Mariane beruhigte sie jedoch durch die Versicherung, daß sie den

Prinzen wol zu versöhnen wissen würde, es ja auch überdies zweifelhaft

sei, ob ihr Besuch zu seiner Kenntniß gelangte. Sie wollte bedacht

sein, sich unter den Zuschauern zu verbergen, so daß sie der Prinz

nicht entdecken könnte, und wußte überdies noch eine Menge anderer

Vorsichtsmaßregeln, die sie zu beobachten willens war, anzugeben, daß

Madame Voisin endlich von ihrem Widerspruch ließ und es Marianens

Ermessen anheim stellte, zu thun, was sie für gut fände. Sie hatte sich

schon längst gewöhnt, sich Marianens Wünschen unterzuordnen, um ihr

künftiges Interesse zu fördern, und baute übrigens auf des Mädchens

großen Einfluß auf den Prinzen, den sie zur Genüge kennen gelernt hatte.

Mariane war nun vor allen Dingen bedacht, sich durch die dritte Hand im

Geheimen Billets besorgen zu lassen, die man für vieles Geld wirklich

erhielt, ohne daß ihr Name dabei genannt wurde. Im Besitz derselben,

war sie auch entschlossen, das Schauspiel um jeden Preis zu besuchen.

Sie ahnte nicht, daß der Zufall ihren Wünschen in einer nicht gehofften

Weise entgegen kommen und sie endlich die so lange ersehnte Gelegenheit

finden sollte, nicht nur dem Schauspiel beizuwohnen, sondern dies auch

ganz ihrem geheimen Verlangen entsprechend thun zu können.

An dem zu der Vorstellung bestimmten Tage fühlte sich nämlich der Prinz

nicht so wohl, um die Erstere besuchen zu können; man konnte diese

jedoch nicht mehr aufschieben, was gewiß mit Rücksicht auf den Ersteren

geschehen wäre, wenn es die Verhältnisse irgend gestattet hätten. Der

Prinz war durch sein Leiden genöthigt, seine Besuche bei Marianen

vorläufig einzustellen, da er auf ärztlichen Rath das Bett hüten sollte.

Welche Umstände hätten für des Mädchens Wünsche vortheilhafter sein

können! --

Sie hatte seinetwegen nun nichts mehr zu besorgen und sah daher mit

kindischer Freude und Ungeduld dem Fest entgegen.

Als die Stunde zum Besuch desselben gekommen war und Madame Voisin

sie aus ihrem Boudoir abholte, fand sie Mariane bereits vollständig

zur Fahrt vorbereitet. Ein einfacher dunkler Mantel hüllte sie ein,

ein ebensolcher Hut schützte den Kopf, so daß ihre Erscheinung in der

That nichts weniger als auffällig war und sich also zur Ausführung

ihrer Absicht durchaus eignete. Madame Voisin, die gleichfalls einfach

gekleidet war, betrachtete sie mit Vergnügen und drückte ihr ihre

Zufriedenheit über die beobachtete Vorsicht aus, indem sie jetzt mit

größerer Ruhe die Hoffnung aussprach, daß ihr Unternehmen gut ablaufen

würde.

Sie erreichten die Stadt und die Reitbahn und gelangten bei dem

daselbst herrschenden Gedränge unbeachtet in ihre Loge; wie sehr

erschrak jedoch Madame Voisin, als Mariane vor dem Betreten derselben

Mantel und Hut ablegte und vor ihr in dem früher bezeichneten

prachtvollen Anzug dastand. Sie wollte zurückkehren; ihre Vorstellungen

waren jedoch fruchtlos, und eben so wenig vermochte sie Mariane zum

Anlegen des Mantels zu bewegen. Diese beharrte auf ihrem Willen, und

so war die Dame genöthigt, sich, wenngleich seufzend und mit besorgtem

Herzen, in das Unabänderliche zu fügen. Um ihre Angst noch zu mehren,

lauteten die Billets überdies auf Vorderplätze, ein nur zu sehr

geeigneter Umstand, Mariane den Blicken der Zuschauer preisgegeben zu

sehen. Niemand von ihnen hatte daran gedacht. Ohne jede Verlegenheit

nahm Mariane ihren Platz ein, während Madame Voisin es vorzog, sich

im Hintergrunde zu halten und ihren Platz Anderen überließ. Sie hatte

längst erkannt, von dem Mädchen überlistet worden zu sein, und war

jetzt nur noch bedacht, so wenig als möglich Aufsehen zu erregen.

