Weder hier noch am Landeplatz wurde er von irgend Jemand empfangen.

Er hatte das also bestimmt, und wir erkennen, wie sehr er bedacht

war, jede Wichtigkeit von sich abzuweisen. Den Schiffern und Dienern

in der Villa war auf das strengste anbefohlen worden, dem Prinzen nur

die nothwendigste Aufmerksamkeit zu schenken und sich um sein Kommen

und Gehen durchaus nicht weiter zu kümmern. In solcher Weise bemühte

sich der Prinz, den idyllischen Charakter dieses Verhältnisses zu

bewahren, und indem man ihm dabei von allen Seiten entgegen kam, konnte

es nicht fehlen, daß er in der That von dem tiefen Geheimniß seiner

Liebe überzeugt war, obwol man, wie wir erfahren haben, dasselbe längst

verrathen hatte.

Im Vorzimmer der Villa empfing den Prinzen ein Diener, der ihm den

Mantel abnahm, worauf er sich in das nächstgelegene Gemach begab,

woselbst ihn Madame Voisin mit den üblichen Knixen begrüßte.

»Nun, wo ist Mariane? Warum kommt sie mir nicht wie sonst entgegen?«

fragte der Prinz rasch.

»Hoheit verzeihen; das Fräulein erwartet Sie in dem Boudoir« -- beeilte

sich Madame Voisin mit einem bedeutungsvollen Lächeln zu entgegnen.

»Ah, ich merke, sie hat wieder einen Scherz im Sinn. Nun, wollen

sehen!«

Mit diesen Worten eilte der Prinz davon und blieb, als er den Eingang

des Boudoirs erreichte, mit einem Ausruf der angenehmsten Ueberraschung

stehen.

Mit Wohlgefallen ruhte sein Auge auf Marianen, die mit dem Ausdruck

komischer Wichtigkeit sich ceremoniell vor ihm verneigte und, dabei

zugleich mit dem Fächer kokett spielend, einer Oberhofmeisterin an

höfischer Würde nichts nachgab.

»Bei Gott, Du bist schön und stolz wie eine Königin!« rief der Prinz

entzückt und eilte auf sie zu, um sie in die Arme zu schließen. Mariane

trat, ihrer vorbedachten Rolle getreu, einen Schritt zurück und

entgegnete voll Würde:

»Gemach, Hoheit! In solcher Weise nähert man sich hohen Personen nicht!«

Dabei kokettirte sie, das Antlitz hinter dem Fächer geborgen, mit dem

Prinzen gleich einer Schauspielerin, und wußte das Alles mit solchem

Reiz in Mienen und Benehmen zu thun, daß sich des Prinzen Beifall nur

noch steigerte.

»Köstlich, köstlich!« sprach er, ihr Küsse zuwerfend.

Sie spielte noch einige Augenblicke ihre Rolle weiter: dann aber warf

sie den Fächer auf den Boden, breitete die Arme aus und rief, indem sie

sich an seine Brust sinken ließ:

»So, nun ist’s mit der Prinzessin genug! Hier, Hoheit, hast Du wieder

Deine Waldtaube!« Und sie umschlang und küßte ihn, und als dies

geschehen war, trat sie von ihm zurück und bemerkte:

»Jetzt betrachte mich noch einmal, Hoheit! O, wie bin ich glücklich,

daß ich Dir gefalle und Du nicht böse bist, mich in diesem Anzug zu

finden, wie die Voisin meinte!«

»Da irrte sie; denn Du gefällst mir über die Maßen und ich erkenne,

daß Du dem Hofe alle Ehre machen würdest. Wer von unseren Damen könnte

sich mit Dir vergleichen wollen, ohne vor Deiner Schönheit zurückstehen

zu müssen! Jetzt bist Du nicht mehr der Waldvogel, sondern die

Waldkönigin! Dir fehlt nichts, als ein Diadem, um das sich der Kranz

schlingt, und das sollst Du haben und schöner noch als das der Fee!«

»O, Du gute, liebe Hoheit!« rief Mariane, durch die Aussicht auf ein

so schönes Geschenk beglückt, und tändelte alsdann in der gewöhnten

Weise mit dem Prinzen, bis Madame Voisin sie zum Diner einlud. Diese

bediente sie bei demselben und es herrschte dabei die ungezwungenste

Fröhlichkeit. Mariane beschäftigte den Prinzen durch unaufhörliche

Fragen nach dem Hof und den daselbst weilenden Personen, namentlich

den Damen, und dem Treiben daselbst. Nur seiner Gemahlin gedachte sie

nicht, weil ihr der Prinz dies ein- für allemal verboten hatte. Nach

dem Diner schlug der Letztere mit Marianen Ball, ein Vergnügen, das sie

sehr liebte, worauf, als es dunkelte, er ihr Unterricht auf dem Klavier

ertheilte und sich an der rasch angeeigneten Fertigkeit des Mädchens

ergötzte.

Dann mußte sie ihre Lieder singen, die er mit dem Klavier begleitete.

In solcher Weise ging ihnen die Zeit angenehm dahin, und indem wir

bedacht gewesen, dieses Zusammensein näher zu bezeichnen, liegt die

Frage nahe, warum der Prinz alle diese Bemühungen nicht lieber seiner

Gemahlin darbrachte und sich darin glücklich fühlte?

Die Antwort hierauf dürfte lediglich in dem besondern Charakter des

Prinzen zu suchen sein.

Sidonie würde von diesem Verhältniß ihres Gemahls wahrscheinlich

nichts erfahren haben, hätte es Mühlfels in seinem Interesse nicht für

zweckmäßig erachtet, ihr dasselbe zu verrathen.

Wie wenig Gewicht sie darauf legte, ist uns bekannt geworden, nicht

minder, daß sie in dem Genuß ihres wiedergekehrten Freundes dieses

Verhältnisses kaum noch gedachte, geschweige denn sich etwa weitere

Aufklärung darüber von dem Baron geben ließ.

Der Letztere, mit dem eigentlichen Anlaß dazu nicht bekannt, wußte sich

diese Theilnahmlosigkeit nicht zu deuten. Er hatte mit Bestimmtheit

vorausgesetzt, die Prinzessin würde ihn mit ihrem Vertrauen beehren und

sich mit ihm über diese Angelegenheit besprechen; dies geschah jedoch

nicht, sondern Sidonie schien ihn vielmehr seit jener Unterredung eher

zu meiden als zu suchen, wie das aus den bekannten Gründen wirklich der

Fall war. Was seitdem noch seine ganz besondere Besorgniß erregte, war

der Umstand, daß die Prinzessin ihn nicht mehr allein empfing, sondern

stets in Gegenwart Anderer, ja es geschah sogar, daß sie sich durch

Aurelie vertreten ließ.

Diese Erscheinungen, durchaus nicht erwartet, erregten in ihm die

ersten Zweifel an Sidoniens Zuneigung zu ihm, und der niederbeugende

Gedanke, sich über ihre Empfindungen und ihr Benehmen gegen ihn

vielleicht getäuscht zu haben, machte sich allmälig in ihm geltend.

Zwar verwarf er denselben wieder bei der Erinnerung des ihm von der

Prinzessin bisher geschenkten Wohlwollens; es lag aber auch die Frage

nahe, warum dies nicht nur in der früheren Weise fortbestand, sondern

sich auch, wie er erwartet hatte, steigerte. Alle diese Umstände

erfüllten ihn mit dem Vorsatz, die Prinzessin und ihr Thun genauer zu

prüfen, um dadurch vielleicht den Grund ihres so auffällig veränderten

Benehmens zu entdecken. Hiezu fand er zwar in den Abendgesellschaften

der Prinzessin Gelegenheit; dies genügte ihm jedoch nicht, und so

gedachte er sie auch außerdem im Geheimen zu beobachten. Er war mit

den Hofdamen und Dienern der Prinzessin ziemlich bekannt, und so

konnte es ihm nicht eben schwer werden, mancherlei vielleicht für ihn

Interessantes über sie von diesen zu erfahren.

Gewöhnt, wie wir wissen, dergleichen Angelegenheiten mit seiner Mutter

zu besprechen, vertraute er sich auch jetzt dieser an und überraschte

sie dadurch nicht eben wenig. Ihr war das Zustandekommen des von dem

Fürsten gewünschten Verhältnisses, was sie gewissermaßen als eine

Ehrensache betrachtete, von großer Wichtigkeit, ganz abgesehen, daß es

sich dabei um das besondere Interesse ihres Sohnes handelte.

