Manne in guter Absicht gespielt hatte. Als er aber nach den Ziegen fragte,
bekam sie selbst Lust, ihn ein wenig zu necken, denn dachte sie, der
Hausvogt hat richtig schon überall herumspioniert. »Was kümmert dich mein
Vieh?« sagte sie, »hast du doch nicht einmal nach den Kindern gefragt. Die
Ziegen sind wohl aufgehoben draußen auf der Weide. Lasse dich aber
Rübezahls Tücke nicht anfechten, wer weiß, auf welchem Wege er es wieder
gutmacht.«
»Da kannst du lange warten,« brummte Steffen. »Ei nun,« versetzte das Weib,
»unverhofft kommt oft. Hast du auch keine Glaswaren und ich keine Ziegen
mehr, so haben wir ja doch vier gesunde Arme, das ist der beste Reichtum!«
»Ach, daß Gott sich erbarme,« jammerte der bedrängte Mann, »also die Ziegen
sind doch fort! Nun, so kann ich die Kinder auch nicht mehr erhalten.«
»Nun, so kann ich's,« sprach Else. -- Bei diesen Worten trat der
freundliche Pfarrer herein, der die Unterredung an der Tür gehört hatte,
und nachdem er dem Steffen eine tüchtige Strafpredigt über den Geiz
gehalten hatte, der eine Wurzel alles Übels sei, -- verkündete er ihm, daß
sein Weib ein reiches Geschenk von ihrem Bruder bekommen habe und zog den
Brief hervor. Und nun las er ihm vor, wie Steffen das Geld nicht in die
Hände bekommen, sondern er, der Pfarrer, dasselbe verwalten solle, damit
Else und die Kinder auch wirklich ihr gut Teil davon bekämen.
Da stand Steffen wie versteinert und konnte gar nicht zu Worte, kommen.
Endlich nahm das gute Weib seine Hand und sprach ihm Mut zu; da nahm er
sich vor, besser und ein freundlicher Ehemann zu werden; er versprach es
auch seiner Frau vor dem Pfarrer, und bat Elsen, sie solle ihn jetzt nicht
verlassen, da sie reich geworden sei. Und er hielt redlich Wort; seine
fleißige Hand mehrte das Geschenk des Berggeistes von Tag zu Tag. Endlich
kaufte der redliche Pfarrer ein schönes Bauerngut, worauf Steffen und sein
Weib ihr Lebelang glücklich und zufrieden wirtschafteten.
Die treue, sorgsame Mutter erlebte an ihren Kindern viele Freude; der
kleine Bube, Rübezahls Günstling, wurde ein wackerer Soldat und diente
unter Wallenstein im dreißigjährigen Kriege mit vielem Ruhme.
Glücks-Männlein.
Eines Tages kam in Seidorf die Rede darauf, daß, wer in Rübezahls
Lustgarten Glücks-Männlein pflücken könne, reich und glücklich in der Welt
werde; es müsse aber in der Johannisnacht geschehen, denn außer dieser Zeit
breche Rübezahl einem jeden, der komme, den Hals. »Es muß aber eine Waise
sein und kein böser Mensch,« setzte der Erzähler hinzu.
Nun waren ein Paar Geschwister in der Wirtsstube, die beide verwaist waren,
und der Brauer hatte sie aus Barmherzigkeit zu sich genommen; wie nun der
Knabe diese Reden hört, denkt er: »Das will ich versuchen, und wenn es
glückt, so soll mein Schwesterchen und der gute Brauer, der sich der armen
Waisen angenommen hat, auch reich und glücklich werden.«
Ohne jemand ein Wort zu sagen, schleicht sich Joseph aus der Stube, steckt
sich ein Stück Brot ein und schreitet wohlgemut aus dem Dorfe, den Bergen
zu, denn es war eben die Johannisnacht. Wie er bis zur Hampelbaude kommt,
fragt ihn der Baudenwirt, wohin er noch so spät wolle und der Knabe erzählt
treuherzig sein Vorhaben.
Ein Mann der behaglich hinter einer Flasche Ungarwein sitzt, hört das mit
an, und als Joseph, weitergeht, kommt er ihm rasch nach. »Wir wollen
Gesellschaft machen,« spricht er zu dem Knaben, »ich gehe auch noch diese
Nacht in Rübezahls Lustgärtlein.«
Joseph sieht den stattlichen Mann an, der so rund und wohlgenährt aussieht
und denkt: »ei, was mag denn dem noch zu seinem Glücke fehlen? -- Das ist
ja der reiche Kretschmer aus Breslau, der gestern bei uns in Seidorf
übernachtete und bis spät nach drei Uhr Karten spielte und zechte.« --
So gehen sie nebeneinander; die Nacht ist lieblich und still, und von den
Dörfern im Tale klingen die Abendglocken herauf. Da faltet der Knabe in
frommer Gewohnheit seine Hände und betet; der fremde Mann denkt aber nur an
all den Reichtum, den er mit Hilfe der Glücks-Männlein erwerben wird. Als
sie nun am Lustgarten Rübezahls ankommen, leuchten ihnen schon die Blüten
des Glücks-Männlein entgegen und der Kretschmer fällt gierig darüber her,
ganze Hände voll davon ausrupfend.
Da tritt plötzlich ein Greis mit langem, silberweißem Barte hinter einem
Felsen hervor und ruft ihm ein donnerndes »Halt« zu. Der Mann zittert am
ganzen Leibe und bleibt wie angewurzelt stehen; der Knabe aber geht ruhig
an den Greis heran und bittet: er möge ihm doch erlauben, zwei
Glücks-Männlein mitzunehmen.
Da schaute der Greis freundlich auf den Bittenden und fragte: »wozu er denn
gerade zwei Glücks-Männlein pflücken wolle?«
Joseph sagt nun, wie er und seine Schwester Waisen seien und gern glücklich
werden möchten, damit sie nicht mehr guten Leuten zur Last fielen, und nur
deshalb bitte er um zwei Blümlein.
Nun wurde der Greis immer freundlicher, pflückte selbst einen großen Strauß
der begehrten Blumen, gab sie dem Knaben in die Hand und steckte ihm noch
alle Taschen voll davon, indem er ihn ermahnte, nichts davon zu verlieren.
-- Nachdem dies geschehen und Joseph tausend Dank gesagt, fragt der Greis
den Kretschmer: »Wer bist du?« -- Der Mann sagt, er sei arm und in Not und
käme auch, um sein Glück zu machen.
»Elender!« fuhr der Greis ihn an, »glaubst du, ich würde einen so
schlechten Patron, wie du bist, glücklich machen? Hebe dich hinweg, nur für
unschuldige Waisen ist das Glück beschert, das sie hier suchen.« -- Unter
diesen Worten stand der Kretschmer zitternd vor dem Greise, wollte aber
doch nicht vergebens heraufgestiegen sein und sagte, er sei auch eine
Waise, sein Vater wäre von den Moskowitern fortgeschleppt worden, als er
kaum zwölf Jahre alt gewesen sei. Er hatte diese Worte kaum gesprochen, da
ergrimmte der Greis, faßte ihn bei der Gurgel und warf ihn hinab in den
tiefen Grund. »Nichtswürdiger Lügner!« sagte er dabei, und seine Stimme
klang wie ferner Donner; -- das Winseln des Mannes verstummte bald. -- Der
Knabe aber war erschrocken auf die Knie gesunken und betete; da nahm ihn
der Greis an die Hand, sprach ihm sanft zu und führte ihn wieder aus dem
Gehege heraus.
In Seidorf war man indes um Joseph sehr besorgt gewesen, und besonders die
Schwester freute sich, als er gesund und frisch wiederkam und ganze Hände
voll Glücks-Männlein mitbrachte. Er teilte dem Brauer redlich davon mit,
und am andern Morgen hatte sich jedes Blättlein in pures Gold verwandelt.
Nun gab es auf der Welt keine glücklicheren Geschwister; Joseph ward der
reichste Bauer im Dorfe, hat aber nie die Hilfe Rübezahls und das
schreckliche Ende des schlechten Kretschmers vergessen.
Die drei besten Menschen.
Rübezahl kam auf seinen Streifereien eines Abends bei den Grenzbauden
vorbei. »Wie wär's,« dachte er, »wenn du über Nacht hier bliebest?
Vielleicht erlebst du einen lustigen Zufall,« und damit ging er ins Haus.
