Fünfzehntes Kapitel

Das dumpfe Rauschen der Bäche, die sich über das Gehänge des laufenden

Berges ins Tal hinunterstürzten, weckte im Dorf die Bauern aus dem

Schlaf und ließ sie mit Sorge an ihre Felder denken. Ehe der Tag noch

anbrach, sprangen sie schon mit Spaten und Pickeln aus allen Häusern.

Als der Daxen-Schorschl in der ersten Dämmerung des klaren

Frühlingsmorgens das Tor seiner Werkstatt öffnete, sah er auf der

Straße die Leute rennen. »He! Was is denn?«

»Auf dem narrischen Berg droben is 's Wasser ausbrochen«, rief man ihm

zu, »die ganzen Felder überschwemmt's, und droben raffelt's die halbe

Simmerau davon.«

»Mar' und Josef! 's Wasser wird doch dös Madl net mitreißen!« Schorschl

rannte um die Hausecke und spähte im Zwielicht des Morgens gegen die

Simmerau hinauf. Was er gewahrte, weckte ein Gefühl in ihm, als hätte

sich eine eiserne Klammer um sein Herz gelegt. Am vergangenen Abend

hatte er das kleine braune Dach da droben im welken Grün der Halden und

zwischen den braunen Schrunden des laufenden Berges liegen sehen. Jetzt

war alles weiß. Als wäre seit dem Abend neuer Schnee über die Simmerau

gefallen. Aber dieser weiße Schnee schien Leben und Füße zu haben: er

bewegte sich, er rieselte und schob sich durcheinander, machte Buckeln

wie eine flüchtige Natter und schlug einen Purzelbaum um den andern

wie ein ausgelassener Junge. Dumpfes Rauschen klang im windstillen

Morgen von der Höhe, als wäre dort oben ein Mühlrad mit hunderttausend

Schaufeln in Bewegung. »Jesus Maria!« stammelte Schorschl mit erblaßtem

Gesicht. In dieser Sorge nahm sich der Daxen-Schorschl nicht mehr die

Zeit, um die Kratznarben seiner Hand zu betrachten. Er machte Sprünge

wie ein Hirsch, der den Schritt des Jägers hörte. In der Werkstätte

riß er einen schweren Eisenpickel aus der Ecke. Durch alle Räume des

morgenstillen Hauses tönte seine gellende Stimme: »Gsellenleut! He!

Gsellenleut! Pressieren tut's!« Er wartete nur, bis die beiden Gesellen

kamen, nicht, bis sie fertig waren. »Gschwind, um Christi willen!

Nehmts Pickeln und Schaufeln und laufts mir nach! Gschwind, sag ich!

Gschwind! Jesus Maria! Dös arme Madl!« Er schwang den Pickel auf die

Schulter und keuchte davon.

»He? Meister? Wohin denn?« riefen die Gesellen.

»Dalkete Dippeln überanand!« schrie Schorschl in Zorn über die

Schulter. »In d' Simmerau! Wie kann denn da a Mensch noch fragen!« Er

rannte die Straße hinunter, daß er schon außer Atem war, als er den Fuß

des Berges erreichte. Schnaufend hetzte er über den Fußsteig empor,

bis der Pfad unter den sprudelnden Bächen verschwand. Droben in der

Höhe schimmerten sie weiß, hier unten waren sie gelb von der Erde, die

sie aus den Schrunden des Berges hervorgewaschen hatten und mit sich

hinunterführten ins Tal, dessen Wiesen und Saatfelder in einen grauen

See verwandelt waren. Schorschl verirrte sich in dem Netzwerk dieser

Wassergassen, mußte hier einen Bach überspringen, dort eine breite

Rinne durchwaten. Als er die Heubüschel und Balkenstümpfe sah, die im

Schaum der Wellen von der Simmerau herunterschwammen, brach er in den

Stoßseufzer aus: »Dös arme Madl! Alles reißt's ihr davon!« Erschöpft,

von Wasser triefend, erreichte er die Nähe der Simmerau und gewahrte

den Schaden, den der letzte Erdrutsch und die fressenden Wellen an der

Scheune angerichtet hatten. »Mar' und Josef! Jetzt hat dös Madl kein'

Stadel nimmer!«

Noch sah er keine Leute; doch im Lärm der Wellen hörte er die Stimme

des alten Simmerauer und seines Sohnes. Aufschnaufend hielt er inne und

lauschte. »Daß ich 's Madl net hör?« Nun vernahm er auch die Stimme

Vronis und sprang so flink über den steilen Hang empor, daß ihm das

Wasser der Pfützen, in die er trat, bis über den Kopf emporspritzte.

