Andeutungen, die er von ihr vernommen, hatten ihm ihren früheren
Umgang mit dem Grafen verrathen, und er wurde dadurch zu dem Entschluß
geleitet, sich darüber in Sidoniens Heimath genügende Aufklärung
zu verschaffen. Er sagte sich, daß der Besitz derselben ihm unter
Umständen von großem Werth sein könnte. Er gedachte daher, sich in
kurzer Zeit unter einem schicklichen Vorwand dahin zu begeben, ohne
jedoch seine Reise weder Sidonien oder jemand Anders zu verrathen.
Dieselbe mußte ein Geheimniß bleiben, damit Niemand eine Vermuthung von
seinen Absichten gewann.
Was den von seiner Mutter vorausgesagten Briefwechsel zwischen Sidonien
und dem Grafen anbetraf, so gelang es seinen Nachforschungen, zu
entdecken, daß derselbe seine Vermittlerin in Aurelien gefunden hatte.
Es kam nun darauf an, sich einen dieser Briefe zu verschaffen und den
Inhalt derselben kennen zu lernen.
Dies gelang seinen unausgesetzten Bemühungen wirklich; indessen sah er
sich getäuscht. Weder des Grafen noch Aureliens Briefe enthielten etwas
von Bedeutung, wenngleich daraus auch Römer’s und Sidoniens Interesse
für einander zu entnehmen war.
Er erkannte die große Vorsicht, welche die Schreibenden zu beobachten
für gut fanden, und entnahm aus derselben um so mehr die Ueberzeugung
eines geheimen Einverständnisses.
Der Prinzessin Name war in den Briefen niemals genannt worden, sondern
sie wurde als Freundin bezeichnet, doch war unschwer zu erkennen, wer
dieselbe sei. Ebenso verriethen des Grafen Andeutungen das wärmste
Interesse für Sidonie. Dies genügte, Mühlfels und die Baronin in
ihren Entschlüssen und Ansichten über diese Angelegenheit noch mehr
zu befestigen. Um in den Betheiligten keinen Argwohn zu erregen, war
Mühlfels bedacht, ihnen die unterschlagenen Briefe wieder zukommen zu
lassen. In solcher Weise vorbereitet, ersah der Baron eine geeignete
Gelegenheit und begab sich nach Sidoniens Heimath, und seinen eifrigen
Nachforschungen daselbst gelang es in der That, Kenntniß von dem
ehemaligen vertraulichen Umgang der Prinzessin mit dem Grafen zu
erhalten. Ebenso erfuhr er der Prinzessin Schmerz und Weigerung, sich
mit dem Prinzen zu vermählen.
Diese so wichtigen Entdeckungen waren mehr als hinreichend zu
einer sichern und erschöpfenden Beurtheilung des gegenwärtigen
Verhältnisses der Liebenden; ebenso wußte er sich jetzt auch Sidoniens
Theilnahmlosigkeit für den Prinzen zu erklären. Bei seiner Rückkehr
beeilte er sich, seiner Mutter über Alles Mittheilungen zu machen, und
es darf kaum bemerkt werden, mit welcher großen Freude sie dieselben
aufnahm.
Erfreut, jetzt mit größerer Sicherheit handeln zu können, war er
entschlossen, dies ohne Säumen zu thun, worin ihm die Baronin durchaus
beistimmte.
Sidonie sowol als Aurelie waren weit entfernt, die die Erstere
bedrohenden Gefahren zu ahnen. Nicht das leiseste Zeichen verrieth, daß
man Sidoniens Benehmen an jenem Abend anders, als sie es wünschten,
gedeutet hätte. Was die Baronin und deren Sohn anbelangt, so wissen wir
bereits, daß das Verhalten derselben sie vollkommen getäuscht hatte.
Diese Beruhigung that Sidonien in ihrer Trauer wohl, ebenso war es
ihr angenehm, daß der Prinz sich durchaus fern von ihr hielt. Sie sah
ihn nur selten, und auch dann stets zufällig, und erschien nur bei
Hoffesten und Assembleen in seiner Begleitung, wobei dies nicht zu
umgehen war, da es die Sitte also erheischte. Sie wechselten alsdann
kaum einige Worte, Beide nur bedacht, dem Zwange sobald als möglich
enthoben zu werden.
