»Auf mich kannst dich verlassen!«
Weiter sprachen sie kein Wort. Eng aneinandergeschmiegt, stiegen sie
talwärts im leuchtenden Frühlingsabend.
Am Himmel glomm der Schein des ersten Sternes auf, als man drunten im
Dorf den Abendsegen läutete.
Der schwebende Hall war schon eine Weile verstummt, da wurde noch eine
andere Glocke gezogen.
Die beiden hörten nicht. So ganz versunken waren sie in ihr lebendes
Glück.
Es wurde dunkler Abend, bis sie das Dorf erreichten. Sie hatten den Weg
an der Daxenschmiede vorüber genommen. Sosehr es Vroni zu Karlin zog,
sie mußte sich einen ›Schnaufer‹ in der Luft des Hauses vergönnen, in
dem sie wohnen sollte als junge Frau. In der Stube fand sie den Tisch
gedeckt und daneben im Lehnstuhl die Mahm, die seit der Heimkehr der
Gesellen mit Ungeduld auf ihr ›Schorscherl‹ gewartet hatte. Da gab
es nun eine Szene, bei der die ›magere‹ Mahm vor Freude viel dicke
Tränen vergoß; und das ›liebe Bildl‹ des jungen Paares, beteuerte sie,
täte ihrem Herzen doppelt wohl nach dem Jammer, den sie hatte mit
ansehen müssen: vor einer Stunde, als sie im Lehnstuhl vor der Haustür
gesessen, hatte man den Purtscheller als stillen Mann auf der Straße
vorübergetragen, und neben der Reisigbahre war die arme Frau gegangen.
»Jesus!« stammelte Vroni, aus der stillen Freude ihres Glückes
aufgerüttelt. Und da war sie nicht mehr zu halten. »Ich bitt dich,
Schorschl, hol mir die Kinder von der Gvatterin, ich lauf zur Linerl
ummi.« Sie stürzte davon und hörte nicht mehr, was Schorschl ihr
nachrief.
Eine halbe Stunde später stand der junge Schmied mit den beiden Kindern
vor dem Purtschellerhof und wartete. Die Straßenlampe, die am Stamm
einer Pappel hing, warf ihren matten Lichtschein über den dunklen Weg.
Der Vorgarten des Purtschellerhauses war mit Leuten angefüllt; sie
redeten halblaut zueinander, schlichen durch die Haustür aus und ein,
oder drängten sich um die Fenster, die vom Schein der Wachskerzen wie
festlich beleuchtet erschienen. Hastigen Schrittes ging der Pfarrer,
der das weiße Chorhemd trug, an Schorschl und den Kindern vorüber, und
ihm folgte der Mesner mit dem Weihbrunnkessel.
»Du?« fragte das Jetterl den Daxen-Schorschl. »Tun s' Hochzet halten da
drin?«
»Ja, mein Mäderl!« sagte Schorschl, von diesem Kinderwort erschüttert.
»Freilich tut einer Hochzet halten! Hochzet für alle Ewigkeit! Und 's
Bräutl heißt Schnaufnimmer, und der Hochzeiter heißt Stehnimmerauf!«
»Stehnimmerauf?« plapperte das Kind und lachte. »Is dös aber a
gspassiger Nam!«
Neugierig lugten die Kinder nach den erleuchteten Fenstern und wollten
wissen, wann die ›Musi‹ käme.
Schorschl vergaß zu antworten, denn er sah, daß Vroni sich durch die im
Garten stehenden Leute drängte. »Schatzl!« rief er. »Da bin ich schon!«
Sie zitterte vor Erregung an allen Gliedern. »Schorschl, Schorschl«,
stammelte sie, während die Kinder sich an ihre Schürze hängten, »wie
mich dös Frauerl da drin derbarmt, dös kann ich gar net sagen! Gern wär
ich d' Nacht über blieben bei ihr. Aber mit der eiskalten Hand hat s'
mir so viel lind übers Gsicht gstrichen und hat 's Köpfl gschüttelt.
Und gsagt hat s' kein Wörtl net.« Sie brach in Schluchzen aus.
Das fanden die Kinder merkwürdig: daß bei einer Hochzeit geweint wurde.
