Rübezahl.
Neue Sammlung
der
schönsten Sagen und Märchen
von dem
Berggeiste im Riesengebirge.
Von
Rosalie Koch.
Zehnte Auflage.
Mit Illustrationen in Farbendruck und in Holzschnitt
nach Originalen von
Professor P. Mohn.
Berlin.
Winckelmann & Söhne.
Inhalt.
Einleitung
Woher Rübezahl seinen Namen hat
Der Kräutersammler
Die Musterreiter
Der Meckerfriede
Die Anleihe
Der Wundertaler
Der Goldmacher
Rübezahl straft einen Spötter
Die Perücken
Mutter Else
Glücks-Männlein
Die drei besten Menschen
Der böse Vogt
Rübezahl straft einen Unwissenden
Wie Rübezahl vor Prellerei warnt
Rübezahl betrügt die Geldmäkler
Die Springwurzel
Der gefundene Esel
Der Spieler
Rübezahl und der Schneider
Rübezahl und der lügenhafte Knecht
Der reiche Bäcker
Das Zauberbuch
Wie Rübezahl einem Bauer hilft
Der kleine Peter
Die Reise nach Karlsbad
Wie Rübezahl die Übertretung seiner Gesetze bestraft
Das Rad
Wie Rübezahl sich eines armen Studenten annimmt
Wie Fischbach durch Rübezahls Hilfe erbaut worden
Rübezahl macht einem Förster einen Zopf
Der alte Schäfer
Die drei Tischlergesellen
Wozu es nützt, schweigend Unrecht zu ertragen
Der Wanderstab
Die gefärbten Badegäste
Der verzauberte Stab
Der böse Edelmann
Grünmantel
Rübezahl. Schauspiel in einem Akt
Einleitung.
Das Riesengebirge, das euch, meine jungen Freunde, aus der geographischen
Lehrstunde wohl bekannt ist, ja welches einzelne von euch schon besucht
haben, ist derjenige Teil der Sudeten des preußischen Staates, wo sie am
höchsten und engsten verbunden sind und Schlesien von Böhmen und Mähren
scheiden. Die hervorragenden Spitzen derselben sind von ansehnlicher Höhe,
die Riesen-, auch Schneekoppe genannt, welche 1605 m über dem Meeresspiegel
liegt; ferner der Reifträger, das hohe Rad und die Sturmhaube; auch haben
starke Flüsse, z. B. die Elbe und der Bober, ihren Ursprung zwischen
felsigen Höhen. -- Dort nun war ehemals der Aufenthalt eines mächtigen
Berggeistes. Sein Gebiet umschrieb auf der Oberfläche des Riesengebirges
nur wenige Meilen, breitete sich aber im Innern desselben desto weiter und
tiefer aus. Der Gnom herrschte oft jahrhundertelang still in seinem
unterirdischen Reiche, und erhob sich nur selten auf die Oberwelt, um dort
sein Wesen zu treiben.
Zur Zeit, als noch kein menschlicher Fußtritt das verkümmerte Knieholz und
die spärliche Vegetation der Berge betrat, ehe die Gegend bewohnt war,
begnügte sich der Herr der Riesenberge damit, wilde Tiere aufeinander zu
hetzen, oder sie aus ihrem Lager aufzuschrecken, und sie in wilder Jagd
durch das Gehölz zu treiben.
Als er aber nach langer Zeit wieder einmal das Tageslicht der Oberwelt
aufsuchte, fand er zu seinem Erstaunen alles so sehr verändert, daß er fast
sein eigenes Gebiet nicht wiedererkannte. Grünes Saatenfeld erhob sich, wo
früher ein finsterer Wald gestanden hatte, und auf Wiesen weideten Schafe
und Rinder, unter der Obhut singender Hirten und schützender Hunde. Da
lagen einzelne Hütten in den Tälern, aus deren Schornsteinen der Rauch
lustig emporstieg und vor deren Türen muntere Kinder spielten, mit
fröhlichem Geschrei. Der Gnom wunderte sich nicht wenig über diese neuen
Erscheinungen; seine größte Aufmerksamkeit aber erregten die Gestalten der
Menschen, die er nie zuvor gesehen hatte. Seine Neugier ward rege, und er
beschloß, diese fremden Wesen näher kennen zu lernen, indem er ihre Gestalt
annahm und einige Zeit unter ihnen lebte.
Zuerst trat er als Knecht in die Dienste eines Landwirtes und verrichtete
seine Arbeit aufs beste. Was er unternahm, das gelang, und er schaffte
seinem Herrn so großen Nutzen, daß dieser leicht ein reicher Mann hätte
werden können. Aber er war ein Verschwender und verjubelte leichtsinnig
alles, was der fleißige und geschickte Knecht erwarb, dem er für seine
treuen Dienste nicht einmal dankte. Darüber ward denn der Berggeist
ärgerlich und suchte sich einen andern Herrn, bei dem er sich als Schafhirt
vermietete. Und wieder gedieh unter seiner Aufsicht die Herde aufs beste;
kein Schaf erkrankte, keins zerriß der Wolf, solange der Gnom sie hütete.
Aber der Herr war ein Geizhals, der niemals genug hatte, dem treuen Knechte
kaum satt zu essen gab und ihm, so oft er konnte, den bedungenen Lohn
verkürzte. Darum ging dieser auch bald wieder aus diesem Dienst und kam als
Gerichtsdiener zu einem Amtmann. Er versah auch diesen Dienst mit allem
Eifer, und in kurzer Zeit war im ganzen Kreise kein Dieb oder Straßenräuber
mehr zu finden. Als aber der Berggeist sah, daß der Amtmann ein ungerechter
Richter war, der sich durch Geschenke und Schmeicheleien bestechen ließ,
mochte er ihm nicht länger dienen und lief davon. Da er nun durch Zufall an
lauter schlechte Menschen geraten war, glaubte der Gnom, daß sie alle nicht
anders wären, und ohne Lust, weitere Proben davon zu machen, nahm er sich
vor, so weit sein Gebiet reichte, die Menschen zu necken und zu plagen,
damit sie sich wenigstens aus dieser Gegend entfernen sollten. Später
freilich sah er auch diesen Irrtum ein und lernte manchen tugendhaften und
guten Menschen kennen und schätzen und hat denn auch, wie wir sehen werden,
mit seinen Zauberkünsten manchem armen Schelm aus der Not geholfen.