Auf einem der Bäche, die an der Scheune vorübersprudelten, sah er ein

langes Brett daherschwimmen. »Wart a bißl, du! Dös Madl ~braucht~

ihre Bretter!« Er jagte hurtig hinter dem schwimmenden Brett her,

riß es aus den Wellen und trug es an eine sichere Stelle. Als er in

Erregung und dennoch scheu den Hofraum betrat, war Michel der erste,

der ihn kommen sah. »Jeh, schau! Da kommt der Daxen-Schorschl! Und den

Pickel bringt er auch gleich mit!« rief der Alte in Freude. »Grüß dich

Gott, Schorschl! Grüß dich Gott tausendmal!«

Bei diesem Ruf ließ Vroni, die neben dem Brunnen einen Graben

ausschaufelte, den Spaten rasten. Sie sprach kein Wort, hatte nicht

einmal einen stummen Gruß für den jungen Schmied, der zum Brunnen

hinüberblinzelte. Aber die Röte, die auf ihren Wangen brannte,

vertiefte sich noch, als Mathes ihr zuflüsterte: »Gelt, ich hab recht

ghabt: daß er kommt!« Sie nickte und begann die Arbeit wieder.

Schorschl schien wie auf Kohlen zu stehen; es zog ihn zum Brunnen, aber

Michel hatte ihn beim Hemdärmel gefaßt und wollte nicht loslassen.

Erst mußte der Alte ein paarmal niesen, bevor er lachend sagen konnte:

»Schorschl! Dös schöne Wasser! Und alles reißt's davon, den halben

Stadel, die Bretter und Balken, den ganzen Boden im Garten, alles

reißt's mit abi! Schau nur, wie alles schwimmt!«

Das sagte der Simmerauer mit so strahlendem Vergnügen, daß Schorschl

in Verblüffung stotterte: »Michel! Bist übergschnappt? Oder hast an

Schwammer?«

»An Schwammer bloß? An ganzen Rausch hab ich! Vom Wasser! Schau nur,

wie's rebellt, dös Wasser! Aber dem Häusl kann's net an. Mein Häusl hat

gsunde Mauern. Dem hat der Berg mit seiner ganzen Lauferei nix machen

können. Hatschiiiiih!« Wäre die Sonne, welche die östlichen Grate

vergoldete, schon in der Höhe gewesen, es hätte um Michels Nase her den

schönsten Regenbogen gegeben. »Gelt, Schorschl, hilfst mit a bißl, daß

wir 's Wasser in die Gräben ummidrucken?«

»Deswegen bin ich da. Wo kannst mich denn brauchen?«

»Komm nur her da!«

Schorschl wollte den Pickel fassen und guckte ratlos zum Brunnen

hinüber. Es war ihm jener Herbstmorgen eingefallen, an dem er

dem Simmerauer seine Hilfe angeboten hatte, und Vronis Zornwort:

»~Der~ hilft's uns net! Dem lauft ja 's eigene Haus davon.«

Schorschl kraute sich hinter den Ohren und tat ein paar Schritte gegen

den Brunnen. Noch immer kehrte ihm Vroni den Rücken zu; sie arbeitete

mit einer Hast, als wäre für die Rettung des Hofes kein Augenblick zu

verlieren. »He! Madl!« klang es würgend aus Schorschls Kehle. Vroni

blickte auf. Als Schorschl diese glänzenden Augen sah, fragte er

kleinlaut: »Verlaubst mir's, daß ich a bißl mithilf?«

Der Simmerauer wandte sich verblüfft zu seinem Buben: »Was treibt er

denn? Hab's ihm ja ~ich~ schon verlaubt! Warum muß er denn 's Madl

fragen?«

»No mein«, flüsterte Mathes ihm zu, »haben tun s' halt ebbes mitanand,

dö zwei!«

»Ah! Da schau!« Michel mußte niesen. »Wär gar net amal so übel: mein

Madl und der Schmied! Jetzt hat er alles nobel beinand!« Vergnügt

musterte er das Paar und war gespannt, was geschehen würde.

