In solcher Weise schlug sich das Mädchen alle Sorgen und

Bedenklichkeiten aus dem Herzen, indem sie sehr bald Madame Voisin

nachahmte und allerlei, oft die überflüssigsten Dinge in den Koffer

packte, wobei sie zugleich und auch die Erstere ab und zu aufhorchten,

wenn sich der Nachtwind oder ein anderes Geräusch draußen geltend

machte.

Während sie sich also beschäftigten, bemerkte man zwei in Mäntel

gehüllte Männergestalten durch eine Hinterthür aus dem Palais des

Prinzen schleichen und sich vorsichtig an den Häusern fortbewegen.

Ihr Benehmen verrieth, daß sie nicht erkannt sein wollten, und die

herrschende Dunkelheit kam ihnen dabei sehr zu statten. Auch war

Mitternacht fast vorüber, die Straßen unbelebt und überall herrschte

Ruhe und Stille; ein weiterer günstiger Umstand für ihre Absicht.

Ziemlich rasch und schweigend durchschritten sie mehre Straßen und

gelangten alsdann außerhalb der Stadt und auf den Landweg, den sie

verfolgten, bis sie Marianens Villa erreichten.

Sie traten durch die offene Pforte in den die letztere umgebenden

Garten ein und einer von ihnen begab sich an das erleuchtete Fenster

und klopfte leise an. Die Frauen fuhren erschreckt auf, und Madame

Voisin beeilte sich, die nach der Veranda führende Thür zu öffnen,

durch welche die Gäste dann leise und vorsichtig eintraten.

Es war der Prinz und Mühlfels.

»Schläft Alles?« fragte der Erstere leise.

Die Voisin bejahte, worauf sich der Prinz zu Marianen begab.

Diese empfing ihn mit einem leisen Freudenruf, und er schloß sie innig

in die Arme und küßte sie heftig.

»Und ich soll reisen, mein Prinz?« fragte sie.

»Ja, und es ist Deine Schuld, wenn ich Dich für einige Zeit entbehren

muß. Ich sagte es Dir voraus. Warum warst Du mir auch ungehorsam!«

»O, sei nicht böse, mein Prinz; sei nicht böse und vergieb Deinem

thörichten Waldvogel!« flehte Mariane und schmiegte sich an ihn,

während Thränen ihren Augen entquollen.

Doch es bedurfte ihrer Bitte um Verzeihung nicht mehr; des Prinzen

Unmuth war längst verraucht; er liebte sie viel zu heftig, um ihr nicht

noch Uebleres nachzusehen. Seine Liebe zu ihr machte sich überdies auch

in dem Augenblick, in welchem er sich von ihr für längere Zeit trennen

sollte, nur noch in erhöhterem Maß geltend und erfüllte ihn mit dem

Verlangen, die letzten Stunden des Zusammenseins so viel als möglich

auszukosten.

»Ich habe Dir längst vergeben, mein süßer Vogel, und nun sei wieder

munter und weine nicht mehr,« beruhigte sie der Prinz.

»Ich werde also nach Hause reisen?« fragte sie, wieder beruhigt.

»Nein, mein Liebchen; nicht nach Hause, sondern nach der prächtigsten

Stadt der Städte, nach Paris!« --

»Nach Paris, der Wunderstadt?!« rief Mariane und schlug in freudiger

Ueberraschung die Hände in einander.

»Ja, dahin soll die Geliebte des Prinzen gehen und soll sich dort in

allen Dingen unterrichten lassen, die einer vornehmen Dame ziemen.

