Hofe, ohne sich um das Wehgeschrei des Bäckers zu kümmern.
Da stand dieser nun als ein geschlagener Mann, sein ganzer Holzvorrat war
nun verloren, denn er hatte ja dem Holzmacher freiwillig als Lohn
versprochen, so viel dieser in einer Hocke forttragen könne. -- Das hatte
nun seine Richtigkeit und konnte der Meister ihn deshalb nicht aufhalten
lassen; was ihn aber noch mehr hinderte, dem Fremden nachzulaufen und sein
Holz zurückzufordern, war die Überzeugung, daß kein anderer als Rübezahl
ein solches Kunststückchen ausführen konnte und mit diesem mochte der
Meister aus guten Gründen nicht anbinden. Da stand er denn und hatte das
leere Nachsehen; es mochte ihm wohl einfallen, daß er nun einmal mit
eigener Münze bezahlt worden sei.
Rübezahl aber lud seine Bürde vor dem Hause des armen Bauern ab, der gar
nicht begreifen konnte, wer ihm so viele Fuhren Winterholz gebracht habe,
ohne daß er das geringste davon gemerkt hatte. Er verbrauchte es aber
dankbar und gab auch einigen armen Nachbarn davon. Von dieser Zeit an war
der reiche Bäcker in der Stadt wie verwandelt, und wenn er auch noch
manchmal seine alten Gewohnheiten zeigte, so durfte er nur an die
Geschichte mit dem fremden Holzhauer denken, um wenigstens billig zu sein
und den Arbeitern sein Wort zu halten.
Das Zauberbuch.
Ein Mensch, welcher von der Begierde, reich, angesehen und gewaltig zu
werden, sehr geplagt wurde, hatte keinen größeren Wunsch, als ein
Zauberbüchlein zu bekommen, woraus er nach seinem Willen Regen und
Sonnenschein machen, das Vieh behexen, sich unsichtbar machen und
Goldschätze in der Erde finden könne. Da er aber ein solches Buch nirgends
finden konnte, beschloß er endlich, den Rübezahl darum zu bitten; der,
hoffte er, werde es ihm schon geben.
Er ging also fleißig in der Gegend umher, wo das Gebiet des Berggeistes
lag, bis er nach langer Zeit einmal den Herrn des Gebirges fand. Der saß
als ein eisgraues Männlein vor einer schauerlichen Höhle und gab ihm ein
Büchlein, wie er es erbeten hatte.
Voller Freude eilte er heim damit, um es sogleich zu probieren; da er es
aber aufschlug und lesen wollte, waren es lauter Baumblätter mit Linien und
Fasern, aber mit keinen Buchstaben.
Wie Rübezahl einem Bauer hilft.
Es war einmal unten am Gebirge ein Edelmann, der war ein wüster,
hochmütiger Geselle, plagte und mißhandelte seine Bauern und meinte, dazu
wären sie nun einmal auf der Welt. Dieser befahl eines Tages einem Bauern,
daß er eine überaus große Eiche, die eben geschlagen worden war, aus dem
Walde holen und im Schloßhofe abladen solle. Mit dem Edelmanne war nicht zu
spaßen, das wußte der arme Schelm wohl, an welchen dieser Befehl erging,
und darum zog er auch sogleich sein Rößlein aus dem Stalle, obschon er
wußte, daß es ein Ding der Unmöglichkeit sei, die schwere Eiche allein von
der Stelle zu bringen. Er gab sich auch alle Mühe, sie nur vom Platze zu
bewegen, aber es war doch vergebliche Arbeit. Da seufzte und jammerte der
arme Bauer, denn er wußte nun, daß ihm der Edelmann nur etwas habe am Zeuge
flicken wollen, -- wie das Sprichwort heißt, -- und daß er jetzt seinen
Zorn an ihm auslassen würde, weil er die aufgetragene Arbeit nicht
verrichten konnte.
Wie er noch so voller Betrübnis dasteht, kommt ein Mann im Walde gegangen
und fragt den Bauer, warum er denn so traurig sei. »Ach,« erwidert dieser,
»ihr könnt mir ja auch nicht helfen;« endlich aber erzählt er doch dem
Fremden die Geschichte.
»Ei, sei doch nur getrost, mein Bauer,« sagt dieser darauf; »gehe ruhig
heim, ich will dir den Baum schon an Ort und Stelle schaffen.«
Der Fremde aber war Rübezahl, und ich glaube, es macht ihm keiner das
Stückchen nach, welches er jetzt ins Werk setzte. Er nahm die Eiche mit
ihren großen, weit ausgespreizten Ästen in eine Hand und trug sie wie einen
Spazierstab bis in das Dorf. Dort legt er sie vor das Hoftor des
Edelmannes, so daß niemand aus- und eingehen kann. Da befiehlt der Herr,
die Eiche zu zersägen, aber sie ist wie von Eisen, und obgleich die
Arbeiter alle Kraft daran wenden, bringen sie doch auch kein Spänchen davon
ab.
Nun bleibt dem Edelmann freilich nichts weiter übrig, als ein neues Tor
durch die Mauer zu brechen; da das aber viel Geld kostete, ließ er den
Bauer kommen, der sollte es zur Strafe bezahlen. Als aber dieser die
Geschichte erzählte, die ihm mit der Eiche begegnet war, merkte der
gestrenge Herr gar wohl, daß Rübezahl hier die Hand im Spiele habe; vor dem
hatte er so große Furcht, daß er den Bauer ruhig gehen ließ, und seit jener
Zeit auch vorsichtiger und milder wurde. In so großen Respekt hatte sich
der Berggeist schon in der ganzen Gegend zu setzen gewußt.
Der kleine Peter.
Dem kleinen Peter war seine liebe Mutter gestorben und der Vater nahm eine
Anverwandte ins Haus, damit sie den Knaben in Aufsicht nähme, da er den
ganzen Tag im Walde Holz fälle. Die Muhme aber war mürrisch und boshaft und
konnte den kleinen Peter schon darum nicht gut leiden, weil er immer lustig
und guter Dinge war und so vergnügt spielte, als ob die ganze Welt ihm
gehöre.
Sie schwärzte ihn daher auch bei dem Vater an, und wenn dieser am Abend von
seinem sauren Tagewerk ermüdet heimkam, klagte sie ihm so viel von Peters
Unfolgsamkeit vor, daß er ohne weiteres eine Haselgerte nahm und den armen,
kleinen Schelm durchprügelte.
Widerspruch hätte den jähzornigen Mann auch nur noch heftiger gemacht,
darum fand sich Peter geduldig in sein Schicksal und ward es zuletzt immer
mehr gewöhnt, von der Muhme gescholten und von dem Vater jeden Abend ohne
alle Ursache geschlagen zu werden. Da er nun im Hause keine Freude hatte,
war er am liebsten draußen auf dem Felde, da sah er doch das boshafte
Gesicht der Muhme nicht und es keifte niemand mit ihm.
Aber dieser Freiheit setzte endlich der Winter ein Ziel. Draußen auf den
Feldern und den hohen Bergen lag der Schnee und Peter wäre in seinem dünnen
Leinwandjäckchen bald erfroren. Es war also seine einzige Freude, hinaus
vor die Hütte zu treten und den Sperlingen Brotkrümchen zu streuen, was er
sich jedesmal an seinem Frühstück absparte. Wenn nun die Vögel so lustig
zwitscherten und um ihn herumflogen, da klopfte ihm das Herz vor Lust, und
oft gab er ihnen sein ganzes Stück Schwarzbrot, ohne daran zu denken, daß
er dafür alsdann selbst hungern müsse.
Eines Tages erwartete die Muhme einen Gast und hatte einen Fisch gekauft.
Peter kam zufällig an dem Faß vorbei, dahinein die Muhme ihn einstweilen
ins Wasser gesetzt hatte, damit er nicht absterbe, ehe sie ihn schlachte.
»Du armes Tierchen,« sagte der kleine Peter, »möchtest wohl auch lieber
draußen im großen Teiche sein, als hier in der Hand voll Wasser; kannst
dich ja gar nicht recht lustig bewegen; komm, ich will dir ein bischen mehr
Freiheit geben.« Und er trug den zappelnden Fisch hinaus in den Bach, der
hinter dem Hause vorbei floß. Als aber der Fisch lustig große Wellen mit
dem Schwanze schlug und dann über die weißen Kiesel hinhuschte, da sprang
Peter vor Freude auf einem Bein. Aber der hinkende Bote kam hinten nach.
Die Muhme erriet ohne Mühe, daß Peter den Fisch fortgetragen hatte und
legte es ihm als Bosheit aus; da gabs denn am Abende wieder etwas zu
klagen, und der Vater schlug heut ganz unbarmherzig auf den
unverbesserlichen Burschen los.
Peter aber dachte: ohne Schläge wächst kein Mann groß und schüttelte sich,
als es vorüber war. Das ärgerte die Muhme am meisten, daß der Knabe nicht
jammerte und klagte, und sie sann darauf, ihm allerlei Weh zu bereiten.
Eines Tages schickte sie ihn hinaus aufs Feld und sprach: »Hüte dich,
wieder heimzukommen, ehe du einen Scheffel voll Kornähren gelesen hast, wir
haben kein Brot mehr im Hause.«
Das betrübte den kleinen Peter, aber nur um seines Vaters willen, der schon
lange krank lag, nichts verdienen konnte und nun eben auch nicht die besten
Tage hatte bei der keifenden Muhme. Er ging daher gegen seine Gewohnheit,
ganz niedergeschlagen hinaus aufs Feld und suchte so emsig die Ähren
zwischen den Stoppeln auf, daß ihm der Rücken weh tat. Aber es war schon
Mittag, vorüber und er hatte kaum den Boden des Sackes gefüllt, den ihm die
Muhme mitgegeben hatte; denn es wohnten nur arme Leute im Dorfe, die ihre
Felder so rein als möglich abräumten und nur wenige Halme liegen ließen.
Und dann, dachte Peter, müssen doch auch die kleinen Vögelchen etwas von
dem Erntesegen haben, so daß er hin und wieder eine Ähre für sie liegen
ließ.
Darüber ging die Sonne unter, und er hatte nicht die Hälfte seiner Aufgabe
gelöst; die Tränen kamen ihm in die Augen, als er an seinen armen, kranken
Vater dachte; aber plötzlich stand ein alter Jägersmann vor ihm und fragte,
warum er weine.
Da erzählte der kleine Peter ganz treuherzig alles, was sein Herz bedrückte
und vergaß auch nicht, der bösen Muhme zu gedenken.
»Möchtest du wohl, daß ihr dafür, daß sie dich so quält und immer für
Strafe für dich sorgt, etwas recht Schlimmes geschehe?« fragte der fremde
Mann.
»Etwas Schlimmes? O nein, aber ich wünschte, die Muhme müßte einmal einen
ganzen Tag lachen und vor Lust herumspringen, damit sie doch wüßte, wie den
fröhlichen Leuten zu Mute ist und nicht mehr so mürrisch und sauertöpfisch
wäre.«
Der Jäger mußte selbst über den Einfall des Knaben lachen; dann pfiff er
laut auf dem Finger und mit einem Male kam eine ganze Wolke von Vögeln
geflogen, die senkte sich auf das Ährenfeld nieder, und sie lasen die Halme
mit ihren Schnäbeln auf, trugen sie auf ein Häufchen zusammen und der Jäger
deutete darauf hin, indem er sagte: »Da fülle den Sack damit an.« Peter tat
es voller Staunen, und sieh da, er hatte vollauf und seine Aufgabe war
gelöst. Der Jägersmann war nirgends mehr zu sehen und zu hören, aber die
Vögel flogen neben dem kleinen Peter hin, bis zu seines Vaters Häuschen,
und sangen so schön dabei, daß ihm das Herz vor Freude hüpfte.
Die Muhme aber machte ihm ein grimmiges Gesicht, denn sie hatte gedacht,
Peter könne nicht so viel Ähren finden, als sie ihm geheißen hatte und
werde aus Furcht vor Strafe nicht mehr wiederkommen, sondern in die weite
Welt laufen.
Peter aber war froh, daß sein armer Vater nun Brot und Mehl zu einer Suppe
hatte, was ihm die Müllersfrau für die gesammelten Körner gab, und er
murrte gar nicht, daß er selbst nichts davon bekam, sondern nur ein paar
kalte Erdäpfel.
Am andern Tage sagte die Muhme: »Geh' und fange ein Gericht Fische im
Teiche, daß ich sie für den Vater kochen kann. Mit leeren Händen komme mir
aber ja nicht zurück, sonst kann ich dem Kranken nichts zu essen geben, und
er bekommt doch schon wieder einen tüchtigen Appetit.«
Da ging Peter traurig mit dem kleinen Hamen zum Teiche und dachte: »Ach,
wenn der Vater nur erst wieder gesund würde, damit die Muhme ihm nur nicht
immer jeden Bissen Brot vorwürfe. Ich wollte ja gern wieder jeden Abend
meine Schläge leiden, wenn er nur erst wieder stark genug wäre, mich seine
Arme fühlen zu lassen.« Unter diesen Gedanken senkte er den Hamen in das
Wasser, aber es verging eine Stunde um die andere und er hatte noch immer
nichts gefangen. Da setzte er sich in das Schilf und weinte bitterlich. Und
nicht lange darauf kam der alte Jäger wieder gegangen und fragte, warum er
denn heute wieder weine.
Peter erzählte ihm, daß die Muhme den Vater quäle und hungern lasse und daß
er nicht eher heimkommen dürfe, bis er ein Gericht Fische bringe. Da pfiff
der Jäger wieder auf seinem Finger, aber ganz leise, und befahl dem Knaben
dann, seinen Hamen noch einmal ins Wasser zu tauchen. Da kam ein großer
Fisch und trieb eine Menge kleiner Hechte und Barben vor sich her, dem
Hamen zu, so daß dieser bald ganz voll wurde und Peter ihn mehrmals
ausleeren mußte. »Kennst du den Fisch nicht mehr?« sagte der Jägersmann,
»es ist ja derselbe, den du aus dem Schaff genommen und in den Bach
getragen hast.« -- Darüber wunderte sich der kleine Peter noch viel mehr
und guckte dem Fische so lange als möglich nach, der jetzt langsam im
Teiche hin schwamm. Indessen war der rätselhafte Jägersmann wieder
verschwunden und Peter lief voller Freude nach Hause; denn von seinem Fange
konnte der Vater sich viele Tage satt essen.
Da die böse Muhme dem guten Burschen auf diese Weise nichts antun konnte,
vermehrte sich ihr Haß und sie beschloß, ihn auf immer fortzuschaffen. Sie
gab ihm daher am andern Morgen den Auftrag, er solle auf die Berge steigen
und droben den Rübezahl rufen. Wenn dieser dann erscheine, solle er ihn um
ein Wurzelmännchen bitten; wenn das der Vater hätte, würde er sogleich
gesund werden. Auch dürfe er nicht eher wiederkommen und solle nur nicht
aufhören, den Rübezahl zu bitten, dann werde er schon bekommen, was er
wünsche. In ihrem bösen Herzen aber dachte sie, der Berggeist werde den
kleinen Peter töten, wenn er ihn bei dem Spottnamen rufe und sie würde den
verhaßten Knaben nicht mehr wiedersehen. Der Kranke werde ohnedies nicht
mehr lange leben und dann gehöre ihr die Hütte und alles, was darin sei.
Nun hatte der Knabe zwar allerlei Schauergeschichten von dem Berggeiste
gehört, aber er dachte: »Sie heißen mich ja alle im Dorfe den Bruder Lustig
und von dem hat mir meine Mutter allerlei komische Märchen erzählt; da habe
ich gesehen, daß selbst der böse Feind einem fröhlichen Herzen kein Leid
antun kann; so schlimm ist aber der Rübezahl doch noch lange nicht.« Und er
stand getrost auf, schnitt sich einen Stab und wanderte nach den Bergen
hinauf.
»Ei, ei!« hörte, er auf einmal eine Stimme hinter sich, »willst du in die
weite Welt gehen, kleiner Peter?« -- Wie er sich umdrehte, war es der
Jägersmann, der unter den Bäumen dahergeschlendert kam.