Wir haben das Weitere erfahren und fügen nur noch hinzu, daß Mariane

keine Ahnung von dem auf Sidonie und die Zuschauer erzeugten Eindruck

hatte; eben so wenig gerieth sie auf die Vermuthung, erkannt zu sein.

Viel zu unerfahren, um sich eine richtige Vorstellung von den

Lebensverhältnissen in der Residenz machen zu können, zu angenehm

von dem Glanz der Räume, der Schönheit der Vorstellung und der

bewegten prunkvollen Menge berührt, genoß sie unbefangen die sich ihr

darbietende Lust mit vollen Zügen, nicht wenig stolz über die ihr

gezollte Aufmerksamkeit und in dem schmeichelnden Bewußtsein, nicht

übler, ja vielleicht noch besser und schöner, als alle die anwesenden

Damen zu sein.

Ueberaus beglückt kehrte sie mit ihrer Begleiterin heim und vermochte

die Besorgniß derselben und deren Vorwürfe, sie in solcher Weise

getäuscht zu haben, nicht zu begreifen.

Sie fand das Alles mit Lachen und Scherzen ab, und that dies auch, als

Madame Voisin sie an die übeln Folgen erinnerte, die für sie, würde dem

Prinzen ihr Besuch bekannt, entstehen müßten.

»Fürchten Sie nichts, meine gute Voisin; ich kenne meinen Prinzen; er

wird sich, falls er wirklich etwas erfahren sollte, schon versöhnen

lassen. Das Geschehene ist doch nicht mehr zu ändern? Und was liegt

denn auch Uebles darin? Muß er sich nicht freuen, daß ich den Leuten

gefallen habe? O, ich weiß, er giebt etwas auf meine Schönheit; er hat

es mir ja oft genug gesagt. Und damit lassen Sie es genug sein. Ist der

Prinz über den Besuch böse, so mag er es sein; er wird bald wieder gut

werden.«

Also plauderte das leichtsinnige Mädchen, unbekümmert und froh, nur in

ihrem Genuß schwelgend.

Es verstand sich von selbst, daß Madame Voisin in ihrem eigenen

Interesse dafür sorgte, dem Prinzen den Besuch zu verheimlichen; sie

hoffte diesen Zweck auch zu erreichen, da sie der Dienerschaft hierüber

das strengste Schweigen auferlegt hatte und von deren Gehorsam durchaus

überzeugt war. Der Prinz war genöthigt, mehre Tage das Bett zu hüten,

und sandte fast täglich durch Henri zärtliche Billets an Mariane, in

welchen er seine Sehnsucht nach ihr aussprach, und das Mädchen war

keck genug, den Prinzen an einem dunkeln Abend mit Hilfe des Dieners

und einer allerliebsten Männertracht in seinem Palais zu überraschen.

Der Prinz war über diesen Beweis ihrer Liebe entzückt, noch mehr fast

über die kecke Art, mit welcher sie ihm eine Freude zu bereiten bedacht

war. Dergleichen war ganz nach seinem Geschmack, und würde er Mariane

nicht schon überaus geliebt haben, so hätte ihr Handeln diese Wirkung

jedenfalls hervorgerufen. Wie sehr sie gegen sein Verbot gehandelt

hatte, erfuhr er nicht; denn Niemand, selbst Mühlfels, der ihn während

seiner Krankheit täglich besuchte, wagte es, ihn damit bekannt zu

machen. Von der Gewißheit erfüllt, daß dem Fürsten Marianens Besuch

nicht verrathen worden war, erachtete man es für besser, das Geschehene

mit Stillschweigen zu übergehen und abzuwarten, ob Sidonie vielleicht

irgend etwas in dieser Angelegenheit that. Man nahm dies jedoch nicht

an, da ihre Gleichgiltigkeit gegen den Prinzen bekannt war. Freilich

verrieth ihr plötzliches Entfernen unter dem Vorgeben von Unwohlsein,

daß sie durch den Vorfall tief verletzt worden sei, dieser Umstand

schloß jedoch nicht die Voraussetzung in sich, sie würde sich darum

auch Genugthuung verschaffen wollen.