Denn wisse, Mariane, sobald ich zur Regierung komme, sollst Du Gräfin

werden, wie Du es willst, und dann wird man Dich gern in den vornehmen

Cirkeln dulden.« --

»O, das ist ein gescheidter Gedanke von meinem Prinzen!« rief Mariane

erfreut aus und umarmte und küßte ihn. »Nach Paris! Was werde ich da

Alles zu sehen bekommen! O,« fuhr sie eifrig fort, »ich will fleißig

sein und mich bemühen, Vielerlei zu lernen, und Du sollst vor meiner

Klugheit erstaunen, wenn ich zurück komme!«

»Das weiß ich und das werde ich,« fiel der Prinz lachend ein. »Und übe

das Singen fleißig; Du weißt, es macht mir Freude.«

»Alles, Alles werde ich thun, wie Du es befiehlst, mein süßer, guter

Prinz!« rief Mariane und fragte dann, diesen betrübt anblickend: »Wirst

Du aber auch nicht Deine Waldtaube vergessen und bisweilen an sie

denken?«

»Sei dessen sicher, mein Schatz; Du weißt, wie lieb ich Dich habe.« --

»Ja, ja, ich weiß es!« rief sie und schmiegte sich an ihn. Nach einer

kurzen Pause fragte sie: »Und meine Vögel und Affen, kann ich sie

mitnehmen?«

»Das geht nicht; übrigens kannst Du Dir dort so viel Du willst und noch

schönere kaufen.« --

»Dann ist es gut; doch mußt Du mir die Thierchen pflegen lassen, damit

ich sie bei meiner Rückkehr wieder finde.« --

»Es soll geschehen; und auch Deine Villa soll behütet werden und ich

will sie noch verschönern lassen.« --

Mariane war darüber sehr glücklich und dankte dem Prinzen mit

zärtlichen Worten und Liebkosungen, indem sie zugleich noch allerlei

Sorgen und Wünsche aussprach, die der Prinz zu beschwichtigen sich

bemühte.

In solchem Geplauder und Getändel ging ihnen die Zeit dahin, während

dessen Mühlfels mit Madame Voisin die ernsteren und geschäftlichen

Angelegenheiten der Reise und des Aufenthaltes in Paris erörterte.

Die Dame war eine Pariserin und also mit den Verhältnissen daselbst

genügend vertraut; sie eignete sich daher zur Gesellschafterin des

unerfahrenen Mädchens ganz vortrefflich. Dieser Umstand hatte den

Prinzen auf den Gedanken geleitet, Mariane dorthin zu schicken.

Die Strenge seines Oheims hatte, wie wir erfahren haben, seinen Zorn

und Unmuth in dem höchsten Grade erregt, so daß er sich sogar zu dem so

groben Verstoß gegen die dem Fürsten schuldige Rücksicht verleiten ließ.

In seinem Palais angelangt, brach sein Zorn in ganzer Stärke aus, und

seine Umgebung hatte darunter wie gewöhnlich nicht wenig zu leiden.

Erst gegen Abend und als ihn Mühlfels besuchte, beruhigte er sich

wieder so weit, daß er einen Entschluß fassen konnte.

In diesen mischte sich jedoch zugleich das lebhafte Verlangen, da er

seines Oheims Befehl nachkommen mußte, der Entfernung Marianens den

übeln Schein der Ausweisung zu nehmen und zugleich zu zeigen, wie weit

entfernt er war, sie aufzugeben.

Und so brach er dem Befehl des Fürsten und der Forderung Sidoniens

die Spitze ab, indem er das Mädchen in der Absicht nach Paris sandte,

sie dort ausbilden zu lassen. Daß dies dem Fürsten und Sidonien bald

bekannt wurde, dafür wollte er sorgen. In solcher Weise war er bemüht,

sich Genugthuung für die seiner Ansicht nach erfahrene Unbill zu

verschaffen.

Er stattete Mariane zugleich so reich mit Mitteln aus, daß sie ein

glänzendes Haus in Paris machen konnte, und that dies nicht allein aus

Zuneigung zu ihr, sondern auch aus der früher bezeichneten Absicht. Das

Weitere haben wir bereits erfahren.

Das Morgengrauen mahnte ihn, zu scheiden, und er trennte sich nach dem

zärtlichsten Abschied von Marianen, -- die reichlich Thränen vergoß und

ihn nicht von sich lassen wollte -- nachdem er ihre Abreise für den

nächsten Tag bestimmt hatte. Dieselbe sollte jedoch nicht etwa heimlich

und auch nicht in der Dunkelheit geschehen, sondern vielmehr am lichten

Tage und während des vollen Treibens in den Straßen, damit sie nicht

den Anschein der Verbannung oder ängstlicher Flucht gewann. So wollte

er dem Fürsten und seiner anspruchsvollen Gemahlin trotzen.

Und wie er es befohlen hatte, so geschah es.

Nachdem sich Mariane von ihren Thieren wiederholt in der zärtlichsten

Weise verabschiedet und ihr Lieblingsäffchen in ihrer Reisetasche

sorglich untergebracht hatte, da sie sich von demselben nicht

zu trennen vermochte, verließ sie, begünstigt von dem schönsten

Frühlingswetter, am Nachmittag die Villa und fuhr stolz durch die

Stadt, um auf die Straße nach Paris zu gelangen.

