»Diese Ansichten begründen eben ihren beklagenswerthen Irrthum,

in welchem Sie sich befinden und durch welchen Sie sich von dem

Hofleben geschieden haben. Sie wollen die Macht des Zeitgeistes nicht

anerkennen, stellen sich über denselben und stoßen dadurch überall

an, wie Sie das bereits erfahren haben müssen. Der Welt zu verrathen,

daß man sich besser dünkt als sie, daß man ihre Sitten und Gebräuche

verachtet, ist unklug und ein großer Fehler, namentlich bei einer Frau,

die nicht die Gewalt und den Geist besitzt, die Welt nach ihrem Sinn

zu leiten. Fügten Sie sich in den Zeitgeist, so würden Sie behaglicher

leben und Ihr gegen mich ausgesprochenes Verlangen würde unterblieben

sein.« --

»Ich glaube Ihnen, mein Fürst; indessen scheinen Sie zu übersehen,

daß, wenn mir auch die Macht fehlt, die Welt nach meinen Ansichten zu

bessern, ich dennoch die Berechtigung besitze, nach den Forderungen

meiner sittlichen Natur zu leben und darnach meine Ansprüche an die

Menschen zu erheben. Das Gute und Wahre gilt für alle Zeiten und darf

dem herrschenden Zeitgeist nicht weichen, wenn der Mensch sich nicht

selbst aufgeben will. Warum wollen Sie mir also mein Streben zum

Vorwurf machen, da es gute Zwecke in sich trägt? Daß man über mich

spöttelt, weil ich jene Dinge verachte, welche die bessere Natur des

Menschen verunzieren, weiß ich; ich besitze jedoch so viel Kraft der

Ueberzeugung, um mich darüber hinweg zu setzen. Mit den Schlechten

schlecht zu werden, zeigt von einem gehaltlosen Charakter, von dem

Mangel wirklich sittlicher Grundsätze. Und sollte nicht einst die Zeit

kommen, in welcher das Bessere wieder allgemeinere Geltung erhält, und

sollten wir diese nicht herbei zu führen bemüht sein? Ist das Leben der

Menschen nicht wandelbar wie ihre Neigungen und Wünsche?« --

»Wer möchte daran zweifeln?! Aber wenn man den Zeitgeist nicht zu

ändern vermag, ist es klug, nicht offen gegen ihn zu verstoßen,«

bemerkte der Fürst.

»Und warum sollten Diejenigen, denen die Macht dazu gegeben ist, warum

sollten die Fürsten sich eine solche Aufgabe nicht stellen wollen?

Warum thun sie es nicht, wenn sie die Nothwendigkeit dazu fühlen? Ihr

Beispiel, ihr Verhalten, ja ihr Wunsch schon genügt, auf das Volk zu

wirken. Dieses schaut stets nach oben, und wenn es schlecht wird, sind

es stets die Folgen eines übeln Beispiels, das sie vor Augen haben.

Man ahmt das Schlimme viel leichter nach als das Gute, aber auch

dieses, wenn es sich beharrlich zeigt. Und bedingen die Höfe nicht so

eigentlich den Zeitgeist? Kennen wir die Einwirkung des französischen

Hofes auf die Höfe in Deutschland nicht zur Genüge, und sind seine

Gebrechen nicht auf uns nur darum übergegangen, weil sie von unseren

Höfen beifällig aufgenommen wurden? Man äfft nicht nur die Trachten,

man äfft noch leichter leichtfertige Gebräuche nach, und die Sünde

wird keine Sünde mehr, weil sie Mode geworden ist und jedes moralische

Bedenken unterdrückt. Ein Verbrechen hört jedoch darum nicht auf,

ein solches zu sein, weil sich ein Jeder in der Gesellschaft daran

betheiligt. Sie achten und lieben die Menschen wenig, mein Fürst; würde

dies nicht sein, so bin ich überzeugt, Sie würden die Ihnen zu Gebote

stehende Macht auch zu deren Besserung und Veredlung benutzen.« --

»Chimären, Chimären!« fiel der Fürst mit Ironie ein. »Sie kennen die

Menschen nicht, und darum hegen Sie dergleichen Wünsche. Ich sage

Ihnen, besäßen Sie meine Kenntniß von der Menschennatur, Sie würden

Ihr Ich zum Mittelpunkt des Lebens machen, und damit Basta. Gelingt es

selbst dem Schöpfer dieser Menschen nicht, sie zu Engeln zu machen, wie

sollte diese Aufgabe einem Menschen zugefallen sein? Hätte die Urkraft

es anders haben wollen, so würden Sie sich heute nicht über Diejenigen

beklagen, welche dem lieben Gott nicht in das Handwerk pfuschen wollen.

