Der Fürst lächelte wieder ein wenig und fuhr, ehe die durch das

Vernommene auf’s Neue betroffene Sidonie noch etwas zu erwidern

vermochte, fort: »Da ist auch Graf Römer, den ich soeben kennen gelernt

habe und der ein eben so tüchtiger Kopf wie angenehmer Mann zu sein

scheint und, wie ich hörte, sich gleichfalls Ihrer Beachtung erfreut.

Ich wünsche Ihnen zu dieser Bekanntschaft Glück, liebste Prinzessin,

und sehe es gern, daß Sie auch an seinem Umgange Geschmack finden. Ich

gedenke ihn auch in meine Cirkel zu ziehen, denn er gefällt mir.«

Der Fürst hatte dies im gewöhnlichen Unterhaltungston gesprochen, der

Sidonien die angenehme Beruhigung gewährte, daß ihm ihr Interesse für

Römer durchaus unbekannt sein müßte und auch er, wie alle Anderen,

in dem Grafen nur den ernsten Wissenschaftsmenschen schätzte, der

lediglich in seinen Studien Befriedigung fand und sich darum in der

Huldigung der Frauen kaum gefallen konnte.

Diese Entdeckung beglückte sie tief und nahm ihrem Herzen rasch die

durch des Fürsten Worte in ihr erzeugte Besorgniß. Ebenso that ihr das

Lob des Geliebten wohl, noch mehr die Billigung des Fürsten zu ihrem

Umgange mit demselben, zu welchem dieser ihr sogar Glück wünschte.

In solcher Weise angenehm berührt, glaubte Sidonie sich verpflichtet,

den Fürsten über des Grafen Vorzüge genauer zu unterrichten, damit er

dieselben nach Gebühr schätzen konnte, und darum entgegnete sie mit

Wärme:

»Ich freue mich, mein Fürst, mein Interesse hinsichts des Grafen von

Ihnen getheilt zu sehen; ich bin gewiß, ein näherer Umgang mit Römer

wird Ihnen die Ueberzeugung gewähren, wie sehr er dieses verdient.«

»Ihre Empfehlung des Grafen, =ma chère Nièce=, ist mir angenehm, weniger

meinet- als Ihretwegen; denn ich erkenne daraus, daß Sie etwas auf den

Grafen geben. Männer seiner Art pflegen im Allgemeinen bei den Frauen

nicht sehr beliebt zu sein; die Wissenschaften und der Ernst sind nicht

ihr Element; man weiß das ja,« bemerkte der Fürst leichthin.

»Sie werden, mein Fürst, über des Grafen Vorzüge und Wesen bald selbst

ein Urtheil gewinnen; ich kann jedoch nicht umhin, die Versicherung

auszusprechen, daß der Graf dergleichen mehr besitzt, als ihm die

Welt zuzuerkennen beliebt. Am wenigsten ist er nur ein kalter

Wissenschaftsmensch. Seine Vorzüge beruhen nicht nur in einer seltenen

wissenschaftlichen Bildung, sondern auch in einem edeln Charakter und

warmen, für alles Schöne und Gute empfänglichen Herzen. Der Ernst

und die scheinbare Abgemessenheit in seinem Umgange mit ihm nicht

näher stehenden Personen haben wahrscheinlich den Anlaß zu seiner

einseitigen Beurtheilung geboten, und erst seine nähere Kenntniß

verschafft uns einen wichtigen Einblick in seine edle, reiche Natur,

wie ich mich zu überzeugen Gelegenheit fand.«

»So, so! Das ist mir lieb zu hören! Um so werthvoller und angenehmer

wird Ihnen daher auch sein Umgang sein, und ich rathe Ihnen, einen so

interessanten Mann recht, recht fest zu halten,« fiel der Fürst, der

ihren Worten sehr aufmerksam gefolgt war, theilnehmend und unbefangen

ein, indem er zugleich sein Auge prüfend über sie streifen ließ.

»So weit mir die Verhältnisse dies gestatten, bin ich darauf bedacht,«

bemerkte Sidonie ein wenig erröthend.

»Seien Sie nicht zu bedenklich, Liebste! Der Welt sind Sie über Ihr

Thun keine Rechenschaft schuldig, und wie ~ich~ in solchen Dingen

denke, wissen Sie,« sprach der Fürst mit Betonung und blickte die

Prinzessin bedeutungsvoll an.