Xandi grübelte sich für dieses Rätsel eine Lösung aus. »Gelt, Vronerl,
tust weinen, weil d' heim mußt? Geh, bleiben wir noch a bißl da, bis d'
Musi anfangt!«
Erschrocken sah sie den Knaben an; als ihr Schorschl die Erklärung
der Kinderworte zuflüsterte, sagte sie: »Ja, Schorschl, lassen wir s'
drauf! Besser, sie glauben an d' Freud im Leben, als wie ans andre!«
Die Tränen von den Wangen trocknend, küßte sie die Kinder, knöpfte
ihnen die Kittelchen zu und wand ihnen die wollenen Schlipse um die
Hälse, damit sie die Kühle des Abends nicht spüren möchten.
Sie nahm den Knaben an die Hand, Schorschl das Jetterl, und so stiegen
sie durch die sinkende Nacht in die Simmerau hinauf. Der Mond kam über
die Berge gestiegen und übergoß ihren Weg mit seiner silbernen Helle.
Der Kinder wegen sprachen sie mit keiner Silbe von dem doppelten
Tod, dem dort unten die Kerzen leuchteten. Doch unermüdlich mußten
sie Antwort geben auf die Fragen der beiden Kleinen, für welche die
Wanderung durch die vom Rauschen der Bäche erfüllte Mondnacht zu
einem märchenhaften Ereignis wurde, das ihre kindlichen Herzen mit
wohligem Gruseln erfüllte. In jedem Felsblock, den der Mond umwebte,
und im schwarzen Schatten jeder Bodenschrunde erblickten sie was
Geheimnisvolles. Der Ruf einer Eule machte sie zittern, und das
Schwatzen der Bäche weckte ihre Neugier auf ›die Gschichtln, dös 's
Wasser verzählt‹.
Das schwarze, verschobene Dach der Scheune tauchte hinter dem letzten
Hügel hervor, den sie noch zu übersteigen hatten. Da legte Vroni die
Hand auf Schorschls Arm. »Droben steht er schon und wartet!«
Das hatte sie kaum gesagt, als ein erstickter Schrei über den Hügel
herunterklang: »Vroni?«
Die Kinder erkannten die Stimme und jubelten durch die Nacht hinauf:
»Mathes! Mathes! Wir kommen schon!«
Vroni nahm das Jetterl bei der Hand. »Gelt, Schorschl, bist mir net
harb? Jetzt mußt mich allein lassen mit ihm!«
Er nickte. »Gut Nacht für heut!« Und wollte sie küssen.
Sie entzog sich ihm. »Wart noch a bißl! Nacher kommst a Sprüngl zu mir
ans Fenster. Magst?«
»Ob ich mag? Acht Tag lang hock ich mich da her und wart, wann's sein
muß.«
Er ließ sich auf einen Felsblock nieder. Als er Vroni mit den Kindern
auf der Höhe des Hügels verschwinden sah, machte ihn der Gedanke an
Mathes ganz beklommen. Aber verliebte Herzen schlagen Purzelbäume über
alle Tiefen weg. So war auch der Daxen-Schorschl bald wieder mitten
drin in seinem träumenden Glück. Das erste, was er sich ausdachte, war
das Brautgeschenk, mit dem er Vroni am Hochzeitsmorgen überraschen
wollte. Eine silberne Halskette, eine ganz dünne, die nicht teuer ist,
denn jetzt mußte er sparen. Und an dem Ketterl sollten, schön in Silber
gefaßt, die dreißig Pfennige hängen, die er sich damals an jenem ersten
Arbeitstag von Vroni verdient hatte. Die paar Nickel, die er in seinen
Sorgen krampfhaft festgehalten, hatten ihm das Glück ins Haus gebracht.
Und die Bäckenmahm sollte es gut haben bei ihm! Der hatte er viel zu
danken. Ihr Unglück hatte ihn zur Arbeit gezwungen. »Wann die net so
warm kriegt hätt in derselbigen Nacht, ich mein' schier, es wär a bißl
kalt blieben bei mir in der Schmieden!« Und gerade zur richtigen Zeit
war die Hilfe gekommen: als er in seiner ›Wildheit‹ den Karren seines
Glücks übel verfahren hatte! Bei diesem Gedanken durchlebte er wieder
jene Begegnung am Rand des Straßengrabens; er hörte das Plumpsen der
Brotlaibe, sah Vronis zornblitzende Augen und hörte den sausenden
Schwung der blauen Schürze.
