Sie hatte einige Damen und Herren, darunter auch den Grafen, um sich

versammelt und besprach mit ihnen ein von dem Adel zu veranstaltendes

Carrousselreiten, das in nächster Zeit stattfinden sollte und das

Interesse, namentlich in den höheren Gesellschaftskreisen, ganz

besonders in Anspruch nahm, als sich ein Diener nahte und dem Grafen

ein Zeichen gab, daß er ihn zu sprechen wünschte. In der nahe liegenden

Voraussetzung, daß nur ein wichtiger Anlaß die Ursache dazu gegeben

haben könnte, zögerte der Graf nicht, sich dem Diener zu nähern. Zu

seiner Ueberraschung vernahm er, daß soeben ein Bote aus der Heimath

des Grafen angelangt sei, der ihn sogleich zu sprechen wünschte, da die

Botschaft nicht den geringsten Verzug gestatte.

In der Besorgniß, eine üble Nachricht zu vernehmen, begab sich der Graf

sofort zu dem Harrenden, und seine Besorgniß steigerte sich rasch, als

er in dem Boten einen Jäger seines Vaters erkannte, dessen Aussehen die

Eile und Anstrengung verriethen, mit welcher er den ziemlich weiten Weg

bis zu der Residenz zurückgelegt haben mußte.

»Ihr bringt mir keine gute Nachricht!« rief Römer ihm entgegen, und der

Diener bejahte mit ernster Miene. »Was ist geschehen?« fragte der Graf

rasch.

»Euer Gnaden Vater ist plötzlich erkrankt und wünscht Ihre schleunige

Rückkehr.«

»So ist sein Zustand bedenklich?«

»Der Arzt meint es.«

Der Graf bekämpfte seine Bestürzung und beauftragte den Jäger alsdann,

sich sofort in seine Wohnung zu begeben und seinen Diener anzuweisen,

ohne Verzug Alles zur Abreise vorzubereiten. In kurzer Zeit würde er

zurückkehren und alsdann sogleich aufbrechen.

Der Jäger entfernte sich, und der Graf verharrte einige Augenblicke in

dem Vorzimmer. Die erhaltene Nachricht hatte ihn tief gebeugt; er mußte

sich sammeln, um der Prinzessin mit der erforderlichen Ruhe wieder

nahen und ihr Lebewohl sagen zu können.

Eine schmerzliche Ahnung hatte ihn ergriffen.

Sein Vater war bejahrt und daher ein übler Ausgang der Krankheit um

so mehr zu fürchten, da der Arzt dieselbe bereits als bedenklich

bezeichnet hatte.

Er durfte daher mit der Abreise nicht säumen, und so begab er sich bald

darauf zu der Prinzessin, um ihr die traurige Botschaft zu bringen.

Er wußte, wie sehr sie dadurch erschreckt werden würde, und war daher

bedacht, ihr dieselbe in der schonendsten Weise mitzutheilen.

Mit dem ganzen Aufwand seiner Beherrschungskraft nahte er sich ihr;

seine Erschütterung war jedoch viel zu tief, als daß er dieselbe

hinreichend zu verbergen vermochte, die sein bleiches Antlitz und seine

besorgten Mienen überdies verriethen.

Sidonien war die Veranlassung seiner Entfernung nicht entgangen und,

gleich ihm von einer übeln Ahnung ergriffen, sah sie seiner Rückkehr

mit Unruhe entgegen. Bei seinem Eintreten hatte ihr Auge sogleich in

seinem Antlitz geforscht und seine tiefe Bewegung errathen, die sie

mit der Gewißheit erfüllte, daß Römer irgend ein besonders wichtiges

Ereigniß betroffen haben müßte. Ihre Liebe ließ sie die nothwendige

Vorsicht vergessen. Als er nahte, ging sie ihm ein paar Schritte

entgegen und erkundigte sich mit der sorglichsten Theilnahme nach dem

Geschehenen.