Sidonie verwirrte dieser Blick; sie glaubte in demselben die Andeutung

zu lesen, daß der Fürst bei ihr ein wärmeres Interesse für den Grafen

voraussetzte, das entweder schon vorhanden war, oder etwa später

entstehen könnte, und daß er ein solches nicht mißbilligen würde.

Zu einer weiteren Erwägung behielt sie jedoch nicht Zeit, denn

der Beginn der Vorstellung veranlaßte den Fürsten, in seine Loge

zurückzukehren. Sie that ein Gleiches, jedoch mit besorgtem Herzen. Je

mehr sie des Fürsten Worte erwog, um so mehr glaubte sie sich in ihrer

Voraussetzung nicht zu täuschen, und das steigerte ihre Unruhe.

Sie fragte sich, welche Gründe ihn dazu veranlaßt haben könnten, und

gerieth auf den beunruhigenden Gedanken, ihre Liebe zu Römer könnte ihm

wol gar verrathen worden sein und er wäre daher bedacht gewesen, sie im

Hinblick auf ihr eheliches Zerwürfniß durch die Billigung desselben zu

beruhigen. Vielleicht, so sagte sie sich, fürchtete er von ihrer Seite

eine Anklage gegen den Prinzen und kam ihr daher absichtlich in solcher

Weise zuvor, um ihr dadurch gewissermaßen die Berechtigung zu einer

Beschwerde zu nehmen.

Dann aber erinnerte sie sich, daß er Aehnliches auch hinsichts

Mühlfels’ gesagt und ihr dessen Umgang gleichfalls empfohlen, und

gelangte dadurch zu der Voraussetzung, sich getäuscht zu haben und

lediglich durch ihre Liebe zu Römer auf solche Gedanken geführt worden

zu sein.

Der Fürst, sie wußte es ja genügend, war ein Feind aller Prüderie bei

den Frauen, und so konnte es leicht geschehen sein, daß sie seinen

Worten und Blicken eine viel tiefere Bedeutung unterlegte, als diese es

verdienten.

Eine genauere Erwägung überzeugte sie immer mehr von ihrer Täuschung,

und als die Vorstellung beendet und sie in das Palais zurückgekehrt

war, beeilte sie sich, Aurelien, die sie an diesem Abend nicht in das

Theater begleitet hatte, ihre Gedanken und Besorgnisse mitzutheilen.

Nach kurzem Ueberlegen stimmte die Freundin ihrer Ansicht bei, indem

auch sie die Meinung hegte, Sidonie deute sich des Fürsten Worte in

einem andern Sinn, als dieser es gemeint. Außerdem lag es nahe, daß

Sidoniens Besorgnisse wegen eines Verrathes ihrer Liebe leicht eine

solche Täuschung erzeugen konnten.

In solcher Weise beruhigten sich die Freundinnen allmälig, indem die

Freude, Sidoniens Umgang mit dem Grafen von dem Fürsten nicht nur

gebilligt, sondern sogar gewünscht zu wissen, darauf einen wesentlichen

Einfluß ausübte.

In diesem Bewußtsein lag jedoch die sehr gefährliche Versuchung für

Sidonie, sich in dem Umgange mit Römer fortan weniger Zwang als bisher

aufzulegen. Sie erkannte dieselbe freilich nicht, und eben so wenig

erinnerte sie sich, um wie viel mehr ein liebendes Herz derselben

unterliegen könnte. Wie hätte sie auch in dem beglückenden Genuß, den

ihr die Gegenwart des Geliebten bot, zu dergleichen Betrachtungen

geführt werden können. -- Mit inniger Freude sah sie dem Augenblick

entgegen, in welchem es ihr gestattet sein würde, ihm die Unterredung

und das Lob des Fürsten mittheilen zu können. Sie war überzeugt, ihm

dadurch eine nicht geringere Freude, als die ihrige, zu bereiten.

Wie ganz anders wären ihre Empfindungen gewesen, hätte sie in das Herz

ihres fürstlichen Oheims schauen können! -- Hätte sie das zufriedene

Lächeln bemerkt, mit welchem er sie nach jener Unterredung verließ!

