Mit der ›Gvatterin‹ waren auch Michel und Mutter Katherl einverstanden.
Man rief die Kinder, die mit Lachen und Singen auf einer Halde
spielten, packte ihnen ein bißchen Wäsche und Kleider in ein Bündel,
und dann führte Vroni das kleine über die ›Reise‹ vergnügte Paar ins
Dorf hinunter.
»Gelt, Madl, sei so gut, und bring mir vom Schmied a ghörigs Packl
lange Eisenstiften mit!«
»Ja, Vater!«
Zwei Stunden später war Vroni wieder zurück, mit Grüßen von der
Gevatterin und mit den Eisenstiften, um die sie nicht zum Schmied,
sondern zum Schlosser gegangen war. Fünfzig Pfennige hatten sie
gekostet.
»Aber«, sagte der Vater. »Warum bist denn net zum Schmied gangen? Der
Schorschl hätt d' Stiften billiger lassen. Der ander is der reine
Apotheker.«
Ohne ein Wort zu erwidern, war Vroni zum Hackstock gegangen und hatte
nach dem Beil gegriffen.
Stunde um Stunde hatten sie gearbeitet, von jeder Minute erzwingend,
was sie geben konnte. Mit Brettern und Latten flickten sie die
zersplitterten Balken des Rostes zusammen, und als die vorrätigen
Bretter nicht reichen wollten, zerstückelte Michel das Tor der Scheune.
»Wann ich nur 's Häusl halten kann! 's Häusl allein! So bin ich
z'frieden und dank dem lieben Herrgott!« Die geflickten Balken des
Rostes wurden, statt sie mit Fugen zu verschränken, mit den langen
Eisenstiften übereinander genagelt. Michel wußte wohl, daß jede leichte
Bewegung des Bodens dieses notdürftige Fachwerk wieder zerstören mußte.
»A bißl kunnt's allweil noch helfen!« meinte er. »Wann der Mensch
's Vertrauen verliert, kunnt auch den lieben Herrgott 's Festhalten
verdrießen! Hat er uns sei' Güt net merken lassen? Schauts umanand,
Kinder! Alle Häusln sind verlassen oder liegen versunken im Boden drin.
Und 's unser steht noch allweil!«
Mit Einbruch der Dämmerung hatten sie im Hof die Arbeit am Rost
vollendet und konnten im Garten den neuen Verhau beginnen. Es war der
vierte, den sie bauten. Als Michel von den Fackeln, damit sie heller
brennen möchten, die glühenden Kohlenstümpfe abgestreift hatte, sagte
er zu Mathes: »So schön windstill is d' Nacht! Man müßt doch alles
hören aus'm Tal auffi? Und gar nix hör ich nimmer!«
Mathes verstand, was der Vater meinte. Es war ihm selbst schon
aufgefallen, daß seit dem Nachmittag das Rauschen des Wassers, das
im Tal aus dem Berg hervorströmte, schwächer geklungen hatte. Als er
jetzt hinauslauschte in die stille Nacht, hörte er keinen Laut dieses
Rauschens mehr.
»Mathes? Was denkst denn dazu? Haltst es für an unguts Anzeichen?«
»Na, Vater! Gwiß net!« erwiderte Mathes. Es war die Sorge in ihm
erwacht, daß die im Innern des Berges sich stauenden Gewässer einen
schweren Erdbruch vorbereiten könnten. Und da wußte er nicht gleich,
welchen Trost er dem Vater sagen sollte. »D' Nacht is kühl. Da schmilzt
halt droben kein Schnee nimmer, und 's Wasser wird gring. Dös is gut
für uns, Vater!«
»Der liebe Gott soll's geben, daß d' recht hast!« Seufzend nahm der
Alte die Arbeit wieder auf und schaffte, daß ihm der Schweiß über die
furchigen Backen rann.
Als drunten im Tal die Turmuhr die elfte Stunde schlug, sagte Mutter
Katherl: »Michel, jetzt müssen wir d' Nachtruh suchen. Kannst ja nimmer
weitermachen vor lauter Müdigkeit!«
»A bißl noch, Mutter, bis d' Fackeln ausbrennt haben!«
Eine Viertelstunde brannten die Fackeln noch, dann drohten sie zu
erlöschen. »In Gotts Namen«, sagte Michel, »lassen wir's gut sein für
heut!«
Sie verwahrten die Werkzeuge im Hausflur.
Da quoll ein Knirschen aus dem Grund, als hätte die Erde geseufzt --
so, wie ein Müder seufzt, bevor er die Augen zur Ruhe schließen will.
