In Schmiedeberg lebte einmal ein Bursch, der hieß Mecker-Friede, war ein
wüster Gesell und peinigte alle Leute, darum mochte ihn auch niemand in
Dienst nehmen. Er ging also unter die Soldaten, und trieb es da eben auch
nicht besser; es war gerade der dreißigjährige Krieg, und er konnte nun
recht ungestraft seine schlimmen Neigungen verfolgen.
Rübezahl hatte oft arme Leute über ihn jammern hören, denn wo es etwas zu
plündern und zu mißhandeln gab, da war Mecker-Friede gewiß dabei, Aber er
kam nicht ins Gebirge, wohl aber nach einer Schlacht als Invalide in das
Spital nach Schmiedeberg. Es war nun des abgedankten Soldaten größter
Stolz, seine Tapferkeit zu rühmen, und er sagte oft: »Nun müssen sie mich
doch noch im Grabe ehren und dreimal über meinen Sarg schießen.«
Der also war jetzt gestorben, und es tat keinem leid; aber mit
militärischen Ehren mußte er doch begraben werden, und die Landsknechte
kamen mit ihren Lanzen und Feuerröhren, um ihn zu Grabe zu tragen, voran
der Trommler mit dem gedämpften Kalbfell. Im Hausflur des Hospitals aber
standen zwei Särge, denn es war auch zugleich eine alte Spittelfrau
gestorben und sollte auch zur Ruhe gebracht werden. Wie die Soldaten alle
bereit sind, zeigt der Spitalvater auf einen der Särge und sagt: »Der
ist's!«
Den nehmen nun die Landsknechte auf ihre Schultern, der Trommler wirbelt
tüchtig, und hinter dem Sarge gehen die Soldaten mit ihren Gewehren. Auf
dem Kirchhofe hält der Pfarrer eine Standrede: wie der Selige nun von
seinem irdischen Posten abgelöst und nun ohne sein Verdienst und Würdigkeit
in den Himmel gekommen sei. Dann schießen die Krieger dreimal über das
Grab, und der Trommler schlägt dazu auf das Kalbfell, daß eine Gänsehaut
alle andächtigen Zuschauer überläuft; darauf geht jeder nach Hause.
Der Pfarrer begibt sich nun nach dem Spital, um die alte Anne Rosine zu
holen. Da haben sich schon viele Gevatterinnen und Kaffeeschwestern
versammelt und folgen dem Sarge mit großem Wehklagen. Nach der Einsegnung
wird dieser nach damaliger Sitte noch einmal geöffnet, damit die guten
Frauen ihre liebe Freundin zum letzten Male sehen können; aber plötzlich
wird ein Schrei des Entsetzens gehört, und die ganze Grabbegleitung läuft
wie toll und rasend vom Kirchhof herunter, denn im Sarge liegt niemand
anders, als der alte Mecker-Friede, der Kriegsknecht, starr und steif im
ledernen Koller, mit der Pickelhaube und dem Schwert an der Seite.
So hatten die Träger den unrechten Sarg erwischt und über der alten Anne
Rosine feierlich geschossen und getrommelt. -- Die Versammlung aber meinte,
das sei nicht mit rechten Dingen zugegangen, Rübezahl habe dem
Mecker-Friede noch im Tode etwas angetan, damit sich die kriegslustige
Jugend daran spiegle und auch als Soldat die Menschlichkeit nicht vergesse.
Das glaubte man auch bald allgemein, gewiß aber wußte es keiner.
Denn Freund Rübezahl, sollt ihr wissen, ist geartet wie ein Kraftgenie,
launisch, ungestüm, sonderbar, bengelhaft, roh, unbescheiden, stolz, eitel,
wankelmütig, heute der wärmste Freund, morgen fremd und kalt; nach der
Stimmung, wie ihn Humor und innerer Drang jeden Augenblick empfinden läßt.
Die Anleihe.
Ein Bauer war mit seinem Weibe und sechs Kindern so verarmt und durch
mancherlei Unglücksfälle herunter gekommen, daß er oft nicht wußte, wo er
Brot für die Seinigen hernehmen sollte.
Eines Tages sagte er zu seiner Frau: »Du hast ja im Gebirge reiche Vettern;
ich will hin, vielleicht lenkt Gott einem unter ihnen das Herz, daß er mir
hundert Taler auf Zinsen leiht; mit diesem Gelde könnten wir uns aus
unserer großen Not wieder aufhelfen.«
»Das gebe Gott!« sagte diese mit schwacher Hoffnung, denn sie kannte ihre
Vettern, die nach ihr und den ihrigen niemals gefragt hatten. Am andern
Morgen sehr früh machte sich der Bauer auf den Weg, und schritt rüstig den
ganzen Tag zu, bis er am Abend müde und matt zu den Vettern kam, und ihnen
mit Tränen seine Not klagte, und um ihre Hilfe flehte. Aber überall wurde
er mit harten, bittern Worten abgewiesen, und mußte viel spitzige Reden
hören, von leichtsinnigen Wirten, und wie der in Not habe, der in der Zeit
spare, und was dergleichen Dinge mehr.
Traurig und niedergeschlagenen Herzens machte er sich auf den Rückweg, und
als er wieder ins Gebirge kam, überfiel ihn Gram und Angst mit großer
Gewalt. Er hatte den Arbeitslohn von zwei Tagen verloren, und fühlte sich
so entkräftet, daß er wohl auch am dritten Tage nicht würde arbeiten
können. Zu Hause aber erwarteten ihn das abgehärmte Weib und die hungrigen
Kinder, und er brachte ihnen nur leere Hände! -- kein Geld, kein Brot, o
wie sollte sein Herz den Jammer ertragen!
Der arme Mann sann hin und her, wie er Wohl Hilfe schaffen könne. Da fielen
ihm die Geschichten vom Berggeiste ein. »Ich will mich an ihn wenden,«
sagte er, »vielleicht daß meine Bitten Gehör finden.« Darauf rief er
»_Rübezahl! Rübezahl!_« und alsbald stand ein rußiger Köhler mit einem
mächtigen Schürbaum in der Hand vor ihm, der einen wilden, struppigen Bart
und glühende Augen hatte. Der Bauer zweifelte keinen Augenblick, daß dies
der Berggeist sei, und faßte all seinen Mut zusammen, um sein Anliegen
vorzubringen.
»Ich habe euch nicht aus Mutwillen gerufen,« begann er, »sondern aus Not
und Verzweiflung. Zu euch, lieber Herr vom Berge, habe ich das Zutrauen,
daß ihr mir aus meiner Angst helfen werdet.« Und nun erzählte er ihm von
seinem Weibe und seinen Kindern, sowie von den unbarmherzigen Vettern, und
bat nun ganz treuherzig, Rübezahl solle ihm die hundert Taler leihen, die
er in drei Jahren mit Zinsen zurückzahlen wolle; dann sei ihm aus aller Not
geholfen. --
»Wie? treibe ich Wucher?« fragte der Berggeist zornig, »gehe zu den
Menschen, deinen Brüdern, und borge bei denen, so viel du bekommen kannst;
mich aber lasse in Ruhe, und rufe mich nicht wieder, wenn dir dein Leben
lieb ist.«
Der Bauer ließ sich aber durch diese harte Rede nicht abschrecken, und
schilderte den Jammer und die Not seiner Familie auf das rührendste. »Wollt
ihr mir nicht helfen,« setzte er traurig hinzu, »so erzeigt mir wenigstens
die Wohltat, mich mit eurer Schürstange tot zu schlagen, damit ich nur
nicht länger die Not der Meinigen sehe, der ich nicht abhelfen kann.«
Rübezahl sah den Bauer mit großen Augen an, hob dann die schwere Stange
hoch in die Luft und schien ihn mit einem gewaltigen Streiche zerschmettern
zu wollen. Da er aber dem Schlage nicht auswich, hielt er inne und hieß den
Bauer ihm folgen. Nun ging es waldeinwärts durch dichtes Gesträuch, bis sie
in ein enges Felsental kamen, an dessen Ende sich eine finstere Höhle
befand, in die kein Strahl des Tageslichts drang. Nur kleine blaue
Flämmchen sprangen jetzt aus dem Boden auf und beleuchteten schauerlich die
schwarzen Steinwände. Die Höhle enthielt außer einem eisernen Kasten nur
eine offene Braupfanne voll blanker, neugeprägter Taler; »da nimm dir das
Geld, was du brauchst, und wenn du schreiben kannst, magst du mir einen
Schuldschein darüber ausstellen,« sagte Rübezahl, und holte aus dem Kasten
Papier und Schreibzeug hervor, wobei er sich um, den Bauer gar nicht zu
bekümmern schien, der indessen mit großer Gewissenhaftigkeit hundert Taler
abzählte und auch nicht einen darüber nahm. Dann schrieb er den
Schuldschein, so gut er vermochte, und Rübezahl schloß diesen in den
eisernen Kasten.
»Geh nun.« sagte der Berggeist, »und nütze das Geld gut; merke dir auch den
Eingang in dies Felstal und vergiß den Zahlungstag nicht; ich bin ein gar
strenger Schuldherr! Da hast du auch noch etwas für deine Kinder, was nicht
auf dem Schuldschein steht,« -- und mit diesen Worten tat er einen tiefen
Griff in die Braupfanne; der erfreute Vater konnte das reiche Geschenk kaum
mit beiden Händen fassen.
Dankbar verließ er nun den Berggeist und fand auch glücklich aus dem engen
Felsentale heraus, suchte sich den Eingang genau zu merken und ging, von
der Freude gestärkt und beflügelt, seiner Heimat rüstig zu.
Sein Weib saß traurig am Ofen, als er in die Stube trat; sie wußte, wie
wenig die Armut auf reiche Anverwandte rechnen dürfe und hatte kaum den
Mut, ihren Mann anzusehen, aus Furcht, die vereitelte Hoffnung auf seinem
Gesicht zu lesen. Wie schlug ihr aber das Herz vor frohem Schreck, als der
Bauer den Quersack öffnete und daraus Fleisch und Wurst, Weißbrot und
Brezeln für die Kinder nahm, was er in der Stadt für sie gekauft hatte.