»Hör',« sagte der lustige Kleine, »jetzt soll ich gar zum Rübezahl gehen
und ein Wurzelmännchen holen, davon wird der Vater gesund werden, sagte die
Muhme. Ob es nun wahr sein mag?«
»Nun wer weiß; aber fürchtest du dich nicht vor dem wilden Berggeiste?«
»I! er wird doch mit sich reden lassen, der alte, kuriose Herr; so schlimm,
wie ihn die Leute machen, ist er gewiß nicht. Und was kann er mir groß
anhaben. Ein wenig Püffe und ein bißchen Ohrenschütteln verschlägt nicht
viel bei mir, da bin ich es noch besser gewohnt, vom Vater her, wie er noch
gesund war.« --
»Ich denke, dir wird der Herr Johannes nichts anhaben, du närrischer Kauz,«
sagte der fremde Jägersmann, »aber wer weiß, ob du ihn antriffst. Wir Jäger
leben so lange Zeit im Walde, daß wir auch hinter allerlei Geheimnisse der
Natur kommen und da kann ich dir selbst deinen Wunsch erfüllen. Hier hast
du ein Wurzelmännchen; das soll der Vater an einer seidenen Schnur am Halse
tragen und er wird gesund davon werden. Und nun geh' ruhig heim, du
fröhliches Herz.« --
Der kleine Peter hatte keine Zeit, sich bei dem guten Alten zu bedanken,
der mit großen Schritten über das Haidekraut, hinschritt und dabei sich
immer höher und höher ausdehnte, bis sein Kopf eine Wolke erreichte, worin
alsdann die ganze Gestalt verschwand. -- Das kam unserem kleinen Freunde
doch gar zu wunderlich vor und er lief, was er konnte, nach dem Dorfe
zurück, sein Wurzelmännchen fest in der Hand, das er sich gar noch nicht
einmal angesehen hatte.
Die Muhme kam ihm schon in der Tür mit einem grimmigen Gesicht entgegen.
»Unkraut verdirbt nicht,« murmelte sie zwischen den Zähnen und
bewillkommnete den kleinen Peter mit einem tüchtigen Puffe. Da öffnete er
die Hand, um ihr das Wurzelmännchen zu zeigen, und kaum hatte sie einen
Blick darauf geworfen, als sie in ein schallendes Gelächter ausbrach und
wie von der Tarantel gestochen umherlief. Peter sah ganz erstaunt bald die
Muhme, bald das Geschenk des alten Jägers an und wußte gar nicht, was jener
in den Sinn komme. Die Wurzel sah zwar komisch genug aus, denn sie glich
vollkommen einem kleinen mißgestalteten Männchen, mit langen Spinnenbeinen
und ebensolchen Armen; Kopf und Rumpf waren dagegen ganz unförmlich dick
und das Gesicht war eine boshaft grinsende Karrikatur. Ein Zopf, der länger
war, als das ganze kleine Wesen, vollendete die höchst wunderliche Gestalt
des Wurzelmännchens, aber bei alledem begriff Peter nicht, warum die Base
gar so unbändig lache. Er trat also ganz nahe zu ihr hin, um ihr den
Gegenstand ihrer Lachlust besser zu zeigen, aber da ward sie völlig außer
sich, die Tränen stürzten ihr aus den Augen und sie fiel ganz atemlos auf
das Bett des Kranken, wobei sie fortfuhr, immer lauter und heftiger zu
lachen.
Da fiel es dem kleinen Peter plötzlich ein, wie er ja einmal gegen den
wunderbaren Jägersmann geäußert hatte, er wünsche, daß die Muhme einen
ganzen Tag lachen und springen müsse, und nun konnte er nicht länger
zweifeln, daß Rübezahl selbst ihm unter jener Gestalt erschienen sei und
seinen Wunsch erfüllt habe. Sein nächster Gedanke war, daß nun auch gewiß
sein Vater gesund werden würde, denn der Berggeist hielt immer sein Wort;
und so band er denn geschwind das Wurzelmännchen dem Vater um. Dabei kam er
der Muhme wieder nahe, die noch immer halbtot über den Füßen des Kranken
lag; wie unsinnig sprang sie jetzt auf, rollte sich auf der Diele hin, und
als sie an die offene Tür der Stube kam, sprang sie hinaus und ins Dorf
hinunter. Noch aus der Ferne hörte man ihr schallendes Gelächter.
Von Stund an ward der Kranke gesund, und als Peter ihm nun erzählte, wie
sich alles zugetragen hatte und auf welche Weise er mit Rübezahl
zusammengekommen war, gingen dem Vater die Augen auf, wie unrecht die böse
Muhme dem kleinen Peter getan hatte, und er beschloß, daß sie nie wieder
ins Haus kommen solle. Die Muhme aber blieb von selbst weg, denn sie hatte
den halben Tod von dem lustigen Tanze gehabt, den ihr Peter verschafft
hatte und keine Macht der Welt brachte sie mehr in die Nähe des kleinen
Burschen, von dem sie glaubte, er habe sie verzaubert. Sie zog ganz aus dem
Dorfe, viele Meilen weit, und Peter hatte nur gute Tage, denn der Vater
ward wieder gesund und stark, und da er einstmals unter einer Baumwurzel,
die er ausrodete, einige alte Goldstücke fand, konnte er sich ein Stück
Acker und eine Kuh kaufen. Ja, es war ein so sicherer Segen auf allem, was
er tat, daß er bald der wohlhabendste Bauer im Gebirge wurde, und der
kleine Peter konnte im Winter manches Körnlein Futter für die lieben
Vöglein ausstreuen oder auch im harten Winter für die Rehe und Hirsche in
den Wald tragen. Die Muhme starb vor Neid und Mißgunst, Peter aber lebte
lange und glücklich und behielt seinen Frohsinn und Übermut bis an sein
Lebensende, ja er schenkte sogar der alten Muhme, die ihm so viel Böses
getan, ein freundliches Andenken, er war stets fröhlich und guter Dinge und
erzählte immer mit besonderer Freude die Begebenheit mit dem wunderbaren
Jägersmanne.
Die Reise nach Karlsbad.
Eine reiche Gräfin, die gewöhnt war, den Sommer in irgend einem Badeorte,
den Winter aber in Breslau zuzubringen, begab sich mit ihren beiden
Töchtern nach Karlsbad, weil sie einer Badekur, die jungen Damen aber der
Badegesellschaft bedürftig waren und deshalb so eilig reisten, daß sie Tag
und Nacht nicht rasteten, um Bälle, Ständchen und Promenaden desto früher
zu genießen. Beim Sonnenuntergang kamen sie ins Riesengebirge, und da es
ein schöner, warmer Sommerabend war, an dem sich kein Lüftchen regte,
beschlossen sie, die schöne, sternenhelle Mondnacht hindurch zu fahren. Der
Wagen war außerdem so bequem eingerichtet und bewegte sich bergan so
langsam vorwärts, daß Mutter und Töchter samt der Zofe recht behaglich
schlummerten. Johann allein, der neben dem Postillon auf dem Kutschbocke
saß, konnte wegen seiner freien und gefährlichen Stellung nicht schlafen
und würde es auch schon aus Furcht nicht getan haben, denn ihm fielen alle
die wunderbaren Geschichten von Rübezahl ein, die er gehört hatte, und er
verwünschte im geheimen die abenteuerliche Idee seiner Gebieterin, das
Reich des furchtbaren Berggeistes in der einsamen Nacht zu durchkreuzen.
Wie viel lieber wäre er in Breslau daheim gewesen, wo er niemals etwas von
so großen und mächtigen Geistern gehört hatte. Er sah ängstlich nach allen
Himmelsgegenden aus, und wenn seinem Auge ein auffallender Gegenstand
begegnete, zitterte er wie ein Blatt im Winde. Er fragte mehr als einmal
den Schwager Postillon, ob es hierherum auch geheuer sei, aber doch konnte
er sich bei der Zusicherung desselben, daß gar nichts zu befürchten wäre,
nicht beruhigen.
Seine Befürchtungen wurden aber bald zur wirklichen Angst, als der
Postillon plötzlich die Pferde anhielt und einen Fluch zwischen den Zähnen
murmelte. In der Entfernung von kaum zehn Schritten stand mitten im Wege
eine übernatürlich große Gestalt, mit schwarzem Mantel und mit einem
weißen, weithin schimmernden Halskragen, aber -- ohne Kopf! -- Diese
schreckliche Erscheinung stand augenblicklich still, wenn der Postillon die
Pferde anhielt und lief rasch voraus, sobald dieser die Peitsche schwang,
um weiterzufahren. »Schwager, was ist das?« schrie Johann in größter Angst.
»Sei still,« sagte dieser kleinlaut, »damit wir den Spuk nicht irren?«
Aber der entsetzte Diener hielt es auf seinem freien Posten nicht länger
ruhig aus, wo er sich der Gefahr zumeist ausgesetzt glaubte, und klopfte
heftig an die Fenster des Wagens. Hat die Gräfin, dachte er, die tolle Idee
gehabt, hier in der Nacht zu reisen, so kann sie nun auch Rat schaffen, wie
wir aus der Gefahr kommen.
Unwillig fuhr die Gebieterin aus ihrem sanften Schlummer auf und fragte,
was es gäbe? »Ei, Ihro Gnaden, da geht einer ohne Kopf,« stammelte der
Bediente und seine Zähne schlugen zusammen.
»Und darum weckst du mich, Einfaltspinsel? Als ob man das nicht täglich in-
und außerhalb Breslaus sehen könnte.« Sie belachte ihren eigenen Witz, aber
die beiden Fräulein konnten nicht mit einstimmen, denn auch ihnen fielen
zum größten Schreck alle Rübezahl-Märchen ein und sie riefen einstimmig:
»Das ist der Berggeist, Mama, wir sind mitten auf dem Riesengebirge.«
Die Geister aber schienen bei der Gräfin in keiner besonderen Achtung zu
stehen, denn sie lächelte über die Furcht der Töchter und verspottete die
bekannten Spukgeschichten, die sie die Ausgeburten kranker Einbildung
nannte, ward aber in ihrer Erklärung plötzlich unterbrochen, als der
Schwarzmantel, der einen Augenblick im Gebüsch verschwunden war, wieder in
das helle Mondlicht heraus, dicht an den Weg trat.
Ein Schrei des Entsetzens ward im Wagen gehört und die seidenen Vorhänge
hastig vor die Fensterscheiben gezogen. Der schreckliche Unbekannte
beunruhigte aber die Damen nicht weiter, sondern begnügte sich, den
Bedienten samt dem Postillon vom Bocke herabzustürzen, wobei ihm die Furcht
der beiden Männer sehr zu statten kam, und schrie dem betäubten Postillon
unter einigen derben Faustschlägen ins Ohr: »Nimm, das vom Rübezahl, weil
du so dreist in mein Gehege fuhrst; dein Roß und Geschirr sind mir
verfallen.« -- Hierauf schwang sich das kopflose Ungetüm auf den Sattel,
trieb die Pferde an und fuhr so rasch über Stock und Stein, daß man vor dem
Rasseln der Räder das Angstgeschrei der Damen nicht hörte.
Da vermehrte sich plötzlich die nächtliche Reisegesellschaft noch um eine
Person; es trabte nämlich ein Reiter neben dem Fuhrwerk hin, der es gar
nicht zu bemerken schien, daß dem Fuhrmann der Kopf fehle, und ritt neben
dem Wagen her, als gehöre er dazu. Dem Schwarzmantel schien dieser
Gesellschafter eben nicht willkommen zu sein; er lenkte die Pferde nach
einem andern Wege, bog bald links, bald rechte um, konnte aber den
rätselhaften Begleiter nicht los werden Noch viel ängstlicher ward dem
Fuhrmanne aber zu Mute, als er bemerkte, daß dem Schimmel ein Fuß fehle und
dieser doch so lustig neben ihm her trabte.
»O weh, das ist der _rechte_ Rübezahl,« seufzte er ängstlich, »und meine
Rolle als Rübezahl wird nun bald aus sein, nun der sich in daß Spiel
mischt!«
Jetzt lenkte der Reiter sein dreibeiniges Roß ganz nahe an den Fuhrmann und
fragte ihn ganz zutraulich: »Landsmann ohne Kopf, wohin des Weges?«
»Immer der Nase nach,« antwortete dieser mit furchtsamem Trotz. Da fiel der
Reiter den Rossen in die Zügel und rief: »Halt, Gesell!« packte ihn am
Genick und warf ihn so kräftig zur Erde, das ihm alle Glieder knackten. Der
kopflose Fuhrmann hatte, wie es sich nun ergab, Fleisch und Bein, wie jeder
andere Mensch und wimmerte ganz kläglich, als ihm der Reiter die Maske
abriß. Da er nun sah, daß er in die Hände des mächtigen Berggeistes geraten
war, dessen Person er eben dargestellt hatte, ergab er sich auf Gnade und
Ungnade.
Diese Demut war sein Glück; denn der Gnom war so ergrimmt, daß er ihn ohne
Zweifel zermalmt haben würde, wenn er noch ein Wort zu reden gewagt hätte.
»Sitz auf,« herrschte er ihm jetzt zu, »und tue, was ich dir befehlen
werde.« Nun zog er geschwind den vierten fehlenden Fuß seines Schimmels aus
den Rippen desselben und trat an den Wagenschlag, um sich den Damen ganz
höflich vorzustellen.
Aber diese lagen sämtlich ganz betäubt und besinnungslos in den Polstern
und gaben kein Zeichen des Lebens. Der Reiter schöpfte aus einer
vorüberrieselnden Bergquelle frisches Wasser und sprengte dies den Damen
ins Gesicht, wodurch sie auch sämtlich wieder zum Leben gebracht wurden. Es
beruhigte sie sehr, einen so feinen, wohlgestalteten Mann in ihrer Nähe zu
haben, von dem sie auch ritterlichen Schutz erwarten durften und sie wurden
ganz frei von Besorgnis, als er sagte: »Ich bedauere die Damen sehr, die
von einem entlarvten Bösewicht erschreckt worden sind, der ohne Zweifel die
Absicht hatte, sie zu bestehlen. Jetzt sind Sie in Sicherheit; ich bin der
Oberst von Riesental und erlaube mir, Sie in meine Wohnung zu geleiten, die
ganz in der Nähe ist.«
Mit Freuden ward dies freundliche Anerbieten von den Damen angenommen. Der
Oberst ritt indes wieder neben dem eingeschüchterten Fuhrmann her, hieß ihn
bald links, bald rechts einen Weg einbiegen und fing zwischendurch einige
Fledermäuse mit der Hand auf, denen er einen geheimen Auftrag zu geben
schien, und die er dann wieder freiließ.
So mochte die Fahrt wohl über eine Stunde gedauert haben, als sich in
einiger Ferne Lichtschimmer zeigte und vier Jäger mit brennenden
Windlichtern herangesprengt kamen, um ihren Herrn zu suchen. Die Gräfin
ward dadurch vollständig beruhigt und bat Herrn von Riesental, einige
seiner Leute nach ihrem armen Johann auszuschicken, was auch sogleich
geschah. Bald darauf rollte der Reisewagen über eine Zugbrücke durch ein
altertümliches Burgtor und hielt vor einem hell erleuchteten Palaste. Der
Reiter sprang ab und bot der Gräfin den Arm, worauf er sie in ein
Prunkgemach führte, in dem schon eine große Gesellschaft versammelt war.
Die jungen Damen waren trostlos darüber, in ihren sehr zerdrückten
Reisekleidern in einen so glänzenden Zirkel treten zu sollen und der
Hausherr bemerkte ihre Verlegenheit kaum, als er sie in ein Kabinett treten
ließ, darin alles Nötige zur Herstellung ihrer Toilette vorbereitet war.
Sechs Kerzen brannten vor dem großen Ankleidespiegel, feine Seifen,
Riechwasser, Haaröl und dergleichen lagen auf dem kostbaren Waschtisch und
die feinsten Schuhe und Handschuhe fehlten ebensowenig.
Den jungen Damen hätte nicht leicht ein angenehmeres Abenteuer begegnen
können, und sie traten daher ganz frisch und fröhlich in die Gesellschaft,
wo sie sich auch bald recht wohl gefielen. Es ward viel über die Gefahr
gesprochen, in welcher sich die Reisenden befunden hatten und der
aufmerksame Wirt stellte den Damen sogleich einen Arzt vor, der nach ihrem
Gesundheitszustande nach einem so großen Schreck fragte und mit bedeutender
Miene den Puls der Gräfin prüfte.
Endlich sagte er mit ziemlich bedenklichem Kopfschütteln, daß er die
schlimmsten Folgen von der ungewöhnlichen Aufregung befürchten müsse, wenn
die Damen sich nicht entschließen würden, sogleich einen Aderlaß zu
erlauben. Die Gräfin zitterte für ihr Leben und willigte sogleich ein; bei
den jungen Damen hielt es aber weit schwerer und es bedurfte des
mütterlichen Befehls, um sie dazu geneigter zu machen.
Der Arzt kehrte sich nicht an den sichtlichen Widerwillen der Damen und
machte sie für die ersten acht Tage unfähig einem Balle beizuwohnen.
