Koketterien?« fiel der Chevalier lachend ein.
»Ich versichere, es ist so!«
»Das machen Sie einen Andern glauben! Sie, der Begünstigte der
Prinzessin, sollten nicht schon gestern Abend Gelegenheit gefunden
haben, sie zu beruhigen?! Ah pah! Ich kenne die Frauen. Unter
Umständen, wie die bekannten, suchen sie stets Trost in den Armen ihres
Günstlings. Und das däucht mir auch durchaus praktisch. Unmuth und Zorn
vergessen sich am leichtesten im Arm der Liebe.«
Mühlfels überwand eine augenblickliche Verlegenheit als Folge der
von Boisière ausgesprochenen Voraussetzung, die ihm unter anderen
Umständen sehr schmeichelhaft gewesen wäre, ihm jetzt jedoch die trüben
Aussichten in dieser Beziehung leider nur noch fühlbarer machten. Er
besaß jedoch viel zu viel Täuschungskunst, um sich zu verrathen und so
der über ihn gehegten Meinung zu berauben, und darum beobachtete er ein
gewisses zweideutiges Wesen, das durchaus geeignet war, des Chevaliers
Voraussetzungen zu bestätigen. In den frivolen Ton desselben eingehend,
bemerkte er:
»Sie werden Recht haben, lieber Chevalier; doch müssen Sie bedenken,
daß Ihre Annahme nicht in allen Fällen zutrifft. Uebrigens spricht der
Betheiligte von dergleichen nicht. -- Sie verstehen mich.«
»Vollkommen, vollkommen, und ich versichere Sie, ich billige Ihren
Tact, lieber Baron. Eine gewisse Façon muß bei Liaisons immer
beobachtet werden. Es hat das sein Gutes, namentlich wenn eine hohe
Person im Spiel ist,« entgegnete Boisière mit überlegenen Mienen.
Bildete er sich doch ein, das Muster eines galanten Cavaliers zu sein,
von welchem die jüngere Welt gern Rath annahm und sich nach ihm bildete.
»Doch unter uns, =cher Baron=,« fuhr er leiser und vertraulich
fort, »ich denke, Sie werden etwas über der Prinzessin Befinden und
Intentionen wissen, namentlich, wie sie die Geschichte aufgenommen hat.
Sie dürfen meiner Discretion unbedingt vertrauen; denn Sie wissen, daß
in diesem Fall von einer leidigen Neugier nicht die Rede sein kann.
Der Fall ist von Bedeutung, und es ist mir von Wichtigkeit, in dieser
Beziehung gut unterrichtet zu sein, um dem Fürsten Bestimmtes sagen zu
können. Serenissimus hat die Scene im Schauspiel noch nicht erfahren
und ich würde ihn damit nicht behelligen, falls die Prinzessin nicht
beabsichtigen sollte, irgend etwas darin zu thun. Ist dies jedoch
nicht der Fall, so darf ich ihn nicht in Unkenntniß darüber lassen;
er würde das sonst sehr übel vermerken. -- Sie erkennen, wie angenehm
dem Fürsten unter den vorausgesetzten Umständen ein Mittel wäre, den
etwaigen Ansprüchen der Prinzessin ein Paroli bieten zu können.«
Mühlfels erkannte das nur zu wohl, er erkannte aber auch die üble
Situation, in die er gedrängt worden war und die ihm nur die Wahl ließ,
seine Niederlage bei der Prinzessin entweder einzugestehen oder sich in
der gespielten Täuschung zu behaupten. Daß er das letztere dem ersteren
vorzog, verstand sich von selbst; es fragte sich nun, wie weit er gehen
durfte. Aber er würde nicht ein Kind seiner Zeit, nicht der Vertraute
eines ausschweifenden Prinzen, vor Allem nicht der eitle und ehrgeizige
Mann gewesen sein, wäre er in diesem bedeutsamen Augenblick vor einer
die Prinzessin entwürdigenden Lüge zurück geschreckt. Dazu war er viel
zu leichtsinnig und von einer an Frechheit grenzenden Kühnheit erfüllt,
die ihm in seiner bedenklichen Lage sehr zu Statten kam.