Der Graf theilte ihr mit wenigen Worten die traurige Botschaft und

seine Absicht, sogleich abzureisen, mit, und obgleich er dies in

ziemlich ruhiger Weise that, wurde Sidonie dadurch dennoch so sehr

bewegt, daß sie ihre warmen Empfindungen für ihn nicht zu verbergen

vermochte. Der zärtliche Blick, mit welchem sie sein Auge suchte, hätte

dazu schon hingereicht, wenn sich nicht in ihrem erbleichten Antlitz

ihr großes Interesse für ihn zu erkennen gegeben hätte. Zwar kehrte

ihre Besonnenheit rasch zurück, und sie bemühte sich, so viel als

möglich unbefangen zu scheinen; leider zu spät, denn das Geschehene

hatte ihre Empfindungen den sie Beobachtenden leider bereits verrathen.

Die gegenwärtigen Verhältnisse gestatteten ihr nicht, ihrem Herzen zu

folgen und den Grafen allein zu sprechen und ihm ein Lebewohl zu sagen;

gewaltsam mußte sie ihre Empfindungen in sich verschließen und sich

von ihm in förmlicher Weise trennen, um dann noch eine kurze Zeit der

Gesellschaft anzugehören.

Wir kennen Sidoniens heiße Liebe und werden daher die große

Selbstverläugnung ermessen, zu der sie sich, um jedem Argwohn

vorzubeugen, gezwungen sah. In dem Bewußtsein jedoch, sich, wenn auch

nur für Augenblicke, verrathen zu haben, bot sie alle Kraft auf, den

etwa erregten Verdacht über sich zu zerstören. Daher bemühte sie

sich, so viel als möglich unbefangen und theilnehmend zu erscheinen,

verharrte nach der Entfernung des Grafen noch eine längere Zeit in der

Gesellschaft, und zog sich erst zurück, als sie ihre Kräfte gänzlich

erschöpft fühlte.

In ihrem Gemach angelangt, brach der so lange verhaltene Schmerz über

Römer’s Leid und seine ungeahnte Abreise mit ganzer Gewalt hervor.

»So mußte denn das Geschick meinem Hoffen und Glück ein so jähes,

schreckliches Ende bereiten! O, der arme Bernhard! Wie sehr wird er

leiden, und wer kann voraussehen, ob sein Leid nicht noch durch den

Verlust seines Vaters erhöht wird!«

Also rief sie, in den Sessel sinkend, indem sich ihre Augen zugleich

mit Thränen füllten.

»Wahrscheinlich erhalte ich in kurzer Zeit Nachricht von Römer; wir

wollen hoffen, daß dieselbe tröstlich lautet,« beruhigte Aurelie, die

sich bei Sidonien befand.

»O, möchte das der Himmel geben, um ihm und Allen das Herz zu erfreuen!

Leider vermag ich eine solche Hoffnung nicht zu hegen; trübe Ahnungen

eines schweren Unglücks, das ihn treffen wird, erfüllen mich.«

»Diese Besorgniß liegt allerdings nahe, denn des Grafen Vater ist

bejahrt, und man muß daher auf Uebles gefaßt sein.«

»O, wie wenig darf der Mensch auf die Beständigkeit des Glücks hoffen!

Und wie unbarmherzig ist das Geschick, ihm dasselbe gerade in einem

Augenblick zu entreißen, in welchem ihn der Vollgenuß reinster Freude

beseligt!« rief Sidonie in schmerzlicher Bewegung aus und fügte nach

kurzer Pause hinzu: »Da ist der Sturmwind plötzlich über mein Paradies

herein gebrochen und hat daraus alles Licht und Leben verscheucht,

und nach kurzer Freude stehe ich wieder trauernd an den vernichteten

Herrlichkeiten, die zu genießen ich mir so schön gedacht! Wann, wann

wird die Zeit wieder kommen, die das Grab meines Glücks mit neuen

Freudenkränzen schmückt und neues, frohes Leben daraus erstehen läßt?!