Aus dieser Ruhe der Trauer und Entsagung sollte Sidonie leider auf die
empfindlichste Weise gestört und zugleich zu einem Schritt veranlaßt
werden, an welchen sich die bedeutsamsten Folgen für ihr künftiges
Geschick knüpften.
Der Winter war dem Prinzen in dem vertraulichen Umgange mit Marianen
rasch dahin gegangen. Seine Zuneigung für dieselbe hatte sich während
dessen nur noch gesteigert, und die Eingeweihten erstaunten über die
Macht, mit welcher das einfache Mädchen ihn so dauernd an sich zu
fesseln verstand. Denn man hatte seitdem nichts von einer neuen Liaison
des Prinzen vernommen, obgleich das schöne Fräulein von Lieben die
Gelegenheit nicht versäumte, sich und ihre Reize bei der Baronin dem
Prinzen zu präsentiren. Dieser beachtete sie jedoch nicht und begnügte
sich mit seinem Waldvogel, der ihm vor wie nach seine Lieder sang und
in launigen Schelmstücken unerschöpflich war.
Zeigte sich jedoch das Mädchen in dieser Beziehung noch ganz so wie
ehemals, so war doch bereits mit ihrem Charakter eine wesentliche
Veränderung vorgegangen. Mit jedem neuen Tage den Einfluß mehr
erkennend, welchen sie über den Prinzen ausübte, regten sich in ihr
allerlei neue Wünsche, die der Prinz zu erfüllen sich beeilte.
Dieser Umstand mußte natürlich sehr bald dahin führen, ihr die früheren
Belustigungen und Zerstreuungen mit ihren Vögeln und Affen, Spiel und
Gesang langweilig erscheinen zu lassen und das Verlangen nach anderen
Zerstreuungen in ihr zu erwecken.
Seitdem sie jenes prächtige Kleid getragen und der Prinz sie durch die
Versicherung beglückt, daß sie schöner als die schönste Hofdame wäre,
erwachte das lebhafte Verlangen in ihr, sich auch durch den Augenschein
davon zu überzeugen.
Darum bat sie den Prinzen wiederholt, ihr zu gestatten, die Stadt und
jene öffentlichen Vergnügungen, bei welchen sich auch Hofpersonen
einfanden, zu besuchen. Ihre Bitte kam dem Prinzen sehr ungelegen, da
für ihn, wie wir wissen, gerade in dem Geheimniß seines Umganges der
eigentliche Reiz desselben lag. Erschien Mariane jedoch öffentlich,
so mußte des Mädchens auffällige Schönheit die Welt zum Nachforschen
veranlassen, und die Entdeckung dieses Verhältnisses konnte nicht
ausbleiben.
Darum war er bedacht, sie durch eine Menge der kostbarsten Geschenke zu
beschwichtigen, ohne jedoch seinen Zweck zu erreichen.
Mariane zeigte nicht die mindeste Freude darüber, sondern schmollte
mit ihm und ihrer Umgebung, und bestand eigensinnig auf der Erfüllung
ihres Verlangens. Sie that dies in dem Bewußtsein ihrer Macht über
den Prinzen und wußte nur zu gut, daß er ihr früher oder später trotz
seiner Weigerung dennoch zu Willen sein würde.
Und sie täuschte sich hierin in der That nicht.
Der Prinz war ein viel zu schwacher Charakter, um sich ihr gegenüber
behaupten zu können. Er vermochte ihre üble Laune nicht lange zu
ertragen und unterlag endlich in einer schwachen Stunde ihren
verführerischen Bitten und Schmeicheleien. Er stellte jedoch die
Bedingung, daß sie bei ihren Besuchen in der Stadt so einfach als
möglich gekleidet erscheinen sollte, um jedes Aufsehen zu vermeiden,
und war überdies bedacht, Madame Voisin, die Mariane bei diesen
Ausgängen begleiten sollte, die genauesten Verhaltungsregeln zu geben,
damit der von ihm gewünschte Zweck sicher erreicht würde.