Mit der ihm eigenen Fertigkeit und Kaltblütigkeit hatte er das Alles
schnell erwogen, hatte sich gesagt, daß dasjenige, was er zu erreichen
bestrebt war, zu den Möglichkeiten gehörte und ihm dazu auch der
Besitz des Liebesgeheimnisses Sidoniens ein wichtiges Mittel bot.
Warum sollte er daher die Täuschung nicht erhalten? Ueberdies beruhigte
ihn die Ueberzeugung, daß Sidonie von Alledem niemals etwas erfahren
würde; denn wer wol sollte sie damit bekannt machen? -- Was zwischen
ihm, dem Chevalier und dem Fürsten verhandelt wurde, blieb allen
Anderen ein Geheimniß; er wußte es.
Alle diese Gedanken waren rasch durch seine Seele geflogen, ohne daß
selbst der scharfblickende Chevalier eine Ahnung davon gewann und die
augenblicklich von Mühlfels verrathene Bedenklichkeit lediglich für
Vorsicht hielt, die unter den obwaltenden, so bedeutsamen Verhältnissen
durchaus gerechtfertigt erscheinen mußte.
Fragend schaute er den Baron an, der in Bezug auf die zu gebende
Antwort mit sich bereits im Klaren war und bedeutsam lächelnd
entgegnete:
»Mein lieber Chevalier, Sie wissen, daß wir Sie hier am Hofe als das
Vorbild eines galanten Cavaliers verehren; versetzen Sie sich in meine
Lage und rathen Sie mir, was ich Ihnen antworten soll. Sie haben vorhin
bemerkt, jede Liaison verlange eine gewisse Façon; diese Meinung ist
mir zu bedeutsam, um sie nicht in diesem Fall zu beobachten. Ich will
meinem verehrten Vorbilde ein wenig Ehre machen. Und so stelle ich es
Ihrer Klugheit anheim, dem Fürsten nach Belieben zu berichten; denn was
Sie ihm zu sagen für gut befinden, wird meinen ganzen Beifall gewinnen.
Ihnen mehr zu vertrauen, wird daher nicht nöthig sein, noch halte ich
mich dazu berechtigt.« --
Der Baron hätte den Chevalier durch nichts leichter täuschen können,
als indem er seiner Eitelkeit schmeichelte und, ohne ein wirkliches
Geständniß abzulegen, sich auf Andeutungen beschränkte, die sehr
geeignet waren, dasjenige zu errathen, was er verschwieg, jedoch als
bedeutsam erkannt zu sehen wünschte.
»Als echter Cavalier gesprochen, =cher Baron=!« fiel der Chevalier
geschmeichelt und vertraulich ein, indem er Mühlfels’ Hand ergriff und
drückte. »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, und denke, Sie werden
mit mir zufrieden sein. Ich will die Angelegenheit -- Sie haben ganz
Recht, sie ist äußerst difficil -- in der gewünschten Weise tractiren;
verlassen Sie sich ganz auf mich und seien Sie überzeugt, nicht nur in
Ihrem ~Sinn~, sondern auch in Ihrem ~Vortheil~.«
»Ich habe das erwartet, mein theurer Chevalier, und bin beglückt, diese
Sache in Ihren klugen Händen zu wissen,« entgegnete Mühlfels, indem er
den Händedruck des Chevaliers erwiderte.
»Trotzdem muß ich noch einmal auf meine frühere Frage, ob Ihnen in
Bezug auf die Intentionen der Prinzessin in der bewußten Angelegenheit
nicht etwas Bestimmtes bekannt geworden ist, zurück kommen,« bemerkte
der Chevalier und blickte Mühlfels fragend an. »Wissen Sie nichts?«
»Aufrichtig gesprochen, nein. Die Prinzessin war zu aufgeregt und
unmuthig, um an dergleichen zu denken,« entgegnete Mühlfels in einer
Weise, als hätte er Gelegenheit gehabt, Sidonie näher zu beobachten.
»Das ist fatal!« rief der Chevalier. »Ich weiß nicht, was ich dem
Fürsten sagen soll.«
»Vielleicht ließe sich diese Angelegenheit durch mich erledigen,«
bemerkte Mühlfels nachdenkend.
»Das wäre prächtig!« fiel der Chevalier erfreut ein. »Wie gedenken Sie,
mein Lieber?« fragte er.