Da saßen drei Männer um einen Tisch, tranken ihre Flasche Österreicher und
waren guter Dinge; zu denen setzte sich Rübezahl und bat, sie möchten sich
in ihrem Gespräch nicht irre machen lassen. Nun fuhr der erste von ihnen in
seiner Rede also weiter fort:
»Ich bin ein Landsknecht,« sagte er, »aus Dinckelsbühl in Schwaben, und da
jetzt Frieden im Reiche ist, so gehe ich in die weite Welt, um auf meine
eigene Rechnung Taten zu tun, vor denen die Menschen staunen sollen, und
ich will niemand raten, daran zu zweifeln; ich bin zwar sonst der beste
Mensch von der Welt, den Widerspruch aber kann ich nicht leiden, ich möchte
da immer gleich mit dem Schwerte dreinschlagen, und das nehmen die Leute
gleich übel.«
Der andere erzählte, er sei aus Schlesien und habe sonst in Goldberg Tuche
geschoren, aber er habe die Stadt um einer Kleinigkeit willen verlassen und
suche nun andere Arbeit. »Ich bin eigentlich der beste Mensch von der
Welt,« sagte er, »aber obgleich ich manches Tuch geschoren habe, lasse ich
mich doch nicht scheren, und da es der Meister einmal mit mir probieren
wollte, warf ich ihm mein Eisen an den Kopf. Da verklagte er mich und ich
nahm Reißaus, um nicht im Stock zu brummen.«
»Ich bin ein Müller,« sagte der dritte auf Befragen, »und gewiß der beste
Mensch von der Welt, nur kann ich keine Ungerechtigkeit leiden. Wenn mir
nun einer von der Mahlmetze und dergleichen anfängt, kribbelt's mich in den
Fäusten und ich fasse da manchmal nach einem Stuhlbein oder dem Bierkandel
und schlage drein. Darüber kam ich mit aller Welt in Unfrieden, und der
Meister jagte mich fort, weil ich ihm die Mahlkunden verjagte, wie er
sagte.«
»Nun, da haben wir ja ziemlich einerlei Geschick,« fing darauf der
Landsknecht an, »wie wär's, wenn wir ein Stück miteinander in die Welt
gingen?« Das waren die anderen zufrieden und legten sich einig und
friedlich aufs Stroh.
Als sie nun fest schliefen, betrachtete sie Rübezahl und sagte zu sich
selbst: »Warum mache ich doch diese Entdeckung so spät, die alle meine
früheren Erfahrungen Lügen straft. Sonst wäre ich ja zufrieden gewesen wenn
ich nur _einen_ besten Menschen auf der Welt gefunden hätte, und hier habe
ich nun gleich drei auf einmal.«
Am anderen Morgen zogen die drei besten Menschen ihres Weges, und Rübezahl
zauberte jedem einen Portugaleser in die Tasche, der ihnen auf ihrer
Wanderschaft ganz gut zustatten kam.
Nach langer Zeit dachte der Berggeist: »Ich möchte wohl wissen, wo jetzt
die drei besten Menschen der Welt sein mögen und wie es ihnen ergeht.« Und
siehe da, kaum hat er es gedacht, so sieht er den Goldberger Tuchscherer
von Hohenelbe herkommen. Rübezahl verwandelt sich geschwind in einen
Grenzjäger und fängt ein Gespräch mit dem Burschen an. »Ei, warum wandert
ihr denn ganz allein, habt ihr keinen Reisegefährten gefunden?«
»Zwei für einen, aber mit denen war nicht auszukommen, obgleich ich der
beste Mensch von der Welt bin. Was scher ich mich drum, ich hab gehört,
mein Meister ist gestorben, und da er mir nun nichts weiter antun kann,
gehe ich wieder, woher ich gekommen bin, nach Goldberg.«
»Das ist wohl eine große, schöne Stadt?« fragt der Grenzjäger; »ich bin aus
Schwaben und erst zwei Tage hier im Lande.«
»Nun, dem kannst du eins aufbinden,« denkt der Goldberger, und sagt: »Ei
ja, es hat viel Merkwürdigkeiten in meiner Vaterstadt, besonders den
Ratsturm, der ist an die elftausend Fuß hoch, und die Esse des Türmers
nimmt allein tausend Fuß davon weg. Wenn die einmal gefegt wird, so braucht
der Essenkehrer einen und einen halben Tag und muß Nachquartier darin
machen, wozu mitten in der Esse ein kleines Stübchen gebaut ist.«
»Du Schelm,« denkt Rübezahl, »das soll dir doch nicht ungestraft hingehen.«
Der Goldberger aber lügt tapfer weiter. Endlich kommen sie nach Krummhübel,
und die Sonne vergoldet die Berge über ihnen zum Entzücken schön. An den
Bleichplätzen sind viele Menschen versammelt, und der Tuchscherer grüßt
herablassend nach allen Seiten. Aber die Bleicher stemmen die Arme in die
Seiten und lachen, daß es in den Bergen widerhallt. Die Wanderer am Wege
bleiben stehen und sehen den Goldberger mit Staunen und Entsetzen an. Der
sieht nämlich wie ein Kreuzschnabel und Pfefferfresser aus, eine große Nase
sitzt in seinem Gesicht und darum noch eine Menge kleine. Das sieht er, wie
er eben an einem großen Zuber mit Wasser vorübergeht und erschrickt halb
zum Tode darüber. Die Hände vor das Gesicht geschlagen, läuft er in den
Wald zurück, verfolgt von dem Gelächter der mutwilligen, jungen Leute, die
auf dem Felde und den Bleichen beschäftigt sind.
Der Goldberger blieb die ganze Nacht versteckt, und nur der Hunger trieb
ihn endlich wieder dem Dorfe zu. Da begegnet ihm ein Jäger und spricht
lachend:
»Ach, du bist dem Berggeist wohl auch in die Hände gelaufen? Deine Nase ist
keine natürliche.«
»Ich glaube, der Fremde, der mir in Hohenelbe begegnete, ist der Herr
Johannes gewesen und dem habe ich freilich auch eine Nase aufgebunden. Ach,
wäre ich nur noch einmal diese schreckliche Nase los, ich wollt in meinem
Leben nicht mehr lügen!«
»Topp, es gilt, mein Bursch!« rief der Jäger, »aber, halt auch Wort.« --
Und lachend verschwand er zwischen dem hohen Korn. Der Goldberger aber
hatte sein natürliches Gesicht wieder.
Der böse Vogt.
Es war einmal ein Ritter, der Frau und Kind plötzlich durch den Tod verlor
und darüber so in Trübsinn versank, daß ihm nichts auf der Welt mehr Freude
machte. Es ward ihm unheimlich auf seiner Burg; ritt er zur Jagd aus, so
schien ihm der Wald zu eng; der Wein mundete ihm nicht und dem Trost seiner
Genossen und Freunde verschloß er das Ohr. -- Endlich beschloß er, seine
Heimat auf lange Jahre zu verlassen, füllte den Säckel mit Goldgülden,
befahl dem treuen Knappen, die Rosse zu schirren und übergab die Burg
seinem Vogte Lutz. Und nun ritt er weit in das Reich hinein.
So lange der Ritter daheim gewesen war, hatten seine Dörfler und Insassen
ein glückliches Leben geführt, das ward nun aber bald anders. Vogt Lutz
ließ die Ältesten aus den Dörfern, die zur Burg gehörten, herbeirufen, und
sagte ihnen, daß sie von nun an doppelt so viel Abgaben bezahlen und statt
dreier Tage fünf in der Woche frohnen sollten. Damit wies er ihnen die Tür
und hörte ihre Gegenvorstellungen gar nicht einmal an. Nun merkten die
Landleute erst, welch ein böser Mensch der Vogt sei, der während der
Anwesenheit des Ritters nur immer den Katzenbuckel gezeigt hatte. Als sie
daher vors Burgtor kamen, sahen sie sich mit trüben Mienen an, schüttelten
sich die Hände und trennten sich mit schwerem Herzen, um die schlimme Kunde
den anderen mitzuteilen. Da gab es viele Klagen bei den Weibern, bei den
Männern viel Grimm und Zorn; aber sie wollten fürs erste ruhig abwarten,
was da kommen würde.
Als sie, wie früher, drei Tage gefrohnt hatten, glaubten sie, daß sie nun
ihrer Pflicht Genüge getan hätten und bestellten am vierten Tage ihre
eigenen Felder. Da kam um die Mittagsstunde der Vogt Lutz mit einem Schwarm
gewappneter Knechte in die Dörfer und trieb die Bauern mit Schwertstreichen
auf die Äcker, welche zur Burg gehörten. Er drohte ihnen auch mit schwerer
Strafe, wenn er sie nochmals ungehorsam fände, und als die Bauern die
Urkunde zu sehen verlangten, daß ihr Herr so Ungerechtes von ihnen begehre,
hob er sein Schwert und sagte: »Seht, hier ist Brief und Siegel genug für
euch!«
So mußten denn die Bauern ihre Felder vernachlässigen, und was sie
befürchteten, traf bald genug ein, sie konnten ihre früheren Abgaben nicht
mehr entrichten, viel weniger die neu auferlegten. Da gingen die Ältesten
zu dem Vogt und baten ihn auf den Knien, daß er das harte Gebot doch
zurücknehmen möchte. Aber Lutz jagte sie mit Peitschenhieben aus der Burg,
und es war jämmerlich anzusehen, als die Greise mit ihren silberweißen
Haaren so hart geschlagen wurden. Und als die Bauern dennoch das
unbarmherzige Gebot nicht erfüllen konnten und der Termin kam, ohne daß sie
Geld hatten, ließ der harte Lutz ihr Vieh wegnehmen, um sich daraus bezahlt
zu machen. Da vergaß sich ein junger Bauer und stieß böse Reden gegen den
Vogt aus; dieser aber ließ ihn sogleich von seinen Knechten umringen und an
den Schweif seines Rosses festbinden; so ward er zur Burg geschleift und
dort in ein finsteres Verließ geworfen, auf dessen Boden es von Kröten und
giftigem Gewürm wimmelte.