Nur die Geister regieren, und ihrer sind wenige; der Haufe besteht aus

Sklaven oder Unvernünftigen, und es lohnt wahrlich nicht der Mühe, sie

zur Erkenntniß ihrer Niedrigkeit zu leiten; sie würden es Ihnen nicht

danken, denn sie würden sich darin unglücklich fühlen. Die Materie,

der Stoff, das Sinnliche ist im Leben das Gesuchteste; in ihnen fühlt

sich der Haufe wohl; Moral und Geist hinken nach, sobald die Sinne

Befriedigung finden; denn die Welt vermag auch ohne Moral zu bestehen,

und an diese hat der liebe Gott wahrlich nicht gedacht, als er unsern

Planeten in den Weltenraum setzte. Diese Ansichten mögen Ihnen

zwar sehr materiell erscheinen, sie sind darum jedoch nicht minder

gerechtfertigt, und Sie würden dieselben theilen, besäßen Sie meine

Erfahrungen. Ueberlegen Sie sich meine Worte, Prinzessin, vielleicht

gelangen Sie alsdann zu anderen Ansichten über das Leben, über sich

selbst und Ihre Verhältnisse. Ich sage Ihnen, das Leben ist es nicht

werth, die Moral über ein behagliches Dasein zu stellen. Sein Ton

verklingt rasch, oft so rasch, ehe man sich darin kaum zurecht gefunden

hat, und auch den bedeutendsten Menschen gelingt es kaum, daß dieser

Ton noch ein wenig nach ihrem Sterben nachklingt, und geschieht es, so

wird sein Widerhall dennoch rasch von dem Getöse des fortrauschenden

Lebens aufgesogen. Doch genug dieser Dinge, die Ihnen vielleicht nicht

zusagen. Aber sie sind gesprochen und Sie mögen daraus erkennen, daß

man zu ganz anderen Ansichten gelangt, wenn man das Leben und die

Menschen nicht aus der Vogelperspective betrachtet.«

Er schwieg und schaute durch das Fenster. Sidoniens Auge hing mit

Ueberraschung an den erregten Zügen des Fürsten. Noch niemals hatte

sich sein Cynismus in solcher Weise zu erkennen gegeben, und sie bebte

davor zurück, indem derselbe ihre Seele verletzte.

Sie fühlte sich der Dialektik des Fürsten nicht gewachsen, und so wäre

es klug gewesen, seine Worte schweigend hinzunehmen. Sie vermochte

dies jedoch nicht; ihr Gefühl trieb sie an, die eigenen Grundsätze

zu vertheidigen und dem Fürsten zu erkennen zu geben, wie weit sie

entfernt war, seine trostlosen Anschauungen zu theilen, und darum

entgegnete sie:

»Sie mögen in vieler Hinsicht Recht haben, mein Fürst; ich darf mir

darüber kein Urtheil erlauben. Ein Jeder beurtheilt das Leben von

seinem Standpunkt aus, und derjenige der Frauen ist ein anderer als

der der Männer, und so will ich Ihnen nicht verhehlen, daß mich Ihre

Worte nur noch mehr in der Erkenntniß befestigt haben, daß es in der

Menschenbrust ein Gefühl giebt, das ihn über die Trostlosigkeit Ihrer

Anschauungen erheben dürfte.« --

»O, ich merke, wo Sie hinaus wollen!« fiel der Fürst ein. »Sie sind

eine Frau und wollen darum von Liebe und Tugend sprechen. Ist es nicht

so?«

»Ja, mein Fürst,« entgegnete Sidonie ruhig. »Wer diese beiden Elemente

im Menschenleben nicht kennt, mag sich leicht mit den Resultaten der

Speculation des Verstandes zufrieden geben, doch nicht derjenige, der

in ihnen die Schöpfer eines höheren Daseins schätzt und sich durch sie

über die Materie des Lebens erhebt.«

»So machen Sie nur rasch den Dreiklang voll und fügen Sie auch den

Glauben hinzu, der ja so eigentlich den Frauen angehört und von ihnen

ganz besonders protegirt wird. Ich sage absichtlich: Dreiklang, denn

meiner Ansicht nach ist die Liebe, wie die Tugend und der Glaube nur

ein flüchtiger Ton, der sich nicht fassen läßt und lediglich in der

Idee, vielleicht im Temperament, in der Constitution des Menschen

beruht, ja vielleicht sogar auch in der Mode, im Zeitgeist. Denn es

hat, wie Sie wissen, Tugend-, Liebes- und Glaubenszeiten gegeben, in

denen man für diese eine besondere Vorliebe zeigte; ob aus Neigung,

Ueberzeugung oder in Folge von Nachahmung und weil es einmal Sitte

war, müßte leicht zu entscheiden sein, ganz abgesehen, daß dabei die

Schauspielkunst gewiß ganz besonders cultivirt wurde. Sie sehen, daß

die von Ihnen gepriesenen Elemente die denselben beigelegte Bedeutung

nicht verdienen. Alles Ideale im Leben weicht früher oder später der

Materie, und diejenigen, welche dies nicht anerkennen wollen, stempeln

sich zu Narren oder Märtyrern. =Chacun à son goût!= Oder ist es etwa

nicht so? Strebt nicht Alles der Materie zu, die sich für den Menschen

im Tode gipfelt, was der unverständige Glaube nicht zu ändern vermag?

Wenn ich der Bibel eine Wahrheit zugestehe, so ist es diese, daß der

Mensch wieder zu Erde werden muß, aus welcher er geschaffen wurde.

-- Und die Liebe! -- Ist sie mehr, als das Mittel sehr realistischer

Zwecke? Erwägen Sie, Prinzessin. Ich stelle die Freundschaft als edler

über sie, vorausgesetzt, daß die Selbstsucht keinen Theil daran hat.

Die Freundschaft entspringt nicht einem Naturgesetz, die Liebe jedoch

lediglich aus diesem, und die Natur ist nur belebte Materie. So wären

wir mit dem von Ihnen so geschätzten Dreiklang fertig, dessen Harmonie

sich vielleicht ganz gut anhört, der uns jedoch betrügt, da er nicht

hält, was er verspricht.« --

»Wenn es mir auch gelänge, Ihren Ansichten beizustimmen, so machte sich

dennoch die Frage in mir geltend, was aus unserm Leben würde, wenn Sie

ihm die wichtigsten Stützen nehmen wollen?« fragte Sidonie und schaute

den Fürsten mit Spannung an.

»Es würde nicht anders werden, als es ist, vielleicht ändert sich seine

Physiognomie ein wenig; mehr aber auch nicht. Das Naturgesetz würde

sich alle Zeit erfüllen, und das ist eben das Leben,« fiel der Fürst

ein.

Sidonie schüttelte bedenklich das Haupt. Es widerstrebte ihrer

sittlichen Natur, dem Fürsten auf einem Gebiet zu folgen, das ihrer

innersten Ueberzeugung nach zu einer trostlosen Oede führen mußte. Auch

fühlte sie sich nicht befähigt genug, die ausgesprochenen Ansichten zu

widerlegen, und so schwieg sie.

Der Fürst bemerkte das und errieth ihre Gedanken; denn er wandte sich

sogleich an sie mit der Bemerkung:

»Ich erkenne, daß unsere Unterredung weiter gegangen ist, als ich

beabsichtigte. Dergleichen ist nicht für Frauen; ich hätte das bedenken

sollen. Um der Wahrheit dreist in’s Antlitz zu schauen, gehört ein

stärkerer Geist, als ihn Frauen besitzen. Sie mögen sich durch eine

sichere Erkenntniß nicht ihre Illusionen rauben lassen, selbst wenn sie

fühlen, daß diese eben nichts Anderes sind. Das ist einmal ihre Natur,

und ich berücksichtige das. Doch würde es mich freuen, sollte unsere

Unterredung in dem bekannten Interesse für Sie und mich von Vortheil

sein und dies durch die Folgezeit begründet werden.« Er reichte ihr

die Hand. »Halten Sie mir Ihr Versprechen und überlegen Sie sich

reiflich die bewußte Angelegenheit; ich werde Ihr Interesse nach allen

Richtungen wahrnehmen, hoffe dagegen auch, daß Sie meinen Wünschen

entgegen kommen werden.« --

Es war Sidonien angenehm, daß der Fürst in solcher Weise die ihr

wenig behagliche Unterredung endete, die sie weder zur Aenderung ihrer

Ansichten bewegen, noch überhaupt ihren Interessen dienen konnte. Mit

einem stillen Bedauern über des Fürsten leeres und kaltes Herz und die

geringen wahrhaften Freuden, die er genießen durfte, erhob sie sich und

bemerkte:

»Ich danke Ihnen, mein gnädiger Fürst, für die mir geschenkte

Theilnahme und bin überzeugt, meine Wünsche werden erfüllt werden. Ich

beuge mich gern und anerkennend vor dem forschenden Geist, fühle ich

mich auch nicht befähigt, ihm zu folgen; doch wenn ich dies auch thue,

halte ich dennoch an der Ueberzeugung fest, daß aller Reichthum des

Geistes den Werth des Herzens nicht zu ersetzen vermag. Verzeihung,

mein Fürst, wenn ich Ihnen dies nicht verhehle; aber ich würde Ihren

Geist zu unterschätzen fürchten, wollte ich die Besorgniß hegen,

derselbe ertrüge den Widerspruch nicht. Sie haben mir meinen Standpunkt

angewiesen; ob ich denselben durch den Widerspruch überschreite, weiß

ich nicht, da ich die ihm von Ihnen bestimmte Grenze nicht kenne; that

ich dies jedoch, mein Fürst, so gewann ich dadurch vielleicht den

Vortheil, Sie auf einen Irrthum in Ihren Voraussetzungen aufmerksam

gemacht zu haben.« --

»Oder sagen Sie richtiger, sich als eine Ausnahme von der Regel zu

bezeichnen,« fiel der Fürst ein und fügte in höflichem Ton hinzu: »Ich

habe Sie längst als eine solche Ausnahme Ihres Geschlechts betrachtet,

und der Beweis dafür ist unsere heutige Unterredung, zu welcher ich

mich unter anderen Verhältnissen vielleicht nicht verstanden haben

würde.«

»Ich danke Ihnen für dieses Compliment und hoffe, daraus die besten

Hoffnungen für meine Wünsche schöpfen zu dürfen.«

Mit diesen Worten verabschiedete sich die Prinzessin.

Der Fürst schaute ihr mit einem fast ironischen Blick nach. Trotz

seiner Versicherung, in ihr eine Ausnahme ihres Geschlechts zu

erkennen, war er dennoch von Sidoniens Unfähigkeit, ihn vollkommen zu

verstehen, überzeugt. Sie war ein Weib und darum auch in die engen

Grenzen ihrer Natur gebannt, aus welcher sie nicht heraus zu treten

vermochte. Darum mußten auch seine Bemühungen fruchtlos bleiben.

Diese Voraussetzung verdroß ihn in hohem Grade, mehr jedoch noch

die Erkenntniß der ihm gespielten Täuschung, wodurch alle seine so

sicheren Hoffnungen zerstört wurden. Denn er glaubte an Sidoniens

Schuldlosigkeit nicht zweifeln zu dürfen; ihr festes Benehmen, vor

Allem jedoch ihr Entschluß, sich von dem Prinzen zu trennen, dienten

ihm als gewichtige Beweise dafür. Zwar hatte er, wie wir wissen,

bereits selbst an eine Trennung der Ehe gedacht; des Prinzen Abneigung

jedoch, sich wieder zu vermählen, so wie sein Widerwille vor einem

solchen Aufsehen erregenden Schritt ließen ihn diesen Gedanken wieder

aufgeben. Damit blieb aber auch sein Wunsch unerfüllt und die Erbfolge

nicht gesichert, und die stattgefundene Unterredung mit Sidonien ließ

ihm keine Hoffnung, mit seinen Arrangements irgend zu reüssiren. Unter

solchen Umständen blieb ihm nur noch der letzte Versuch übrig, durch

Eingehen auf der Prinzessin gerechte Forderungen wieder ein gutes

Verhältniß zwischen ihr und dem Prinzen zu ermöglichen. Ihm war die

gute Wirkung seiner Erinnerung der ihr obliegenden Mutterpflichten

nicht entgangen, und er schloß daraus, daß Sidonie, sobald der Prinz

sich ihr in der entsprechenden Weise näherte, eine Versöhnung mit ihm

nicht ablehnen würde.

