Vorwürfe ausgesprochen hatte, und bemerkte alsdann in schnippischem
Ton: »Wäre ich eine von den vornehmen Damen, die ich im Schauspiel
gesehen habe, so würde man mich gern geduldet und meinen Besuch
nicht unstatthaft gefunden haben; jetzt aber, da ich nur ein ganz
gewöhnliches Waldfräulein bin, spotten sie über mich und wollen mich
unter sich nicht dulden, und doch weiß ich, daß mich eine Jede von
ihnen um Deine Gunst beneidet, mein schöner Prinz. Warum machst Du mich
nicht zu einer solchen vornehmen Dame, damit ich mich überall zeigen
kann? Du bist doch ein Prinz und wirst bald Landesherr sein; hast Du
denn nicht so viel Macht, mich zu einer Gräfin oder wenigstens Baronin
zu machen?«
»Sei nicht thöricht und zufrieden mit dem, was Du hast!« fiel der
Prinz unmuthig ein und fügte verweisend hinzu: »Dein Leichtsinn
und Ungehorsam wird Alles verderben und bringt mich in fatale
Ungelegenheiten. Noch weiß ich nicht, wie ich den Fürsten und meine
Gemahlin beruhigen werde, und fürchte, Deine Keckheit wird nicht
ungestraft hingenommen werden. Das Uebelste dabei ist jedoch, daß Deine
Unvorsichtigkeit das Geheimniß meines Umganges mit Dir zerstört und
mich dadurch des Vergnügens beraubt hat, das mir dasselbe gewährte!«
»Wäre das nicht auch ohne mein Thun früher oder später geschehen?«
fragte sie, mit einem in ihrer Hand befindlichen Stöckchen tändelnd,
und schaute den Prinzen treuherzig an. »Glaubst Du denn, mein schöner
Prinz,« fuhr sie fort, »daß man von Deinen Besuchen bei mir nichts
weiß? Da würdest Du Dich schön irren! Ich denke, die ganze Welt weiß
schon darum. Du solltest also nicht böse sein und Dich vielmehr
herzlich freuen, daß mich die Leute gesehen haben; denn nun haben
sie mich doch von Angesicht schauen und sich mit ihren eigenen Augen
überzeugen können, daß die Mariane wol hübsch genug ist, um Dir zu
gefallen. Du hättest nur sehen sollen, mein Prinz, wie sie mich
begafften, als ob ich ein Wunderthier wäre. O, wie hat mich das
belustigt und wie bin ich bemüht gewesen, die vornehme Dame zu spielen
und meinem Prinzen Ehre zu machen. Auch die blasse junge Dame in der
großen Loge, die sie Deine Frau nannten, hat mich mit ihren sanften
Augen angeschaut; ach, sie war die Schönste von Allen und hat mir am
besten gefallen.«
»Schweig mir damit!« herrschte der Prinz. »Du bist eine Närrin, und
ich erkenne, daß mir Dein Leichtsinn nur üble Streiche spielen wird.
Meine zu große Nachsicht hat Dich verwöhnt und ich bin vor ähnlichen
Thorheiten nicht sicher!«
»O glaub’ das nicht, mein Prinz! Du weißt, ich thue gern Deinen Willen.