Nachdem diese energische Kur vorüber war, ging die Gesellschaft zur Tafel
und ein fürstliches Mahl war für sie aufgetischt. Auch schienen die Tische
unter der Last des Silbergerätes brechen zu wollen und die köstlichsten
Speisen, die ausgesuchtesten Weine und der Jahreszeit nach ganz
ungewöhnliche Früchte wurden verschwenderisch aufgetragen. Als das bunte
Dessert gebracht wurde, erstaunten die Gräfin und ihre Töchter nicht wenig,
ihr ganzes Abenteuer in Zucker und Tragant dargestellt zu sehen. Voller
Bewunderung der Schnelligkeit, womit dieses kleine Kunstwerk entstanden und
der Zierlichkeit, mit der es ausgeführt war, fragte die Gräfin ihren
Tischnachbar, einen böhmischen Grafen, was für ein Galatag hier gefeiert
werde und erhielt zur Antwort, die Gäste hätten sich nur zufällig getroffen
und es sei nur ein kleines, freundschaftliches Mahl, wie es der Hausherr
täglich gewohnt sei.
Diese Nachricht vermehrte die Freude der Damen, sich in so guter
Gesellschaft zu befinden und die Gräfin war nur erstaunt, daß sie nie zuvor
von einem so reichen und gastfreien Manne gehört oder ihn in Breslau
gesehen habe. So bewandert sie auch in der Familiengeschichte des ganzen
deutschen Adels war, konnte sie doch in ihrem Gedächtnis keine Familie von
Riesental auffinden. Dieser Ideengang ward unterbrochen, als man allerhand
Märchen von Rübezahl zu erzählen anfing, und die Gräfin nahm sogleich
Gelegenheit, ihren Zweifel an dem wirklichen Vorhandensein des Berggeistes
unter allerlei witzigen Bemerkungen auszusprechen.
»Mein soeben erlebtes Abenteuer ist der beste Beweis, woher alle diese
Geschichten entstehen,« sagte sie, »und daß der Berggeist nur in den Köpfen
der Furchtsamen spukt. Wenn er hier im Gebirge wirklich herrschte und
hauste, würde er alsdann so ungestraft geduldet haben, daß ein Schurke
unter seinem Namen solchen Unfug treiben durfte? Der arme Geist konnte
seine eigene Ehre nicht retten und ohne den ritterlichen Beistand des Herrn
von Riesental hätte ein frecher Bube uns beraubt und vielleicht ermordet.«
Der Hauswirt widersprach eben in einem Scherz und höflicher Weise, indem er
noch anriet, den Herrn vom Berge nicht so ganz für ein Unding zu halten,
als er durch das Eintreten Johanns unterbrochen wurde, der wieder ganz
mutig aussah, nun er sich in so sicherer Umgebung erblickte und
triumphierend das Haupt des Schwarzmantels mitbrachte, welches dieser
während der Mummerei unter dem Arme getragen und später verloren hatte. Zur
großen Belustigung der Gäste ergab es sich, daß es nur ein ausgehöhlter
Kürbis war, der mit Sand und Steinen angefüllt, mit einer hölzernen Nase
und einem langen Flachsbarte ausgeschmückt war und so einem recht
fürchterlichen Menschenantlitze glich.
Nach einer in den weichsten Daunen zugebrachten Nacht verließen die Damen
am andern Morgen das gastliche Schloß, ganz entzückt von der Aufnahme, die
sie daselbst gefunden hatten. Herr von Riesental, nachdem er vergeblich
versucht hatte, seine Gäste noch einen Tag bei sich zu behalten, geleitete
sie höflich bis an die Grenze seines Gebietes, doch mußten ihm die Damen
versprechen, auf der Rückreise wieder einen Besuch bei ihm abzustatten.
Als nun der Gnom wieder in seiner Burg anlangte, wurde der arme Schelm
herbeigeführt, der seine Rolle auf so unglückliche Weise gespielt hatte.
»Elender!« donnerte ihn der Geist an, »wie wagtest du es, in meinem
Bereiche eine so sträfliche Gaukelei zu verüben? Dafür sollst du mir
lebenslang büßen. Wer bist du, und was trieb dich ins Gebirge, um als Geist
darin zu spuken?«
»Großer Geist des Riesengebirges, vergib,« sagte der Schlaukopf mit großer
Unterwürfigkeit, »ich habe das Gesetz nicht gekannt, was mir verbietet,
deine Person vorzustellen. Ich kann dir sagen, daß dies an den meisten
Orten geschieht; bald wandelst du mit einer großen Rübe auf den
Maskenbällen umher, bald trägt man dich aus Kokosnuß geschnitzt oder aus
Gips geformt zum Verkaufe umher. Aber nun ich weiß, daß du es ungern
siehst, soll es gewiß niemals wieder geschehen, vergib mir nur diesmal,
mächtiger Geist! -- Ich bin von Profession ein Beutler, aber es ging mir zu
trübselig bei diesem Gewerbe. Wie viele Beutel ich auch nähte, der meine
blieb immer leer, obgleich die Leute sagten, ich hätte eine glückliche
Hand, denn in den von mir gearbeiteten Beuteln halte sich das Geld länger,
als in anderen. Der Pfiff lag aber darin: ein lederner Geldbeutel ist immer
besser, als ein von Seide gestricktes Netz. Warum? Nun seht, die ledernen
Beutel werden meist von den Ackerwirten und armen Handwerkern gekauft, die
sind denn von Haus aus keine Verschwender; aber die feinen, durchsichtigen
Börsen befinden sich nur in vornehmen Händen und da ist es kein Wunder,
wenn sich das Geld nicht gut darin hält; die Gelegenheit ist immer bei der
Hand, daß es herausrinnt so viel auch hineingeschüttet werde.« --
»Nun, und weiter,« sagte Rübezahl, der es nicht ganz verbergen konnte, daß
ihn die Erzählung des Burschen belustigte.
»Nun, es gab Teuerung im Lande und da ich gute Ware für schlechtes Geld
geben mußte, arbeitete ich mich an den Bettelstab und ward endlich in den
Schuldturm geworfen. Als ich wieder frei ward, gab mir niemand Arbeit und
ich mußte in die weite Welt wandern. Da begegnete mir einer meiner alten
Kunden, der ganz stattlich aussah und auf einem schönen, Pferde ritt. »Ei,
ei, Franz!« lachte er, »hast du es noch immer nicht weiter gebracht; willst
du mit mir gehen, so will ich dich lehren, den Beutel immer voll Geld zu
haben.« -- Das war mir eben recht und ich kümmerte mich nicht sonderlich
darum, ob sein Gewerbe ehrlich war. Der Gesell aber machte falsches Geld
und ich ward bald so geschickt in dieser freien Kunst, als er selbst; alles
war im besten Gange, da wurden wir eingefangen und auf Lebenszeit zur
Festung verurteilt.«
»Da lebte ich eine lange, aber keine gute Zeit, bis endlich ein
Werbeoffizier kam und die Gefangenen zu Soldaten machte, denn es war Krieg
im Lande. Ich war den Tausch auch wohl zufrieden, aber ich hatte wieder
Unglück; als ich einmal auf Fouragierung ausgeschickt wurde, griff ich zu
weit in meinem Auftrage und fegte nicht nur Speicher und Scheuern, sondern
auch Kisten und Kasten in den Häusern aus. Es, war ein schlimmer Zufall,
daß es gerade in Freundes Land war und nun gab es ein weitläufiges Gerede,
ich mußte Spießruten laufen und ward aus dem Soldatenstande fortgejagt, in
dem ich doch so leicht mein Glück hätte machen können.«
»Jetzt hatte ich wieder keine Aussicht, als zu meiner Profession
zurückzukehren; da ich mir aber kein Lager einkaufen konnte, fiel ich auf
den Gedanken, einmal meine früheren Arbeiten nachzusehen, ob sie sich auch
gut gehalten hätten. Ich sann nun immer darauf, einen Beutel zu erwischen,
wobei es sich freilich traf, daß manchmal noch Geld darin war, aber das war
ja nicht meine Schuld; und oft war der Beutel auch nicht von meiner Arbeit,
aber ich konnte ihn doch nicht mehr ohne Gefahr an den alten Ort
zurückbringen und war also gezwungen, ihn zu behalten. Alte Bekannte fand
ich auch manchmal unter dem fremden Gelde, nämlich von unserer falschen
Münze, mit der die Leute einander immer noch anführten, indes wir schon
unsere Strafe dafür weg hatten. Ich besuchte nun die Messen und Märkte und
machte zuweilen recht gute Geschäfte, aber wer einmal Unglück haben soll!
Es war recht, als sollte es nicht sein, daß ich länger so fort lebte. -- In
Liegnitz fiel mir der Beutel eines reichen Krämers auf, der sehr reichlich
gespickt war; aber das war eben das Unglück, denn er war zu schwer und fiel
mir bei dem angewandten Kunstgriff aus der Hand. Da ward ich ergriffen und
als Beutelschneider vor Gericht geführt; ich sagte, das sei ja mein
gelerntes Handwerk und wies mich durch Kundschaft und Lehrbrief darüber
aus; aber den Herren vom Gericht war nicht gut zuzureden, ich wurde
eingesperrt, ersah mir aber glücklich die Gelegenheit und entwischte
wieder.«
»Anfänglich hungerte ich, das gefiel mir aber auf die Länge nicht, dann
machte ich einen Versuch mit betteln, es geriet aber auch nicht. Die
Polizei in Groß-Glogau hinderte mich auch daran, und ich mußte wieder ein
paar Tage brummen. Von nun an vermied ich die Städte und genoß die
Landluft, die mir besser bekam; da kam mir die Gräfin in den Weg, an deren
Wagen etwas zerbrochen war. Der Bediente schimpfte gewaltig, daß man nun
gerade in der Nacht aufs Riesengebirge kommen würde, wo doch der gewaltige
Herr Rübezahl hause. Das brachte mich auf den Einfall, seine Zaghaftigkeit
zu benutzen und eine Geisterrolle zu spielen. Beim Küster verschaffte ich
mir den schwarzen Mantel, und ein Kürbis, der auf dem Kleiderschranke
stand, diente mir als Kopf, den ich nach Willkür aufsetzen und abnehmen
konnte, um die Reisenden noch mehr zu erschrecken. Wenn mir die Sache
geglückt wäre, hätte ich die Damen in den tiefen Wald gefahren und mir ihr
Geld und sonstige Kostbarkeiten ausgebeten. Ein größeres Leid hätte ich
ihnen nicht angetan. Vor euch, Herr, habe ich mich, aufrichtig gesprochen,
am wenigsten gefürchtet. Die Kinder glauben ja kaum mehr an euch, so
aufgeklärt ist jetzt die Welt, und ihr werdet bald ganz vergessen sein. Ich
dachte es müsse euch lieb sein, daß ich euch wieder in Erinnerung gebracht
habe und darum seid nicht ungnädig gegen mich. Es wäre euch gerade etwas
leichtes, einen ehrlichen Kerl aus mir zu machen. Lasset mich einen Griff
in eure Braupfanne tun, oder schenkt mir, wie jenem hungrigen
Handwerksburschen, eine Hand voll Schlehen aus eurem Garten. Der arme
Schelm hat sich zwar zwei Vorderzähne an eurem Obst abgebissen, aber dafür
haben sich auch die Schlehen in eitel Gold verwandelt. Vielleicht ist es
euch auch genehm, eine Partie Kegel mit mir zu schieben, wie mit jenem
Prager Studenten, dem ihr alsdann einen Kegel schenktet, der auch von Gold
war; oder wenn ihr mir durchaus eine Strafe für mein Unrecht zudenkt, so
machst es doch mit mir, wie mit jenem Schuster, den ihr mit einer goldenen
Rute tüchtig durchgehauen, ihm aber auch nachher das Strafinstrument zum
Andenken geschenkt habt, wie die Handwerker noch auf ihren Gelagen zu
erzählen wissen.« --
»Schurke!« sagte Rübezahl, »ich habe dich geduldig ausreden lassen, aber
nun lauf', so weit deine Füße dich tragen. Du wirst auch ohne mich deiner
Strafe nicht entgehen.«
Mit Freuden erfüllte der Beutelschneider den zornigen Befehl des Herrn vom
Berge und pries seine Beredsamkeit, die ihn diesmal ganz allein aus seiner
mißlichen Lage gezogen hatte. Er lief so schnell, um aus der
Gerichtsbarkeit Rübezahls zu kommen, daß er in der Eile den schwarzen
Mantel vergaß; so rasch er aber auch sich fortbewegte, schien es doch
nicht, als ob er von der Stelle käme, denn immer umgaben ihn dieselben
Bäume und Felsen, nur die Burg des Herrn von Riesental war verschwunden.
Ganz abgemattet von der fruchtlosen Bestrebung, diesen Platz zu verlassen,
sank er endlich unter einen Baum und fiel in einen festen Schlaf! Als er
nach mehreren Stunden wieder erwachte, wunderte er sich, daß ihn noch immer
eine undurchdringliche Finsternis umgab und er weder das Säuseln der Luft
vernahm, noch ein Sternlein am Himmel blinken sah. Darüber sprang er auf
und erschrak nicht wenig, als er das Geklirr von Ketten hörte, mit denen er
selbst belastet war. In qualvoller Erwartung brachte er mehrere Stunden zu,
bis endlich ein wenig Licht durch das eiserne Gitter eines kleinen Fensters
fiel und er allmählich denselben Kerker wiedererkannte, aus welchem er
zuletzt entflohen war. Da aber niemand kam, um nach dem Gefangenen zu sehen
oder ihm Speise zu bringen, fing noch obendrein der Hunger ihn zu martern
an und er schlug verzweiflungsvoll mit seinen Ketten gegen die
wohlverwahrte Tür. Es währte lange, ehe sich der Gefängniswärter
entschließen konnte, in die Zelle zu gehen, die doch schon wochenlang leer
war; er glaubte, es gehe ein toller Spuk darin um und mit der größten Angst
öffnete er endlich die Tür, um die Ursache dieses ungewöhnlichen Lärmens zu
erforschen. Erst erschrak er sehr vor der Gestalt, die sich in dem dunklen
Gemache bewegte, als er aber seinen entwichenen Gefangenen erkannte,
verwunderte er sich noch weit mehr, denn er konnte nicht beigreifen, wie
dieser durch die verschlossene Tür und das vergitterte Fenster wieder an
seinen alten Platz gekommen sei. Jener aber behauptete, er habe sich
freiwillig wieder eingefunden; da er die geheime Gabe besitze, durch
verschlossene Türen ein- und auszugehen und seine Fesseln anwie abzulegen,
so befinde er sich nach seinem eigenen Willen hier.
Da es unbegreiflich blieb, wie der schlaue Dieb die Sache ins Werk gesetzt
hatte, mußte man endlich an seine wunderbare Kraft glauben; die Herren in
Liegnitz schickten ihn nun auf die Festung, wo er den Karren schieben mußte
und überließen es ihm, sich, wenn er wolle und könne, auch von dieser Kette
zu befreien; man hat aber mit Verwunderung bemerkt, daß er von seiner
geheimnisvollen Kraft bis zum Ende seines Lebens keinen weiteren Gebrauch
gemacht hat.
Die Gräfin war indes mit ihrer Begleitung wohlbehalten in Karlsbad
angelangt und ließ sogleich den Badearzt rufen, um ihn über ihren
Gesundheitszustand zu befragen. Da trat derselbe Arzt herein, den sie schon
auf dem Schlosse des Herrn von Riesental kennen gelernt, und der ihr den
Aderlaß verordnet hatte. »Ei, seien Sie uns willkommen!« riefen ihm Mutter
und Töchter freundlich entgegen; »wir vermuteten Sie noch bei dem Herrn von
Riesental und nun sind Sie uns doch zuvorgekommen; warum haben Sie uns denn
dort verschwiegen, daß Sie der hiesige Badearzt sind?« -- »Ach, Herr
Doktor!« seufzten die beiden Fräulein dazwischen, »Sie haben uns wohl die
Adern am Fuße durchgeschlagen; wir müssen jämmerlich hinken und werden nun
keinen Schritt tanzen können.«
Der Arzt stutzte. »Ihro Gnaden,« sagte er, »sind im Irrtum; ich hatte nie
zuvor die Ehre, Sie zu sehen, auch entferne ich mich während der Kurzeit
niemals von hier und kenne unter allen meinen Bekannten keinen Herrn von
Riesental.« --
Die Gräfin lachte über diese Verstellung, wie sie es nannte, und da sie den
Grund davon in dem Zartgefühl des Arztes zu finden meinte, der nur für
seine ihr schon geleisteten Dienste nicht bezahlt sein wollte, sagte sie:
»Ich verstehe Sie, lieber Herr Doktor, Ihr Zartgefühl geht aber zu weit, es
soll mich nicht abhalten mich für Ihre Schuldnerin zu bekennen und für
Ihren guten Beistand dankbar zu sein.« Dabei nahm sie eine schöne goldene
Dose aus ihrem Koffer und schenkte sie dem Doktor. Dieser nahm sie als eine
Vorausbezahlung der Dienste, welche er etwa der Gräfin noch würde leisten
können und widersprach ihr daher nicht mehr, weil er glaubte, die Kranke
leide an solchen Einbildungen und ihre Töchter stimmten nur aus Rücksicht
auf den Zustand der Mutter dem bei.