Im Dorfe aber wehklagten die Bauern, und am meisten jammerte Anna, die
Braut des jungen Landmannes, der die Rache des Vogtes auf sich gezogen
hatte. Sie lief weinend in den Wald, und niemand konnte sie trösten. Da
begegnete ihr ein hoher Rittersmann, der vom Kopfe bis zum Fuße in
glänzenden Stahl gehüllt war. Anna erschrak vor der unerwarteten
Erscheinung, als aber der Ritter, sein Visier aufschlug und sie sein edles,
männliches Gesicht sah, welches sie freundlich anblickte, da faßte sie Mut.
»Was weinst du, mein Kind?« fragte der Ritter mit einer so wohltönenden
Stimme, daß Anna davon wunderbar ergriffen wurde. Sie öffnet dem Fremden
ihr ganzes Herz voller Zutrauen, indem sie ihm die Geschichte mit dem Vogte
von Anfang bis zu Ende erzählte. Aufmerksam hörte ihr der Ritter zu und
gebot ihr dann, die Ältesten aus den Dörfern herbeizurufen, die er an der
Kapelle vor der Burg erwarten wolle.
Anna vollzog eilig sein Gebot, und ehe die Sanduhr zweimal gewendet war,
fanden sich die Gerufenen an der bezeichneten Stelle zusammen. »Liebe
Väter,« redete sie der stahlgepanzerte Ritter an, »ich habe von dem Unrecht
gehört, daß euch der böse Lutz zugefügt, und da ich ein fahrender Ritter
bin, der überall gegen das Unrecht kämpft und seinen Schutz den Bedrängten
angedeihen läßt, so will ich auch euch in eurer gerechten Sache beistehen.
Geht, ruft alle Männer zusammen, daß ich sie führe und die Burg des Vogtes
stürme.« -- Woher mochte es kommen, daß die besonnenen Greise allzugleich
Vertrauen zu dem fremden Ritter faßten? Es war ihnen, als könne es gar
nicht anders sein, als daß sie ihm Folge leisten müßten, und sie eilten in
die Dörfer zurück, um den Vorschlag des Ritters kundzumachen. Da griff alt
und jung zu den Waffen, waren es gleich nur Stangen und Heugabeln, und
damit eilten sie zu der Kapelle, wo der Ritter ihrer wartete. Keiner, der
nur einen Prügel schwingen konnte, war zurückgeblieben.
Als die Einwohner der drei Dörfer versammelt waren, überblickte der Ritter
die zahlreiche Schar und sprach: »Wenn ihr Mut im Herzen habt, so folgt mir
getrost, ich will euch die Burg erobern und den Vogt züchtigen helfen. Wer
aber Furcht hat, bleibe daheim. Und das möge mein Zeichen sein, daß ihr mir
getrost folgen könnt.« Als er diese Worte sprach, warf er seine riesige
Lanze so hoch in die Luft, daß sie fast den Augen der Menge entschwand, und
als sie sausend wieder herunterfuhr, fing er sie mit gestrecktem Arm wieder
auf. Da jubelten und riefen die Bauern: »Führe uns!« Und fort ging es nun
im Sturmschritt gegen die Burg, der Ritter ging in seiner glänzenden
Rüstung immer voran der kampflustigen Schar: Als sie die Burg erreicht
hatten, rief der Anführer mit Donnerstimme hinauf, Lutz solle sich auf der
Zinne zeigen.
Alsbald erschien auch der Vogt, von Neugier getrieben und Spott im Herzen;
höhnisch blickte er auf die Feinde hinab. »Ergib dich, Lutz!« rief der
Ritter, »und bedenke dich nicht länger, als zwölf Sandkörner brauchen, um
in der Uhr zu verrinnen!«
Ach, was sprudelte da der Vogt für Witz- und Schimpfwörter hinaus! Strolch
und Strauchdieb wurde der Ritter, Galgenfutter die Bauern genannt; dann
lief er zornig hinweg, um seinen Knechten zu befehlen, daß sie das Gesindel
von dem äußeren Tore der Burg verjagen möchten. Nun ward ein Hagel von
Bolzen nach den Bauern herabgeschossen, aber wunderbar! die tötlichen
Geschosse verfehlten alle ihr Ziel, und der fremde Ritter erhob indes seine
ungeheure Streitaxt und spaltete mit einem Schlage das Tor der Burg. Hoch
schwang er nun seine gewaltige Waffe und stürmte voran; ein wunderbarer Mut
beseelte die Bauern, daß sie ihm jauchzend folgten.
Vergebens war alle Gegenwehr der Knechte; wie Blitz und Donner schmetterte
die Streitaxt in ihre Reihen; da warfen die Reisigen ihre Waffen weg und
baten um Gnade. Der Vogt hatte sich versteckt, ward aber bald gefunden;
seine eigenen Leute verrieten ihn. Der Ritter hielt ein kurzes Gericht;
nachdem der junge Bauer aus dem Verließ heraufgeholt worden war, vertrieb
er die besiegten Knechte aus der Burg.
Nun zog der Ritter ein Pergament hervor; es war die Urkunde vom Tode des
eigentlichen Herrn der Burg, der den fremden Ritter zu seinem Erben
eingesetzt, weil dieser ihm im Türkenlande einmal das Leben gerettet hatte.
Nun wäre der Ritter ihr neuer Gebieter gewesen, er schenkte aber die Burg
und alle dazu gehörigen Ländereien dem jungen Landmanne, der Annas
Bräutigam war, machte es ihm aber zur Pflicht, die Bauern nicht wie
Leibeigene zu behandeln, sondern ihre Rechte zu wahren und zu schützen. Die
Abgaben wurden aber so gering angesetzt, daß alle Sorge und Not für die
Bauern vorüber war. Alles dies ward förmlich niedergeschrieben und von dem
Ritter unterzeichnet. Als alles dies vorüber war, wurde der neue Burgherr
mit seiner Anna getraut, wobei der fremde Ritter schöne Geschenke zum
Vorschein brachte, ohne daß jemand begreifen konnte, woher er diese in der
Eile genommen hatte.
Nun ermahnte er die Landleute noch zur Eintracht, und nachdem er dem
zitternden Lutz befohlen hatte, ihm zu folgen, schied er aus ihrer Mitte,
auf eine Weise, die das Staunen der Versammelten nicht wenig erregte. Eine
dunkle Wolke senkte sich nämlich plötzlich hernieder und führte den Ritter
samt dem Vogt ins Weite. Jetzt erkannten die Bauern mit einem Male, daß
Rübezahl ihr Helfer gewesen war, und sahen der Wolke segnend nach, bis sie
auf den Gipfel eines Berges sich niedersenkte und verschwand. Der neue
Burgherr aber war mildherzig und brav, wie denn der Berggeist Rübezahl
seine Leute immer genau kannte. In glücklicher Häuslichkeit und Eintracht
lebten die beiden lange Jahre vereint und die guten Jahre ließen sie die
schweren Stunden vergessen und viele Freude an ihren Nachkommen erleben.
Die Bauern waren glücklich und erzählten noch ihren Enkeln mit Dank und
Freude die seltsame Mär von Rübezahl und dem bösen Vogt, aber auch von dem
letzten, guten Burgherrn, der so unendlich viel Gutes getan hatte und
dessen Andenken lange in Ehren blieb.
Rübezahl straft einen Unwissenden.
Als Rübezahl eines Tages im warmen Sonnenschein lag und die Gestalt eines
Holzhauers angenommen hatte, um sich irgend einen Spaß mit den Reisenden zu
machen, -- denn die Langeweile plagte den Berggeist oft so sehr, wie unsere
vergnügungssüchtigen Menschen -- kam ein Arzt von Schmiedeberg
heraufgeschritten, um auf dem Kamme zu botanisieren. Rübezahl war geschwind
bei der Hand und erbot sich, dem ermüdeten Bergsteiger das Pflanzenbündel
zu tragen, das er sich schon gesammelt hatte.
Dabei hatte er Gelegenheit, in dem Arzt einen prahlerischen Wunderdoktor zu
erkennen, der seinem Begleiter viel von seinen fabelhaften Kuren und seiner
unvergleichlichen Geschicklichkeit erzählte. Am meisten aber ergötzte es
den Gnomen, sich von dem Arzte die Heilkräfte der Pflanzen erklären zu
lassen, und da kam es denn, daß der scheinbare Holzhauer dem gelehrten
Herrn manchen Irrtum nachwies, oder ihm noch ganz unbekannte Dinge
mitteilte. Das verdroß den dünkelhaften Arzt, so daß er zu seinem Begleiter
ziemlich verächtlich sagte: »Schuster, bleib bei deinem Leisten!«
Rübezahl belustigte sich an dem Mißmute des Arztes und fuhr ganz ruhig
fort, ihm allerlei Aufschlüsse über die Naturkräfte zu geben, so daß jener
mit seinen prahlerischen Erzählungen ganz verstummte. »Wenn du so kundig
aller Pflanzen und Kräuter bist, vom kleinsten Moose an bis zur Ceder, die
auf dem Libanon wächst,« sagte er verdrießlich, »so sage mir doch, du
überaus weiser Holzhauer, was wohl früher war, die Eichel, oder der
Eichelbaum?«
Der Geist antwortete lächelnd: »Ei doch wohl der Eichbaum, denn die Eichel
wächst ja erst auf dem Baume.«
»Siehst du, welch ein Narr du bist,« spottete der Arzt, »wo kam denn der
erste Baum her, wenn nicht aus deren Samen er aufwuchs?«
Da erwiderte der Holzhauer: »Ihr habt mir da auch eine zu schwere Frage
gestellt; solche Gelehrsamkeit ist mir zu hoch. Was ich weiß, habe ich nur
von meiner Mutter gelernt. Vielleicht könnt ihr mir aber einen guten Rat
geben; ich habe das Fieber, und schon allerlei dagegen gebraucht; seht nur,
wie mich der Frost packt.« Dabei schüttelte sich der Gnom, daß seine
Glieder knackten, und hielt den Atem an; darüber ward er ganz blau im
Gesicht, und der Arzt sagte: »Ei, ei, mein Freund, da hast du einen
schlimmen Anfall; es ist nur ein Glück, daß du an den rechten Mann gekommen
bist, ich will dir sogleich helfen.«
Er öffnete seine Blechkapsel, die voll Salbenkrausen und Medizinfläschchen
steckte, goß allerlei Säfte zusammen, schüttelte es wohl untereinander, und
dem Berggeiste lief es dabei wirklich kalt über den Rücken, wenn er dachte,
daß er dieses saubere Gebräu hinunterschlucken sollte. Dann nahm der
Wunderdoktor eine große Schachtel voll Pillen, die er ohne Ausnahme als
Universalmittel bei den verschiedensten Krankheiten anwendete, gegen Gicht
und Kopfschmerzen, Halsweh und alle Fiebergattungen, und hieß den
Holzhauer, stündlich zwölf Stück, sowie einen Eßlöffel von der Medizin zu
nehmen, davon werde er am dritten Tage schon ganz gesund sein, und dafür
solle er ihm nur einen Gulden geben.
