»Jesus!« Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen.
So standen sie schweigend.
Dann sagte er: »Gelt, Linerl, dös siehst ein, daß ich nimmer bleiben
kann?«
»Ja, Mathes!« Sie ließ die Arme sinken. »Jetzt mußt fort!«
»Für ganz.«
»Ja, Mathes! Für ganz!«
Zögernd bot er ihr die Hand.
Ihre Finger waren kalt und zitterten. »Grüß mir deine guten Leut
daheim!«
»Ich dank schön, ja!« Er hob den Hut auf, der ihm entfallen war, und
verließ die Stube.
Karlin, als die Tür sich geschlossen hatte, griff mit beiden Händen
an ihre Brust. Sie fühlte den Irrtum ihres Lebens und erkannte das
Glück, an dem sie blind vorübergegangen war. Diese Erkenntnis wurde
in ihr zu jäher Sehnsucht. Mit Freude empfand sie das und dennoch
mit einem Schreck, der sie halb von Sinnen brachte. Die Hände
ineinanderklammernd, fiel sie auf die Knie und stammelte in Angst:
»Herrgott! Herrgott! Tu mich wahren vor der Sünd!« Auf der Erde
liegend, grub sie das Gesicht in die Arme.
Als sie müd und gebrochen sich aufrichtete, hörte sie aus der Kammer
das Weinen ihres Kindes. Sie wankte in den dunklen Raum und umschlang
das Kind, wie ein Sinkender die Rettung. Zuerst erschrak der Kleine,
ließ sich aber von der Mutter bald beruhigen. »Bitt schön, Mammi«, bat
er mit schläfrigem Stimmchen. »Tu mir Liedi singen!«
»Ja, mein Herzl!« lispelte Karlin und sang mit erloschenem Ton:
»Vogerl im grünen Wald
Zwitschert so lieb!
Zwitschert Wald aus und ein:
Wo mag mein Schatzerl sein?
Vogerl im grünen Wald
Zwitschert so lieb!
Vogerl am kühlen Bach
Zwitschert so süß!
Zwitschert Bach auf und ab,
Bis ich mein --«
Sie konnte nicht zu Ende singen. Zitternd preßte sie das Gesicht in die
Kissen.
Aus dem Raum unter der Schlafstube klang der gedämpfte Hall von
Schritten herauf, die langsam hin und her gingen. Dort unten lag die
Kammer, in welcher Mathes gewohnt hatte. Beim flackernden Schein einer
Kerze ging er zwischen Kasten und Koffer hin und her und packte ein,
was er vor fünf Monaten in den Purtschellerhof mitgebracht hatte.
Als er fertig war, räumte er die Kammer auf und löschte das Licht.
Weil er sich aus Purtschellers Wirtschaft einen Karren nicht borgen
wollte, nahm er den Koffer auf die Schulter. Niemand sah ihn das Haus
verlassen. Draußen auf der Straße blieb er stehen und blickte zu den
dunklen Fenstern hinauf.
Die Nacht war lau. Nur wenn der Wind ein wenig schärfer über die
Berggehänge herunterzog, spürte man den kühlen Hauch des Winters, der
noch in den Felsenkaren verbissen hing. Die wachsenden Bäche rauschten,
und zahllos funkelten am stahlblauen Himmel die Sterne.
