Vierzehntes Kapitel

Der Morgen brachte einen Tag, so sonnig und lüfteblau, als käme der Mai

schon über die Berge gezogen. Mit jeder Stunde wich der Schnee auf den

Almen um weite Strecken gegen die Felsen zurück. Über alle Wände und

Halden stürzten mit Rauschen die silbernen Bäche zu Tal. Nur auf den

Gehängen des laufenden Berges blitzte kein Schneebach, rauschte kein

Wasser. Dafür wälzten sich in der Talsohle die wachsenden Wassermengen

mit dumpfem Tosen aus den unterirdischen Gängen des Berges hervor,

überschwemmten die Straße und vermuhrten weite Wiesenstrecken mit dem

Kies und Schlamm, den die fressenden Wellen aus dem Innern des Berges

hervorwuschen.

Die Leute, deren Äcker bedroht waren, hatten schon früh am Morgen

die Arbeit begonnen und warfen Gräben aus, um dem angestauten Wasser

einen Abfluß zu schaffen. Nur auf den frischbestellten Saatfeldern,

die zum Purtschellerhof gehörten, war niemand bei der Arbeit. Um acht

Uhr, als der Altknecht seinem Herrn die Nachricht von der den Feldern

drohenden Gefahr brachte, lag Purtscheller noch im Bett. Er konnte

sich kaum ermuntern. »Holts den Mathes! Der wird schon Rat schaffen!«

Sprach's und drehte sich auf die Seite, um die fünf Flaschen Tiroler,

die er in der Nacht beim Hasardspiel ausgestochen hatte, völlig aus

seinem sumsenden Kopf hinauszuschlummern. Gegen halb elf erwachte er

und machte Spektakel um sein Frühstück. Als er aus der Schlafkammer

trat, war der Tisch gedeckt, und eben wollte die alte Magd die Stube

verlassen. »Natürlich! Gleich in aller Fruh wieder an alts Weib! Wo is

denn d' Frau?«

»Mit die Leut zur Arbeit auf d' Felder aussi.«

»Wär gscheider, sie tät schauen, daß ich mein Sach in der Ordnung

krieg!«

»Schaun S' doch den Tisch an! Sie haben ja alles.«

»No ja!« brummte Purtscheller. »Wo is denn der Kleine?«

»Den hat d' Frau zur Nachbarin ummi.«

»Dös is die neueste Mod! Als ob 's Kindl daheim net am besten aufghoben

wär!«

Während Purtscheller seinen Kaffee schlürfte, den Schinken kaute und

die Eier auslöffelte, tauchte verschwommen die Szene des vergangenen

Abends vor seinen Gedanken auf. »Sie weiß doch, daß ich's net so mein',

und daß ich hintnach wieder der beste Kerl bin.« Jedenfalls ging das

keinen andern was an. Am allerwenigsten einen Knecht! »Dös will ich ihm

austreiben für an anders Mal!« Freilich, wenn man die Sache richtig

betrachtete, konnte man dem Mathes die Einmischung nicht verübeln. »Am

End hätt ich's selber net anders gmacht, wann ich mitanschaun hätt

müssen, wie so a rabiats Mannsbild a Frauenzimmer schlagen will!« Und

schließlich brauchte er den Mathes, um den Hof wieder in die Höhe zu

bringen. »In Gotts Namen, muß ich die Sach halt gut sein lassen.« Als

Purtscheller sich diese Überwindung abgerungen hatte, kam er sich sehr

bewunderungswürdig vor.

»Jetzt an d' Arbeit!« Das bedeutete: Geld schaffen. Beim Wirt hatte er

eine Spielschuld von siebenhundert Mark stehen. Die mußte beglichen

werden, wenn seine Reputation als ›Sportsmann‹ nicht leiden sollte. Für

den Ostermontag war das erste Trabrennen angesetzt; da wollte er mit

dem ›Lüftikus‹ seine zwanzigtausend an Preisen und Wetten holen! Mit

dem Gewinn des Rennens war sein Lebensbedarf für ein Jahr gedeckt, und

so konnte der Betrag, den Mathes aus dem Hof herausbrachte, rein dazu

verwendet werden, um einen Teil der Hypothek zu löschen. Glänzendere

Aussichten, als der Purtscheller-Toni, hatte kein Mensch auf der Welt.