Der erfahrene und scharfblickende Fürst hatte an der Wärme, mit

welcher sie über den Grafen sprach, das nicht gewöhnliche Interesse

errathen, das sie für diesen hegte, und daß es nicht die Vorliebe für

den ~kenntnißreichen~, sondern für den ~liebenswürdigen~ Mann sei,

welche sie seinen näheren Umgang suchen und ihr diesen wünschenswerth

erscheinen ließ. Die Frauen, sagte er sich, hängen sich stets an

die Person; die rein geistigen Vorzüge erwärmen sie nicht genug und

gewähren ihnen daher auch in den meisten Fällen nicht Befriedigung.

Sie müssen stets mehr oder weniger lieben. Die Besonderheit der

verschiedenen Geschlechter macht sich auch hier, wie immer, geltend.

Wir kennen des Fürsten eigenthümliche und in der That ganz besondere

Wünsche und werden daher nicht überrascht sein zu erfahren, daß der

Graf ihm für seine Absichten viel passender als der Baron erschien.

Der Erstere sagte ihm überdies auch viel mehr als der Letztere zu, und

so war es ihm höchst angenehm zu wissen, daß die Prinzessin zärtliche

Gefühle für Römer hegte.

Er wiegte seinen feinen, geistreichen Kopf behaglich hin und her, indem

er erwog, sich auch in den Voraussetzungen hinsichts der Prinzessin

nicht getäuscht zu haben.

»Alles hat seine Zeit, besonders die Tugend der Frauen; das Naturgesetz

ist mächtiger, als alle von den Menschen aufgestellten Moral-Gesetze.

Gut, daß es so ist. So werden die wichtigeren Zwecke des Lebens

erfüllt.« --

Also dachte der calculirende Fürst.

Viertes Kapitel.

Mühlfels saß einsam und unmuthig in seinem Zimmer, ohne den milden,

sonnigen Tag zu beachten, der trotz der winterlichen Zeit hinauslockte.

Seine Gedanken waren viel zu trüber Art, um neben ihnen etwa noch Raum

für dergleichen Eindrücke zu gestatten.

Sein Unmuth und Grübeln waren nicht nur durch die Erfolglosigkeit

seiner Bemühungen, sich Sidoniens ihm früher geschenkte Gunst wieder

erwerben zu können, hervorgerufen, sondern noch mehr durch das

niederbeugende Bewußtsein, statt derselben nur noch durch eine kühle

Beachtung abgefunden worden zu sein. Er sah sie nur noch in der

Gesellschaft bei ihr, oder einer zufälligen Begegnung, ohne jedoch

durch vermehrte Freundlichkeit beglückt zu werden.

Ebenso waren seine weiteren Bemühungen, sich Gewißheit über eine

etwaige Neigung Sidoniens zu verschaffen, gleichfalls fruchtlos

geblieben; denn weder in ihren Gesellschaften noch auf ihren Ausfahrten

oder anderen Gelegenheiten hatte er in dieser Beziehung irgend etwas

Wichtiges entdeckt.

Nicht anders war es seiner Mutter ergangen, und so befand er sich nach

Ablauf von mehren Monaten noch eben so rathlos, als bei der früheren

Unterredung mit seiner Mutter. Alle diese Umstände hatten sein Herz

mit den bittersten Gefühlen erfüllt, und er erwog soeben, ob er an dem

heutigen Abend, an welchem wie gewöhnlich bei Sidonien Gesellschaft

war, hingehen sollte, oder nicht. Und dennoch sah er sich dazu

genöthigt, da der von Sidonien erwartete Künstler angelangt war und

sich bei ihr zum ersten Mal hören lassen wollte. Es würde aufgefallen

sein, hätte er denselben der Prinzessin nicht persönlich vorgestellt,

da er den Mann auf ihren Wunsch zum Besuch des Hofes veranlaßt hatte.

Er durfte daher nicht fortbleiben und tröstete sich deshalb in der

angenehmen Erwartung, wenigstens durch Sidoniens Dank erfreut zu werden

und so Gelegenheit zu finden, sich ihr zu nähern.

Er wurde in seinem Grübeln durch das Glockengeläute eines

vorüberfahrenden Schlittens gestört; ihm war dasselbe nicht unbekannt,

und rasch erhob er sich und trat an das Fenster.