»Deine Vettern,« sagte er zu der erstaunten Frau, »haben mich nicht nur
sehr freundlich aufgenommen, sondern mir auch bereitwillig das Geld
geliehen, um was ich sie gebeten.« Da staunte das Weib noch mehr und pries
in ihrem Herzen den guten Gott im Himmel, der die Herzen der Menschen lenkt
wie Wasserbäche.
Nun kam ein neues Leben in die gesunkene Hauswirtschaft des Bauern. Es ward
guter Same gekauft, der Acker ordentlich bestellt und noch zwei Kühe
angeschafft; es lag ein sichtliches Gedeihen auf dem Gelde des Berggeistes,
und bald vermehrte sich das Gut um eine schöne Wiese, ein Weizenfeld um das
andere. Man fand nun weit und breit keinen fleißiger bearbeiteten Acker,
nirgends schöneres und nutzentragenderes Vieh, und der tätige Wirt konnte
schon bares Geld zurücklegen.
So war indes der Zahlungstag herangekommen. Da sagte eines Tages der Bauer
zu Frau und Kindern: »Zieht nur eure besten Kleider an, der Hans mag die
Pferde anspannen, wir wollen den Vettern das Geld selbst wieder
heimbringen, was sie mir vor drei Jahren geborgt haben.« Das war keine
geringe Freude für die Kinder, und auch der Mutter war es lieb, daß sie nun
ihren Wohlstand den guten Vettern würde zeigen können. Als sie nun ins
Riesengebirge kamen, ließ der Bauer an einem schönen Punkte den Wagen
halten und stieg mit den Seinen aus, teils um es den Pferden leichter zu
machen, wie er sagte, teils auch um den Kindern einen schattigen Weg zu
zeigen. Es fiel aber allen auf, daß der Vater sich immer sorgfältiger
umschaute, je tiefer sie in den Wald kamen, und die Frau fragte daher
besorgt: »Wir sind wohl vom rechten Wege abgekommen?«
Da erzählte er ihr und den Kindern erst, wie schnöde die Vettern ihn
abgewiesen hatten, dagegen aber der Berggeist sich seiner erbarmt und ihm
geholfen halbe. Anfänglich erschraken sie, als sie hörten, daß Rübezahl dem
Vater das Geld geliehen, aber da dieser ihnen vorstellte, wie glücklich,
der gefürchtete Berggeist sie alle gemacht habe, verlor sich allmählich
jede Bangigkeit.
Darauf ging der Bauer ganz allein weiter, um den Eingang in das Felsental
aufzusuchen; aber obgleich er genau wußte, daß er an der rechten Stelle
war, konnte er ihn doch nicht mehr finden. Er schüttelte das Geld im
Beutel, damit Rübezahl erscheinen möchte und er ihm das geliehene Geld
zurückstellen könne, aber es erschien niemand. Er irrte hin und her, von
dem Gefühle getrieben, Wort halten und seinen Dank aussprechen zu müssen.
Es war, als ob eine unsichtbare Macht ihm die Augen trübe mache und seine
Sinne verwirre, sobald er glaubte, den rechten Ort gefunden zu haben. Und
dabei packte ihn dann eine Angst, daß der Geist, der ihm so aus der Not
geholfen, auch erzürnt werden könne, wenn er nicht nach seinen Befehlen
handelte. Ganz niedergeschlagen kam er endlich zu seiner Frau und den
Kindern zurück, setzte sich zu ihnen und wartete viele Stunden lang. Er
rief den Berggeist in seiner Ungeduld selbst mit dem Namen, mit dem er sich
selten ungestraft nennen ließ, und da Rübezahl auch darauf nicht erschien,
beschloß er, daß Geld unter ein Felsstück zu legen, dort werde es der Herr
der Berge schon finden, dachte er. Eben als er diesen Entschluß ausführen
wollte, erhob sich ein heftiger Wirbelwind, Staubwolken und dürres Laub
flog von dem Wege auf, und die Kinder haschten aus Langerweile nach einem
Blatte Papier, was vom Winde immer an ihren Füßen hin und her gejagt wurde.
Einer der Knaben warf endlich seine Mütze darauf, und da es ein so schönes
weißes Papier war, brachte er es dem Vater. Wie sehr erstaunte dieser aber,
als er seinen eigenen Schuldschein erkannte, unter welchem mit großen
Buchstaben geschrieben stand: »_Zu Dank bezahlt_.«
»Nun weiß doch mein Wohltäter, daß ich ehrlich Wort gehalten habe und meine
Schuld dankbar abstatten wollte,« rief der Bauer voll Freude, »und das ist
mir weit lieber, als das geschenkte Geld. Auf den Rübezahl aber soll mir
nur einer ein Wort reden, der hat's mit mir zu tun; ohne ihn wäre ich
vergangen in Not und Trübsal. Er wird sich wohl seine Leute ansehen und wen
er wirklich für gut und strebsam hält, dem hilft er auch, und hat er jemand
einmal einen bösen Schabernack gespielt, so wird das auch wohl seinen guten
Grund jedesmal gehabt und schon manchen mag er durch Neckereien auf den
rechten Weg geführt haben.«
Jetzt wollte er den Wagen aufsuchen und wieder heimfahren, aber die Frau
bat so lange, bis er mit ihr zu den geizigen Vettern fuhr, um diese für
ihre Hartherzigkeit recht zu beschämen. Aber als sie in das Dorf kamen,
waren diese nicht mehr zu finden; der eine war durch einen bösen Fall in
jahrelanges Siechtum verfallen, nach und nach auch in Armut und Not
geraten, der andere aber einer niedrigen Betrügerei wegen mit Schimpf und
Schande von seinem Gehöft vertrieben worden. Niemand im Dorf sprach gern
von ihnen, ihr Andenken war fast ganz vergessen.
Hochmut und Unbarmherzigkeit kamen bei ihnen vor dem Fall; unser Bauer aber
blieb arbeitsam und einfach, führte ein stilles, friedliches Leben und half
überall seinem Nächsten gern. Dafür wurde er täglich mehr geliebt und
verehrt in der ganzen Gegend, und sein Wohlstand mehrte sich täglich. Seine
Nachkommen leben noch im Gebirge.
Der Wundertaler.
In einem Dörflein des Riesengebirges war Kirchweih; ein Fest, welches die
Landleute feiern, wenn sie den Segen der Felder in die Scheuern gesammelt
haben und der Herbst die gelben Blätter von den Bäumen schüttelt. Da gibt
es denn auch in der ärmsten Hütte einen Fest- und Freudentag; die Arbeit
ruht, das kleine Stübchen ist sauber gescheuert und ausgeputzt, und die
Hausfrau backt derbe, braune Kuchen, wozu die Körner oft mühevoll während
der Ernte auf den Feldern zusammengelesen sind. Da sitzt der wohlhabende
Landmann an dem überreich besetzten Tische, mit Freunden und Verwandten von
nah und fern, und bespricht bei braungesottenen Karpfen und äpfelgefülltem
Gänsebraten Viehstand und Ackerbau.
In den armen Häuschen der Tagelöhner geht es weniger hoch her, aber doch
steht auf jedem Tische der festliche Birnenkreen (Backobst und geriebener
Meerrettich, als kalter Brei), nach dem die Kinder sehnsüchtig hinblicken,
indessen die Mutter die Schwarzmehlkuchen aufschneidet und wohl gar der
Kaffee am Herde brodelt. Der Vater sitzt im weißärmligen Hemd und in der
buntgeblümten Manchesterweste vor der Tür, raucht aus seinem braunen
Tonkopfe und breitet sich das blaugedruckte Schnupftuch über die Knie, um
die schwarzlederne Beinbekleidung zu schonen. Am Abend versammelt sich jung
und alt im Wirtshause, tanzt oder zecht in der mit Tabaksrauch erfüllten
Stube und im Hausflur würfeln die Kinder um Pfefferkuchen und Mehlweißchen.
Ein solches Fest war nun in Quirl, einem anmutigen Dorfe im Riesengebirge,
und die Musikanten bliesen eben durch das Dorf, da gab die Mutter dem
kleinen Friedel ein großes Stück Kuchen, band ihm das Halstuch zurecht und
steckte ihm ein Pfennigstück in die Tasche.
Friedel wollte zur Musik gehen und dabei einmal würfeln. An der Straße saß
Kunz, des Nachbars Sohn, der hatte einen ganzen Beutel voll Geld, das ihm
die Gäste seines Vaters geschenkt hatten, und wohlgefällig, ließ er es vor
den Ohren klingen. Das war ihm lieber als die schönste Musik.
»Sieh einmal, Friedel,« rief er dem kleinen Spielgefährten zu, »das Geld
ist alles mein; ich nehme aber keinen Groschen davon weg, spare mir noch
viel mehr dazu und kaufe mir ein schönes Bauerngut, wenn ich groß bin.«
Da zog Friedel sein Geld auch hervor und meinte: »Wenn ich auch nicht
gerade so reich bin, wie du, so will ich mir auch kein Bauerngut kaufen,
sondern einen Pfefferkuchenmann und davon sollst du ein Stück haben, Kunz.«
Als die Knaben so mit einander redeten, kam ein Schubkärrner im Dorfe
herunter, ein alter, schwacher Mann, der hatte einen großen Hund mit
Stricken vor das schwer beladene Fuhrwerk gespannt, und das arme Tier
lechzte vor Müdigkeit und Hunger. Da der Alte ausruhte, streckte sich der
Hund in den Staub des Weges nieder und winselte.
»Was fehlt denn dem armen Tiere?« fragte Friedel mitleidig und trat näher
zu dem Kärrner, indessen Kunz geschwind seinen Geldbeutel versteckte.
»Er ist hungrig und müde,« meinte kurz der Alte.