»Aber selber muß ich dazuschaun!«

Jener Geldgeber, der für die Hypothek die achtzigtausend und für das

Fallholz des halb zerstörten Waldes sechzehntausend bar gegeben hatte,

wollte die Hand nicht mehr öffnen. Drum mußte Purtscheller in die

Stadt und ›dazuschaun‹! Dabei traf er zwei Fliegen mit einem Schlag:

er betrieb ein notwendiges Geschäft und konnte eine Trainingfahrt mit

seinem ›Lüftikus‹ machen. In flottem Tempo fuhr er zum Dorf hinaus,

geschaukelt von den geschmeidigen Federn des neuen Gigs, dessen

rotlackierte Speichen in der Sonne blitzten, als wären die Räder

rollende Feuersterne.

Gegen fünf Uhr abends kam er aus der Stadt zurück, in seelenvergnügter

Laune. Seine Fahrt hatte doppelten Erfolg gehabt: binnen drei Tagen

sollte er fünftausend Mark auf zweite Hypothek erhalten, und mit

dem ›Lüftikus‹ hatte er einen Rekord erzielt, der ihm den Sieg

beim nächsten Rennen in sichere Aussicht stellte. Ohne das Pferd

auszupumpen, hatte er den Kilometer in zwei Minuten gefahren. Und

in welch famoser Kondition kehrte das Pferd nach solcher Leistung in

den Stall zurück: frisch und feurig, kaum mit einer Schweißflocke am

glänzenden Fell! Da mußte Purtscheller das Pech, das er mit seinem

›Herzbinkerl‹ gehabt hatte, als Glück betrachten. Er lachte bei der

Erinnerung an den Rat, den ihm Mathes gegeben hatte. Den ›Lüftikus‹ mit

Schaden verkaufen? »Net um a Gschloß!« Jetzt war der Rappe fertig für

die Rennbahn und sollte Geld bringen!

Weil die Dienstboten mit Karlin noch immer auf den Feldern waren,

versorgte Purtscheller selbst das Pferd und schnallte ihm die warmen

Decken um. Ein wenig müde von dieser Arbeit, doch in der Laune eines

Menschen, dem das Glück nichts zu wünschen übrig läßt, setzte er sich

an den gedeckten Tisch. Zu allem Erfolg dieses Tages gesellte sich noch

die Aussicht auf das Jagdvergnügen, das ihm der schöne Abend versprach:

heut würde ihm sicher die erste Schnepfe vor das Rohr streichen. Als

die Magd auftrug, schwatzte er fidel. »Und schau, was ich der Frau

mitbracht hab!« Schmunzelnd zog er ein Lederetui hervor, ließ den

Deckel aufspringen und zeigte der Magd einen schweren Goldreif mit

funkelndem Rubin. »Söllene Sachen schenk ich meiner Frau! Dös kann

jede Gräfin tragen. Dreihundert Mark hab ich zahlt dafür.« In dieser

Behauptung lag ein kleiner Verstoß gegen die Wahrheit; dreihundert

Mark, das stimmte; aber er war sie schuldig geblieben. »Am Sonntag muß

d' Frau dös Armband anlegen für'n Kirchgang. Sie soll amal zeigen vor

die Leut, was dös sagen will: Purtschellerin heißen!« Er band sich die

Serviette vor und rührte mit dem Schöpflöffel in der Suppenschüssel.

»Leberspatzerln? Heut hast es troffen, Alte! Und wo is denn mein Prinz?

Noch allweil bei der Nachbarin?«

»Ja! Ich muß ihn drüben lassen, bis d' Frau selber heimkommt und holt

ihn.«

»Nix da! Soll ich denn nie was haben von meim Büberl? Gleich holst ihn

ummi!«

Die Magd zögerte. »Ich trau mich net recht. Sie geben ihm wieder was

z'essen und verderben ihm 's Magerl.«

Purtscheller lachte. »Na, na! Ich hab noch Zeit bis zum

Schnepfenstrich. Da möcht ich mit dem lieben Schneck a bißl umtanzen.

's Kind wird ja sonst völlig fremd zu mir.«

Die Magd wollte noch eine Einwendung erheben; ein grobes Wort machte

ihr flinke Füße.

