Ach! sieh -- ein Fremder --

Thomas.

Darfst nicht erschrecken,

Mein Kind, ich bin kein böser Mann.

Gustav.

Ich werde mich nicht vor ihm verstecken,

Hab' ich doch ihm auch nichts getan.

Thomas.

Hast du das Gebirge nicht gescheut?

Wie kommst du so allein in den Wald?

Gustav.

Nicht doch, die Mutter ist ja nicht weit.

Thomas.

Ach Gott, mein Gustel wär' auch so alt!

Gustav.

Wir sammeln für den Winter Reisig.

Thomas.

Ihr guten Leute seid wohl arm!

Gustav.

Ei freilich, aber die Mutter ist fleißig;

Wär' nur im Winter der Ofen warm.

Thomas.

Der Vater schafft euch warme Betten.

Gustav.

Ja, wenn wir noch einen Vater hätten!

Thomas.

Du hast den Vater schon verloren?

Gustav.

Er zog in den Krieg, kaum war ich geboren.

Thomas.

Wie mir das durch die Seele geht!

Wie alles seltsam sich muß treffen,

Mich Armen schadenfroh zu äffen.

Mein Gustel! -- meine Elisabeth! --

Gustav.

Was wollt ihr von uns?

Thomas.

Von euch? wieso?

Gustav.

Ich und die Schwester, wir heißen ja so.

Thomas.

Ha! treibt denn hier in seinem Grimme

Mit mir sein Spiel ein böser Geist?

Mutter (hinter der Szene).

He! Gustel!

Thomas.

Das ist meines Weibes Stimme!

Mutter (noch immer hinter der Szene).

Wo bist du, Gustel? Um Gottes Willen!

Gustav.

Gleich, liebe _Mutter!_ ich komme gleich!

Thomas.

O, könnt' ich mein Verlangen stillen --

O, könnt' ich _kriechen_ durchs Gesträuch!

Gustav.

Will er die Mutter sehen, so sitze

Er nicht so faul, und rühr' er sich.

Thomas.

Kind, ich bin lahm -- hab' keine Stütze.

Gustav.

Nun denn, so stütz' er sich auf _mich_.

Thomas.

Du willst mich ihr entgegenführen?

Ihr -- wag' ich zu hoffen? -- süßer Betrug.

Gustav (hilf ihm auf und stützt ihn).

Nur auf! Er soll gemächlich spazieren;

Ich bin wohl klein, aber stark genug.

Achte Szene.

_Die Vorigen. Mutter. Elisabeth._

Mutter (setzt ihren Korb nieder).

Wo bleibst du? Hast du dich verirrt?

Thomas.

Sie ist's! -- O halte mich, Kind! halte!

Mutter.

Was seh' ich! sind meine Sinne verwirrt --

Mein Mann! -- (sie stürzt sich ihm in die Arme).

Thomas.

Mein Weib!

Elisabeth (hängt sich an ihn).

Der Vater!

Gustav (verwundert).

Dieser Alte?

Mutter.

Du bist nicht tot?

Thomas.

Ihr seid nicht gestorben?

Mutter.

Dich hab' ich wieder?

Thomas.

Ich umarme dich.

Elisabeth.

Wir haben's durch unser Gebet erworben.

Gustav.

Bist du der Vater, so küß auch mich.

Thomas (tut es).

Ja dich, den Gott als Engel sandte;

(zu Elisabeth) Und dich, die mir so hold erscheint.

Mutter.

Wo kommst du her?

Thomas.

Aus fernem Lande.

Mutter.

Wir haben lang um dich geweint!

Thomas.

Ach, weinen werdet ihr auch wieder!

Der liebe Gott mir alles nahm!

O, setzt mich unter dem Baume nieder,

Ich bin ein Bettler -- und -- bin lahm!

Mutter.

Ein Bettler? nein! nenn' es gelinder;

Sechs Hände sind, Dich zu nähren, bereit,

Du hast dein Weib und deine Kinder,

Die werden dich stützen jederzeit.

Thomas.

O höre, Gott, mein dankbar Beten! --

Ich fand euch wieder, ihr habt mich lieb.