»Ach da laßt mich ihm meinen Kuchen geben,« bat Friedel, indem er das
schwarze Backwerk in Stücke brach und den Hund streichelte. Das arme Tier
verschluckte hastig den dargebotenen Kuchen und wedelte mit dem Schwanze.
Darüber freute sich der kleine gute Bursche so sehr, als hätte er selbst
den Kuchen gegessen, obgleich er doch ganz leer ausgegangen war.
»Du tust da dem armen Tiere Gutes,« sagte der Alte, »vielleicht bist du
auch gegen mich mitleidig, ich bin müde und durstig und ein Trunk Bier
würde mir wohl tun, aber ich habe keinen Pfennig dazu.«
»Nun, dazu kann ich Rat schaffen,« sagte Friedel gutmütig und zog sein
Geldstück aus der Tasche. »Kauft euch ein Glas Bier dafür, es ist heut
Kirmeß im Dorfe.« Kunz hatte sich indessen heimlich weggeschlichen. --
Ein freundliches Lächeln zog über das Gesicht des alten Mannes, dann sah er
dem Knaben nach, der eilig die Straße hinunterlief, und fragte: »Warum
verläßt dich denn dein Spielkamerad so geschwind, und was versteckte er vor
mir?«
»Ach, laßt nur den Kunz laufen, der kann euch doch nichts geben; seht nur,
er braucht selbst noch viel, bis er sich Haus und Acker kaufen und ein
reicher Bauer werden kann.«
»Und was wolltest du mit deinem Gelde machen?« fragte der Alte.
»Ei nun, einen Pfefferkuchenmann kaufen; aber es ist mir viel lieber, wenn
ihr ein Glas Bier dafür trinkt!«
»Du bist ein guter Junge!« rief der Fremde lachend; »komm und zeige mir nun
den Weg zum Wirtshause, ich bin hier fremd.« Friedel ging neben dem Karren
her; da zerrissen die schlechten Stricke, in welche der Hund gespannt war,
und geschwind wie der Wind lief dieser davon, ins Weite. »Lasset ihn doch,«
bat Friedel den Alten, der dem Hund nachlaufen und ihn tüchtig durchprügeln
wollte, »ich will Hand anlegen durchs Dorf, und euer Sultan wird schon
wiederkommen.« Dabei nahm er die Stricke in die Hand und zog so rüstig an
dem schweren Karren, daß es geschwind weiter ging.
Am Wirtshause ward haltgemacht, und indes der Alte sein Bier trank, kam
Kunz herbeigeschlichen und sagte: »Du bist ein rechter Narr, Friedel, gibst
dein Geld dem alten Säufer und kannst dir nun keinen Pfefferkuchen kaufen.«
»Dafür habe ich dem alten Mann eine viel größere Freude gemacht,«
antwortete dieser, »und hätt' ich mehr Geld, so wollt' ich's ihm gern
gönnen, daß er sich eine Güte täte.«
Kunz ging verdrießlich hinweg, denn hätte Friedel noch Geld gehabt, um
einen Pfefferkuchen zu kaufen, so hätte er ihm gewiß ein Stückchen davon
gegeben; nun ging er lüstern um den Tisch herum, wo diese feilgeboten
wurden, und endlich siegte die Begierde über den Geiz -- er kaufte sich
selbst einen kleinen Pfefferkuchen, an den er zehn Pfennige wendete. Als er
aber hinein beißen wollte, biß er immer in die Luft, und obgleich der
Kuchen immer kleiner wurde, je öfter er versuchte, ein Stück davon zu
genießen, so bekam er doch nie davon etwas in den Magen. In der Tür der
Schenkstube aber stand der alte Kärrner und wollte sich halb tot lachen
über das ängstliche und doch auch wieder böse Gesicht Kunz', dem nun ganz
unheimlich zu werden anfing. Er bestand darauf, daß ihm die Verkäuferin
einen andern Pfefferkuchen geben müsse, weil er für sein Geld eigentlich
nichts bekommen hätte, und diese, die den Knaben für trunken hielt, zog ihn
auch anfänglich noch mehr auf; endlich aber wurde sie ungeduldig und gab
ihm einige derbe Ohrfeigen.
Eine Menge Kinder versammelten sich nun während des Streites um den
Pfefferkuchentisch, und alle lachten Kunz aus, der zornig und beschämt das
Wirtshaus verließ.
Friedel wollte ihm nachlaufen und ihm Trost zusprechen, aber da rief ihn
der Alte und bat, er möge ihm doch den Weg nach Buchwald zeigen, wo er noch
vor Abend hinkommen müsse. Es dunkelte schon, und da auf alles Rufen und
Pfeifen des Kärrners der Hund nicht wieder zurückkam, spannte sich Friedel
wieder vor das Fuhrwerk und zog, was seine Kräfte erlaubten. Das Gesicht
des alten Mannes ward dabei immer freundlicher, und als sie an das Dorf
kamen, dankte er dem Knaben, hieß ihn umkehren und gab ihm ein großes
Silberstück, dessen Wert Friedel aber nicht kannte, mit den Worten:
»Wenn du dies recht anzuwenden verstehst, wirst du reich und glücklich
dadurch werden.« Dann schob er seinen Karren rasch weiter, und als Friedel
ihm nachlief, um sich zu bedanken, war er spurlos verschwunden.
Das war ein drolliger Kauz, dachte Friedel, und ging mit großen Schritten
nach Hause. Es war ihm ziemlich warm geworden bei der ungewohnten
Anstrengung, aber jetzt blies der Herbstwind scharf, und der kleine Bursche
hatte kein Jäckchen an, so daß er froh war, als er über den Steg ging, an
dessen Ende das Häuschen seiner Eltern stand. Aber da saß ja Kunz noch
immer ganz traurig und mit verweinten Augen; Friedel war ganz mitleidig,
gab ihm die Hand und sagte: »So sei doch nicht gar so betrübt um den dummen
Pfefferkuchen und der paar Püffe willen, die du bekommen hast.«
»Ja,« murrte Kunz, »du bist auch schuld daran, denn kein anderer als der
tückische Alte hat mir den Possen mit dem Pfefferkuchen gespielt. Warum
mußt du auch allem Bettelvolk nachlaufen!«
»Glaub doch nicht solch närrisches Zeug, Kunz,« sagte Friedel, »der alte
Mann war gewiß nicht boshaft; sieh einmal, was er mir da für ein blankes
Spielzeug geschenkt hat.«
Kunz war sogleich aufmerksam, denn der Neid und die Habsucht regten sich in
ihm. Er erkannte sogleich, das es ein Taler war, was Friedel für ein
Spielzeug hielt, und dachte Vorteil von seiner Unwissenheit zu ziehen.
»Das könntest du mir schenken, wenn du ein guter Junge wärst, wie die Leute
immer sagen,« schmeichelte er; »ich will dir auch etwas von meinem Gelde
dafür geben.«
»Behalte doch dein Geld, ich will dir das Ding ja lassen; nun mußt du aber
auch nicht mehr traurig sein, sondern wieder ein fröhliches Gesicht
machen.« Das ward dem Kunz jetzt gar nicht schwer, und so spielten die
beiden Knaben noch ein Weilchen, dann gingen sie nach Hause. Friedel dachte
gar nicht mehr an den alten Mann, am wenigsten aber erzählte er den kleinen
Vorfall seinen Eltern, denn er wußte es aus der Kinderlehre, daß man damit
nicht prahlen dürfe, wenn man seinen Nebenmenschen Gutes getan oder ihnen
Hilfe geleistet habe.
Es ging aber seit jener Zeit das Gerücht im Dorfe, daß der Vater Kunz'
einen Schatz gefunden haben müsse, denn sein Reichtum vermehrte sich alle
Tage. Er kaufte die Scholtisei und ward nun der Schulze des Dorfes; aber in
gleicher Weise, wie sein unermeßlicher Reichtums, nahm auch sein Geiz zu.
Kunz durfte mit Friedel nun nicht mehr spielen, dessen Vater ja nur ein
armer Tagelöhner war; darüber verging die Zeit. Viele Jahre waren vorüber,
Friedel war ein fleißiger Mann geworden, bewohnte nur das kleine Häuschen
seines Vaters, der tot war, und ernährte durch den Ertrag des kleinen dazu
gehörigen Ackers seine alte Mutter. Kunz war nun auch an Stelle seines
Vaters Schulze geworden und hatte das schönste Gehöft, den reichsten
Viehstand im ganzen Dorfe. Aber er hatte keine Freude daran; die
aufsteigende Gewitterwolke ängstete ihn, denn sie konnte ja seine Felder
verheeren; in der Nacht floh der Schlaf sein Auge, denn Räuber konnten
einbrechen und seine zusammengehäuften Schätze fortschleppen. Darüber ward
er krank und schlich wie ein Schatten umher; das Gesinde haßte und
fürchtete ihn, und er wiederum traute niemand; daher hielten ehrliche Leute
in seinem Dienst nicht aus, und er hatte allerlei Ärger, der ihm das Leben
verbitterte.
So kam er zu keiner Lebensfreude und beneidete den lustigen Friedel oft,
wenn der hinter dem Pfluge hinaus aufs Feld zog und dabei pfiff oder sang,
der gesund und rüstig war, und dem jedermann treuherzig die Hand
schüttelte, wenn er durchs Dorf ging.