Langsam bewegten sich an der Böschung die neu geschlagenen Pfähle und
legten sich auf die Seite. Im Hof verschob sich der Balkenrost. Mit
trägem Krachen knickten die geflickten Hölzer entzwei, und während
an den Mauern der Mörtel niederbröckelte, klang von der Scheune ein
dumpfes Ächzen, das Klirren der vom Dache fallenden Schindeln und das
Gepolter losgebrochener Bretter. »Jesus!« stammelte Mutter Katherl. Und
Michel sagte mit erstickter Stimme: »Da! Jetzt lauft er schon wieder!«
Wortlos hatte Mathes die letzte, noch brennende Fackel vom Baum
gerissen, an den sie gebunden war, und eilte den anderen voraus über
den Hof.
Die ganze Arbeit des Tages war zerstört. Alle Balkenwände der Scheune
standen schief, das Dach war verschoben und hatte Lücken bekommen, von
der Hälfte der Rückwand waren die Bretter niedergebrochen, und durch
die klaffende Öffnung quoll in dicken Wulsten das eingelagerte Heu.
Als sie das gesehen hatten, mußte Mathes die Fackel löschen. Er
drückte den qualmenden Stumpf in den Schlamm und zertrat die glühenden
Kohlenstücke, damit nicht ein Funke in das dürre Heu geraten könnte.
Nun standen sie wortlos in der dunklen Nacht, durch deren reine Luft
die Sterne niederleuchteten, groß und mit farbigem Gefunkel. »No ja«,
brach Michel mit müder Stimme das bange Schweigen, »jetzt in der Nacht
können wir allweil nix mehr machen. Fangen wir halt in der Fruh wieder
an! Komm, Mutter! Kommts, Kinder! In Gotts Namen, suchen wir unsern
müden Schlaf!« Mit schweren Schritten ging er auf das Haus zu. Als er
zur Schwelle kam, legte er den Arm um den Hals seines Weibes. »Katherl?
Möchtest net lieber mit der Vroni drunt bei der Gvatterin schlafen? Es
is gnug, wann der Mathes und ich daheim bleiben!«
»Na, Michel, net um d' Welt!« stammelte Mutter Katherl erschrocken.
»Ich bleib bei dir!«
Und Vroni nahm seine Hand. »Geh, Vater, wirst mich doch net
fortschicken!«
Er drückte die beiden an sich. »Vergelts Gott! D' Sorg hat mich
trieben, daß ich's gsagt hab. Aber a Stückl von der Seel hätt's mir
grissen, wann ich allein hätt bleiben müssen. Jetzt is mir wieder a
bißl leichter. Aber grausen tut mir vor dem morgigen Tag! Wann der
Einzig net hilft, der jetzt noch was ausrichten kann, so kunnt's morgen
schlecht ausschaun um unser Häusl. Unsere müden Händ richten nix mehr
aus.«
»Ja«, sagte Mutter Katherl kleinlaut, »aber beten können wir noch.«
»Hast recht, Mutter! Reden wir a bißl mit ihm! Oder beten wir lieber
d' Litanei zur guten Gottesmutter! Die hat an Einfluß im Himmel. Von
der laßt er sich was sagen, wann wir s' in der richtigen Frömmigkeit
ansprechen um ihr mächtige Fürbitt.«
Während Vroni und Mutter Katherl in den Hausflur traten, ging Mathes
mit dem Vater zum Stall; sie lösten die beiden Ziegen von den Stricken,
nahmen der Kuh die Kette ab, öffneten das Gitter des Hühnerkäfigs und
banden die Stalltür offen an die Mauer, damit die Tiere in drohender
Gefahr einen Weg zur Rettung hätten.
In der Stube, in der die Hängelampe brannte, fanden sie den Tisch
bestellt. »Geh, Michel«, sagte Mutter Katherl, »tu noch a Bröserl
essen! Seit Mittag hast kein' Bissen nimmer ghabt. Und 's lange Beten
strengt ein' auch noch a bißl an.«
Sie bekreuzten sich und nahmen am Tische Platz. Schweigend tranken sie
die Milch, kauten das schwarze Brot und schnitten kleine Stücke von dem
Rauchfleisch, das Mutter Katherl aus dem Kamin geholt hatte. Während
Michel aß, sah er in der Stube umher, prüfte sorgenvollen Blickes die
Decke und strich mit der Hand ein paarmal über die weiße Mauer.
Die Mahlzeit währte nicht lang.