Von dieser Ueberzeugung erfüllt, gedachte er nach des Prinzen Genesung

mit diesem die Angelegenheit eingehend zu besprechen und sein ganzes

Ansehen geltend zu machen, um das gewünschte Resultat zu erreichen.

Nachdem er in dieser Beziehung seinen Entschluß gefaßt hatte, war

er bedacht, sich Gewißheit über die ihm gespielte Täuschung zu

verschaffen, und ließ darum sogleich Boisière zu sich rufen, dem

er das Erfahrene mittheilte. Dieser war nicht wenig bestürzt, so

durchaus Ungeahntes vernehmen zu müssen, und entschuldigte sich mit

der Versicherung, lediglich durch Mühlfels’ Mittheilungen zu der

Ueberzeugung einer Liaison verleitet worden zu sein.

Der Fürst schüttelte unmuthig das Haupt; doch kannte er den Chevalier

zu gut, um nicht zu wissen, daß dieser in einer so wichtigen

Angelegenheit nur durch die sichersten Beweise zu dem ihm gemachten

Bericht bestimmt werden konnte. So trug also lediglich Mühlfels die

Schuld, und er befahl dem Chevalier, ihm denselben sogleich zuzuführen.

Der Baron vernahm mit nicht geringer Bestürzung den Befehl des Fürsten

und den Anlaß dazu, und wurde dadurch um so mehr betroffen, da, wie wir

erfahren haben, er den Verrath seiner Täuschung einmal für unmöglich

gehalten und derselbe überdies jetzt eben so plötzlich als ungeahnt

über ihn gekommen war. Derselbe vernichtete zugleich alle seine so

angenehmen Hoffnungen und erfüllte ihn mit der Besorgniß, nicht

straflos davon zu kommen und obenein den ganzen Schimpf gekränkter

Eigenliebe tragen zu müssen.

Trotz alledem verlor er die Fassung nur für wenige Augenblicke; alsdann

gewann er dieselbe wieder in so weit, um sich für die Audienz bei

dem Fürsten vorzubereiten. Er ließ sich nochmals die dem Chevalier

von dem Fürsten gemachten anklagenden Mittheilungen wiederholen,

erwog dieselben in allen Einzelnheiten und gelangte dabei zu der

Ueberzeugung, sich mit einigem Geschick aus der so gefährlichen Lage

ziehen zu können.

Dadurch ermuthigt, erklärte er sich bereit, dem Chevalier zu folgen.

Dieser beschwor ihn, sich und ihn selbst in einer Weise vor dem

entrüsteten Fürsten zu entschuldigen, daß dessen Unmuth beschwichtigt

wurde und er ihnen Gnade angedeihen ließ. Denn geschah dies nicht,

so war seine so ehrenvolle Stellung gefährdet. Mühlfels, dessen

Kaltblütigkeit wieder vollkommen zurückgekehrt war, beruhigte ihn

mit der Versicherung, daß es ihm voraussichtlich gelingen müßte, den

Fürsten von seiner Schuldlosigkeit zu überzeugen, und dadurch in etwas

getröstet, führte ihn der Chevalier zu der Audienz.

Er wurde von dem Fürsten mit Strenge und Kälte empfangen.

»Sie haben sich erlaubt,« sprach dieser, »Boisière und durch ihn auch

mich in der unverantwortlichsten Weise zu täuschen. Sie kannten die

Wichtigkeit eines solchen Handelns, was haben Sie darauf zu sagen?«

Trotz dieser strengen Anrede verlor Mühlfels die Fassung nicht, sondern

entgegnete ruhig:

»Ich vermag, mein gnädiger Fürst, nicht zu beurtheilen, welcher Worte

sich der Chevalier bedient hat, um mein Verhältniß zu der Prinzessin

Hoheit zu bezeichnen; eben so wenig weiß ich, wie er die ihm von mir

anvertrauten Worte zu deuten für gut befunden. Ich habe nicht mehr

gesagt, als ich zu verantworten hoffe, mein Fürst.« --

»Sie weichen einer bestimmten Antwort aus. Lassen Sie alle Umschweife

und sagen Sie, ob Ihnen die Prinzessin wirkliche Gunstbezeigungen

geschenkt hat,« sprach der Fürst hart und befehlend, wobei er den Baron

mit scharfen Blicken fixirte. Dieser wurde dadurch ein wenig verlegen,

faßte sich jedoch und entgegnete:

»Ich darf darauf unbedingt bejahend antworten.«

»Das heißt?« fiel der Fürst ein.

