»Sie thaten durchaus sehr recht daran, lieber Chevalier. Doch nun

weiter!« fiel der Fürst ein, der Boisière’s Worten mit vermehrtem

Interesse gefolgt war.

»Ich that dies, mein gnädigster Fürst, in der nahe liegenden

Voraussetzung, daß Dasjenige, was mir nicht gelungen wäre, jedenfalls

dem ~Günstling~ der Prinzessin gelingen müßte.« --

»Sehr richtig calculirt, sehr richtig!« schaltete der Fürst ein und

fragte alsdann: »Hat sich die Prinzessin über ihre Absicht näher

ausgesprochen?«

»Nein, mein Fürst; wenigstens versicherte der Baron, Näheres darüber

nicht zu wissen.«

»Das ist schlimm; doch es bleibt mir unter diesen Umständen nichts

übrig, als ruhig abzuwarten, was sie thun wird,« bemerkte der Fürst und

fuhr nach kurzem Nachdenken fort: »Es wäre mir sehr lieb, ihr in irgend

einer Weise zuvor zu kommen, um ihrer Klage die Spitze abzubrechen.

Jedenfalls würde das am besten durch den Prinzen geschehen; doch der

wird sich, wie ich weiß, dazu nicht verstehen. -- Haben Sie etwa einen

passenden Vorschlag, Chevalier?«

Dieser hüstelte und bemerkte mit einem vielsagenden Blick auf den

Fürsten in leisem Ton:

»Sollte der Günstling Ihrer Hoheit nicht vielleicht als ein Mittel

dienen, der Prinzessin Klage =au niveau= zu stellen?«

»Sie meinen den Baron?« fiel der Fürst voll Interesse ein.

Der Chevalier nickte mit dem Haupt und fuhr in gedämpftem und

vertraulichem Ton fort:

»Die Verhältnisse des Prinzen und der Prinzessin stehen sich ziemlich

gleich, und es findet nur eine Verschiedenheit der Personen statt; sie

halten sich dadurch gewissermaßen im Schach; sollte mein gnädigster

Fürst vielleicht hierauf sein Augenmerk bei Behandlung dieser

Angelegenheit richten wollen?«

»Das ist ein guter Gedanke, Chevalier, und ich will mir denselben

überlegen,« fiel der Fürst nachdenklich ein. »Hm, Sie haben Recht,

vorausgesetzt, daß Ihre Meinung über Mühlfels begründet ist. Wie,

Boisière?«

»Sie ist es, mein Fürst,« entgegnete der Letztere mit Bestimmtheit.

»Die Andeutungen des Barons -- der sich übrigens in dieser Beziehung

sehr =cavalierement= benimmt -- lassen mich mit Bestimmtheit auf seine

Intimität zu der Prinzessin schließen.«

»Das wäre in doppelter Hinsicht erwünscht!« bemerkte der Fürst. »Man

könnte also diese Sache nach Belieben und mit Sicherheit behandeln?«

»Unbedingt, mein Fürst. Des Barons Verhalten in dieser Angelegenheit

berechtigt durchaus dazu.« --

»Gut denn! Ich will mir das zu Nutzen machen, falls die Prinzessin

unter solchen Umständen wirklich kühn genug sein sollte, mir gegenüber

die Tugendhafte und Gekränkte zu spielen. Wir wollen das jedoch

abwarten und darum auch nicht das Mindeste thun. Doch muß ich wissen,

ob der Besuch des Mädchens im Schauspiel mit Zustimmung des Prinzen

erfolgt ist. Begeben Sie sich also zu diesem, erkundigen Sie sich nach

seinem Befinden und lassen Sie sich in meinem Auftrage Aufklärungen

darüber geben, damit ich vollkommen informirt bin. Ich bin Willens,

diesem ewigen Streit ein- für allemal ein Ende zu machen; ihn länger zu

dulden, wäre eine Schwäche, ganz abgesehen, daß die wichtigeren Zwecke

dabei nicht erreicht werden können. Gehen Sie nun zu dem Prinzen,

lieber Chevalier, und nehmen Sie zugleich meinen Dank für Ihre so

klugen Maßnahmen und Vorschläge. Ich denke, wir werden damit etwas

Erkleckliches ausrichten.« --

Mit diesen Worten entließ der Fürst den Kammerherrn, und dieser begab

sich sofort zu dem Prinzen, über das gnädige Wohlwollen Serenissimi

hoch erfreut.