Lachend duckte er den Kopf und wischte mit den Händen darüber, als
hinge ihm noch der Mehlstaub an den Ohren. »Sakra! Sakra! Dös Madl
hat die richtige Schneid. Bei der muß ich mich ~gut~ aufführen!
Oder es kracht.« So spann er in seinem warmen Glück einen fröhlichen
Gedanken an den anderen und guckte lachend in den Mond. Als er nach
geduldigem Warten endlich emporschlich über den Hügel, sah er, daß alle
Fenster an dem kleinen Haus schon dunkel waren. »Mar' und Josef! Sie
wird doch net schon warten auf mich!« Da machte er lange Sprünge und
fand richtig das kleine Fenster schon offen.
Ein ›Bussel‹, das kaum enden wollte, leitete die zärtliche Zwiesprach
ein, die mit Flüstern durch das eiserne Fenstergitter gehalten wurde.
Und schließlich gab es für den Daxenschmied noch eine Überraschung.
»Schorschl! Jetzt geh schön heim und schlaf dich ghörig aus!« so hatte
Vroni gemahnt. »Morgen mußt wieder an d' Arbeit! Gut Nacht, mein
Liebster du!«
»Gut Nacht, Schatzl, mein liebs!«
»Tausendmal gut Nacht!« Erst noch ein Kuß, und dann kam der Nachsatz:
»Aber wart a bißl, jetzt kriegst noch was!«
»Was denn?«
»Paß nur auf!«
Vroni verschwand vom Fenster. Als sie wiederkam, sah Schorschl im
Mondschein etwas blinken wie Gold.
Seine +C+-Trompete!
»Dö hab ich gfunden und hab s' aufghoben, daß nix passiert dran.«
»Jesses na!«
In der ersten Freude des Wiedersehens wollte Schorschl die Trompete
gleich an den Mund setzen. Erschrocken griff Vroni mit beiden Armen
zum Gitter heraus und stotterte: »Schorschl! Was fallt dir denn ein!«
Da ging nun das Geflüster von neuem an, bis Vroni, um den Schlaf ihres
Daxenschmiedes besorgt, einen Gewaltstreich übte und das Fenster schloß.
Schorschl plauderte noch eine Weile seine Zärtlichkeiten an die im
Mondlicht blinkende Scheibe hin; aber die wollte sich nicht wieder
öffnen. »No also, in Gotts Namen!« Seufzend nahm er die Trompete unter
den Arm und trat den Heimweg an.
Als er in die Nähe des Dorfes kam, konnte er der Versuchung, die
ihn auf dem ganzen Weg gequält hatte, nicht länger widerstehen. Er
~mußte~ seine Trompete hören, mußte das Glücksgefühl, das in
ihm sprudelte, hinausschmettern in die Nacht. Lachend setzte er die
Trompete an den Mund, und um der Freude, die sein Herz erfüllte, den
passendsten Ausdruck zu geben, blies er mit schmachtenden Klängen, aber
mit aller Kraft seiner gesunden Lungen in den stillen Mondschein:
»Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so trau--au--rig bin ...«
Klingend warfen die Berge das Echo zurück, als stünde am Fuß jeder
Felswand ein Trompeter, der ›so traurig‹ war.
* * * * *
Der Frühling wandelte sich in Sommer. Auch auf den höchsten Zinnen
war längst der letzte Schnee geschwunden. Das Almrausch blühte in
leuchtendem Rot, und gleich einem gestickten Fürstenmantel schmiegte
sich das Grün der Halden und Wälder um die Flanken aller Berge.