»So ist Dir also nichts von Bedeutung aufgefallen, wodurch Du Dir diese

Veränderung von Ihrer Seite erklären könntest?« fragte die Baronin

nachdenkend, nachdem sie über Alles aufgeklärt worden war.

Mühlfels verneinte und versicherte, in dieser Beziehung kaum eine

Vermuthung zu besitzen.

Die Baronin erinnerte ihn darauf an Eins und das Andere, was dazu

vielleicht Veranlassung gegeben haben könnte, aber mit gleichem Erfolg.

»So will ich Dir eine überraschende Vermuthung mittheilen, die durch

Deine Worte in mir erzeugt worden ist,« sprach sie nach kurzem

Ueberlegen.

»Und die wäre?« fragte Mühlfels gespannt.

»Die Prinzessin liebt wahrscheinlich bereits.«

»Was sagen Sie!« fuhr der Baron auf.

»Ich sage, es ist so; aber ich füge auch hinzu, daß sie Dich ~nicht~

liebt.«

»Das würde mich in der tiefsten Seele verletzen; denn ich habe den

Fürsten bereits durch den Chevalier mit Sidoniens Zuneigung zu mir

bekannt machen lassen. Ich würde zum Gespötte werden, gäbe sie einem

Andern den Vorzug!« rief der Baron in großer Aufregung.

»Das würde geschehen, und darum müssen wir, und zwar nicht allein aus

diesem Grunde, sondern aus dem viel wichtigeren Interesse, das uns eine

Liaison der Prinzessin bietet, bedacht sein, in dieser Angelegenheit

Gewißheit zu erhalten.«

»Was kann mir diese helfen, wenn ich nicht der Gegenstand ihrer

Neigung bin?!« warf der Baron ärgerlich hin.

»Mehr, als Du jetzt einsiehst, mein Sohn. Gesetzt, es gelingt uns, ihre

Herzensgeheimnisse zu ergründen, so dürfte, lauschen wir ihr irgend

eine Schwäche ab, dies ein wichtiger Umstand sein, Dich in ihre Gunst

zu setzen.«

»So glaubst Du also, es könnte ein solcher Fall eintreten?«

»Warum nicht? Es wäre fast unnatürlich, sollte unsere Voraussetzung

nicht eintreffen und Sidonie unter den obwaltenden Umständen ihre

Empfindungen nicht verrathen.«

»Möglich! Doch dürfte dies lediglich von der Person abhängen, der sie

ihre Liebe geschenkt hat.«

»Gewiß; indessen sind die Verhältnisse zu günstig, dergleichen

Erwartungen nicht zu hegen.«

»Sie haben Recht. Warum sollte sie auch besser sein als alle Anderen,

besonders da des Fürsten Begünstigung sie dazu herausfordert und ihr

jede Besorgniß nimmt. Doch wir vergessen, daß darin auch zugleich ein

Mittel liegt, unsere etwaige Entdeckungen wirkungslos zu machen.«

»Wie willst Du das jetzt schon mit Gewißheit behaupten?! Bedenke, daß,

wie Du selbst sagtest, die Prinzessin den eigentlichen Sinn des von dem

Fürsten geäußerten Wunsches nicht zu ahnen scheint.« --

»Wahrhaftig, diesen Umstand hatte ich vergessen!« fiel Mühlfels erfreut

ein.

»Nun wirst Du also auch begreifen, wie wichtig und zugleich wie

wirkungsvoll für uns eine gewünschte Entdeckung werden kann.«

»Gewiß, gewiß!« rief der Baron erregt, indem er auf und ab schritt.