Ach, ich wage nicht mehr Gutes zu hoffen! Wer so viel geduldet und so

viel entbehrte, wie ich, dem scheint selbst die Hoffnung nicht mehr

gestattet. Und mein Schmerz ist doppelt, da ich nun auch den Geliebten

dem Leid preisgegeben sehe, einem Leid, das ihn mir nun wol für lange,

lange Zeit, vielleicht für immer, fern halten wird!«

Sidoniens Klage war leider nur zu sehr begründet. Denn selbst bei

einem glücklichen Ausgang der Krankheit war Römer genöthigt, in der

Heimath vorläufig zu verweilen; starb sein Vater jedoch, so mußte sich

sein Aufenthalt auf eine noch viel längere Zeit dort ausdehnen, da

das Ordnen der Verhältnisse seine Gegenwart daselbst erforderte. Der

Graf hatte die Pflichten eines Sohnes gegen seine Mutter zu erfüllen,

die durch den Tod ihres Gemahls mehr denn bisher auf seine Pflege und

seinen Beistand angewiesen wurde.

Sidonie erwog mit ihrer Freundin alle diese Umstände, auf welche sie

Rücksicht zu nehmen hatten und die leider zu sehr geeignet waren, ihnen

jede Hoffnung auf die baldige Rückkehr des Grafen zu nehmen.

Sidonie war überaus betrübt, und nur der Freundin Erinnerung, daß

des Grafen innige Liebe sie nicht vergessen und bedacht sein würde,

selbst die wichtigsten Hindernisse zu besiegen, um zu ihr zurückkehren

zu können, tröstete sie ein wenig. Und mehr noch als die Freundin

beruhigte sie die geheime Stimme ihres eigenen Herzens, die ihr sagte,

wie innig der Graf sie liebte und wie sie seinem leuchtenden Auge das

Glück abgelauscht, das er in ihrer Nähe empfand. Wie ~er~ ihrem Leben

Reiz und Bedeutung verlieh, so war ~sie~ es auch, deren Liebe sein

edles Herz mit süßer Freude erfüllte.

Und gewiß, so war es auch. Sie ahnte freilich nicht, daß noch andere

Gründe den Grafen veranlaßten in ihrer Nähe zu weilen, und eben so

wenig, daß er seinen Aufenthalt bei ihr nicht ohne Opfer erkaufte.

Seine Familie und seine näheren Verwandten billigten nämlich seinen

Besuch der fürstlichen Residenz nicht und wünschten überdies, er möchte

sich endlich vermählen. Daß er dies trotz aller Erinnerungen dennoch

nicht that, so wie seine früheren Reisen und noch andere Umstände

hatten den Verdacht einer geheimen Liebe für die Prinzessin erweckt.

Denn es muß hier bemerkt werden, daß trotz des Grafen großer Vorsicht,

seine Neigung zu verhehlen, sich dennoch allerlei dunkle Gerüchte

darüber in seiner Familie und unter seinen Bekannten schon seit langer

Zeit geltend machten.

Sein wiederholter und längerer Besuch der Residenz und vor Allem

sein näherer Umgang mit Sidonien schienen dieses Gerücht wesentlich

zu bestätigen. Man hegte jedoch eine zu aufrichtige Theilnahme für

den Grafen, um nicht zu bedauern, daß er sich einer Neigung opferte,

die ihm weder ein wirkliches Glück verhieß, noch auch ganz gefahrlos

genannt werden konnte.

Darum würde man es gern gesehen haben, hätte er den Hof, namentlich

jedoch Sidoniens Umgang gemieden; denn nur so glaubte man ihn vor

einem verfehlten Leben zu retten. Das Alles wußte der Graf sehr wohl;

mancherlei Andeutungen hatten ihm das verrathen; seine Liebe für

Sidonie war jedoch viel zu selbstsuchtslos, um sich dadurch in seinen

edeln Absichten und Handlungen beirren zu lassen. Schweigend duldete er

manches mahnende Wort, das er von seiner Familie hinnehmen mußte, und

fand es mit einem Lächeln ab, und wenn sich auch der Unmuth bisweilen

in ihm erhob, so kämpfte er denselben doch schnell in dem Gedanken an

Sidonie nieder.

Ohne eine Ahnung der unheilvollen Folgen, welche sich an seine Abreise

knüpften, eilte der Graf in der dunkeln Winternacht auf dem Weg nach

der Heimath dahin. So groß auch seine Bangigkeit war, kehrten seine

Gedanken dennoch oft in den Gesellschaftssaal der Prinzessin zurück

und vergegenwärtigten sich ihre Lage, die sie zwang, ihren Gästen ein

unbefangenes Antlitz zu zeigen, obgleich ihre Seele so tief betrübt

war. Und er seufzte still vor sich hin, daß es so sein mußte. Er hätte

freilich auch ein Bedauern seiner selbst aussprechen können, denn die

Gründe dazu waren genügend vorhanden; seine Liebe war jedoch viel zu

groß, um selbst unter so bedeutsamen Verhältnissen an sich zu denken.