Mit rotem Schimmer lag die Abendsonne auf der Straße, als die Magd

aus dem Haus des Nachbars trat und das schwatzende Bürschl zu seinem

Vater heimtrug. Während sie über die Stufen der Haustür hinaufstieg,

flog's mit sachtem Gesurr über die blätterlosen Reben des Weinspaliers.

»Meckerling!« Der Kleine streckte die Hand. »Meckerling haben möcht

ich!«

»Aber geh, Tonerl, jetzt fliegt doch kein Schmetterling umanand. Da

mußt schon noch a paar Wochen warten!«

Droben im ersten Stock klirrte eine Scheibe, und Purtscheller streckte

das vergnügte Gesicht zum Fenster heraus. »Bürscherl! Da schau her, wer

da is!«

»Meckerling haben möcht ich!« bettelte der Kleine, während ihn die Magd

in das Haus trug.

Purtschellers Gesicht verschwand; man hörte durch das offene Fenster

den zärtlichen Gruß, mit dem er seinen ›Prinzen‹ empfing, hörte den

lustigen Unsinn, den er trieb, und das Jauchzen des Kindes, das am

Spiel mit dem Vater eine seltene Freude zu finden schien.

Es wurde lebendig auf der Straße; die Bauern kehrten von den Feldern

heim, und nach einer Weile kam auch Karlin mit ihren Leuten. Die

Arbeit, die man seit dem Morgen geleistet hatte, war von Erfolg

gewesen. Freilich hätten die in Eile gebauten Dämme die Saatfelder auf

die Dauer nicht vor der Vermuhrung geschützt, wenn nicht im Laufe des

Nachmittags das aus dem Innern des laufenden Berges hervorströmende

Wasser unerwartet gesunken wäre, so daß es gegen Abend fast ganz

versiegte. Die Leute meinten: beim Niedergang der Sonne wäre droben

auf den Almen der Schnee aus dem Schmelzen gekommen, und so hätte der

Zufluß an Wasser sich vermindert. Andere sagten: entweder hätten

die Bäche in den Höhlen des Berges einen neuen Weg genommen, oder

ein schwerer Erdbruch hätte dem unterirdischen Wasser einen Riegel

vorgeschoben.

Schweigend hatte Karlin diese Reden angehört, und manchmal war ihr

Sorgenblick über die Gehänge emporgeglitten gegen die Simmerau. Welch

einen harten Kampf mußten die dort oben führen gegen die dunkle Gefahr!

Als man für die Felder nicht mehr zu fürchten hatte und den Heimweg

antreten konnte, war Karlin von der neunstündigen Arbeit und von

allem, was an ihrem Herzen nagte, so zerbrochen, daß sie sich kaum

mehr aufrecht zu halten vermochte. Ihre Kleider waren durchnäßt, und

in Klumpen hing der Schlamm an den Säumen ihres Rockes. Vor dem Tor

des Purtschellerhofes blieb sie stehen und nickte den Dienstboten zu.

»Vergelts Gott, meine guten Leut! Wann ich heimkomm, richt ich 's

Essen gleich und stell euch 's Bier auf. Bloß mein Kindl möcht ich

noch holen.« Sie ging zum Nachbar hinüber. Als sie hörte, daß die

Magd den Tonerl schon vor einer halben Stunde heimgeholt hätte, lief

sie in Unruh nach Hause; sie kannte die Spiele, die Purtscheller mit

seinem Kinde zu treiben pflegte -- noch immer war der Kleine übel

dabei weggekommen, im besten Fall mit Tränen. Während Karlin über die

Stufen des Gartens hinaufstieg, hörte sie aus dem offenen Fenster das

Stimmchen ihres Kindes: »Vaterl, bitti, bitti, noch a bisserl Rossi

machen!«

»Na, mein Bürscherl«, klang die Stimme Purtschellers, »für heut is

gnug! Jetzt muß ich fort auf d' Jagd.«

»Bitti, Vaterl!«

»Morgen, mein Schnaberl! Da tun wir Haserl und Jager spielen, gelt!

Jetzt muß ich fort.«

»Vaterl, bitti, bitti, Haserl spielen!«

»No also, in Gotts Namen, a bisserl noch! Aber gschwind, mein Haserl!

Gschwind tu dich verstecken im Krautacker! Der Jager kommt schon mit

der Büx.«

»Haserl guguk!«

Von Sorge befallen, stürzte Karlin ins Haus und über die Treppe hinauf.