Mariane ging mit Freuden auf alle seine Bedingungen ein und beobachtete
genau seine Wünsche; trotz dieser bescheidenen Zurückhaltung zog das
schöne Mädchen dennoch die öffentliche Aufmerksamkeit sogleich auf
sich, und so geschah es, daß man sehr bald ihre Verhältnisse erforscht
hatte. Dieser Umstand war jedoch nur zu sehr geeignet, daß die Welt
ihr, wo sie sich zeigte, ein um so größeres Interesse schenkte.
Weder Marianen noch ihrer Begleiterin war dies entgangen; auf der
Ersteren Wunsch wurde es dem Prinzen jedoch verheimlicht, da eine
solche Nachricht ihn nicht nur unangenehm berührt hätte, sondern
sie auch fürchten mußten, auf seinen Befehl die beliebten Besuche
einzustellen.
Sie theilten ihm daher nur Erwünschtes mit und erreichten dadurch
vollkommen ihren Zweck, indem der Prinz Marianen in dieser Beziehung
fortan immer größere Freiheiten gestattete, da es ihm Freude bereitete,
ihr Herz in solcher Weise erheitert zu sehen.
Das aber hatte das schlaue Mädchen nur gewollt; denn sie fühlte sich
durch die erlaubten Genüsse durchaus nicht befriedigt, sondern ihre
Wünsche waren noch auf ganz andere Dinge gerichtet.
Der Prinz erkannte die ihm gespielte Täuschung um so weniger, da
Niemand die Pflicht und Neigung fühlte, ihn darüber aufzuklären, von
der Vermuthung erfüllt, Marianens öffentliches Erscheinen habe seine
Zustimmung. Seine Vorliebe, sein Verhältniß geheim zu halten, kannten
überdies die Wenigsten. Die fröhliche Laune und Zärtlichkeit, der er
sich seit Marianens Besuchen in der Stadt von ihr zu erfreuen hatte,
waren ohnehin sehr geeignete Momente, ihn von jedem Forschen fern
zu halten, indem er den Anlaß dazu lediglich in der ihr bewilligten
Freiheit suchte.
Und das listige Mädchen sorgte dafür, daß sein Behagen in keiner Weise
gestört wurde. Von Madame Voisin hatte sie keinen Verrath zu fürchten,
da diese ihr mehr als dem Prinzen ergeben war; denn längst hatte diese
Dame erkannt, daß ihre Zukunft lediglich von der Gunst der allmächtigen
Favoritin abhing.
In solcher Weise gesichert, ging Mariane fortan unbekümmert ihren
Neigungen nach, stets bedacht, ihre geheimen Wünsche bei der ersten
sich zeigenden Gelegenheit zu befriedigen.
Mehre Wochen waren seitdem verstrichen. Der Frühling machte sich
bereits durch Lerchengesang, knospende Gesträuche, die ersten
Gartenblumen und eine milde Witterung geltend und hatte die
Residenzbewohner in’s Freie gelockt, um sich zu Wagen, zu Roß und zu
Fuß in der Stadt und den Anlagen zu ergötzen. Ueberall sah man ein
reges, vergnügtes Treiben, das jedoch nicht allein durch das schöne
Wetter, sondern zugleich auch durch den Umstand hervorgerufen worden
war, sich am Abend einer ganz besondern Lustbarkeit erfreuen zu
können, welche in dem von den vornehmsten Adelspersonen arrangirten
Carrousselreiten bestand, zu welchem außer dem Hof auch das Publikum
Zutritt hatte. Diese Vorstellung sollte in jeder Beziehung durch
Pracht und Glanz ausgezeichnet sein, und so konnte es nicht fehlen,
daß ein Jeder, ob Mitwirkender, ob Zuschauer, darauf bedacht war, den
Erwartungen in der besten Weise zu entsprechen, und dadurch jenes
bewegte Leben erzeugt wurde.
Schon lange vor dem Beginn des Schauspiels strömten die Zuschauer nach
der zu dieser seltenen Vorstellung prächtig eingerichteten Reitbahn,
ein Jeder beglückt, gegen hohes Eintrittsgeld einen Platz erhalten zu
haben. Denn um ein vornehmes Publikum zu erzielen, war das Entrée sehr
hoch gestellt, und trotzdem noch nicht einmal leicht zu erhalten.