Wenn er nun wieder von Zeit zu Zeit die Oberwelt besuchte, neckte er die
Reisenden und mischte sich in ihre Geschäfte. Er leitete die Fremden irre,
die sein Gebiet betraten oder trieb Regenwolken zusammen, um sie durch
Sturm und Gewitter zu erschrecken. Er stellte oft in der ödesten Gegend ein
Wirtshaus, oder einen wundervollen Palast auf und äffte die hungrigen und
ermüdeten Wanderer auf alle Weise damit. Wenn betrügerische Roßtäuscher
sein Gebiet betraten, zeigte er sich nicht selten auf einem schönen Pferde
als ein vornehmer Herr; ließen sie sich nun verleiten, ihm das Roß
abzukaufen und ritten weiter damit, so verwandelte es sich nach kurzer Zeit
in einen Strohwisch. -- Traf er dagegen einen unbemittelten Edelmann, der
auf einem mageren Klepper traurig durch das Gebirge ritt, so kam er ihm
wohl als ein stattlicher Reiter entgegen, ließ sich in irgend ein Gespräch
mit ihm ein, und suchte ihn zu irgend einer Wette zu veranlassen. Er selbst
verlor dann, und gab dem glücklichen Gewinner sein schönes Pferd, steckte
ihm auch wohl noch heimlich eine Rolle mit Gold in die Tasche.
Solche Vorfälle wurden aber bald bekannt, und lockere Burschen oder
Abenteurer, die davon hörten, suchten nun die Wohltätigkeit des Berggeistes
auf ähnliche Weise in Anspruch zu nehmen. Aber da wurden sie empfindlich
getäuscht; wenn sie auch glücklich das Pferd erlisteten, so verwandelte es
sich doch bald genug in einen dürren Stock, auf dem sie immer weiter
ritten, ohne es zu bemerken und zum Gespött in Stadt und Land wurden, wohin
sie kamen.
So trieb er sein Wesen oberhalb des Gebirges, bald als neckender Spuk, bald
als Wohltäter der Armen, je nachdem seine Laune eben war. Die Märchen,
welche über den Berggeist Rübezahl noch im Munde des Volkes fortleben,
findet ihr, meine jungen Leser, hier größtenteils gesammelt und neu
bearbeitet. Die Autoren, von denen ein Teil derselben entnommen worden,
sind: _Musäus, Lehnert_ u. a. m.
Woher Rübezahl seinen Namen hat.
Unsichtbar schlich der Berggeist einmal von seinem Felsen ins Tal hinab,
und lustwandelte zwischen grünem Gesträuch und blühenden Hecken. Da
gewahrte er die Gestalt eines überaus lieblichen Mädchens, welches die
Tochter eines Fürsten war, der im schlesischen Gebirge herrschte, und die
sich mit ihren Gespielinnen ins Gras gelagert hatte. Sie pflegte oft mit
den Jungfrauen ihres Hofes in diesen Büschen zu lustwandeln, für ihren
Vater Erdbeeren zu pflücken oder Wohlgeruch duftende Kräuter und Blumen zu
sammeln. »Ei,« dachte der Berggeist, »dies schöne, heitere Wesen wär' eine
gar erfreuliche Gesellschaft in meinem einsamen Reiche,« -- und alsbald
entführte er als ein Sturmwind die schöne Emma, indem er die Augen der
Gespielinnen durch Staub und Sand blendete, die nun mit ihrem Wehklagen
Berg und Tal erfüllten und ohne Unterlaß nach der geraubten Prinzessin
suchten.
Der König, ihr Vater, war sehr betrübt darüber, nahm die goldene Krone von
seinem Haupte und verhüllte sein weinendes Angesicht in den Purpurmantel.
Am traurigsten aber war die Prinzessin selbst, als sie sich plötzlich in
dem Palaste des Berggeistes befand, den er im Augenblicke aufgebaut und mit
soviel Reichtum und Glanz ausgeschmückt hatte, wie es die Königstochter
selbst am Hofe ihres Vaters nicht gesehen. Sie selbst war auf das
kostbarste gekleidet, und eine ganze Reihe Kisten und Schränke standen mit
allerlei Putz und Schmuck für sie angefüllt. Ein schöner Lustgarten umgab
den Palast von drei Seiten, die Obstbäume darin trugen purpurrote und
goldene Früchte, und auf den Rasenplätzen, die von den seltensten Blumen
eingefaßt waren, lag der erquickendste Schatten. Der Berggeist, bemüht, daß
es seinem schönen Gaste gefallen solle, ernannte die Prinzessin zur
unumschränkten Herrin dieser Besitzung und folgte jedem ihrer Winke wie
einem Befehl. Aber bei alledem fühlte sich Emma doch unglücklich, denn sie
sehnte sich nach ihrem Vater und ihren Gespielinnen zurück.
Der Gnom bemerkte bald die Traurigkeit der holden Prinzessin und dachte: Es
mangelt ihr nur an Unterhaltung, denn der Mensch ist an Geselligkeit
gewöhnt, gleich der Biene und Ameise. Und flugs ging er hinauf aufs Feld,
zog auf einem Acker ein Dutzend Rüben aus, legte sie in einen zierlich
geflochtenen Korb und brachte sie der Prinzessin.
»Holde Erdentochter,« redete er sie an, »du sollst nun nicht länger einsam
sein; in diesem Korbe ist alles enthalten, was du bedarfst, um diesen
einsamen Ort zu beleben. Nimm diesen kleinen, buntgeschälten Stab, berühre
eine dieser Rüben damit und gib ihr diejenige Gestalt, welche dir gefällt.«
Darauf verließ er die Prinzessin.
Diese zögerte keinen Augenblick, von dem Zauberstabe Gebrauch zu machen.
»Brinhild!« rief sie, »meine liebe Brinhild, erscheine!« und alsbald
umschlang die Gerufene ihre Knie und liebkoste die holde Gebieterin mit
Tränen der Freude. Emma überließ sich nun ganz dem Glück, ihre liebste
Gespielin um sich zu haben; sie lustwandelte Hand in Hand mit ihr durch den
Garten, brach von den köstlichsten Früchten für sie, dann zeigte sie ihr
die schönen Kleider, die Ketten und Spangen von Gold und Edelsteinen und
vergaß über Brinhildes Bewunderung fast allen Harm.
Nun verwandelte Prinzessin Emma auch noch die übrigen Rüben durch den
Zauberstab, so daß sie wieder ihre Kammerfrauen und sogar ihre Cyperkatze
und ihr Hündchen um sich hatte. Wie sie so ihren alten Hofstaat um sich
versammelt sah, war sie wohl zufrieden mit dem Berggeiste und zeigte ihm
zum erstenmale ein freundliches Gesicht. Aber ihr Glück war von kurzer
Dauer, denn nur zu bald bemerkte Emma, daß die blühende Gesichtsfarbe ihrer
Gesellschafterinnen erbleichte und sie nur noch die einzige frische Rose
unter den abwelkenden Jungfrauen war. Ja eines Morgens, als Emma klingelte,
kamen an Stäben und Krücken statt der Kammerfrauen lauter alte Matronen ins
Zimmer gehumpelt, die zitterten und husteten, daß es traurig anzusehen war;
das Lieblingshündchen selbst lag im Verscheiden, und die Cyperkatze konnte
nicht mehr kriechen vor Schwäche. Bestürzt verließ die Prinzessin diese
unheimliche Gesellschaft, trat auf den Söller hinaus und rief den Gnom, der
auch sogleich erschien.