Siebentes Kapitel.

Während sich an dem fürstlichen Hofe ein bedeutsames Drama

vorbereitete, dessen Entwicklung nicht bestimmt werden konnte, sah Graf

Römer die Tage unter einer eintönigen, jedoch vermehrten Thätigkeit

schwinden.

Die Regelung der äußeren Verhältnisse war ihm durch den Tod seines

Vaters zugefallen und er unterzog sich derselben mit der an ihm

gewöhnten Umsicht und Genauigkeit. Hatte er auch anfangs erwartet, daß

diese Angelegenheiten eine rasche Erledigung finden müßten, so war

dies dennoch nicht der Fall, und er sah sich zu einem verlängerten

Aufenthalt in der Heimath genöthigt.

Ein anderer Umstand übte hierauf noch einen weiteren Einfluß aus.

Wie wir erfahren haben, hegte seine Mutter, die auf der Besitzung

lebte, den Wunsch, Römer möchte sich endlich vermählen, und sie dadurch

Gelegenheit finden, in seiner Familie ihre Tage zu beschließen.

Einige Wochen nach ihres Gemahls Tode hatte sie ihm ihren Wunsch

und ihre Hoffnung angedeutet, jedoch zu ihrem Schmerz erkannt, daß

sie dem Grafen damit nicht gelegen zu kommen schien. Er war darauf

nicht eingegangen und hatte wie gewöhnlich eine Vermählung bestimmt

abgelehnt. Dieser Umstand veranlaßte sie, darauf nicht wieder zurück

zu kommen und es ihm zu überlassen, ihr seine Entschlüsse freiwillig

mitzutheilen. So gütig dies auch war, litt Römer dennoch unter diesen

Verhältnissen. Zu wohl erkannte er den Wunsch seiner Mutter, und nicht

minder tief fühlte er die Pflicht, ihr denselben zu erfüllen; dennoch

vermochte er das nicht. Zu tief war seine Liebe für die Prinzessin,

um sie auf ein anderes weibliches Wesen übertragen zu können, ganz

abgesehen, daß ein solcher Schritt die ohnehin Unglückliche nur noch

tiefer verletzen und dem Untergange zuführen würde.

Von einer Vermählung durfte also nicht die Rede sein; doch eine Frage

war es, ob er die Pflicht für die geliebte Mutter nicht über diejenige

für die Prinzessin zu stellen hätte, und sein edles Herz bejahte

dieselbe nach kurzem Kampf. Und so war er entschlossen, fortan auf

seiner Besitzung zu leben und seiner Mutter die letzten Lebenstage

durch seine Anwesenheit zu verschönen.

Ging ihm dabei auch die Hoffnung verloren, Sidonie wieder zu sehen und

ihr Schicksal durch seinen längeren Besuch zu erleichtern, so ergab

er sich dennoch der ihm heiligen Pflichterfüllung, wenngleich mit dem

schmerzlichen Bedauern, nicht anders handeln und beide Interessen

vereinen zu können.

Dieses Bedauern war um so lebhafter, da ihn sein Herz zu der so heiß

Geliebten zog, die ihn, wie er wußte, mit Sehnsucht erwartete und

aus seiner Nähe Trost und Muth schöpfte. Wenngleich Aureliens Briefe

diesen Umstand nicht berührten, so bedurfte es dessen auch für ihn

nicht, um Sidoniens Lage lebhaft mit zu fühlen und sein Verlangen nach

ihrem baldigen Wiedersehen zu steigern. Doch verschloß er alle diese

Empfindungen tief in seiner Seele und verrieth dieselben weder seiner

Mutter, noch seiner Umgebung. Er kam Allen mit Milde und Güte entgegen

und war stets bemüht, sie dadurch zu täuschen und den Glauben in ihnen

zu befestigen, daß er sich in ihrer Mitte behaglich und befriedigt

fühlte.

In der That, er täuschte ~Viele~, jedoch nicht ~Alle~. Wer vermöchte

auch das Mutterauge in Beurtheilung ihres Kindes zu täuschen! Und so

war es auch hier.