Sei nur nicht böse! Sieh, ich bin ein unerfahrenes, dummes Waldkind,
dem darfst Du so etwas nicht übel nehmen. Jetzt bin ich schon klüger
geworden, und ich schwöre Dir, ich werde Deine Befehle stets befolgen.«
Sie hätschelte ihn dabei und wußte ihre Rolle so gut zu spielen, daß
der Prinz unter anderen Umständen sich jedenfalls hätte versöhnen
lassen; dieses Mal gelang ihr das jedoch nicht. Denn durch Boisière
über Sidoniens Forderungen unterrichtet, sah er irgend eine
folgenreiche Maßnahme von Seiten des Fürsten voraus, die nicht mehr
ausbleiben konnte, und das verstimmte ihn in hohem Grade und machte
sein Herz ihren Schmeicheleien unzugänglich. Ueberdies erkannte er die
Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen, sie zur Einsicht der Bedeutsamkeit
der besprochenen Verhältnisse zu leiten. Ihre Befangenheit in
dergleichen Dingen war zu groß. Darum entgegnete er in strengem Ton:
»Lass’ Deine Zärtlichkeiten und erwarte mich morgen! Ich werde eine
Unterredung mit dem Fürsten haben und bin auf Schlimmes gefaßt. Du
sollst es erfahren und wirst dann erkennen, wie schwer sich Dein
Ungehorsam bestraft!«
Mit diesen Worten verabschiedete er sie zugleich. Mariane schaute
ihn überrascht und fragend an. In solcher Weise hatte der Prinz noch
niemals mit ihr gesprochen, und dieser Umstand erfüllte sie mit der
Vermuthung, daß ihr Besuch doch wol etwas Schlimmes angerichtet haben
mußte. Sie ließ den Kopf hängen, blickte traurig vor sich hin und
bemerkte schmollend:
»Prinz, Du gehst sehr hart mit mir um und hast mich gewiß nicht mehr
lieb. -- Vergieb mir!«
»Wir wollen sehen, was der Fürst bestimmt. Jetzt geh’ nur, denn ich
möchte ruhen. Morgen erfährst Du das Weitere,« sprach der Prinz, dessen
Unmuth sie nicht zu beschwichtigen vermochte.
Mariane kannte das, setzte ihr Hütchen auf, blickte den Prinzen noch
einmal traurig an, und als er ihr nicht wie sonst die Arme öffnete,
schied sie still von ihm.
Ihr war ganz wunderlich zu Muthe. Sie hatte zum ersten Mal erfahren,
daß der Prinz auch rauh und lieblos sein konnte.
Sie mußte also wol einen großen Fehler mit ihrem Besuch gemacht haben.
Sie vermochte denselben freilich noch immer nicht einzusehen; denn am
Ende war ihrer Ansicht nach doch nur der Prinz selbst an Allem schuld.
Warum machte er sie nicht zu einer vornehmen Dame? Eignete sich ihre
Schönheit denn nicht dazu und hatte man sie nicht im Schauspiel für
eine solche gehalten? O, sie hatte ganz Recht; wäre sie eine Gräfin
oder Baronin gewesen, so würde man ihre Liebschaft mit dem Prinzen ganz
natürlich gefunden haben; jetzt hielt man sie für viel zu gering dazu.
Als sie nach Hause zurückgekehrt war und Madame Voisin mit Allem
bekannt gemacht und deren Bedauern vernommen hatte, begab sie sich
zu ihren Vögeln und Affen, mit denen sie sich häufig und gern zu
unterhalten pflegte.
Der Papagei und die Affen begrüßten sie mit freudigem Geschrei, da
sie die Herrin sehr gut kannten und manch’ süßen Brocken aus ihrer
Hand empfingen, wie dies auch jetzt der Fall war. Sie unterhielt sich
während dessen mit ihnen.
»O, ihr wißt nicht, wie böse der Prinz mit mir war!« sprach sie mit
einem ernsten Gesicht. »Er hat mich ausgescholten und hieß mich gehen.
Das hättet ihr nicht gethan. Wärst Du, mein Joko,« -- wandte sie
sich an ihren Lieblingsaffen, -- »der Prinz, Du würdest mich nicht
fortgeschickt und so böse behandelt haben. O Joko, Joko, wie sind die
Menschen doch so schlimm und gönnen Einem nicht den Bissen Freude, den
man hat! Nun, wenn es damit zu Ende sein sollte, reisen wir wieder nach
dem Walde, dort will ich mit euch leben herrlich und in Freuden.«
Joko ließ ein zustimmendes Schnurren vernehmen und schmeichelte sich an
ihre Brust.