»Sie beabsichtigen, sich nach dem Befinden der Prinzessin zu
erkundigen; ich war gleichfalls willens, mich aus diesem Grunde zu ihr
zu begeben. Gestatten Sie mir, ihr an Ihrer Stelle den Gruß des Fürsten
zu überbringen; ich habe besondere Gründe zu dieser Bitte, über welche
ich mich nicht näher aussprechen möchte. Es ist aber gut, wenn die
Umgebung der Prinzessin erfährt, daß ich ihr im Auftrage des Fürsten
aufwarten möchte.« --
»Ich verstehe, ich verstehe!« fiel Boisière vertraulich ein und
fügte dann hinzu: »Sie haben ganz Recht, lieber Baron. Man darf die
Hofschranzen nicht zu sehr in die Karten blicken lassen; sie werden
leicht lästig und gefährlich. -- Sie wollten also?« --
»Die Prinzessin bei dieser Gelegenheit über ihre Absichten ausforschen,
wie Sie es wünschen,« bemerkte Mühlfels.
»Vortrefflich, vortrefflich! Ich bin überzeugt, es wird Ihnen das ganz
nach Wunsch gelingen.«
»Ich denke, lieber Chevalier,« entgegnete Mühlfels selbstgefällig und
sicher.
»So will ich Sie verlassen, mein theurer Freund, und in einer Stunde
wieder bei Ihnen vorsprechen, um das Weitere zu erfahren,« sprach
Boisière und brach auf, indem er zugleich fortfuhr:
»Ja, ja, Ihnen wird das leicht werden, was mir wahrscheinlich trotz
aller Klugheit nicht gelungen wäre. Sidonie ist stolz und verschlossen;
doch der Liebe öffnet sich ja leicht und gern das Herz. =Au revoir,
cher Baron!= In einer Stunde bin ich wieder hier.«
Mit diesen Worten und dem angewöhnten Hüsteln entfernte sich der
Chevalier, und Mühlfels bereitete sich zu dem Besuch der Prinzessin vor.
Er war hinsichts seines Benehmens gegen den Chevalier mit sich sehr
zufrieden, von der Ueberzeugung erfüllt, den klugen Kammerherrn
vollständig getäuscht zu haben. Mehr noch als dieses erfreute ihn
der Umstand, die so sehr gewünschte Gelegenheit zu dem Besuch der
Prinzessin durch Boisière erlangt zu haben. Da er im Namen des Fürsten
erschien, mußte sie ihn vorlassen, was unter anderen Umständen
wahrscheinlich nicht der Fall gewesen wäre. Während er sich ankleidete,
überlegte er sein Verhalten gegen Sidonie, namentlich wie er es
einrichten sollte, ihre Absichten betreffs der bekannten Angelegenheit
zu erforschen. Denn er sagte sich, daß das Gelingen seines Vorhabens
nicht nur die Täuschung des Fürsten befestigen, sondern ihm auch
in Bezug auf die Prinzessin bei diesem eine vermehrte Würdigung
verschaffen müßte. Also vorbereitet, begab er sich zu Sidonien. Diese
befand sich zufällig allein in ihrem Boudoir, als ihr die Meldung von
Mühlfels’ Erscheinen gemacht wurde. Ihre Stimmung war nichts weniger
als zu einer Unterhaltung mit dem Baron geeignet, da er jedoch als ein
Bote des Fürsten erschien, sie auch vermuthete, er sei als Vertrauter
des Prinzen absichtlich von dem Ersteren, vielleicht auch von dem
Letzteren, zu diesem Auftrag ausersehen worden, überwand sie schnell
ihre Abneigung und empfing ihn mit Freundlichkeit.
Dieser Umstand erhob den Muth und die Hoffnung des Barons nicht wenig,
indem er darin zugleich ein gutes Zeichen für das Gelingen seiner
Absicht sah.
»Sie bringen mir einen Auftrag des Fürsten?« fragte Sidonie.
»Serenissimus wünschen zu erfahren, wie Euer Hoheit Befinden ist, da
er zu seinem innigen Bedauern gestern vernommen, daß Hoheit durch
Unwohlsein gezwungen worden sind, das Schauspiel vor dessen Beendigung
zu verlassen,« entgegnete Mühlfels in theilnehmendem Ton.