Hatte sie sich doch schon so Vieles von dem Prinzen gefallen lassen;

was konnte es ihr daher auf diese Bagatelle ankommen. Für ihre Ruhe war

es sogar besser, wenn sie die Sache gehen ließ.

So meinten die klugen und von der Moral nicht geplagten Hofleute, ohne

zu ahnen, wie bald sie zur Einsicht ihrer Täuschung geführt werden

sollten.

Sechstes Kapitel.

Durch den erfahrenen Schimpf in der tiefsten Seele verletzt, kehrte

Sidonie in Begleitung Aureliens nach dem Palais zurück und sank, in

ihrem Gemach angelangt, erschöpft in einen Fauteuil. Trostlos starrte

sie einige Augenblicke vor sich hin und rief alsdann, in Thränen

ausbrechend:

»Auch ~das~ noch zu allem, allem Unglück, das ich leiden muß!«

»Ich begreife nicht, wie dem Mädchen der Zutritt gestattet worden ist,«

bemerkte Aurelie, erfreut, die Spannung in Sidoniens Herzen gemindert

zu sehen, und zugleich bedacht, durch Besprechung dieser Angelegenheit

sie von dem schmerzvollen Brüten abzulenken.

»Wie konnte der Prinz es wagen, mir einen ~solchen~ Schimpf anzuthun!

Bin ich denn schon so sehr verachtet, daß er sich so etwas gestatten zu

dürfen glaubte?!« preßte Sidonie unmuthig hervor.

»Vielleicht ist es ohne seinen Willen geschehen,« -- wandte Aurelie ein.

»Glaube das nicht und bedenke, daß ein so einfaches Mädchen gänzlich

von seinem Willen abhängig sein muß.«

»Diese Vermuthung liegt nahe; dennoch erinnere ich Dich, daß der Prinz

unpäßlich ist und das Palais hütet; vielleicht, daß --«

»Nein, nein! Bemühe Dich nicht, ihn zu entschuldigen und mir das

Erfahrene in einem milderen Licht zu zeigen. Selbst wenn das Mädchen

ohne sein Wissen den Besuch wagte, so geht daraus doch hervor, welche

große Macht sie über ihn gewonnen haben und wie geringe Achtung sie

mir zollen muß, um sich über alles das hinweg setzen zu können. Aus

diesem Umstand ersehe ich jedoch, welcher Art sein Verhältniß zu dem

Mädchen ist und daß die Gerüchte von demselben durchaus begründet sein

müssen. So weit ist es also schon mit mir gekommen! Man scheut sich

nicht mehr, mich öffentlich zu verspotten und mich dem Mitleiden der

Menge preiszugeben! Unerhört! Ist es nicht genug, daß ich bisher alles

Ueble schweigend duldete, will man mich auch der theuer erkauften Ruhe

berauben? -- Glaubt man, mir eine solche Schonung nicht mehr schuldig

zu sein?! Wie tief muß ich in der Achtung des Hofes gesunken sein, wenn

~das~ geschehen konnte!«

In schmerzvoller Erregung lehnte sie sich in dem Sessel zurück.

Voll der innigsten Theilnahme, doch schweigend ruhte der Freundin Auge

auf der Leidenden und so schwer Gekränkten; sie vermochte ja nichts

zur Linderung von Sidoniens Kummer beizutragen; denn das Geschehene

konnte nicht ungeschehen gemacht und der erfahrene Schimpf nicht

zurückgenommen werden.

»O, wie schutzlos bin ich doch!« rief Sidonie nach kurzer Pause. »Meine

Brüder besitzen keinen Einfluß bei Hofe; der Fürst ist dem Prinzen

gegenüber zu schwach, und seine Grundsätze und Ansichten vom Leben sind

auch viel zu wenig sittlich, um mich zu verstehen und mein Verhältniß

zu dem Prinzen durch seinen Einfluß auf diesen erträglicher zu machen.

Was soll ich beginnen und wer räth mir in meiner so kummervollen Lage!