Er sah sich in seiner Voraussetzung nicht getäuscht; wie schon so oft,

fuhr auch heute Sidoniens Equipage vorüber, in welcher die Prinzessin

und Aurelie saßen. Sie machten bei der milden Witterung und schönen

Eisbahn fast täglich eine Ausfahrt. Wie schön däuchte ihm Sidonie!

Die Wangen von der frischen Luft ein wenig geröthet, Augen und Züge

angenehm belebt, die schlanke Gestalt von kostbaren Pelzen umhüllt,

erschien sie ihm schöner denn je, und sein Unmuth steigerte sich bei

dem Gedanken, auf das Glück ihrer Zuneigung verzichten zu müssen,

nur noch mehr. Der frohe, behagliche Ausdruck in ihrem Antlitz, der

ihm nicht entgangen war, hatte ihn heute ganz besonders überrascht

und führte ihn zu der Erwägung der auffälligen Veränderung, die seit

kurzer Zeit sowol mit der Person als mit dem Wesen der Prinzessin

vorgegangen war. Die frühere kränkliche Blässe ihres Antlitzes und der

so lange darin bemerkbare kummervolle Zug waren verschwunden und an

ihre Stelle größere Lebensfrische getreten. Eine angenehme Heiterkeit

belebte ihre Züge und selbst ein Lächeln umspielte jetzt öfter ihren

Mund und wies den früheren Ernst zurück. Mit einem Wort, ihm erschien

Sidonie wie neubelebt und eben so sehr verjüngt als verschönt. Solche

wesentliche Veränderungen konnten seiner Ansicht nach jedoch nur durch

ganz besondere Umstände hervorgerufen werden, namentlich im Hinblick

des eigenthümlichen Charakters und der übeln Lebensverhältnisse der

Prinzessin.

Denn war es nicht eine auffällige Erscheinung, daß Sidonie, die früher

durch des Prinzen Verhalten so sehr gelitten, jetzt, obwol dieser

sie über seine neue Liaison gänzlich vernachlässigte, fast gar nicht

zu leiden, sondern vielmehr von der besten Stimmung erfüllt zu sein

schien. Man durfte das nicht bezweifeln.

Nach weiterem Erwägen gelangte Mühlfels zu der Ueberzeugung, daß

dieser Widerspruch sich nur durch die Annahme eines geheimen Glücks,

das Sidoniens Herz ganz erfüllte und sie alles Unangenehme übersehen

ließ, gelöst werden konnte. Und so stimmte er der Ansicht seiner Mutter

bei. Trotz dieser so richtigen Schlüsse muß es befremden, daß Mühlfels

nicht den geringsten Argwohn hinsichts des Grafen hegte, sondern den

Gegenstand von Sidoniens Neigung unter viel ferner stehenden Personen

suchte.

Eine Stunde etwa war seit der Vorüberfahrt Sidoniens dahin gegangen,

als Mühlfels durch das Eintreten eines einfachen Mannes in seinen

Grübeleien gestört wurde. Das erhitzte Gesicht und der lebhafte Blick

desselben verriethen die körperliche Anstrengung, der er ausgesetzt

gewesen. Dieser Mann war ein ehemaliger Diener des Barons, den Mühlfels

mit dem geheimen Auftrag betraut hatte, die Ausfahrten der Prinzessin

zu beobachten, da er selbst dies nicht zu thun vermochte.

»Nun, was bringst Du für Nachrichten?« fragte der Baron, durch das

unerwartete Erscheinen seines Spions überrascht. »Solltest Du endlich

irgend etwas von Belang entdeckt haben?«

»Ich denke, gnädiger Baron,« entgegnete der Diener selbstgefällig und

mit den schlauen Augen zwinkernd.

»Es wird wol nichts Besseres sein, als was ich bereits schon oft von

Dir gehört habe,« warf der Baron geringschätzig hin, und es muß bemerkt

werden, daß sein Diener ihm schon öfter Berichte über seine Bemühungen

gebracht hatte, ohne daß dieselben für Mühlfels irgend welchen Werth

gewannen.

»Das werden Euer Gnaden am besten selbst beurtheilen,« bemerkte der

Spion.