»Auf diesen Punkt muß nun unser Bemühen fortan gerichtet sein.«

»Natürlich, und Du mußt zugleich klug und geschickt genug sein, Dich

der Prinzessin gegenüber nicht zu verrathen. Beherrsche daher vor

allen Dingen Deine eifersüchtigen Gefühle, namentlich unter Umständen,

die Dich dazu herausfordern. Zeige Gleichgiltigkeit, jedoch nicht

ohne Wärme und die frühere Theilnahme. Das wird Sidonie über Deine

Empfindungen täuschen und sie zugleich veranlassen, Dir gegenüber

weniger Vorsicht zu beobachten. Ja, es könnte sogar geschehen, daß

diese Täuschung sie vielleicht verleitet, Deine Dienste in Anspruch

zu nehmen. Sie kennt Deine Ergebenheit, hält Dich für ihren treuesten

Freund, und so kann man nicht wissen, welche wichtige Erfolge alle

diese Umstände erzielen. Ahnt sie Deine Neigung und Absichten nicht, um

so besser; denn man vertraut sich in der Liebe eher einem Freunde, als

einem Verehrer. Hat sich Sidonie nur erst wirklich verrathen und unser

Forschen einen Boden gewonnen, dann werden wir durch entsprechende

Geschicklichkeit und geduldiges Ausharren auch früher oder später

zu den gewünschten Entdeckungen gelangen. Denn Du hast ganz Recht,

mein lieber Sohn, warum sollte die Prinzessin unter den obwaltenden

Verhältnissen besser sein wollen, als Andere ihres Gleichen.«

»Ihr kluger Rath soll mir zur Richtschnur meines ferneren Handelns

dienen.«

»Gut, mein Sohn. Doch sage, haben Dich nicht etwa die Umstände auf

irgend eine Vermuthung geleitet, ob und wen Sidonie etwa begünstigt?«

»Ich strenge vergeblich mein Gedächtniß an. In den Abendgesellschaften

wenigstens, die mir die einzige Gelegenheit zum Beobachten der

Prinzessin bieten, habe ich dergleichen nicht bemerkt.«

»Das ist recht bedauerlich!« bemerkte die Baronin und fügte nach kurzem

Nachdenken hinzu: »Man sagt, Graf Römer sei wieder hier und besuchte

wie früher die Cirkel der Prinzessin.«

»So ist es. Er war auch neulich daselbst anwesend.«

»Bewies ihm die Prinzessin nicht besondere Aufmerksamkeit?«

»Nicht im geringsten; sie begegnete ihm wie ihren anderen Gästen

freundlich, aber ein wenig förmlich, wie das ihre Art ist.«

»Und der Graf?«

»Schien sich wenig um Sidonie zu kümmern und unterhielt sich viel mit

den Künstlern und Gelehrten. Sie scheinen, liebe Mutter, den Grafen

für bedeutender zu halten, als er ist, und sogar zu vermuthen, die

Prinzessin könnte sich für ihn interessiren. Ich habe Ihnen schon

früher gesagt, daß sich des Grafen ernstes, abgeschlossenes Wesen

wenig zur Liebe eignet, am wenigsten zärtliche Neigungen zu erwecken

befähigt erscheint. Er ist ein Wissenschaftsmensch und wird, wie man

mir sagte, sich nächstens wieder auf eine längere Reise begeben. Alle

diese Umstände verneinen daher Ihre etwaigen Voraussetzungen.«

»Es könnte sein; Du wirst es jedoch natürlich finden, daß bei dem

Mangel an geeigneten Persönlichkeiten mir der Graf nicht gleichgiltig

erscheint. Die Prinzessin interessirt sich bekanntlich für die

Wissenschaften; ein Grund, sie dem Grafen zu nähern. Denn wie ich

vernahm, soll Römer auch außer den gewöhnlichen Gesellschaften bei

der Prinzessin gewesen sein; ein Zeichen, daß ihr diese Besuche

wünschenswerth und angenehm sind.«

»So wird es sein, doch dürfte man daraus noch nicht auf ein

persönliches Interesse schließen dürfen,« fiel Mühlfels ein.

»Sei dem, wie ihm wolle; immerhin könnte es nicht schaden, den Grafen

fortan ein wenig zu beobachten. Thue das also, mein Sohn; ich werde

nicht ermangeln, ein Gleiches zu thun und zugleich bedacht sein,

dabei meine vertrauten und geheimen Quellen zu benutzen. Du weißt,

mein Sohn, die Verstellungskunst ist an unserm Hofe sehr ausgebildet;

sollte es denn geschehen sein, daß dieselbe auf die Prinzessin ganz

ohne Wirkung geblieben wäre? Ich zweifle daran, und eben weil ich dies

thue, erscheinen mir auch ganz harmlose Personen nicht bedeutungslos,

wenigstens dürfen sie das für uns nicht sein. Ich denke, dies wird

nicht ohne Einfluß auf Dein künftiges Benehmen und Handeln sein.«

Hiermit schloß die Baronin ihre Betrachtungen und war erfreut, in dem

Kopfnicken ihres Sohnes die Beistimmung zu denselben zu finden. Mutter

und Sohn trennten sich alsdann, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt.

