»Recht hat er!« fiel Purtscheller ein. »Der Knecht muß Respekt haben
vor der Frau im Haus. Siebne, achte, neune, sechstausend.«
Tonerl schien seiner Verpflichtung, den Vater zu grüßen, beim Anblick
der blauen Soldatenhose vergessen zu haben. Flink wackelte der kleine
Kerl auf Mathes zu und griff nach dem roten Hosenstreif. Da bückte sich
Mathes, hob den Knaben auf seinen Arm und sagte leis: »Ganz die Ihrigen
Augen hat er, Frau Purtschellerin!«
»Aber geh«, schmollte Karlin, »jetzt tust gar noch Sie sagen zu mir!
Gelt, Toni, dös muß net sein?«
»Achte, neune, siebentausend!« brummte Purtscheller. »Dös kann er
halten, wie er mag. Lieber is mir's, er sagt Sie. Wegen die andern
Dienstboten.«
Tonerl streckte die Hände nach der Soldatenmütze.
»So? 's Kapperl willst haben?« Mathes setzte dem Knaben die blaue Mütze
auf, die ihm bis über die Ohren fiel. »Jetzt bist a kleins Soldätl! Da
hätt der Herr General sei' Freud dran.«
Das Bürschl lachte der Mutter zu: »Tonele Soldati, Mammi!« Die Freude
des Kindes verscheuchte die drückende Stimmung, von welcher Karlin
befallen schien. Sie setzte sich neben Mathes auf die Bank. »Sonst is
er allweil so viel scheu gegen fremde Leut. Und mit dir is er, als ob
er dich lang schon kennen tät!«
»Neuntausendneunhundertachtzg!« Mit dieser Ziffer schloß Purtscheller
seine Zählarbeit und schloß das Geld in einen Wandschrank. »So, Mathes,
komm!« Er zog den Samtflaus an und setzte den Hut auf.
Mathes hob den Knaben auf den Schoß der Mutter. »Gelt«, sagte Karlin,
»wann dich eingwöhnt hast bei uns, mußt mir amal erzählen, wie's dir in
der Fremd allweil gangen hat die langen fünf Jahr her.«
»Wann ich Zeit hab amal!« Mathes vermied den Blick der jungen Frau.
»Pfüe Gott!«
Sie sah ihn mit großen Augen an.
Purtscheller kam hinter dem Ofen hervor und knöpfte den Samtflaus zu.
»Du, Linerl, richt mir mein Jagdzeug her, ich möcht a bißl auffischauen
auf an Gamsbock.« Er wollte sie gnädig in die Wange kneifen. Sie bog
den Kopf zurück. »No, no, no? Was hast denn schon wieder?« fuhr er
geärgert auf. »Du mußt dich rein verkühlt haben, selbigsmal beim Fuier.
Froschblut hast eh schon allweil ghabt. Jetzt hast dich ~ganz~ in
an Eiszapfen verwandelt. So was vertrag ich net.«
Brennende Röte schlug über Karlins Wangen, und mit erschrockenem Blick
suchte sie die Tür. Mathes hatte die Stube schon verlassen. Aufatmend
erhob sie sich und trug ihren Buben in die Kammer. Verblüfft sah ihr
Purtscheller nach. »Da hört sich doch alles auf!« In Zorn verließ er
die Stube und warf die Tür zu, daß es durch das ganze Haus dröhnte.
»Da, Mathes, nimm dir a Beispiel dran! Und schlag dir 's Heiraten aus'm
Kopf! Nix wie Ärger hat man mit die Weibsbilder. Die meinig is die
reine Sulz. Wo man s' anrührt, zittert s'!«
»Herr Purtscheller!« sagte Mathes heiser. »'s Ehglück is ebbes Heiligs.
Da sollt man in andrer Weis drüber reden.«
Purtscheller schien nicht recht zu wissen, wie er diese Worte nehmen
sollte. »Geh, du Narr, du!« brummte er und stieg die Treppe hinunter.
Im Freien fand er seine behagliche Laune wieder. Die Zigarre im Mund,
die eine Hand in der Flaustasche, deutete er mit der andern auf die
verschneite Brandruine. »Den Stadel bauen wir im Fruhjahr wieder
auf. Aber nimmer aus Holz. Feste Mauern will ich haben!« Dann ließ
er die Knechte und Mägde zusammenrufen. »Schauts her! Dös is der
Simmerauer-Mathes. Der steht als Meier bei mir in der Wirtschaft ein.