»Ich bitte, dem Fürsten meinen ergebensten Dank für seine
Freundlichkeit abzustatten und ihm zu berichten, daß ich mich wieder
wohler fühle.«
»Ich bin glücklich, ihm eine so beruhigende Botschaft überbringen zu
können, und Hoheit mögen mir die Versicherung gestatten, daß ich mich
doppelt beglückt fühle, mich persönlich davon überzeugen und so meinen
lebhaften Wunsch befriedigen zu können.«
»Ich danke Ihnen, lieber Baron,« sprach Sidonie wohlwollend und
unbefangen, und fragte alsdann nach kurzem Zögern: »Haben Sie mir sonst
noch irgend welche Mittheilung zu machen?«
»Im Auftrage des Fürsten nicht; doch stehe ich sonst zu Eurer Hoheit
Befehl.«
»Der Fürst oder der Prinz hätten sich zu weiteren Aufträgen wirklich
nicht bewogen gefunden?« fragte Sidonie mit Befremden.
»Ich muß das bejahen.«
»Wie, ist ihnen denn das Geschehene nicht bekannt geworden?« fuhr
Sidonie mit Ueberraschung fort.
»So viel ich weiß, nein.«
»Das ist nicht denkbar! Der Fürst war ja ein Zeuge desselben, und Sie,
Baron, sind mit dem Prinzen zu vertraut, um nicht zu wissen, daß ohne
seine Billigung so etwas nicht geschehen konnte.«
»Ich habe Hoheit seit mehren Tagen nicht gesehen« -- bemerkte Mühlfels
ausweichend.
»Und auch ~Sie~ wußten von ~jenem~ Besuch nichts?« fragte Sidonie und
blickte ihn forschend an.
Mühlfels zeigte die aufrichtigste Miene, mit welcher er entgegnete:
»Ich versichere Eurer Hoheit, nicht das Geringste.«
»Unglaublich!« rief Sidonie und fragte alsdann: »Sie haben mir also
nichts mehr von dem Fürsten zu sagen?«
»Durchaus nichts, und ich erlaube mir Eure Hoheit nochmals zu
versichern, daß der Fürst bis jetzt den bewußten Vorfall nicht erfahren
hat.«
»Freilich, das erklärt sein Verhalten,« bemerkte die Prinzessin und
fragte: »Warum verschweigt man ihm denselben?«
Mühlfels zuckte die Achseln und schaute sie bedeutungsvoll an.
Sidonie verstand ihn und entgegnete:
»Ich verstehe Sie, Baron. Freilich, wer hätte den Muth, ihm dergleichen
zu verrathen. Ob auch der ganze Hof beleidigt wurde, was hat das zu
sagen? Man nimmt das schweigend in der Besorgniß hin, sich durch ein
aufklärendes Wort die Gnade des künftigen Regenten zu verscherzen.«
»O, glauben Sie das nicht, Hoheit!« betheuerte Mühlfels mit Wärme. »Sie
würden den Beweis dagegen erhalten haben, hätten Sie das Schauspiel
nicht verlassen.«
»Wie das, Baron?« fragte Sidonie überrascht.
»Ich selbst war willens auf die Gefahr hin, mir des Prinzen Ungnade
zuzuziehen, die Entfernung des Mädchens zu veranlassen,« entgegnete
Mühlfels durchaus sicher.
»Sie, Baron? -- -- Und warum thaten Sie es nicht?«
»Weil ich durch maßgebende Personen davon abgehalten wurde; als ich
trotzdem meine Absicht ausführen wollte, entfernten sich Hoheit. Damit
hörte jedes Interesse für diese Angelegenheit für mich auf. Ueberdies
war auf den Fürsten Rücksicht zu nehmen. Hoheit werden zugeben, daß
jedes Aufsehen vermieden werden mußte, und dieses konnte mit Gewißheit
bei dergleichen Maßnahmen erwartet werden. Das Entrée berechtigte
einen Jeden zur Theilnahme an dem Schauspiel, und es war daher eine
unangenehme Scene zu besorgen.«
Sidonie schwieg einige Augenblicke, alsdann fragte sie:
»Sie glauben also, daß der Prinz mit dem Besuch nicht bekannt war?«
»Ich wiederhole, daß ich mich außer Stande fühle, darauf zu antworten;
ich versichere jedoch Eurer Hoheit, wie tief mein Schmerz und Unmuth
war, Sie also leiden zu sehen.«
Die Prinzessin blickte nachdenkend vor sich hin, und es schien, als
wäre sie durch seine Theilnahme an ihrem Kummer angenehm berührt worden.