»So rede denn!« befahl Mühlfels, und der Letztere theilte ihm darauf

mit, daß, nachdem Sidonie das Freie erreicht hatte, ihr ein Reiter auf

einem prächtigen Pferde gefolgt wäre.

Sie mußte denselben wahrscheinlich erwartet haben; denn in einem Gehölz

angelangt, fuhr sie langsamer, so daß der Reiter bequem zu ihr gelangen

konnte. Dieser hatte sie begrüßt und alsdann eine Strecke begleitet,

während dessen sie sich unterhielten. An einzelnen Stellen hielt

alsdann der Schlitten und sie erfreuten sich an der schönen Aussicht.

Unter Begleitung des Reiters sei die Prinzessin später nach der Stadt

zurückgekehrt. Der Herr habe sich jedoch, bevor sie die letztere

erreichten, nach einem freundlichen Abschied von ihr getrennt und sei

auf einem Nebenwege fortgeritten.

Mit gesteigerter Ueberraschung hatte Mühlfels dieser Mittheilung

gelauscht, und als der Diener endete, preßte er in großer Bewegung die

Frage hervor:

»Und ist Dir der Reiter bekannt?«

»Nein, Euer Gnaden. Wie Sie wissen, kenne ich so ziemlich viele der

vornehmen Herren hier; diesen habe ich jedoch noch nie gesehen und es

muß wol ein Fremder sein.«

»Und verrieth Dir nicht vielleicht seine Kleidung seinen Stand?«

»Durchaus nicht. Er war in bürgerlicher Tracht, ohne jedes Abzeichen,

doch schien mir sein Pelz von feinem Tuch und sein Pferd nicht

gewöhnlicher Art.«

»Ihm folgte kein Diener?«

»Er war allein.«

»Er begleitete die Prinzessin also nicht nach der Stadt?«

»So war es.«

Mühlfels hatte sich erhoben und ging nachdenkend und bewegt durch

das Zimmer. Es war nach langem fruchtlosen Forschen und Spähen die

erste wichtige Nachricht, die seine Vermuthung zu bestätigen schien,

derselben wenigstens einen Anhalt gewährte.

Wie reich hätte er den Diener belohnt, würde dieser den Reiter erkannt

haben.

Daß in diesem Fall ein Einverständniß zwischen diesem und der

Prinzessin stattfand, glaubte er nicht bezweifeln zu dürfen, und

es kam jetzt vor allen Dingen darauf an, die Beobachtungen auf das

sorgsamste fortzusetzen, um bei einer etwa wiederholten Zusammenkunft

der Bezeichneten Gewißheit über den Reiter zu erhalten. Um diesen Zweck

jedoch zu erreichen, blieb nichts Anderes übrig, als dem Letztern bis

zu seiner Wohnung zu folgen; gelang dies dem Diener, so war Mühlfels

auch des gewünschten Erfolges gewiß. Er unterwies diesen daher über

seine künftige Thätigkeit und entließ ihn alsdann.

Die verschiedensten Gefühle bestürmten ihn bei dem Gedanken, sich in

seiner Voraussetzung hinsichts Sidoniens wirklich nicht getäuscht

zu haben. Unter anderen Umständen würde er der durchaus nicht

ungewöhnlichen Begegnung mit dem Reiter wol kaum irgend welche

Bedeutung beigelegt haben; jetzt jedoch, den Qualen gekränkter

Eigenliebe, unerwiderter Zuneigung und der Besorgniß preisgegeben, sich

vor dem Fürsten bloßgestellt zu haben, griff er gleich dem vom Tode

Bedrohten nach dem Geringsten, das ihm Hilfe und Rettung verschaffen

konnte. Er that dies zugleich in der beruhigenden Gewißheit, durch

seine Maßnahmen seinen Zweck sicher zu erreichen.

Er erachtete die gemachte Entdeckung für zu wichtig, um sie nicht

sogleich seiner Mutter mitzutheilen, und begab sich daher zu ihr.

Die Baronin lächelte geringschätzig über seinen Bericht, indem sie

entgegnete:

»Deine Eifersucht läßt Dich übersehen, wie wenig auf dergleichen zu

geben ist. Glaubst Du, Sidoniens Verehrer würde so unklug sein, ihr in

solcher offenen Weise zu begegnen? Das thut man bei einer wirklichen

Liaison nicht, und um so weniger, wenn sich bequemere und sicherere

Gelegenheiten dazu darbieten. Warum sollte, was Du als vorbedacht

hältst, nicht die Folge eines ganz gewöhnlichen Zufalls sein, und

ein Bekannter der Prinzessin an einem Ritt in’s Freie nicht Gefallen

gefunden und dadurch dieses Zusammentreffen herbeigeführt haben?