Alle Räume der Bahn waren bald mit reich und glänzend geschmückten
Damen und Herren besetzt, die in angenehmer Erregung dem Erscheinen des
Hofes und dem Beginn der Vorstellung entgegen harrten. Wie gewöhnlich
unter solchen Umständen belebte eine ziemlich laute Unterhaltung die in
allen Farben, Sammet und Seide, Gold, Silber und Edelsteinen prangende
Menge, und alle jene Beziehungen machten sich dabei geltend, wie sie
der damalige frivole Zeitgeist bedingte.
Es wurde gescherzt, geliebelt, intriguirt, geklatscht und vor
allen Dingen Vermuthungen über die Leistungen der Damen und Herren
ausgesprochen, die sich heute dem Hof und Publikum als Reitkünstler
vorzustellen so kühn waren. Man kannte die meisten derselben, und so
war das Interesse ein um so größeres.
Von den Hofleuten fehlte fast Niemand. Kurz vor Beginn der Vorstellung
erschien auch Sidonie in Begleitung der Baronin, Aureliens und anderer
Hofdamen, und mit herzlicher Theilnahme wandte sich ein jedes Auge der
edeln, anmuthigen Erscheinung zu, deren bleiches Antlitz nur zu sehr
geeignet war, das Interesse für sie zu erhöhen, da man den Anlaß dazu
genügend zu kennen glaubte.
Dieses Interesse wurde jedoch schon nach wenigen Augenblicken durch
eine andere Dame beeinträchtigt, die in einer der gewöhnlichen Logen
saß und durch ihre Jugend und Schönheit, vor Allem jedoch durch ihren
kostbaren Anzug sofort die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Diese Wirkung wurde noch durch den Umstand erhöht, daß man sie nicht
kannte, nirgends gesehen hatte, obwol die reiche Kleidung und die
blitzenden Diamanten ihres Halsbandes und der Armbänder auf Reichthum
und Rang schließen ließen.
Ein sich rasch fortspinnendes Fragen und Erkundigen nach ihr
durchschwirrte die Menge, während man die Fremde zugleich ziemlich
unbefangen musterte.
Dieser entging dies nicht, und es hatte den Anschein, als ob ihr
eine solche Aufmerksamkeit nicht eben unlieb wäre; denn sie kam den
Blicken ihrer Beschauer eben so dreist entgegen, was namentlich den
lorgnettirenden Herren sehr zusagte.
Zugleich machte sich in ihrem von Erregung gerötheten Antlitz eine fast
kindliche Neugier geltend; denn sie wandte den lieblichen Lockenkopf
nach allen Seiten und betrachtete sich die Räume sowol als die Personen
mit sichtlichem Interesse. Ab und zu richtete sie an eine hinter ihr
sitzende ältere Dame ein und die andere Frage, und schien sich von
dieser über Personen und Gegenstände Auskunft geben zu lassen, um
alsdann mit gesteigertem Behagen ihre früheren Beobachtungen wieder
aufzunehmen. Sie wurde darin durch das Erscheinen des Fürsten mit
seiner Gemahlin und dem ganzen Hofstaat angenehm unterbrochen, indem
sich zugleich ihre Aufmerksamkeit jetzt lediglich auf diese lenkte.
Beim Eintreten des Fürsten ließ das Orchester einen rauschenden Marsch
ertönen, und wenige Augenblicke darauf erschien der glänzende Zug der
Reitkünstler, der die Bahn durchritt und sich alsdann vor der Hofloge
aufstellte.
Lauter Beifall empfing denselben, der wohlverdient war. Denn die
Schönheit der Personen, die Pracht der Anzüge, der goldene und silberne
Schmuck der Pferde, die ausersehene Vortrefflichkeit derselben und
die eben so geschmack- als wirkungsvolle Anordnung des Zuges, der,
übergossen von dem Licht Tausender von Kerzen, einen wundervollen
Anblick gewährte, waren in der That von so seltener Vollkommenheit, wie
man dergleichen noch nie gesehen hatte.