-- O, wäre Bernhard hier, mir würde Alles leichter, mein Schmerz

geringer, mein Wille kräftiger werden! -- Ach, mit ihm zog mein

Schutzengel, meine Ruhe und mein Glück davon! O, wie so sicher fühlen

wir uns doch in der Huth treuer Liebe! O wüßte er, wie sehr ich seiner

bedarf, wie schnell würde er zu mir eilen. Doch ich besitze kein Recht,

ihn in seiner Trauer zu stören, und muß diesen Schmerzenskampf allein

auskämpfen!«

Sie schwieg und schaute betrübt und gedankenvoll vor sich hin.

Aurelie ergriff ihre Hand, drückte sie sanft und bemerkte:

»Lass’ uns gemeinschaftlich erwägen, was in Deiner Angelegenheit

geschehen muß; denn daß Du den Dir angethanen Schimpf nicht ruhig

hinnehmen darfst, versteht sich von selbst.«

»Du hast Recht, mich daran zu erinnern; denn der Schmerz ließ mich

dies bisher vergessen. Ja, ich will mir Genugthuung um jeden Preis

verschaffen. Ich fürchte nichts mehr, nun es so weit gekommen ist,

weder des Fürsten Ungnade, noch die Härte des Prinzen,« fiel Sidonie

mit Festigkeit ein.

»Und was gedenkst Du zu thun?« fragte Aurelie.

»Die Gelegenheit erfordert keinen Aufschub, sonst würde ich an meinen

Bruder geschrieben und ihn um seine Herüberkunft gebeten haben. Er

mag sein Ansehen bei dem Fürsten und Prinzen später geltend machen;

denn mittheilen werde und muß ich ihm das Geschehene, das bin ich

der Ehre meiner Familie schuldig. Ich will selbst dem Fürsten meine

Beschwerde vortragen; dies ist der einzige Weg, damit die Angelegenheit

nicht mit dem üblichen Stillschweigen übergangen wird. Denn es muß

mit Bestimmtheit erwartet werden, daß man dem Fürsten die Sache

verheimlicht. Man fürchtet den Prinzen, der alle Tage zur Regentschaft

gelangen kann; ich weiß es nur zu wohl, und der beste Beweis dafür ist

der Umstand, daß sich Niemand veranlaßt fühlte, das Mädchen aus dem

Schauspiel zu entfernen, um mir vor den Versammelten eine öffentliche

Genugthuung zu verschaffen.

»Du siehst, wie es hier mit meinen Freunden steht. Jeder ist nur

auf seinen Vortheil bedacht, und selbst Mühlfels, an dessen treue

Ergebenheit ich glaubte, hat sich feig zurückgezogen. Ihm ist das

Mädchen bestimmt bekannt, er konnte also auch wissen, welchen

Eindruck ihre Anwesenheit auf mich hervorrufen mußte. O, über diese

Selbstsüchtlinge, die nur ihr Ich anbeten und dabei die edelsten

Gefühle heucheln und uns dadurch an ihr besseres Wesen zu glauben

verleiten! O, es ekelt mir vor dieser feilen, sittenlosen Welt, und

der Ewige möge mich bald durch die Gnade beglücken, ihr für immer

entfliehen zu können! O bringe mir ~sein~ Bild, das ich mich an den

edeln, geliebten Zügen wieder aufrichten kann und den Glauben an das

Gute in den Menschen nicht verliere!«

»Ich kann Deinen Entschluß, dem Fürsten persönlich Deine Beschwerde

vorzutragen, nur billigen. Jede Mittelsperson würde in diesem Fall

wirkungslos sein; ich kenne den Fürsten. Man würde Dich zu täuschen

suchen, würde sagen, Du hättest Dich in Bezug auf das Mädchen geirrt;