Während er in der kalten, unheimlichen Nacht Strecke um Strecke zurück

legte, sehen wir die Baronin mit ihrem Sohn in großer Behaglichkeit in

dem warmen Gemach sitzen und in vertraulichem Gespräch begriffen.

Mühlfels war wie gewöhnlich mit seiner Mutter nach Hause gefahren;

Beide beobachteten während der Fahrt ein unheimliches Schweigen, das

die Baronin erst unterbrach, als sie ihr Hôtel erreicht und vor dem

Kamin Platz genommen hatten.

»Nun, mein Sohn,« begann sie, »ich meine, der heutige Abend ist für uns

von großer Bedeutung gewesen, indem er uns eine eben so wichtige als

erwünschte Entdeckung machen ließ.«

»Leider!« seufzte der Baron unmuthig.

»Du sagst, leider? Wie soll ich das verstehen? Ich erwartete Deine

Freude zu vernehmen und höre statt dessen ein Bedauern!« bemerkte die

Baronin mit Ueberraschung.

»Finden Sie dasselbe nicht natürlich? Ich bin überzeugt, Sie haben eben

so viel, als ich selbst, gesehen und daher erkannt, daß --«

»Daß ich mit meiner Voraussage durchaus Recht habe!« fiel die Baronin

ein und fügte alsdann hinzu: »Es ist so, mein Sohn. Aber ich dächte,

dieser Umstand sollte Dir eher Freude als Unmuth bereiten.«

»Wie kann das sein, da er mir die letzte Hoffnung raubte, das Ziel

meiner Wünsche jemals erreichen zu können und dem Spott des Fürsten zu

entgehen.«

»Deine Eifersucht raubt Dir alle Ueberlegung.«

»~Das~ hätte ich nie und nimmer erwartet!« rief Mühlfels, ohne den

Vorwurf seiner Mutter zu beachten.

»Beruhige Dich deshalb. Täuschungen der Art sind namentlich bei

vorgefaßten Meinungen sehr natürlich. Doch übersieh in Deinem Unmuth

die Vortheile nicht, welche uns die heutige, so willkommene Entdeckung

gewährt. Ich denke, mein Sohn, wir sind Deinem Ziel mit großen

Schritten näher getreten, indem wir nicht nur der Prinzessin Neigung,

sondern auch den Gegenstand derselben kennen gelernt haben.«

»Dieser ernste, kalte Graf!« warf Mühlfels geringschätzig und unmuthig

hin.

»Du weißt, mein Sohn, es suchen sich die Gegensätze; doch, davon

abgesehen, frägt es sich, ob des Grafen Wesen und Benehmen nicht eine

Maske ist, durch welche er zu täuschen bedacht war. Er ist vielleicht

eben so wenig kalt als ernst.«

»Daß sie ihn liebt, ist kein Zweifel mehr!« rief Mühlfels erregt.

»Und eben so wenig, daß ein Einverständniß zwischen ihnen besteht,«

fiel die Baronin ein und fügte mit Bestimmtheit hinzu: »Ich täusche

mich in dergleichen Angelegenheiten nicht so leicht.«

»Wie ihr Auge ihn ängstlich suchte, wie sie bei seinem Anblick

erbleichte, als gelte es ihr eigenes Unglück! Sie muß ihn heftig

lieben!«

»Ich denke, weiteres Forschen wird diese Voraussetzungen noch mehr

bestätigen.«

»Bei Gott, er soll sich ihrer Liebe nicht erfreuen!« rief Mühlfels

zornig und streckte die Hand drohend aus.