»Gewiß, ihr seid ein grundgescheiter Herr,« sagte der Holzhauer, »und will
ich auch tun, was ihr mir anratet, nur müßt ihr mir zuvor den Gefallen tun,
und mir auch eine Frage beantworten: »Wem gehört der Grund und Boden, auf
welchem wir jetzt stehen? Dem Könige von Böhmen oder dem Herrn vom Berge?««
(So ward Rübezahl jetzt überall genannt, weil die Benennung Rübezahl ihm
mißfällig war, und seinen Zorn reizte.)
Der Arzt bedachte sich nicht langes »Nun, wem anders, als dem Könige von
Böhmen, denn Rübezahl ist das Hirngespinnst, um die Kinder zu erschrecken.«
Ader kaum waren diese Worte aus seinem Munde, so verwandelte sich der
Holzhauer in eine riesenhafte, fürchterliche Gestalt und sah mit
flammensprühenden Augen den Arzt an. »Ich will dir zeigen,« zürnte er, »daß
der Herr vom Berge kein Hirngespinnst ist, mit dem man die Kinder fürchten
macht, und du sollst es sogleich an deinem eigenen Leibe wahrnehmen. Du
unwissender Prahlhans sollst an mich denken, und damit du nie wieder an mir
zweifelst, verschlucke sogleich deine edlen Wunderpillen und das höllische
Gebräu, womit du mir das Fieber ankurieren wolltest, an dem ich gar nicht
leide. Nicht von der Stelle sollst du mir, so lange noch ein Pröbchen
deiner gepriesenen Arzneiwissenschaft übrig ist. Die Kranken in den Dörfern
unten werden es mir Dank wissen. Nun schlucke, mein Sohn!«
Der Arzt bat und flehte vergebens. Endlich nahm er mit einer Geberde der
Verzweiflung das Arzneiglas und tat einen herzhaften Schluck. Die bitteren
Tränen traten ihm dabei in die Augen und Schweißtropfen auf die Stirn; aber
Rübezahl stand mit aufgehobenen Arm hinter ihm und drohte, ihn zu Boden zu
werfen, wenn er zögere. Als nach einem furchtbaren Kampfe die Medizin gut
oder übel hinunter war, kamen die Universalpillen daran, wobei sich der
Arzt noch viel jämmerlicher geberdete, als das erste Mal. »Es ist mein
Tod,« jammerte er, »ich sterbe an dem schauderhaften Zeuge«; aber Rübezahl
erinnerte ihn höhnend, wie vorzüglich heilsam diese Dinge wären, welche
Wunderkuren er damit schon bewirkt habe, und hieß ihn doch mehr Vertrauen
zu seiner Kunst haben. Dreißig Pillen hatte der arme Mann schon bezwungen,
dann warf er sich verzweifelt auf die Erde und sagte: »Töte mich lieber
sogleich, du grausamer Geist; es kann keinen bitteren Tod geben, als durch
diese Giftpillen sterben zu müssen.«
»Das merke dir,« sagte Rübezahl und stieß mit seinem Fuße an den Arzt, der
mit Schweiß bedeckt an der Erde lag; er rollte von dieser Bewegung den Berg
hinab, schlug sich an Steinen, verletzte sich an Baumwurzeln, kam aber doch
endlich glücklich auf ebener Erde an, aber zerklopft und zerstoßen, daß er
viele Wochen lang das Bett nicht verlassen konnte. Dabei war er so
mißtrauisch geworden, daß er immer fürchtete, Rübezahl stecke dahinter,
wenn er zu einem Kranken gerufen ward, und sich wohl hütete, seine
gewöhnlichen Mittel zu verordnen. »Wer weiß,« sagen die Leute, »ob jener
Arzt nicht der erste Erfinder der später so bekannt gewordenen
homöopathischen Heilmethode gewesen ist.«
Wie Rübezahl vor Prellerei warnt.
»Nun Gott sei Dank, daß wir herauf sind!« sagten drei Görlitzer Tuchmacher
oben auf dem Schmiedeberger Paß zu einander, setzten ihre Hocken ab und
wischten sich den Schweiß von der Stirn. Sie wollten hinüber nach Böhmen
und ruhten jetzt aus vom vielen Steigen. Indem kam ein vornehmer Herr,
redete sie an, und wie er hörte, daß sie Tuche bei sich führten, sagte er:
»Ich kaufe euch ab.« Obschon die Männer einen sehr hohen Preis forderten,
so kaufte er doch jedem von ihnen ab und zahlte das Geld in lauter Dukaten
aus. Hierauf reisten die drei Tuchmacher weiter, und wie sie eine gute
Strecke gegangen waren, zogen sie lachend ihre Dukaten heraus und freuten
sich, den Fremden so geprellt zu haben. Aber zu ihrem großen Schrecken
fanden sie statt des Goldes nur Zahlpfennige in ihren Taschen.
Sogleich kehrten sie um und trafen auch an der vorigen Stelle eine Kutsche
mit sechs Rossen, darin saß der vornehme Herr, und sie beklagten sich, daß
er ihnen Zahlpfennige statt Gold gegeben. »Zeigt doch einmal her,« sagte
der Fremde. Wie sie aber ihre Beutel öffneten, war alles gutes Gold. Die
Männer standen bestürzt, und jener sagte: »Könnt ihr nicht Gold von Messing
unterscheiden? Wenn es euch aber nicht recht ist, will ich euch den
Kaufpreis in Talern auszahlen.«
Sie gingen wohlgemut davon, und nach einer kleinen Weile guckten sie
neugierig in ihre Säckel, ob auch die blanken Taler noch darin wären. Aber
o weh! nun lagen gar Scherben darin; spornstreichs eilten sie zurück, und
glücklich hielt die Kutsche noch auf dem alten Flecke. Der Herr fragte, was
sie denn schon wieder wollten, und sie forderten ihre Tuche zurück. Aber da
ward er sehr zornig und sagte, er habe sie ehrlich bezahlt, sie möchten nun
ruhig ihres Weges ziehen. Hierauf fuhr er rasch über den Paß hinunter, und
die betrübten Tuchmacher setzten wehklagend ihren Weg fort. Als sie aber
nach Libau kamen und ihre Säckel ausschütteten, waren wirklich gute Taler
darin, aber genau nur so viel, als sie mit gutem Gewissen für die Tuche
hätten fordern können, nicht einen Pfennig mehr; ihr ungerechter Profit war
also verloren, und die ausgestandene Angst, die Mühe des unnötig gemachten
Weges hatten sie noch obendrein. Das war ihre Strafe für ihre Habgier und
Gewinnsucht; zuerst ärgerten sie sich grün und blau darüber; später aber
nahmen sie sich vor, nie wieder jemand betrügen zu wollen. Sie hatten
gemerkt, wer der fremde Herr gewesen war, und sie haben seitdem oft an das
Wort gedacht:
Niemand übervorteile seinen Bruder im Handel!
Rübezahl betrügt die Geldmäkler.
Einige Juden, die dem Rübezahl, ohne ihn zu kennen, schlechte Waren für
übermäßige Preise verkauft hatten, freuten sich über die seltenen und
ungewöhnlich großen Goldstücke, die er ihnen als Zahlung gegeben, hatte und
waren kaum in der nächsten Herberge angelangt, als sie ein einsames
Kämmerchen begehrten, um die Goldstücke zu beschneiden, wie sie es immer
mit Dukaten zu tun pflegten.
Als sie aber das scharfe Messer ansetzten, um etwas am Rande des
Goldstückes abzuschneiden, fuhr dasselbe ab und mitten durch die Münze, so
daß sie in zwei Hälften geteilt ward, wovon die eine auf den Boden fiel, wo
sie trotz alles Suchens nicht wiedergefunden ward. Ein Gleiches begegnete
den betrügerischen Juden bei dem zweiten und dritten Goldstücke, und sie
verloren auf diese Weise weit mehr, als sie bei ihrem Handel zuvor verdient
hatten.