sie sei nicht die Geliebte des Prinzen, sondern irgend eine andere

Person gewesen, und was man sonst noch zu sagen für gut fände. Eine

Täuschung ist aber in diesem Falle nicht anzunehmen, dafür bürgt uns

Mühlfels’ Aussage und das auffällige Verhalten des Publikums.« --

»Ich will den nächsten Tag noch hingehen lassen; vielleicht ist man

bedacht, mir in irgend einer Weise entgegen zu kommen, um mir den

unangenehmen Schritt bei dem Fürsten zu ersparen.«

»Sei es so; doch gestehe ich Dir offen, ich hege wenig Hoffnung, daß

Deine Erwartungen befriedigt werden.«

»Du wirst Recht haben; doch könnte ich vielleicht morgen noch nähere

Umstände über des Mädchens Besuch, vielleicht durch Mühlfels, erfahren,

die mir bei der Unterredung mit dem Fürsten von Wichtigkeit sein

könnten.«

»Dieser Umstand ist allerdings zu erwägen, und so denke ich, Du thust

nach Deinem Vornehmen.«

»O, mir bangt vor der kalten Gleichgiltigkeit und dem Cynismus des

Fürsten, mit welchen er dergleichen Angelegenheiten zu behandeln

pflegt, und mein Herz krampft sich bei dem Gedanken schmerzvoll

zusammen, daß ich genöthigt bin, mich über die Geliebte meines Gemahls

beklagen zu müssen. Wie hätte ich ahnen sollen, jemals in eine so

erniedrigende Lage versetzt werden zu können!«

»In der That, eine sehr, sehr traurige Nothwendigkeit! Doch hoffen

wir, daß Dir dieser Schritt erspart wird. Vielleicht bestätigt

sich Deine Voraussetzung und man kommt Dir, wie Du es wünschest,

entgegen. Sollte dies jedoch nicht der Fall und Du zu der Unterredung

gezwungen sein, so erzielt sie vielleicht den Vortheil, den Fürsten

zu einem entscheidenden Handeln zu veranlassen, um Dich vor ähnlichen

Beleidigungen für immer sicher zu stellen.«

»Glaubst Du, meine gute Aurelie?« fragte Sidonie gedankenvoll.

»Liegt diese Vermuthung nicht nahe?« --

»Vielleicht nicht so nahe, als Du denkst. Du traust dem Fürsten mehr

feines Gefühl zu, als er in der That besitzt. Ich bin überzeugt, er

wird nur so viel thun, als es ihm unumgänglich nöthig scheint. Doch,«

fuhr Sidonie mit leisem und bedeutungsvollem Ton fort, »doch ich

will ihm sagen, daß ich es müde bin, noch länger die Beleidigte und

Verspottete zu sein, daß meine Geduld ihr Ende erreicht hat, und will

ihm mit einem Vorschlag entgegen kommen, der seiner Staatspolitik

entspricht.«

»Das willst Du wirklich?!« fragte Aurelie besorgt und überrascht.

»Du weißt, ein solcher Entschluß lebt schon lange in mir, und ich

bekenne Dir, er ist mit Bernhard’s Gegenwart immer mehr in mir gereift.

Du wirst das natürlich finden. Muß mich Bernhard nicht schwach und

kraftlos nennen, da mein Stolz sich unter diese erniedrigenden

Verhältnisse beugt und sie geduldig erträgt?« --

»Vermagst Du sie zu ändern?« --

»Ich denke und hoffe ihm zu zeigen, daß ich seiner Liebe würdig bin.

Denn sage selbst, wäre es nicht undankbar von mir, seine so großen

Opfer anzunehmen, ohne daran zu denken, ihm dafür nicht nur mit dem

~Herzen~, sondern auch durch die ~That~ zu danken? Wer liebt und

geliebt wird, übernimmt auch heilige Pflichten, die zu erfüllen sein

Bestreben sein muß. Ich habe das Alles oft und oft bedacht, bin in

mancher ruhelosen Nacht darüber mit mir zu Rathe gegangen, und immer

und immer hob sich der einzige Gedanke vor allen anderen heraus, ihm

für seine aufopfernde Liebe nur ein freudenloses Leben zu bereiten.

Dieser Gedanke läßt mir aber keine Ruhe, und so steht der Entschluß in

mir fest, die gegenwärtigen Umstände in meinem Sinne zu benutzen. Ich

brauche Dir nicht zu sagen, wie sehr mich die Erfüllung meines Wunsches

beglücken würde; Du kennst ja meine grenzenlose Liebe für ihn, Du

weißt, wie unendlich beseligt ich mich fühlen würde, sein freudloses

Dasein durch sie zu verschönen und, von dem Zwang der Verhältnisse

befreit, in seinem Glück das eigene zu genießen. O, welch ein süßer,

wonniger Traum, zu süß, zu schön, um Wahrheit zu werden! Doch er soll

mich ermuthigen zu dem Kampf, den ich aufzunehmen gedenke, und er wird

es, das fühle ich!«

»Ich habe das voraus gesehen, ja ich habe, ohne es Dir zu verrathen,

schon lange gewünscht, es möchte zu einem entscheidenden Schritt

kommen, um Dich und ihn aus einer so unheilvollen Lage zu retten. So

sei es denn! Bin ich auch zu machtlos, um Dir mit der That beistehen

zu können, so weißt Du doch, daß Du über mein Herz gebieten kannst,«

entgegnete Aurelie, die Freundin liebevoll umarmend.