Dies entging dem Baron nicht, und mit vermehrter Sicherheit und Wärme
fuhr er fort:
»O, möchten Hoheit der Versicherung Ihres ergebensten Dieners ein wenig
Glauben schenken, Sie würden ihn unendlich beglücken. O, ich habe
es in jenem Augenblick erst ganz erkannt, daß es schmerzlicher ist,
Diejenigen leiden zu sehen, denen unsere ganze Seele gehört, als selbst
zu leiden. Klagen Hoheit mich nicht an, wenn ich das nicht früher that,
was zu thun mich die Ehrfurcht und Verehrung für Sie drängte. Sah ich
doch, wie Sie litten, schnitt es mir doch in die Seele, Sie einem
~solchen~ Wesen weichen zu sehen, Sie, die herrliche, hohe Frau, die
über den heuchlerischen Larven des Hofes so hoch emporragt! O, gebieten
Sie über meine schwachen Kräfte, Ihnen die gerechte Genugthuung zu
verschaffen. Ich opfere Alles, Alles, meine Stellung, mein Leben,
sobald Sie es fordern!«
Seine wohl berechneten Worte verfehlten ihre Wirkung auf Sidonie nicht;
dieselben verriethen zu viel Aufrichtigkeit und Ergebung, um nicht
glaubwürdig zu erscheinen und sie zugleich von Mühlfels’ gutem Willen
zu überzeugen.
Die Arglose ahnte freilich nicht, wie viel Täuschung dabei stattfand,
um ihr Vertrauen zu gewinnen und sie zur Mittheilung ihrer Absichten in
dieser Angelegenheit zu veranlassen.
»Ich danke Ihnen, lieber Baron, für Ihre Ergebenheit, die mir sehr
wohl thut; doch fern ist es von mir, das geringste Opfer von Ihnen
anzunehmen. Was ich zu thun genöthigt bin, steht bereits in mir fest,
und ich bedarf Ihrer Dienste dabei nicht; darum schätze ich jedoch Ihre
Bereitwilligkeit, mir zu dienen, nicht minder. Auch zweifle ich nicht
an Ihrem guten Willen, mir die gestrige üble Erfahrung zu ersparen,
und erkenne, daß die besonderen Umstände mancherlei Rücksichten
erforderten. Sie sind also in dieser Beziehung durchaus entschuldigt.
Ueberlassen Sie alles Weitere mir. Ihr heutiger Besuch hat mir
jede Hoffnung genommen, es könnte irgend welches Entgegenkommen
stattfinden. Da ich darauf nun wol nicht rechnen kann, so bin ich
genöthigt, persönlich zu handeln, und das will ich. Doch genug! Ich
danke Ihnen nochmals, lieber Baron.«
Sidonie hatte in der Ueberzeugung von Mühlfels’ Aufrichtigkeit
freundlich und wohlwollend und zugleich aufrichtiger zu ihm gesprochen,
als sie dies unter anderen Umständen gethan haben würde. Als sie
endete, reichte sie ihm als Zeichen des Dankes und der Entlassung die
Hand.
Der Baron ergriff dieselbe und drückte sie an seine heißen Lippen,
indem er zugleich, von seinen Empfindungen überwunden, vor ihr
niedersank und in leidenschaftlichem Ton entgegnete:
»O, wie unglücklich bin ich doch, meine Dienste von Eurer Hoheit zurück
gewiesen zu sehen!«
Sidonie entzog ihm rasch die Hand, die er noch immer hielt, und
erwiderte in nicht eben angenehmer Ueberraschung über des Barons
Verhalten mild und ruhig:
»Stehen Sie auf, Baron! Dieses Zeichen Ihrer Ergebenheit ist unpassend
und ich liebe es nicht. Wenn es Sie beruhigt oder befriedigt, so
verspreche ich Ihnen, falls ich Ihrer Dienste bedürftig sein sollte,
dieselben nicht abzulehnen.«
»Tausend Dank für dieses gütige Wort!« rief Mühlfels und ergriff
Sidoniens Hand, die er küßte, ohne daß Sie es zu verhindern vermochte.