»Was hast du mit meinen Gespielinnen und Kammerfrauen gemacht, boshafter
Geist!« redete sie ihn zornig an; »mißgönnest du mir diese einzige Freude
in der schrecklichen Gefangenschaft, in der du mich hältst? Wenn du ihnen
nicht sogleich Jugend und Wohlgestalt zurückgibst, will ich nicht aufhören,
dich mit meinem Haß zu verfolgen, und nicht eher sollst du mein Angesicht
sehen.«
»Zürne nicht,« bat der Berggeist, »ich kann das Unmögliche bei aller meiner
Kraft nicht erfüllen. Solange noch Saft in den Rüben war, konntest du durch
den magischen Stab ihr Pflanzenleben nach deinem Gefallen verwandeln, nun
dieser aber vertrocknet ist, müssen die verwandelten Gestalten nach den
Gesetzen der Natur verwelken, die ich nicht abändern kann. Aber bekümmere
dich deshalb nicht zu sehr, schöne Emma, ich will dir sogleich andere Rüben
bringen, mit denen du deinen Hofstaat schnell wieder ersetzen kannst. Gib
indes der Natur ihre Geschenke wieder zurück.«
Der Gnom entfernte sich eilig, und Emma nahm den bunten Stab zur Hand,
berührte die alten Matronen mit dem umgekehrten Ende desselben und warf
dann die vertrockneten Rüben, in welche sie sich wieder verwandelt hatten,
in einen Winkel. Nun eilte sie, so schnell sie konnte, zu ihrem
Lieblingsplatze, einer grünen Rasenstelle im Garten, um den frisch
gefüllten Korb von dem Berggeiste wieder in Empfang zu nehmen. Aber da kam
ihr der Gnom schon mit sichtbarer Verlegenheit entgegen und sagte ganz
bestürzt:
»Ich habe dir voreilig mehr versprochen, als ich nun zu halten imstande
bin; das ganze Land habe ich durchstreift, um noch einen Rübenacker zu
finden, aber überall, sind sie schon eingeerntet und verwelken in dumpfigen
Kellern. Obgleich es hier in deiner Nähe Frühling ist, so ist doch das Tal
unten mit Eis und Schnee bedeckt, und du mußt noch drei Monate warten, bis
ich dein Verlangen und mein Versprechen erfüllen kann.« --
Da drehte ihm die Prinzessin zornig den Rücken und verschloß sich traurig
in ihre Zimmer; der Gnom bekam ihr Angesicht nicht mehr zu sehen, so sehr
er auch bat. Er begab sich nun als Pachter verkleidet nach Schmiedeberg,
kaufte dort auf dem Markte einen Esel und belud ihn mit Säcken voll
Rübensamen, damit er einen ganzen Morgen Land besäen konnte. Nun bestellte
er den Acker, und seine dienstbaren Geister mußten ein unterirdisches Feuer
anschüren, damit die linde Wärme das rasche Wachstum der Saat befördere.
Das Rübenkraut schoß auch bald lustig genug auf und der Berggeist durfte
auf eine reiche Ernte hoffen. Die Prinzessin ging nun täglich auf das
Ackerfeld hinaus, aber es ging ihr mit dem raschen Wachstum der Saat immer
noch zu langsam, und ihre Augen verloren allen Glanz, ihre Wangen alle
Farbe. Sie war nämlich mit einem schönen Prinzen des Nachbarlandes verlobt
gewesen, und die Hochzeit war nahe, als der Berggeist sie von der Erde
entführte. Prinz Ratibor durchstreifte nun die Gegend ohne Unterlaß, um
seine Braut wiederzufinden, und zog sich endlich ganz traurig in die
einsamsten Waldungen zurück, als alle seine Bemühungen erfolglos blieben.
Emma aber wünschte ebenso sehr, wieder zu ihm zurückkehren zu können, als
Prinz Ratibor, sie wiederzufinden, und sie schmiedete in ihrer freiwilligen
Einsamkeit -- da sie noch immer zürnend die Gesellschaft des Gnomen mied --
einen klugen Plan, um aus ihrer Haft zu entfliehen und den Hüter zu
täuschen; wußte sie doch jetzt, daß auch er zu überlisten war.
Allmählich zog nun der schöne Lenz wieder in dem Gebirgstale ein, und die
Rüben wurden groß und voll. Die schlaue Emma zog täglich einige davon aus,
um allerlei Versuche damit zu machen; sie gab ihnen allerlei Gestalten,
anscheinend nur zu ihrer Unterhaltung, aber sie hatte eine andere Absicht
dabei. Sie ließ eines Tages eine kleine Rübe zur Biene werden und schickte
sie auf Kundschaft aus zu ihrem Verlobten:
»Flieg', kleine Biene, gegen Sonnenaufgang zu dem Prinzen Ratibor und summe
ihm ins Ohr, daß ich lebe, aber in der Gefangenschaft des häßlichen
Berggeistes bin. Verlier' kein Wort von meinem Gruße und kehre alsdann
geschwind zurück, mir Antwort zu bringen.«
Das Bienchen flog vom Finger der Prinzessin, wohin sie gewiesen war; aber
sie hatte ihren Flug kaum begonnen, als eine Schwalbe auf sie herabstieß
und die kleine Botin verschlang.
Darauf formte Emma eine Grille, gab ihr denselben Auftrag und sagte:
»Hüpfe, kleine Grille, über das Gebirge hin, zum Prinzen Ratibor und sag'
ihm, daß ich der Befreiung aus der Gewalt des Berggeistes durch seinen
starken Arm harre.« --
Die Grille flog und hüpfte, so schnell sie konnte, aber ein langbeiniger
Storch ging eben am Wege spazieren und fing sie mit seinem langen Schnabel
auf.
Die Prinzessin harrte also lange vergebens darauf, daß ihre Boten
zurückkehren möchten; aber diese mißlungenen Versuche schreckten sie nicht
ab. Sie gab einer dritten Rübe die Gestalt einer Elster und sagte:
»Fliege hin, du beredsamer Vogel, von Baum zu Baum, bis du zum Fürsten
Ratibor kommst; dem sage von meiner traurigen Gefangenschaft und gibt ihm
Bescheid, daß er am dritten Tage von heute ab mit Roß und Mann an der
Grenze des Gebirges sei, um mich aufzunehmen, und aus der Gewalt des Gnomen
zu befreien.« --
Die zweifarbige Elster flatterte darauf von einem Ruheplatz zum andern, und
Emma folgte ihrem Fluge mit den Augen, so weit sie konnte.