Vroni hatte den Spaten in die Erde gestoßen. Die Hände an der Schürze

säubernd, ging sie auf den Daxen-Schorschl zu. Wie hübsch sie war: mit

dem leuchtenden Blick in den nußbraunen Augen, mit der heißen Röte auf

dem von der Arbeit erschöpften Gesicht. »Grüß dich Gott, Schorschl!«

sagte sie beklommen und bot ihm die Hand, die er mit seiner schwieligen

Rußpranke haschte, wie der Geier den Hasen greift. »Ich tät dich selber

drum anreden, daß dem Vater a bißl hilfst. Auf deine Händ liegt der

Segen. Söllene Händ sind allweil gut zur Hilf.«

Schorschl lachte wie ein unbehilfliches Kind und brachte kein Wort

heraus.

»Der is ja wie 's Starl, eh's reden kann!« meinte der Simmerauer mit

Schmunzeln. »Dem muß ich wohl 's Züngerl lupfen?«

Mathes zog ihn am Ärmel zurück. »Laß dö zwei ihr Sach allein mitanand

ausmachen!«

»Ja, hast recht!« Michel griff nach der Schaufel und nahm die Arbeit

wieder auf. Da hörte er hinter sich einen Jauchzer und platschende

Sprünge im nassen Schlamm. Der Daxen-Schorschl mit dem Pickel stand

neben ihm, lachend über das ganze Gesicht, mit blitzenden Augen.

»So, Vater, jetzt packen wir's an!« Er tat mit dem Pickel den ersten

Streich. »Dös Luderwasser müssen wir unterkriegen!« Schorschl begann zu

arbeiten, daß der Simmerauer ein paarmal mahnen mußte: »Geh, tu net

so narrisch!« Aber in Schorschls Fäusten schien der ›Loder‹ lebendig

geworden, von dem es in den Lumpen-Gstanzeln seligen Angedenkens hieß,

daß er zwanzigmal im Tag das Unterste zu oberst kehrt. Er drosch mit

dem Eisen darauflos, daß sich der Wassergraben bei jedem Pickelhieb

um einen guten Bauernschuh erweiterte. Wenn er für einen Augenblick

die Arbeit unterbrach, blinzelte er vergnügt zum Brunnen hinüber, von

wo ihm Vroni lächelnd zunickte. Solch einen Augengruß beobachtete der

Simmerauer. Da puffte ihm der Daxen-Schorschl den Ellbogen in die

Seite. »Michel? Spannst ebbes?«

»A bißl ebbes, ja! Aber solang ich mein Häusl net in Ordnung hab, gib

ich 's Madl net her.«

»Solang wart ich schon.«

Die Sonne kam, ein warmes Leuchten goß sich über den blauen

Frühlingshimmel aus, breite Fluten des Morgenlichtes schwammen um

die Gehänge des zur Ruhe gekommenen Berges und spielten schmeichelnd

über die von den Wellen umrauschten Mauern des kleinen Hauses. Die

Sturzbäche schienen in blitzendes Silber verwandelt, jeder Tümpel

spiegelte das Himmelsblau, und während von der Sonnenwärme die feuchten

Flecken am Sockel des Hauses zu trocknen begannen, kräuselten sich die

Wasserdünste an den Mauern empor.

Schorschl stand schon eine Stunde bei der Arbeit, als seine Gesellen

kamen. Sie brachten aus dem Dorf noch ein paar Helfer mit. Da gab

es bei rastlosem Schaffen ein Reden hin und her über allen Schaden,

den der laufende Berg seit dem Herbste angerichtet, und über die

Gefahr, die das ausgebrochene Wasser im Tal den Saatfeldern brachte.

Nun bekamen sie in der Simmerau auch das erste Wort von dem Unglück

zu hören, das im Purtschellerhof geschehen war. »Und der Toni geht ab

seit gestern am Abend. Mit'm Rennwagl is er einigfahren in d' Stadt.