»Siehst Du, Joko,« fuhr sie fort, »ich bin eigentlich auch nur so eine
Art hübscher Affe wie Du, an dem der Prinz Gefallen findet und mit
dem er sich die Zeit vertreibt, und mache ich nun einmal einen dummen
Sprung, dann wird er gleich böse und die anderen Alle auch, als ob
ich Wunder was gethan hätte. Aber pass’ nur auf, Joko, ich werde den
Prinzen schon wieder lustig machen, wie Du mich, und er wird mich zur
Gräfin erheben, wie sie sagen, und dann können wir Sprünge und Zoten
nach Belieben anstellen, dann schadet das nichts; dann ist Alles in der
Ordnung, und man wird mich dann nicht verspotten, sondern bewundern
und allgemein großen Respect vor mir haben. Das wirst Du Alles hören,
wenn er morgen hierher kommt; denn er wird morgen zum Fürsten gehen
und von dem will er zu mir kommen. Schreie nicht so, Pepi!« befahl sie
dem Papagei, der, neidisch über die dem Affen geschenkte Zärtlichkeit,
sich auf der Stange unruhig hin und her bewegte und ein auffallendes
Gekrächze ausstieß. »Sei still,« fuhr sie fort, »Du kommst mir wie
eine jener vornehmen Damen vor, die eben so neidisch wie Du sind. Zwar
haben sie mich nicht mit dem Munde, doch desto mehr mit den scharfen
Augen angekrächzt, als ob sie mich am liebsten gebissen hätten. O,«
lachte sie hell auf, »sie hätten es schon gethan, wenn sie es nur
durften! Aber siehst Du, Pepi, sie durften es nicht! Sie wagten es
nicht, da ich der Leibaffe des Prinzen bin, was sie so gern sein
möchten.« Und sie belachte ihren Witz, und während sie sich in solcher
Weise unterhielt, vergaß sie bald die erfahrene Unannehmlichkeit;
ihr froher und leichter Sinn half ihr über alles Grübeln und Trauern
schnell fort. Warum sollte sie sich auch grämen? Wußte sie denn nicht,
daß sie den Prinzen bald beruhigen und er wieder nach ihrem Willen sein
würde? Er mußte ~doch~ thun, was sie wünschte, ob er sich auch noch so
hart anstellte. Und mit diesen Betrachtungen hatte ihr Kummer sein Ende
erreicht. --
Wir kehren nun zu Mühlfels zurück, der nach der Unterredung mit dem
Fürsten in der übelsten Stimmung nach Hause zurückgekehrt war und hier
überlegte, was ihm zur Abwendung der über ihn verhängten Strafe zu thun
übrig blieb.
Daß seine Versetzung nach der kleinen, von allem Verkehr entfernten
Garnison Aufsehen erregen und die Leute veranlassen würde, nach
der Ursache der erfahrenen Ungnade zu forschen, verstand sich von
selbst, und eben so selbstverständlich war es, daß man dieselbe
entdeckte. Boisière war nicht zuverlässig, überdies hatte er ihn
durch die abgegebene Erklärung bei dem Fürsten gereizt und kannte die
Hofverhältnisse zu gut, um nicht überzeugt zu sein, der eitle Hofmann
würde sich durch vertrauliche Mittheilungen darüber zu rächen bedacht
sein.
So konnte ihn nur des Prinzen Fürsprache bei dem Fürsten retten; um
sich diese jedoch zu verschaffen, mußte er diesen von der Berechtigung
seines Vorhabens gegen den Fürsten überzeugen. Und sein böser Charakter
ersann sich dazu ein übles Mittel. Es galt seine Rettung und er bebte
vor demselben nicht zurück, unbekümmert um die sich daran knüpfenden
verletzenden Folgen für die Prinzessin. Nachdem er sich in solcher
Weise genügend vorbereitet hatte, begab er sich zu dem Prinzen. Dieser
hatte bereits durch Boisière das Nähere über die Versetzung erfahren
und empfing ihn mit einem Vorwurf über seine Unvorsichtigkeit.
»Ich hoffe, Hoheit werden diesen Vorwurf zurücknehmen, wenn ich Ihnen
Alles vertraut habe,« entgegnete Mühlfels ruhig und resignirt.
»Was haben Sie mir noch zu sagen?« fragte der Prinz.
»Vielleicht etwas, was Sie nicht erwarteten, mein Prinz,« sprach
Mühlfels und fügte hinzu: »Vor allen Dingen habe ich es für meine
Pflicht gegen Eure Hoheit gehalten, Sie über den Fall aufzuklären
und Ihnen die Kenntniß von meiner Schuldlosigkeit zu verschaffen. So
empfindlich mich auch die Ungnade des Fürsten getroffen, würde mir
doch diejenige meines theuern Prinzen noch vielfach schmerzlicher sein,
da ich dieselbe überdies nicht zu verdienen glaube.«
»So reden Sie, reden Sie!« fiel der Prinz ungeduldig ein.