Einer von den Wechslern meinte, er wolle sein Goldstück schon auf eine
klügere Weise beschneiden, nahm eine Feile und schabte den feinen Goldstaub
auf eine untergelegte Glasplatte; aber zu seinem größtem Verdruß riß die
Feile viel weiter, als er es gewollt hatte, so daß selbst das Gepräge des
Goldstückes angegriffen war. Der Staub aber, den er sorgfältig sammeln
wollte, blieb an seinen Händen kleben und konnte durch nichts davon
losgemacht werden. Das ärgerte den Juden am meisten, daß er das Gold an den
Händen hatte und doch keinen Gebrauch davon machen konnte.
Die Springwurzel.
Rübezahl hat im Gebirge einen eigenen Krautgarten. Man zeigt ihn seitwärts
auf dem Koppenplan, nicht weit von der Wiesenbaude, an einem Abhange nach
dem Aupengrunde zu. Dort ist das Gebirge an den saftigsten Kräutern reich,
die von alten Zeiten her zu den kräftigsten Essenzen gebraucht wurden, und
auch jetzt noch von den Einwohnern des Dorfes Krummhübel zur Bereitung von
Tee und Medikamenten gesammelt werden.
Unter allen diesen heilsamen Kräutern ist ganz vorzüglich eins in der
Märchenwelt sehr berühmt geworden. Dieses Zauberkraut heißt die
_Springwurzel_ und wächst nur in Rübezahls Garten. Sie ist von der
köstlichsten Art und heilt die langwierigsten und hartnäckigsten
Krankheiten. Da sie aber den Erdgeistern zur Nahrung dient, erlaubt
Rübezahl nur seinen besonderen Günstlingen, sie ungestraft herauszugraben.
Einst war in Liegnitz eine vornehme Dame krank und ließ einen Bauer aus dem
Gebirge zu sich rufen, dem sie den Auftrag gab, ihr die Springwurzel aus
Rübezahls Garten zu verschaffen, wofür sie ihm eine große Belohnung
versprach. Das viele Geld verlockte den Bauer zu dem gefährlichen Gange; er
suchte den bezeichneten Ort auf, und als er in die einsame, wüste Gegend
kam, ergriff er den Spaten und fing an, nach der Springwurzel zu graben,
die ihm nicht unbekannt war.
Während dieser Arbeit, wo er das Gesicht tief zur Erde beugte, pfiff
plötzlich ein Windstoß von einem Felsen in der Nähe her, und er hörte einen
donnernden Zuruf, dessen Worte er aber nicht verstand. Er sah sich daher
ganz erschrocken nach jener Gegend um und erblickte nun am Rande des
Felsens eine riesenhafte, schreckliche Gestalt. Ein langer, weißer Bart
fiel fast bis zu den Füßen nieder, und eine ungeheuer große Nase
beschattete das Gesicht, das ebenso von weißen Haaren umhangen war, die im
Winde vorwärts flogen, ja von denen, sowie aus den weiten Falten des
Mantels, der Sturm eigentlich auszugehen schien. Der wilde, furchtbare
Greis hielt eine riesige Keule in seiner Hand und rief mit einer dem Donner
ähnlichen Stimme: »Was tust du da, Elender?«
Ein Schauer schüttelte die Glieder des rüstigen Bauern, ehe er sich zu der
Antwort ein Herz faßte: »Eine kranke Frau verlangt nach einer Springwurzel
und ich suche danach!«
Da schrie die Gestalt zurück: »Du hast eben jetzt eine gefunden, die darfst
du behalten, aber hüte dich, ein zweites Mal wiederzukommen.« Und dabei
schwang sie die Keule mit einer drohenden Gebäude.
Der Bauer lief, so geschwind er konnte, hinweg und wagte nicht mehr, nach
der furchtbaren Erscheinung zurückzublicken. Als ihm aber die kranke Dame
für die Springwurzel eine Hand voll harter Taler gab, vergaß er den
gehabten Schreck, und tat sich etwas zu gute. Jene aber war kaum im Besitz
der heilsamen Wurzel, als sie sichtlich gesünder und kräftiger wurde. Da
sie nun wohl sah, wie dies Mittel allein ihre gänzliche Wiederherstellung
bewirken könne, ließ sie den Bauer noch einmal zu sich rufen. »Willst du
mir noch eine Springwurzel holen, so sollst du doppelt soviel dafür
bekommen, als das erste Mal,« sagte sie.
»Ach, gnädige Frau,« antwortete der Bauer ganz ängstlich, »ich mag es nicht
wieder wagen, in Rübezahls Kräutergarten zu gehen; denn er ist mir in
schrecklicher Gestalt erschienen und hat mir den Tod gedroht, wenn ich
jemals wiederkäme.«
»Bedenke aber, wieviel Vorteil du davon haben könntest; der Berggeist hat
dich nur schrecken wollen, damit nicht zu viele kommen und die Einsamkeit
seiner Berge stören möchten. Auch hat man nie gehört, daß Rübezahl einem
mutigen Menschen ein Leid getan hätte.« Auf solche Weise suchte die Dame
dem Bauer seine Furcht auszureden, bis er endlich ihren verlockenden
Versprechungen nicht länger widerstehen konnte. Und zum zweiten Male wagte
er, das innere Heiligtum des Gebirges zu betreten.
Er grub mit großer Angst und Hast, aber kaum hatte er den Spaten einigemal
in die Erde gestoßen, da erhob sich derselbe Sturm, nur noch weit
furchtbarer, als früher, und als er blaß vor Schreck nach dem Felsen
hinblickte, stand die Gestalt noch viel schrecklicher und drohender da, und
ihre Augen schienen Feuer und Flammen zu sprühen.
»Was tust du da?« hallte es wie ein Erdbeben von dem kahlen Felsen herüber.
»Ich suche die Springwurzel für eine kranke Frau, die sie mir teuer
bezahlen will,« wagte der Bauer zu antworten. Da blitzte ein furchtbarer
Zorn aus den Augen des Berggeistes. »Ich habe dich gewarnt und du wagst es
doch, in dein Verderben zu rennen, Unsinniger! Die du hast, magst du
behalten, aber nun rette dich, wenn du kannst!« -- Bei diesen Worten flog
die ungeheure Keule sausend durch die Luft, nach dem verzagenden Bauer hin,
aber zur rechten Zeit noch sprang er zur Seite, und sie schlug tief in den
harten Boden. Die Erde erbebte unter diesem gewaltigen Wurfe und ein lange
wiederhallender Donner betäubte den Bauer, daß er bewußtlos zu Boden sank.
Erst nach langer Zeit erholte er sich von seiner Betäubung, aber alle
Glieder des Leibes schienen ihm zerbrochen zu sein. Die Springwurzel hielt
er zum Glück noch fest in der Hand, und damit kroch er mühsam am Boden hin;
der Regen und die tief ziehenden Nebel durchnäßten und verirrten ihn: er
geriet bald an den Rand gefährlicher Abgründe, bald an einen stürzenden
Gebirgsstrom, der seinen Weg hemmte, und zwei Tage und zwei Nächte lang
irrte er halb verschmachtet durch das Gebirge, ohne sich zurechtfinden zu
können, bis ein Köhler dem Unglücklichen begegnete und ihn halbtot zurück
in seine Hütte brachte.
Der Bauer konnte erst viele Tage später die mit so vieler Gefahr gewonnene
Wurzel nach Liegnitz tragen, wo die reiche Belohnung ihn endlich die
ausgestandene Angst vergessen ließ.
Nun verging eine lange Zeit, während welcher die kranke Dame fast ganz
gesund ward und nur selten Anfälle ihres Übels bekam. »Hätte ich nur noch
eine frische Springwurzel, dann wäre mir auf immer geholfen, das fühle
ich,« sagte sie und sandte wieder nach dem Bauer, der anfänglich durchaus
nicht kommen wollte.
Aber die Begier nach Geld und Gut ist ein böser Geist, der uns wider Willen
vorwärts treibt. So ging es auch dem Bauer. Er kam endlich doch nach
Liegnitz und sagte: »Da bin ich, gnädige Frau, was wollt ihr von mir? Ich
will alles tun, nur nicht mehr in Rübezahls Garten gehen, davor soll mich
Gott bewahren. Wüßtet ihr, wie schlimm es mir das vorige Mal gegangen, und
wie ich fast das Leben verloren hätte, so würdet ihr mich garnicht mehr an
diese schrecklichste Zeit meines Lebens erinnern.«
»O doch,« antwortete die Dame, »will ich dich heute beschwören, mir zum
letzten Male die heilsame Wurzel zu holen. Ich bin reich genug, dich für
jede Angst und Gefahr zu belohnen und gebe dir ein schönes, reiches
Bauerngut, wenn du den Gang noch einmal für mich wagen willst!«
Da verblendete die Begier nach dem versprochenen Reichtum den Bauern so
sehr, daß er alle Gefahr vergaß und der Dame zusagte, die Springwurzel zu
holen, solle es auch sein Leben kosten.