Da ward der junge Bauer einmal tief in der Nacht zum Schulzen gerufen, der
seit einigen Tagen gefährlich krank war. In der spärlich erhellten Kammer
fand er den armen, reichen Mann bleich und elend, dem Tode nahe. Er
streckte Friedel die abgemagerte Hand entgegen und sagte matt: »Ich fühle,
daß ich sterben muß und habe dich rufen lassen, weil ich großes Unrecht
gegen dich auf dem Herzen habe. Erinnerst du dich noch des Geldstückes, was
dir, wie wir beide noch Kinder waren, ein alter Mann geschenkt hatte? Ich
betrog dich darum, denn es war ein Taler, und du hieltest ihn, für ein
Spielzeug, und ich lief freudig damit zu meinem Vater, dem ich erzählte,
ich hätte ihn gefunden. Am andern Tage betrachtete ich mir wieder das
Geldstück und erschrak freudig, als ein zweiter Taler dabei lag, und so oft
ich nachsah, war immer wieder ein neuer dazu gekommen. Das ist ein
Wundertaler, sagte mein Vater, und verbot mir, ein Wort davon zu reden. Von
der Stunde an vermehrte sich unser Reichtum, denn wir hüteten uns wohl, den
Wundertaler auszugeben, aber der Geizige hat keinen Genuß davon, wenn er
auch Berge Goldes um sich anhäufen könnte. -- Auch ich habe von dem unrecht
erworbenen Reichtume keine Freude gehabt; ich ward ein harter, böser
Mensch, den niemand liebte; das Geschenk jenes Alten, der, wie ich längst
merkte, Rübezahl war, ist mir zum Fluch geworden, denn mit mir ist es nun
vorbei. Es ist mir mit meinen erworbenen Schätzen gegangen, wie damals mit
dem Pfefferkuchen, ich habe nichts davon wirklich genossen, so gierig ich
auch danach war. Nun ist alles dein, dem es von Anfang an bestimmt war, du
wirst einen besseren Gebrauch davon machen und Gutes tun, wo ich nur Übles
getan habe. Ich bin verarmt an inneren Schätzen, inmitten des ungerechten
Mammons, und darbe nun an jeder Hoffnung.« -- Ein heftiger Husten
unterbrach seine Worte; er reichte mit zitternder Hand Friedel den
Schlüssel zu dem Gewölbe, worin er seinen Reichtum aufgehäuft hatte und
verlangte den Zuspruch des Pfarrers. Dann erklärte er Friedel gerichtlich
zu seinem Erben und starb in dessen Armen, beweint von dem Redlichen.
Friedel warf den unheilvollen Wundertaler in den tiefen Waldstrom, er hatte
eine Scheu, denselben, der bei Kunz so viel Unheil angestiftet hatte, zu
behalten; war es ihm doch auch ohne den Wundertaler gut ergangen und stand
sein Sinn nicht am meisten nach Geld und Gut. Er verwendete einen Teil des
geerbten Geldes zu milden Stiftungen, bezog aber nun mit seiner Mutter das
große, schöne Gut. Aber auch dort betrachtete er sich nur als Verwalter der
Besitzung, war gut und mildtätig und die Zuflucht aller Bedrängten und
Notleidenden. Keiner ging ungetröstet von seiner Schwelle, und so
verwandelte sich der Unsegen in Segen, die Felder trugen reiche Frucht,
seine Arbeiten gelangen, und bald, geliebt von allen, ward Friedel nun der
neue Schulze des Dorfes.
So hatte er denn reichlich Gelegenheit, das Gute zu fördern, und oft, wenn
er nach einem redlichen Tagewerke abends unter dem Tore seiner schönen
Besitzung saß, war es ihm, als sähe er die Gestalt des alten Kärrners an
sich vorübergleiten und ihm freundlich zuwinken.
Der Goldmacher.
In Warmbrunn, einem berühmten Badeorte, dessen warme Quellen von Hirschen
entdeckt worden sind, wohnte ein Mann, der sehr arm und dürftig war, mit
keinem Menschen umging und sich nur mit chemischen Versuchen und Grübeleien
beschäftigte. Er hoffte, erzählte man, das Geheimnis der Goldmacherkunst zu
ergründen und große Schätze dadurch zu erwerben. Bei solcher Beschäftigung
hatte er aber sein früheres Handwerk vernachlässigt, Hab und Gut an seine
chemischen Versuche gesetzt und war nun so arm geworden, daß er manchen
lieben Tag hungrig schlafen ging.
Dieser nun durchstreifte sehr oft das wilde Gebirge hinter dem Kynast, und
noch in der späten Nacht umschlich er die sagenreiche Burg, oder verlor
sich in den angrenzenden Wald. Dort begegnete ihm zuweilen ein Mann, zu dem
er Vertrauen gefaßt hatte, und dem er oft erzählte, wie ihn das wilde
Gebirge anziehe, und er gewiß glaube, daß in diesen öden Schluchten ein
Lebensgeheimnis und große Schätze für ihn liegen müßten.
Einst, als er recht trübselig unter den düsteren Tannen des Gebirges
wandelte, sah er ein helles Flämmchen in der Ferne, dem er sorgsam
nachging, und entdeckte nun eine Gittertür, die eine erleuchtete Höhle
verschloß, in der man große Schätze von Gold und Edelsteinen erblickte.
Begierig hafteten die Augen des armen Mannes auf der Fülle des glänzenden
Goldes, das ihn zauberhaft anzog. Da stand plötzlich jener fremde Mann
neben ihm, mit dem er schon oft im Walde zusammengetroffen war, und sagte:
»Alle diese Schätze sollen dein eigen werden, merk dir nur die Stelle
genau, wo die Höhle steht. In drei Tagen wirst du die Höhle offen finden.«
Die Bäume waren an dieser Stelle weniger dicht und gaben die Aussicht in
das breite Tal frei. Von der Ruine des Kynasts links sah man den Turm von
Hermsdorf, unten im Tale lag das freundliche Warmbrunn und im Hintergrunde
Hirschberg. Der Fremde machte ihn genau aufmerksam auf die Stellung dieser
Punkte zu einander und sagtet »Präge dir es wohl ein, daß du genau dieselbe
Stelle wiederfindest, denn nur so kannst du die Höhle finden und dein Glück
dadurch machen.«
Mit welcher Aufmerksamkeit sah der bestürzte Chemiker nach den angedeuteten
Punkten und ging dann voller Entzücken hinweg, kam aber noch einmal zurück,
um gewisser den Standpunkt wiederfinden zu können. »Da hast du eine
Schaumünze,« sprach der Fremde, »damit du morgen nicht alles für einen
bloßen Traum hältst,« und gab ihm eine goldene Münze mit rätselhafter
Inschrift. Dann verschwand er. Als aber der arme Mann sich umsah, war die
Höhle auch verschwunden, und er würde alles für ein Spiel seiner erregten
Einbildungskraft gehalten haben, hätte er nicht die Münze in der Hand
gehalten.
Während er entzückt nach Hause ging, gab er auf jeden seiner Schritte acht,
wälzte mühsam große Steine an den Weg und bezeichnete sich mehrere Bäume,
um nur ja die rechte Stelle wiederfinden zu können. Am dritten Tage eilte
er denselben Pfad zurück, erkannte auch an allen den Zeichen den rechten
Fußweg und versuchte nun, unter der Ruine stehend, die drei Türme von
Hermsdorf, Warmbrunn und Hirschberg zu finden. Aber wenn er den einen
erblickte, hatte sich ein Fels oder ein Baum vor den andern geschoben, und
vergeblich änderte er wieder und wieder seinen Standpunkt. Unruhig stieg er
bald hinauf, bald hinunter, stellte sich bald rechts, bald links, bald
tiefer in den Wald hinein, bald weiter ins Freie, er fand die drei Türme
auf einmal nicht mehr. Der Angstschweiß rann über seine Stirn, das Herz
klopfte ihm angstvoll, seine Augen starrten weit geöffnet in die Gegend
hinein; vergebens! Endlich rief er laut: »Da! -- so! -- nun habe ich es!«
und sein Gesicht erheiterte sich, seine Knie brachen vor Freude zusammen;
aber die Täuschung dauerte nur einen Augenblick, denn als er genauer
hinsah, war alles anders. So von der furchtbarsten Pein gefoltert und bis
zur Verzweiflung gequält, lief er den ganzen Tag, ja die ganze Nacht umher,
-- kehrte nicht mehr in seine Wohnung zurück und irrte in Wahnsinn
versunken länger als ein Jahr zwischen den Felsen und Bergschluchten hin,
wo nur Wurzeln und Waldbeeren ihn spärlich nährten, bis man ihn endlich tot
in dem Walde fand, die goldene Münze zwischen den erstarrten Fingern.
Auch ihm waren seine Leidenschaften zum Verderben geworden; hätte er nicht
diese Goldgier gehabt und darüber sein Handwerk vernachlässigt, er würde
nie mit so fruchtlosen Versuchen seine Zeit hingebracht haben und
schließlich, vom Schimmer des Goldes geblendet, elend untergegangen sein.
Rübezahl straft einen Spötter.
Nachdem Rübezahl wiederum einmal Jahrhunderte lang die Unterwelt nicht
verlassen hatte, ihm aber endlich doch die Einsamkeit und Langeweile zu
drückend wurde, und als er eben deshalb in der übelsten Laune war, machte
ein Erdgeist, der bei ihm in besonderer Gnade stand, den Vorschlag, doch
eine Lustpartie ins Riesengebirge zu unternehmen.
Rübezahl runzelte zwar anfänglich die Stirn gewaltig über diesen Einfall,
aber nach einigem Zögern willigte er endlich doch ein; in einer Minute Zeit
war auch schon die weite Reise zurückgelegt, obgleich es damals noch keine
Eisenbahnen gab. Der Berggeist konnte sich nämlich durch eine bloße Kraft
seines Willens an jeden beliebigen Ort versetzen, und so war er denn auch
jetzt schnell wie ein Gedanke mitten auf dem großen Rasenplatze, den man
noch heut »Rübezahls Lustgarten« nennt. Kaum aber schaute er von dort in
das Tal hinab, wo sich jetzt Türme, Klöster, Städte und Flecken
ausbreiteten, so erwachte sein alter Haß gegen die Menschen aufs neue und
er rief bitter lachend aus:
»Unseliges Erdengewürm, das mich durch Falschheit und Tücke gehöhnt hat,
nun sollst du mir deine Schuld büßen, und ich will dich hetzen und plagen,
daß du mit Furcht und Schrecken an den Geist des Gebirges denken sollst.«
Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, so hörte er in der Ferne
Menschenstimmen. Drei junge Gesellen wanderten durch das Gebirge, und der
mutigste von ihnen rief in fröhlicher Laune: »Rübezahl! Rübezahl! komm
herab, du Mädchendieb!« --
Der Gnom wurde wütend über diesen Spott und fuhr gleich dem Sturmwind durch
den düstern Fichtenwald, um den armen Schelm, der sich über ihn lustig
gemacht hatte, sogleich zu erwürgen. Aber es fiel ihm ein, daß ein so
grausames Exempel seiner Rache alle Wanderer aus dem Gebirge verscheuchen
würde, und er alsdann keine Gelegenheit hätte, sein Spiel mit den Menschen
zu treiben. Darum ließ er den Frevler einstweilen ruhig seine Straße
ziehen, nahm sich aber vor, ihn den verübten Mutwillen schon noch entgelten
zu lassen.