Bevor sie die Stubentür erreichen konnte, dröhnte der Hall eines

Schusses durch das Haus. Gelähmt von Schreck, hörte sie einen Schrei

ihres Mannes und das Fallen von Mörtelbrocken. Als sie in verzweifelter

Angst die Tür aufriß, sah sie ihren Mann mit aschfarbenem Gesicht an

die Mauer gelehnt, das Gewehr in der Hand. Vom ziehenden Pulverdampf

umschleiert, stand Tonerl neben dem Ofen und blickte scheu an seinem

Kleidchen hinunter, aus dessen Falten die roten Tropfen sickerten.

»Mammi, schau, Vaterl Hasi schossen!« Das Kind wollte die Arme

strecken. Da fiel es vornüber und regte sich nimmer.

Mit röchelndem Schrei, wie eine Wahnsinnige, stürzte Karlin auf ihren

Mann zu und klammerte ihm die Hände um den Hals, als könnte sie mit

Gewalt das schon geschehene Unglück noch verhüten. Er wehrte sich

nicht, lallte nur und ließ die Flinte aus den schlaffen Händen gleiten.

Das Gepolter weckte Karlin aus dem Irrsinn, der sie befallen hatte.

»Mein Kind! Mein Kind!« Sie warf sich auf die Dielen nieder, hob

das blutende Körperchen an ihre Brust, raffte sich auf, schrie mit

gellender Stimme um Hilfe und wollte das Kind aus der Stube tragen. Ehe

sie die Schwelle der Schlafkammer erreichte, fiel sie ohnmächtig zu

Boden.

Die Dienstboten stürzten in das Zimmer. Die einen hoben Karlin und

das Kind von den Dielen auf, die anderen drängten sich mit entsetzten

Fragen um Purtscheller. Er stierte die Leute mit glasigen Augen an und

lallte in Tränen: »Ich weiß net, 's Gwehr is gladen gwesen, ich bin net

schuld dran!«

Der Altknecht rannte davon, um den Doktor zu holen. Der kam auch

gleich; er konnte nimmer helfen; Tonerl hatte die Augen geschlossen.

Während der Doktor die Mutter aus ihrer Ohnmacht weckte, kamen die

Nachbarn gelaufen. Wohnstube und Schlafkammer füllten sich mit

Menschen, und tröstend versuchten die Frauen auf Karlin einzureden. Sie

hörte nicht. Tränenlos, wie versteinert, saß sie neben dem Bett ihres

Kindes und wollte die kleine, kalte Hand nicht lassen. Der Doktor

wandte sich ab und ging in die Wohnstube hinaus. Die Leute schwiegen,

als er kam, und zitternd sah ihm Purtscheller entgegen, erschöpft vom

Weinen, mit aufgedunsenem Gesicht.

»Herr Purtscheller! Ich muß den Unfall, dessen Opfer Ihr Kind geworden

ist, zur Anzeige bringen.«

Toni sah, daß alle Augen auf ihn gerichtet waren. Er zwang seine Stimme

zu festem Klang: »Ich bitt, Herr Dokter, machen S' Ihnen kein Arbeit

net! Wer a Mannsbild is, muß einstehn können für alles, was er tut.

Wann ich auch schuldlos bin, ich fahr selber in d' Stadt eini und geh

zum Gricht. Noch allweil bin ich der Purtscheller!« Mit Tränen auf den

Wangen sagte er zum Altknecht: »Spann den Lüftikus ein!«

»Aber ich bitt Ihnen um Gotts willen, Herr --«

»Tu, was ich sag! Mein Traber bringt mich am schnellsten auf den

Weg, der mir jetzt noch übrigbleibt.« Purtscheller wollte aus der

Stube gehen; es zog ihn zur Kammer; als er die blutigen Kissen sah

und das wachsbleiche Gesicht des Kindes, faßte ihn ein Schauder, und

schluchzend bedeckte er die Augen. »Ich kann ihn nimmer anschaun, ich

bring's net fertig!« Taumelnd ging er zur Flurtür und tauchte, was er

seit Jahren nicht mehr getan hatte, die Finger in den Weihbrunnkessel.

Wortlos tastete er sich über die Treppe hinunter und weinte noch

immer, als ihm der Wagen vorgeführt wurde.