Noch manches wichtige und berathende Wort tauschten die Freundinnen

aus, manche süße Hoffnung wurde ausgesprochen, mancher noch süßere

Traum daran geknüpft, bis endlich die späte Stunde sie zur Trennung

zwang.

Die gute Marion war nicht wenig überrascht, als sie die Prinzessin

entkleidet hatte und, an der Uhr vorübergehend, gewahrte, daß es fast

Morgen geworden sei. Sie schüttelte bedenklich das Haupt, und es wurde

ihr klar, daß irgend welche wichtige Dinge vorgegangen sein und die

Prinzessin betroffen haben müßten; denn ihr waren deren Aufregung

und verweinte Augen nicht entgangen. Wie herzlich that ihr die liebe

Prinzessin leid; so jung und so schön und dennoch so unglücklich sein

zu müssen, das schnitt ihr in die Seele. Sie wußte, daß Sidonie den

Prinzen nicht gemocht und nur aus kindlichem Gehorsam geheirathet

hatte, hatte ihres Lieblings Thränen und Schmerzen gesehen und mit

ihr im Geheimen geweint und gelitten, und litt und weinte noch immer,

ohne Hoffnung auf ein Besserwerden. Denn das war ihrem verständigen

Sinn längst klar, daß sich die Prinzessin mit einem so leichtsinnigen

Gemahl, wie der Prinz, und würde er auch einst Regent, niemals

glücklich fühlen könnte.

»Da sprecht mir von der Weisheit und dem Glück der Großen und

Gewaltigen der Welt; es ist Alles eitel Tand und eitler Schein.

Die Weisheit und Güte bringt nicht der Stand, die muß der Mensch im

Herzen tragen, und wer sie nicht hat, ist auch als Fürst darum nicht

besser, wie gemeine Menschen. Die Krone thut es nicht und auch nicht

der Reichthum und die Macht. Vor Gott ist nur der Gute und Gerechte

etwas, da gilt das Herz und nicht der eitle Flitter. Gott bessere diese

verderbte Welt, in der meine gute Prinzessin leben und von der sie so

schwer leiden muß!« Also dachte sie und überlegte das Alles noch in

später Nacht, als sie sich seufzend zur Ruhe begeben hatte, bis sie

unter einem Gebet für ihren Liebling endlich einschlummerte.

Auch Mühlfels wurde durch den Vorfall bei der Vorstellung mehr

betroffen, als man dies hätte erwarten sollen.

So heftig seine Leidenschaft für Sidonie auch war, stand ihm dennoch

die Gunst des künftigen Regenten höher als ihr Dank, dessen er

jedenfalls sicher war, hätte er Mariane zum Verlassen der Loge

genöthigt. In der Vermuthung jedoch, das Mädchen sei mit Wissen des

Prinzen erschienen, wagte er das nicht. Ihm war nur zu wohl die Macht

bekannt, die Mariane auf den Prinzen ausübte; er hatte sich persönlich

davon überzeugt. Der Letztere gestattete ihm nämlich bisweilen, ihn

zu dem Mädchen zu begleiten und in ihrer Gesellschaft eine Stunde

zuzubringen. Denn bei der von dem Prinzen für Mariane gehegten großen

Vorliebe war es diesem angenehm, den Vertrauten mit den Vorzügen seines

Lieblings bekannt zu machen und sich an dessen Lob des Mädchens

zu ergötzen, das in überschwänglicher Weise auszusprechen Mühlfels

natürlich nicht unterließ. Trotz aller dieser zu nehmenden Rücksichten

erwog der Baron dennoch, in wie weit er den Vorfall in seinem eigenen

Vortheil benutzen sollte; denn es lag die Voraussetzung nahe, Sidonie

könne vielleicht auf seinen Beistand gerechnet haben, und wie wir

erfahren, täuschte er sich in dieser Annahme nicht.