Es war an einem Tag in der zweiten Juliwoche. In der vergangenen Nacht
hatte sich ein schweres Unwetter über den Bergen entladen. Die Bäche
waren noch gelb vom Regen und rauschten mit doppelter Macht; doch der
Himmel leuchtete in reinem Blau; nur ein paar kleine, kuglige Wolken,
die letzten Nachzügler des erloschenen Gewitters, schwammen sacht, in
silberweißem Glanze, über die Berge hin. Alle Farben an Wald und Wiesen
hatten gesteigerte Leuchtkraft, und die Luft war so frisch, daß sich
auch in der Mittagsstunde noch jeder Atemzug wie eine Erquickung genoß.
Alle Gehänge des zur Ruhe gekommenen Berges waren belebt; bald hörte
man lachende Stimmen, bald einen Jodelruf oder die muntere Weise eines
Liedes. Auf den tiefer liegenden Halden, die durch Erdbewegung und
Überschwemmung weniger gelitten hatten, war schon die Heuernte im Gang.
In der Höhe, auf den zerrissenen Wiesen, arbeiteten die Leute mit
Pickel und Spaten, füllten die Bodenschrunden aus und bestreuten den
geebneten Grund mit Grassamen. Von einzelnen Gehöften, die seit dem
Herbst verlassen gestanden, hörte man Hammerschlag und das Geräusch
der Säge; da waren die Maurer und Zimmerleute bei der Arbeit, um die
übel zugerichteten Gebäude wieder in wohnlichen Stand zu bringen.
Aus dem Gärtl der Simmerau hallten die schweren Schläge einer Axt, und
zu diesem eintönigen Pochen gesellte sich mit drolliger Disharmonie die
Weise des Liedes, das die beiden Kinder mit kreischenden Stimmen sangen:
»Vogerl im grünen Wald
Zwitschert so hell!
Zwitschert Wald aus und ein,
Wo mag mein Schatzerl sein?
Vogerl im grünen Wald
Zwitschert so hell!«
Die Kinder saßen, vom Sonnenglanz umzittert, im hohen Gras einer
Wiese und banden einen Blumenstrauß für den ›Daxen-Vetter‹ und die
›Daxen-Mahm‹, für Schorschl und Vroni, die vor drei Tagen Hochzeit
gehalten hatten.
Schorschl hätte sich die junge Frau am liebsten schon im Mai in seine
Schmiede geholt; aber der Simmerauer hatte sein Mädel bei der Arbeit
gebraucht und wollte nichts von der Hochzeit wissen, bevor nicht sein
Haus wieder so schmuck und freundlich dastand wie im vergangenen
Sommer, ehe der Berg sein ›narrisches Laufen‹ begonnen hatte.
Nun blinkten die frisch getünchten Mauern weiß wie Schnee; Haustür und
Fensterläden waren mit grüner Ölfarbe neu gestrichen, die Scheiben
spiegelten, und auf allen Gesimsen blühten die roten Nelken. Auf
dem Dache waren die neuen Ziegel so verteilt, daß sie zwischen den
älteren, schon gebräunten Platten die Anfangsbuchstaben von Michels
Namen zeigten, die Jahreszahl und die verschlungenen Initialen +I. H.
S.+ -- »Jesus, Heiland, Seligmacher.«
Der Brunnen war wieder in Ordnung, der Hofraum mit Kies überstreut,
der Zaun ohne Lücken. Auch die Scheune war gründlich repariert. Michel
kränkte sich nur darüber, daß sein ›schöner Stadel‹ durch das Gemisch
der alten und neuen Bretter einen so ›schecketen‹ Anblick bot.
Im Garten sah es noch übel aus. Der brauchte Jahre, um sich ganz zu
erholen. Wohl hatte man allen Schutt entfernt, den die Erdbrüche
und das Wasser bis an die Mauern geworfen; auch die Beete waren neu
gerichtet und schon mit Gemüs und Blumen angepflanzt. Aber an die
zwanzig Obstbäume waren zerstört, und die jungen Wildlinge, auf welche
Michel schon im Mai die Edelreiser gepfropft hatte, wollten in dem
steinigen Boden nur langsam vorwärtskommen und hatten noch kaum die
ersten Blätter getrieben. Jene Bäume, die nur zu kränkeln schienen,
hatte der Alte gepflegt wie leidende Kinder, hatte gute Erde um ihre
Wurzeln gelegt und die Stämme, von denen die Rinde abgeschunden war,
mit wachsgetränkten Lappen umwickelt. Ein paar dieser Patienten hatte
er glücklich durchgebracht; die anderen waren abgestorben, als die
Sommerhitze begonnen hatte. Und nun mußten sie umgeschlagen werden,
damit das Holz sich noch verwerten ließe.