Wie bedaure ich, daß Dein Diener den Reiter nicht erkannt hat; er

würde wahrscheinlich einen Officier oder den Stallmeister des Fürsten

entdeckt haben. Die einfache Wintertracht hat ihm gewiß einen Streich

gespielt, und in dem Fremden hat vielleicht ein guter Bekannter

gesteckt. Alles Uebrige ist ohne Bedeutung.«

Mühlfels wurde durch die geringschätzige Aufnahme seines Berichts

verstimmt; wir haben erfahren, mit welchem Interesse er sich an

denselben klammerte, und so wird uns sein Verdruß natürlich erscheinen,

sich des einzigen Mittels zur Erreichung seiner Absicht in solcher

Weise beraubt zu sehen. Freilich glaubte er die von seiner Mutter

ausgesprochene Vermuthung nicht ganz verwerfen zu dürfen; es galt

jedoch, einen Beweis für die Begründung derselben zu erhalten.

Er gab ihr dies zu erkennen, und sie versprach dagegen, ihm denselben

hoffentlich in kurzer Zeit zu verschaffen.

In wenig behaglicher Stimmung trennte sich Mühlfels von seiner Mutter;

er wußte nur zu wohl, wie vielen Werth ihre Worte verdienten. Blieb

sie jedoch mit ihrer Voraussetzung im Recht, so verlor die gemachte

Entdeckung auch jede Bedeutung und alle seine bisherigen Bemühungen

wären fruchtlos gewesen.

Die Baronin begab sich an dem heutigen Abend zeitiger als gewöhnlich

nach dem Palais der Prinzessin. Sie gedachte nämlich noch bei einer ihr

befreundeten und daselbst wohnenden ehemaligen Hofdame vor dem Besuch

der Gesellschaft bei Sidonien anzusprechen und mit ihr ein Weilchen zu

plaudern, wie sie das nicht eben selten that.

Diese Hofdame besaß für sie einen ganz besondern Werth. Dieselbe

stand in dem Ruf, über alle Vorkommnisse am Hofe und in den adligen

Familien, namentlich jedoch in dem Palais der Prinzessin, stets auf

das genaueste unterrichtet zu sein, und wurde wegen dieses Vorzugs von

Gleichgesinnten sehr verehrt.

Selten gelang ihr die Ergründung irgend eines Geheimnisses nicht, und

sie war um so gefährlicher, da sie mit der beharrlichsten Ausdauer und

großer Geschicklichkeit ihre Absichten zu verfolgen pflegte.

Die Unterhaltung der beiden Damen war eben so vertraulich als lebhaft,

worauf die Hofdame eine Dienerin zu sich kommen ließ, mit welcher sie

sich heimlich besprach und sie alsdann entließ.

Nach einiger Zeit erschien die Dienerin wieder und machte ihr

allerlei heimliche Mittheilungen; neue Berathungen fanden dann statt;

die Dienerin ging und kam, bis die Hofdame endlich ihren Auftrag

erfüllt sah. Diese besprach sich darauf wieder mit der Baronin, und

ihre Nachrichten mußten wol erwünschter Art sein, denn diese schied

von ihrer Freundin in der befriedigtsten Stimmung, um sich zu der

Prinzessin zu begeben.

Die Gesellschaft bei der Letzteren war heute zahlreicher als

gewöhnlich. Der Wunsch, Vielen den Genuß eines berühmten Künstlers zu

verschaffen, der an dem heutigen Abend spielen sollte, hatte Sidonie

veranlaßt, außer den gewöhnlichen Gästen noch mehre andere Personen

einladen zu lassen.

Mühlfels erschien eine kurze Zeit nach seiner Mutter, die ihn bereits

mit Ungeduld erwartete, und kaum hatte er sich ihr genähert, so

benutzte sie einen geeigneten Augenblick zu der heimlichen Frage:

»Hast Du etwa erfahren, wer der Reiter gewesen ist?«

Mühlfels verneinte.