Auf dem nächsten Scheidewege trennte sich dieser von seinen beiden
Reisegefährten und langte ohne besonderes Abenteuer in Hirschberg, seiner
Vaterstadt, an. Rübezahl war ihm unsichtbar bis zur Herberge gefolgt, um
ihn einen Possen spielen zu können; nun verließ er den Burschen, um ihn bei
gelegener Zeit wieder aufzusuchen. Jetzt ging er ins Gebirge zurück und
sann auf ein Mittel, sich an dem Spötter zu rächen. Da begegnete ihm von
ungefähr ein Jude auf der Landstraße, der nach Hirschberg wollte und sehr
reich war; diesen ersah Rübezahl sogleich zum Werkzeug seiner Rache. Er
nahm alsbald die Gestalt jenes lustigen Gesellen an, der ihn mit dem
Spottnamen gerufen hatte, und indem er ein Stück Weges neben dem Juden
hinwanderte, sich freundlich mit ihm unterhaltend, führte er ihn unbemerkt
von der Straße ab in ein Gehölz, wo er ihn überfiel und zu Boden warf und
ihn des Beutels, darin der Israelit viel Gold und Geschmeide trug,
beraubte. Nachdem er ihn tüchtig zerschlagen hatte, ließ er den armen
geplünderten Mann halbtot im Gebüsch liegen und verschwand.
Als sich der Jude nach einigen Stunden von Schreck und Mißhandlungen erholt
hatte, rief er laut um Hilfe, damit er von den Stricken befreit würde,
womit ihm Hände und Füße gebunden waren. Da trat ein feiner, ehrbarer Mann
zu ihm, ein ansehnlicher Bürger, wie es schien, und als er den Juden
gebunden sah, befreite er ihn von den Stricken und leistete ihm jede
mögliche Hilfe. Er labte ihn mit Wein und geleitete ihn dann bis Hirschberg
an die Tür derselben Herberge, wo der Geselle hineingegangen war; diese
pries der Fremde dem geplünderten Juden als die billigste, gab ihm noch
einen Zehrpfennig und verließ ihn dann.
Wie erstaunte der Israelit, als er in der Stube des Wirtshauses seinen
Räuber ganz wohlgemut am Tische sitzen und einen Schoppen Landwein trinken
sah. Er wußte nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, denn der Bursche war
so froh und vergnügt, als hätte er das beste Gewissen der Welt.
Ganz still setzte sich der Beraubte in einen Winkel und sann, wie er wieder
zu seinem Eigentum gelangen könne. Da er sich indes immer mehr und mehr
überzeugte, daß er sich in der Person seines Räubers nicht irre, ging er
heimlich zum Richter und teilte ihm den Vorfall mit. Alsbald wurden Häscher
mit Spießen und Stangen zur Herberge geschickt, die das Haus umzingelten
und den Verbrecher vor die Ratsversammlung führten. »Wer bist du?« fragte
der oberste Richter, »und von wannen kommst du?«
Darauf antwortete der Bursche ganz freimütig und unerschrocken: »Ich bin
ein ehrlicher Schneider meines Handwerks und heiße Benedix.«
»Hast du nicht diesen Juden auf der Landstraße mörderisch überfallen und
seines Geldes beraubt?«
»Ich habe diesen Mann nie zuvor mit Augen gesehen und ihn weder geschlagen,
noch des Geldes beraubt; ich bin ein ehrlicher Handwerker und kein
Straßenräuber.«
»Zeig einmal deine Kundschaft!« (Das ist der Gesellenbrief eines
Handwerkers.)
Benedix öffnete getrost das Wanderbündel, worin er seine Papiere verwahrt
hatte. Doch wie er darin umhersuchte, klang es wie Gold. Alsbald griffen
die Häscher danach und zogen den schweren Säckel heraus, den der erfreute
Jude auch sogleich als sein Eigentum erkannte. Da stand Benedix wie vom
Blitz zerschmettert, seine Knie zitterten und er ward bleich wie Kalk; kein
Wort vermochte er zu seiner Rechtfertigung zu sagen.
»Bösewicht!« sagte der Richter zornig, »willst du auch jetzt noch deine
Schuld leugnen?«
»Erbarmen, gestrenger Herr!« flehte der arme Gesell und fiel auf seine
Knie. »Ich rufe den Himmel zum Zeugen an, daß ich unschuldig bin und von
dem Raube nichts weiß.«
»Du bist überführt!« antwortete jener. »Der gefundene Beutel spricht am
deutlichsten für dein Verbrechen; bekenne nur freiwillig, ehe dich die
Folter dazu zwingt.« -- Der geängstigte Benedix konnte aber nichts tun, als
seine Unschuld wiederholt zu versichern; da aber Anstalten zur Tortur
gemacht wurden und der arme Schneidergesell die Marterwerkzeuge erblickte,
gestand er alles ein, obgleich sein Herz nichts davon wußte. Der Prozeß
wurde nun kurz gemacht und Benedix zum Strange verurteilt.
Das Volk, das in der Gerichtsstube versammelt war, pries laut die Weisheit
und die Gerechtigkeit der Richter; am meisten aber tat dies jener
Bürgersmann, der den Juden befreit hatte und sich nun auch in der
Versammlung befand. Das war aber, wie ihr wohl schon erraten haben werdet,
kein anderer als Rübezahl, der das Gold des Juden heimlich in das Felleisen
des Handwerksburschen versteckt hatte, um sich wegen des Spottnamens an ihm
zu rächen.
Indes ward ein Geistlicher zu dem armen Sünder geführt, um ihn zum Tode
vorzubereiten, da dieser aber den Benedix sehr unwissend fand, hielt er es
für notwendig, daß die Hinrichtung verschoben werde, damit er den
Unwissenden zuvor mehr im Christentum unterweisen könne, und der Rat
gewährte dazu einen Aufschub von drei Tagen. Als Rübezahl dies hörte, flog
er mürrisch ins Gebirge zurück, um dort die Zeit abzuwarten.
In dieser Zwischenzeit durchstrich er die Gegend und fand dabei ein junges
Weib, die traurig an einem Baume lag und weinte. Ihre Kleidung war dürftig,
aber sehr gut und sauber gehalten, und ihre Hände schienen an harte Arbeit
gewöhnt. Sie trocknete sich zuweilen die Augen damit und seufzte so schwer,
daß selbst Rübezahl davon bewegt wurde.
Er nahm daher wieder die Gestalt eines stattlichen Bürgers an, trat näher
zu dem jungen Weibe und fragte, warum sie denn gar so traurig sei? »Ach,«
jammerte diese, »ich bin eine Unglückliche und habe das Verderben eines
sonst so guten Menschen auf der Seele!«
Der Gnom staunte. »Wie?« fragte er, »dein Gesicht sieht doch so ehrlich und
gut aus, und du solltest voll Bosheit sein? Aber freilich, die Menschen
sind ja alle schlecht und böse.«
»Ach, mein Herr, da habt ihr unrecht; der Benedix ist nun schon eine treue,
redliche Haut und ist kein Falsch in seinem Herzen. Ich nur habe ihn ins
Verderben gelockt und seinen Tod verschuldet, den er nun durch Henkershand
sterben soll. Er ist nämlich mein Mann, -- der Benedix, -- und wir sind
kaum ein Jahr verheiratet miteinander; mit dem Gewerbe ging es aber von
Anfang an schlecht, wir hatten viel Not und Kummer, und ich war manchmal
unzufrieden und traurig, wenn ich die Nachbarinnen Sonntags in schönen
Kleidern zur Kirche gehen sah, indes ich mit der Nähnadel in der Hand
meinem Manne altes Flickwerk zusammensetzen helfen mußte. Da wurmte ihn
endlich mein unzufriedenes Wesen, so wohlgemut er auch sonst bei aller
Trübsal gewesen war; er schnürte eines Tages sein Bündel und sagte: »Ich
will ins Riesengebirge gehen, wo ich einige Verwandte habe; die helfen mir
wohl mit ein paar Talern auf, womit ich ein Fleckchen Acker kaufen kann.