»Der Fürst, mein Prinz, hat mich, ohne Beweise für meine Schuld zu
besitzen, lediglich nach seinem Belieben verurtheilt.«
»Boisière hat ihm doch aber mitgetheilt --« wandte der Prinz ein.
»Und der Chevalier sprach die Wahrheit --« fiel Mühlfels mit Nachdruck
ein.
»Wie soll ich das verstehen?«
»Sie werden mich verstehen, mein Prinz, wenn ich Ihnen bekenne, daß ich
die Prinzessin nicht compromittiren wollte.« --
»Was sagen Sie?« rief der Prinz überrascht aus.
»Mißdeuten Sie meine Worte nicht, mein gnädiger Prinz. Wenn mir die
Prinzessin auch ein besonderes Wohlwollen schenkte, das mich zu
beglückenden Hoffnungen berechtigte, so trifft sie dennoch nur in
sofern ein Vorwurf, indem sie mich dadurch zu demselben verleitete.
Ob diese Hoffnungen jemals erfüllt worden wären, wage ich nicht zu
bestimmen, obwol ihr Interesse für mich eine solche Annahme nicht
gerade abweist.«
»Und dem ist wirklich so?« fragte der Prinz erregt und blickte Mühlfels
an.
»Ich schwöre es, mein Prinz!« »Warum verschwiegen Sie das dem
Fürsten?« --
»Weil, wie ich schon früher bemerkte, ich es für meine Pflicht
erachtete, die Prinzessin nicht bloszustellen.« --
»Sie thaten nicht recht daran, und ich gestehe Ihnen, es würde mich
gerade in diesem Augenblick gefreut haben, hätten Sie dem Fürsten die
Schwäche der Prinzessin enthüllt, die er noch immer für tugendhaft
hält. Doch, er soll das von mir erfahren; ich spreche ihn morgen und
will ihm Ihr Bekenntniß mittheilen. Wagte Sidonie sich über Mariane
zu beschweren, so bietet mir dies ein erwünschtes Mittel, sie in dem
rechten Licht zu zeigen. Ich sage Ihnen, Ihre Mittheilung kommt mir
sehr gelegen.« --
»Und wollen Hoheit so gnädig sein, mir zu verzeihen, wenn ich das
Entgegenkommen der Prinzessin annahm?« fragte Mühlfels demüthig.
»Ach, lassen Sie die Bagatelle!« fiel der Prinz geringschätzig
ein. »Ich würde die Prinzessin in keiner Weise in ihren Passionen
belästigt haben, hätte sie mich nicht durch die Anklage beim Fürsten
heraus gefordert. Ich will doch sehen, wer mehr bei dem Fürsten gilt,
~sie~ oder ~ich~. Die Tugend an sich ist lächerlich; die geheuchelte
jedoch mehr als das. Sie sollen nicht fort, Mühlfels; Sie sollen und
müssen bleiben; denn ich bedarf Ihrer gerade jetzt am nöthigsten. Die
Prinzessin soll sich in ihren Erwartungen arg getäuscht sehen. Wie
konnte sie es wagen, unter solchen Umständen meinen Freund anzuklagen
und mich seiner zu berauben, lediglich um sich den guten Schein zu
retten. Ich merke, sie hat dabei auf Ihre Gutmüthigkeit gerechnet; es
soll ihr jedoch nichts helfen. Ihre gute Absicht muß von dem Fürsten
anerkannt werden; ich werde dafür sorgen. Im Uebrigen, Mühlfels,
bleiben wir die alten Freunde. -- Ich hoffe, auch die Angelegenheit mit
Marianen wird sich nach Wunsch erledigen lassen. Ich habe keine Lust,
der Prinzessin zu weichen; ich ahne, was sie verlangt; aber wahrlich,
Sie soll ihren Willen nicht haben!«
In solcher Weise sprach der Prinz, und wir erkennen daraus, wie
leicht seine Abneigung gegen die Prinzessin ihn verleitete, den
Einflüsterungen seines Günstlings Gehör zu schenken. Ueberdies kam
ihm, wie wir erfahren haben, Mühlfels’ Geständniß sehr gelegen, da
er dasselbe in seinem eigenen Interesse benutzen konnte. Ob dasselbe
begründet war, ob ihn der Baron absichtlich täuschte, wie es der Fall
war, um der Ungnade des Fürsten zu entgehen, fiel ihm nicht ein zu
untersuchen. Eben so wenig sah er sich veranlaßt, zu überlegen, daß bei
dem fleckenlosen Charakter der Prinzessin die Aussage des Barons wenig
Glauben verdiente. An sittliche Tugend glaubte er nicht, jedoch an die
Schwäche und Sittenlosigkeit der Frauen, und dieser Glaube behielt auch
in diesem Fall um so mehr die Oberhand, da er die Prinzessin schuldig
wissen ~wollte~.