Prinz Ratibor irrte indessen noch immer durch die Wälder, den Verlust
seiner holden Braut beklagend. So saß er einmal unter einer schattigen
Eiche und rief traurig den Namen der Prinzessin in die Luft. Alsbald hörte
er von einer unbekannten Stimme rufen und erblickte eine Elster, die auf
den Zweigen einer Eiche hin und wieder flog. Und diese begann nun
herzusagen, was Emma sie gelehrt hatte. Als Prinz Ratibor diese Botschaft
hörte, ward er voller Freude, eilte schnell in sein Hoflager zurück,
rüstete eine Anzahl Reisige aus und zog mit ihnen guten Mutes den
Riesenbergen zu.
Emma hatte inzwischen alles zu ihrer Flucht vorbereitet. Sie erschien eines
Tages wieder mit dem größten Schmuck angetan; alles kostbare Geschmeide,
womit der Herr der Riesenberge sie beschenkt hatte, trug sie an sich und
strahlte dadurch ebenso sehr, als durch den Ausdruck der Freude, der in
ihrem Gesichte lag; denn die Elster war glücklich zurückgekommen und hatte
ihr gemeldet, was sie ausgerichtet hatte.
Als der Gnom die Prinzessin so freundlich und schön geschmückt sah, glaubte
er, sie habe nun endlich ihren Widerwillen gegen diesen Aufenthalt besiegt
und werde nun durch Heiterkeit und Frohsinn sein einsames Reich beleben. Er
trat ihr daher freundlich entgegen und fragte: »ob sie ihm noch zürne, daß
er sie so lange auf ihren Hofstaat habe warten lassen müssen?« Die
Prinzessin lächelte zum erstenmale freundlich und verhieß ihm, sie wolle
fortan gerne bei ihm bleiben, wenn er ihr zuvor noch einen kindischen
Wunsch erfüllen wolle. Dazu vermaß sich der Gnom sogleich, und nun trug ihm
die Prinzessin schalkhaft auf, die Rüben des Ackers zu zählen, ohne sich
dabei zu irren, weil sie ihre Zofen und sonstige Gesellschaft daraus wählen
wolle, und schon jetzt genau zu wissen wünsche, wieviel ihr zu Gebote
stehen würden.
Sogleich eilte der Berggeist zum Ackerstücke und fing an, die Rüben mit
großer Sorgfalt zu zählen, als er damit fertig war, wollte er sich davon
überzeugen, ob er sich auch gewiß nicht geirrt habe, und fing noch einmal
von neuem zu zählen an. Aber da fand er eine ganz andere Summe, als das
erstemal, und mußte das beschwerliche und langweilige Geschäft zum
drittenmal beginnen.
Während er also beschäftigt war, benutzte Emma seine Abwesenheit sogleich,
um ihren Plan ins Werk zu setzen. Sie nahm eine starke, saftvolle Rübe und
verwandelte sie in ein mutiges Roß mit Sattel und Zeug. Rasch schwang sie
sich nun darauf und sprengte über Heiden und Gestrüpp dahin, bis hinab in
das Tal, wo Prinz Ratibor ihr schon entgegenkam und die atemlose Flüchtige
in seinen Schutz nahm.
Als der Gnom mit seiner mühevollen Arbeit nach wiederholtem Zählen zustande
gekommen war, eilte er, die Prinzessin aufzusuchen; da er sie aber auf dem
Rasenplatz nicht mehr fand, lief er durch die bedeckten Gänge und Lauben
des Gartens. Endlich rief er im ganzen Palast ihren Namen aus und wurde
zuletzt unruhig darüber, daß ihm nur der Widerhall Antwort gab. Alsbald
schwang er sich in die Luft empor, um sein Gebiet zu überschauen, und da
sah er denn seine schöne Gefangene noch in der Ferne, wie ihr Roß eben über
die Grenze setzte. Wütend ballte der erzürnte Geist einige Wolken zusammen
und schleuderte einen Blitz nach den Fliehenden; aber dieser traf nur eine
der hundertjährigen Grenzeichen und zersplitterte sie in viele Tausende von
Teilchen. Jenseits der Grenze hörte aber seine Macht auf, und die
Donnerwolke zerfloß in sanften Heidenrauch.
Nachdem er in stummer Wut den Entflohenen noch lange nachgeschaut hatte,
kehrte er zornig in seinen Palast zurück, aber nur, um diesen samt dem
köstlichen Lustgarten zu zertrümmern. Dann zog er sich an die entferntesten
Grenzen seines Gebietes zurück, um seinen Menschenhaß im Mittelpunkte der
Erde zu verbergen. Nach und nach aber überwand er auch diesen wieder und
lebte von Zeit zu Zeit unter den Gebirgsbewohnern, stiftete mancherlei
Gutes oder neckte die Menschen mit ihren Schwächen und Gebrechen, so daß
mancher dieselben erkannte und sich besserte, zu seinem und seiner
Mitmenschen Wohl. Nie aber hatte der Berggeist wieder versucht, ein schönes
Erdenkind zu entführen, oder etwas zu versprechen, was er nicht halten
konnte.
Fürst Ratibor aber führte die schöne Emma im Triumph an den Hof ihres
Vaters zurück, der ihn nun mit der Hand der Prinzessin und einer schönen
Stadt belohnte, die nach dem Besitzer »_Ratibor_« genannt wurde. Das
sonderbare Abenteuer, das die Prinzessin im Riesengebirge erlebt hatte, und
ihre schlaue Flucht wurden das Märchen des Landes und pflanzte sich von
Geschlecht zu Geschlecht weiter fort. Die Bewohner der umliegenden Gegend,
die den Berggeist bei seinem Geisternamen nicht zu nennen wußten, legten
ihm nun einen Spottnamen auf und nannten ihn fortan nur _Rübenzähler_ oder
Rübezahl.
Der Kräutersammler.
Vor langen Jahren lebten in einem Dörfchen am Riesengebirge ein paar alte
Leute, Bieder, ehemals ein Köhler, und Else, sein Weib, arm und unbeachtet,
in einer kleinen, baufälligen Hütte. Sie hatten keine Kinder und nur wenig
Anverwandte, denn die Armut hat nur einen Freund, und der ist im Himmel. Es
lebte zwar noch eine Schwester des Köhlers mit ihrer Tochter, aber sie
wohnte im Böhmenlande, war auch eine Witwe und mußte sich kümmerlich
ernähren.