»Bis jetzt,« sagte er, »hat mir der Geist ja nur gedroht, und um ein
reiches Bauerngut kann ich auch allenfalls eine Tracht Schläge schon
hinnehmen. Dann aber soll mich keine Macht der Welt mehr ins Gebirge
bringen, bin ich nur erst ein reicher Mann und kann in Herrlichkeit und
Freude leben.«
Aber allein wagte er dieses Mal doch nicht zu gehen. Er nahm daher seinen
ältesten Sohn mit sich und sagte, sie wollten nach der Koppenkapelle
wallfahrten. Das war der Knabe wohl zufrieden, und so gingen sie
nebeneinander hin, bis das Gebirge immer steiler und kahler wurde. Tief
unten in den Schneegruben leuchtete der Schnee noch frisch und weiß, wie
ein Leichentuch, obgleich es im Hochsommer war, und dem Bauer kamen dabei
allerlei trübe Gedanken ein. Er wußte nicht, wie es kam, daß sich plötzlich
in ihm eine Stimme regte, die sprach: »Böse Geister haben dich von Jugend
auf verlockt, daß du nie nach dem ewigen, sondern, immer nach dem
zeitlichen Gut gestrebt hast. Wild und wüst hast du daher immer gelebt, als
ob mit dem Tode alles vorbei wäre; der Reichtum und die Lust der Welt, das
war dein Götze, und sie werden dich ins Verderben führen.«
Aber der Bauer suchte die warnende Stimme zu betäuben, indem er nur immer
an das prächtige Leben dachte, welches er führen wollte, wenn er erst ein
Bauerngut hätte. Und so ergriff er denn hastig den Spaten und fing an zu
graben. Da erhob sich eine Windsbraut, die Bäume drunten im Tale stürzten
davon zusammen, und ein Wolkenbruch flutete herab, so daß in einem
Augenblicke die kleinsten Bäche zu wilden Strömen anschwollen, aus der Erde
drang ein Wehklagen, und eine wilde Kluft öffnete sich plötzlich, daraus
fuhr eine große Gestalt auf, die ergriff den besinnungslosen Bauer und
stürzte sich mit ihm in die schauerliche Tiefe. Immer ferner und schwächer
hörte der Sohn die Stimme seines unglücklichen Vaters.
Endlich heiterte sich der dunkel umhangene Himmel wieder auf, der brausende
Sturm zog die gewaltigen Schwingen ein, und der verlassene Knabe suchte
erschreckt die Kapelle, um sich dem Schutze Gottes zu empfehlen. Und in
derselben Stunde starb in Liegnitz die Frau am Schlage.
Der gefundene Esel.
Hans und seine Schwester Marie dienten bei einem Bauer in Stonsdorf, einem
Dorfe im Riesengebirge, das etwa eine Stunde von Warmbrunn liegt und durch
den _Prudelberg_ berühmt ist, einer wunderbaren Granitmasse, darin man die
Rischmannshöhle findet, in welcher der Prophet Rischmann im Jahre 1630
seine ersten Weissagungen tat. Sie waren beide so fleißig und ordentlich,
daß sie sich schon eine kleine Summe erspart hatten; damit gingen sie nun
nach Warmbrunn auf den Markt, um ihrer kranken Mutter eine Kuh zu kaufen.
Sie hatten sich am Wege in das blühende Haidekraut gesetzt, zählten ihr
Geld und bauten allerlei Luftschlösser, wie sie nach und nach das schlechte
Häuschen der Mutter verbessern und ein Stück Acker dazu kaufen wollten.
Dann sollte es die Mutter gut haben auf ihre alten Tage.
»Und,« sagte Hans, »hab' ich es einmal erst so weit gebracht, daß ich
Getreide verkaufen kann, dann halte ich mir ein Pferd; das will ich so gut
halten und so blank putzen, wie die Rappen des Edelmannes. Das soll eine
Freude für mich sein, in die Stadt zum Markte zu reiten, daß die Leute
denken, es komme ein reicher Pächter auf seinem schmucken Gaul daher.«
»Werde nur nicht hochmütig,« sagte die Schwester besorgt, »Hochmut kommt
vor dem Fall. Stecke nur das Geld wieder in die Tasche und laß uns weiter
gehen.«
Hans schob den Beutel in die Jacke zurück und schickte sich an, der
Schwester zu folgen, da sprang ein stattlicher Esel aus dem Gesträuch am
Wege und lief dem Burschen fast in die Hände.
»Ei, da hätt' ich ja gleich einen hübschen Anfang,« lachte Hans und hielt
den Esel am Strick fest, der um dessen Hals geschlungen war. »Bruder, du
wirst doch nicht das Tier behalten wollen?« fragte Marie ängstlich.
»Närrchen,« antwortete dieser, »hältst du mich für gar so schlimm? Wenn ich
auch gern reich werden und ein bequemeres Leben führen möchte, so werd' ich
doch nicht etwa deshalb ein Dieb und Betrüger werden sollen. Das wolle Gott
verhüten! gehe du rechts in das Gebüsch, ich will zur linken Seite suchen,
ob wir den Herrn des Esels finden können.«
Die Geschwister suchten und riefen, warteten dann fast eine Stunde lang an
der Straße, ob nicht jemand kommen würde, den Esel zu suchen, aber es ließ
sich nichts hören und sehen; und da sie nun eilen mußten, um nach Warmbrunn
zu kommen, weil sie am Abende wieder bei ihrem Dienstherrn sein mußten,
nahmen sie den Esel mit, wobei sie hofften, daß ihnen der Eigentümer
desselben vielleicht auf dem Wege begegnen würde.
Hans führte das schöne, starke Tier am Stricke, als er aber einige Schritte
gegangen war, dachte er: »warum sollte ich es mir nicht bequemer machen?«
-- setzte sich auf den Esel und ritt. Marie nahm nun statt seiner den
Strick in die Hand. Das ging eine Weile recht gut, aber mit einem Male fing
der Esel an zu springen, schlug mit den Hinterfüßen aus und machte einen so
krummen Rücken, daß Hans auf das jämmerlichste hin- und hergeworfen wurde
und gar nicht wußte, wo ihm der Kopf stand. Er wäre gern abgestiegen, aber
der Esel ließ sich nicht einen Augenblick halten, zerriß den Strick, an dem
Marie ihn führte und setzte über den breiten Graben, wobei er den Reiter
abwarf, daß diesem die Ohren brummten. Da lag unser Held ganz still und
konnte sich kaum rühren; jammernd kam die Schwester herbei und half ihm
wieder auf; der Esel aber trabte den Bergen zu und verschwand.
Ganz kleinlaut schlich der arme, geschlagene Hans neben der Schwester her,
deren Sprichwort sich schon an ihm bewiesen hatte. Endlich kamen sie nach
Warmbrunn und fanden auch bald eine gute Kuh für einen ziemlich, billigen
Preis; aber als Hans das Geld zahlen wollte, stand er plötzlich mit
kreideweißem Gesicht vor der Schwester, -- der Beutel war verschwunden und
mußte ihm bei dem tollen Ritt aus der Tasche gefallen sein. Nun war das
Leidwesen groß und guter Rat teuer; da standen die Geschwister vor den
Trümmern all ihrer Hoffnungen. Der Verkäufer der Kuh aber glaubte, er habe
es mit listigen Betrügern zu tun, die ihn nur anführen wollten und rief die
Polizei zu Hilfe. Hans sollte nun eingesteckt wenden, aber Marie bat so
rührend für den unschuldigen Bruder, daß man sie endlich beide ruhig ziehen
ließ, und nur ein Troß von Straßenbuben sie noch verfolgte, worüber sich
Marie so sehr schämte, daß sie die Augen voll Tränen hatte.
Auf dem Heimwege durchsuchten die betrübten Geschwister das ganze Gebüsch,
um vielleicht ihren Beutel wiederzufinden, aber vergebens. »Den Spuk hat
uns kein anderer getan, als der Rübezahl,« sagte Hans zornig; »ich wollte,
der boshafte Geist stände hier vor mir, daß ich ihn meinen starken Arm
könnte fühlen lassen; es wäre mir auch ganz recht, wenn er mich in der Wut
dafür tötete, denn daß ich nun mit leeren Händen zu der Mutter heim kommen
soll, schnürt mir fast die Kehle zu vor Betrübnis.«
»Hans,« sagte die Schwester, »ich glaube, der Berggeist hat uns nur eine
gute Lehre geben wollen. Warum wünschten wir uns auch so viel Glück, da wir
doch mit der Freude gar wohl hätten zufrieden sein können, unserer armen
Mutter eine Kuh zu kaufen.« --
Hans schwieg verdrießlich. So gingen die Geschwister still nebeneinander
heim und dann jedes an seine Arbeit; Marie in den Stall, um die Kühe zu
melken, Hans auf den Boden, um Häcksel zu schneiden. In seinem Unmut wollte
ihm aber die Arbeit gar nicht von der Hand gehen und es brach bald da, bald
dort etwas entzwei.
»Reich' mir doch ein Stück Strick herauf,« rief er in den Stall hinab, und
Marie griff in die Tasche, wohin sie das Ende des Strickes gesteckt hatte,
das sie in der Hand behielt, als der Esel sich losriß. Hans wollte die
Häckselbank damit befestigen, aber der Strick war spröde wie Eisen, und als
sich der Hanf oben abschälte, flimmerte und glänzte es inwendig.