»Ich bitt, Herr, lassen S' lieber mich fahren!« sagte der Knecht.

Purtscheller schüttelte den Kopf und kletterte auf das Gig. Hätte ihm

Zäzil nicht den Hut gebracht, er wäre barhäuptig davongefahren.

Während er bei sinkender Dämmerung durch das Dorf hinauskutschierte,

starrte er vor sich hin, ohne des Pferdes zu achten, das bald, von der

ersten Fahrt noch müde, das Traben aufgab und in gemächlichem Schritt

der Straße folgte. Immer grauer senkten sich die Schatten des Abends

über Tal und Berge, obwohl im Westen ein roter Glanz war, vor dem sich

die Konturen ferner Höhenzüge schwarz emporhoben. Als bei Purtscheller

die Erschütterung des ersten Jammers sich löste, tauchte das Bild

seiner selbst und seines Lebens vor ihm auf, wie es war; mit einer ihn

entsetzenden Klarheit sah er die Schuld, die er an sich selbst und an

anderen verbrochen hatte. Aber dieses Hellsehen seiner Gedanken währte

nicht lang; es ging vorüber wie ein Wetterleuchten, hinter dem die

Sterne scheinen. Und gleich war das Mitleid da, das er mit sich selbst

empfand. Ja, er hatte durch Leichtsinn viel gesündigt; aber nicht er,

alles andere trug die Schuld. Weshalb waren seine Eltern so früh von

ihm gegangen und hatten ihn unreif im Leben zurückgelassen? Weshalb

mußte er zu seinem Unstern in diese Heirat hineintappen? Wäre er an

eine andere Frau geraten, die ihn zu lenken verstanden hätte, dann

wäre alles anders gekommen! Auch dieses letzte Unglück, das auf seine

schuldlosen Hände das Blut des eigenen Kindes schüttete, wäre nicht

geschehen! »Die ganzen Jahr her hat s' mir allweil die Patronen aus'm

Gwehr gnommen! Heut zum erstenmal vergißt sie's! Hätt d' Frau net ihr

Pflicht versäumt, so hätt dös Unglück net gschehen können!« Den Zorn,

der ihn quälte, mußte er entladen. Weil er den gemächlichen Paß des

Rappen gewahrte, griff er wütend zur Peitsche. »Wart, dir will ich 's

Laufen lernen!« Mit klatschendem Schlag sauste die Peitschenschnur auf

die Weiche des Pferdes nieder. Schnaubend bäumte sich das mißhandelte

Tier. Scheuend vor einem Meilenstein, der sich weiß aus dem Dunkel des

Abends hob, fiel es in so rasenden Galopp, daß Purtscheller die wilde

Jagd des Pferdes nicht mehr zu hemmen vermochte. Wie ein tanzendes

Spielzeug flog der leichte Wagen hin und her, schlug an einen Felsen,

rasselte gegen eine Balkenbrüstung und verschwand in den Wolken des

aufgewirbelten Staubes.

Zu dem in dunkler Ferne verhallenden Hufschlag des Pferdes gesellten

sich die Töne einer kleinen Kirchenglocke.

Klagend schollen die dünnen Klänge durch das abendstille Tal.

Leute, die noch nicht wußten, was im Purtschellerhof geschehen war,

traten aus ihren Häusern. »Wem wird denn 's kleine Glöckl zogen? Wo war

denn a Kindl krank?«

Auch über das Gehäng des laufenden Berges drang ein verschwommener

Glockenruf. Sie hörten ihn droben in der Simmerau, wo die vier Menschen

im Fackelschein bei der Arbeit standen, erschöpft, die Gesichter von

Schweiß überronnen. »Hörst es, Mutter!« sagte Michel. »Sie läuten 's

Zügenglöckl.«

»'s kleine Glöckl! A Kindl muß gstorben sein. Der liebe Gott soll's

aufnehmen in sein' ewigen Himmelsfrieden! Beten wir a Vaterunser dafür!«

Ohne die Arbeit auszusetzen, sprachen sie das Gebet. Als Mathes sich

bekreuzt hatte, griff er nach einem Baum, wie von einem Schwindel

befallen. »Is dir net gut, Mathes?« fragte die Schwester in Sorge.