Wann ich net daheim bin, gilt sein Wort wie 's meinig. Wer net pariert,
kann abfahren. Jetzt muß amal an andrer Zug in d' Arbeit kommen!«
Die Leute guckten den Mathes prüfend an. Zäzil lachte. Weil Mathes den
üblen Eindruck, den Purtschellers Worte gemacht hatten, verwischen
wollte, redete er freundlich zu den Leuten und reichte jedem die Hand;
nur Zäzil übersah er. Dann sagte er: »Wir kommen schon gut mitanander
aus. Ich verlang nur, was recht is, und 's Gröbste mach ich selber. So
helfen wir zamm, daß der Purtschellerhof dasteht, wie er's verdient!
Gelt ja, Leut?«
»Ja!« sagte der Altknecht, und die anderen nickten. »Auf mich kannst
dich verlassen.«
Purtscheller schmunzelte; die Art, wie Mathes die Leute für sich
gewonnen hatte, gefiel ihm. »Ich merk schon, du packst die Sach
beim richtigen Zipfel an.« Er zeigte ihm den noch leerstehenden
›Sportstall‹, in dem das Messingschildchen mit dem Namen ›Herzbinkerl‹
schon vertauscht war gegen ein neues, das in schöner Gravierung den
Namen ›Lüftikus‹ trug. Dann war Purtscheller der schweren Arbeit müd.
»Jetzt muß ich schauen, daß ich zu meine Gamsböck auffikomm!«
Mathes blieb allein unter der Stalltür stehen und sah dem
Purtscheller-Toni bekümmert nach. Dann rief er den Altknecht und
ließ sich durch alle Ställe und Scheunen führen. Mit wachsender Sorge
erkannte er die erschreckende Verwahrlosung der Wirtschaft. Er sah es
gleich: hier kostete es entweder ein groben Brocken Geld oder ein Jahr
gedoppelter Arbeit, um den verfahrenen Karren wieder ins Geleis zu
bringen und an der stockenden Maschine dieser weitläufigen Wirtschaft
alle Schrauben wieder einzusetzen. Auch das wußte er: daß er trotz der
zehntausend Mark, die er droben auf dem Tisch hatte liegen sehen, einen
schweren Stand haben würde, wenn er zu Purtscheller käme, um Geld für
die Wirtschaft zu verlangen. Also blieb ihm zur Hilfe nur eines: seine
Arbeit!
Der Altknecht, der sich vor Mathes der verlotterten Wirtschaft zu
schämen begann, wollte alle Schuld auf den ›Herrn‹ schieben. Das wies
Mathes ruhig zurück. »Wann der Herr viel abghalten is, müssen sich d'
Ehhalten doppelt fest zur Deichsel stellen.«
Vom ersten Stock war die in Jähzorn schreiende Stimme Purtschellers
zu hören. »Da! Jetzt schimpft er wieder mit der Frau!« brummte der
Altknecht. »Die hat an unguts Leben. Und wär doch eine, wie man s'
sobald net wieder findt. Wann die was z'reden hätt, möcht's anders
ausschauen.«
Schweigend blickte Mathes zu den Fenstern hinauf. Dann sagte er: »Jetzt
hol ich mein' Kufer. Essen tu ich daheim. Bis Futterzeit im Stall is,
bin ich schon wieder da.« Durch das Hoftor trat er auf die Straße.
Dabei sah er die Stelle an, wo Karlin am Morgen nach der Brandnacht zu
ihm gesagt hatte: »Vergelts Gott, Mathes!«
Um zwei Uhr brachte er seinen Koffer, war schon im Arbeitsgewand und
ging gleich in den Stall.
Als Karlin im Lauf des Nachmittags über den Hof ging, vernahm sie
seine Stimme. Sie trat unter die Stalltür und hörte, wie er die Leute
mahnte, beim Auslegen des Futters nicht soviel zu verstreuen. Die Kühe,
meinte er, müßten am Barren näher aneinandergerückt werden, damit sie
durch Wühlen und Schleudern nicht soviel Futter verderben könnten.