Hans sah verwundert nach, -- da war der Strick von lauter Goldfäden
zusammengedreht. -- Nun waren die Geschwister mit einem Male reich, sie
konnten zwei stattliche Kühe kaufen und den Acker vergrößern. Nun
bewirtschafteten sie gemeinschaftlich das Häuschen der Mutter und hegten
und pflegten diese mit treuer Kindesliebe. Hans aber vergaß die Lehre des
Bergsgeistes nicht, und obgleich sein Wohlstand sich von Jahr zu Jahr
mehrte, blieb er doch einfach und schlicht, so daß er nach wie vor zu Fuße
nach der Stadt auf den Markt ging und seine Pferde nicht zum Staat und zur
Bequemlichkeit, sondern allein zu seiner Ackerwirtschaft hielt. Man sagt,
das Reiten sei ihm auf immer verleidet gewesen!
Im ganzen Dorfe waren sie angesehen wegen ihres rechtschaffenen
Lebenswandels und der Sorgfalt für das Wohl ihrer alten, schwachen Mutter.
Der Spieler.
Von Agnetendorf stieg ein junger Bursche hinauf nach dem Korallenfelsen und
sang dabei so laut und lustig, daß es in den Bergen weithin hallte.
Rübezahl, der auch eben über das hohe Rad kam, hörte den Gesang und dachte,
da scheint ein _fröhlicher_ Mensch zu kommen, wir wollen einmal versuchen,
ob es auch ein _guter_ ist.
Und er nahm alsbald die Gestalt eines alten Drehorgelspielers an, der den
ganzen Sommer hindurch am Fuße des Berges saß und die Reisenden mit Musik
bewillkommnete, wofür er eine kleine Gabe empfing. Der Alte war aber heute
nicht an seinem Platze, weil im Dorfe unten eine Hochzeit war, wobei er
aufspielte. Nun saß Rübezahl statt seiner da und spielte: »Fröhlich und
wohlgemut.«
Als der Bursche dem Leiermann nahe kam, zog er seinen Beutel aus der Tasche
und warf ihm einen Groschen zu, wobei er singend und pfeifend seines Weges
ging und sich gar nicht um den Dank des Alten zu kümmern schien.
»Glückliche Reise!« rief ihm Rübezahl freundlich nach und ging nun auch
seines Weges. Der junge Bursche aber wandert rüstig weiter, bis zu den
Elbwiesen. Da sieht er mehrere junge Leute, welche Kegel schieben, und
bleibt dabei stehen. Er konnte nämlich bei keinem Spieltisch, bei keiner
Kegelbahn vorbei, ohne sein Glück zu versuchen; auch jetzt kribbelt und
juckt es ihn in den Fingern, und er ist wie gebannt an der Stelle; sein
fröhlicher Gesang ist verstummt, und begehrlich folgen seine Blicke der
Kegelkugel, die auf dem frischen Grün der Wiese wie auf einer Bahn von
Sammet dahinrollt. Endlich fordern ihn die jungen Leute auf, mitzuspielen,
und sagen, er solle doch auch einmal sein Glück versuchen; auf der Reise
brauche man immer Geld, wenn er gut schiebe, könne er vielleicht etwas
gewinnen.
Das läßt sich unser Bursche nicht zweimal sagen, sondern tritt rasch hinzu
und schiebt mit, gewinnt auch einen Groschen um den andern und bald ein
hübsches Sümmchen zusammen. Aber obgleich sich die Dunkelheit schon auf das
Gebirge senkt, bekommt er das Spiel doch immer noch nicht satt; die andern
haben schon längst aufhören wollen, und vom Dorfe her schallt schon die
Abendglocke herauf, unser junger Bursche versucht immer wieder das Spiel im
Gang zu erhalten, weil er gar zu gerne spielt.
Von dieser Zeit an verlor unser Bursche aber nach und nach den ganzen
Gewinn und endlich auch sein Reisegeld, so daß er keinen Pfennig mehr in
der Tasche behielt.
Als er nun ganz niedergeschlagen seinen Weg, über die Elbwiesen fortsetzte,
rief ihm einer der Spielkameraden zu, er solle sich doch zum Andenken
wenigstens einen Kegel mitnehmen. »Ei,« denkt unser Bursche, »der Vorschlag
ist ja wunderlich; aber wie mögen nur überhaupt die Kegelschieber hier
herauf gekommen sein, ob das nicht etwa ein Spaß von Rübezahl ist? Da wird
vielleicht der Kegel zu Gold in meiner Tasche!« -- Er kehrte um, suchte den
nun verlassenen Kegelplatz nochmals auf, und da die Kegel vom Spiel noch
dort lagen, steckte er heimlich einen Kegel nach dem andern ein; nur die
Kugel ließ er liegen, denn er trug ohnedies schon schwer genug. Als er nun
schon hinab bis zum Zackenfall gekommen war, wollte er einen Kegel
herausziehen, um zu sehen, ob er sich in Gold verwandelt habe, aber o weh
-- das war kein feiner Spaß vom Rübezahl -- der betrogene Bursche griff in
lauter Schmutz, und ein schallendes Gelächter belehrte ihn, daß der
Berggeist seine Spiellust auf solche Weise bestraft habe. -- Sein Geld
hatte er verloren; später als ihm lieb war kam er ins Tal, seine Kleider
waren beschmutzt und ausgelacht fühlte er sich obendrein. Freilich half die
gute Lehre nicht allzulange. Im Hochgebirge findet sich aber noch jetzt die
Kegelkugel Rübezahls und beweist die Wahrheit dieser Geschichte. Wieder
einmal hatte Rübezahl einen Menschen gezüchtigt, der nur an sich dachte und
nicht Herr seiner Leidenschaften war; möchten sich doch alle dieses Märchen
zu Herzen nehmen, aber besonders solche, die von der bösen Spielwut
beherrscht werden. Gibt es auch keine Geister mehr, so doch eine
allwaltende Vorsehung, welche schafft, daß jedes Laster sich in sich selbst
bestraft.
Rübezahl und der Schneider.
Einmal kam der Berggeist nach Landeshut und trug ein Päcklein Tuch unter
dem Arme. Nach einem Schneider fragt er ein kleines Mägdlein, das am
Brunnen Wasser holt, und dieses weist ihn in ein nahes Haus, wo es gar
stattlich aussieht. Als er nun in die Stube tritt und den Meister höflich
anspricht, ihm einen Rock zu machen, auch den großen Ballen Tuch vor ihm
ausbreitet, denkt der pfiffige Schneider, der ist auch nicht aus Landeshut,
solch' vornehme Leute kommen mir nicht alle Tage unter die Schere. Er legt
also das Tuch doppelt und macht dann ein bedenkliches Gesicht, als werde er
damit wohl schwerlich, auskommen zu einem ganzen Rocke. Rübezahl schwatzt
indes mit den Gesellen und tut, als sehe er nicht, was vorgeht.
Darauf versprach der Meister, der Rock solle in acht Tagen fertig sein, und
Rübezahl ging weiter. Als die Zeit um ist, schickt er einen Diener, läßt
die Sachen abholen und sagen, er werde nächstens selbst kommen und mehr
Arbeit bestellen, auch alsdann das Macherlohn bezahlen.
»Ei, recht gern,« sagte der höfliche Schneider und denkt, an diesem Kunden
läßt sich ein guter Schnitt machen. Als aber acht Tage verstreichen und
sich der Fremde nicht sehen läßt, wird's dem Meister doch bedenklich und er
beschließt, das Tuch zu verkaufen, um das er jenen gebracht hat, so daß er
doch nicht um sein Arbeitslohn komme. »Ein Mal einem vornehmen Herrn
getraut und nie wieder,« denkt er, schlägt, sich endlich die Geschichte aus
dem Sinne und holt das Tuch herbei. Aber da war es eine Decke, aus Schilf
geflochten. -- Das kam ihm doch auch gar zu wunderbar und bedenklich vor.
Nun geschah es lange Zeit darauf, daß er mit seinen Gesellen die Koppe
bestieg, und da begegnete ihnen Rübezahl, ganz lustig auf einem Bocke
reitend. »Du willst wohl das Arbeitslohn für das Kleid holen, so du mir
gemacht hast?« ruft er dem erschrockenen Meister zu.
Da geht diesem ein Licht auf; aber ein rechter Schneider ist pfiffig und
weiß sich immer zu helfen. »Gnädiger Herr,« spricht er, »deshalb stieg ich
nicht auf das Gebirge, denn ihr habt Kredit, so lange es euch beliebt; ich
mache nur eine Reise nach Böhmen und hoffe, ihr werdet nichts dawider
haben. Ich will euch auch mein Lebtag gern redlich dienen.«
»Nun, da du so nachsichtig bist, will ich mich auch dankbar bezeigen,«
spricht Rübezahl, »ich will dir mein Reitpferd schenken, aber wehe dir, so
du dich dessen, nicht überall bedienst.«
Nun hatte der Schneider keine Courage, obgleich das recht unglaublich
klingen mag, und wollte sich durchaus nicht auf den Ziegenbock setzen, der
kerzengrade auf seinen Hinterfüßen stand. Aber Rübezahl hob die Hand, um
dem zaghaften Meister in den Sattel zu helfen.