»So!« Michel erhob sich. »Fangen wir an!« Seufzend drückte er die
steifen Knie zu Boden und faltete über dem Tisch die Hände. Sein Weib
kniete neben ihm; hinter ihnen, mitten in der Stube, knieten ihre
Kinder. Michel machte mit schwerer Hand das Zeichen des Kreuzes und
betete vor: »Herr, erbarme dich unser!«
»Erbarme dich unser!« fielen die andern ein; inbrünstige Andacht sprach
aus dem bebenden Klang ihrer Stimmen.
»Christus, erbarme dich unser!«
»Erbarme dich unser!«
»Gott Vater vom Himmel, Gott Sohn, Erlöser der Welt, Gott Heiliger
Geist!«
»Erhöre uns!«
»Du heilige Maria!«
»Bitt für uns!«
»Heilige Gottesgebärerin!«
»Bitt für uns!«
»O Mutter Christi -- du gute, du!«
»Bitt für uns!«
So beteten sie weiter, Ruf um Ruf, in heißer Andacht, in zitterndem
Hoffen. Als Michel zu der Stelle kam: »Du Pforte des Himmels, du
Morgenstern!« -- da versagte ihm die Stimme; ein dumpfes Dröhnen tönte
durch die Nacht und rollte über das Haus. Es klang, als hätte man auf
der Höhe des Berges den Schuß einer riesigen Kanone gelöst.
Mathes erhob sich, während Mutter Katherl sich erbleichend an den Arm
ihres Mannes klammerte.
»Sorg dich net! Na! Tu dich nur gar net sorgen!« stammelte Michel. »Dös
macht uns nix. Dös muß ganz droben gwesen sein in der Höh. Der Boden
hat sich net grührt bei uns. Kein bißl net hat 's Häusl zittert. Dös
hätt ich spüren müssen. Da hab ich a Gfühl dafür, a feins. Tu dich
net sorgen, Mutter! Beten wir weiter! Nur fest einfallen, Kinder!
~Recht~ fest! Du Pforte des Himmels, du Morgenstern!«
»O bitt für uns!« fielen die anderen ein, und ihre Stimmen klangen wie
ein vereinter Schrei um Hilfe.
»Du Heil der Kranken!«
»Bitt für uns!«
»Du Trösterin der Betrübten!«
»Bitt für uns!«
»Geh, sei doch so gut und tu für uns a bißl, grad a bißl ebbes, du
Hilfe der Christen, du!«
»O bitt für uns!« riefen die Mutter und Mathes, während Vroni sich
zitternd erhob. »Vater!« stammelte sie. »Hörst dös gspassige Sausen
net, droben in der Höh? Kann's denn a Wetter sein, dös aufzieht?«
»Tu beten, Madl! Tu net ums Wetter fragen! A Wetter tut uns nix.«
Michel erhob die verschlungenen Hände gegen die Decke. »Du Königin der
Engel!«
»Bitt für uns!«
»Königin der Propheten!«
»O bitt für uns!«
Wie ein Frühlingssturm, der mit Toben und Brausen über die Berge fährt,
so klang es durch die Nacht, von der Höhe der fernen Almen herunter,
immer deutlicher, immer näher dem bedrohten Haus.
»O Königin der Apostel!« betete Michel mit versagender Stimme, zitternd
an allen müden Gliedern. »Königin der Märtyrer!«
»O bitt für uns!«
»Du Königin der Jungfrauen! Königin aller Heiligen!«
»Bitt für uns!« fielen Vroni und die Mutter ein, während Mathes
aufsprang, vor Erregung bleich. »Vater! Hörst es net?« Mit beiden
Händen umklammerte er den Arm des Alten. »Dös kann kein Wetter net
sein! So tut kein Sturm! Dös tut ja, als ob's a Wasser wär!«
»Wasser?« stotterte Michel. Dann war lautloses Schweigen in der Stube.
Mit verhaltenem Atem lauschten sie alle. Da hörten sie es deutlich,
dieses dumpfe Strömen und Rauschen, das über die Gehänge des laufenden
Berges herunterkam. Jetzt klang es schon in der Nähe, jetzt war's, als
hätt es den Garten erreicht, jetzt ging's mit dem Tosen eines mächtigen
Wasserfalles zur Linken und Rechten des kleinen Hauses vorüber und
jagte dem Tal entgegen. Und mitten in diesem dumpfen Brausen hörte man,
wie freundliches Kinderplaudern, das helle Glucksen und Geplätscher der
kleinen Wellen, die gegen den Sockel der Mauer schlugen.
»Heilige Mutter!« schrie Michel wie von Sinnen. »'s Wasser is da!
's Wasser! 's heilige Wasser!« Nach Atem ringend, fuchtelte er mit
den Armen. »'s Wasser is gstiegen aus der Tief! 's Wasser is wieder
am Licht! 's Wasser hat uns gholfen und die heilige Mutter!« Seinen
Buben beiseite stoßend, rannte er zur Tür und sprang hinaus in die von
rauschendem Lärm erfüllte Nacht.