Seit dem Morgen waren Michel und Mathes mit den Äxten bei der Arbeit.
Sooft von den dürren Bäumen einer mit Krachen niederstürzte, sagte
der Alte: »Der hat die besten Äpfel tragen! Söllene gibt's nimmer in
der ganzen Gegend!« Bei diesem Kummer war es ihm doch ein Trost, wenn
er von einem der jungen Stämmchen zum anderen ging und die kleinen
blaßgrünen Blätter der Pfropfreiser musterte. »Mathes, die strecken
sich mit jedem Stündl! Jetzt spüren s' die warme Sonn! Allweil mein'
ich, daß ich von denen noch an guten Apfel erleb!«
»Ja, Vater! Der soll dir schmecken!« sagte Mathes, während er die Axt
aus den Händen legte und nach der Säge griff, um einen gefällten Stamm
in Stücke zu schneiden.
Sein Aussehen hatte sich gebessert seit dem Frühjahr. Wohl war bei
der schweren Arbeit seine Gestalt so hager geblieben, wie sie immer
gewesen; doch seine Bewegungen waren nicht mehr so eckig wie sonst,
viel geschmeidiger. In seinem Gesicht hatten sich die harten Züge
gemildert, und unter der sonnverbrannten Stirne leuchteten die Augen
wie klare Sterne. Rastlos stand er bei der Arbeit; doch sein ganzes
Wesen war, sosehr er sich dem Vater gegenüber zur Ruhe zwang, von einer
ungeduldigen Erregung befallen, die sich mit jeder Minute zu steigern
schien. Als die Turmuhr im Tal die dritte Nachmittagsstunde schlug,
legte Mathes die Säge nieder.
»Vater, es leidt mich nimmer. Jetzt ~muß~ ich a bißl abischauen!«
Michel nickte ihm zu. »Ja, Mathes! Es plagt mich selber, daß ich
erfahr, wie der Hof weggangen is und wer ihn eingsteigert hat. Und ob
ihr a bißl ebbes blieben is.«
Mathes ging ins Haus, um die Arbeitskleider gegen sein Sonntagsgewand
zu vertauschen. Als er wieder ins Freie trat, sah er die Mutter bei der
Scheune stehen. Sie hatte die Hände auf dem Rücken liegen und blickte
ins Tal hinunter, aus dem, wenn der Wind ein bißchen schärfer bergwärts
zog, mit halb verwehtem Klang das Hammertrio der Daxenschmiede
herauftönte. Als Mutter Katherl den Schritt des Sohnes hörte, blickte
sie auf. »Hörst ihn, wie er dreinschlagt da drunt!« sagte sie lächelnd.
»Er, natürlich, er hammert den ganzen Tag!« Sie seufzte leis. »Aber was
wird mein Madl treiben?«
»Arbeiten halt!«
»Ja freilich, in so eim Hauswesen mit sechs gwachsene Leut heißt's
ordentlich schaffen! Meinst, sie hat's gut bei ihm?«
»Besser hätt sie's net treffen können.«
»Gott sei Dank fürs Madl!« Wieder seufzte Mutter Katherl. »Aber mich
kommt's hart an. An dös leere Stübl kann ich mich gar net gwöhnen.«
Dunkle Röte huschte über die gebräunten Wangen ihres Sohnes, und es
schien, als wollte er sprechen; doch er schwieg und rückte nur den Hut.
»Wo gehst denn hin?«
»A bißl abischauen halt!« Der forschende Blick der Mutter machte ihn
verwirrt. Er ging. Nach wenigen Schritten kehrte er wieder um, faßte
die Hand der alten Frau und sagte: »Mutter! Wann's gut geht, bring ich
dir wen. Ins leere Stübl eini.«
»Mathes! Jesus Maria!«
Da hatte er sich schon von der Hand der Mutter losgemacht und ging
davon.