Als der Weg steiler wurde, mußte Mathes alle paar hundert Schritte
rasten. In der Nähe der Simmerau führte der Pfad über Stellen, auf
denen der Schnee noch in großen Flecken lag; rings um seine Ränder war
ein leises Rieseln. Von der Höhe des Gehänges leuchtete ein rötlicher
Schein. »Sie schaffen beim Licht!« murmelte Mathes. Als er rascheren
Ganges weiterstieg, kam er zu einer breiten Kluft, die den Pfad
durchriß. Am vergangenen Sonntag hatte er diese Schrunde noch nicht
gesehen. »Jetzt macht er flinke Arbeit, der Berg!« Während Mathes
die Kluft umging, sah er in Sorge zum Himmel auf, dessen sternhelle
Klarheit einen sonnigen Tag versprach. »Morgen wird's Wasser geben. Und
harte Zeit für'n Vater!«
In der Nähe des elterlichen Hauses, dessen Dach sich schwarz von der
roten, den Garten erfüllenden Fackelhelle abhob, klang ihm eine Stimme
entgegen: »Bub? Bist du's?«
»Ja, Vater!«
»Gott sei Lob und Dank!«
Der Alte kam in Hemdärmeln über den Bühel heruntergehumpelt und fragte
verwundert: »Warum bringst denn dein' Kufer mit?«
»Man kann net wissen, wie lang ich bleib.«
»Je länger, so lieber! Geh, laß dir helfen!«
Selbander trugen sie den Koffer in den Hof.
»Wo is denn d' Mutter und d' Schwester?«
»Hint draußen am Verhau flechten s' die Ruten ein.«
»Da kann sich d' Mutter schlafen legen. Ich fang gleich an. Wie steht's
denn sonst?«
»Arg treibt er's, der Berg! Komm her, ich zeig dir gleich was!« Michel
faßte den Sohn am Arm und zog ihn in den Flur. »Da stell dich her an
d' Wand!« sagte er mit schwankender Stimme. »Und schau am Türpfosten
vorbei, gegen den Stadel aussi!«
Mathes legte die Wange an die Mauer und visierte über den Türbalken
gegen die schwarze Scheune.
»Merkst was?« fragte Michel beklommen.
»Um a Ruckerl schauen die Kanten ausanand.«
»Gelt? Schon gestern hab ich's gmerkt, daß d' Haustür hin geht und der
Stadel her! Eins muß schief stehen. 's Häusl, meinst?«
»Gott bewahr! Der Stadel halt. So a grings Holzwerk verschiebt sich
leicht. Da tu dich net sorgen, Vater! So a Stadel laßt sich leicht
wieder aufpölzen. Komm, schaun wir aussi zur Mutter! Die Kinder
schlafen schon?«
»Ja, Gott sei Dank!« Sie gingen in den Garten, in dem drei flackernde
Kienfackeln an die Bäume gebunden waren. Vroni stand am Fuß der
Böschung und flocht zwischen das neue Pfahlwerk die Ruten ein, welche
die Mutter ihr reichte. »Katherl, da schau her!« rief Michel. »Unser
Bub is da!«
Mutter Katherl humpelte den beiden entgegen. Als sie beim Fackelschein
das Gesicht ihres Buben sah, erschrak sie. »Was hast denn so rennen
müssen über'n Berg auffi?« Mit der Schürze trocknete sie ihm den
Schweiß vom Gesicht. »So viel müd schaust aus!«
»Na, na, Mutter! Es is net so arg.« Mathes wandte sich zur Schwester.
»Grüß dich Gott, Madl!«
Vroni reichte ihm wortlos die Hand. Sie sah es ihm an den Augen an, daß
etwas geschehen war; vor den Eltern wagte sie nicht zu fragen.
Nun tat es Mathes nicht anders: die Mutter mußte sich niederlegen.
»Dös hol ich schon ein, was du versäumst!« sagte er und begann die
Arbeit.
Er und die Schwester flochten am Verhau die Weiden ein, während
sie dem Vater die leichtere Arbeit ließen: die Ruten zu holen und
mit dem Messer abzuästen. Als Michel sich entfernte, um ein Bündel
herbeizutragen, flüsterte Vroni: »Is was passiert?«
Er nickte. »Schlagen hat er s' wollen. Dös hab ich wehren müssen. Da
hat sie's gmerkt.«
Vroni schwieg erschrocken. Und Mathes ging dem Vater entgegen, um ihm
das schwere Rutenbündel von der Schulter zu nehmen.