Um diese alten Leute nun kümmerte sich niemand; sie hatten gar oft früher
die helle Sonne, als ein Stück schwarzes Brot im Hause, und die arme Else
näßte ihr Gespinnst oft mit Kummertränen, seit ihr guter Alter an der Gicht
daniederlag und seine gelähmten Hände auch nicht mehr die Spindel halten
konnten, womit er sonst seinem Weibe das Brot verdienen half. Da ward
freilich die Not erst recht groß, denn Else mußte den Kranken hegen und
pflegen, und konnte nun nicht mehr jeden Tag, wie sonst, eine Strähne des
schönsten Garnes spinnen. Wenn jetzt der Garnhändler an der Hütte vorbei
kam und an die kleinen Scheiben des Fensterchens pochte, -- da schüttelte
Else oft nur traurig den Kopf, denn sie hatte ja kein Garn zu verkaufen,
oder es war so wenig, daß die paar Groschen eben nur zu Salz und Brot
ausreichten. So verging den armen Leuten die Zeit unter Leiden und
Entbehrungen.
Da saß eines Tages der alte Bieder vor der Hütte und wärmte die kranken
Glieder im Strahl der Sonne; Else brachte ihm die Pfeife mit dem Kopf aus
Holz heraus, nahm dann Rocken und Spindel und setzte sich neben den Greis
auf den Holzblock. Auf der Landstraße wirbelten kostbare Reisewagen den
Staub auf und nahmen die Richtung nach dem nahe gelegenen Warmbrunn, dessen
weltberühmtes Bad schon Tausenden von Kranken Heilung und Hilfe bereitet
hat. -- »Ach,« seufzte die arme Else, »wenn wir doch auch reich wären, wie
jene vornehmen Reisenden; dann könntest du auch das Warmbad brauchen für
deine kranken Glieder und würdest wohl noch einmal gesund und rüstig.« --
Bieder ließ traurig den Kopf sinken, und als Else nun ihren Mann so
niedergeschlagen sah, hätte sie ihm gern Mut und Freudigkeit zugesprochen.
Sie erhob daher ihre freilich schon zitternde Stimme und begann das schöne
Lied von _Neumark_: »Wer nur den lieben Gott läßt walten etc.« -- »Weißt du
auch,« schob sie zuvor ein, »was mir der Pfarrer neulich von diesem schönen
Liede erzählte? Georg Neumark habe in Hamburg in so großer Armut gelebt,
daß er seine liebe Violine habe versetzen müssen. Da fand er unvermutet
Gönner, die ihn reichlich unterstützten und ihm auch eine Anstellung
verschafften. Nun konnte er das liebe Instrument wieder einlösen, und aus
Freude darüber machte er das Lied -- Wer nur den lieben Gott läßt walten,
-- welches er selbst zuerst unter Tränen des Dankes gesungen hat.« An
dieser Erzählung richtete sich ihre eigene gebeugte Seele auf, und ihr
Gesicht hatte den Ausdruck froher Ergebung angenommen, als sie zu der
letzten Strophe des Liedes kam: »Denn welcher seine Zuversicht auf Gott
setzt, den verläßt er nicht.«
Da kam auf der Landstraße ein hübsches Mädchen daher, die trug ein kleines
Bündel Kleider unter dem Arme; sie schien sehr ermüdet zu sein, und die
unbeschuhten Füße waren an manchen Stellen wundgerissen von Baumwurzeln und
Gestrüpp. Als sie nun in die Nähe der Hütte kam, stand sie mit einem: »Grüß
euch Gott!« still, und fragte mit fremdklingender Aussprache: »Könnt ihr
mir wohl sagen, ob hier ein Mann mit Namen Bieder wohnt?«
»Das bin ich selbst,« antwortete der Alte, und in dem nämlichen Augenblicke
lag das fremde Mädchen an seinem Halse und schluchzte: »Die Mutter grüßt
euch nochmals, lieber Ohm; am Osterfeste ward sie begraben!« -- »Tot?«
fragte Bieder erschrocken, und faltete die Hände. »Du lieber Gott im
Himmel! -- Und du, mein Mädchen, bist wohl Theresens Kind? So sei uns denn
herzlich willkommen!«
Else trat nun auch herbei, gab dem Mädchen die Hand, strich ihr dann
liebkosend die vollen Zöpfe aus dem braunen Gesicht und klopfte sie auf die
Wange. Da faßte sie der Base Hand und bat mit ihrer sanften Stimme: »Ach,
sei du nun mein Mütterlein, Base Else! siehe, ich bin ja ohne Schutz und
Schirm wie ein Vöglein des Waldes.«
»Für dich auch wird der Vater sorgen,« sprach da die gute Else, umarmte das
verlassene und verwaiste Mädchen und führte es hinein in die Hütte, daß es
sich ausruhe und an ein wenig Brot und Käse stärke. Am Abend machte die
gute Alte für Susy ein Lager von Heu und Baumblättern zurecht, und so
ärmlich dies war, schlief das Mädchen doch so süß, als läge es auf dem
weichsten Flaum.
Else aber ließ die Sorge nicht schlafen. Sie ging schon frühe hinaus vor
die Hütte, um ungesehen zu beten und zu weinen, und suchte zugleich junge
Erdbeerblätter zum Frühtrank für sich und den Vater; für Susy hatte sie
noch ein Töpfchen Milch aufgespart. -- Von der neuen Tochter hatte Else
zwar jetzt Unterstützung und Pflege für ihre alten Tage zu erwarten, aber
es fehlte dem Mädchen doch manches, zu dessen Anschaffung Else keinen Rat
wußte. Wäsche und Kleider hatte Susy meist den harten Leuten lassen müssen,
bei denen die Mutter gewohnt hatte, und denen sie in der langen Krankheit
vieles schuldig geblieben war. Zwar blühte Susy frisch und kräftig wie eine
Alpenrose, hatte eine silberhelle Stimme und wußte schöne Lieder zu singen,
die sie mit der Zither begleiten konnte, aber Else hätte lieber für das
Mädchen gebettelt, als das sie zugegeben hätte, daß sie damit ihr Brot zu
verdienen suche. Woher aber das Nötige zu ihrem Unterhalt nehmen? Das gute
Mütterchen sah keinen Ausweg und vergaß, daß _Einer_ in der Höhe lebt, der
ja viel tausend Wiege findet, wo der Verstand nicht einen sieht.
Da hörte Else plötzlich den Gesang einer Männerstimme im stillen Walde, und
alsbald kam ein Kräutersammler mit seiner Blechkapsel auf dem Rücken daher.