Mühlfels mußte ihm den Abend über Gesellschaft leisten, und er fand
dabei hinreichende Gelegenheit, die bekannten Angelegenheiten vielfach
zu besprechen und sich durch seinen Günstling in seinen Vorsätzen noch
mehr befestigen zu lassen.
Mit den besten Hoffnungen erfüllt, schied der Baron von ihm, in hohem
Grade beglückt, daß sein kühnes Mittel so gute Wirkungen ausgeübt
hatte. Er freute sich, auf den glücklichen Gedanken gerathen zu sein,
sich als das Opfer zu bezeichnen, das er der Ehre der Prinzessin
gebracht hatte. Die sowol von dem Prinzen als dem Fürsten gehegten
Vorurtheile kamen ihm dabei sehr zu statten, denn sie ließen ihn
hoffen, daß man seinen Worten Glauben schenken würde. Und den Prinzen
zu überzeugen, war ihm bereits gelungen. Ueberdies hatte er dem
Fürsten ähnliche Andeutungen gemacht und ebenso gegen Boisière nichts
Bestimmtes ausgesprochen; wenn er nun die Kühnheit besaß, dem Gemahl
der Prinzessin selbst deren Schwächen und seine dadurch erregten
Hoffnungen zu gestehen, so lag in diesem bedeutsamen Umstande ein
gewichtiger Beweis für seine Schuldlosigkeit, indem zugleich alle
Schuld auf Sidonie zurück fiel. Gelang ihm das Letztere, so war er auch
von der Zurücknahme des fürstlichen Befehls überzeugt.
Wie gewöhnlich vertraute er seine Besorgnisse und Hoffnungen seiner
Mutter an, die nicht wenig überrascht war, den lieben Sohn in einer so
übeln Lage zu wissen. Sie stimmte jedoch seinen Voraussetzungen bei
und tröstete sich mit ihm in der Gewißheit von dem großen Einfluß des
Prinzen auf den Fürsten.
Sie sollten bald erfahren, wie sehr sie sich in dieser Beziehung
täuschten.
Der Prinz begab sich an dem nächsten Tage zu dem Fürsten, um die
bekannten Angelegenheiten zu besprechen, und unterließ nicht, das
Interesse seines Günstlings mit aller Wärme zu vertreten.
Mit großer Aufmerksamkeit hörte ihn der Fürst an und schritt, nachdem
der Prinz seine Mittheilung geendet hatte, einigemal schweigend und
gedankenvoll durch das Gemach.
»Und Du glaubst den Worten des Barons?« fragte er, indem er vor dem
Prinzen stehen blieb und ihn fragend anschaute.