Bald war es in dem Badeorte bekannt, daß die Gräfin entweder schwachsinnig
oder eine Hellseherin sei, denn der Arzt, der sich immer bemühte, sich bei
seinen Patienten lieb und angenehm zu machen, hatte das kleine Abenteuer
während der Runde, die er am Morgen bei seinen Badegästen machte, vielfach
erzählt und alle waren neugierig, die fremden Damen kennen zu lernen.
Als die Gräfin mit ihren Töchtern das erste Mal in den Kursaal trat, war es
ihr ein höchst überraschender Anblick, die ganze Gesellschaft dort
wiederzufinden, in welche sie einige Tage zuvor vom Herrn von Riesental
eingeführt worden war; dadurch hatte sie gleich angenehme Bekannte und
schloß sich ohne weitere Zeremonie ihnen an. Aber sie fühlte sich verletzt
durch das fremde und kalte Benehmen der Damen und Herren, die vor kurzem
ihr so viel Vertrauen und Aufmerksamkeit bewiesen hatten; endlich fiel ihr
ein, das ganze sei ein verabredeter Scherz, bei dem Herr von Riesental die
Hand im Spiele habe und er würde durch sein plötzliches Erscheinen der
Neckerei ein Ende machen. Sie fragte daher täglich nach ihm und erzählte
mehreren neu angekommenen Gästen ihr Abenteuer auf dem Riesengebirge, durch
welches sie so viel angenehme Bekanntschaften gemacht habe, doch
merkwürdigerweise wollten die Herrschaften sie hier gar nicht
wiedererkennen, auch gar nichts von der Existenz eines Herrn von Riesental
etwas wissen.
Es war bald nur eine Stimme darüber, daß die Gräfin eine feine und
liebenswürdige Dame sei, daß sich ihre Gedanken aber alsdann verwirrten,
wenn sie an ihr vermeintliches Abenteuer erinnert würde. Man vermied daher,
sie auf diesen Gegenstand zu bringen, und die Gräfin, welcher der Scherz
doch auch zu weit ausgedehnt schien, sprach nun auch nicht weiter davon,
was der Arzt überall als eine Wirkung des Bades pries, das die Krankheit
der Gräfin mit so vielem Erfolge heile.
Als die Kur beendet war und sich die jungen Damen genug hatten bewundern
lassen, kehrten sie ganz zufrieden nach Breslau zurück. Absichtlich nahmen
sie wieder den Weg über das Riesengebirge, um dem gastfreien Obersten ihr
Wort zu halten und zugleich die Lösung des Rätsels von ihm zu empfangen,
weshalb die Gäste in Karlsbad ihr früheres Zusammentreffen mit der Gräfin
nicht hätten eingestehen wollen. Aber es wußte niemand den Weg nach dem
Schlosse des Herrn von Riesental nachzuweisen und sein Name war weder
diesseits noch jenseits des Gebirges bekannt.
Dadurch war die Gräfin doch endlich überzeugt, daß der Unbekannte, der sie
beschützt und so gastlich aufgenommen hatte, Rübezahl, der Berggeist,
gewesen sei. Sie hatte alle Ursache, mit der feinen Rache zufrieden zu
sein, die der Gnom ihrem Unglauben an seine Existenz erwiesen hatte und
verzieh ihm gern die Neckerei mit der Badegesellschaft, die ihr nun erst
erklärlich wurde. Wieder aber war es dem Berggeiste gelungen, die Menschen
an ihren empfindlichsten Stellen zu packen, und die Mutter mit ihrer
Spottlust, die Töchter mit ihrer Eitelkeit zu necken.
Wie Rübezahl die Übertretung seiner Gesetze bestraft.
Der Berggeist duldet es nicht, daß Hunde in sein Gebirge kommen, wie er
sich denn überhaupt im höchsten Gebirge die Jagd selbst vorbehalten hat.
Dies Verbot war allgemein bekannt, ohne daß man wußte, wer es zuerst
erfahren habe, und niemand wagte das Gebirge zu überschreiten, wenn er
einen Hund bei sich hatte. Einst aber zwang ein früherer Besitzer
Warmbrunns, ein Vorfahr des Grafen Schafgorsch, seinen Jäger, dem er in dem
wildesten Teil des Gebirges ein Haus hatte bauen lassen, auch einen
Jagdhund zu halten. Da ward es gleich in der ersten Nacht sehr unruhig um
die einsame Wohnung, die Türen klapperten und die Fenster klirrten, als
rüttle ein wütender Sturm daran, und doch bewegte sich draußen kein
Lüftchen. Der Jäger dachte, es sei wohl gar ein Erdbeben, das, wenn auch
selten, doch öfters in dieser Gegend vorkommt. Er stand auf und ging in die
finstere Nacht hinaus; dort war alles totenstill, nur die Sterne
schimmerten in prächtigem Glanz, in ihrer ewigen Majestät am dunklen
Himmel. Da aber, als er näher zusah, war es ihm, als ob derselbe sich öffne
und eine mächtige große Gestalt ihm mit einem Stocke drohe und als ob jeder
Stern den Kopf eines Hundes habe und ihn zornig ansähe. Geblendet kehrte er
ins Haus zurück und versuchte alles für Einbildung und Aufregung zu halten;
er zog die Decke weit über den Kopf und hörte nur noch wie der Hund erst
laut bellte, dann aber jämmerlich zu winseln anfing, bis auch dies immer
schwächer und ferner wurde. Als der Jäger am andern Morgen nach dem Hunde
sah, war dieser verschwunden. Tagelang suchte er vergeblich nach dem treuen
Tiere, bis er endlich nach einiger Zeit die zerstreuten Glieder desselben
in weiter Entfernung von dem Hause fand. -- Niemand wagt seitdem wieder, in
Rübezahls Gebiet Jagdhunde mitzubringen.
Das Rad.
Ein Kutscher rollte einmal ein Rad mit vieler Mühe durch das Gebirge. Er
hatte es eben eine steile Ebene hinaufgeschleppt und lehnte es an einen
Baum, in dessen Schatten er sich ganz ermüdet niederlegte und bald darauf
einschlief. Als er erwachte, hatte Rübezahl die Gestalt des Rades
angenommen, und als der Kutscher es weiterrollen wollte, konnte er es trotz
aller Anstrengung nicht von der Stelle bringen. Endlich konnte er es
wenigstens von dem Baume losmachen, an dem es wie festgenagelt gelegen
hatte, aber es fiel auch sogleich wieder zentnerschwer an die Erde. Als der
Kutscher erschöpft und fluchend vor Zorn alle Hoffnung aufgab, das Rad von
der Stelle zu bringen, stellte es sich mit einem Male wie von selbst
aufrecht, und als es der Kutscher berührte, rollte es mit größter
Schnelligkeit über Steingeklüfte und Baumwurzeln hin, den Berg hinab.
Keuchend mußte der Kutscher nachlaufen und sah mit Verwunderung, wie das
Rad mit gleicher Schnelligkeit bergauf und bergab rollte. Wenn er weit
zurück war, schien es sich langsamer zu bewegen, so daß er glaubte, es bald
erreichen zu können, wenn er aber nahe genug war, um es erreichen zu
können, rollte es mit unaufhaltsamer Eile weiter.
So lief das Rad, und der Kutscher dahinter her, über Berg und Tal, bis es
ihm endlich gelang, es zu ergreifen. Nun hielt er es mit aller Kraft fest;
aber das Rad fiel an die Erde und zog den Kutscher mit darnieder. Plötzlich
erhob es sich wieder und flog nun geschwind wie ein Pfeil durch die Luft,
bis es mit dem ganz erschöpften Kutscher vor dem Hause seines Herrn
niederfiel.
Wie Rübezahl sich eines armen Studenten annimmt.
In der Zeit, wo Rübezahl noch sein Wesen auf den Bergen trieb, da war's
freilich anders, als jetzt, da half's einem ungelehrten Burschen nicht zu
einem guten Amte, wenn einer seiner Vettern auch ein vornehmer Rat beim
Konsistorium oder im Reichstag war, da gab's auch noch nicht so viele
Hofräte wie jetzt, und doch war der gute Rat nicht so teuer. Es mußte jeder
etwas tüchtiges lernen, wenn er in der Welt fortkommen wollte und auch
damit hatte es noch Not genug.
Da gab es denn eine Menge arme Studenten, die fleißig hinter den Büchern
sitzen mußten, um endlich ein mageres Ämtchen zu bekommen und solchen half
der Rübezahl gern, wenn sie nicht etwa Raufbolde waren, die mit Sporen und
Peitsche Straß' auf Straß' ab lärmten, sondern still daheim saßen und
arbeiteten.
Ein solcher Student reiste einmal in den Sommerferien über das Gebirge und
ist in tiefen Gedanken. Ein Mann, der wie ein reisender Handelsherr
aussieht, gesellt sich dort zu ihm und fängt ein Gespräch mit ihm an. Da
zeigt sich denn der Student als wohl unterrichtet, und wie ihn der Fremde
teilnehmend über sein Schicksal befragt, setzt er sich nicht aufs hohe
Pferd, sondern erzählt treuherzig und unbefangen, daß er arm sei und nur
durch Unterricht und Abschreiben sich forthelfe, daß er noch eine arme
Mutter habe, die für andere Studenten wasche und koche, und wie er eben
jetzt recht sehr bekümmert sei, daß er sich ein gewisses Buch nicht
anschaffen könne, dessen er eben zu seinen Studien bedürfe.
Der Handelsmann hört ihm mit Teilnahme zu, sucht ihm Mut zuzusprechen und
freut sich, daß er gerade das nötige Buch besitze und mit sich führe. Dabei
ruft er seinen Diener, der ein großes Felleisen trägt, zieht das Buch
heraus und schenkt es dem Studenten. Wer ist nun glücklicher als dieser; er
hätte am liebsten gleich angefangen zu lesen, wenn er die Gesellschaft des
Reisenden nicht so lange als möglich hätte genießen wollen.
Als dieser sich aber endlich von ihm trennt, setzt sich der erfreute
Student unter einen überhangenden Stein und studiert fleißig in dem Buche.
Und so jeden folgenden Tag; es gab keinen emsigeren Arbeiter auf der ganzen
Hochschule.
Eines Tages kam einer seiner Bekannten und bot dem Studenten zehn Taler für
das Buch, damit könne er ja eine lange Zeit ohne Sorgen leben; aber dieser
behielt sein Buch und sagte, er wolle lieber ferner sich dürftig behelfen,
wenn er nur recht viel lernen könne und dazu sei ihm das Buch am meisten
behilflich. -- Ehe ein Monat verstrich, hatte der Student das Buch ganz
inne. Als er aber zu den letzten Seiten desselben kam, da lag ein Schein,
ein großer Geldschein zwischen den Blättern in ein sauberes Papier
eingeschlagen und darauf standen die Worte:
»Ein kleines Andenken an den Herrn vom Berge!« -- Nun konnte er ohne Not
seine Studien vollenden und ward ein sehr gelehrter Mann.
Wie Fischbach durch Rübezahls Hilfe erbaut worden.
Aus dem schönen Tale, zu dem die schlesischen Riesenberge den großartigen
Hintergrund bilden, erheben sich zwei hohe Granitkegel, die unter dem Namen
der »Falkenberge« bekannt sind. Auf einem derselben stand im zwölften
Jahrhunderte eine stolze Burg, in welcher ein gewaltiger Raubritter hauste,
Herr Prótzko, auch »der Falke vom Berge« geheißen. Das war ein gar wilder
Gesell und in der ganzen Gegend gefürchtet. Durch Spiel und Zechgelage
vergeudete er mit seinen Spießgesellen die Beute, die er den Reisenden und
Kaufleuten abgenommen hatte, und führte ein lustiges Leben in seiner festen
Burg.
Eines Abends saß er in seinem hohen Gemache und ließ den vollen Becher
unberührt vor sich stehen; seine Zechbrüder spotteten darüber, aber ein
wilder Blick des Ritters machte sie sogleich wieder stumm. Da kam eilig ein
Diener herein und meldete, wie auf der Straße von Schmiedeberg daher ein
schwer beladener Wagen komme, der sicher wertvolle Kaufmannsgüter brächte.
Mit wildem Geschrei sprangen die Raubritter von der Tafel auf und griffen
zu ihren Schwertern; nur Prótzko rührte sich nicht und ließ die wilden
Gesellen allein hinausstürmen in die finstere Nacht. Er war wohl sonst bei
solchem Tanze nimmer der letzte, heut aber war seiner sanften Mutter
Todestag, darum kam kein Scherz aus des Ritters Munde, kein Wein über seine
Lippe, und sein blutgewöhntes Schwert blieb in der Scheide. -- So war er
allein in dem stillen Gemache zurückgeblieben, darin er nun mit großen
klingenden Schritten auf und nieder ging. Endlich öffnete er das Fenster
und lehnte sich in die Nacht hinaus. Da hörte er das Stampfen der Rosse,
den wilden Ruf der Spießgesellen, und nun dazwischen ein Schrei der Angst,
der einen wunderbaren Eindruck auf den finstern Ritter machte.
»Sattle mein Roß, Knappe,« rief er in den Burghof hinab, griff hastig nach
seinem Schwerte und stürmte auch schon nach wenigen Minuten auf seinem
Streitrosse den steilen Weg vom Falkenberge hinab. Wie eine Wetterwolke
stob er gegen die Raubritter, und seine gute Klinge pfiff durch die Luft.
»Gebt den Gefangenen frei,« schrie er wild, als er einen Mann gebunden
zwischen den Pferden seiner Spießgesellen, sah, »laßt ihn seines Weges
ziehen, oder bei meinem Barte, ihr sollt meinen Arm fühlen!« --
Die Raubritter murrten, aber Prótzko war ihr mächtigster Verbündeter und
seine feste Burg ihr sicherster Zufluchtsort. Darum beschlossen sie, seiner
wunderlichen Laune nachzugeben, und banden den gefangenen Kaufmann los.
Aber dieser sank währenddessen zu Boden, denn er hatte bei seiner tapferen
Gegenwehr eine tiefe Wunde am Halse bekommen und sein Körper war bedeckt
mit Blut.
Prótzko neigte sich prüfend über ihn und eine seltene Regung des Mitleids
zeigte sich in seinem Gesicht. »Tragt den armen Mann auf euren Armen nach
meiner Burg hinauf, er soll dort Pflege und Wartung finden. Auch den Wagen
bringt hinauf, aber wer seine Hand an das Eigentum dieses Mannes legt, der
hat es mit mir zu tun!« rief er wild, und jeder sah es ihm an, daß er nicht
spaße.
»Der Falke liegt in der Mause,« höhnten die Raubritter leise, aber es wagte
keiner dem wilden Prótzko zu widersprechen, der schweigend und finster dem
Zuge voranritt nach seiner Burg. Dort ward der fremde Kaufmann so gut als
möglich gepflegt, seine Pferde gut versorgt, und die Kisten mit Waren, die
er mit sich führte, von dem Burgherrn selbst verwahrt.
Wochen vergingen, ehe der Kranke genaß und seine Reise weiter fortsetzen
konnte. Mit großem Danke schied er endlich von seinem mitleidigen Pfleger,
der ihm nicht nur seine reiche Ladung ungeschmälert verabfolgen ließ,
sondern ihm auch noch zwei seiner kräftigsten Pferde schenkte, auf daß er
rascher ans Ziel seiner Reise komme.
Aber die Spießgesellen des Ritters waren mit dieser unzeitigen Großmut sehr
unzufrieden und grollten, daß ihnen eine so gute Beute entgangen war, und
sannen auf eine Rache, wie sie ihm etwas anhaben könnten. Es war an einem
schwülen Sommertage, die Sonne verschwand grade blutrot hinter den Bergen
und vergoldete mit ihren letzten Strahlen die Zinnen der Burg. Prótzko saß
sinnend und allein in seinem Speisesaal und sah auf die Landschaft hinaus,
als sein treuer Burgvogt atemlos gelaufen kam und meldete: »Herr, die
Mannen des Herzogs Bolko umschleichen unsere Burg und haben gefährliche
Waffen bei sich.« Prótzko sprang, kaum seinen Ohren trauend, auf und befahl
die Tore zu schließen, die Zugbrücke herabzulassen und jedem Knappen auf
seinen Posten zu gehen. Lautlos und beobachtend standen sie da,
entschlossen, sich nicht zu ergeben, als ein plötzlicher, brandiger Geruch
ihnen die Vermutung brachte, daß sie verraten und Feuer in der Burg
angelegt sei. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich dasselbe durch das ganze
Schloß und in wenigen Minuten prasselten blauzüngelnde Flammen fast zu
allen Seiten des Daches hoch empor, und die Feinde drangen ein, so daß der
arme Ritter sich nur mit großer Not durch einen unterirdischen Gang retten
konnte.