Die Gräfin hatte längst erkannt, daß die Liebe ihres Sohnes zu ihr

durch eine geheime Sehnsucht getheilt wurde und seine scheinbare

Zufriedenheit lediglich die Folge seines edeln Herzens war.

Ebenso wußte sie, daß nicht der Ehrgeiz oder die Neigung für ein

geräuschvolles Hofleben diese Sehnsucht erzeugten; ihr Sohn huldigte

beiden nicht und fühlte sich in dem abgezogenen Leben wohl, das ihm

Muße bot, seinen wissenschaftlichen Beschäftigungen nachzugehen. Es

konnte also nur die Liebe die Ursache seiner Sehnsucht sein, und sie

hielt diese Annahme um so begründeter, da ihr seine große Vorliebe

für Sidonie schon seit Jahren bekannt war und überdies sein ganzes

Verhalten darauf hindeutete. Hatte er ihr doch schon vor der Prinzessin

Vermählung seine Zuneigung für diese verrathen, welche überdies die

uns bereits bekannten Umstände und seine späteren Besuche des Hofes

durchaus bestätigten. Ihn durch ihre Wünsche und Vorstellungen von

dieser unglücklichen Leidenschaft abzuziehen, fruchtete, wie sie leider

wiederholt erfahren, nichts, und so sah sie sich genöthigt, seinem

Belieben alles Weitere anheim zu geben.

Wie manche im Geheimen geweinte Thräne zeugte von dem tiefen Schmerz,

den sie über des so heiß geliebten Sohnes unglückliches Geschick

empfand, eines Sohnes, der ihr ganzer Stolz und der Quell innigster

Freuden war. Uebertraf er doch ihre anderen Kinder an Stattlichkeit

der Gestalt, an Adel des Herzens und Fülle des Geistes, und war so

reich mit Allem ausgestattet, um zu beglücken, wie seine Vorzüge ihn

selbst zum schönsten Glück des Lebens berechtigten.

Sie kannte und liebte Sidonie, sie wußte, wie sehr dieselbe unter den

Verhältnissen litt, und um so schmerzvoller war daher ihr Bedauern,

zwei Herzen durch das Schicksal getrennt zu sehen, die für einander

geschaffen zu sein schienen und deren Neigung, statt die Quelle

des Glücks zu werden, ihnen die schmerzvollen Kämpfe der Entsagung

auferlegte. Ihr Kummer darüber wurde überdies noch durch die Besorgniß

vermehrt, es könnte diese Liebe ihrem Sohn Unheil bringen. Zwar von

der Ueberzeugung erfüllt, daß der Graf wie die Prinzessin viel zu

sittlich-edel waren, um sich irgend einer Schwäche hinzugeben, quälte

sie dennoch die Furcht, die leider nur zu bekannten Hofintriguen

könnten vielleicht früher oder später sich dieses Geheimnisses

bemächtigen und in ihrem Sinn zum Schaden der Betheiligten ausbeuten.

Diese Sorge lag, wie wir bereits erfahren haben, näher, als die Gräfin

ahnte, und jene war es auch, die sie seine Rückkehr in die Heimath mit

Freuden begrüßen und wünschen ließ, er möchte die Besuche an dem Hof

für immer aufgeben. Darauf zielte auch die Andeutung einer Vermählung

hin, und darum war sie unablässig bedacht, ihn an die Heimath trotz der

Ablehnung ihres Wunsches zu fesseln. Das sorgende Mutterherz wollte den

geliebten Sohn für immer gesichert wissen, und wenn sie auch erkannte,

daß er unter dem Fernhalten von der Prinzessin litt, so erschien

ihr dieses doch viel zu vortheilhaft für sein Interesse, um es nicht

geduldig hinzunehmen.

Römer erachtete es für eine Pflicht gegen Sidonie und sich selbst,

Aurelien seinen Entschluß, in der Heimath zu bleiben, und die Gründe

dazu ausführlich mitzutheilen und sie zu bitten, die Prinzessin damit

bekannt zu machen. Er schloß dabei die Hoffnung nicht aus, daß es ihm

trotzdem später wol gestattet sein würde, wenngleich stets nur für

kurze Zeit, die Residenz ab und zu zu besuchen, und verhehlte ihr den

Schmerz nicht, den dieser Entschluß in ihm hervorrief. Er deutete

jedoch auch auf die seiner Mutter schuldende Rücksicht hin und knüpfte

daran die Ueberzeugung, daß Sidonie in seinem Fernhalten nicht einen

Mangel an Liebe erblicken würde.