»Hoheit haben meine Dienste wohlwollend aufgenommen,« entgegnete

Mühlfels zögernd.

»Wie soll ich das verstehen? Es ist hier nicht von Diensten die Rede,

sondern von einer Intimität zwischen der Hoheit und Ihnen, deren Sie

sich gegen den Chevalier gerühmt haben.«

»Der Chevalier irrte sich, wenn er meiner Mittheilung eine solche

Deutung untergelegt hat. Ich habe ihm nur das Wohlwollen bezeichnet,

womit mich die Prinzessin beglückt und meine Huldigungen anzunehmen

geruhte. Denn ich läugne nicht, mein gnädiger Fürst, daß ich die

Prinzessin hoch verehre und mich um Ihre Gunst beworben habe; ich würde

jedoch deren Ansehen zu beflecken fürchten, wollte ich die von dem

Chevalier mitgetheilten Worte zugeben. Niemals hat mich die Prinzessin

durch eine Gunst erfreut, welche ihrer Stellung und der guten Sitte

zuwider gewesen wäre.«

»Nun, Boisière, was sagen Sie dazu?« fragte der Fürst und schaute

diesen, der bestürzt dastand, fragend an. »Sollte,« fuhr er fort, »etwa

Ihr Eifer, mir zu dienen, Sie zu weit geführt haben?«

»Halten zu Gnaden, mein Fürst, die Andeutungen des Barons und selbst

sein Wunsch, der Prinzessin statt meiner aufzuwarten, berechtigten mich

zu dem abgestatteten Bericht, mehr noch sein Entgegenkommen, als ich

ihm früher den Wunsch des gnädigsten Fürsten mittheilte,« entschuldigte

sich Boisière.

»Es ist gut, Boisière,« brach der Fürst kurz ab und schritt nachdenkend

durch das Gemach. Sein Scharfblick und seine Menschenkenntniß hatten

ihn leicht errathen lassen, welcher der eigentliche Urheber der

Täuschung war; überdies kannte er den Charakter des Barons genügend.

Er sah aber auch ein, daß er selbst mehr oder weniger die Veranlassung

dieser Täuschung war, indem er den Wunsch betreffs einer Liaison mit

der Prinzessin ausgesprochen und so des Barons Eitelkeit geweckt hatte.

Dieser Umstand stimmte ihn milder gegen diesen, ohne ihn jedoch zu

entschuldigen. Nach einigen Augenblicken wandte er sich an Mühlfels und

bemerkte in verweisendem Ton:

»Ob Ihre Eitelkeit Sie hinsichts der Erfolge bei der Prinzessin

täuschte, will ich dahin gestellt sein lassen; Sie haben jedoch

leichtsinnig gehandelt und nicht bedacht, welche Folgen dergleichen

zweideutige Bemerkungen, wie Sie sie gegen Boisière zu machen sich

erlaubt, nach sich ziehen können. In solchen Angelegenheiten und mir

gegenüber gilt nur die strengste Wahrheit. Das mußten Sie wissen. Sie

sind schuld, daß ich mich compromittirt habe. Sie werden sich morgen

zu der Garnison nach Bergen begeben und daselbst zum Dienst stellen.

Ich hoffe, die dortige Abgeschiedenheit wird Sie zur Erkenntniß

Ihres Leichtsinns gelangen lassen und Sie werden sich der Besserung

befleißigen.«

»Mein gnädigster Fürst!« fiel Mühlfels, durch diesen strengen und

nicht geahnten Urtheilsspruch in der tiefsten Seele getroffen, ein und

blickte flehend zu dem Fürsten auf.

»Kein Wort, Baron! Ich weiß, daß ich viel zu milde mit Ihnen verfahre;

Sie verdienen eine härtere Strafe und verdanken meine gnädige Rücksicht

lediglich Ihrer Stellung zu dem Prinzen und Ihrer Familie,« entgegnete

der Fürst in strengem Ton und winkte mit der Hand; Mühlfels entfernte

sich schweigend, ohne daß er seine Bitte um Milderung der Strafe zu

wiederholen wagte.

Der Fürst befand sich in der übelsten Stimmung. Es war ihm unangenehm,

gezwungen zu sein, des Prinzen Günstling von dem Hof zu verweisen;

denn er wußte, daß dieser Befehl den Letzteren verletzen würde.