Hunderte neugieriger Augen gafften die Equipage an, allerlei

zweideutige Witze wurden laut, und manches spöttische Lächeln folgte

ihr, und ehe Mariane noch die Stadt verlassen hatte, durcheilte

dieselbe bereits das Gerücht von ihrer Abreise nach Paris.

So erreichte der Prinz seine Absicht und freute sich darüber nicht

wenig.

Der Trennung von Marianen sollte am nächsten Tage diejenige von

Mühlfels folgen.

Es darf wol kaum bemerkt werden, wie tief der Letztere durch die

Fruchtlosigkeit der Bemühungen des Prinzen, ihm Gnade bei dem Fürsten

auszuwirken, gebeugt wurde. Aber mit seinem Kummer und Zorn erwachte

auch zugleich das lebhafte Verlangen in ihm, sich für die ihm, wie

er glaubte, von Sidonien zugefügte Schmach zu rächen. Diese mußte er

erdulden; ihre Gunst hatte er auf immer verscherzt; so blieb ihm nur

noch das Verlangen nach Rache.

Wie gelegen kam ihm nun die gemachte Entdeckung hinsichts Sidoniens

Neigung für den Grafen, und er war schlecht genug, dieselbe in seiner

Absicht zu benutzen. Von dem Prinzen eingeladen, im traulichen

Beisammensein den letzten Abend bei ihm zu verbringen und ihm

durch seine Gesellschaft den Schmerz über Marianens Abreise zu

beschwichtigen, hatte er sich bei demselben zur Zeit eingefunden.

Es konnte nicht ausbleiben, daß im Lauf der Unterhaltung auch sehr bald

Mühlfels’ Angelegenheiten nochmals von ihnen besprochen wurden, und so

geschah es, daß der Baron bemerkte:

»Muß ich auch dem Machtgebot des Fürsten folgen, so bin ich doch

überzeugt, daß die Zeit nicht zu fern ist, in welcher er das an mir

verübte Unrecht erkennen und einsehen wird, daß ich schuldlos leide.«

»Ich hoffe es, Mühlfels, und geschieht dies nicht, so trösten Sie sich

mit der Aussicht, daß ich dereinst die Fehler meines Oheims gut zu

machen wissen werde.« --

»O, ich weiß es, mein theurer Prinz, und Ihre Gnade ist mein einziger

Trost in meiner entehrenden Lage. Aber ich hoffe, es soll mir gelingen,

den Fürsten zu der Einsicht seines Unrechts zu führen.« --

»Ich verstehe Sie nicht, Mühlfels,« bemerkte der Prinz und schaute ihn

fragend an.

»Das kann nicht anders sein, da ich Ihnen das Wichtigste in der

Angelegenheit mit der Prinzessin verschwiegen habe.« --

»Wissen Sie noch mehr?« fragte der Prinz überrascht.

»Allerdings, und was ich Ihnen sagen kann, ist noch bedeutsamer,

als was Sie bereits von mir erfahren haben, und kennzeichnet die

Scheinheiligkeit Ihrer Gemahlin noch mehr, als ihre Verläugnung der

mir gewährten Gunstbezeigungen,« entgegnete Mühlfels mit Nachdruck.

»Sie machen mich begierig darauf. Sprechen Sie!« fiel der Prinz erregt

ein.

»Vielleicht lag es in der Prinzessin Absicht, mich von hier zu

entfernen,« bemerkte Mühlfels.

»Was sollte sie dazu bestimmen?« --

»Das Bewußtsein, in mir einen Verräther ihrer Schwäche zu finden.« --

»Das könnte sein!« fiel der Prinz ein.

»Verstehen Sie mich recht, mein Prinz, ich meine damit nicht den

Verrath der mir erzeigten Gunst, sondern die Liebe für einen Andern.« --

»Sie hat also eine Liaison?« fragte der Prinz.

»Ich bin davon durchaus überzeugt,« entgegnete Mühlfels und theilte

ihm nun mit gut gewählten Worten seine Entdeckungen und Vermuthungen

hinsichts Sidoniens Neigung für den Grafen mit.

Der durch seine Mittheilung erzeugte Eindruck auf den Prinzen war ein

überraschend erwünschter, da dieser von Alledem keine Ahnung hatte und

das Vernommene daher eine um so tiefere Wirkung auf ihn ausübte.

»Und warum erfahre ich das Alles erst jetzt?!« fragte der Prinz.