Aurelie hatte der Prinzessin seinen Entschluß in der guten Absicht

vorläufig noch verschwiegen, sie nur allmälig darauf vorzubereiten, und

so hoffte Sidonie von einem Tage zum andern auf Römer’s Rückkehr.

Wie schmerzlich sie seine Nähe in einem Augenblick vermißte, in welchem

sie so tief litt, haben wir bereits erfahren, doch bemühte sie sich,

ihre Empfindungen zu beherrschen, um den beabsichtigten Schritt mit

der erforderlichen Ruhe thun zu können. Ihre Hoffnung, der Fürst oder

der Prinz würde ihr durch ein Entgegenkommen den letzteren ersparen,

erfüllte sich nicht, und so war sie genöthigt, den Fürsten um eine

Audienz bitten zu lassen.

Obwol sie sich darauf vorbereitet hatte, bestieg sie dennoch mit

Beklommenheit den auf sie harrenden Wagen, der sie nach dem Palais

bringen sollte.

Der Fürst kam ihr mit Freundlichkeit entgegen, führte sie nach einem

Fauteuil und fragte alsdann, nachdem auch er sich ihr gegenüber

niedergelassen hatte:

»Nun, liebste Prinzessin, was verschafft mir die seltene Ehre Ihres

Besuchs?«

»Sollte Ihnen die Veranlassung dazu nicht bereits bekannt sein, mein

Fürst?« entgegnete Sidonie mit etwas bewegter Stimme.

»In der That, Prinzessin, ich errathe nicht,« bemerkte der Fürst

ziemlich unbefangen und blickte sie fragend an.

»Es betrifft die Anwesenheit einer Person bei dem neulichen

Carroussel-Reiten, durch welche nicht nur ich, sondern auch der Hof

beleidigt worden ist. Ich bin überzeugt, daß Ihnen dieser Vorfall nicht

verborgen geblieben ist,« sprach Sidonie mit vermehrter Bewegung.

»Ah so! Jetzt erst verstehe ich Sie,« fiel der Fürst ziemlich

gleichmüthig ein und fügte hinzu: »Man hat mir davon erzählt; denn

ich selbst habe nichts bemerkt. Ich will nicht fürchten, daß Sie sich

dadurch irgendwie haben alteriren lassen.« --

»Wie, mein Fürst?!« fragte Sidonie und schaute ihn mit Befremden an.

»Sie müssen dieser Sache keine Bedeutung beilegen, da sie in der That

durchaus unbedeutend ist. Sie stehen zu hoch, um ein solches Mädchen

einer Beachtung zu würdigen. So etwas übersieht man gewöhnlich. Wie

mir der Prinz gesagt, ist der Besuch ohne seinen Willen und sein Wissen

gemacht worden,« bemerkte der Fürst leichthin.

Ueber das Vernommene nicht wenig erstaunt, blickte ihn die Prinzessin

einen Augenblick an, alsdann entgegnete sie mit sichtlicher Erregung.

»Es steht mir nicht zu, zu ergründen, in wie weit Sie, mein Fürst, und

Ihre Gemahlin davon berührt worden sind, das muß ich Ihrem Belieben

anheim geben; ich bin gekommen, um Ihnen zu erkennen zu geben, daß ich

mich in meiner Ehre durch diesen Besuch der -- Geliebten meines Gemahls

tief gekränkt fühle und es mir und meiner Familie schuldig zu sein

glaube, mir dafür eine entsprechende Genugthuung von Ihnen zu erbitten.«

»Ja, ich kann die Sache doch nicht mehr ungeschehen machen, meine

liebste Prinzessin, und welche Genugthuung läßt sich in einem solchen

Fall geben? -- Darum lassen Sie diese Angelegenheit fallen und

erwägen Sie, daß wir ja gern geneigt sind, auch Ihren Passionen alle

Rücksicht zu schenken,« entgegnete der Fürst und schaute sie mit einem

zweideutigen Lächeln an.