Verlassen und verraten von treulosen Freunden irrte der Flüchtige nun durch
die Nacht, als er plötzlich jenen Kaufmann dem er so viel Gutes getan
hatte, in Fischertracht vor sich stehen sah.
»Kommt mit mir in meine arme Hütte, Herr Ritter,« sagte dieser freundlich
zu Prótzko, »sie wird euch sicher Schutz und Obdach gewähren. Ich bin durch
Unfälle aller Art arm geworden und lebe hier ganz einsam und still als
Fischer; hier wird niemand den tapfern Ritter vom Falkenberge suchen, und
ich kann euch einen Teil des Dankes abtragen, den ich euch schuldig bin.«
Prótzko verschmähte dies Anerbieten nicht. Sein Wirt versorgte ihn
reichlich mit Speise und Trank, als aber der Ritter am andern Morgen
erwachte, war dieser verschwunden und hatte ihm sein Fischergerät
zurückgelassen. Damit erwarb sich Prótzko nun seinen Unterhalt, während die
Mannen des Herzogs seine Burg völlig zerstörten und dann abzogen. Nun
durfte sich der Ritter mehr aus seinem Versteck wagen, um als Fischer seine
Beute feilzubieten, und lebte lange Zeit davon. Aber wenn er die Ruinen
seiner Burg sah, das zerstörte Nest des Falken, da ward sein Herz traurig.
Er sehnte sich nach einem ritterlichen Leben, und obschon er sein früheres
wüstes Treiben verabscheute, so schmerzte es ihn doch, sein treues Schwert
verloren und statt dessen die Angelrute in der Hand zu haben.
Traurig senkte er diese in das klare Bächlein, das unfern seiner Hütte
vorüberfloß; es war eben wieder der Todestag seiner Mutter, und schwere
Gedanken bedrückten Prótzkos Herz; da fing sich ein Fisch von ganz
ungewöhnlicher Größe an seinem Haken, den er nur mit der größten
Kraftanstrengung ans Land zu ziehen vermochte. Er mußte tief in den Bach
hinein waten, um den Fang herauszuholen; aber siehe da! von gediegenem
Golde war der köstliche Fisch, und nun erst ward es dem Ritter klar, daß
jener Kaufmann, dem er einst Güte und Milde hatte angedeihen lassen,
niemand anders, als der mächtige Geist der Riesenberge, Rübezahl, gewesen
sei.
Nun war er mit einem Male wieder reich und fand bald wieder Anhänger; er
begründete in dem weniger bewohnten, östlichen Gebirgstale ein neues
Schloß, an derselben Stelle, wo sein Zufluchtsort, die kleine Fischerhütte,
gestanden hatte. Mitten im Walde erhob sich bald die Burg des Ritters; er
gab ihr einen hohen Turm und mächtige Wälle und nannte dieselbe, in
dankbarer Erinnerung der Weise, wodurch ihm die Mittel dazu geworden waren,
Fischbach.
So entstand mit Hilfe des Berggeistes das schöne Dorf, welches jetzt, als
einer der interessantesten und berühmtesten Punkte des Gebirgstales, von
vielen Reisenden besucht wird und das Eigentum einer Fürstenfamilie
geworden ist.
Rübezahl macht einem Förster einen Zopf.
In dem Dorfe Brückenberg, das schon sehr hoch im Gebirge liegt, und wohin
der König von Preußen einst eine norwegische Kirche bringen und aufstellen
ließ, lebte vor langen Zeiten ein Förster, von dem die Rede ging, daß er
wacker aufzuschneiden verstehe, und seine Jagdgeschichten, die er den
Leuten stets sehr bereitwillig erzählte, erinnerten etwas stark an
Münchhausens wundervolle Begebenheiten. Oft log er den Bauern am Sonntag im
Wirtshause so viel vor, daß sie nicht mehr wußten, wo ihnen der Kopf stand;
Rübezahl hörte das, hatte aber lange Zeit Nachsicht mit dem Förster, weil
er sonst eine gute Haut war, den die Leute bis auf seine seltsamen
Jagdgeschichten auch recht gern hatten.
Einstmals aber hatte er seinen Gevatter, den Pfarrer in Seydorf, besucht,
und dieser gab ihm am Abende das Geleit. Während sie nun langsam den Berg
hinaufstiegen, der nach der Anna-Kapelle und den weiterhin liegenden
Gräbersteinen führt, kam der Förster auch wieder auf seine Jagdabenteuer
und fing zu erzählen an:
»Ihr könnt es mir glauben, Herr Gevatter, mir ist manches passiert, was
andere gern um vieles Geld erleben möchten, und nun sticht sie der Neid,
daß sie mir die helle Wahrheit nicht glauben mögen. Denkt nur einmal z. B.,
wie es mir in Polen ging, an dem ungeheuren Schlawer-See, wo die größten
Grausamkeiten von den Seeräubern verübt werden; mir schaudert noch die
Haut, wenn ich mich derselben erinnere. Aber das wollte ich eigentlich
nicht erzählen, sondern, wie ich im Dämmerlichte einmal hinaus in den Wald
gehe, da sehe ich ein braunes Tier, das sich langsam in der Schonung
hinbewegt. Halt, denke ich, das ist gewiß eine Kuh; ich war schon lange
ohne Fleisch gewesen, nahm mein Rohr an den Backen und Schoß. Stellt euch
nun aber mein Erstaunen vor, als ich hinspringe und einen Frosch -- einen
Riesenfrosch, so groß wie ein Ochs, getroffen habe.«
»Gevatter,« fiel ihm hier der Pfarrer in die Rede, »ihr werdet doch mit
euch handeln lassen; der Frosch wird denn doch wohl etwas kleiner gewesen
sein, als ihr mir weismachen wollt.«
»Nein, auch nicht einen Zoll breit habe ich ihn vergrößert, er war wie ein
tüchtiger Ochs; ich habe ihm die Haut abgezogen und sie gerben lassen.
Daraus ließ ich mir ein Paar Beinkleider, eine Weste und einen Pelzrock
machen, und sie ist so fest und wasserdicht, daß ich tagelang im Regen auf
dem Anstande stehen oder im Sumpfe waten kann, ohne mir nur die eigene Haut
feucht zu machen.«
»Ei! die Geschichte ist sehr merkwürdig und klingt genau, als ob sie nicht
wahr wäre.«
»Nicht wahr?« fuhr der Förster auf; »das haben mir schon viele außer euch
gesagt; aber wie werdet ihr staunen, wenn ich euch eine viel merkwürdigere
Geschichte erzähle. Ich hatte nämlich einen Vorstehhund -- für 200 Taler
hätte ich ihn schon vielmal verkauft --, der stand fest wie eine Mauer, und
diese Tugend war auch endlich die Ursache seines Todes. Hört nur, ich gehe
eines morgens in den Wald, nehme den Hund mit, bekümmere mich aber draußen
nicht weiter um ihn; Als ich nach Haus komme, ist der Hund nicht mehr bei
mir; er wird schon nachkommen, denk ich, und gehe ins Forsthaus. Die Nacht
vergeht, und ich rufe am Morgen meinen Hund, aber da ist er nirgends zu
finden, auch nicht im Walde. Ich streife den ganzen Tag durch die Felder,
durchsuche jeden Busch, pfeife und klopfe, aber immer keine Spur von dem
Hunde. Der ist gewiß in ein anderes Revier geraten und erschossen worden,
denk ich, und konnte das prächtige Tier lange nicht vergessen. Nun aber
hört, Herr Gevatter, was geschieht: das Jahr darauf gehe ich wieder im
Walde durch das junge Holz. Da sehe ich auf einem kleinen Rasenflecken
etwas Weißes und gehe darauf zu, aber -- denkt euch meine Verwunderung --
wie ich herankomme, sehe ich auf einem Flecke zwölf Vogelgerippe und davor
das Gerippe meines Hundes, denn ich erkannte ihn an den doppelten
Wolfsklauen. Der Hund hatte also hier eine Kette Rebhühner gestellt, und da
diese aus Furcht vor dem Hunde nicht aufzufliegen gewagt hatten, so war das
pflichttreue Tier vor und mit ihnen verendet.«
Der Pfarrer schüttelte lachend den Kopf. »Ihr findet das wohl sehr
wunderbar, Herr Gevatter?« fuhr der Förster fort, »und doch das Beste kommt
noch. Aus Anhänglichkeit an den treuen Hund lasse ich mir aus einem
Beinknochen desselben ein Pfeifenrohr machen, und habe diese Pfeife immer
im Walde mit. Da ich einstmals an einem kleinen Gebüsch hingehe und mein
Pfeifchen rauche, rückt es mich plötzlich am Munde, so daß alle Zähne
knacken. Ich nehme die Pfeife erschrocken aus dem Munde, aber da drückt es
mich ebenso stark am Arm und der Hand, womit ich sie halte. Das war mir
doch verdächtig, ich schaue die Wiese hinunter, und richtig, hinter dem
Gebüsch liegt eine ganze Kette Rebhühner. Nun erst geht mir ein Licht auf;
seht, so weit ging die seltene Natur des Hundes, daß der Knochen seines
Beines noch so gut vor den Rebhühnern stand, wie sonst der lebendige Hund.
Ja, so was kann nur unsereiner erleben!«
»Nein, das ist doch zu stark, Gevatter,« sagte der Pfarrer, »Wenn Ihr noch
mehr lügt, so fürchte ich, passiert etwas.«
Der Förster geriet über diese Worte ganz in Eifer und beteuerte immer
stärker, daß er nur die Wahrheit geredet habe; er könne über hundert Zeugen
aufrufen; sie wären nur schwer zusammenzubringen, sagte er.
Als die beiden Gevattersleute eben an der Brotbaude hinschritten, blieb der
Pfarrer zufällig einige Schritte zurück. »Gevatter,« rief er aus, »was
schleppt ihr denn da hinter euch?« --
Der Förster wendete sich um und sah ein langes, haariges Ding sich auf der
Erde hinschlängeln. »Es ist ein Zopf,« sagte der Pfarrer, »und euch
eingewachsen.«
»Ja, ein Zopf,« sprach plötzlich eine Stimme neben ihnen, »und den wirst du
tragen, mein Förster, bis du dir das Lügen abgewöhnt hast.« -- Es war
Rübezahl, der das sagte, und dann im Walde verschwand. Die beiden Männer
standen wie versteinert, bis sich der Pfarrer endlich leise auf den Rückweg
machte. Vergeblich suchte der Förster seinen Zopf los zu werden; wenn er
ihn abschnitt, wuchs er im Augenblick noch einmal so stark und lang, wie
zuvor. Es gab also kein anderes Mittel, um ihn los zu werden, als sich das
Lügen abzugewöhnen; das kam ihm freilich sauer genug an, aber was half's.
Er log auch endlich nimmer wieder, denn was der Mensch ernstlich will, das
kann er auch. Seit jener Zeit aber besteht die Redensart im Gebirge und ist
auch durch das Land bekannt -- jemandem einen Zopf machen!
Der alte Schäfer.
Nach allem Vorhergegangenen möchtet ihr nun wohl glauben, habe es sich
Rübezahl zum Grundsatz gemacht, das Böse zu bestrafen und nur den guten
Menschen Hilfe und Glück angedeihen zu lassen. Im Grunde aber handelte er
meist nach guter oder schlimmer Laune, und nicht immer war er mit Ersatz
und Schadloshaltung zur Hand, wo er durch seine Neckereien Schaden und
Unheil angerichtet hatte. Zuweilen erschreckte er ganz ohne Ursache eine
Gesellschaft Marktweiber durch allerlei abenteuerliche Tiergestalten,
lähmte den Reisenden die Rosse, zerbrach ein Rad und warf abgerissene
Felsstücke in den Weg, die nur mit großer Mühe wieder hinweggeschafft
werden konnten. Wer sich durch solche Neckereien zum Zorn und Unmut gegen
Rübezahl reizen ließ, den verfolgte er mit einem Steinhagel so lange, bis
er sein Gebiet verlassen hatte; oder ein Schwarm wilder Bienen umgab ihn
gleich einer dunklen Wolke, und der Wanderer ward von ihnen so geängstet,
daß er halbtot aus den Bergen zurückkehrte.
Nur mit einzelnen Menschen ließ sich der Berggeist zuweilen in ein Gespräch
ein, wobei sich aber jene sehr zu hüten hatten, eine allzu große
Vertraulichkeit zu zeigen, oder sich auf seine freundliche Gesinnung zu
verlassen. Man erzählt sich eine Begebenheit mit einem alten Schäfer, die
von Rübezahls Eigensinn und Grausamkeit den besten Beweis liefert. Mit
diesem Manne unterhielt sich der Berggeist oft, ja er leitete eine
förmliche Bekanntschaft mit ihm ein, und gern ließ er sich den einfachen
Lebenslauf des Hirten erzählen. Zum Dank dafür erlaubte er ihm, die Herde
bis an die Hecken seines Gartens zu treiben, was kein anderer zu tun wagen
durfte, verbot ihm jedoch ernsthaft weiter vorzudringen. Lange Zeit hielt
der Schäfer gewissenhaft dieses Verbot und begnügte sich, nur von weiter
Ferne hineinzusehen, als er aber ganz sicher in der Gunst des launenhaften
Gnomen sich glaubte, trieb er seine Schafe einstmals zu nahe an das Gehege
von Rübezahls Garten, daß einige der Tiere, denen die duftenden Kräuter
darin verlockend waren, hindurchbrachen und nun lustig auf dem verbotenen
Felde weideten. Darüber ward Rübezahl so sehr erzürnt, daß er die Herde
durch ein furchtbares Getöse dergestalt erschreckte, daß sie auseinander-
und den Berg hinabstürzte, wobei der größte Teil der Schafe verunglückte
oder sich verlief. Darüber ging der Wohlstand des Schäfers ganz zu Grunde,
von der Freundschaft Rübezahls wollte er nichts mehr wissen und härmte sich
tot.
Die drei Tischlergesellen.
Es wanderten einmal drei Schreinergesellen über das Hochgebirge, von denen
der eine das Fieber eben gehabt hatte und noch krank und matt war. Er war
aus Erfurt und die beiden andern aus Schneeberg. Der arme Bursche war so
müde, daß er kaum weitergehen konnte, aber es mußte doch immer wieder
vorwärts gehen, denn das Zehrgeld war den drei Gesellen gewaltig knapp, und
sie konnten nicht zu oft ein Nachtquartier machen auf dem Wege nach Prag,
wo sie Arbeit zu finden hofften.
Sie gingen eben am Hainfall hin, von dem bis zur Kapelle der heiligen Anna
zu Seidorf ein wundervoller Pfad hinführt; da seufzte der Erfurter: »Nun
kann ich nicht mehr weiter, ich muß ausruhen; geht ihr eure Straße, ich
will euch nicht länger eine Last sein.« --
»Warum nicht gar,« sagten die beiden andern Gesellen, »uns tut ein wenig
Ruhe auch wohl gut, und hier unter den Fichten ist kühler Schatten und
weiches Moos.«
Wie sie nun alle drei der Ruhe genossen, fiel nahe bei ihnen ein Schuß, so
daß sie erschrocken aufsprangen. Über ihnen, an einem Felsenrande, stand
ein Jäger, sah nach ihnen hin und verschwand. Bald darauf knackte und
prasselte es im Gebüsch und ein Reh, ganz mit Schweiß bedeckt, brach durch
die Zweige und stürzte nur wenig Schritte vor den drei Gesellen zusammen.
»Ei! das gibt auf viele Tage einen Braten,« sprach der eine, »und für die
Haut können wir manch gutes Nachtlager bezahlen.«
»Unrecht Gut gedeihet nicht!« sprach der Erfurter; »lasset das Reh liegen,
es ist ja nicht unser.«
»Dummbart!« lachten die Schneeberger, »soll es hier liegen und verwesen;
der Jäger hatte keinen Hund mit, der es aufspüren konnte, und so findet's
wohl nur ein anderer, der nicht so einfältig ist, wie wir. Nein, wir wollen
uns daran gütlich tun, und wenn du nicht teil daran haben willst, so ist es
uns um so lieber.«
Darauf brachen sie das Reh auf und warfen dem andern spöttisch die
Eingeweide zu. Der schob halb gedankenlos mit seinem Stabe das Gescheide --
so nennt der Jägersmann die Eingeweide des Wildes -- auseinander; da
blinkte und flimmerte es wunderbar, und er fand eine goldene Kugel, ja
endlich noch eine zweite und dritte darin.