»Nur ruhig und besonnen, mein Sohn! Bedenke, daß es in diesem Fall

nicht gilt, die Liaison zu stören, sondern vielmehr, Dich durch sie vor

dem Spott des Fürsten zu bewahren. Darum beherrsche Deine Leidenschaft

und gieb allein der Klugheit Gehör.«

»O, Sie lieben nicht, meine Mutter, und können also auch nicht den

Schmerz ermessen, der mich bei dem Gedanken meiner Niederlage ergreift!«

»Doch, doch, mein Sohn! Deine Ehre steht mir jedoch eben so hoch, als

Deine Liebe; die erstere wol noch höher, und darum müssen wir bedacht

sein, Dir dieselbe zu sichern. Ich wiederhole Dir daher meine früheren

Rathschläge und bitte Dich inständig, dieselben genau zu befolgen,

damit uns der gewünschte Vortheil nicht entgeht. Beherrsche darum vor

allen Dingen Deine Leidenschaft und Deinen Unmuth; bemühe Dich, durch

Dein Benehmen die Prinzessin von Deiner gänzlichen Unkenntniß ihrer

Liebe zu überzeugen; verdoppele Deine Aufmerksamkeit für sie, wozu Du

bei der Abwesenheit des Grafen leicht Gelegenheit finden dürftest.

Heuchle ihr die tiefste Ergebenheit, ohne jedoch Deine Liebe zu

verrathen, um ihr Vertrauen zu gewinnen, und ist Dir das gelungen,

so denke ich, wird Dir auch mehr gelingen. Der Graf wird, ich bin

dessen gewiß, früher oder später bestimmt zurückkehren und sich alsdann

für Dein ferneres Handeln auch der geeignete Moment finden. Aber sei

und bleibe beharrlich und geduldig, denn nur so vermagst Du Dir die

gewünschten Erfolge zu sichern. Im gegenwärtigen Augenblick bleibt

uns nichts Anderes zu thun übrig, als die Prinzessin im Geheimen zu

beobachten. Gewiß werden zwischen ihr und dem Grafen Briefe gewechselt

werden; vielleicht könnte man sich in den Besitz eines solchen setzen;

das wäre ein großer Erfolg, denn mit einem solchen Beweis in der Hand

ist Sidonie ganz in Deine Gewalt gegeben. Das bedenke, das überlege!

Uebrigens dürfen wir auch den glücklichen Zufall nicht vergessen, der

ja so oft wirksamer als alle Klugheit ist.«

In solcher Weise war die Baronin bedacht, ihren entmuthigten Sohn zu

beruhigen und zu einem entsprechenden Handeln zu veranlassen, und

ihre Mühe war nicht vergeblich. Mühlfels sah sich genöthigt, die

Zweckmäßigkeit ihrer Rathschläge anzuerkennen, da ihm überdies unter

den obwaltenden Umständen nur das Befolgen derselben gestattet war. Und

als er ihr dies zu erkennen gab und sie ihn deshalb lobte, ergriff sie

seine Hand und bemerkte in überlegenem Ton:

»Du theiltest früher meine Ansicht über der Prinzessin Neigung zu

dem Grafen nicht; jetzt kann ich Dir vertrauen, daß ich dasselbe

bereits geahnt habe, und muß Dir auch sagen, daß Deine Annahme, der

Gegenstand von Sidoniens Liebe sei außerhalb des Hofes zu suchen,

mich veranlaßte, die Hilfe meiner Freundin in dem Palais in Anspruch

zu nehmen, durch die ich erfuhr, daß jener Reiter niemand Anders als

der Graf war. Wir dürfen an der Wahrheit dieser Nachricht um so weniger

zweifeln, da mir das Fräulein dieselbe aus der ersten Hand, nämlich von

der Dienerin der Prinzessin selbst zu verschaffen wußte. Nach dem heute

Erlebten erscheint mir das Zusammentreffen der Prinzessin mit Römer

nicht mehr bedeutungslos; ich erkenne darin ein abgeredetes Spiel, das

auf eine größere Intimität zwischen ihnen hindeutet.«

»Ich habe das gefürchtet,« fiel Mühlfels ein. »O, könnte ich den Räuber

meines Glücks verderben!« fügte er hinzu.