Als ihm Mathes folgte und Vroni und die Mutter ihm nachliefen, hörten
sie ihn bald im Hof und bald im Garten schreien: »Schauts doch dös
Wasser an! Dös schöne Wasser! Dös viele Wasser! Meiner Lebtag hab ich
soviel Wasser noch net gsehen!«
Rauschende Bäche, deren tanzender Schaum auch in der dunklen Nacht
noch weißlich schimmerte, sprudelten von allen Seiten über die steile
Böschung nieder und überschwemmten fußhoch den ganzen Hofraum, während
die größeren Massen des aus dem Innern des Berges hervorgebrochenen
Wassers brausend ihren Weg durch die das Gehöft begrenzenden Mulden und
Gräben nahmen.
»Michel! Michel! Wo bist denn?« rief Mutter Katherl. Und Mathes und
Vroni schrien: »Vater! So komm doch!«
Bis zu den Hüften von Wasser triefend, lachend, kam der Alte aus einem
der Sturzbäche hervorgestiegen und ließ sich zur Haustür führen. Da
machte er seine Hände wieder frei. »Mutter! Kinder! Jetzt können wir
aufschnaufen! Dös hat die Kammissoni gsagt: wann's Wasser wieder
steigt, so muß er sein Laufen einstellen, der narrische Berg! Hat
gmeint, er kann treiben, was er mag! Jetzt hat er eine gfunden, die
noch a bißl stärker is als er! Katherl, Kinder, kommts her!« Die
Freudentränen erstickten seine Stimme fast. »Jetzt sagen wir der
Gottesmutter unser Vergelts Gott! Recht a fests!«
Sie wollten ihn in die Stube ziehen, aber er tat es nicht anders:
inmitten des den Hofraum überschwemmenden Wassers warf er sich auf
die Knie und lallte das +Salve Regina+, in dessen Worte er
das Gestammel seines eigenen Dankes mischte: »Gegrüßt seist du,
Königin, Mutter der Barmherzigkeit, des Lebens Süßigkeit und unsere
Hoffnung, sei gegrüßt! Schau, tausendmal sag ich dir vergelts Gott,
hunderttausendmal, daß dich a bißl angnommen hast um dein' alten Michel
und sein Häusl! ›Zu dir schreien wir Kinder Evas, zu dir seufzen wir
Trauernde und Weinende in diesem Tal der Zähren!‹ Und schau, ich will
dir's danken mein Leben lang! Und sooft ich's auf meine alten Täg
noch anschau, mein Häusl, mein liebs, will ich sagen: dös hat uns
d' Himmelsmutter gschenkt! ›Du unsere mächtige Fürsprecherin, wende
deine barmherzigen Augen auf uns!‹ No freilich hast deine gütigen
Augen gwendt auf uns! Und schau, vergelten will ich dir's nach meiner
schwachen Kraft! An die hundert Markln hab ich mir gspart. Da bhalt ich
kein' Pfennig davon. Dein heiligs Bildl will ich gwanden lassen! Und
wächserne Kerzln zünd ich dir an, Tag für Tag eins, bis sie sich jahren
tut, die heutige Freudennacht! ›O du gütige, o milde, o süße Jungfrau
Maria!‹« Taumelnd erhob er sich, umhalste sein Weib und seine Kinder,
riß sich los von ihnen und watete wieder in einen der schäumenden
Bäche hinein. »Dös Wasser schauts an, dös schöne Wasser!« Lachend wie
ein Berauschter griff er mit beiden Armen in das Gesprudel, als hätte
er kein köstlicheres Gut an sein Herz zu drücken als diese tanzenden
Wellen.
In Sorge jammerte Mutter Katherl über diese ›Narretei‹, und Mathes
mußte den Vater mit Gewalt aus dem kalten Sturzbad herausziehen; fast
hätten die schießenden Wellen den von Mühsal und Freude Entkräfteten
zu Boden geworfen. Sie führten ihn in die Stube, und Vroni lief, um
trockenes Gewand für ihn zu holen. Als er umgekleidet war, merkte er
schon die Erkältung, die er sich in dem eisigen Schneewasser geholt
hatte. Mutter Katherl schlug vor Schreck die Hände zusammen. »No also,
schau, jetzt hast dich verkühlt!«
»Macht nix, Mutter!« wollte er sagen. Aber da mußte er niesen, gleich
ein paarmal. Und als es vorüber war, lachte er: »Helf Gott, daß 's wahr
is!«