Mitten in der Nacht is sein Rößl daherkommen, mit der abbrochenen

Wagengabel, so schauderhaft zugricht, daß man dem Gaul den Gnadenschuß

hat geben müssen. Und d' Frau mit ihre Leut is gegen d' Stadt eini, den

Purtscheller suchen.«

»Um Gotts willen!« stammelte der Simmerauer. Dem Alten erlosch vor

Schreck die Sprache, als er seinen Buben ansah. Auf den Stiel der

Schaufel gestützt, bot Mathes den Anblick eines Menschen, dem das Leben

aus dem Herzen rinnt. Michel sprang auf ihn zu. »Bub? Was is dir denn?«

Mathes sah ins Leere. Tonlos kam es über seine weißen Lippen: »Ich weiß

net, Vater! Ich muß a bißl in d' Stuben und muß mich niedersetzen.«

Michel wollte den Wankenden stützen, aber Vroni hatte schon den Arm des

Bruders genommen. »Komm, Mathes, ich führ dich ins Haus!« Er stützte

sich schwer auf ihren Arm. Mit entstelltem Gesicht sah er in die Augen

der Schwester. Vroni schwieg; sie wußte keinen Trost.

Im Hausflur kniete Mutter Katherl mit durchnäßten Röcken auf den Dielen

und suchte mit einer Holzkelle das Wasser aufzuschöpfen, das vom Hof

über die Schwelle geronnen war und die Küche überschwemmte. Als die

beiden kamen, erhob sich die alte Frau erschrocken. »Mathes?«

»Nix, Mutter!« sagte Vroni. »A bißl ungut is ihm halt!« Sie führte ihn

in die Stube und zur Holzbank. Da saß er mit schlaffen Armen, den Kopf

an die Wand gelehnt, leerte das Gläschen Enzian, das ihm die Mutter

brachte, und aß den Bissen Brot, den sie ihm zwischen die Lippen schob.

»Jetzt kann ich dem Vater schon wieder helfen. Der braucht mich.«

Schwer atmend erhob er sich. »Es geht schon wieder.« Als er vor die

Haustür trat, irrte sein Blick hinunter ins Tal. Brennende Flecken

erschienen auf seinen bleichen Wangen. Schweigend stellte er sich neben

Schorschl an die Stelle, wo es die schwerste Arbeit zu leisten gab.

In hartem Schaffen vergingen die Stunden des Vormittags. Dem rastlosen

Kampf der fleißigen Arme gelang es, die den Garten überschwemmenden

Sturzbäche in die Bergfurchen abzuleiten. Im Hof begann die Sonne

schon den aus dem Wasser auftauchenden Grund zu trocknen. Doch über

die Freude, mit welcher Michel und die Seinen nach harter Prüfung die

Rettung ihres Heimwesens hätten begrüßen können, war der Schatten

gefallen, der vom Purtschellerhof seinen Weg in die Simmerau gefunden

hatte.

Auch Schorschl robottete in gedrückter Stimmung und hatte unter der

Sorge zu leiden, die er in Vronis Augen sah. Immer wieder konnte er den

bekümmerten Blick gewahren, mit dem die Schwester den Bruder suchte.

Mathes hatte, seit er die Arbeit wieder aufgenommen, kaum ein Wort

gesprochen. Er arbeitete wie einer, der nicht weiß, was rings um ihn

her geschieht. Manchmal ließ er den Pickel ruhen, wischte mit dem Ärmel

über die Stirn und spähte verstört ins Tal hinunter.

Als drunten die Elf-Uhr-Glocke gezogen wurde, traten die paar Leute,

die mit den Schmiedegesellen gekommen waren, den Heimweg an. Einige

Stunden später war man des Wassers soweit Herr geworden, daß Schorschl

auch die Gesellen heimschicken konnte. Die Bäche, die von der Höhe des

Berges niederströmten, begannen spärlicher zu fließen und sprudelten

auf dem Wege, den ihnen die Arbeit der Menschenhände angewiesen hatte,

mit gleichmäßigem Rauschen zu Tal. Nur einige Gräben waren noch zu

ziehen, um das nachquellende Sickerwasser vom Sockel der Mauern

abzuleiten.