Er schien Else nicht zu bemerken und sang laut und verständlich für jene:
»Wider alle Wunden
Gibt's ein kräftig Kraut,
Der hat Heilung funden,
Der dies Kräutlein braut.
In des Glaubens Garten
Ist es nur zu schaun,
Lernt das Kräutlein warten,
Es heißt: Gottvertraun!« --
Else horchte hoch auf, das Herz pochte ihr fast laut, und ein Glaube, stark
wie Felsengrund, kam hinein. Sie schämte sich ihres Kleinmutes, trocknete
ihre Tränen und erwiderte freundlich den Gruß des Reisenden, der indes
näher gekommen war.
»Habt ihr etwas von meiner Ware nötig?« fragte er Else und zeigte auf den
Kräuterkasten; doch diese schüttelte wehmütig den Kopf, indem sie
antwortete:
»Ach, lieber Freund, das Kräutlein, dessen ich bedarf, habt ihr doch wohl
nicht in eurem Kasten, denn für den Tod ist kein Kraut gewachsen; und mein
armer Mann wird die Gicht nicht eher los, biß sie ihm Erde und Rasen
aufgelegt haben.«
Da lächelte der Fremde seltsam und wiederholte singend: »Wider alle Wunden
gibt's ein kräftig Kraut usw.«
Else war ganz wunderbar zumute; sie fragte den Kräutersammler nun wirklich,
ob er ein Mittel gegen das böse Übel ihres Mannes habe und versprach, ihm
gern das Zwanzigkreuzerstück dafür zu geben, was sie seit ihrem
Konfirmationstage am Halse trug. Der Fremde ging nun mit ihr in das
Häuschen, wo Susy schon rüstig aufgeräumt, das Bett des Kranken aufgemacht
und die Fenster geöffnet, um dem Staube freie Bahn zu geben, den sie jetzt
mit flinker Hand ausfegte. Der Kräutersammler sah ihr wohlgefällig zu. »Ist
das Eure Tochter?« fragte er Else, die ihm einen Sessel brachte, den sie
zuvor sauber mit der Schürze abgewischt hatte.
»Nein, lieber Herr!« antwortete diese, »es ist meiner Schwägerin Kind aus
Böhmen, eine Waise, und erst seit gestern bei uns!«
Mittlerweile hatten Susy und der Ohm den Eintretenden verwundert
angeschaut; Susy nahm ihm dienstfertig die schwere Blechkapsel vom Rücken
und war so flink und gewandt, das es eine Freude war, ihr zuzusehen. Der
Fremde nahm nun aus seiner Büchse ein Büschel grünen, starkriechenden
Krautes, hieß Else dies kochen und die lahmen Glieder des Kranken damit
waschen, -- wollte aber keine Belohnung dafür annehmen und nur ein
Stündchen in der Hütte ausruhen. Susy war nun wieder rasch bei der Hand,
die Kräuter zu kochen und den Umschlag zu bereiten, und fragte, als sie
damit fertig war, was sie nun schaffen solle?
»Kannst du spinnen, mein Kind?« fragte die Base; aber darauf schüttelte das
Mädchen den Kopf. »Nun, so will ich es dich lehren,« sagte Else, und
aufmerksam trat jene hinzu.
Aber der Fremde sprach: »Ich will das Mädchen eine leichtere Art zu spinnen
lehren, als ihr da mit der Spille habt; sie soll bald schneller als ihr,
gutes Mütterchen, die volle Weise an die Wand hängen können.« Ungläubig
lächelte Else, doch schon nach wenig Stunden kam der Kräutersammler mit
einem Spinnrädchen zurück, dessen Gebrauch den armen Köhlerleuten noch ganz
unbekannt war, zeigte der aufmerksamen Susy, wie man den feinen Faden um
die eiserne Spille rollen müsse und machte ihr dann mit der kleinen
schnurrenden Maschine ein Geschenk. Er sagte ihr noch, daß er ihr einen
andern Garnhändler zuschicken wolle, der das Garn besser bezahle, und
entzog sich dann rasch dem Danke der Familie, die ihren unbekannten
Wohltäter im dichten Walde verschwinden sah.
Susy spann vom Morgen bis zum Abend, sang ein böhmisches Liedchen dazu und
drehte das Rädchen so flink, daß Else und der Ohm ihr mit Verwunderung
zuschauten. Das Garn flog nur so auf die Spule, und niemals riß der Faden
der fleißigen Spinnerin. So ging es einige Zeit; der Kräutersammler kam
nicht wieder, und auch der fremde Garnhändler, der nun jeden Sonnabend kam,
um das Gespinst zu kaufen, kannte ihn nicht, obgleich er sagte, der
Kräutersammler habe ihn hierher gewiesen. Mit dem Kranken wurde es von Tage
zu Tage besser, bald konnte er die gelähmten Glieder wieder bewegen und
erlangte endlich, durch die wunderbaren Heilmittel des fremden
Kräutersammlers, seine völlige Gesundheit wieder.
Nun schnitzte und künstelte er so lange, bis er für Else ein ähnliches
Rädchen zusammengesetzt hatte, die nun mit ihrem Lieblinge um die Wette
spann und jetzt schon jede Woche einige Groschen zurücklegen konnte; so
mehrte sich ihr Verdienst. Vater Bieder beschäftigte sich damit,
Spinnrädchen zu bauen, da ihm das erste so gut gelungen war, und er konnte
gar nicht genug davon fertig machen, so sehr fragte man danach und bezahlte
diese neue Erfindung so gut, daß schon eine Art Wohlstand in die arme
kleine Hütte einkehrte, durch den Fleiß und die Sparsamkeit ihrer Bewohner.
Jetzt gab es Mutter Else auch nicht mehr länger zu, daß ihr liebes
Pflegetöchterchen auf dem Heu schlafe, und sie ging mit der ersparten
Barschaft nach der Stadt auf den Jahrmarkt, um ihr heimlich ein Federbett
zu kaufen. Aber die kleine Summe reichte dazu nicht aus, und betrübt stand
die gute Alte, als ihr plötzlich im dichtesten Menschengedränge der
Kräutersammler begegnete. Sie hielt ihn sogleich fest bei der Hand,
erzählte ihm, daß ihr Mann gesund geworden sei, und dankte ihm tausendfach
für seine Hilfe; eben wollte sie ihm sagen, wie fleißig ihre liebe Susy sei
-- da war er spurlos vor ihren Blicken entschwunden, und sie hielt statt
seiner Hand eine kleine lederne Börse fest, die genau jene Summe enthielt,
die ihr zum Ankaufe des Bettes noch gefehlt hatte.
Wer könnte das Staunen, aber auch die Freude der guten Else beschreiben!