»Meinen Passionen? Wie soll ich das verstehen, mein Fürst?« fragte

Sidonie mit Ueberraschung.

»Ich denke, wir sprechen nicht darüber; denn dergleichen Erörterungen

dürften Ihnen nicht eben angenehm sein,« -- bemerkte der Fürst

leichthin.

»Doch, doch, mein Fürst, und ich bitte darum!« fiel Sidonie in

bestimmtem Ton ein.

»Und ich will Ihnen dagegen mit der Frage entgegen kommen, ob die

Ernennung des Baron Mühlfels zu Ihrem Kammerherrn Ihnen erwünscht

wäre?« entgegnete der Fürst und forschte in ihren Mienen, um, wie es

schien, die Wirkung seiner Worte zu beobachten.

»Keineswegs, mein Fürst, ja ich habe sogar triftige Gründe, mir dieses

Belieben zu verbitten,« wandte Sidonie ein, durch das Vernommene

überrascht.

»Keine Koketterie, liebste Prinzessin! Wir sind unter uns und dürfen

uns also nicht geniren. Ich weiß, daß Sie den Baron durch Ihre Gunst

beehren,« fiel der Fürst ein.

»Ihre Behauptung setzt mich in Erstaunen! Wer durfte Sie also

täuschen?!« fragte die Prinzessin voll Entrüstung.

»Lassen Sie das Spiel, Liebste! Ich versichere Sie, ich weiß um Ihre

Liaison mit dem Baron und gestehe Ihnen zugleich zu Ihrer Beruhigung,

ich billige dieselbe nicht nur, sondern sehe sie auch aus manchen

Gründen gern. Sie werden mich verstehen.«

»Nein, mein Fürst, ich verstehe Sie nicht; aber ich erkenne, daß

Sie wie ich das Opfer einer schändlichen Intrigue sind!« rief die

Prinzessin, vor Unwillen hoch erröthend und in der ganzen Würde ihrer

Unschuld.

Ihr Verhalten verfehlte seine Wirkung auf den Fürsten nicht; er wurde

unsicher und blickte sie verlegen an, indem er entgegnete:

»Wie, man sollte es gewagt haben, Sie ohne jeglichen Grund in solcher

Weise zu compromittiren?!«

»Sie fragen das noch, mein Fürst? Giebt Ihnen mein Leben hierauf nicht

die deutlichste Antwort?«

»Eine bloße Erfindung ist in diesem Fall fast undenkbar. Sie müssen

irgend einen Anlaß dazu geboten haben.«

»Ich schwöre Ihnen, mein Fürst, daß dies nicht der Fall ist! Wer

beleidigte Sie und mich durch eine so freche Lüge?«

»Der Baron selbst hat sich Ihrer Gunst gerühmt!«

»Allmächtiger Gott!« rief Sidonie in tiefer Bewegung, während Thränen

ihren Augen entquollen.

Der Fürst mißdeutete sich ihr Verhalten, indem er darin einen Beweis

ihrer Schuld zu finden meinte, so wie er den sich darin aussprechenden

Unmuth auch als ein Zeichen der tiefen Verletzung betrachtete, welche

der Verrath ihres Günstlings ihr bereitet hatte. Diese Entdeckung kam

ihm sehr gelegen und er beeilte sich, sie mit den Worten zu beruhigen:

»Rechnen Sie ihm das nicht zu hoch an, denn ich kann Ihnen zu seiner

Entschuldigung sagen, daß er sich nur einem meiner zuverlässigen Leute

anvertraute.«

»Wie tief muß ich in Ihrer Achtung stehen, daß Sie seinen Worten

Glauben schenken konnten!« rief Sidonie, die sich wieder gesammelt

hatte, und fügte hinzu: »Kennen Sie nicht mein Leben? Liegt es nicht

offen vor Ihnen? Oder hat Ihnen mein Benehmen jemals Anlaß gegeben, so

übel von mir zu denken?!«

»Ihre Trennung von dem Prinzen, -- die Verhältnisse« -- wandte der

Fürst entschuldigend ein.

