem kleinen,
windschiefen Haus hört er den Webstuhl klappern, aber als er zögernd
hinein kommt, sitzt statt des bärtigen Baumwollenwebers der Sohn im
Gestänge. Es ist so laut in der Stube, daß der ihn nicht gleich
bemerkt; als er sich nachher umsieht, dauert der Streifblick nicht
länger als eine Sekunde, dann starrt er wieder in seinen Webstuhl.
Heinrich Pestalozzi denkt, daß es die Arbeit so erfordere, und wartet
geduldig eine Pause ab; als sich nach einer Viertelstunde immer noch
nichts ändert an dem gleichförmigen Takt, ruft er ihn an, erst leise,
dann mehrmals lauter: der andere aber zieht nur trotzig die Schultern
ein. Da merkt er, daß ihn der Ernst Luginbühl nicht mehr ansehen
will, und in einer tief rinnenden Traurigkeit verläßt er die Stube.
Draußen sieht er gerade noch, wie die mattrote Sonnenscheibe in dem
Wolkengerinnsel am Horizont versinkt; was ein warmer Glanz mit lustig
langen Schatten war, als er herauf kam, ist nun eine rote Glut, die
sich brandig in den Himmel einfrißt. Nur am Ütliberg läuft noch eine
feurige Kante hinauf, und unten starrt das Kriegslager von Zürich vor
dem See, als ob es dunkel auf eine bläßliche Glasscheibe gemalt wäre.
Er fühlt mit seinen zwölf Jahren, daß alles, was bisher in seinem
Herzen gewesen ist, Zorn und Empörung, Mitleid und Freude: mit den
Stunden kam und verrann, wie dort das Sonnenlicht verrinnt und morgen
wiederkommt; aber, was da am Webstuhl angeschlossen ist, kam nicht mehr
los aus seiner Unabwendbarkeit.
Heinrich Pestalozzi vermag nicht ins Pfarrhaus zurückzugehen; bis
zur Dunkelheit sitzt er am Rain und versucht, aus dem Knäuel dieser
Gedanken heraus zu kommen. Das einzige, was er gewinnt, ist ein
Gefühl, dass bis zur Stunde alles eitel und selbstsüchtig in ihm war:
nur, weil er die reichen Verwandten am See und hier den Großvater im
wohlbestallten Pfarrhaus hat, durch kein anderes Vorrecht, ist er vor
dem gleichen Schicksal behütet. Je tiefer er sich da hinein denkt,
um so mehr schämt er sich vor dem Knaben und um so glühender wird
sein Wunsch, ihm wenigstens ein Pfand der Liebe aus seinem Herzen
hinzulegen, da er ihm sonst nicht helfen kann. Und als er das Pfand
gefunden hat -- es darf nur das Liebste sein, was er besitzt -- hindert
Heinrich Pestalozzi nichts mehr, sein Herz zu erfüllen:
Vor der Tür des Pfarrhauses, aus dem ein Licht der Wohlhabenheit in den
Abend leuchtet, zieht er die Schuhe aus und schleicht auf Strümpfen
in die Kammer. Der Ranzen ist noch nicht ausgepackt, und seine Hände
wühlen im Dunkeln nach dem silberbeschlagenen Testament, das seine
Mutter von ihrem Vater zur Konfirmation erhalten und ihm kürzlich am
Grab des eigenen Vaters in die Hand gegeben hat. Er fühlt das Unrecht,
das er damit tut: es gehört ihm selber garnicht, es ist ein Vorrecht
vor den Geschwistern, es zu haben. Aber gerade das bestimmt ihn, es
herzugeben; denn nur darum ist er wie alle übermütigen Stadtbürgersöhne
in Zürich gegen den Weberknaben im Vorteil, weil sie in den Reichtum
solcher Familienstücke hineingewachsen sind! Und daß es ein Liebespfand
von seiner Mutter ist, darauf hat Christus selber zu Maria gesagt:
Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?