Sie kaufte nun fröhlich ein, und ein junger Landmann, den sein Weg an Elses
Hütte vorüberführte, nahm diese samt dem Federbett mit auf seinen Wagen
nach Hause. Susy saß eben am offenen Fenster, drehte ihr flinkes Rädchen
und sang eins ihrer vaterländischen Liedchen, als der junge Bauer vor dem
Häuschen hielt und verwundert dem hellen Gesange der emsigen Spinnerin
zuhörte. Aber kaum bemerkte das Mädchen die Ankunft der Base, als sie
fröhlich herausgesprungen kam und sogleich Hand anlegte, das Bett in das
Haus zu tragen.
Peter bot freiwillig seine Hilfe dazu an und konnte sein Auge von der
flinken, blühenden Dirne kaum mehr abwenden. Seine Pferde mußten lange vor
der kleinen Hütte stehen; denn die dankbare Else nötigte ihn in die Stube
hinein, und auf seine Bitte mußte Susy das Lied noch einmal singen, in dem
sie durch die Ankunft der Base gestört worden war. Als der junge Bauer
endlich zögernd Abschied nahm, dachte er, wie glücklich er sein würde, wenn
einmal solch eine fleißige, muntere Dirne sein Weib würde. Vater und Mutter
waren ihm gestorben, und sein schönes Bauerngut kam ihm jetzt recht einsam
und öde vor. -- Kurz, nach wenig Wochen ging er in seinem Sonntagsstaat zu
dem alten Bieder und warb um Susy. Er war ein guter, ordentlicher Bursche,
den das Mädchen wohl leiden mochte, darum erhielt er ihre freudige
Zustimmung unter der Bedingung, daß sie ihre liebe Pflegeeltern mit in die
neue Heimat bringen dürfe, um sie nun erst recht zu pflegen und ihre Liebe
dankbar vergelten zu können.
Darin willigte Peter mit Freuden, und die Hochzeit ward auf das Osterfest
festgesetzt. An demselben Tage, wo die arme Susy vor einem Jahre verwaist
und trostlos aus ihrer Heimat gegangen war, sollte sie in das neue, schöne
Besitztum einziehen, darin ihrer ein sorgenfreies Leben wartete.
Nur _ein_ Gedanke verkümmerte Susys Freude über ihr Glück; sie war so gar
arm und konnte nicht einmal einige Webe Leinwand, wie es wohl unter den
Dirnen Sitte ist, in die neue Wirtschaft mitbringen. So fleißig sie auch
gesponnen hatte, immer hatte sie das Garn verkaufen müssen, um den
Unterhalt davon zu bestreiten und einen neuen Anzug für sich und die Eltern
zu kaufen. Sie war recht traurig darüber und stützte gedankenvoll den Kopf
in die Hand; da pochte es leise an die Scheiben des Fensterleins, und der
fremde Garnhändler nickte ihr freundlich zu. Als sie aber hinausging, war
der verschwunden, und im Hausflur lagen sechs Ballen der schönsten
Leinwand; »der fleißigen Susy zum Brautschatz«, stand auf einem Zettel, der
darauf lag.
Wer da die überraschte Braut gesehen hätte, wie sie, weinend vor Freude,
bald der Base, bald dem Alten um den Hals fiel und wie ein Kind jubelte,
der hätte die Armut um ihr schönes Vorrecht beneidet, aus dem kleinsten
Glücke eine Fülle der Freude zu ziehen. -- Susy schnitt und nähte nun
fleißig; der Garnhändler aber kam nicht mehr wieder. Man gedachte seiner
wie des Kräutersammlers mit heißem Danke.
So war der Hochzeitstag herangekommen, der ganz still begangen ward; doch
als Susy an der Hand ihres Bräutigams aus der Kirche kam, in anspruchsloser
Schönheit, die blühende Myrte im kunstvoll geflochtenen Haar, -- als alle
Zuschauer Peters Glück priesen, der eine so sittige, gutherzige und
fleißige Hausfrau heim führe, -- da stand plötzlich der Kräutersammler vor
dem Brautpare und reichte Susy einen frischen, blühenden Strauß, indem er
sprach:
»Fleiß, Gottvertrauen und _Demut_ sind die beste Aussteuer eines Weibes,
mehr wert als _Tausend Gulden_ -- Dieser Strauß wird nie welken, so lange
du diese drei Dinge besitzest, und du wirst dabei glücklich sein.« -- Nach
diesen Worten zerfloß die Gestalt des Kräutersammlers in Luft, und
»_Rübezahl_« scholl es durch die ganze Versammlung, denn der Berggeist und
kein anderer war der in wechselnden Gestalten erschienene Freund gewesen.
Der Musterreiter.
Rübezahl saß eines Tages oben auf dem Grubenstein, der Rübezahls Kanzel
genannt wird, und sah hinunter auf die Welt, und dachte dies und jenes. Da
kamen drei Reisende über die Sturmhaube auf die Schneegruben zu, und
Rübezahl merkte bald aus ihrem Gespräch, daß es Kaufleute waren, so eine
Art von Hausierern, die man heutzutage Musterreiter nennt.
»Worin reiset ihr denn?« fragte der eine; »in Fischtran,« erwiderte der
andere; »und ich,« fuhr der erste fort, »reise in Wagenschmiere.« »Ein
schöner Artikel,« versetzte der andere; »und ihr, mein Herr?« wandte er
sich an den dritten. »In Limburger Käse,« war die Antwort. »Ein beliebter
Artikel, -- verdrängt den Schweizerkäse, -- in Holländischem wird wenig
mehr gemacht,« riefen beide wie aus einem Munde.
Rübezahl horchte hoch auf und verstand von alledem kein Wort; daß jemand in
Fischtran und Wagenschmiere, ja selbst in Limburger Käse reisen könne, war
ihm völlig unverständlich und unglaublich. Indessen dachte er, du willst
doch weiter hören. Aber was hörte er? -- Die Reisenden, welche sich jetzt
auch auf dem Felsen niedergesetzt hatten, achteten nicht auf den schlicht
aussehenden Mann, ließen ihre Schnappsäcke mit Wein und kaltem Wildbrett
hinauftragen und waren fröhlich und guter Dinge. Je mehr sie tranken, desto
offenherziger wurden sie gegen einander, und Rübezahl erfuhr nun ganz, wes
Geistes Kind sie wären. Daß sie wie die Hausierer bei den Leuten
herumliefen und ihre Waren anböten, ihre verschiedenen Manieren, mit denen
sie ihre Kunden behandelten, alles dies erfuhr er aus ihrem eigenen Munde,
und er staunte über die Dreistigkeit der Burschen. Einer von ihnen meinte,
je unverschämter man sei, desto mehr setze man durch, und je feiner
gebildet die Leute wären, desto mehr müsse man sie bestürmen, weil sie dann
in der Regel das Mittel ergreifen, lieber etwas zu kaufen, um sie los zu
werden.