»Ich weiß net, was ich hab. So viel bang is mir um 's Linerl!«

Und drüben, wo die beiden Alten standen, sagte Michel: »Müd bin ich,

Mutter, arg müd! Aber aufschnaufen tu ich, weil ich weiß, daß unsere

Kinder a sichers Platzl haben! Die Gvatterin drunten is doch gut mit

ihnen, gelt?«

»Ja, Michel, da kannst dich verlassen!«

»Gott sei Dank! Um kein' Preis mehr hätt ich die Kinder heut in

der Nacht noch im Häusl schlafen lassen.« Er blickte an den vom

Fackelschein erhellten Mauern hinauf, von denen der Mörtel in großen

Brocken heruntergefallen war.

Dann schwiegen sie wieder, und man hörte beim Knistern der

Fackelflammen nur noch den Hall der Beilschläge, das Knirschen der

Säge, das Krachen der Ruten, die beim Flechten entzweibrachen, und den

schweren Atem der Schaffenden. Dem müden Erschlaffen, mit dem die viere

bei der Arbeit standen, war es anzusehen, daß harte Stunden hinter

ihnen lagen.

Es hatte der laufende Berg im Herbst während vieler Wochen nicht so

viel Unruh gezeigt wie heut an diesem einzigen Tag. In der Nacht schon

war es angegangen, dieses Zittern des Grundes, dieses Rinnen der

Erde. Viermal seit dem Morgen hatte es dumpf gedröhnt im Innern des

Berges. Rings um die Simmerau waren alle Halden zu wulstigen Buckeln

ausgeschoben, von Klüften durchrissen. Drüben, wo sonst die grünen

Masten des Purtschellerwaldes den Berghang bedeckt hatten, waren nur

wenige Wipfel noch zu sehen. War da drüben der Boden gesunken, der die

von der Axt des Händlers verschonten Bestände getragen hatte? Oder war

das Gelände zwischen der Simmerau und dem Wald so emporgeschoben, daß

es den Ausblick auf die noch stehenden Bäume verwehrte?

In der Simmerau fanden sie nicht Zeit, um Antwort auf diese Fragen

zu suchen. Sie hatten sich um die eigene Gefahr zu sorgen. Nur

Mathes schickte manchmal einen bekümmerten Blick hinüber zu den

verschwindenden Wipfeln des Purtschellerwaldes.

Wie rings um die Simmerau, so hatte sich die gesteigerte Bewegung des

Bodens auch in der Nähe des Hauses geäußert. Ein Teil der Böschung

war niedergebrochen, hatte den neuen Verhau zerdrückt, den halben

Garten begraben und das Geröll bis an die Mauer des Hauses geworfen.

Im Hofraum war der ganze, mühsam gezimmerte Balkenrost aus den Fugen

geraten, und lange Risse hatten den Grund zerspalten. Der Brunnen

war verschüttet und die Röhre so gewaltsam eingeklemmt, daß sich der

Pumpkolben kaum noch bewegen ließ.

Gegen Mittag waren von den weißen Mauern die ersten Mörtelbrocken

niedergefallen. Als Michel den Schaden betrachtete, kamen über einen

nahen Wiesgrat Leute heruntergestiegen, welche schwere Päcke schleppten

und einen mit Hausgerät beladenen Karren zogen. Das war der Brunntaler

mit Weib und Kindern, auf dem Gehäng des laufenden Berges der einzige

Bauer noch, der gleich dem Simmerauer bis zur äußersten Gefahr bei

seiner Mauer ausgehalten hatte. Jetzt suchte auch dieser Letzte die

Sicherheit im Tal und rettete von seinem Hab und Gut, was noch zu

retten blieb.

Michel, mit erloschener Stimme, sagte zu seinem Weib: »Mutter, was

meinst? Sollen wir net die Kinderln abischicken ins Dorf? Über Nacht

bloß, weißt?« Daß die Hoffnung ihn zu verlassen begann, das brachte er

nicht in Worte. Er sagte nur: »Wir alle müssen schaffen in der Nacht.

Da liegen die Kinder ohne Aufsicht da.«

Während sie berieten, wem sie die Kinder im Dorfe anvertrauen sollten,

sagte Mathes zur Schwester: »'s beste wär, du tätst die Kinderln zur

Bäckin führen! Die nimmt s' gern ins Haus. Und der Schorschl noch

lieber, mein' ich.«

Der laufende Berg · 第 50 / 60 题