Doch soll ich meine Hütte betreten

Als ein unnützer Tagedieb!

Soll ich von euch mich lassen füttern?

Mutter.

Willst du uns die schöne Stunde verbittern?

Du brauchst ja nur zum _Gehn_ die Krücken,

Kannst drum die _Hände_ dennoch rühren.

Wir wollen es sogleich probieren;

Komm, hilf den Korb mir auf den Rücken;

Dann wandeln wir getrost und munter

Den wohlbekannten Pfad hinunter.

Thomas (dem seine Kinder aufgeholfen haben).

Ja, liebes Weib, du gibst mir neues Leben;

Wie wohl mir der Gedanke tut,

Ich sei doch noch zu etwas gut.

Wo ist der Korb? Ich will ihn heben!

(Elisabeth unterstützt ihn dabei, die Mutter stellt sich mit dem Rücken

gegen ihn, und er versucht, den Korb auf ihre Schultern zu heben).

Thomas.

Von mir gewichen ist die Kraft des Lebens;

Auch dieser Korb ist mir zu schwer!

Elisabeth.

Ich will auch helfen, Vater; gebt her!

(sie will den Korb aufheben)

Seltsam; auch ich versuch' es vergebens.

Thomas.

Um mich zu trösten, stellst du dich schwach.

Elisabeth.

Nein, wahrlich, Vater! ich heb' und hebe;

Allein umsonst. (Sie blickt in den Korb). Ach, Mutter! Ach,

Die Reiser sind _Gold!_ so wahr ich lebe!

Mutter (wendet sich um).

Was sagst du?

Gustav (hüpft um den Korb).

Gold, Gold, lauter Gold!

Mutter.

Ich bin erschrocken, daß ich bebe.

Thomas (sinkt wieder unter den Baum).

O Kinder, der Berggeist ist uns hold;

Gewiß von ihm kommt das Geschenk.

Mutter.

Nun sieh', es leuchtet ein neuer Morgen!

Thomas.

Nun darf der Krüppel nicht mehr sorgen!

O, seid der Wohltat eingedenkt!

Gustav.

Dank dir, du guter Rübezahl!

Mutter.

Mein Dank ist stumm und ohne Wort.

Elisabeth.

Wie bringen wir aber den Korb nun fort?

Der Weg ist weit hinab ins Tal. --

Wir müssen auch den Vater führen;

Denn eher lass' ich die goldene Beute.

Neunte Szene.

_Die Vorigen. Rübezahl_ (als wandernder Chirurgus).

Rübezahl.

O sagt mir doch, ihr guten Leute,

Kann ich hier nicht den Weg verlieren?

Mutter.

Wo kommt er her? Wo will er hin?

Rübezahl.

Aus fremden Ländern ward ich verschrieben,

Weil ich ein berühmter Wundarzt bin,

Meine Kunst in Hirschberg auszuüben;

Dort, sagt man, lebt ein reicher Mann,

Dem ist einmal vor vielen Jahren,

Als er im Kriege sich hervorgetan,

Eine Kugel in das Knie gefahren;

Ein Ignorant hat es schlecht kuriert,

Davon ist der Fuß ihm steif geblieben;

Weil er nun nicht gern auf Krücken marschiert,

So hat er mich aus Paris verschrieben.

Über Hals und Kopf komm' ich von dort,

Bin auf der Reise schon viele Wochen;

Soeben ist mir der Wagen zerbrochen,

Da wollt' ich denn zu Fuße fort. --

Mutter.

I nun, die Beschwerde ist noch erträglich;

Hirschberg ist eben nicht mehr weit.

Thomas.

Ach, sag er mir, Herr! ist das wohl möglich,

Daß er den Fuß von der Lähmung befreit,

Wenn schon eine geraume Zeit verstrichen

Und alles schon verwachsen ist?

Rübezahl.

Freund, das ist mir eine Kleinigkeit;

Mutter.

Rübezahl Neue Sammlung der schönsten Sagen und Märchen von dem Berggeiste im Riesengebirge · 第 5 / 11 题