Die Baronin kannte ihr Geschlecht zu wohl, um nicht zu wissen, wie

groß dessen Verstellungskunst wäre, selbst bei Frauen, deren Charakter

nicht gehaltlos genannt werden durfte. Sie urtheilte daher nach ihren

Erfahrungen und hegte überdies hinsichts des Grafen ganz andere

Ansichten als ihr Sohn. Sie fand Römer interessant, sein Benehmen

sehr geeignet, den Frauen zu gefallen, indem ihn sein würdiges und

männliches Wesen weit über seine Umgebung empor hob. Diese Ansicht

hatte sie bereits bei dem ersten Zusammentreffen mit dem Grafen bei der

Prinzessin gewonnen. Sagte ihr auch ihre Muttereitelkeit, daß ihr Sohn

hübscher und sein Benehmen Liebe erweckender als das des Grafen sei,

so wußte sie doch auch, daß jede Frau ihrer besondern Vorliebe huldigt

und man daher in Bezug auf die Neigung derselben sehr leicht getäuscht

werden könnte.

Ihr erschien daher der Graf der genaueren Beobachtung wol werth, und

sie nahm sich vor, diese nicht zu unterlassen, sobald sich ihr die

Gelegenheit dazu bieten sollte.

Anders war es mit Mühlfels. Er war überzeugt, daß seine Bemühungen

in dieser Beziehung durchaus fruchtlos sein würden, und lächelte über

die Vorurtheile seiner Mutter. Ueberdies hatte ihn die stattgefundene

Unterredung auf einen ganz neuen Gedanken geführt. Er überlegte

nämlich, daß, wenn Sidonie wirklich eine geheime Liebe hegte, damit

doch noch nicht die Nothwendigkeit gegeben war, daß sich der Gegenstand

derselben auch am Hofe und in ihrer nächsten Umgebung befinden müsse.

Die Prinzessin machte Ausfahrten, auf welchen sie oft längere Zeit

fort blieb, ja sie gefiel sich auch in Spaziergängen durch den Park

und Wald: warum, sagte er sich, sollte es ihr nicht vielleicht auch

gefallen, dem Prinzen nachzuahmen und ihre Liebe unter dem Schleier

eines tiefen Geheimnisses zu genießen. Forderte sie ihr Gemahl nicht

dazu heraus und zeigte ihr die geeigneten Wege zur Erreichung ihrer

Wünsche.

Dieser Gedanke gewann bei weiterem Erwägen immer mehr Bedeutung für

ihn und erzeugte den Entschluß, Sidoniens Ausfahrten und Spaziergänge

fortan im Geheimen zu beobachten. Er glaubte hierauf seinen ganzen

Fleiß verwenden zu müssen, von der Ueberzeugung erfüllt, daß, wenn

Sidoniens Begünstigter sich wirklich in ihrer nächsten Nähe befand,

dies auch ohne sein Zuthun von Seiten der weiblichen Späher am Hofe

bald entdeckt und ihm daher schnell bekannt werden würde.

Dafür bürgte ihm schon die Klugheit und der Scharfblick seiner Mutter.

So legte sich um die nichts Uebles fürchtende Prinzessin ein Gewebe

von Intriguen, dem sie um so leichter zum Opfer fallen konnte, da sie

weit entfernt war, das große, für ihre Person und ihr Verhalten gehegte

Interesse zu ahnen. Diese Gefahr mußte um so bedeutsamer im Hinblick

auf ihre Liebe genannt werden, indem diese sie leicht verleiten konnte,

irgend welche Schwächen zu zeigen und sich dadurch zu verrathen. Wie

leicht verräth sich das von Liebe erfüllte Herz, und ein unvorsichtiger

Blick, ein Wort genügt dem Spähenden schon, dem Befangenen immer

wirksamere Fallstricke zu legen.