Damit haben wir doch eigenes Brot, und es wirft doch auch einmal eine neue
Jacke oder Mütze für dich ab.« Der gute Benedix! -- Damit wanderte er
getrost nach Hirschberg; aber meine sündliche Unzufriedenheit hat ihn
verleitet, sich an fremdem Eigentum zu vergreifen, und nun muß er den
bittern Tod erleiden für meine Schuld. Das überlebe ich nicht und will nur
noch einmal gehen, um Abschied von meinem Manne zu nehmen; die Müdigkeit
und der Schmerz haben mich aber schon auf der Hälfte des Weges aller Kräfte
beraubt.«
Rübezahl war von dem großen Schmerz des jungen Weibes gerührt und vergaß um
ihretwillen der Rache, die er ihrem Mann geschworen hatte. »Sei getrost,«
sagte er zu der Weinenden, »du sollst deinen Benedix wiederhaben, ehe die
Sonne untergeht. Wisse auch zu deinem Trost, daß er den Raub nicht begangen
hat und unschuldig ist; merke dir aber die Lehre, künftig mit deinem
bescheidenen Lose zufriedener zu sein, da du nun weißt, daß der redliche
Arme glücklicher und beneidenswerter ist als der schuldbewußte Reiche.«
»Ach Herr!« rief die Frau, und sank vor ihm auf die Knie, »das wollte euch
Gott vergelten, wie ihr mich getröstet habt. Gewiß, ihr seid ein guter
Engel, den mir Gott schickt, obgleich ich so vieler Gnade unwert bin; denn
ich habe ja um irdischer Güter und Herrlichkeit willen mein Seelenheil
selbst in Gefahr gegeben.«
»Lasse das gut sein,« sagte Rübezahl; »ich bin kein Engel, sondern ein
Bürgersmann aus Hirschberg, der viele Freunde unter den Ratsherren der
Stadt hat; die sollen mir deinen Mann schon freigeben. Kehre du nur in
Frieden heim und sei guten Mutes.«
Da machte sich die Frau voll heißen Dankes auf den Weg, und ihre Seele war
voller Freude. Rübezahl aber begab sich nun in der Gestalt des Geistlichen,
der den armen Sünder zum Tode vorbereiten sollte, zu Benedix in den Kerker.
Wie fand er den lustigen Schneider da so überaus niedergeschlagen! Eine
lange Zeit redete er über ernste Dinge mit dem Gefangenen, dann sagte er:
»Ich überzeuge mich immer mehr, daß du unschuldig bist, mein Sohn, weiß dir
aber nicht zu helfen, denn deine Sache steht gar schlimm und die
Gerechtigkeit verlangt ein Opfer. Freilich gäbe es noch ein Mittel, dich zu
retten, und ich will nicht anstehen, es anzuwenden. Du sollst nämlich die
Kleider mit mir wechseln und das Gefängnis verlassen; mein weiter Talar
wird den Gefängniswärter schon also täuschen, daß er dir willig das Tor
öffnet. Hier hast du auch noch ein Brot auf den Weg, kehre nun heim zu
deinem Weibe, so schnell dich deine Füße tragen.«
»Aber ehrwürdiger Herr,« sagte Benedix bedenklich, »ihr könntet dadurch
wohl in große Gefahr und Verantwortung kommen, wenn ihr mir also zur Flucht
verholfen hättet. Am Ende töteten sie euch statt meiner, und ehe solches
Unrecht an einem so frommen Manne geschieht, will ich lieber sterben.
Wenngleich ich an dem Diebstahl unschuldig bin, so habe ich doch wohl durch
manche andere Sünde Strafe verdient und will sie lieber ertragen, als mir
mein Gewissen durch euren Tod schwer machen.«
Rübezahl wunderte sich über die Sinnesart des ehrlichen Benedix und freute
sich, daß er sein Unrecht an ihm noch gutmachen konnte. Daher sprach er zu
ihm: »Sei ohne Sorge deshalb, mein Sohn, mein Stand wird mich vor einer
solchen Strafe schützen; auch habe ich viele Anhänger und mächtige Freunde
in der Stadt, die mir kein Leid widerfahren lassen werden.« Da ward der
arme Benedix erfreut, daß er mit heiler Haut der Gefahr entkommen sollte,
machte sich geschwind auf und verließ mit tausend Danksagungen gegen den
ehrwürdigen Geistlichen seinen Kerker. Aber die ihm angeborene
Zaghaftigkeit konnte er doch nicht verleugnen, denn als er an dem Schließer
vorbeiging, klappten ihm die Zähne und seine Knie schlotterten aus Furcht,
daß dieser ihn erkennen möchte. Endlich kam er, glücklich aus der Stadt und
war, ehe die Sonne unterging, wieder daheim bei seinem Weibe.
Welch eine Freude hatte diese, ihren treuen Benedix gesund und frisch
wiederzusehen. Erst dankten sie beide Gott für die wunderbare Rettung, dann
aber sehnte sich Benedix nach einer tüchtigen Mahlzeit, denn die
Todesfurcht hatte ihm allen Appetit verdorben, und nach dem weiten Wege und
der glücklich überstandenen Gefahr machte der Hunger sein Recht geltend.
Die Frau holte nun geschwind herbei, was nur die arme Küche vermochte, und
Benedix schnitt das Brot dazu auf, welches der fromme Pater ihm mit auf den
Weg gegeben hatte.
Aber sieh da! als er das Messer hineinstieß, gab es einen seltsamen Klang,
und ein Häuflein geprägten Goldes fiel auf den Tisch. -- Nun erst merkten
Benedix und sein Weib, _wer_ der großmütige Helfer gewesen sein müsse,
priesen ihn aus dankbarem Herzen, und zogen fort aus der Gegend nach Prag,
wo Benedix sich ein hübsches Haus kaufte und bald der berühmteste Meister
wurde, der oft mehr als zehn Gesellen hielt. Seine Frau genoß nun den
Wohlstand, den sie sich früher so sehr gewünscht; aber sie mißbrauchte ihn
nicht, sondern tat den Armen Gutes, statt mit schönen Kleidern zu prunken,
wie es wohl sonst ihr Streben gewesen war. Benedix blieb ehrlich, wie er es
immer gewesen, und das trug nicht wenig dazu bei, ihm Kundschaft und Ehre
zu bringen.
Als am dritten Tage in Hirschberg der arme Sünder vor die Tore der Stadt
geführt wurde, waren viele Tausend Menschen versammelt, um dem Schauspiele
beizuwohnen. Als der Henker aber sein Amt verrichtet hatte, zappelte der
Tote so sehr am Stricke, daß dem Henker bange ward, das Volk werde ihn
steinigen, daß er den Delinquenten zu sehr quäle. Auf einmal aber ward
dieser still und streckte sich lang aus; darauf verlief sich die Menge.
Am andern Morgen aber kamen einige Bauern vom Felde in die Stadt und
berichteten, der Gehangene lebe noch immer, denn er zappele mit Händen und
Füßen. Da schickte der wohlweise Rat eine Deputation hinaus zum Galgen, um
die Sache zu untersuchen, aber was fanden die gestrengen Herren statt des
Delinquenten? -- Eine Schütte Stroh mit alten Lappen bekleidet, wie man sie
oft in ein Schotenfeld stellt, um die Sperlinge zu verscheuchen.
Darüber verwunderten sie sich sehr und schüttelten die wohlgepuderten
Perücken, daß der feine Staub um ihre Köpfe flog. Nach langem Sinnen ließen
sie endlich den Strohmann abnehmen und verbreiteten die Nachricht, der
große Wind habe in der Nacht den leichten Schneider vom Galgen über die
Grenze der Stadt hinausgeweht.
Die Perücken.
Als die Deutschen sich zu schämen anfingen, daß sie Deutsche waren, galt
keine Tracht für vornehm oder schön, die nicht von den Franzosen kam. Auch
die Tracht der Haare war aus Frankreich gekommen, und Männer und Frauen
trugen Perücken, um entweder ihre grauen oder ihre spärlichen Haare zu
verbergen und so noch für jung zu gelten, während ihnen die Zeit doch schon
bedeutende Merkmale ihrer Jahre aufgeprägt hatte.
Als Rübezahl von diesen Narrheiten hörte, begab er sich nach Hirschberg, wo
eben Jahrmarkt war, und hielt Perücken feil. Bald fand sich auch ein junger
Herr, der gern eine mit Locken gehabt hätte und fragte, ob Rübezahl
dergleichen führe. »Genug!« antwortete dieser, »und alle nach der neuesten
Art, aber sie sind sehr kostbar.«
Der Stutzer betrachtete sich die neuen, schönen Perücken mit Lust, welche
Rübezahl aus den Schachteln nahm, und hatte keinen Tadel daran, als daß sie
zu teuer wären. Dabei zuckte Rübezahl die Achseln und machte Miene, die
kostbaren Perücken wieder einzupacken. »Haltet nur,« rief nun schnell
entschlossen der Stutzer, »wenn mir der Preis auch sehr hoch zu sein
scheint und eigentlich meine Verhältnisse übersteigt, so will ich mir doch
eine eurer schönen Perücken kaufen. Es wird Aufsehen erregen, werde ich
doch der erste sein, der diese neue Mode trägt.«
Er bezahlte den hohen Preis ohne Widerrede und ging vergnügt nach Hause.
Nun ging es wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt, daß neue Perücken zu
haben wären, und wo ein Narr Geld hatte, kaufte er sich einen solchen Putz,
so daß der Handelsmann bald alle seine Waren verkauft hatte und den Markt
verließ.
Des Nachmittags stolzierten die Käufer mit ihren neuen Perücken auf dem
Markte umher, und jener junge Stutzer dachte: »Du gehst auch; wie werden
die Leute staunen, wenn sie erst meinen Haarputz sehen!«
Als er nun mit stolzem Schritt und großem Selbstgefallen an einem Gasthofe
vorübergeht, dessen Fenster alle mit vornehmen, fremden Damen besetzt sind,
ruft ihm ein Bauer nach: »Guter Freund! Euch hat wohl jemand einen
Schabernack gespielt,« und zeigt auf die Perücke. Und zu gleicher Zeit
springen alle Straßenbuben um ihn herum, lachend und schreiend, und selbst
alte Leute lächeln im Vorübergehen, wenn sie den jungen Herrn ansehen. Da
läuft dieser endlich in ein Haus, nimmt die Perücke ab und betrachtet sie
entsetzt, denn sie ist zu einem Geniste von Moos, Werg und Heu geworden.
Unterdessen ist es den andern Käufern nicht besser ergangen, und Lärm und
Gelächter hört man in allen Straßen der Stadt.
Wie gut aber auch Rübezahl diesen Spaß durchgeführt hatte, so blieb er doch
ohne großen Nutzen, denn noch zu heutiger Zeit schämen sich die Deutschen
nicht, die Affen fremder Völker zu machen, und es täte not, Rübezahl käme
wieder, um ein Exempel zu geben.