Als auch dieses Letzte getan war, legte Michel erschöpft den Spaten aus

der Hand. »Jetzt haben wir's! Jetzt geht's mir wie dem Mathes. Ich muß

in d' Stub eini und muß mich niedersetzen.« Mit gekrümmtem Rücken ging

er zur Haustür. Vor der Schwelle erwärmte ein zufriedenes Lächeln seine

müden Züge. »Die gscheide Kammissoni! Abi, hat s' gmeint, abi wird's

müssen, mein Häusl? So, so?« Zärtlich strich er mit der schlaffen Hand

über die feuchte, des Mörtels halb entkleidete Mauer. »Gelt, mein

Häusl! Jetzt haben wir dich mit Gotts Hilf sauber durchbracht! Ja!« Er

wandte das Gesicht. »Vergelts Gott, Kinder! Fest habts mitgholfen! Dös

muß ich sagen.« Nickend wischte sich Michel den Schweiß von Stirn und

Wangen und trat ins Haus.

Mathes arbeitete noch eine Weile, dann stellte auch er die Schaufel an

die Mauer und wusch sich am rauschenden Bach die Hände und das Gesicht.

Stumm wanderte er über den verwüsteten Grashang hinauf. Bei der kahlen

Haselnußhecke, aus deren Zweigen er einst als Knabe die Maipfeifen für

das Linerl geschnitten hatte, setzte er sich in die Sonne. Die Arme um

seine Knie schlingend, spähte er hinunter ins Tal.

Schorschl und Vroni machten sich bald hier, bald dort noch ein bißchen

Arbeit. Dabei gingen sie verlegen aneinander vorüber. »No ja«, sagte

Schorschl endlich, während er mit einem Span den Schlamm von seinem

Pickel kratzte, »d' Arbeit is gar. Jetzt kann ich heimmarschieren.« Er

hob den Pickel auf die Schulter. »Oder net? Was meinst?«

Da kam sie mit heißem Gesicht auf ihn zugegangen und legte die Hand

auf seinen Arm. »So viel plagt hast dich! Da därf dich d' Mutter net

ungspeist heimgehn lassen. Magst net zum Essen bleiben?«

Er sah sie mit glücklichem Lachen an. »Dös kannst dir doch denken, wie

gern ich bleib!«

»No also!« Sie atmete erleichtert auf. »Bleibst halt!« Die nassen Hände

an der Schürze trocknend, ging sie zur Hausbank. Als sie saß, rückte

sie gleich auf die Seite, damit er Platz neben ihr hätte.

»Mit Verlaub!« sagte er, lehnte den Pickel an die Mauer und setzte sich

auf die Kante der Bank.

Vroni sah ihn verwundert an. »Ruck a bißl zu! Heut hast dir 's kommode

Sitzen verdient.«

Er rutschte so dicht heran, daß sein Ellbogen den ihren drückte. »Ja,

ja, so geht's halt!« Was Klügeres fiel ihm nicht ein. Verlegen sprang

sie auf. »Was is denn?« stotterte Schorschl erschrocken. »Wirst doch

net davonlaufen?«

»Ich muß doch sagen drin, daß d' Mutter mit'm Essen auf dich antragt.«

»Aber kommst gleich wieder?«

Vroni huschte ins Haus und fand die Mutter beim Herdfeuer. »Du«, sagte

sie und kühlte mit den Händen das Gesicht, »der Schorschl bleibt da zum

Essen.«

In Mutter Katherl schien eine Ahnung aufzudämmern. »Gleich dableiben

tut er? Ah, da schau!« Sie schmunzelte.

»Geh, du! Der da draußen plagt mich, und jetzt plagst mich du auch

noch!« Seufzend verließ Vroni die Küche; im Flur fragte sie über die

Schulter: »Mutter? Hast doch a bißl ebbes Guts?«

»Ja! Tiroler Knödl mach ich.«

»Gott sei Lob und Dank! Die ~müssen~ ihm schmecken!« Sichtlich

erleichtert kehrte Vroni zur Hausbank zurück. Schorschl haschte ihre

Hand. Aber sie machte sich wieder los, ging zum Fenster und spähte in

die Stube. »Da schau her!« sagte sie lächelnd. »Der Vater is schon in

der Ruh. Auf der Ofenbank liegt er und schlaft.«

»Geh? Is wahr?« Lautlos kam Schorschl zum Fenster geschlichen, legte

den Arm um Vronis Schultern, schmiegte seine Wange an die ihre, und so

guckte das Paar in die Stube.