Die winterliche Jahreszeit beschränkte allerdings sowol Mühlfels’

beabsichtigte Thätigkeit, als diejenige aller Uebrigen, dagegen war

sie auch wiederum sehr geeignet, die Personen in einem engeren Kreise

zusammen zu führen und dadurch Gelegenheit zum Beobachten zu bieten.

Ahnte, wie wir bereits bemerkt haben, Sidonie nicht das Geringste von

den ihr drohenden Gefahren und war dieser Umstand sehr geeignet, sie in

ihrem Verhalten gegen den Grafen weniger vorsichtig zu machen und dem

Zuge ihres Herzens zu folgen, so übte hierauf noch ein anderer Umstand

einen sehr wichtigen Einfluß aus.

Außer in ihren Gesellschaften sah Sidonie den Grafen noch ein- bis

zweimal in der Woche im Theater, woselbst sie zugleich nicht eben

selten die Gelegenheit fand, in den Zwischenacten sich mit dem

Geliebten zu unterhalten. Ihr Bruder führte ihr diesen anfangs zu;

später suchte der Graf die Prinzessin auch allein auf.

Diese Besuche konnten um so weniger als besonders betrachtet werden,

da auch andere Personen gleich ihm Sidonien dergleichen abstatteten

und dies ohnehin eine herkömmliche Sitte war. Römer unterließ die

Beobachtung dieser Sitte um so weniger, weil er sich dadurch einige

glückliche Augenblicke verschaffte, dann aber auch weil das Gegentheil

aufgefallen wäre. Sein näherer Umgang mit der Prinzessin war längst

allgemein bekannt geworden, und er erachtete es daher für klug, sein

Interesse für sie offen zu zeigen.

Denn es darf nicht verschwiegen werden, daß Sidonie den Grafen auch

außer in ihren Gesellschaften noch bei sich sah, bisweilen in der

Begleitung ihres Bruders, oft auch ohne dieselbe. Das konnte nicht

unbekannt bleiben. Jene Besuche freilich, bei welchen sie ihn in

dem Blumenzimmer nur im Beisein Aureliens empfing, blieben der Welt

ein Geheimniß. Es waren das für die Liebenden die süßesten Stunden,

ihnen leider stets zu kurz zugemessen, um ihr liebendes Herz ganz zu

befriedigen. Aber die Verhältnisse gestatteten denselben keine längere

Dauer, und mit stillem Dank genossen sie die ihnen von dem Geschick so

freundlich gewährte Gabe.

Diese Zusammenkünfte wurden dadurch ermöglicht, daß der Graf wie früher

Aurelien besuchte und es daher den Schein gewann, als käme er zu ihr.

Da in dieser Beziehung von allen Seiten eine große Vorsicht beobachtet

wurde, so gelang es ihnen, die zu fürchtende Dienerschaft zu täuschen,

welche in diesen Besuchen lediglich ein Interesse des Grafen für die

Hofdame sah.

Der Fürst war durch den Chevalier sehr bald mit der Anwesenheit des

Grafen und dessen näheren Beziehungen zu der Prinzessin bekannt gemacht

worden, und da Boisière den Grafen zugleich als einen sehr gebildeten

und interessanten Mann bezeichnete, erwachte in dem Fürsten der Wunsch,

Römer persönlich kennen zu lernen.

Da sich der Graf von dem Hof fern hielt, so gedachte der Fürst sich

denselben bei einer geeigneten Gelegenheit vorstellen zu lassen. Diese

Gelegenheit fand sich, als der Fürst nach seiner Wiederherstellung

wieder das Theater besuchte. Kaum daselbst angelangt, erinnerte er sich

Römer’s und ließ, nachdem er dessen Anwesenheit vernommen, sich ihn

durch den Chevalier zuführen.

Eine kurze Unterhaltung überzeugte den Fürsten, daß der Ruf von des

Grafen Vorzügen durchaus begründet sei. Ueberdies sagte ihm auch dessen

Wesen und Benehmen ganz besonders zu, und er entließ den Grafen nicht

nur sehr gnädig, sondern auch mit der schmeichelhaften Bemerkung, daß

er sich freuen würde, ihn recht oft am Hofe zu sehen.

Der Fürst benutzte zugleich diesen Abend, um seine Absicht in Bezug auf

die Prinzessin auszuführen.