Der Schneider aber war so leicht, daß Rübezahls Arm mit ihm eines
Kirchturms Länge in die Luft hinauffuhr, denn der Berggeist hatte gedacht,
er werde doch mindestens über hundert Pfund zu heben haben, und wog der
Schneider nicht viel über fünfzig. Dabei flog der Handschuh Rübezahls ihm
von den Fingern und liegt noch heutzutage nicht weit von Rübezahls Kanzel,
wovon sich jeder überzeugen kann.
Der Schneider aber saß kaum auf dem Reitpferde, als dies mit ihm
dahintrabte; die Gesellen hielten sich pfiffig an den Schwanz desselben und
kamen nun auch so geschwind, wie der Meister, von der Stelle. Aber wo sie
hinkamen, traf sie das Gespött der Leute, und doch wagte der ehrsame
Meister keinen Schritt zu Fuße zu gehen, sondern bediente sich immer aus
Furcht vor dem Berggeiste des verhaßten Bockes.
Weil er nun aber in jedem neuen Kunden immer wieder den Rübezahl vermutete,
so hütete er sich wohl, das frühere Kunststück zu wiederholen und ward von
da ab der ehrlichste Schneider der Welt.
Es hüte sich jeder nicht vor dem Berggeist -- sondern vor der Sünde im
allgemeinen, denn sie ist es, die den Menschen in der Gestalt des bösen
Gewissens oft mehr quält, als alle Gnomen und Erdgeister.
Lieber bleibe arm auf Erden,
Als durch Untreu reich zu werden.
Rübezahl und der lügenhafte Knecht.
Rübezahl
Schritt einmal
Still vom Berg hinab ins Tal!
Da, auf Wegen
Voller Segen
Kam ein Großknecht ihm entgegen,
Dieser spricht:
»Kam dir nicht
Rübezahl droben zu Gesicht?«
»»Schwerlich!«« sagte
Der Befragte
Dem der Name nicht behagte.
»»Rübezahl?
Weiß nicht mal,
Ist's ein Mensch oder ist's ein Aal!«« --
»Ihn nicht kennen!
Auf den Sennen
Jedes Kind weiß ihn zu nennen.«
»Hör! der so heißt,
Ist ein Geist,
Der gar dreist sich oft erweist.«
Viel Geschichten
Voll Erdichten
Wußte nun er zu berichten.
»Aber letzt« --
Sagt er jetzt --
»Hab ich ihn in Angst gesetzt!
Auf der Koppe,
Daß er mich foppe,
Rannt' er auf mich zu im Galoppe.
Doch geschwind,
Mutig gesinnt,
Hielt ich ihm, dem Teufelskind,
Diesen geweihten,
Schön gereihten
Rosenkranz vor, -- ihn abzuleiten.
Gott sei Dank!
Daß gelang,
Ins Gebüsch entfloh er bang.
Mädchenstehler!
Rübenzähler!
Nur der Dummen Furcht und Quäler!
Also rief,
Wie er lief,
Ich ihm nach. -- Er nahm das schief, --
Ward' gar böse,
Macht' ein Getöse,
Als ob der Berg von der Erd' sich löse.
Doch -- durchs Gebraus
Kühn hinaus,
Schritt ich mutig fort nach Haus.«
So erzählte
Der Gestählte,
Wissend, daß alle Wahrheit fehlte.
»»Bist du zu End?««
Frug behend
Rübezahl, als ob's ihm brennt,
»»Ich nun sage:
Rübezahl wage,
Daß er dich Lügen straf' und schlage!
Sahst ihn noch nie,
Außer jetzt hie.
Ich bin's. Und ich schlage dich, sieh!««
Nach den Schlägen
Wachsen dem trägen
Knecht die Ohren, wie Gras nach dem Regen.
»»Wo man dir traut,
Rühm' nun laut,
Daß du den Rübezahl geschaut!
Wünschen Toren
Es beschworen, --
Schwör's bei deinen Eselsohren!««
Der reiche Bäcker.
In Hirschberg lebte ein reicher Bäcker, der in großem Ansehen unter der
Bürgerschaft stand und abends auf der Bierbank immer das große Wort führte,
der aber hart und geizig gegen die Arbeiter war, die um Lohn bei ihm
dienten, sowie gegen die Bauern, welche ihm das Holz anfuhren. Von denen
suchte er immer die ärmsten aus, die nötig Geld brauchten, machte ihnen
kleine Vorschüsse und hatte sie dann gewissermaßen in den Händen, daß er
ihnen am Preise abdrücken konnte, so viel er wollte.
Nun trug es sich einstens zu, daß ein armer Bauer ihm ein Fuder Holz
brachte, wofür das Fuhrlohn schon zuvor bedungen worden war; als er es aber
im Hofe des reichen Bäckers abgeladen hatte, gab ihm dieser doch wieder
eine Mark weniger. Darüber war der Mann sehr bestürzt und machte dem Bäcker
die rührendsten Vorstellungen, wie er den größten Schaden an Wagen und
sonstigem Gerät habe, wenn er so viel verlieren solle; aber jener
antwortete nur kurz, daß sich der Bauer das Holz ruhig wieder aufladen und
mit nach Hause zurücknehmen könne, wenn er es um diesen Preis nicht lassen
wolle.
Das war freilich leicht gesagt, aber der arme Bauer hatte dabei einen
ganzen Tag Arbeit verloren und sein Pferd und Wagen ganz umsonst abgenutzt.
Außerdem wollte er für das Holzgeld Saatgetreide kaufen und was blieb ihm
nun anderes übrig, als sich den Abzug geduldig gefallen zu lassen. -- Aber
traurig fuhr er aus der Stadt zurück, denn wenn er auch den ungerechten
Mann hätte verklagen wollen, so hätte er doch lange warten müssen, ehe die
Sache entschieden worden wäre, und dann hätte er auch einen Kostenvorschuß
machen müssen. Der Weg zur Gerechtigkeit ist nicht für die armen Leute,
sondern für die reichen! -- Also fuhr er traurig und bekümmert seines Weges
und erzählte sein Unglück einem Nachbar, den er auf dem leeren Holzwagen
mit nach Hause nahm.
Rübezahl, der eben aus der Stadt kam, ging nebenbei auf der Straße und
hörte die Geschichte mit an und beschloß, dem reichen Bürger einen
Denkzettel zu geben. »Wenn er mir nur einmal in mein Revier käme,« sagte er
zu sich selbst, »dann sollte er wohl gründlich kuriert werden.« Aber der
Bäcker hütete sich wohl, eine Reise ins Hochgebirge zu machen, dazu war er
viel zu geizig.
Nun sitzt er aber eines Tages in seiner Putzstube und trinkt ein Schälchen
Warmbier, da tritt ein Mann zu ihm herein und sagt, er habe gehört, daß der
Meister einen Holzmacher brauche und dazu biete er sich an; dabei wolle er
billiger sein, als jeder andere.
Der Bäcker sah den Fremden, der gar nicht wie ein Holzmacher aussah, mit
großen Augen an, aber Geiz und Eigennutz verblendeten ihn doch so sehr, daß
er mit ihm in den Holzhof ging und ihm dort mehr als fünf Klafter Holz
zeigte, die gespalten werden sollten. »Wieviel wolltet ihr wohl dafür
haben?« fragte er neugierig.
»Ei nun,« antwortete der fremde Mann, »ich bin ein Bürger aus Schweidnitz,
und haue mehr zu meinem Vergnügen und meiner Bewegung Holz, denn ich leide
an der Leber, und darum kommt es mir nicht sonderlich auf den Verdienst an.
Wenn ihr mir eine so große Hocke Holz dafür geben wollt, als ich mit einem
Male fortbringe, so will ich euch den ganzen Vorrat klein machen.«
»Nun, das nenn' ich mir einen Narren,« lachte der Bäcker ins Fäustchen, und
da er einen guten Handel abgeschlossen zu haben meinte, nahm er den Fremden
mit in seine Stube zurück, ließ ihn niedersetzen und goß ihm eine Tasse
Warmbier ein. Dieser sah sich neugierig in der schönen Stube um, wo an den
Wänden hohe Schränke voll blankem Zinns und Messinggerät standen, und indem
er die gemalte Decke verwundert betrachtete, sagte er: »Der Tausend! eine
so schöne Stube hab' ich mein Lebtag nicht gesehen, die habt ihr wohl von
einem Breslauer Künstler malen lassen, Meister?«
»Nein, es gibt auch in Hirschberg geschickte Leute,« sagte dieser vornehm,
»wer's nur bezahlen kann.« -- Darauf empfahl sich der angebliche
Schweidnitzer Bürger und sagte, er wolle am andern Tage kommen, und die
Arbeit anfangen. Und richtig, am Morgen darauf, als der Meister aus dem
Bette stieg, hörte er im Hofe schon Holz hauen, zog seinen Schafpelz an und
dachte: »Muß doch einmal zum Rechten sehen.« Aber mit weit offenem Munde
blieb er in der Hoftür stehen, denn der Fremde hatte sein linkes Bein aus
der Hüfte herausgezogen und schlug damit auf das Holz, das es in tausend
kleine Stücke zersprang.
Da wurde dem Meister unheimlich, und er rief dem Fremden zu, er möge doch
aufhören und sich von dannen scheren; der aber tat, als höre er nicht, hieb
immer unbarmherzig darauf los, und ehe eine Viertelstunde verging, war das
ganze Holz in kleine Scheite gespalten. Alsdann steckte er das Bein wieder
in die Hüfte, packte alles gehauene Holz in einer ungeheuren