Droben in der Wiese sangen die beiden Kinder:
»Vogerl am kühlen Bach
Zwitschert so süß,
Zwitschert Bach auf und ab,
Bis ich mein Schatzerl hab!
Vogerl am kühlen Bach
Zwitschert so süß!«
Mathes konnte die Stimmen des kleinen Paares noch hören, und während
er talwärts wanderte, murmelte er die Worte des Liedes mit. Er selbst
hatte, als er noch Knabe war, dieses Lied gesungen -- da drüben
unter den Haselnußstauden, nicht weit vom Gaßner-Haus. Als ihm diese
Erinnerung kam, war ihm plötzlich, als klänge dicht an seiner Seite
eine leise Mädchenstimme:
»Zwitschert Bach auf und ab,
Bis ich mein Schatzerl hab!«
Seine Schritte wurden langsamer. Er spähte über alle Pfade, die
vom Dorf über den Berghang emporführten. Niemand kam aus dem Tal
heraufgestiegen. Er sah nur die Leute, die auf den Halden bei der
Arbeit waren.
Als er das letzte Wäldchen erreichte, ließ er sich im Schatten einer
alten Wetterfichte nieder. Von hier aus konnte er die Straße vor dem
Purtschellerhaus und einen Teil des Wirtschaftshofes überblicken.
Die Versteigerung, welche Purtschellers Gläubiger erwirkt hatten, mußte
schon vorüber sein; Mathes sah dort unten ein fortwährendes Kommen
und Gehen von Leuten; Möbelstücke wurden aus dem Haus geschleppt und
auf Fuhrwerke geladen; die Scheunen wurden geleert und die Pferde und
Rinder davongeführt. Das sehen zu müssen, schnitt ihm in die Seele. Es
war Karlins Habe, die von den hundert fremden Menschen vertragen wurde
in alle Winde. Und es hing auch an dem Gut, das hier verschleudert
wurde, seine eigene Arbeit und sein Schweiß, ein Teil seines Lebens
und ein Stück seines Herzens.
Die Fäuste auf den Knien, saß er an den Stamm der Fichte gelehnt.
Stunde um Stunde verging; vor dem Purtschellerhof fuhren die
hochbeladenen Wagen davon und die Leute begannen sich zu verlaufen.
In wachsender Unruh wartete Mathes; plötzlich sprang er auf, mit
erblaßtem Gesicht, zitternd an allen Gliedern.
Dort unten war eine schwarz gekleidete Frau aus der Haustür getreten,
mit einem weißen Bündel in der Hand. Im Garten blieb sie stehen und
blickte lang auf das Haus zurück. Mathes konnte sehen, wie sie sich
bückte, um eine Blume zu brechen. Dann trat sie auf die Straße. Hier
stand sie wieder still, als wüßte sie nicht, welchen Weg sie nehmen
sollte.
Mathes streckte die Arme, als möchte er der Verlassenen dort unten
seine Hände reichen, um sie zu führen.
Da schlug sie den Pfad ein, der von der Straße gegen den Berghang
lenkte. Das gewahrte Mathes. Aus seiner Kehle rang sich ein stammelnder
Laut, wie erstickter Jubel, der sich nicht zu äußern wagt.
Eine Viertelstunde verging.
Dann kam sie über den steilen Weg emporgestiegen. Sie trug ein
schwarzes Wollkleid und hatte um den Kopf ein schwarzes Tuch geknüpft,
aus welchem schmal und bleich das verhärmte Gesicht hervorlugte. An der
Brust hatte sie eine rote Nelke stecken. Ein paar Schritte ging ihr
Mathes entgegen. »Grüß dich Gott, Linerl!«
»Mathes! Du!« Dünne Röte stieg ihr in die bleichen Wangen, und ihre
Augen wurden feucht. Ohne ihm die Hand zu reichen, sagte sie leis:
»Grüß dich Gott auch!«
Seit jenem Abend, an welchem Mathes mit zornigem Griff den zum Schlag
erhobenen Arm Purtschellers gefesselt hatte, waren das die ersten
Worte, die sie miteinander sprachen.