»Also ~das~ ist es! Weil Ihr Neffe durch seine Ausschweifungen mir

das Leben vergiftete, weil sein Beispiel am Hofe als Vorbild dient,

weil die Tugend und Reinheit der Gesinnungen hier nur noch ein Schall

sind, darum beliebt es Ihnen, mein Fürst, mich dem großen Haufen

zuzuzählen und mir Vergehen anzudichten, die, so fern sie auch meinem

Charakter liegen, von Ihnen dennoch als selbstverständlich betrachtet

werden?! Wie bedaure ich Sie, daß Sie so allen Glauben an Menschenwerth

verloren haben! Doch die Pflicht gegen mich selbst gebietet mir, Ihnen

mitzutheilen, daß es der Baron gewagt, sich um meine Gunst zu bewerben,

und ich mich in Folge dessen veranlaßt sah, ihn fern von mir zu halten.

Ich würde mich dieserhalb bereits bei Ihnen beklagt haben, wenn er

seine Neigung nicht unter dem Deckmantel der Ergebenheit verborgen

hätte. Jetzt aber, nachdem er es trotz alledem wagte, Sie in solcher

groben Weise zu täuschen und mich dadurch nicht minder zu beschimpfen,

jetzt, mein Fürst, erwarte ich, daß er der gerechten Strafe nicht

entgehen wird. Sie sind es sich selbst, Sie sind es mir, der Gemahlin

Ihres Neffen, schuldig!«

Mit edler Würde und gesteigerter Wärme hatte Sidonie diese Worte

gesprochen, und es schien ihr gelungen zu sein, den Fürsten zu

überzeugen. Wir sagen, es ~schien~ ihr das; denn in der That machte

sich trotz alledem der Argwohn in ihm geltend, daß Sidonie vielleicht

nur bedacht war, sich, indem sie ihren Günstling, der sie verrathen

hatte, opferte, in seinen Augen über den ihr gemachten Vorwurf zu

rechtfertigen. Denn leider hegte der Fürst mehr Vertrauen zu Boisière,

als zu der Prinzessin, die er überdies mit einer vorgefaßten Meinung

beurtheilte, von den eigenen Ansichten über Menschenwerth befangen.

Dennoch übte ihre Vorstellung und ihr Verhalten eine gute Wirkung auf

ihn aus, indem er sich durch dieselben zur Anerkennung ihrer Unschuld

wenigstens vorläufig gezwungen sah. Eine nähere Untersuchung dieser

Angelegenheit sollte ihm eine feste Ueberzeugung verschaffen. In diesem

Vornehmen entgegnete er in mildem Ton:

»Ihr Verlangen soll erfüllt werden; ich werde selbst mit dem Baron

sprechen. Sie sehen mich tief betrübt, in solcher Weise getäuscht zu

sein. Doch, Sie wissen, das ist einmal das Loos aller Fürsten, und Sie

dürfen es mir nicht verargen, wenn ich den Worten erprobter Diener

Glauben schenkte. Sie sollen Genugthuung erhalten.«

»Ich danke Ihnen, mein gnädiger Fürst, und hoffe mit Bestimmtheit,

daß dies auch in Bezug auf den bekannten Vorfall geschehen wird,«

entgegnete Sidonie.

»Das ist in der That eine sehr üble Sache, und ich weiß nicht, wie ich

Ihnen darin dienen soll,« wandte der Fürst ein. »Was verlangen Sie?«

»Die Entfernung des Mädchens aus meiner Nähe,« sprach Sidonie bestimmt.

»Das wird den Prinzen aufbringen! -- Wie ich höre, hängt er sehr an dem

Geschöpf.«

»Ich dächte, mein Fürst, meine Forderung ist im Hinblick auf den

erduldeten Schimpf sehr gering?«

»Gewiß, gewiß. Nun, wir wollen sehen. Das Beste wird es jedenfalls

sein.«

Es trat ein kurzes Schweigen ein, während dessen der Fürst unmuthig und

bedenklich vor sich hin schaute und die Prinzessin dasjenige erwog,

was sie dem Fürsten noch zu sagen beabsichtigte. Als sie sich genügend

gesammelt glaubte, sprach sie:

»Mein Besuch ist hiermit noch nicht erledigt, mein Fürst, und bezweckt

noch eine andere, sehr ernste Angelegenheit, die ich Ihnen vorzutragen

wünsche.«

»Haben Sie etwa noch andere Unannehmlichkeiten erfahren?« fragte der

Fürst.