Die Schneeberger erschraken nicht wenig darüber, denn nun kannten sie auf
einmal den Jäger und dachten: »Nun wären wir alle Not los, wenn wir nicht
das Eingeweide dem Erfurter zugeworfen hätten.« Aber der teilte seinen
goldenen Fund gewissenhaft mit den Reisegefährten, und diese trugen das Reh
voller Freude einer armen Witwe ins Haus, die sechs hungrige Kinder hatte.
Da war ein Festtag in der kleinen Strohhütte, und viele Tage lang aßen sie
von dem Fleische, das ihnen die drei Schreinergesellen geschenkt hatten,
die indes glücklich nach Prag und auch bald in Arbeit kamen.
Wozu es nützt, schweigend Unrecht zu ertragen.
Zwei ehrliche Drechslergesellen aus dem Vogtlande, die aus der Fremde in
die Heimat zurückgingen, stiegen über das Gebirge nach Böhmen zu. Als sie
eben recht ermüdet und besonders sehr durstig waren, sahen sie einen Baum,
der voller Äpfel hing, obgleich man sonst wohl selten hoch auf dem Gebirge
einen Obstbaum treffen mag. Ein Bäuerlein stand unter dem Baume und
schüttelte Äpfel, den fragen die Wanderburschen, ob sie wohl eine Mandel
davon zu kaufen bekommen könnten.
»Ei, warum nicht,« antwortete das Bäuerlein und gab jedem eine Handvoll für
einen Groschen.
Sie sind noch nicht weit gegangen, da beißen sie in ihre Äpfel, aber sie
sind hart wie Stein und wenn sie zwei aneinander schlagen, so klingt es
auch wie Kieselstein. »Der Bauer hat sich einen Spaß mit uns gemacht, die
Äpfel sind ja so hart, daß die Zähne ausbrechen, wenn man beißen will, ich
glaube, mit meinem Stemmeisen wären sie nicht klein zu bekommen,« sagt der
eine und schüttet die Äpfel an die Erde.
»Laß sie uns auf ein Häufchen tun und mit Moos und Gesträuch zudecken,«
sagte der andere, »damit niemand weiter dadurch angeführt werde, wie es uns
geschehen ist; die ausgebrochenen Zähne wachsen nicht wieder und was lange
leben will, braucht seine Zähne.« Und das tun sie nun in ihrer
Gutmütigkeit.
»Hör',« fängt dabei der erste wieder an, »ich glaube, das Bäuerlein war
kein rechter Bauer, sondern ist der Herr vom Berge gewesen, von dem man
sich so viel Schnurren erzählt. Nun, wir können zufrieden sein, daß er uns
nicht schlimmer mitgespielt.«
»Ei, du hast recht,« antwortete der andere. »Aber wir sind doch selber
schuld, daß er uns angeführt hat; es war dumm genug von uns, dort oben auf
der kahlen Höhe einen Apfelbaum zu vermuten, gedeiht doch nicht einmal eine
Kiefer dort.«
Während sie ihre steinigen Äpfel sorgfältig mit Erde und Blättern zudecken,
blitzt es zwischen dem Häufchen und es liegen zwei Goldstücke darin. Die
nahmen unsere guten Vogtländer mit vielem Danke und konnten's auch gar wohl
gebrauchen, denn sie hatten noch ein gutes Stück Weg nach Hause. Zum
Andenken an dieses Erlebnis steckte sich ein jeder noch einen Apfel in die
Tasche und nahmen ihn mit in die Heimat, wo der Anblick desselben sie oft
im Leben hinderte, was Dummes zu fragen und zu erbitten. Zu Golde wurden
die Apfel nicht, das brauchten die Gesellen auch nicht, denn sie verdienten
durch ihr Handwerk stets ihren Unterhalt.
Der Wanderstab.
Ein Wanderer kroch einst mit vieler Beschwerde unter den wild
zusammengehäuften Steinhaufen des einsamsten Gebirges einher. Er mußte,
nicht ohne Gefahr, von einem Abgrunde zum andern, von einem Felsen zum
andern springen und steile Höhen emporklimmen, während bald wieder ein
wilder Gebirgsbach seine Schritte hemmte.
»Es ist nur gut,« sagte er zu sich selbst, »daß ich meinen treuen Stab
mitgenommen habe, der mir schon durch manch langes Jahr gute Dienste
geleistet hat.« Bei diesen Worten setzte er ihn zwischen die Steine, um
einen reißenden Bach zu überspringen; aber knacks -- brach der Stab entzwei
und der Wanderer fiel ziemlich unsanft in den Bach. Ganz durchnäßt sprang
er wieder empor; da er sonst keinen Schaden genommen hatte, ärgerte ihn der
Verlust seines Stabes am meisten. »Wie soll ich nun von diesen steilen
Bergen wieder hinabkommen,« klagte er, »da ich meiner gewohnten Stütze
beraubt bin und auf dieser Höhe nirgends ein Baum gedeiht, aus dessen Ästen
ich mir einen neuen Stab schneiden könnte.«
Plötzlich sprach eine scharfe Stimme dicht hinter dem Wanderer: »Was fehlt
dir?«
Eine große Gestalt, in einen weiten Mantel gehüllt, stand jetzt neben dem
Erstaunten, der sich in dieser wilden Einsamkeit ganz allein glaubte; der
Wanderer aber erholte sich von seinem ersten Schreck und erzählte dem
Fremden von seinem unangenehmen Verluste.
»Und darüber wirst du so kleinmütig!« sagte dieser spottend; »hier hast du
meinen Stab, wenn du dich nicht getraust, ohne solchen wieder
hinabzukommen!« Damit entfernte sich der fremde Mann; und wie er so in dem
niedrigen Gestrüpp des Knieholzes hinschritt, schien er immer größer und
größer zu werden und endlich ganz in Nebel zu vergehen.
Der Wanderer achtete nicht viel darauf, sondern glaubte, die Entfernung
oder die Brechung der Lichtstrahlen hätten diese Täuschung hervorgebracht;
er war sehr erfreut über den schönen Stab, den der Fremde ihm geschenkt
hatte, und schritt dann rüstig weiter. Als er ein Stück Weges gegangen war,
fing der Stab an, ihm höchst beschwerlich zu werden; wo er ihn hinsetzte,
glitt er wieder aus und ward dabei immer schwerer und schwerer. Kurz, er
diente dem Wanderer nicht mehr zur Stütze, der mühsam die steilen Berge
hinabkletterte und den Stab dabei in der Hand trug. Er mußte aber bald mit
der rechten, bald mit der linken abwechseln, so schwer war der Stab,
zuletzt legte er ihn gar auf die Schultern und keuchte unter der immer
wachsenden Last langsam weiter. Aber auch so ward er zuletzt unerträglich
drückend und der Wanderer zog ihn langsam hinter sich auf der Erde fort, wo
er oft festgewurzelt zu sein schien und nur mit großer Anstrengung los zu
machen war. Endlich geriet der Stab durch Zufall zwischen die Füße des
Wanderers, und er umfaßte ihn mit beiden Händen, um nicht zu fallen.
Dadurch ritt er förmlich auf dem wunderlichen Stock, und nun flog dieser
mit ihm in gewaltiger Eile an den sieben Gründen, der Sturmhaube, dem hohen
Rad und den Teichen vorbei, immer wilder, immer schneller. Der Angstschweiß
tropfte dem unfreiwilligen Reiter aus allen Poren und er befahl seine Seele
Gott, denn wie leicht konnte der grausige Ritt ihn hinunter in die
Schneegruben reißen, wo er gewiß verloren war.
Endlich kam der Wanderer tief unter den Korallenfelsen in die Tannenwaldung
und der Stab hielt an. Fluchend warf er ihn weit von sich hinweg und sank
ermüdet und halbtot vor Angst auf das Moos in den kühlen Schatten nieder.
Kaum aber ward er sich seiner Sinne bewußt, als er seinen alten Stab, den
er am Morgen zerbrochen hatte, ganz und unverletzt zu seinen Füßen liegen
sah. Fröhlich nahm er ihn auf und wanderte weiter, bis er zu einer schönen
Gebirgswiese kam, die den Vordergrund zu einem freundlichen Dorfe gab, das
jetzt nahe war. Nun fiel es mit einem Male wie Schuppen von den Augen des
Wanderers, daß jener Fremde der Herr des Gebirges gewesen sei; und wie er
sich ähnlicher Erzählungen erinnerte, zweifelte er keinen Augenblick, daß
der Stab, den er ihm geschenkt, sich gewiß in Gold verwandelt hätte, und
darum auch so schwer geworden sei. Eilig lief er zurück, so ermüdet er auch
war, hastig durchsuchte er den ganzen Wald, durchspähte den kleinsten
Busch, aber -- der Stab war nirgends zu finden. --
Die gefärbten Badegäste.
Eine Gesellschaft fröhlicher Badegäste beschloß eines Morgens, noch einmal
die Koppe zu besteigen, ehe sie Warmbrunn verließen, um in ihre Heimat
zurückzukehren; es wurden Speisen und Weine eingepackt, denn dazumal war
man in den Bauden noch nicht auf Bewirtung eingerichtet, Führer und Träger
genommen und alsbald aufgebrochen. Der Morgen war schön und die Reisenden
waren fröhlichen Mutes; auch die Damen stimmten in den Gesang und das
scherzhafte Gespräch der Männer ein. So zogen sie in Giersdorf hinauf, bei
der Papiermühle in den Wald und so weiter. In der Schlingelbaude ruhten sie
und sprachen den mitgenommenen Speisen tüchtig zu, und dann ging es weiter
nach der Hampelbaude. Nun war der schwierigste Marsch überstanden und der
Kamm der Koppe bald erstiegen Bei der Teufelswiese gab es viel Gekreisch
und Gelächter, denn die weißen Strümpfe der Damen bekamen dort im Sumpfe
manchen Schmutzfleck, wenn sie neben die gelegten Steine traten; alles dies
erhöhte nur die allgemeine Fröhlichkeit.
Endlich stand die Gesellschaft auf der Koppe und erblickte die Welt im
Sonnenglanze zu ihren Füßen; nun stieg ihre Freude an der schönen Reise auf
den höchsten Gipfel, und weil sie so sehr vom Wetter begünstigt gewesen
waren, auch sonst keinen Unfall gehabt hatten, ergriff ein heiteres, junges
Mädchen ihr Weinglas und rief: »Zum Dank und auf das Wohlergehen des guten
Rübezahl!«
Kaum war das Wort über ihre Lippen, als aus dem Teufelsgrunde ein Sturm und
Wetter losbrach, daß die ganze Gesellschaft untereinander gewirbelt wurde
und kaum imstande war, sich auf den Füßen zu erhalten. Unter beständiger
Gefahr, in den Melzergrund hinabzustürzen, traten sie ihren Rückweg an;
aber rechts und links aus den sie einhüllenden Wolken schallte ihnen ein
lautes Gelächter nach und erst am Ende der Teufelswiese hellte sich der
Himmel über den durchnäßten Reisenden wieder auf.
Das junge Mädchen, das mit dem Trinkspruche augenscheinlich den Herrn vom
Berge so erzürnt hatte, konnte sich gar nicht über die Störung des
Vergnügens beruhigen. Sie hatte dem Berggeiste ja so recht von Herzen
danken wollen für das herrliche Wetter, daß nicht Nebel den Umblick in die
Täler verhindert habe; geht doch wohl jedem das Herz auf in so großartiger
Natur und stimmt ihn dankbar für so ungestörten Genuß.
Wie mancher Reisender hat vor- und nachher voll froher Hoffnung auf schönes
Wetter die beschwerliche Gebirgsreise angetreten, hat Kamm und Kappe
erstiegen und hat wieder hinunter ins Tal gemußt, ohne daß er
hinunterblicken konnte in die Täler, bald war er selbst, bald die Täler in
Nebel gehüllt.
»Sie können von Glück sagen,« meinte ein alter Führer, »daß der Herr des
Gebirges nicht einem aus der Gesellschaft das Genick gebrochen hat, denn
niemand darf ungestraft auf dem Gebirge den Namen Rübezahl aussprechen; am
gefährlichsten aber ist es auf der Schneekoppe und in des Teufels
Lustgärtlein.«
In der Hampelbaude übernachtete die Gesellschaft, froh, dem schrecklichen
Wetter so leichten Kaufs entkommen zu sein, und am anderen Tage, als die
Männer in der Schwimmanstalt badeten, erzählten sie den übrigen ihr
Abenteuer auf der Koppe, wie Rübezahl sie erschreckt habe.
»Ihr könnt wohl damit zufrieden sein,« sagte ein Fremder, der zum ersten
Male unter ihnen erschienen war, »wenn euch der Berggeist nicht etwa noch
einen schlimmeren Streich spielt.«
»Nun, darüber sind wir wohl hinweg,« gibt einer der Reisenden zur Antwort
und steigt aus dem Bade. Aber, o Himmel! wie erschrak die ganze
Gesellschaft, als dieser Mann bis unter die Stirn schwarz gefärbt erschien;
und noch größer ward ihr Entsetzen, als sie einer nach dem andern aus dem
Wasser stiegen und dieselbe Farbe hatten, von der sie kein Waschpulver,
keine Lauge rein wusch.
Einen ganzen Tag mußten sie zum Spott der andern als Mohren herumgehen; am
folgenden Morgen aber verschwand die fatale Färbung und die Gefoppten
sprachen fröhlich zu einander: »Es ist doch ein schlimmer Spaßvogel.«
_Wer?_ das mochte keiner sagen, so gescheit waren sie nun.
Der verzauberte Stab.
Ein Naturforscher besuchte das Sudetental und die dunkelblaue Kette der
Riesenberge, die es umgrenzten; sein Auge war offen für die tausend und
aber tausend kleinen Wunder, die in der Pflanzenwelt grünen und blühen, in
den feinen Adern und Gängen der Mineralien klopfen. Er hatte die grüne
Botanisierbüchse, die ziemlich schwer war, über die Schulter zu hängen,
auch sah der Reisende sehr ermüdet aus. »Wäre ich nur so mit einem Schritt
da drüben in Schmiedeberg,« sagte er halblaut, »dort könnte ich doch meine
Pflanzenfunde einlegen und trocknen; ich habe neue, seltene Exemplare
darunter.« -- Aber bis Schmiedeberg hatte der Botaniker noch zwei volle
Stunden bergab zu steigen und doch ging die Sonne schon tief. Der Reisende
verstärkte seine Schritte als plötzlich aus den Bäumen die gebückte Gestalt
eines alten Mannes hervortrat, der mühsam ein schweres Bund Holz trug.
»Ei Alter,« sprach der kräftige junge Mann, »das ist harte Arbeit für euch;
habt ihr niemand zu Hause, der sie für euch tun könnte?«
Der Angeredete wendete sein auffallendes Gesicht um, darin ein Paar helle
Augen blitzten und eine scharf gebogene Nase bedeutend hervortrat, und
antwortete: »Wer sollte mir es heimtragen? Ich habe weder Weib noch Kind,
auch sonst keine Anverwandten und Freunde.«
»Nun, so gebt mir's,« sagte der Botaniker gutmütig, »für meine Schultern
ist das nur ein Spaß.« -- Dabei nahm er dem alten Manne die Last ab und
trug sie neben der Pflanzenkapsel auf dem Rücken. »Wo habt ihr denn denn
eure Wohnung, alter Vater?«
»Nun, ein gutes Stück in die Berge hinein, noch hinter den Grenzbauden.«
»Also wieder rückwärts -- o weh, meine Pflanzen,« sagte der junge Mann ganz
leise, schritt aber doch rüstig vorwärts. Eine halbe Stunde hatte er fast
versäumt durch seine Gutmütigkeit, darum warf er rasch das Gebund Holz an
der kleinen Hütte nieder und sagte dem Alten Lebewohl. Aber dieser hielt
ihn zurück.
»Wie weit wollt ihr denn heute noch gehen?« fragte er.
»Bis Schmiedeberg, dort habe ich Freunde und will meine Pflanzen einlegen.«
--
»Ei! damit hat's wohl bis morgen Zeit; bleibt doch in den Grenzbauden,
lieber Herr, und seht die Sonne aufgehen; es gibt morgen einen schönen
Tag.«
»Seht nur, wie das manchmal geht; ich bin schon lange fort von daheim und
mein Geld ist rein aufgezehrt, ich könnte eine Nachtherberge nicht mehr
bezahlen. Drunten schaffen die Freunde wohl wieder Rat, obgleich sie
brummen, daß meine Reiselust so viel Geld kostet. Nun, ich kann's doch
nicht anders! -- Hätte ich Geld gehabt, so wäret ihr nicht so unbeschenkt
von mir gegangen, mein guter Alter.« --
»Nun, Glück auf den Weg, und da ihr noch einen so weiten Weg habt, da, --
nehmt einen Stab aus dem Holzbündel, daß ihr mir so weit getragen habt, es
ist doch eine Stütze beim Abwärtssteigen.«
Der Reisende nahm lächelnd das Geschenk des alten Mannes, da er zu gutmütig
war, um ihn durch ein Ablehnen desselben zu betrüben. Er schwenkte den Hut
zurück und hob den Stab, um nun rüstig weiterzuschreiten, -- aber -- da
stand er ja schon mitten in der Stadt neben dem altertümlichen Rathause und
pochte an die Tür seines Freundes. -- Er glaubte zu träumen, faßte an seine
Stirn, er war wach, die Botanisierbüchse hing schwer auf seiner Schulter,
in der Hand hielt er den Stab, den ihm der Alte geschenkt hatte.