Bald darauf begann alsdann die Vorstellung, die in verschiedene
Tänze, Ringelstechen und ähnliche Leistungen zerfiel. Die an
sich vortreffliche Ausführung derselben fesselte anhaltend die
Aufmerksamkeit der Zuschauer, bis eine Pause der Erholung für diese und
die Mitwirkenden eintrat.
Nachdem man die empfangenen angenehmen Eindrücke besprochen und
allerlei kritische Bemerkungen daran geknüpft hatte, wandte man das
Auge wieder der fremden Dame zu, und es regte sich auf’s Neue das
Verlangen, deren Namen und Stand kennen zu lernen, da die in dieser
Beziehung bereits angestellten Nachforschungen fruchtlos geblieben
waren.
Die Bezeichnete schien von dem genossenen Schauspiel sehr erregt zu
sein; ihre Augen strahlten von Lust, ihre Wangen waren hoch geröthet,
und lebhaft unterhielt sie sich mit der bereits bezeichneten Dame.
Während dies geschah, flog plötzlich ein heimliches bedeutsames Wort
von Munde zu Munde und steigerte die Aufmerksamkeit des Publikums für
die Fremde in hohem Grade.
Fast gleichzeitig richteten sich auch die Blicke nach der Hofloge und
auf Sidonie, die sich mit der Baronin unterhielt und davon anfangs
nichts bemerkte, bis das Verhalten der Zuschauer sie endlich darauf
aufmerksam machte und veranlaßte, nach der Ursache dieser Erscheinung
zu forschen. Sie entdeckte dabei die fremde Dame und es entging ihr
nicht, daß sich das Interesse des Publikums zwischen ihr und dieser
theilte. Es schien ihr, als ob man einen Vergleich mit ihr und jener
anstellte, oder sie in irgend welche Beziehung zu derselben gebracht
hatte.
Das fiel ihr auf, und sie erkundigte sich zunächst bei der Baronin, wer
die Fremde wäre.
Diese entgegnete verlegen, dieselbe nicht zu kennen, und ebenso thaten
es die anderen Personen, an welche sich Sidonie mit der nämlichen Frage
wandte, die gleich der Baronin eine auffällige Verlegenheit dabei
verriethen.
Dieses Verhalten steigerte Sidoniens Verlangen, Aufklärung über die
Dame und das besondere Benehmen des Publikums zu erhalten, indem sich
ihrer zugleich eine erschreckende Ahnung bemächtigte.
Auch die Fremde war aufmerksam geworden, schaute nach der Prinzessin,
musterte diese und deren Umgebung, während dessen sich in ihren Zügen
ein Ausdruck der Freude geltend machte.
Länger vermochte Sidonie die sie quälende Ungewißheit nicht zu
ertragen, und sie bat Aurelie heimlich, über die Dame sogleich
Erkundigungen einzuziehen. Sie fühlte sich durch das dreiste Benehmen
derselben verletzt, was auch in Bezug auf die sie umgebenden Damen
der Fall war, die sich überdies noch durch die Schönheit und den
prachtvollen Anzug der Fremden wesentlich beeinträchtigt fühlten.
Man warf sich bedeutsame Blicke zu, tauschte auch flüchtig ein
heimliches Wort aus, und es verrieth sich sogar in einzelnen Gesichtern
Unmuth und Aerger.
Alles das entging der Prinzessin nicht, und mit um so größerer Ungeduld
sah sie Aureliens Rückkehr entgegen, die sich in Folge ihres Wunsches
nach dem Corridor begeben hatte.
Aurelie traf daselbst Mühlfels mit Boisière und ein paar anderen
Hofherren, die in einer heimlichen, vertraulichen Unterhaltung
begriffen waren.
Der Baron entdeckte sie sogleich, und in der Voraussetzung, ihr
vielleicht einen Dienst leisten zu können, nahte er sich ihr sogleich
und fragte nach ihren Wünschen. Das kam Aurelien sehr gelegen, und sie
zögerte nicht, ihm dieselben zu erkennen zu geben.
»Ich hatte es erwartet,« flüsterte er ihr bewegt zu. »Die Dreistigkeit
dieses Mädchens ist in der That ganz beispiellos und hat eine
allgemeine Entrüstung hervorgerufen. Ich begreife nicht, wie der Prinz
so etwas gestatten konnte, da er doch wußte, daß sowol die Prinzessin
als auch der Hof anwesend sein würden.«
»Jetzt ahne ich, wer die Fremde ist!« fiel Aurelie erschreckt ein.