Mutter Else.
Die Hilfe, welche Rübezahl einzelnen Personen hatte angedeihen lassen, zog
eine Menge Müßiggänger, nachlässige Hauswirte und dergleichen herbei, die
alle, bald durch Bitten, bald durch Spott den Berggeist zu reizen suchten,
daß er erscheinen und ihre Klagen anhören möchte. Eine Zeitlang ließ dieser
sie ruhig ihr Wesen treiben, denn er verachtete sie zu sehr, um sich über
sie zu erzürnen, oder er neckte sie auch zuweilen durch ein blaues
Flämmchen, welches sie für das Zeichen hielten, daß ein Schatz in der Erde
liege; ja er ließ sie sogar schwere Töpfe finden, und wenn sie diese mühsam
heimtrugen, fanden sie statt des Goldes Steine und Scherben darin.
Gleichwohl ließen sie nicht ab, den Gnom mit Bitten zu bestürmen, bis er
endlich ganz zornig ward und einen tüchtigen Steinhagel unter das Gesindel
warf, um sie aus seinem Gebiete zu verjagen. Kein Wanderer betrat nun ohne
Furcht und Zittern das Riesengebirge; Rübezahl aber ward lange Zeit nicht
mehr gehört und gesehen.
Eines Tages sonnt sich der Berggeist an der Hecke seines Gartens; da kam
ein Weib daher, die durch den sonderbaren Aufzug, den sie machte, seine
Aufmerksamkeit erregte. Sie hatte nämlich ein Kind auf dem Arme, eins auf
dem Rücken, eins leitete sie an der Hand und ein etwas größerer Knabe trug
einen leeren Korb und einen Rechen, denn die Mutter wollte Laub einsammeln
fürs Vieh.
Eine Mutter muß doch wahrlich ein gutes Geschöpf sein, dachte Rübezahl,
schleppt sich da mit vier Kindern und muß noch dazu mühsame Arbeit
verrichten. Diese Betrachtungen versetzten den Gnom in gute Laune, und er
nahm sich vor, eine Unterredung mit der Frau anzufangen. Diese hatte indes
ihre Kinder auf den Rasen gesetzt und streifte Laub von den Büschen;
mittlerweile wurde den Kleinen die Zeit lang und sie fingen an zu weinen
und zu schreien; Da verließ die Mutter ihre Arbeit, spielte und scherzte
mit ihnen, wiegte sie endlich in den Schlaf, und ging dann rüstig wieder an
ihre Arbeit. Aber die Mücken stachen die kleinen Schläfer, sie wurden aufs
neue unruhig und ebenso rasch als unverdrossen eilte die Mutter wieder
herzu, suchte Himbeeren im Gebüsch und brachte sie den weinenden Kleinen.
Diese mütterliche Sorgfalt und Geduld rührte den Gnom.
Der kleinste Knabe aber wollte sich durchaus nicht beruhigen lassen; er
warf die Beeren an den Boden und schrie, als ob er gespießt würde. Darüber
ging der Mutter endlich die Langmut aus; »Rübezahl!« rief sie drohend,
»komm und friß den unartigen Schreihals!«
Augenblicklich kam der Gerufene in Gestalt eines Köhlers herbei und sprach:
»Hier bin ich, was willst du von mir?« --
Die Frau geriet in den größten Schrecken, faßte sich aber bald wieder ein
Herz und antwortete: »Ich rief dich nur, damit mein kleiner Schreihals
ruhig sein sollte; du siehst, es hat schon geholfen, also brauche ich dich
weiter nicht; hab Dank für deinen guten Willen.«
»Ei!« sagte Rübezahl, »so ungestraft ruft man mich nicht. Nun halte ich
dich beim Worte; gib mir den Schreier, daß ich ihn geschwind aufesse, mir
ist lange kein so zarter Bissen vorgekommen.« Darauf streckte er die rußige
Hand nach dem Knaben aus.
Da gab die Angst der Mutter Riesenkräfte, sie setzte sich mutig gegen
Rübezahl zur Wehr, zerzauste ihm den Bart tüchtig und rief: »Du Ungetüm,
ehe du mein liebes Kind rauben kannst, mußt du mir erst das Herz aus dem
Leibe reißen.«
Eines so heftigen Angriffs hatte Rübezahl sich nicht versehen, aber ihm
gefiel der Mut und die Mutterliebe dieses Weibes. Deshalb lächelte er
freundlich und sagte: »Entrüste dich nicht so sehr; ich bin kein
Menschenfresser und will auch deinem Kleinen kein Leid antun. Aber laß mir
den Jungen; er gefällt mir, und ich will ihn wie einen Junker halten, in
Sammet und Seide kleiden, und es soll ein wackerer Bursche aus ihm werden,
der euch alle einmal erhalten kann. Ja, du kannst hundert blanke Taler für
den Buben fordern, und ich gebe sie dir sogleich.« --
»Ha,« lachte das Weib, »also mein Junge gefällt euch. Ei seht doch, das
freut mich, denn der prächtige Schlingel ist mir auch lieber als alle
Schätze der Welt.«
»Du hast ja noch drei andere Kinder,« sagte. Rübezahl, »sie machen dir
Arbeit und Überdruß genug; du mußt dich ja ohnehin placken und schwere
Arbeit machen.«
»Ei nun, machen sie mir manchmal ein bißchen Last, so sind's dafür doch
meine lieben Kinder, und machen mir noch viel mehr Freude.«
»Eine schöne Freude, sie den ganzen Tag herumzuschleppen, sie zu gängeln,
zu waschen und zu füttern, und dabei ihre Unarten und ihr Geschrei zu
ertragen.«
»Seht nur, Herr Berggeist, das versteht Ihr nun eben nicht. So etwas ist ja
die größte Freude für eine Mutter, und kein Kind ist ihr lieber, als was
ihr die meiste Mühe macht, wofür sie Tag und Nacht die Hände regen muß.«
»Nun, hast du denn nicht einen Mann, der für euch alle sorgt, arbeitet und
die Hände regt?«
»O ja, und ich fühl's oft recht nachdrücklich, wie er sie regt,« sagte die
Frau mit einem komischen Seufzer, und machte eine verständliche Bewegung,
als schwinge sie einen Stab. --
»Was?« rief der Gnom ganz aufgebracht, »ein so braves Weib, wie ihr seid,
zu schlagen! Ei! so will ich ihm doch gleich das Genick dafür brechen.«
»Nun, da werdet Ihr etwas zu tun, bekommen, wenn Ihr jedem querköpfigen
Manne das Genick brechen wollt. Seht nur, Steffen ist im Grunde so schlimm
nicht, aber er muß es sich auch sauer werden lassen, um die kleine
Wirtschaft im Stande zu erhalten, denn ich habe ihm nicht einen Groschen
Heiratsgut mitgebracht. Wenn ich nun Geld haben will, um den Kleinen Schuhe
und dergleichen zu kaufen, da tobt er freilich manchmal ärger als ein
Heide, denn unter uns, er ist ein bißchen geizig.«
»Was treibt denn Steffen für ein Gewerbe?«
»Er ist ein Glashändler und muß jahraus, jahrein die schwere Hucke mit
Glaswaren von Böhmen herunter ins Land tragen. Wie oft zerbricht nicht da
etwas auf dem weiten Wege, und das müssen die Kinder und ich denn freilich
entgelten. Aber fragt einmal nach, wo das besser sei und die Frau nicht
manche schlimme Stunde hat, weil der Mann Ärger hat.«
Rübezahl gab sich nun zufrieden, obschon er ein Häkchen auf Steffen hatte;
fing aber nochmals davon an, daß ihm die Mutter den Knaben geben solle. Sie
gab ihm aber keine Antwort mehr darauf, sondern raffte das Laub in den
Korb, band das kleinste Kind mit dem Bande darauf fest und drehte dem
Berggeist den Rücken. Da sie aber den schweren Korb nun nicht gut auf die
Schultern heben konnte, wandte sie sich noch einmal zu ihm um und bat:
»Wollt ihr wohl so gut sein und mir den Korb aufnehmen helfen? Und wenn ihr
ein übriges tun wollt, so schenkt dem Jungen, der euch so gut gefällt,
einen Pfennig zu einer Semmel!«
Rübezahl half ihr den Korb auf den Rücken heben: »Gibst du mir deinen
Jungen nicht,« sagte er dabei, »so soll er auch keinen Pfennig von mir
haben!«
»Nun, wie ihr wollt, der Junge wird auch ohne Semmel groß werden,«
antwortete sie kurz und ging ihres Weges.
Je weiter sie aber ging, desto schwerer ward ihr der Korb, so daß sie
endlich kaum mehr fort konnte. Sie mußte endlich einen Teil des Laubes
ausraffen, um nur leichter zu tragen; aber sie war noch nicht weit
gegangen, da kam ihr der Korb noch viel schwerer vor, und sie mußte
abermals ausraffen, was ihr ganz unerklärlich war, denn sie hatte oft eine
weit größere Bürde getragen, ohne davon so ermüdet zu werden. Als sie
endlich nach Hause kam, waren ihre Arme wie zerbrochen von der schweren
Last, und doch hatte sie noch viel in der Wirtschaft zu tun, warf den
Ziegen das Laub vor, gab den, Kindern das Abendbrot, wiegte sie in den
Schlaf, und legte sich endlich auch danieder, um flugs und fröhlich
einzuschlafen.