Als er zitternd und mit einem schmerzenden Knie, weil er im Eifer
gefallen ist -- auch die Schuhe wieder anzuziehen, hat er vergessen --
zu dem Knaben in die Stube kommt, ist von dem Lichtspan an der Wand
ein trübes Licht darin, das die Schatten des Webstuhls wie Ratten in
dem halbhellen Raum hin und her laufen läßt. Diesmal hört der Ernst
Luginbühl gleich auf zu weben, so sehr scheint er erschrocken, wie
einer aus der Dunkelheit mit bittend hingestreckten Armen in sein
Licht kommt. Vor den heißen Augen weiß Heinrich Pestalozzi keins von
den Worten zu sagen, mit denen er her gelaufen ist; weil die Hände
des Knaben am Webstuhl hängen bleiben, legt er ihm das Testament mit
dem blinkenden Silber darauf. Wohl eine Minute lang ist es still
um die Atemzüge der beiden Knaben, wie wenn dieses Liebespfand sie
wirklich vereinen könnte; dann reißt der Webersohn die Hände fort, als
ob ihn mit dem kalten Metall des Buches ein widerliches Tier berührt
hätte. Klappernd fliegt es gegen das Holz und fällt seitwärts auf den
Lehmboden; doch darf es auch da nicht liegen, der Dämon in dem Knaben
fährt auf und spuckt danach; und als Heinrich Pestalozzi schützend
seine Hände über sein Heiligtum breiten will, tritt er mit beiden
Füßen darauf, bis es in den Lehm eingestampft ist. Erst dann bricht er
schluchzend aus und läuft durch die offene Tür in die Nacht.
Heinrich Pestalozzi meint, die Mutter laut mit sich weinen zu hören,
als seine zitternden Finger das Buch aus dem Boden graben; mit einem
Grauen, darin das Großmünster aus seiner ersten Jugend über ihm
einstürzt, geht er aus der Stube. Am Zürichberg wird unheimlich das
Signal der Mondscheibe aufgezogen; so rot ist sie, als hätte sie dem
Abendrot das Blut ausgetrunken. Und wenn Heinrich Pestalozzi auch erst
nach Jahren die Verzweiflung verstehen soll, die ihm sein Liebespfand
bespien und zertreten hat, eine Ahnung trägt er schon an diesem
Abend ins Pfarrhaus hinunter: alles andere, nur nicht das gedruckte
Evangelium hätte er dem Knaben auf die Hände legen dürfen, der sich von
einer auf dieses Evangelium gegründeten Welteinrichtung verraten fühlt.
13.
Seitdem geschieht es Heinrich Pestalozzi häufig, daß er unversehens
an den Webstuhl in Höngg denken muß; er meint dann, das unaufhörliche
Geklapper zu hören, und kann, wenn er sich auf die Schulgegenwart
besinnt, staunend in eine neue Anschauung der Wirklichkeit versinken:
die sonst nur als der Kreis seiner Sinne um ihn gewesen ist oder in
seiner Erinnerung ein Bilderbuchdasein geführt hat, je nachdem er
zufällig an etwas dachte, wächst sich zur Weite ihrer unabhängigen
und ungeheuren Existenz aus. Es wird ein leidenschaftliches Spiel
seiner Einbildung, sich vorzustellen, was alles in der gleichen Stunde
geschieht, da er mit seinen Büchern dasitzt: wie der Großvater in Höngg
den Pfarrhut in seiner Studierstube aufsetzt und hüstelnd -- er geht
nun schon an die siebzig -- die Treppe hinuntersteigt, die Kranken
der Gemeinde zu besuchen; wie die Großmutter unterdessen mit ihren
runzeligen Händen im Garten schafft, manchmal ein Viertelstündchen
mit einer Nachbarin plaudernd; wie rund herum in den Weinbergen
und Feldern die Bauern sich nach ihrer Arbeit bücken; wie auf der
Straße die Kaufmannswagen, mit runden Tüchern überspannt, ihren Trott
dahingehen, oft überholt von den Staubwolken eiliger Reisenden; wie
bald ein Sonnenstrahl, bald ein Wolkenschatten hinläuft über das breite
Limmattal, über die reisige Stadt Zürich und die Großmünstertürme --
daneben er selber im Schulhaus sitzt und dies alles denkt -- über den
langen See hin bis Richterswil und weiter hinauf gegen den blaudunklen
Wall der Berge, die sich nicht so leicht überrennen lassen, über
ungezählte fleißige Menschen hin, welche, die fröhlich singen, und
andere, die um einer Not willen verzweifelt sind. In der Weite und
unausdenkbaren Vielgestaltigkeit dieses Lebens fühlt er sich und seine
Pfarrpläne kaum anders als den Vetter am See, der mit seinem Federhut
den Soldaten spielt. Die Welt ist nicht mehr so, daß einer mit seiner
Knabeneinfalt hineingehen und ihre Dinge umgestalten kann, die Dinge
selber sind es, die mit ihrem unübersehbaren Zustand den Einzelnen
festhalten und nötigen. Wie die Unheimlichkeit des Großmünsters
drohend gegen die Stubenwelt seiner frühen Knabenjahre aufgestanden
ist, so kommt jetzt der Lebenskreis der Dinge; nur, daß er diesmal
die wirklichen Zusammenhänge fühlt und demütig die Überhebung seiner
Knabenpläne einsieht.