»Keine Rachegedanken, keine Leidenschaft, mein Sohn, ich bitte Dich,

bleibe besonnen! Nicht verderben sollst Du den Grafen, sondern sein

begünstigter Rival werden. Um diesen Vortheil jedoch zu erlangen,

darf von einem Verrath dieser Liaison -- falls eine solche bereits

bestehen sollte -- nicht die Rede sein. Du mußt vielmehr der Freund

des Grafen zu sein scheinen; denn durch einen Verrath zerstörtest Du

Dir selbst alle Vortheile, die zur Erhaltung Deiner Ehre so nothwendig

sind. Gelingt es uns, die untrüglichen Beweise von Sidoniens Schuld zu

erhalten, so hast Du auch ein Mittel, sie zur Erfüllung Deiner Wünsche

zu zwingen, und Du kannst nicht voraussehen, ob daraus für Dich nicht

der Vortheil entspringt, daß sie Dir früher oder später vor dem Grafen

den Vorzug giebt. Diese Voraussetzungen und Hoffnungen müssen für die

Folge Dein Handeln und Benehmen bestimmen, und ich bin überzeugt, Deine

Bemühungen werden nicht fruchtlos, sondern nach Deinen Wünschen sein.

Ich bitte Dich, dies Alles genau zu erwägen.«

Ihre so klugen Worte verfehlten ihre Wirkung auf den Baron nicht; er

gab ihr Recht und das Versprechen, nach ihrem Rath fortan zu handeln.

Aus diesem Gespräch entnehmen wir, daß es Sidonien trotz aller Mühe

nicht gelungen war, ihre Liebe zu verbergen, noch auch den erweckten

Verdacht zu zerstören. Ob dies nur in Bezug auf die Baronin und ihren

Sohn der Fall war, die eifrig bedacht gewesen, sich nicht das Geringste

in dem Benehmen und Wesen der Prinzessin an jenem Abend entgehen zu

lassen, muß dahin gestellt bleiben. Jedenfalls zeigt die Sicherheit,

mit welcher die Baronin ihre Schlüsse zog, wie auffällig Sidonie sich

verrathen haben mußte.

In dem angenehmen Bewußtsein, für ihr künftiges Handeln nun die feste

Bahn gefunden zu haben, schieden Mutter und Sohn in später Nacht

von einander. Die Erstere sehr befriedigt, die Spur der wichtigen

Angelegenheit entdeckt zu haben; der Letztere, zwar noch unmuthig, aber

doch in so weit beruhigt, wenigstens eine Aussicht gewonnen zu haben,

das heiß ersehnte Ziel, wenngleich auch auf Umwegen, vielleicht dennoch

erreichen zu können.

Fünftes Kapitel.

Ohne die belebende und beglückende Nähe des Geliebten gingen Sidonien

die Tage fortan in freudloser Einförmigkeit dahin, die für sie um so

drückender war, da ihre Verhältnisse sie zwangen, in der gewöhnten

Weise fortzuleben, ihre Gesellschaften zu geben und an den öffentlichen

Vergnügungen Theil zu nehmen. Von dem Bewußtsein beängstet, ihre

Neigung verrathen zu haben, glaubte sie im Einverständniß mit Aurelien

ihre ganze Sorge darauf richten zu müssen, daß man ihr Benehmen gegen

den Grafen an jenem Abend lediglich nur für herzliche Theilnahme halten

sollte. Sie war daher bedacht, die nächste Gesellschaft bei sich so

heiter als möglich zu gestalten und dabei selbst heiter zu erscheinen,

und versäumte auch nicht, über das den Grafen betroffene Unglück zu

sprechen und dabei ein warmes Interesse für ihn an den Tag zu legen.

Ebenso unterließ sie nicht, im Theater zu erscheinen, ja, ihre Vorsicht

ging so weit, daß sie selbst Mühlfels mehr als gewöhnlich in die

Unterhaltung zog mit ihm und seiner Mutter über die Krankheit des

leidenden Grafen sprach und ihnen über den Fortgang derselben Einiges

mittheilte.

Ihre Absicht gelang ihr in den meisten Fällen vollkommen, und selbst

Mühlfels gestand seiner Mutter, daß er an der Wahrheit der gemachten

Entdeckung zu zweifeln geneigt sei.