Er mußte sich daher bei ihr entschuldigen und ihr die Unmöglichkeit

seines Handelns klar machen, um ihre Gunst nicht vielleicht ganz und

gar einzubüßen. Ein solcher Verlust würde seine Absicht, sich ihr

Vertrauen zu erwerben, unerreichbar gemacht haben; überdies konnte es

für ihn keine geeignetere Gelegenheit geben, ihr seine Ergebenheit an

den Tag zu legen. Ihr plötzliches Entfernen aus dem Schauspiel verrieth

ihm die tiefe Kränkung ihrer Seele, und er konnte daher mit einiger

Sicherheit annehmen, daß sie irgend einen besondern Schritt in dieser

Angelegenheit thun würde. Unter solchen Umständen ist der Rath eines

ergebenen Mannes von Wichtigkeit, der dem Prinzen so nahe stand, wie er.

Auch war ihm bekannt, daß die Prinzessin keinen andern Mann bei Hofe

mit ihrem Vertrauen beehrte; Grund genug also für ihn, alle diese

Umstände zu benutzen.

Es kam nun darauf an, eine geeignete Gelegenheit zur Ausführung

seines Vorhabens ausfindig zu machen. Eine Audienz bei der Prinzessin

nachzusuchen wagte er nicht. Dieser Schritt wäre zu auffällig gewesen;

er mußte ihn daher vermeiden. Um so erwünschter wäre ihm ein durch den

Zufall herbei geführter Anlaß gewesen. Sein Verlangen sollte in der

That erfüllt werden.

Am nächsten Vormittage besuchte ihn Boisière, um mit ihm über die

Vorstellung und die dabei vorgekommenen kleinen pikanten Ereignisse,

sowol unter den Acteurs als Zuschauern, zu plaudern.

Denn es darf kaum bemerkt werden, daß eine Menge interessanter

Geschichtchen, die man entweder selbst erfahren oder von Anderen

vernommen hatte, von Munde zu Munde gingen, und zwar zum großen

Ergötzen der Nichtbetheiligten. Wie hätte das in der damaligen Zeit

auch anders sein können, die nicht nur der Klatschsucht den reichsten

Stoff, sondern auch zugleich nur zu sehr geneigte Personen, diese

Stoffe in der ergiebigsten Weise zu benutzen, darbot. Ein prickelnder

Witz, eine ähnliche Zweideutigkeit, vor Allem jedoch eine auf

Thatsachen beruhende pikante Geschichte wurden eben so sehr gesucht,

als mit übergroßem Beifall aufgenommen.

Und was wußte der Chevalier nicht Alles zu erzählen, was hatte er nicht

selbst gesehen, belauscht und errathen, und wie viel mehr war ihm noch

zugeflüstert und mitgetheilt worden! -- Da war Material, um den Hof

und die Stadt einen ganzen Monat zu unterhalten. Und was würden die

nächsten Tage noch Alles erzählen!

Der Chevalier befand sich so recht in seinem Element und also

sehr behaglich, und Mühlfels theilte als Freund solcher Dinge

dessen Stimmung. Ihm diente das Vernommene zugleich als ein

Unterhaltungsmittel für den Prinzen, der, von der persönlichen

Theilnahme an der Vorstellung abgehalten, dergleichen Geschichtchen mit

Begier anhörte und sich dabei köstlich unterhielt.

Nachdem der Chevalier das Füllhorn seiner ergötzlichen Mittheilungen

ausgeschüttet hatte, brach er mit dem Bemerken auf, sich von hier aus

gerades Weges nach dem Palais der Prinzessin begeben zu müssen, um sich

im Namen des Fürsten nach deren Befinden zu erkundigen.

»Wie geht es der Prinzessin, lieber Baron? Die gestrige unangenehme

Geschichte hat sie doch nicht wirklich krank gemacht?« fragte er.

»Ich habe darüber noch nichts vernommen,« entgegnete Mühlfels

zurückhaltend.

Prinzessin Sidonie (Band 2/3) · 第 8 / 13 段