»Ich kann dies glücklicher Weise verneinen. Ich bin genöthigt, einen

Entschluß auszusprechen, der durch die unheilvollen Verhältnisse, in

welchen ich mich befinde, erzeugt worden ist, und der, wie ich glaube,

Ihren und des Prinzen Wünschen entgegen kommen wird.«

»Und was belieben Sie, Prinzessin?« fragte der Fürst gespannt.

»Ich bitte Sie, gnädiger Fürst, meiner unglücklichen Lage ein Ende zu

machen und meine Ehe zu trennen.«

»Wie, Prinzessin?!« rief der Fürst überrascht.

»Sie werden erkennen, daß mir unter den obwaltenden Umständen keine

Wahl bleibt.«

»Bedenken Sie, liebste Prinzessin, die Wichtigkeit eines solchen

Schrittes!«

»Ich habe ihn bedacht und bitte Sie, denselben gleichfalls in Erwägung

zu ziehen.«

»Nein, nein! Nehmen Sie Ihr Wort zurück! Es kann Alles noch besser

werden.«

»Wenn dies auch wirklich der Fall sein sollte, würde es dennoch

meinen Entschluß nicht ändern. Des Prinzen Verhalten hat meine Geduld

erschöpft,« entgegnete Sidonie voll Würde.

»Ueberlegen Sie nochmals die Angelegenheit, und ich gebe es Ihnen

anheim, was Sie alsdann thun. Sie sind die Gemahlin des künftigen

Regenten, Sie haben daher Rücksicht auf diesen Umstand zu nehmen,«

bemerkte der Fürst.

»Ich glaube das bereits lange genug gethan zu haben, vielleicht schon

zu lange für mein Interesse, ohne daß der Prinz sich veranlaßt gesehen,

dies anzuerkennen. Seine Mißachtung länger zu ertragen vermag ich

nicht, und so wiederhole ich meine Bitte,« entgegnete Sidonie.

»Sei es denn!« fiel der Fürst gereizt ein. »Doch lassen Sie uns nichts

übereilen, denn dergleichen will reiflich erwogen sein. Bedenken Sie,

welches Aufsehen ein so bedeutsamer und unerhörter Schritt erregen muß,

und es thut nicht gut, den Leuten einen Einblick in das Familienleben

der Fürsten zu gewähren. Vielleicht können wir dies noch vermeiden.

Ich werde mit dem Prinzen sprechen und Ihnen seiner Zeit das Resultat

mittheilen. Warten Sie also das Weitere ab. Wollen Sie?«

»Ich will es, mein Fürst,« entgegnete Sidonie nach kurzem Ueberlegen

und fügte alsdann hinzu: »Zwar erkenne ich, daß die Verhältnisse

allerdings Berücksichtigung verlangen; sollte diese jedoch so weit

ausgedehnt werden können, ein ganzes langes unglückliches Leben zu

beanspruchen? Ich glaube nicht, mein Fürst; denn auch das Herz hat

seine Rechte.«

»Sie dürfen bei Beurtheilung fürstlicher Ehen nicht den gewöhnlichen

bürgerlichen Maßstab anlegen, noch dergleichen Ansprüche erheben, und

ich wünschte, Sie gelängen zu der Einsicht, daß bei der ersteren mehr

die Interessen des Staats als das Herz maßgebend sind,« bemerkte der

Fürst.

»Und warum sollten sich beide nicht vereinigen lassen? Sollte dem

Fürsten, eben weil er Fürst ist, das Glück des gewöhnlichen Menschen,

das Glück der Liebe, versagt sein? Ich kann mich davon nicht

überzeugen, und das um so weniger, da der Stand unmöglich die Ansprüche

unseres Herzens ändert. Und wenn dem so wäre, so müßte ich die Fürsten

beklagen, da sie zu entbehren gezwungen sind, was der einfachste Mensch

für den höchsten Schatz des Lebens anerkennt.«

Prinzessin Sidonie (Band 2/3) · 第 10 / 13 段