»Ich habe keinen Grund zum Gegentheil, und kenne den Baron überdies zu
genau, um an der Wahrheit seiner Mittheilung zu zweifeln.« --
»Du hegst eine natürliche Vorliebe für ihn, da er Dein besonderes
Vertrauen besitzt; diese Vorliebe täuscht Dich jedoch dieses Mal und
Du übersiehst, daß die Prinzessin, fühlte sie sich schuldig, anders
gehandelt haben würde. Ich sage Dir, ein solch’ stolzes, freies Wesen,
wie sie, zeigt keine Schuldige, und der Baron hat das Aeußerste gewagt,
um sich von der Strafe zu befreien. Ich kenne die Menschen genügend,
um nicht zu wissen, daß ein Mann, wie der Baron, in einem Fall, in
welchem seine Ehre auf dem Spiel steht, sich nicht in solcher Weise
opfert. Das ist lediglich ein Kunstgriff von ihm, der ihm jedoch nichts
helfen soll. Ihn verleitete seine Eitelkeit zu der Täuschung; ich bin
davon durchaus überzeugt. Er wollte sich mir gefällig zeigen, um Nutzen
daraus zu schöpfen. Ich gebe zu, daß ihm die Prinzessin ein gewisses
Wohlwollen schenkte; das ist jedoch nichts Besonderes. Sollte er darin
eine Berechtigung zu so bedeutsamen Hoffnungen gefunden haben, so
ist das seine Schuld, und darum muß er büßen. Ich wie Du sind es der
Prinzessin schuldig, und so soll die Sache ihren Gang haben.« --
Der Prinz wurde durch diesen festen Bescheid seines Oheims in hohem
Grade verstimmt und bemühte sich auf das äußerste, den Baron von der
Strafe zu befreien; indessen vergebens. Der Fürst beharrte auf seinem
Entschluß und schnitt seine weiteren Bemühungen mit dem Bemerken ab,
daß eine viel wichtigere Veranlassung ihn bestimmt habe, den Prinzen
zu sich bitten zu lassen, und er daher des Barons Sache als abgethan
betrachte. Alsdann fragte er ihn, durch welche Umstände Mariane
veranlaßt worden sei, sich in das Schauspiel zu drängen.
Der Prinz fand es für gut, dem Fürsten das Nähere darüber zu
verschweigen, indem er seinen Liebling durch die demselben beiwohnende
Unerfahrenheit zu entschuldigen bedacht war und zugleich die
Versicherung aussprach, nicht die geringste Kenntniß von dem Besuch
gehabt zu haben.
Auch jetzt hörte ihn der Fürst ruhig und aufmerksam an und entgegnete
alsdann mit Strenge:
»Nicht das ~Mädchen~, sondern ~Sie~ trifft die Schuld, wenn so
etwas geschehen konnte; daß es geschah, ist ein Zeichen, wie wenig
Respect das Mädchen für Sie hat. So weit durften Sie es jedoch nicht
kommen lassen. Wir haben Ihre Liaisons, sobald sich dieselben in den
erforderlichen Grenzen hielten, schweigend geduldet; wir finden uns
jedoch nach dem Erfahrenen veranlaßt, Sie dem Einfluß dieses jedenfalls
sehr listigen Mädchens zu entziehen, vor Allem jedoch der Prinzessin
für die erfahrene Scene dadurch eine Genugthuung zu verschaffen; und
so befehlen wir Ihnen, das Mädchen sofort zum Verlassen der Stadt zu
veranlassen. Ich weiß, daß die Prinzessin nichts Geringeres erwartet,
und eine solche Forderung kann nur billig genannt werden. Ueberdies
bin ich das auch mir und dem Hofe schuldig. Sie werden sich also mit
dem Mädchen arrangiren. Uebrigens dürfte diese niedrige Person zu
einer Liaison mit einem Prinzen sehr wenig geeignet sein; Sie tragen
daher selbst die Schuld, wenn man darüber spottet und Ihren guten
Geschmack in Zweifel zieht. Des Mädchens freches Eindringen in die gute
Gesellschaft hat nun den schlagendsten Beweis geliefert, daß der Spott
nur gerecht war, und so werden Sie wissen, was Sie zu thun haben.« --
Der Fürst schwieg und trat an das Fenster, durch welches er auf den
Garten blickte.
Bebend vor zorniger Erregung, die des Oheims Strenge und Beschluß in
ihm erzeugt hatte, und zu einer Erwiderung unfähig, stand der Prinz
da. Schon durch die verweigerte Gnade hinsichts des Barons erbittert,
steigerte die Bestimmung über Mariane seinen Zorn in hohem Grade.
Derselbe drohte ihn zu übermannen und er beherrschte ihn nur mühsam.
»Und ist das Ihr unumstößlicher Beschluß?!« preßte er endlich hervor.
»Er ist es,« fiel der Fürst ruhig ein und fügte dann mit Nachdruck
hinzu: »Ich denke, Prinz, Sie sind sich das selbst schuldig, wenn Sie
nicht der Lächerlichkeit verfallen sollen.«
»Wer wagte das zu behaupten?!« fuhr der Prinz auf.
»Ich, Ihr ~Fürst~!« fiel dieser in gebietendem Ton ein.