»Und Ihre Ahnung täuscht Sie leider nicht.«
»Wie wird die Prinzessin diese Nachricht aufnehmen!« bemerkte Aurelie
betrübt.
»Sie müssen ihr die Wahrheit verheimlichen.«
»Das mag ich nicht, denn ich fürchte, sie ahnt bereits, wer die Dame
ist.«
Mühlfels zog bedauernd die Achseln und entgegnete: »So weiß ich in der
That nicht zu rathen, und es wird eine Scene geben, die nun nicht mehr
ausbleiben kann.«
»Hat man denn nicht daran gedacht, das Mädchen zu entfernen?«
»Allerdings, doch Niemand will sich dazu hergeben; man fürchtet sich
dadurch des Prinzen Ungnade zuzuziehen. Auch scheut man das Aufsehen,
das eine solche Maßnahme erregen würde.«
»So muß ich mich beeilen, der Prinzessin die Wahrheit zu sagen, denn
es bleibt ihr unter solchen Umständen nichts Anderes übrig, als sich
dieser entwürdigenden Lage so schnell als möglich zu entziehen!« rief
Aurelie erregt und unmuthig, und kehrte zu Sidonien zurück, ohne auf
des Barons weitere Vorstellungen zu achten.
»Welche herrliche Vortheile müßte mir der heutige Abend verschaffen,
wäre dieser Graf nicht,« sprach Mühlfels unmuthig vor sich hin und
gesellte sich alsdann den auf ihn harrenden Herren zu, denen er mit
wichtiger Miene das eben Vernommene mittheilte und daran die Vermuthung
eines Eclats knüpfte, zu welchem die Prinzessin durch die üble
Nachricht veranlaßt sein würde. Man stimmte ihm darin bei und erwog
zugleich, ob es nicht gerathen sei, demselben vorzubeugen; Alle aber
zuckten die Achseln; Niemand von ihnen wollte für die arme Sidonie
eintreten, und wir erkennen daraus, wie sehr hilflos dieselbe war.
Mühlfels täuschte sich in seiner Voraussetzung nicht, denn kaum hatte
Sidonie das außergewöhnlich erregte Antlitz ihrer Freundin erblickt,
so erkannte sie auch, sich in Bezug auf die Fremde nicht getäuscht zu
haben.
Als ihr Aurelie mit wenigen Worten den Charakter der Letzteren
bezeichnet hatte, erbleichte sie und schien rathlos; jedoch nur für
einige Augenblicke; alsdann reichte sie Aurelien den Arm und bat sie
mit so lauter Stimme, daß sie von ihrer Umgebung gehört werden konnte,
sie nach dem Wagen zu geleiten, da sie sich nicht wohl fühle. Sie trug
der Baronin zugleich auf, dem fürstlichen Paar die Meldung über den
Grund ihrer Entfernung zu machen, und verließ alsdann an Aureliens
Arm die Loge. Rasch schritt sie an den noch immer berathenden Herren
vorüber, die sich schweigend und überrascht verneigten, nicht ohne zu
bedauern, kein Mittel zur Vermeidung dieses Eclats gefunden zu haben.
Sidoniens plötzlicher Aufbruch erregte natürlich sowol bei ihrer
Umgebung als auch bei den Zuschauern Aufsehen, und ehe die Prinzessin
noch ihren Wagen erreicht hatte, durchlief bereits das Gerücht davon
die Räume.
Die Meisten erriethen leicht, durch welche Umstände Sidoniens
Entfernung hervorgerufen worden war, und billigten dieselbe mit vollem
Herzen, und man unterhielt sich darüber so lange in vertraulicher
Weise, bis die wieder beginnende Vorstellung das Interesse beanspruchte.
Der Fürst und seine Gemahlin, die von Alledem nichts ahnten,
bedauerten Sidoniens unerwarteten Aufbruch um so mehr, da sie eben
beabsichtigten, sie zu sich bitten zu lassen, um die Pause durch
Unterhaltungen mit ihr auszufüllen.