Die frühe Morgenröte weckte das fleißige Weib zu neuem Tagewerke. Sie holte
nun ihr Melkgefäß und ging in den Ziegenstall. Aber welch ein
schreckensvoller Anblick, erwartete sie da! Ihr liebes, treues Haustier,
die alte Ziege, lag ganz starr und tot im Stalle, und die zwei Jungen
atmeten nur noch schwach. Ein so großes Unglück hatte die arme Frau all
ihre Tage noch nicht getroffen, und sie weinte bitterlich darüber. »Ach!«
jammerte sie, »es kommt ja kein Unglück allein, wie wird nun Steffen zanken
und wild werden, wenn er heimkommt; -- nun ist es mit meinem ganzen Frieden
aus, und ich habe kein Glück mehr auf der Welt.« Aber das Herz strafte sie
sogleich über diese Worte. »Waren denn die Ziegen dein einziges Glück und
nicht deine Kinder?« -- Da schämte sie sich ihres Unmutes und dachte:
»mag's denn sein, hat mir doch der liebe Gott die Kinder noch immer gesund
erhalten. Jetzt ist die Ernte vor der Tür, da kann ich ins Feld gehen und
schneiden helfen, damit verdiene ich mir schon etwas, und wenn ich im
Winter dann noch recht fleißig spinne, kann ich mir zum Frühjahr wohl
wieder eine neue Ziege kaufen.«
Indem sie dies alles bei sich dachte, ward sie getroster, trocknete sich
die Augen und sah noch einmal die armen Ziegen an, die nun alle drei tot
waren. Da flimmerte etwas im Stroh zu ihren Füßen; sie hob es auf, es war
ein Blatt, das gelb wie Gold schimmerte. Da lief sie geschwind zu einer
Judenfrau, die in der Nähe wohnte, und diese erklärte den Fund für
gediegenes Gold, gab ihr auch gleich drei blanke Taler dafür. Wer war nun
froher als das arme Weib; sie lief flugs zum Bäcker, kaufte Semmel und
Butterkringel für die Kinder und eine Hammelkeule für Steffen, die wollte
sie ihm gut zurichten, wenn er abends müde und hungrig heimkäme. Sie vergaß
allen Harm über der Freude, ihre lieben Kinder einmal recht gut
abzufüttern, und diese zappelten, sprangen und jauchzten auch nicht wenig,
als sie die Backwaren bekamen. Indes schaffte die Mutter die toten Ziegen
beiseite, damit Steffen das Unglück nicht sogleich merke, wenn er nach
Hause komme.
Wer aber beschreibt ihr Erstaunen, als sie zufällig in die Futterkrippe sah
und einen ganzen Haufen solch goldener Blätter darin erblickte; ja selbst
in dem Korbe, worin sie das Laub heimgetragen hatte, hingen noch einzelne
von den kostbaren Blättern. Nun begriff sie auch leicht, woran ihre Ziegen
gestorben waren; sie haben das unverdauliche Laub gefressen, dachte sie,
und holte rasch ein Messer herbei, schnitt ihnen den Magen auf und fand
auch richtig ganze Klumpen Gold darin. Nun war die arme Frau mit einem Male
so reich geworden, daß sie glaubte, sie könne soviel Gold all ihr Lebtag
nicht verbrauchen; sie lief in ihrer Freude gleich zum Pfarrer, der ein
sehr biederer Mann war, und dieser verwahrte ihren Schatz auf das
gewissenhafteste. »Wenn ich euch einen Rat geben soll, gute Frau,« sagte
er, »so laßt euren Mann nichts von der Sache erfahren, er würde das Geld
für sich behalten und euch und den Kindern nichts davon geben. Ich will
einen Brief in fremder Sprache schreiben, als ob er von eurem Bruder käme,
der weit in der Fremde ist, und der euch eine kleine Summe Geld schicke.
Daran könnt ihr Steffen teilnehmen lassen, und so immer mehr und mehr von
dem Schatze geben, aber nicht auf einmal, denn das wäre bei Steffens
Denkart und seinem Hange zum Geiz nur gefährlich.«
Die gute Frau war mit diesem Vorschlage wohl zufrieden und gab auch eine
hübsche Summe dem Pfarrer für die Armen des Dorfes; auch kaufte sie für die
Kirche eine neue Altarbekleidung, denn sie war Gott dankbar für den
unverhofften Segen, und wollte ihm dies beweisen durch Mildtätigkeit.
Während alledem kam Steffen mit einer schweren Ladung Glassachen über das
Gebirge. Er war sehr ermüdet, und da er an seinem Wege eine schöne große
Wiese fand, beschloß er, sich ein wenig niederzulegen. Es war auch ein
umgehauener Baumstamm in der Nähe, darauf konnte er seine Hucke bequem
niedersetzen, und nun ruhte er sich gemächlich aus in dem frischen Grase,
worin weißer Teufelsbart und Marienflachs blühten. Er berechnete dabei den
Vorteil, den er diesmal aus seiner Ladung zu ziehen gedachte. »Ich will mir
einen Esel in Schmiedeberg dafür kaufen,« sagte er in halblautem
Selbstgespräche, »der kann statt meiner die schwere Hucke tragen; mein Weib
ist jung und rüstig und kann schon allein für die Kinder sorgen, wenn ich
ihr auch nichts gebe von meinem Verdienste. Sie hat ja auch die Ziegen, und
die Kinder können mit den Winterkleidern noch lange warten. Kann ich nur
erst auf dem Esel eine doppelte Ladung Glaswaren aus Böhmen herüberbringen,
dann ist mir auch doppelter Verdienst gewiß, und ich bringe es auch nach
und nach wohl bis zu einem Pferde. Ein Stück Acker findet sich auch schon
dazu, es liegt viel Rodeland um meine Hütte, und mein Weib hat junge,
rüstige Glieder; mit der Zeit kann mir ein kleines Bauerngut nicht fehlen,
und dann soll auch Else für sich und die Kinder neue Kleider kaufen.«
Als Steffen so in seinem künftigen Reichtum schwelgte, erhob sich plötzlich
ein heftiger Wirbelwind und stürzte den Korb mit den Glaswaren vom Stamme
herunter, daß der zerbrechliche Kram in tausend Stücken herumlag. Das war
der härteste Schlag, der den geizigen Mann treffen konnte; ganz betäubt
starrte er auf die Scherben, mit denen zugleich auch alle seine schönsten
Hoffnungen zertrümmert waren. Da hörte er ein schallendes Gelächter ganz in
seiner Nähe; er sah sich betroffen um, erblickte aber niemand; was ihn aber
noch mehr staunen machte, war, daß der Baumstamm, auf den er zuvor seine
Glashucke niedergestellt hatte, ganz und gar verschwunden war.
»Rübezahl!« rief er heftig, »du Schadenfroh, das hast du mir getan! Womit
habe ich dich denn erzürnt, daß du mich um meinen sauren Verdienst bringst!
Komm doch lieber gleich und erwürge mich, du tückischer Kobold, du
boshafter Halunke, denn du hast mich doch auf Lebenszeit zu einem
geschlagenen Manne gemacht.«
Es war Steffens bitterer Ernst mit diesen Worten, aber Rübezahl ließ sich
weder sehen noch hören. --
Der arme Steffen mußte sich entschließen, die zerbrochenen Glasscherben
zusammenzusuchen, damit er in der Glashütte wenigstens einige Spitzgläser
dafür bekommen, um nun wieder einen neuen Handel anfangen zu können. Er
sann und sann, woher er Geld nehmen sollte, um nur wieder Waren einkaufen
zu können, aber er sah keinen Ausweg. Endlich fielen ihm die Ziegen seiner
Frau ein. »Wenn du die hättest und verkaufen könntest,« dachte er, »die
würden dir viel helfen; Else wird sie aber gewiß nicht hergeben, denn sie
braucht Milch für die Kinder. -- Wie wäre es aber, wenn ich um Mitternacht
mich still nach Hause schliche, die Ziegen aus dem Stalle holte und nach
Schmiedeberg auf den Markt triebe. Dann könnte ich neue Glaswaren kaufen,
und damit Else, nichts merke, wollte ich sie tüchtig ausschelten, daß sie
so nachlässig, gewesen sei, sich die Ziegen stehlen zu lassen. Ja, den
Kniff will ich anwenden, um mir aus meiner traurigen Lage zu helfen.«
Um nun dies Vorhabens auszuführen, schlich sich Steffen so nahe als möglich
an das Dorf und versteckte sich in einem Busche, bis es Nacht ward. Dann
machte er sich ganz behutsam auf den Weg, kletterte über den Zaun und
öffnete den Ziegenstall. Wider Gewohnheit war dieser unverriegelt, und so
sehr ihm dies auch lieb war, fand er doch einen Grund darin, mit seinem
Weibe schelten zu können über große Nachlässigkeit. Im Stall aber rührte
sich nichts; er tappte an der Krippe hin -- es war alles leer. Im ersten
Schreck glaubte Steffen, es sei ihm ein Dieb zuvorgekommen, und war darüber
so niedergeschlagen, daß er sich auf die Spreu warf, in dumpfer Traurigkeit
darüber, das letzte Mittel verloren zu haben, mit dem er sich wieder
aufzuhelfen gedachte.
Else hatte vergeblich mit der guten Mahlzeit auf ihren Mann gewartet und
war noch spät abends nach der Landstraße gelaufen, wo sie noch lange nach
Steffen sah, bis ihr die Augen weh taten. Traurig ging sie heim, denn sie
dachte, es sei ihm ein Unglück begegnet, und es kam die ganze Nacht kein
Schlaf in ihre Augen.
Am Morgen klopfte es leise an die Tür. Steffen war es, der die Nacht im
Ziegenstalle auch eben nicht gut zugebracht hatte. »Liebes Weib,« sagte er
ungewöhnlich sanftmütig, »mache mir doch auf, ich bin müde.« -- Else hörte
kaum ihres Mannes Stimme, als sie flink wie ein Reh herbeisprang und ihn
vor lauter Freude umhalste, da er wieder gesund und frisch vor ihren Augen
stand. Er setzte aber ganz kleinlaut und still seinen Korb auf die Ofenbank
und warf sich mißmutig daneben.
Wie Else ihn so traurig sah, ging es ihr ans Herz. »Was hast du denn,
Steffen?« fragte sie gutmütig, »ist dir etwas Schlimmes begegnet?« Mit
Seufzen und ganz kleinmütig erzählte er ihr endlich sein Unglück.