Vielleicht wäre er milder gegen Mühlfels gewesen, hätte er nicht die

Nothwendigkeit erkannt, Sidonien dadurch die gewünschte Genugthuung

zu verschaffen und so seiner Absicht, eine Versöhnung zwischen den

Getrennten herbei zu führen, zu dienen.

Ueberdies war er willens, in dieser Angelegenheit mit aller Strenge zu

verfahren und den Prinzen dadurch zum Eingehen auf seine Wünsche zu

zwingen.

Mit welchen Gefühlen Sidonie nach ihrem Palais zurückkehrte, darf kaum

näher bezeichnet werden. Die Unterredung mit dem Fürsten, in welcher

sie Mühlfels’ Täuschung kennen gelernt hatte, beugte sie tief; mehr als

Alles jedoch war es der schmerzliche Gedanke, der süßen Hoffnung, frei

zu werden, wahrscheinlich entsagen zu müssen.

Des Fürsten Vorstellungen und Abneigung, auf eine Trennung ihrer Ehe

einzugehen, hatten sie mit der Ueberzeugung erfüllt, daß man ihr kaum

zu überwindende Schwierigkeiten entgegen stellen würde, um sie zum

Aufgeben ihres Verlangens zu veranlassen. Eben so wenig durfte sie auf

die Hilfe und Zustimmung ihres Bruders zu ihrem beabsichtigten Schritt

rechnen, sobald sich der Fürst dazu nicht geneigt zeigte, da der

Herzog sich stets des Letzteren Willen unterzuordnen für seine Pflicht

erachtete.

Aurelie, die sie bei der Rückkehr von dem Fürsten erwartete, wurde

durch Sidoniens so ungeahnte Mittheilungen in hohem Grade überrascht;

nichts von allem Vernommenen verletzte sie jedoch so tief, als die

Voraussetzung des Fürsten von Sidoniens Einverständniß mit Mühlfels,

und ihr Schmerz darüber war um so tiefer, da sie nur zu gut wußte, wie

sehr ihre Freundin darunter litt.

Und dennoch mußten sie dem Zufall danken, der das Gewebe einer so

schimpflichen Intrigue enthüllt und die Prinzessin von der sie

bedrohenden Gefahr befreit hatte. Wohin hätte es führen müssen, würde

ein so übler Verdacht auf Sidonien geruht haben. --

Eine sehr bedeutungsvolle Frage war es, ob der Fürst nach mit dem

Prinzen genommener Rücksprache über Sidoniens Entschluß die Zustimmung

des Letzteren erhielt und dadurch etwa veranlaßt wurde, früher oder

später auf ihr Verlangen einzugehen. Man war genöthigt, das Weitere

abzuwarten; aber es konnte nicht fehlen, daß diese Angelegenheiten in

der Folgezeit das Interesse der Freundinnen unablässig in Anspruch

nahm, und eben so wenig, daß Sidonie unter denselben sichtlich litt

und, des Trostes des Geliebten beraubt, täglich düsterer wurde und sich

mehr und mehr von allen Zerstreuungen zurückzog. --

Die Urheberin dieser so bedauerlichen Ereignisse ahnte von dem durch

ihren Besuch des Schauspiels angerichteten Unheil nicht das Geringste

und würde darüber auch nichts erfahren haben, wäre dem Prinzen nicht

durch Boisière ihr Ungehorsam und dessen Folgen verrathen worden.

Der Prinz, im höchsten Grade unangenehm überrascht, ließ den Fürsten

durch dessen Abgesandten vorläufig mit seiner gänzlichen Unkenntniß

dieser Angelegenheit bekannt machen und zugleich bitten, ihm, sobald er

sich wohl genug fühlte, eine Unterredung zu gestatten, um sich bei ihm

noch persönlich entschuldigen zu können.

Dies wurde ihm von dem Fürsten gern bewilligt, da, wie wir wissen,

dieser einen ähnlichen Wunsch hegte.

Es verstand sich von selbst, daß der Prinz bei Marianens nächstem

Besuch ihr seinen Unwillen über ihr leichtsinniges und ungehorsames

Benehmen zu erkennen gab und sie zugleich mit den daraus entstandenen

übeln Folgen bekannt machte.

Prinzessin Sidonie (Band 2/3) · 第 11 / 13 段