»So will ich Dir seinen Namen sagen.« --

»Wie, Sie haben denselben erfahren?« fragte Mühlfels mit Ueberraschung.

Die Baronin bejahte mit einem selbstgefälligen Lächeln.

»Wer ist es?!« fiel Mühlfels erregt ein.

In diesem Augenblick traten zwei Herren in den Salon, die Baronin

wandte sich nach ihnen, und kaum hatte sie dieselben erblickt, so

entgegnete sie, mit den Blicken auf einen derselben deutend:

»Dieser!« --

»Wie, der Graf?!« fragte Mühlfels.

»Es ist so,« fiel die Baronin ein und fuhr alsdann flüsternd fort: »Und

es kann nichts schaden, wenn wir die Beiden heute ein wenig schärfer

als bisher beobachten; ich habe meine Gründe dafür.«

Das Eintreten Sidoniens verhinderte eine verlängerte Unterredung; die

Baronin trennte sich von ihrem Sohn und ging der Ersteren entgegen.

Ihr Wort hatte auf diesen viel tiefer gewirkt, als sie vielleicht

erwartete; denn die Eifersucht machte sich in ihm mit ganzer Gewalt

geltend. Sein Unmuth steigerte sich noch wesentlich bei Sidoniens

Anblick, deren Wesen und Erscheinung ihm heute ganz besonders reizend

erschien, indem er zugleich in ihrem erheiterten Auge einen neuen

Beweis ihres geheimen Glücks zu sehen glaubte.

Daß diese Heiterkeit lediglich durch die Anwesenheit des Grafen bedingt

wurde und keiner andern Ursache entsprungen war, glaubte er mit

Gewißheit annehmen zu müssen, obgleich er dazu keine genügenden Gründe

besaß. Die Andeutungen seiner Mutter genügten ihm in dieser Beziehung.

Die ihn stachelnde Eifersucht veranlaßte ihn daher, dem Wink seiner

Mutter zu folgen und Sidonie und Römer fortan mit geschärften Blicken

zu beobachten.

Die Prinzessin begrüßte ihre Gäste in der gewöhnten freundlichen Weise

und wandte sich alsdann sogleich an ihren Bruder und den Grafen, und

es däuchte dem von Eifersucht erfüllten Baron, daß sie den Letzteren

mit ganz besonders gütigen Blicken anschaute, wie dies auch in der That

der Fall und schon öfter geschehen war, ohne daß Mühlfels dies bisher

beobachtet hatte.

Nachdem sich Sidonie noch mit einigen anderen von ihr bevorzugten

Personen unterhalten hatte, war der Augenblick genaht, in welchem

der Musiker seinen Vortrag halten sollte und die so lange geführte

Unterhaltung verstummte.

Die Leistung des Künstlers befriedigte Sidonie sehr, und sie ließ

Mühlfels ersuchen, ihr den Ersteren vorzustellen.

Dies geschah, und nachdem sie dem Musiker einige schmeichelhafte Worte

gesagt und dieser sich entfernt hatte, sprach sie dem Baron ihren Dank

für seine Bemühungen in dieser Beziehung aus und that dies in der ihr

eigenthümlichen freundlichen Weise.

Diese Umstände waren sehr geeignet, ihn in seinen Voraussetzungen

wieder wankend zu machen, indem dieselben zugleich seine Eigenliebe

wach riefen und ihn zu dem Bedenken leiteten, ob er sich nicht über

Sidoniens Empfindungen für ihn vielleicht dennoch getäuscht hätte.

Seine Leidenschaft für die Prinzessin hatte sich in der Besorgniß,

ein Anderer erfreue sich ihrer Gunst, so sehr gesteigert, daß ihm

jede ruhige Ueberlegung mangelte, und er daher von seinen wechselnden

Gefühlen vollständig beherrscht wurde und fortwährend zwischen Hoffen

und Entsagen schwebte.

Dem Vortrage des Musikers folgte ein kleines Concert von einzelnen

Mitgliedern der Hofkapelle, nach dessen Beendigung die gewöhnliche

zwanglose Unterhaltung wieder aufgenommen wurde, an welcher sich auch

Sidonie lebhaft betheiligte.

Prinzessin Sidonie (Band 2/3) · 第 5 / 13 段