Wir haben früher erfahren, wie leicht Sidonie durch Hitze und Geräusch
angegriffen wurde; das fürstliche Paar war damit bekannt, und so hatte
deren frühe Entfernung für sie durchaus nichts Auffälliges.
Wir kehren jetzt zu der fremden Dame zurück, die nach Sidoniens
Entfernen durchaus unbefangen und mit vermehrtem Vergnügen der
Vorstellung bis zum Schluß beiwohnte, ohne durch irgend Jemand darin
gestört zu werden. Daß diese Dame niemand Anders, als Mariane war, darf
wol kaum bemerkt werden.
Hören wir nun, welche Umstände sie verleitet hatten, an einem Ort zu
erscheinen, an welchem sich, wie sie wußte, sowol der Hof, als auch die
Elite des Adels und die Vornehmsten der Stadt versammeln würden.
Wir haben früher erfahren, daß ihr geheimes Dichten und Trachten darauf
gerichtet war, sich persönlich zu überzeugen, ob sie wol, wie der
Prinz gesagt, durch ihre Schönheit und prächtige Kleidung die Damen
des Hofes verdunkeln würde. Dazu bot sich jedoch keine Gelegenheit
dar, da der Prinz ihr den Besuch aller der Orte verboten hatte, an
welchen der Hof erschien. Sie war untröstlich darüber und bereits
entschlossen, gegen das erhaltene Verbot zu handeln. Ihre Eitelkeit
prickelte sie unablässig, und nur von dieser bestimmt, fiel es ihr
nicht ein, die Folgen zu erwägen, die ein solcher Besuch, namentlich
in einer kostbaren und auffallenden Kleidung nach sich ziehen mußte.
Da vernahm sie die Nachricht von der bevorstehenden Festlichkeit,
die man ihr zugleich in so verlockender Weise schilderte, daß das
Verlangen, derselben beizuwohnen, sich bis zur Leidenschaft steigerte.
Das Schauspiel würde alle ihre Wünsche befriedigt haben, denn nicht
nur fand sie bei demselben die Gelegenheit, den ganzen Hof und die
höchsten Adelspersonen zu sehen, sondern sie konnte dabei auch zugleich
das kaum mehr beherrschte Verlangen, in ihrer prächtigen Kleidung
den gewünschten Vergleich anzustellen, erfüllen. Und wie groß mußte
überdies das durch das Schauspiel gebotene Vergnügen sein, von welcher
Pracht und Schönheit sich ihre lebhafte Phantasie die ausschweifendsten
Vorstellungen machte.
Seitdem sie die erste Kenntniß von dem Schauspiel erhalten hatte,
befand sie sich in einer unaufhörlichen Unruhe, lediglich darauf
sinnend, ob es ihr nicht gelingen dürfte, das erstere besuchen zu
können.
Vor allen Dingen bemühte sie sich jedoch, den Prinzen für ihren Wunsch
zu gewinnen; dieser jedoch lehnte ihre Bitte mit dem entschiedenen
Bemerken ab, daß sie aus den angegebenen Gründen auf den Besuch
durchaus verzichten müßte. Er sprach zugleich sein Bedauern darüber
aus, erklärte aber auch, sich den Verhältnissen fügen zu müssen.
Marianens weitere Vorstellungen blieben gleichfalls fruchtlos, wodurch
ihr ganzer Unmuth erregt wurde.
Sie besaß jedoch bereits hinreichende Verstellungskunst, um dem Prinzen
ihre Empfindungen nicht zu verrathen; heuchelte Unbefangenheit
und ließ die Angelegenheit fallen. Sie war jedoch weit entfernt,
dies wirklich zu thun, sondern vielmehr bedacht, eine passende Art
zu ersinnen, die Erfüllung ihres Verlangens trotz des Verbotes zu
ermöglichen. Sie zog Madame Voisin in ihr Vertrauen, diese jedoch rieth
ihr entschieden von dem Besuch ab, indem sie Mariane an den Zorn des
Prinzen erinnerte, der die unausbleibliche Folge eines Verrathes ihrer
Anwesenheit bei dem Schauspiel sein müßte.