Da hat mir meine Zerstreuung wohl einen Streich gespielt, und ich habe den
weiten Weg zurückgelegt, ohne es zu bemerken, dachte er kopfschüttelnd und
ließ es sich nun wohlsein bei dem Freunde. Die Pflanzen wurden eingelegt
und geordnet, Moose mit der Lupe untersucht und beschrieben, die halbe
Nacht hindurch. An sein Abenteuer dachte er nicht mehr, der rohe Stab lag
verachtet im Winkel.
So ging es einige Tage, da wachte die Reiselust wieder mit aller Macht auf.
Könnte ich nur ein recht großes Stück hinaus in die Welt, dachte er, aber
ich soll hier bleiben und ein Amt annehmen. Hätte ich nur eine Handvoll des
armseligen Goldes, es sollte mich nichts abhalten, meinen Wanderstab wieder
weiterzusetzen.
»Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald, in Strom und Feld!«
Und traurig nahm er den Stab aus der Ecke, drehte ihn langsam in den Händen
und dachte, wie herrlich es jetzt wäre, durch die Alpen nach Triest zu
wandern. -- Er hatte es kaum ausgedacht, da stand er auf der letzten Höhe
des Karstes, vor ihm der tiefblaue Himmel des südlichen Frühlingshimmels,
das Adriatische Meer mit seiner grünen Farbe und den zahlreichen
Schiffsmasten, tief unter ihm die mächtige Handelsstadt. Mit weit offenen
Augen schaute er in die untergehende Sonne und jauchzte dann freudig auf.
Ein Blick auf den rohen, unsscheinbaren Stab erklärte ihm das schöne
Wunder, dem der glückliche Naturforscher die Befriedigung seines heißesten
Wunsches, die Welt aber bald manch wichtige Bereicherung der Wissenschaft
zu danken hatte. In seinem Herzen aber tönte der letzte Vers des schönen
Liedes wieder, der sich auch an ihm bewahrheitet hatte:
Den lieben Gott lass' ich nur walten,
Der Bächlein, Berge, Wald und Feld
Und Erd' und Himmel wird erhalten,
Hat auch mein Sach' aufs best' bestellt.
Als altersmüder Greis kehrte er in sein Vaterland zurück und pilgerte
hinauf in das Riesengebirge, um dort den wunderbaren Stab niederzulegen.
Wer ihn doch finden könnte! --
Der böse Edelmann.
Ein Edelmann, den Rübezahl schon einmal durch einen Possen gewarnt hatte,
da ihm so viele Klagen zu Ohren gekommen, war besonders hart gegen die
Armen, wenn er sie im Holze traf und gab ihnen seine Reitpeitsche sogleich
zu fühlen. Trieb nun gar ein Bauer das herrschaftliche Wild von seinen
Feldern, wo es Verheerungen anrichtete, den verfolgte er mit besonderem
Hasse. Wer einen Hirsch tötete, der seine Saaten fraß, ward nicht selten
zwischen die Geweihe eines Hirsches gebunden und in den Wald
hinausgeschickt, bis das Tier sich seiner Bürde auf irgend eine Weise
entledigte. --
»Komm du mir nur einmal ins Gebirge, dir will ich's heimzahlen,« denkt
Rübezahl. Nun geschieht's auch wirklich einmal, daß der Edelmann eine große
Jagd anstellt und sich dabei um keine Grenze bekümmert. Auf diese Weise
kommt er in Rübezahls Gebiet; der hört kaum das Hallo der Treiber, das
Knallen der Röhre, so denkt er: »Ha, nun ist's Zeit!« Tritt also auf den
Edelmann zu und fragt ihn, wer ihm erlaube, auf fremdem Reviere zu jagen.
Der Edelmann erstaunte nicht wenig über die Keckheit des unbekannten,
unscheinbaren Mannes, fährt ihn rauh an, ihn fragend, wie er dazu komme,
ihm, dem Edelmann, in den Weg zu treten. Rübezahl erwiderte: »Hier bin ich
der Herr, und du sollst sehen und fühlen, daß du mit mir nicht umspringen
darfst, wie mit deinen armen Bauern.«
Solche kecke Rede hatte der Edelmann noch nie gehört, er stößt in sein
Hüfthorn und gibt den herbeieilenden Jägern Befehl, den Mann zu ergreifen.
Der bleibt ruhig stehen und sieht einen nach dem andern mit stechenden
Augen an und wenn er einen ansieht, so steht dieser gleich starr und steif
da. Nun wird der Edelmann wütend, zieht sein Waidmesser heraus und will es
dem ersten besten in den Leib stoßen. Aber Rübezahl faßt ihn gelassen an
der Brust, so daß er sich nicht rühren und regen kann. Hierauf hält er ihm
sein ganzes Sündenregister vor und sagt ihm, dies sei seine letzte Jagd. --
Dann verschwand er, nachdem er den Edelherrn auf den Boden geworfen hatte,
daß ihm alle Rippen krachten. Kaum war er fort, so bekamen Jäger und
Treiber das Leben wieder, machten eine Bahre von Zweigen, legten den Herrn
darauf und trugen ihn nach Hause.
Nun war im Schlosse große Trauer und im Dorfe große Freude. Der Doktor
wußte nicht recht, was er dem Kranken verschreiben solle und griff bald zu
diesem, bald zu jenem. So mußte unser Edelmann ganze Schaufeln Pulver
nehmen, Kochtöpfe voll Latwerge und Pillen, so groß wie Straußeneier; aber
es half doch alles nichts. Nun wurde ihm Ader gelassen und er mußte so diät
leben, wie ein Sperling; darüber verging der edle Herr vollends; zuletzt
ward er so verändert und ruhig, daß er sagte: »Mit mir ist's vorbei, gebt
mir meinen Degen an die Seite, daß ich wie ein Edelmann sterben kann.«
»Gebt ihm auch die Sporen dazu,« sagte einer seiner Freunde, »denn diese
gehören zu einem Edelmann, der vor seinen Gott treten soll.« Da
verwunderten sich die Diener, daß ihr Herr auch einen Gott habe, weil sie
dies nie zuvor gehört hatten und freuten sich in ihren einfältigen Herzen
darüber. Und sie zogen ihm Stiefel und Sporen an, legten ihm den Degen an
die Seite, zu Füßen sein Wappenschild. Dann starb der Kranke beruhigt. Auf
einmal klopft es an die Tür und ein Fremder tritt herein, der sich für
einen adeligen Arzt ausgibt und einen Versuch machen will, ob der Edelmann
wirklich kein Leben mehr in sich habe. Das war aber wieder Freund Rübezahl,
und wie er den Toten berührt, fällt er sogleich in ein Häufchen Asche
zusammen; selbst vom Degen und den silbernen Sporen ist nichts mehr zu
sehen.
Vergessen ist der Edelmann wie jeder, der nichts Gutes im Leben geleistet
hat, vergessen nicht nur von seinen Feinden, auch die Freunde, die freilich
nur auf Äußerlichkeiten sahen, haben nichts zur Erinnerung zurückbehalten,
vergessen wie jeder Egoist, der nichts tut, seine Mitmenschen zu beglücken,
oder ihnen im Elend zu helfen.
Grünmantel.
In dem wüstesten und grauenvollsten Teile des Riesengebirges stand eine
kleine Hütte, in der ein armer Köhler, namens Erdmann, mit seinem Sohne
Konrad lebte. Konrad war ein hübscher, lebhafter und sehr gutartiger Knabe,
dessen liebste Beschäftigung es war, in den Feierstunden -- denn er mußte
seinem Vater fleißig arbeiten helfen, obgleich er kaum elf Jahre alt war,
-- durch das Gebirge zu streifen, das am meisten verrufen war, weil man
glaubte, daß Rübezahl dort sein Wesen treibe. Aber gerade an diesem Platze
spielte er mit seinen Schulkameraden am liebsten, und es vergnügte sie am
meisten, mit kleinen Steinen und Blechmarken Anschlag zu werfen.
Seit einiger Zeit fanden die Knaben, wenn sie dies ihr Lieblingsspiel
trieben, kleine Silberpfennige im Sande, was jedoch keinem von ihnen
befremdlich war, da sie den Wert dieser Münzen nicht kannten und daher nie
daran dachten, danach zu suchen. Spielte der Zufall einem oder dem andern
einen solchen glänzenden Pfennig zu, so war's allemal eine laute Freude;
doch waren die Kinder noch alle in dem glücklichen Alter, wo Habsucht oder
unnütze Grübeleien ihrer Seele fremd waren; und so dachten sie auch nicht
weiter über den Zusammenhang nach, als sich zuletzt bei ihren Spielen auch
ein fremder Mann einfand, den sie, seiner Kleidung wegen, den Grünmantel
nannten. --
Grünmantel schien ein Freund der Kinder zu sein, er teilte ihre Spiele oder
lehrte sie auch ganz neue. Immer fand er die meisten Silberpfennige und
verteilte sie unter die Knaben, so daß diese ihn bald recht lieb gewannen,
und gern gewußt hätten, woher er komme und gehe; denn er verschwand
jedesmal spurlos und stand auch immer ebenso unvorhergesehen mitten unter
ihnen. Da er aber diese Fragen nicht beantwortete, wurden sie ebenso rasch
von den kleinen Burschen wieder vergessen.
Zuweilen aber maßte sich ihr unbekannter Spielgefährte das Richteramt über
sie an, wenn kleine Streitigkeiten zwischen ihnen vorkamen, und wer im
Unrecht war, der konnte sich immer darauf gefaßt machen, einige derbe Hiebe
von dem Grünmantel zu bekommen, ohne das dieser ein Wort dabei sprach. Oft
verjagte er die ganze Knabenschar bis auf Konrad, für den er ein ganz
besonderes Wohlwollen zeigte; er nahm alsdann diesen bei der Hand und
führte ihn zwischen Klippen und Felsen zu überraschenden Punkten hin,
zeigte ihm auch goldene Münzen im Sande, mit denen Konrad auch gern
spielte, sie aber achtlos wieder verlor. Die vielen Wunderlichkeiten des
Grünmantels verscheuchten nach und nach die kleinen Burschen von ihrem
Spielplatze, und nur Konrad ließ sich nicht abhalten, immer wieder dahin
zurückzukehren.
Es war auch nicht einsam dort, denn nun fehlte der Grünmantel selten und
fing jetzt an mit dem Knaben zu sprechen, was er nie zuvor getan hatte. Er
wußte allerlei hübsche Geschichten zu erzählen und beschenkte seinen
kleinen Freund oft mit Goldstücken, wogegen er sich das Versprechen der
tiefsten Verschwiegenheit über alles dies geben ließ.
Konrad dachte: dabei kann ja nichts Unrechtes sein, und versprach dem
Grünmantel mit Hand und Mund, er wolle es nie einem Menschen sagen, daß er
mit ihm zusammentreffe und so schönes Spielzeug von ihm bekomme. Und er
hielt auch treulich Wort, denn er fürchtete, seinen lieben Spielgefährten
sonst zu verlieren. So verging Sommer und Herbst in Lust und Freude; allein
nun kam der Winter, und der tiefe Schnee verwehrte dem Knaben, seinen
Freund auf dem Berge zu besuchen.
In dieser Zeit erkrankte auch Konrads Vater, und der Schäfer des Dorfes gab
wenig Hoffnung, daß es mit ihm noch einmal besser werden würde. Einen Arzt
anzunehmen, war Erdmann zu arm, und so wankte er denn seinem frühen Grabe
zu. Natürlich war an Verdienst nicht mehr zu denken, und es fehlte oft
selbst an den schmalen Bissen, die Vater und Sohn zu ihrem Unterhalte
bedurften. Wie leicht hätte Konrad aller Not ein Ende machen können, wenn
er den Wert seiner goldenen Spielpfennige gekannt hätte und vor seinem
Vater keine Heimlichkeiten gehabt hätte.
So mußte, als alles andere verzehrt war, auch noch die Ziege verkauft
werden, die Konrad so lieb hatte; wie traurig war der arme Knabe, als er
sie am Strick nach dem nächsten Dorfe führen mußte, um sie dort zu
verkaufen. Da begegnete ihm ein alter Mann, der ein Gespräch mit ihm
anfing, und als er hörte, daß Konrad die Ziege verkaufen wollte, gab er ihm
ein Goldstück dafür und wollte mit der Ziege seines Weges ziehen. Als aber
der Knabe das Goldstück in der Hand hielt, schüttelte er den Kopf und
sagte: »Guter Mann, solcher blanken Dinger habe ich viele zu Hause, dafür
kann man aber nichts kaufen, die sind nur zum Spielen. Nehmt es also nur
wieder zurück und gebt mir Silbergeld dafür.«
»Kleiner Tor!« lachte der Mann, »mache einmal die Probe, was mehr gilt;
hier hast du einen Silbergroschen und hier das Goldstück, lauf' ins Dorf
und siehe, wofür du das meiste Brot bekommen wirst. Ich will hier auf dich
warten.«
Konrad gehorchte, ließ seine Ziege dem Fremden und ging ins Dorf zu einem
Manne, der ehrlich genug war, ihn mit dem vollen Werte des Goldstückes
bekannt zu machen und ihm nun allerlei Bedürfnisse für das Haus einkaufen
zu helfen Damit kehrte Konrad wohlbehalten zurück, fand aber den fremden
alten Mann nicht mehr wieder und eilte nun zu seinem Vater.
An der Schwelle des Hauses sprang ihm seine liebe Ziege lustig entgegen.
»Ein Fremder,« sagte der Vater, »hat sie mir heimgebracht; er habe sie im
Walde gefunden, sagte er.« Darüber erstaunte Konrad nicht wenig und
erzählte nun auch sein Abenteuer mit dem fremden, alten Manne. Von dem
übrigen Gelde und den eingekauften Lebensmitteln konnten nun Vater und Sohn
länger als eine Woche zehren und dankten Gott dafür, daß er ihnen eine so
wunderbare Hilfe geschickt hatte.
Aber die nahrhaftere Kost, die Konrad für den Kranken herbeigeschafft
hatte, schadete diesem und mehrte seinen Fieberzustand so sehr, daß es
schien, als, sei sein Tod nahe. Es kamen nun einige seiner Bekannten aus
dem Dorfe, um ihm in den letzten Augenblicken beizustehen; darunter war
auch der Mann, welcher dem kleinen Konrad das Goldstück eingewechselt
hatte. Der sagte zu dem weinenden Knaben: »Gehe hinaus in die frische Luft,
dein Vater wird schon wieder gesund werden, und wenn nicht, will ich dein
Vater sein!«
Traurig ging Konrad hinaus und richtete seinen Fuß nach dem bekannten
Berge, wo er sonst so oft seinen lieben Grünmantel getroffen hatte. Es lag
noch Schnee an einzelnen Stellen des Berges, während unten im Tale schon
voller Frühling war. Für alle Schönheiten der Natur aber hatte der betrübte
Knabe jetzt kein Auge, er legte sich in das weiche Moos und weinte still.
Tief unter ihm brauste der Sturzbach, und das Gesträuch hatte eine grüne
Färbung angenommen von den aufschwellenden Knospen.
»Worüber weinst du denn so sehr?« sprach eine bekannte Stimme hinter ihm,
und Konrad schlug freudig überrascht seine geschwollenen Augen zu der
Gestalt seines Freundes Grünmantel empor. »Steh auf!« sagte dieser, »und
erzähle mir dein Leid, vielleicht kann ich helfen!«
»Ach!« antwortete der Knabe schluchzend, »hier ist alles so schön und
drunten in unserer Hütte ist es gar so traurig. Mein lieber Vater stirbt,
und ich bin dann verlassen und allein in der Welt.« --
»Sieh einmal diesen wilden Rosenbusch an,« sagte Grünmantel, »wie ihn der
Frühling wieder frisch und grün gemacht hat, so daß schon hin und wieder
die ersten Blüten aufbrechen. Und nun denke daran, wie dürr und kahl er im
Herbste stand, so daß du glaubtest, er könne nie wieder blühen. -- Sammle
das frische Laub von diesem Strauche und bestreue deines Vaters Lager
damit, vielleicht, daß die gesunkenen Kräfte sich noch einmal dadurch
stärken lassen. Aber eile, denn die Zeit ist kurz!«
Konrad nahm sich kaum Zeit, dem Grünmantel zu danken, er füllte seine Mütze
ganz mit Rosenlaub und trug davon soviel in den Händen, als er fortbringen
konnte. Eilig lief er damit den Berg hinab, der Hütte zu, und überstreute
das Bett des Kranken mit dem duftenden Laube. Davon schlug der Vater die
Augen auf und drückte dem Knaben schwach die Hand, aus Freude über den
stärkenden Geruch. Und sichtbar ging eine Veränderung mit ihm vor, die alle
in Staunen setzte. Schon am dritten Tage konnte er, auf Konrad und den
Nachbar gestützt, das Bett verlassen und sich vor die Hütte in den milden
Sonnenschein setzen. »Wie ist doch so großes Wunder an mir geschehen, der
ich schon zu sterben meinte?« fragte er freudig.