»Weil ich es bisher für besser erachtete, darüber zu schweigen. Da

die Prinzessin jedoch durch ihr übles Verhalten gegen mich sich jeder

auf sie zu nehmenden Rücksicht begeben hat, darf ich ihr auch keine

Schonung mehr angedeihen lassen.« --

»Sie hätten mich und den Fürsten schon früher damit bekannt machen

sollen.«

»Das hätte zu keinem erwünschten Resultat geführt und mich obenein

in die Gefahr gesetzt, als Undankbarer und Ruhestörer bezeichnet zu

werden. Sie wissen, mein Prinz, ich war der Prinzessin Rücksicht

schuldig. Uebrigens erinnere ich Sie, daß meine Mittheilung auch, da

ich die erforderlichen Beweise dafür nicht besitze, keine besondere

Bedeutung gewinnen konnte. Meiner Ansicht nach kommt es darauf an,

die Rückkehr des Grafen abzuwarten und ihn und die Prinzessin alsdann

in der Stille zu beobachten und sich also die nöthigen Beweise ihrer

Schuld zu verschaffen. Sie ahnen nicht, daß ihr Geheimniß verrathen

ist, und werden daher um so leichter in die ihnen gestellte Falle

gehen, wenn sie sich nicht vielleicht auch ohne eine solche verrathen.«

»Sie haben Recht, ganz Recht, und Ihre Entdeckung ist kostbar!« rief

der Prinz in großer Erregung, der das Vernommene mit rachsüchtiger

Begier aufgriff. »Könnte ich sie entlarven und der Welt ihre

Scheinheiligkeit offenbaren, ich würde mich für das Erfahrene reich

entschädigt fühlen. Denn ich vermag Ihnen nicht auszudrücken, wie

verhaßt mir Sidonie nach der letzten Geschichte geworden ist. Läßt sich

Ihre Entdeckung in meinem Sinne ausbeuten?«

»Würde ich hier geblieben sein, hätte sich das wahrscheinlich leicht

machen lassen, besonders da der Graf jeden Tag eintreffen kann; jetzt

jedoch, so entfernt von hier, sehe ich dazu keine Möglichkeit.«

»Ein fataler Umstand! Um so mehr werde ich bedacht sein, den Fürsten

zur Abkürzung Ihrer Verbannung zu bewegen. Sie sollen nicht lange dort

sein.«

»Hoheit würden mich dadurch sehr beglücken; denn eine unverdiente

Strafe erträgt sich schwer.«

»Ich werde dafür sorgen, daß Sie dort gut aufgenommen werden und Ihnen

der Commandant alle Freiheit gestattet. Ich gebe Ihnen ein paar Worte

an diesen mit.«

»Tausend Dank, mein gnädigster Prinz. Doch nun gestatten Sie mir, Ihnen

noch meine Ansicht über die Behandlung der bewußten Angelegenheit zu

bezeichnen.«

»Reden Sie, Mühlfels; denn es ist mir lieb, zu erfahren, was Sie für

die Folge darin zu thun gedenken. Ich will die Sache bis zum Aeußersten

verfolgen, um die Befriedigung meiner Rache vollkommen zu genießen.«

»Und ich denke, dies soll uns auch gelingen, besonders wenn mir die

Rückkehr bald gewährt wird. Bis dahin jedoch bitte ich Sie, mein

Prinz, von dem Vernommenen weder dem Fürsten, noch irgend einem

Andern das Geringste zu verrathen. Sie kennen die Hofverhältnisse zu

genau, um eine solche Vorsicht nicht zu billigen. Ueberdies dürfte

Ihre persönliche Einmischung vor der Hand auch gefährlich werden. Sie

sind zu hitzig und Ihre Erregung würde sich um so rascher steigern,

da Sie der Beleidigte sind. Dadurch könnte die Angelegenheit leicht

einen nichts weniger als erwünschten Ausgang nehmen. Darum bitte ich,

lediglich mir alles Weitere zu überlassen, und überzeugt zu sein, daß

ich alle Sorgfalt auf Enthüllung dieser Sache anwenden werde.«

»Sie haben Recht und so soll es dabei bleiben, und um so mehr werde ich

mich bemühen, Ihnen die baldigste Rückkehr bei dem Fürsten auszuwirken.«

Nachdem sie diese Angelegenheit noch weiter besprochen, Mühlfels des

Prinzen Empfehlung an den Commandanten empfangen hatte, schied der

Baron unter den gnädigsten Freundschaftsbezeigungen von dem Prinzen,