Die Baronin antwortete ihm darauf jedoch nur mit einem überlegenen

Lächeln; ihren Scharfblick vermochte Sidoniens Benehmen nicht zu

täuschen; vielmehr erkannte sie dasselbe ganz richtig als ein Mittel

zum Zweck und sah darin eine vermehrte Bestätigung ihrer Voraussetzung.

Aber sie sowol als ihr Sohn spielten die vorbedachte Rolle der

Prinzessin gegenüber vortrefflich, und indem diese überzeugt war, ihren

Zweck erreicht zu haben, ward sie selbst ein Opfer ihres Bemühens.

Diese Täuschung minderte allmälig die gehegte Sorge, die endlich vor

den wichtigeren, ihre ganze Theilnahme herausfordernden Ereignissen

schwand. Wie Aurelie erwartet hatte, lief schon nach einigen Tagen ein

Brief von Römer bei ihr ein, der die betrübende Nachricht enthielt, daß

der Tod seines Vaters in kurzer Zeit zu erwarten sei, da dessen Kräfte

sichtlich schwänden und der Arzt alle Hoffnung auf Genesung aufgegeben

hätte. Seines Schmerzes gedachte er nicht, noch klagte er über den so

jähen Wechsel der anscheinend so glücklichen Verhältnisse. Doch trug

er ihr viele Grüße an die Freundin auf, deutete darauf hin, daß er nun

wol für längere Zeit von ihr fern gehalten sein würde, indem doch aus

seinen Worten zugleich die Hoffnung sprach, sie dereinst wieder zu

sehen.

Wie tief Sidonie durch diese und spätere Nachrichten, namentlich den

bald darauf erfolgten Tod des Grafen betroffen wurde, darf kaum erwähnt

werden. Ihr Leben war ja so innig mit dem des Geliebten verkettet,

daß auch sein Schmerz der ihre war. Um so schwerer wurde es ihr

daher, unter solchen Umständen die so nothwendige Unbefangenheit der

Welt und ihrer Umgebung gegenüber zu behaupten; dennoch ließ sie in

ihrem Bemühen nicht nach und dieses war auch in der That nicht ganz

fruchtlos. Von Schmerz und Unruhe erfüllt, minderte sich jedoch bald

die Frische ihres Antlitzes, und ebenso verrieth der betrübte Ausdruck

desselben ihre Empfindungen, und die Baronin beeilte sich ihren Sohn

darauf in dem angenehmen Bewußtsein aufmerksam zu machen, sich in

keiner ihrer Voraussetzungen getäuscht zu haben. Durch diesen Umstand

noch mehr in der Gewißheit von Sidoniens Liebe befestigt, war nun der

Baron bedacht, sich ihr unter der Maske der tiefsten Ergebenheit wieder

zu nähern, und es gelang ihm dies auch in der That so weit, daß ihn

Sidonie nicht mehr wie früher absichtlich mied, sondern sich seine

Bemühungen gefallen ließ. Mühlfels war ihr viel zu gleichgiltig und

sein Benehmen gegen sie auch fortan so anspruchslos und zurückhaltend,

daß sie zu der Annahme geleitet wurde, sich in ihrer früheren

Beurtheilung über seine Gefühle für sie doch wol getäuscht zu haben.

Ihre Trauer um den fernen Geliebten und die Vernichtung ihres Glücks

war überdies auch viel zu groß, als daß ihr dergleichen Momente noch

Interesse abzugewinnen vermochten.

So konnte es denn geschehen, daß sie ihre Empfindungen, wenn auch nur

für Momente, selbst dem jetzt schlau operirenden Mühlfels verrieth.

In geschickter Weise lenkte er nämlich das Gespräch häufig auf den

Grafen, indem er sein herzliches Bedauern über dessen Abwesenheit

aussprach und daran das schmeichelhafteste Lob der hohen Vorzüge

desselben knüpfte.

Ein solches, anscheinend durchaus unbefangenes Benehmen verfehlte seine

Wirkung auf Sidonie nicht, und so erreichte Mühlfels zum Theil seinen

Zweck.

Seine scheinbar herzliche Theilnahme that Sidonien wohl und verleitete

sie, die nöthige Vorsicht zu vergessen und sich offener mitzutheilen,

als dies gut war.

Prinzessin Sidonie (Band 2/3) · 第 6 / 13 段