Sie ließ diese selbstgenommene Freiheit jedoch hingehen, die ja ein
Zeichen seiner warmen Empfindungen für sie war, trat von ihm zurück und
grüßte ihn mit Wohlwollen.
Mühlfels entfernte sich und ließ Sidonie in einer bewegten Stimmung
zurück. Sein Benehmen und seine Worte hatten sie überzeugt, daß
Aureliens Voraussetzung in Bezug auf seine Liebe zu ihr begründet sei;
trotzdem vermochte sie nicht, ihn durch Kälte zurückzuweisen, obwol
sie dazu herausgefordert wurde. Sie glaubte jedoch ihm gegenüber ein
richtiges Verhalten beobachtet und ihn zu der Einsicht, daß sie weit
entfernt sei, seine Huldigung anzunehmen, geführt zu haben. Mühlfels’
Mittheilungen hatten sie nämlich hinsichts des Fürsten aufgeklärt und
ihr zugleich die Ueberzeugung eingeflößt, daß sie von diesem nichts
zu erwarten hätte, da man ihm den Vorfall verschweigen würde. Um so
bestimmter trat daher die Nothwendigkeit an sie heran, die mit Aurelien
besprochene Absicht am nächsten Tage auszuführen.
Der Baron kehrte, von der Unterredung mit der Prinzessin sehr
befriedigt, nach Hause. Ihre Freundlichkeit hatte ihn entzückt, noch
mehr die gütige Aufnahme seiner etwas kecken Huldigung.
Dieser Umstand verleitete ihn, trotz der Kenntniß von Sidoniens
Neigung für Römer, an einen tieferen Eindruck zu glauben, den seine
Persönlichkeit und Ergebenheit auf sie hervorgerufen hatten.
So groß war seine Leidenschaft, aber auch seine Eitelkeit, um
dergleichen Hoffnungen Raum zu geben! -- Ueberdies hatte er seine
Absicht vollkommen erreicht, und das war in diesem Augenblick höchst
wichtig für ihn.
Er fand den Chevalier bereits seiner harrend, und dieser war nicht
wenig erfreut, als ihm Mühlfels Sidoniens Absicht, sich persönlich
Genugthuung zu verschaffen, mittheilte.
»Benutzen Sie nun meine Nachricht nach Ihrem Ermessen, lieber
Chevalier, und erinnern Sie den Fürsten zugleich, daß die Prinzessin
irgend einen zufrieden stellenden Schritt erwartet; ob von ihm selbst
oder dem Prinzen, weiß ich nicht. Vielleicht wäre es gut, ihr zuvor zu
kommen; doch das müßten wir dem Fürsten überlassen,« schloß Mühlfels
seine Mittheilung.
Der Chevalier lobte seine Klugheit, drückte ihm in den wärmsten Worten
seinen Dank für die erhaltenen so wichtigen Mittheilungen aus und
beeilte sich alsdann, den Fürsten mit dem Erfolg seiner Sendung bekannt
zu machen. Auf seinem Gange dahin erwog er, wie nothwendig es sei,
Serenissimus den bekannten Vorfall zu verrathen, da er ihm denselben
nicht mehr verschweigen durfte. Es war dies seine Pflicht. Denn wie
wir wissen, beehrte ihn der Fürst mit seinem besondern Vertrauen in
Angelegenheiten der fürstlichen Familie und des Hofes.
»Es ist mir lieb, daß sich die Prinzessin wieder wohl fühlt,«
bemerkte der Fürst, nachdem ihm Boisière hierüber berichtet. »Unsere
Prinzessin,« fuhr er fort, »besitzt ein sehr erregliches Wesen und es
könnte ihr nichts schaden, ein stärkendes Bad zu besuchen.«
Der Chevalier hüstelte ein wenig, ohne des Fürsten Worte zu bestätigen,
indem er zugleich nachdenkend auf den Boden blickte, was er zu thun
pflegte, wenn er gefragt zu werden wünschte. Der Fürst bemerkte das und
fragte:
»Sind Sie nicht auch meiner Meinung?«
»Gewiß, mein Fürst,« entgegnete Boisière zurückhaltend.
»Wir haben in der gestrigen Erkrankung den besten Beweis, wie leicht
Hitze und Geräusch die Prinzessin in hohem Maß angreifen, und solchen
Nerven thut ein Bad gut,« fuhr der Fürst fort.