Diese befand sich nämlich gleichfalls im Theater. Sein Leiden hatte

ihn seit längerer Zeit von ihr fern gehalten und ihn daher an der

Ausführung seines Vorhabens verhindert. Er wollte darum das Versäumte

nachholen. Durch Mühlfels’ Mittheilungen getäuscht, erachtete er es um

so ersprießlicher, sich persönlich zu überzeugen, in wie weit sich

seine Erwartungen etwa erfüllen könnten.

Er benutzte daher die erste Zwischenpause und begab sich zu Sidonien.

»Wie sehr freue ich mich, liebste Prinzessin, Sie wieder einmal zu

sehen,« bemerkte er in gütigem Ton.

Sidonie dankte und wünschte ihm zu seiner Genesung Glück.

»Man kann auch Ihnen Glück wünschen, meine Liebste; denn ich bin

überrascht über Ihr gutes Aussehen. Seit ich Sie zum letzten Mal

sah, -- ich denke, es sind das mehr denn zwei Monate -- ist ja eine

wesentliche Veränderung mit Ihnen vorgegangen,« bemerkte der Fürst

freundlich und sie mit Wohlgefallen betrachtend.

Sidonie erröthete in dem Bewußtsein, daß diese Veränderung lediglich

die Folge ihres Liebesglückes sei; da sie jedoch irgend etwas auf des

Fürsten Bemerkung antworten mußte, so entgegnete sie, daß sie sich in

der That wohler als früher fühle.

»Das ist mir ja äußerst angenehm zu hören,« fiel der Fürst ein und

fügte mit einem besondern Lächeln hinzu: »Man sagt mir, Sie gefielen

sich jetzt mehr in Zerstreuungen, und das freut mich von Herzen, denn

Sie wissen, daß ich stets gewünscht habe, Sie empfänglicher für die

Lebensgenüsse zu finden. Das ist gut, sehr gut. Vermag ich auch leider

Ihr übles Verhältniß zu dem Prinzen nicht zu bessern, so wünsche ich

doch um so mehr, Sie möchten dadurch nicht in dem Genuß des Lebens

beeinträchtigt werden, wozu Sie ja Ihre Stellung und Jugend so sehr

berechtigen. Wenn wir,« fuhr der Fürst nach kurzer Pause fort, »durch

Leiden belästigt werden, da thun uns heitere und angenehme Personen

wohl; ich habe das an mir selbst erlebt, und es ist mir lieb, zu

erfahren, daß Sie auch außer den Männern der Kunst und Wissenschaft

anderen Persönlichkeiten, wie Baron Mühlfels und Graf Römer, gestatten,

Ihnen aufzuwarten.«

Sidonie erschrak und wandte das Auge von ihm ab. Sie fürchtete,

verrathen zu sein, und erwartete, daß ihr der Fürst dies jetzt zu

erkennen geben würde. Ihr fehlte eine passende Erwiderung, und sie

athmete froh auf, als der Fürst nach kurzem Hüsteln also fortfuhr:

»Der Baron ist mir als ein heiterer und angenehmer Gesellschafter

bekannt und verdient wegen dieser Vorzüge und aus Rücksicht auf seine

Mutter Ihre freundliche Beachtung, und ich wiederhole Ihnen, wie sehr

es mich freuen würde, legten Sie einigen Werth auf seinen Umgang.« --

Der Fürst schwieg und schaute die Prinzessin prüfend an, deren

Betroffenheit über diese Empfehlung eines ihr fast gleichgiltigen

Mannes ihn zu der Vermuthung verleitete, daß er hinsichts eines näheren

Verhältnisses zwischen ihr und Mühlfels nicht falsch berichtet sein

könnte. Mit einem feinen Lächeln fragte er, die Prinzessin unbefangen

anschauend: »Nicht wahr, liebste Prinzessin, Sie sehen den Baron

bisweilen?«

»Allerdings, ohne daß ich ihm jedoch einen besondern Vorzug einräume,«

entgegnete Sidonie.

»Nun, nun, ich fordere von Ihnen kein Bekenntniß,« fiel der Fürst

lächelnd ein. »In wie weit Sie ihn zu bevorzugen geneigt sind, ist Ihre

Sache; doch können Sie sich überzeugt halten, daß Ihre Sentiments stets

meinen Beifall haben werden.« --

Prinzessin Sidonie (Band 2/3) · 第 4 / 13 段