Wie sind nur die Leute so blind, dachte Rübezahl, daß sie sich von der
großtuerischen Rolle verblenden lassen, die solche Burschen spielen. Denn
wenn sich diese Musterreiter so üppig und verschwenderisch benehmen, so
liegt es ja auf der Hand, daß die Käufer zuvor tüchtig gerupft werden
müssen, ehe so viel unnötiger Aufwand bestritten wird. -- Rübezahl mochte
endlich ihre prahlerischen Reden nicht länger anhören und verließ den
Felsen.
Nun gingen auch endlich die Reisenden weiter, bergab nach dem Elbfall zu;
aber das schöne Wetter änderte sich plötzlich, ein dichter Nebel umzog den
ganzen Kamm, und die drei Musterreiter gingen in lauter Wolken, was sie
sehr in üble Laune versetzte, denn dem einen verdarb die Feuchtigkeit den
zierlichen Lockenbau, dem andern wurden die Vatermörder und Manschetten
weich, der dritte machte seine Stiefel von feinem Glanzleder auf dem
schlüpfrigen Wege schmutzig. Aber ihr Unmut stieg gewaltig, als der Führer
nun gar die Richtung verlor und sie zwischen Sumpf und Fichten,
Steinblöcken und Heidekraut, kreuz und quer herumführte. Endlich kam die
übel gelaunte Gesellschaft an einen Fluß, den man wegen des dichten Nebels
nicht übersehen konnte; ein Mann von abenteuerlichem Ansehen vertrat ihnen
hier den Weg, schöpfte mit einem Glase aus dem Flusse, bot ihnen dasselbe
dar und sagte: »Ihr müßt Bescheid tun, ihr Herren.«
Der eine setzte das Glas an den Mund, roch und sagte: »Das ist ja
Fischtran.« -- »Nun ja,« versetzte der Mann, »und eben darum müßt ihr
Bescheid tun, sonst kommt ihr nicht von der Stelle.«
»Das ist euer Artikel,« sagte der Reisende und reichte das Glas dem
Gefährten. Der aber mochte nicht, schüttelte sich und sagte, er sei kein
Grönländer und auch kein Schuhleder, so etwas trinke er nicht.
»Nun,« erwiderte der fremde Mann mit schrecklicher Stimme, »ihr reiset ja
in Fischtran, und wenn ihr nicht trinkt, so kommt ihr nicht lebendig hier
weg, es ist euer letztes.« -- »Kollege, trinkt!« schrie der dritte in
Verzweiflung, und die Angst preßte ihm Tränen in die Augen.
Der arme Reisende drückte die Augen fest zu, schüttelte sich ein parmal,
dann schluckte er herzhaft -- und leer war das Glas. Jetzt hob sich der
Nebel ein wenig, und da auch der fremde Mann zur Seite trat und zwischen
dem Gestein verschwand, sahen die Reisenden dicht vor sich einen Steg, der
sie sicher über den Bach brachte. Schon glaubten die Musterreiter, nun
außer aller weitern Gefahr zu sein, denn sie hörten das Rauschen des
Elbfalls ganz in der Nähe; aber mit einem Male senkte sich der Berg
zwischen Felsen hinunter in eine grausige Tiefe, und jenseits starrten
wieder senkrechte Wände von Felsen empor. Sie kamen nun unten an einen
Fluß, der ganz langsam seine schwarzen Wogen heranwälzte, und dabei hing
eine Tafel mit der Inschrift: »Durch!«
Der eine Reisende stieg zuerst hinunter, tastete, roch und sagte: »Das ist
ja Wagenschmiere, sind wir denn bezaubert und verhext?«
»Ei nun, das ist ja euer Artikel, und ihr müßt zuerst hindurch, oder wir
werfen euch in die schwarze Suppe und gehen über euern Rücken, wie über
eine Brücke.«
Das wollte allerdings dem Reisenden nicht in den Kopf, aber hier galt
Gewalt vor Recht, und da er sah, wie hier nicht anders los zu kommen sei,
schritt er in Verzweiflung hinein in den abscheulichen Strom, -- die andern
folgten ihm langsam nach. Endlich standen sie alle wieder am jenseitigen
Ufer und befanden sich nun in der Nähe desselben sonderbaren Mannes, der
ihnen den Trunk aus dem Fischtranflusse gereicht hatte. Er stand an den
Felsen gelehnt und lachte auf das boshafteste, indem er sagte: »Nun seid
ihr saubern Gesellen doch auch einmal angeschmiert und mögt jetzt eures
Weges ziehen; vielleicht vergeßt ihr die erhaltene Lehre nicht zu geschwind
und hütet euch, andere in eurer Weise anzuschmieren.«
Damit ging der fremde Mann in den Wald hinein. Der Weg, auf dem die
Reisenden sich jetzt befanden, war nun wieder breiter und ebener, und der
Führer sagte, nun sei er auf bekanntem Pfade. Wirklich sahen sie auch bald,
da sich jetzt der Nebel hob, die Hütten von Schreiberhau auf sonnigen
Matten vor sich liegen. Dorthin hatten sie ihre Wagen bestellt, und bald
saßen sie, besonders der dritte, ihrer Meinung nach, allem Ungemach
entronnen, in den weichen Kissen und fuhren getrost nach Warmbrunn hinab.
Im Gasthofe zur preußischen Krone stiegen sie ab, wo eben eine große
Gesellschaft unter dem Leinwanddache saß und Kaffee trank. Die Musterreiter
zupften geschwind Halstuch und Manschetten zurecht, fuhren durch die in
Unordnung gekommenen Haare und gaben sich das möglichst zierlichste
Ansehen, während sie durch die Damenreihe gingen.
Diese wendeten sich jedoch mit allen Zeichen des Ekels von den Reisenden ab
und nahmen ihre Taschentücher oder ihre Flacons vor die Nase. »Ei der
Tausend, wie siehst du denn aus?« fragten die beiden Reisenden den dritten,
als sie in das Gastzimmer traten, »und, o pfui -- wie duftest du?«
Wie erschrak der Angeredete, als er, schleunigst seinen Rock, ausziehend,
bemerkte, daß dieser sehr unsauber aussah, denn statt auf Wagenkissen hatte
er in seinem Artikel -- in Limburger Käse gesessen! --
Das war ein arger Spaß, den Rübezahl mit den drei Musterreitern angezettelt
hatte, möchte er nur auf eine gute Weile geholfen haben. Wenn der Berggeist
jetzt noch spukte, so fänd' er alle Hände voll zu tun; es reisen gar
wunderliche Leute ins Hochgebirge.