»Vielleicht, daß noch andere Umstände darauf einwirkten« -- bemerkte
Boisière hüstelnd.
»Glauben Sie?«
»Die Vermuthung dazu liegt nahe.« --
»Wirklich? Und was vermuthen Sie?«
»Ich halte mich verpflichtet, meinen gnädigsten Fürsten auf einen
Vorfall aufmerksam zu machen, der gestern im Schauspiel stattgefunden
hat und seinem Auge entgangen ist, und der, wie ich erfahren, die frühe
Entfernung der Prinzessin hervorgerufen hat.« --
»In der That, Chevalier?« -- fragte der Fürst überrascht.
»Ich betheure, es ist so.«
»So reden Sie! Was ist geschehen? Ich habe nicht das Mindeste bemerkt,
das eine solche Wirkung auf die Prinzessin hätte ausüben können,« fiel
der Fürst erregt ein.
»Es scheint eine kleine Unvorsichtigkeit von Seiten des Prinzen Hoheit
dabei im Spiel zu sein« -- entgegnete Boisière, hüstelte ein wenig
und fügte alsdann mit gedämpftem Ton hinzu: »Man hat die Favorite des
Prinzen in einer Loge bemerkt.« --
»Was sagen Sie!« fuhr der Fürst auf.
Boisière nickte mit dem Haupt und bemerkte, die Hand auf die Brust
legend, mit einer Verneigung:
»Es ist so, mein Fürst.«
»Welche Unvorsichtigkeit!« rief dieser und fragte dann: »Konnte man die
Person nicht zur rechten Zeit entfernen?«
»Man erkannte sie zu spät und dann --«
»Ich merke, dann that man es nicht, weil man den Prinzen fürchtet!«
fiel der Fürst ein.
»Das Mädchen war anständig gekleidet, hatte ihr Billet gelöst und
benahm sich gut,« -- erwiderte der Chevalier.
»Wer aber hat die Prinzessin damit bekannt gemacht?«
»Ich vermag das nicht zu sagen, doch weiß ich, daß die etwas auffällige
Theilnahme des Publikums für ihre Hoheit und die Favorite die
Prinzessin veranlaßte, sich darnach zu erkundigen, worauf sie in großer
Indignation die Loge verließ.«
»Das ist in der That ein ganz fataler Fall; denn bei der großen
Reizbarkeit der Prinzessin kann man mit Bestimmtheit erwarten, daß sie
die Sache nicht ruhig hinnehmen wird.«
»So ist es, mein Fürst. Wie ich erfahren, gedenken sich Hoheit
Genugthuung zu verschaffen.«
»Wirklich, wirklich? -- Freilich, es ist ihr das nicht zu verdenken.
Nun, da habe ich wieder eine üble Scene zu erwarten,« bemerkte der
Fürst unmuthig und fügte alsdann hinzu: »Der Prinz treibt es in der
That zu weit und meine Nachsicht hat ihn bereits zu sehr verwöhnt. Ich
übersehe Vieles; aber Alles muß seine Grenzen haben. Ein solcher Besuch
beleidigt nicht nur die Prinzessin, sondern den ganzen Hof. Das muß
anders werden!«
Erregt schritt er durch das Gemach und fragte nach einer kleinen Pause
des Nachsinnens:
»Hat Ihnen die Prinzessin selbst ihren Vorsatz mitgetheilt?« --
»Nein, mein Fürst, und ich bitte mir zu vergeben, wenn ich in der
guten Absicht, die Intentionen Ihrer Hoheit in dieser so wichtigen
Angelegenheit genau kennen zu lernen und meinem gnädigsten Herrn
darüber erschöpfenden Bericht abstatten zu können, mir erlaubte, den
Baron Mühlfels statt meiner den Auftrag an die Prinzessin ausrichten zu
lassen. Mit dem Vorfall im Schauspiel bekannt und in der nahe liegenden
Voraussetzung, sie könnte irgend einen Schritt beabsichtigen, erachtete
ich es für zweckmäßig, sie ausforschen zu lassen, da es die Wichtigkeit
des Falles und meine Pflicht gebot, meinen gnädigsten Herrn über Alles
aufzuklären, damit Sie nicht durch der Prinzessin Verhalten überrascht
würden.« --