»Sie können mir den Umgang mit dem Mädchen nicht verwehren!« rief der
Prinz in hellem Zorn und mühsam Athem holend.
»Nicht?« fragte der Fürst ironisch und fuhr mit strenger Kälte fort:
»Hören Sie, Prinz Albert, was Ihnen Ihr Fürst sagt: ist das Mädchen
nicht innerhalb vierundzwanzig Stunden aus dem Bereich der Stadt, so
werde ich es durch Polizeibeamte hinausbringen lassen, und damit Sie
nicht etwa aus zu großer Liebe für die Dirne verleitet werden, sie etwa
als ihr =Cavalier servante= zu begleiten, werden Sie bis auf Weiteres
Ihr Palais nicht verlassen. Und dabei bleibt’s!«
Mit diesen Worten begab sich der Fürst in das Nebengemach und ließ den
Neffen in der furchtbarsten Erregung zurück. Sein Auge flammte, und
ehe der Fürst noch die Thür schloß, zertrümmerte er den Stuhl, auf
den er sich so lange gestützt hatte, mit einem raschen, mächtigen
Stoß. Alsdann taumelte er aus dem Gemach und warf sich in den auf ihn
harrenden Wagen.
Es war tief in der Nacht; dennoch schimmerte in einem der Zimmer der
Villa Marianens Licht und verrieth, daß die Bewohner derselben noch
nicht die Ruhe gesucht hatten.
Dies war in der That der Fall; denn wenn auch die sämmtliche
Dienerschaft daselbst sich der Nachtruhe erfreute, saßen doch Mariane
und Madame Voisin beisammen und unterhielten sich in leisem Ton mit
einander.
Neben ihnen standen gepackte, offene Reisekoffer.
»Ich sage Ihnen, Fräulein, daß das Alles Ihr Besuch des Schauspiels
veranlaßt hat,« wiederholte Madame Voisin zum mehr denn zehnten Mal.
»Sie irren sich. Wie könnte solche Kleinigkeit --« wandte Mariane ein.
»Nun, Sie werden es ja bald erfahren. Ohne einen erheblichen Grund
konnte der Prinz nicht auf den Gedanken gerathen, Sie reisen zu lassen.
Ich wiederhole, das geschieht nicht mit seinem Willen, sondern es
steckt etwas dahinter, Sie werden es erleben. Lesen Sie seinen Brief
nur noch einmal durch.«
Mariane ergriff in Folge dieser Aufforderung einen neben ihr auf dem
Koffer liegenden Brief, den sie vor wenigen Stunden von dem Prinzen
erhalten hatte und worin er ihr anzeigte, daß besondere Umstände ihn
nöthigten, sie aus der Stadt für eine kurze Zeit zu entfernen. Sie und
Madame Voisin, die sie auf der Reise begleiten würde, sollten sich
dazu vorbereiten, jedoch nur mit den nothwendigsten Sachen versehen.
Mariane möge ihn in der Nacht erwarten und würde alsdann alles
Weitere von ihm erfahren. Sein Besuch müßte der Dienerschaft durchaus
verheimlicht werden und sollten sie ganz besonders darauf bedacht sein.
»Nun, Fräulein, ist Ihnen jetzt die Sache klar?« fragte Madame Voisin.
»Wir sollen eine kleine Reise machen, vielleicht nach meiner Heimath,
und das wäre schön; sonst finde ich nichts Besonderes in den Worten,«
meinte Mariane ziemlich ruhig.
»Dann habe ich nichts mehr zu sagen,« sprach Madame Voisin und begann
auf’s Neue zu packen; Mariane jedoch, von der Voraussetzung erfüllt,
eine Zeit lang in der Heimath verleben zu dürfen, plauderte weiter.
»Wie werden sie meine Schmucksachen und schönen Kleider dort bewundern!
So etwas haben sie noch nicht gesehen. O, ich will ihnen davon
schenken, so viel es irgend geht; der Prinz kann ja für Neues sorgen.
Und der Wald ist auch grün und frisch, und ich kann mich darin wie
früher nach Belieben ergehen, und um so besser wird es mir dann wieder
hier gefallen, wenn ich zurückkomme. Wenn ich nur meine Vögel und Affen
auch mit mir nehmen dürfte.« --