»So fest und gut hat er schon lang nimmer gschlafen.«

»Da müssen wir ihm dös bißl Schlaf vergunnen und müssen uns schön stad

halten!« zischelte Schorschl, während er den Arm noch enger um das

Mädel schlang. »Komm, setzen wir uns wieder auf d' Hausbank! Sonst

rumpelst am End noch ans Fenster hin und weckst den Vater.«

»Ja, hast recht!« Mit glänzenden Augen sah sie ihn an und ließ sich

führen.

Nun saßen sie in der Sonne des Nachmittags, mit fest verschlungenen

Händen. Verträumt und alles um sich her vergessend, lauschten sie dem

Rauschen der Bäche und genossen wortlos die erste Freude ihres jungen

Glückes, mit dem sie schneller fertig waren, als Mutter Katherl mit

ihren Tiroler Knödeln.

Schorschl suchte mit lachenden Augen drunten im Tal das Dach seines

Hauses. »Die Bäckenmahm! Dö wird dreinschauen!« dachte er. Als er

diesen Gedanken aussprechen wollte, sah er, daß Vroni, deren Kopf an

seiner Schulter ruhte, die Augen geschlossen hatte. Scheu streifte er

mit den Lippen ihr zerzaustes Haar.

Tief atmend öffnete sie die Augen, blickte in Verwirrung zu ihm auf und

stammelte: »Ich hab a bißl viel schaffen müssen die letzten Täg und

Nächt. Und so viel gut is mir 's Rasten gwesen. Meiner Seel, jetzt wär

ich schier gar a bißl eingschlafen! Bist mir harb drum?«

»Gott bewahr!« Er preßte sie zärtlich an sich. »Ich tu mich recht schön

stad halten. Schenier dich net und mach deine Guckerln wieder zu!«

»Na, na!«

»Warum denn net?« Er wollte ihren Kopf an seiner Schulter betten und

diese Gelegenheit benützen, um ihr den ersten Kuß zu geben.

Das wehrte sie ihm erschrocken und blickte über den Wiesenhang hinauf.

»~Jetzt~ net! Der Mathes schaut her. Dös möcht ich net, daß er so

ebbes sehen muß.«

Er begriff diese Sorge nicht. »Geh, was hast denn? Der Mathes weiß doch

eh schon lang, wie's steht mit uns. Und schenieren mußt dich net wegen

meiner! Ich bin nimmer der Schorschl, der ich gwesen bin. D' Lieb hat

mich kuriert von der Lumperei. Jetzt bin ich an andrer.«

»Ja, Schorschl! A ganz an andrer!« Sie sah mit stolzer Freude zu ihm

auf. »Dös hab ich fein lang schon gmerkt.«

»Gelt, ja? Und dös bleibt. Grad so wie dö drei weißen Stricherln da!«

Er zeigte ihr die Hand mit den Kratznarben. »Man sieht's noch allweil.«

Als sie schwieg und ihn so merkwürdig ansah, lachte er. »Ich an

deiner Stell hätt grad so kratzt! Ich weiß schon: a bißl grob hab ich

zugriffen.«

Vroni machte immer größere Augen. »Aber Schorschl! ~Wer~ soll dich

kratzt haben? Ich?«

»Geh!« Er blinzelte lustig. »Verstell dich net so!«

»Aber Schorschl!« Sie sah seine Hand an, sah ihm wieder in die Augen

und schüttelte den Kopf. »Jetzt fallt's mir auch wieder ein, wie d'

allweil gredt hast im Herbst: Katzerl, Katzerl! Allweil: Katzerl!«

»Da hört sich doch alles auf!« Er lachte. »Vronerl! Weißt es denn

nimmer?«

»Was?«

»Selbigsmal in der Nacht --« Er hob die Hand und machte mit gekrümmten

Fingern eine leichtverständliche Bewegung.

Der laufende Berg · 第 52 / 60 题