»Darum müßt ihr den Konrad befragen,« antwortete der Nachbar.
»Nun,« sagte dieser unbefangen, »vielleicht hat euch das junge Laub
geholfen, was ich auf euer Lager gestreut habe.«
»Wie bist du denn zu dieser Wunderarzenei gekommen, mein Sohn?«
Konrad schwieg verlegen; -- er dachte an das Versprechen, gegen niemand
sein Geheimnis mit dem Grünmantel verraten zu wollen. Und lügen hatte er,
gottlob! nicht gelernt.
»Er wird das Rosenlaub wohl auch daher haben, von wo er seine Ziege
wiederbekommen hat,« sagte der Nachbar spottend.
»Gewiß, ich habe den fremden Mann, dem ich die Ziege verkaufte, nicht
gekannt,« rief Konrad lebhaft, »und habe ihn weder zuvor, noch später
gesehen!«
»Um so besser,« fuhr der Nachbar mit höhnischer Miene fort, »wirst du _den_
kennen, der dir den hübschen Vorrat von Goldstücken gab, die du so heimlich
in deine Kammer versteckt hast!« --
»Wie, mein Kind! Du hättest Gold gehabt und deinen Vater doch so lange Not
leiden lassen?« fragte Erdmann vorwurfsvoll.
»Vater, man kann ja damit nur spielen,« flüsterte Konrad schüchtern. »Aber
ich will dir alles erzählen!«
Und nun teilte ihm der Knabe in voller Wahrheit alles mit, obgleich er es
nicht ohne geheimen Widerwillen tat, weil sein Freund Grünmantel es ihm ja
verboten hatte.
»Das ist niemand anders gewesen, als der Herr des Riesengebirges, der
gefürchtete Rübezahl,« sagte Erdmann freudig, »er hat unserer Not nun auf
immer ein Ende gemacht. Da er aber die Übertretung seiner Gebote oft streng
zu bestrafen pflegt, wollen wir eilen, aus seinem Gebiete zu kommen.«
Und nun holten sie die Goldstücke aus der Hütte, packten ihre wenigen
Habseligkeiten zusammen und zogen in eine andere Gegend Schlesiens fort, um
vor der Rache des Berggeistes sicher zu sein; dort kaufte Erdmann ein
hübsches Häuschen und erzog Konrad zu einem braven, fleißigen Menschen, dem
es stets wohl erging. Oft dachte dieser noch in den spätesten Jahren seines
Lebens mit dankbarem Herzen an seinen lieben Gespielen Grünmantel.
Rübezahl.
Schauspiel in einem Akt.
Personen:
Rübezahl.
Elisabeth.
Vater Thomas.
Gustav.
Die Mutter.
Erste Szene.
Rübezahl (steigt während eines Gewitters aus der Erde empor und sieht sich
neugierig überall um).
Ich, Herr Johannes, im Riesengebirge
Mit Furcht und Zittern nur genannt,
Weil ich mit Lust die Bösen würge,
Sie oft gestraft mit harter Hand;
Ich zeige nach ein paar hundert Jahren
Mich wieder einmal auf den Bergen hier,
Um etwas Neues zu erfahren,
Und zu durchreisen mein Revier.
Musäus hat von mir geschrieben
So manches Märchen wunderlich;
Doch wenn die Menschen wie sonst geblieben,
Sind sie viel närrischer als ich.
Sie machen sich durch Haß und Neid,
Durch Falschheit selbst das Leben sauer,
Sie schätzen sich nur nach dem Kleid
Und machen sich die Welt zur Trauer.
Zwar sind gar viele hochgelehrt
Und wissen wunderkluge Sachen,
Doch fragt nur, was dazu gehört,
Um sich das Leben leicht zu machen,
Und, selbst von groben Fehlern rein,
Es andern liebreich zu versüßen,
Im Frieden mit der Welt zu sein,
Da fragt einmal, ob sie das wissen?
Denk ich der Jugend jetz'ger Zeit,
Juckt's in den Fingern mich zur Stelle,
Die macht sich gar gewaltig breit,
Hält Kränzchen gar und Kinderbälle.
Wenn sie französisch nur versteht,
Glaubt sie schon Wunder was zu können,
Sie kann wohl, wie der Ebro geht,
Doch nicht der Heimat Flüsse nennen!
Es sagt manch Kind dir auf ein Haar,
Wer Mutius Scävola gewesen,
Doch frage nur, wer Luther war,
So haben sie's noch nicht gelesen.
Dort sitzt ein Mädchen am Klavier
Und fehlt nicht eine einz'ge Note,
Fast jede Oper kennt sie dir,
Nur leider nicht die zehn Gebote. --
So steht es mit der Jugend jetzt,
Die fromme Einfalt ist verschwunden;
Ich aber hab mich in Bewegung nun gesetzt,
Um mich als Herr hier zu bekunden.
Ich werde, nach meiner alten Manier,
Den Guten necken und endlich beglücken,
Den Bösen aber, nach Gebühr,
Recht arg geprellt nach Hause schicken.
Sieh da, -- das kommt ja wie beschert, --
Dort naht sich eine alte Mutter,
Sucht dürres Holz für ihren Herd
Und für die Zieg' ein wenig Futter.
Zwei Kinder folgen, jung und zart,
Da will ich mich sogleich verstecken,
Vielleicht kann ich die Sinnesart
Der armen Leutchen so entdecken. --
(Er versteckt sich.)
Zweite Szene.
_Die Mutter_, _Elisabeth_ und _Gustav_ (dürres Reisig suchend);
Mutter.
Gottlob! das Gewitter ist vorüber;
Es scheint die Sonne wieder schön.
Elisabeth.
Doch, gute Mutter, ihr solltet lieber
Um trockne Kleider jetzt nach Hause gehn.
Mutter.
Es ist ja nur ein Rock im Schranke,
Und du bist mehr als ich durchnäßt.
Elisabeth.
Ei, liebe Mutter, welch ein Gedanke,
Ich bin noch jung, gesund und fest!
Mutter.
So laß uns nur die Hände rühren,
Die Arbeit hier macht wieder warm
Und läßt im Winter uns nicht frieren.
Elisabeth (seufzend).
Ach, wären wir nur nicht so arm!
Mutter.
Sprich, möchtest du denn etwa lieber
Reich, wie der Nachbar Töffel, sein?
Elisabeth.
O nein, der schließt ja jeden Stüber
Voll Geiz in seinen Kasten ein!
Mutter.
Könnt ich doch, wie der Schulze, schenken
Der Tochter ein so stattlich Haus --
Elisabeth.
Da würd ich mich noch sehr bedenken,
Dort sieht's nicht eben friedlich aus!
Mutter.
Ist Küsters Röse zu beneiden?
Sie hat voll Linnen Kist' und Schrank! --
Elisabeth.
O nein, das wär' ein rechtes Leiden,
Jahraus, jahrein ist Röse krank!
Mutter.
Die reiche Elsbeth aus der Mühle,
Die wärst du aber gern, mein Kind?
Elisabeth.
Ha! was du sagen willst, das fühle
Ich tief, -- _ihr ist die Mutter blind!_
Nein, nein, ich schäme mich der Klage,
Mit keinem möcht ich tauschen gern,
Es hat ein jeder seine Plage;
Vertrau'n wir nur auf Gott den Herrn.
Um _deinetwillen_ mög' er schenken
Uns bess're Tage, nicht so schwer. --
Mutter.
Willst du nicht auch des Guten denken?
Wenn ich nur Elsbeths Mutter wär' --
So bin ich rüstig auf den Füßen,
Zur Wette spinn ich noch mit dir,
Und meine Kinder -- sie versüßen
Auch kummervolle Tage mir.
(Elisabeth schlingt ihren Arm um die Mutter. Gustav kommt
herbeigesprungen.)
Gustav.
Hier, seht nur, bring ich reife Beeren,
Die Mutter jetzt allein sie essen muß.
Mutter.
Wir wollen sie zusammen verzehren,
Denn so nur ist's für mich Genuß.
Dritte Szene.
_Die Vorigen. Rübezahl_ (als Jäger).
Gustav.
Sieh, Mutter, da kommt ein fremder Mann.
Mutter.
Brauchst darum keine Furcht zu hegen.
Was geht der fremde Jäger uns an?
Wir sind ja nicht auf bösen Wegen.
Rübezahl.
Gott grüß euch!
Mutter.
Schönen Dank, Herr!
Rübezahl.
Was macht ihr da?
Mutter.
Wir sammeln Reiser;
Der Winter ist lang und oft gar schwer,
Und schlecht verwahrt sind hier die Häuser.
Rübezahl.
Wer seid ihr?
Mutter.
Eine arme Frau
Mit ein paar guten, frommen Kindern;
Wir lebten sonst dem Ackerbau,
Der Feind tat uns die Scheuern plündern,
Nahm unser bißchen Vieh, zerschlug,
Was eben nicht fortzubringen war;
So kamen wir um Acker und Pflug,
Es geht nun schon ins fünfte Jahr.
Rübezahl.
So seid ihr Witwe?
Mutter.
Nein, ach nein!
Das wolle der liebe Gott verhüten!
Rübezahl.
Dann wird der Mann in der Schenke sein,
Statt sich um Tagelohn zu vermieten?
Mutter.
Bewahre! mein guter Thomas war
Stets fleißig und lebte eingezogen;
Als aber das Vaterland in Gefahr,
Da ist er mit in den Krieg gezogen.
Fünf Jahr und drüber sind schon verflossen,
Seit ich nichts mehr von ihm gehört,
Seit ich und meine Unglücksgenossen
Mit Tränen jeden Bissen verzehrt.
Rübezahl.
So läßt sich wohl nicht anders glauben,
Als daß eine Kugel ihn hingerafft?
Mutter.
Wollt ihr die letzte Hoffnung mir rauben?
Mit ihr des Lebens Mut und Kraft?
Rübezahl.
Doch besser, er schlummert im kühlen Grabe,
Als wenn er, ein Bettler, wiederkehrt!
Mutter.
O, wenn ich ihn nur wiederhabe,
Mein treues Herz nicht mehr begehrt.
Rübezahl.
Wenn nur nicht etwa gar am Ende
Zum Krüppel ward der arme Mann?
Mutter.
Ach, dann gibt's noch vier fleißige Hände,
Und auch der Gustel wächst heran! --
Rübezahl.
Ihr wagt euch so auf diese Straße,
Wie, wenn der Berggeist euch erschreckt?
Mutter.
Hab ich doch immer gehört, er lasse
Die guten Menschen ungeneckt!
Elisabeth.
Ja, Herr! wir haben ein gutes Gewissen;
Er mag nur kommen, wenn's ihm beliebt.
Rübezahl.
Vielleicht würd' er dich zu trösten wissen,
Du schienst vorhin mir sehr betrübt.
Mutter.
Wir haben schon viel Zeit verplaudert,
Und im Gebirge ist's nicht gut,
Wenn man bis in die Dämmrung zaudert.
Lebt wohl!
Rübezahl.
Auch ihr, und bleibt bei gutem Mut.
Mutter.
O ja, was Gott über mich verhängt,
Das wird er auch alles zum Guten lenken.
Gustav (vertraulich zu Rübezahl).
Wenn er einmal ein Eichhörnchen fängt,
So könnt' er's wohl dem Gustel schenken!
Rübezahl.
Bist du der Gustel? wir wollen sehn!
Gustav.
Er sieht zwar etwas grimmig aus,
Als wollt er einem den Hals umdrehen;
Ich mache mir aber gar nichts daraus.
Rübezahl.
Das freut mich, Kleiner!
Mutter.
Komm, mein Kind!
Noch ist der Korb nicht voll, drum munter!
Wir suchen und füllen ihn geschwind;
Und dann in unser Dörfchen hinunter.
(ab).
Vierte Szene.
Rübezahl (allein).
Die Mutter ist brav, die Kinder gut,
Man hört es ja aus jedem Worte;
Schon manchem half ich aus Übermut,
Doch hier ist Hilf' am rechten Orte.
Fünfte Szene.
_Der Vorige. Thomas_ (auf Krücken, ohne Rübezahl zu sehen).
Thomas.
Für heute kann ich nun wohl nicht weiter,
Ich armer Krüppel! was soll ich tun?
Die Luft ist warm, der Himmel heiter --
Hier will ich unter dem Baume ruhn.
Den Berg herauf mußt' ich schon keuchen,
Doch morgen hab' ich neue Kraft,
Die liebe Heimat zu erreichen,
Die mir die letzte Ruh' verschafft.
Zwar komm' ich, ach, mit leeren Händen,
Und bin ein Krüppel obendrein,
Kann nur verzehren, nur verschwenden,
Und nichts erwerben -- welche Pein!
Warum fand nicht den Weg zum Herzen
Die Kugel, die mein Knie gefaßt!
So wär' ich ledig aller Schmerzen,
Und meinen Kindern nicht zur Last.
Zur Last? -- Ach nein, sie werden gerne
Hilfreich dem Vater zur Seite stehn;
Und der da droben regiert die Sterne,
Läßt mich, wohl auch nicht untergehn. --
Könnt' ich denn nichts, gar nichts erwerben?
Sind doch die Hände noch wohl geschickt;
Und gerne, gerne will ich sterben,
Hab' ich nur die Meinen noch erblickt.
(Er hat sich unter einem Baum gelagert).
Rübezahl (beiseite).
Er ist's! -- fürwahr auf diese Höhen
Hat ihn ein guter Geist, geschickt;
Er mag im Traum die Kinder sehen,
Bis er sie wach an den Busen drückt.
(Ab, nachdem er nach einigem Nachsinnen dem Thomas die Krücken weggenommen
hat).
Thomas (erwachend, greift um sich und sucht sie vergebens).
Wo sind meine Krücken? -- guter Gott! --
Ein Bösewicht hat sie mir genommen, --
Wer trieb mit mir so bittern Spott,
Wie soll ich nun nach Hause kommen?
Sechste Szene.
_Rübezahl_ (als Köhler), _Thomas_.
Rübezahl.
Was wimmert denn da?
Thomas.
Ach, guter Freund,
Seid mir tausendmal willkommen!
Ihr wie ein Engel mir erscheint, --
Ein Bube hat mir die Krücken genommen,
Sucht doch im Strauchwerk, guter Mann,
Vielleicht warf er sie weg --
Rübezahl.
Der Bärenhäuter!
Thomas.
Ich bin ein lahmer Kriegesmann,
Und ohne Krücken kann ich nicht weiter.
Rübezahl (beiseite).
Ich will dir deinen Schmerz bezahlen.
(laut). Wer seid ihr denn? wo kommt ihr her??
Thomas.
Ich heiße Thomas, komm aus Westfalen,
Im Kriege ward ich verwundet schwer.
Dort unten im Tal liegt meine Hütte,
Wo mir in guter Kinder Mitte,
Das treue Weib zur Ruhe winkt,
Da bin ich denn bis hierher gehinkt. --
Rübezahl.
Seid ihr der Thomas, der vor fünf Jahren
Geplündert unter die Soldaten ging?
Thomas.
Der bin ich. Habt ihr was erfahren,
Wie es indes den Meinen ging?
Rübezahl.
Die Tochter -- ist im Bach ertrunken;
Den Jungen -- haben die Pocken hinweggerafft;
Und endlich ist die Mutter ins Grab gesunken,
Wie ein dürrer Baum, ohne Saft und Kraft.
(ab).
Thomas.
Gott! Gott! dann brauch' ich keine Krücken,
Keinen Trost und keine Hilfe mehr! --
O Kugel, die mich lahm geschlagen,
Warum nicht höher herauf ins Herz!
Ich habe alles mit Mut ertragen;
Jetzt unterlieg' ich meinem Schmerz.
Siebente Szene.
_Gustav_ und _Thomas_.
Gustav (der einen Schmetterling haschen will).
Wart! wart! Ich will dich doch wohl fangen,
Und wärst du schneller als der Wind!
Thomas.
Wie wird mir -- welch ein heimlich Bangen --
Ach, welch ein liebes, schönes Kind!
Gustav.