nicht wenig erfreut, seinen finstern Racheplan in so vortrefflicher

Weise zur Geltung gebracht zu haben. Daß ihm derselbe gelingen würde,

zweifelte er nicht; jedenfalls verschaffte er ihm die so gewünschte

baldige Rückkehr, und das war ein großer Vortheil. Diese Hoffnung

gewährte ihm und seiner tief verletzten Mutter keinen kleinen Trost,

als er in der Frühe des nächsten Tages sich von ihr und der Residenz

trennte und, nur von einem Diener begleitet, die Reise nach der öden

und einsamen Garnison antrat. Es verstand sich von selbst, daß die

Baronin sofort um ihre Entlassung aus dem Dienst der Prinzessin einkam,

die ihr natürlich auch bewilligt wurde.

Mit besonderer Genugthuung sah der Fürst seine Befehle in solcher

Weise erfüllt, da man ihm die herausfordernde Weise verschwieg, in

welcher Mariane die Stadt verlassen hatte. Ein paar Tage darauf ließ er

dem Prinzen seine Freiheit ankündigen, und dieser benutzte dieselbe

sofort, sich nach der ersten Residenz zu begeben, seine alten Freunde

daselbst um sich zu versammeln und mit ihnen in der früheren Weise

zu leben und so den Schmerz über den Verlust seiner Günstlinge zu

vergessen.

Der Fürst ließ ihn vorläufig gewähren und that dies in der Absicht,

ihn bald mit um so größerer Strenge an seinen Aufenthalt zu binden

und dadurch zugleich zur Einsicht der Nothwendigkeit einer Versöhnung

mit ihm und Sidonien zu leiten. Dies geschah, und der Prinz trug

mit gesteigertem Unmuth den ihm auferlegten Zwang, seine Gemahlin

verwünschend, der er alle Schuld zu dem ihn Betroffenen beilegte.

Sidonie vernahm mit Befriedigung die ihr von dem Fürsten bereitete

Genugthuung, dankte ihm persönlich dafür, und die Frage der Trennung

von dem Prinzen wurde nicht weiter berührt.

Trotzdem übersah sie die Gefahr nicht, welche sie dadurch für sich

herauf beschworen hatte; denn es konnte mit Sicherheit erwartet werden,

daß sich der Prinz und auch Mühlfels für das Erlittene an ihr zu rächen

bedacht sein würden. Um so erwünschter war ihr daher des Fürsten

Vorschlag, ein Bad zur Stärkung zu gebrauchen, und bereitwillig ging

sie darauf ein, da sie sich dadurch zugleich dem leidigen Hofleben

entziehen und in der gebotenen Freiheit ergehen konnte. Wol nicht ohne

Absicht traf sie die Wahl eines Badeorts, der von des Grafen Besitzung

nicht allzu fern lag und diesem die Gelegenheit zu einem Besuch

bot. Da ihr Arzt ihre Wahl billigte, so erschien diese als dessen

Bestimmung, und ihre Vorliebe für den gewählten Ort wurde dadurch

verhüllt.

Ungefähr drei Wochen nach den näher bezeichneten Vorfällen reiste sie

in Begleitung ihrer Tochter, Aureliens und einer nicht eben großen

Dienerschaft dahin ab.

Sie hatte den Prinzen bis zu diesem Augenblick nicht gesprochen; sie

wurde durch ihre Abreise genöthigt, ihm Lebewohl zu sagen, und sie that

dies, wenngleich mit großer Ueberwindung.

Der Prinz, weit entfernt ihr freundlich entgegen zu kommen, zeigte ihr

vielmehr ein kaltes, verletzendes Verhalten, dem sie sich so schnell

als möglich zu entziehen suchte. Ihm war es angenehm, sie nicht mehr

in seiner Nähe zu wissen, und mit Ungeduld sah er der Zeit entgegen,

in welcher es ihm mit Mühlfels’ Hilfe gelingen sollte, sich an ihr zu

rächen.

Ende des zweiten Bandes.

Druck von G. Pätz in Naumburg a/S.

Anmerkungen zur Transkription:

Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die

Korrektur.

S. 44

Nein, Hoheit, eine Trauung scheut er;

Nein, Hoheit, eine Trennung scheut er;

S. 72

Gedanken und Erfindungen in ihrer zeugte

Gedanken und Erfindungen in ihr erzeugte

Prinzessin Sidonie (Band 2/3) · 第 13 / 13 段