Diese Umstellung begann er gleich ins Werk zu setzen. Karlin sah sein
flinkes Schaffen eine Weile mit an, und als seine Augen einmal den
ihren begegneten, nickte sie ihm lächelnd zu. Dann kehrte sie ins Haus
zurück, atmete auf und strich die losen Härchen hinters Ohr. Droben
in der Stube setzte sie sich ans Fenster, um Wäsche durchzusehen und
auszubessern. Sie arbeitete bis zum Abend und bei der Lampe noch bis
spät in die Nacht. So gut wie heute war ihr die Arbeit noch selten von
der Hand gegangen.
Alle anderen im Hause lagen um zehn Uhr abends schon in den Federn. Nur
Mathes saß noch wach in seiner dunklen Kammer, rauchte sein Pfeifl,
überlegte die Arbeit des kommenden Tages und blickte auf den Schnee
hinaus, über den aus einem Fenster des oberen Stockes die rötliche
Helle der Lampe fiel.
Am folgenden Mittag kam Purtscheller von der Jagd zurück, in guter
Laune. Er hatte eine Doublette auf Gemsböcke gemacht; auch stand ihm
für heut noch eine weitere Freude bevor: sein neuer Traber sollte im
Purtschellerhof Einzug halten. Persönlich überwachte Toni die Säuberung
des Raumes, der an Stelle des verewigten ›Herzbinkerl‹ den edlen
›Lüftikus‹ beherbergen durfte. Als Purtscheller auch den großen Stall
der Milchkühe betrat, bemerkte er die praktische Änderung. »Schau, dös
hab ich selber schon allweil machen wollen! Dazukommen bin ich halt
net.«
Bei Einbruch der Dämmerung wurde ›Lüftikus‹ von einem Stallknecht des
Händlers aus der Stadt gebracht. Der Bursch hatte eine blutige Hand,
und vor Ermüdung vermochte er sich kaum aufrecht zu halten; so übel
hatte das Pferd ihm während der Wanderung mitgespielt. Dazu lachte
Purtscheller. »Für an richtigen Gaul ghört halt 's richtige Mannsbild.«
Stolz, mit strahlendem Gesicht, musterte er das Tier. Es war ein Rappe
von edlem Blut und strammer Schönheit; aber ein scheues Feuer glomm in
den schillernden Augen des Pferdes; wenn ihm jemand nahe kam, begann
es zu tänzeln oder zitterte an allen Gliedern. Seinen Einstand in
›Herzbinkerls‹ Stall feierte ›Lüftikus‹ mit einem wilden Aushieb,
der die Holzrampe zertrümmerte. Mathes mußte kommen, um das Tier zu
bändigen. Als er ihm den Halfter angelegt und die Decke umgeschnallt
hatte, sagte er: »Herr Purtscheller! Ich möcht Ihnen raten, daß S' den
Gaul wieder weggeben. Und wann's mit Schaden wär.«
Purtscheller lachte. »Ah na! Daß ich so an Wildling zwing, dös prickelt
mich grad!«
Die erste Bändigungsprobe, die Purtscheller am nächsten Morgen
unternahm, fiel glücklich aus. Er hatte nun doppelte Freude an seinem
›Lüftikus‹ und widmete dem Training des Pferdes jeden Tag, den ihm
nicht die Jagd oder ein Zimmerstutzen-Schießen wegnahm. Wenn er,
selten, einen Blick in die Wirtschaft warf, mußte er mit Staunen das
Neue und Gute gewahren, das Mathes mit rastlosem Fleiß geschaffen
hatte. Von Woche zu Woche wuchsen die Beträge, die Purtscheller für
Milch und Butter verrechnet erhielt. Mathes verlangte selten Geld, und
so kam Purtscheller mit seinem neuen Meier leidlich aus. Bei Tonis
reizbarem Naturell und bei seiner Gewohnheit, zur Unzeit den Herrn
herauszukehren, ging es ganz ohne Reibereien nicht ab. Es wäre manchmal
zu bösen Szenen gekommen, hätte Mathes nicht die Überwindung gefunden,
Purtschellers aufbrausende Grobheit schweigend hinzunehmen. Höchstens
sagte er: »Sie wissen net, was S' reden, Herr Purtscheller!«
In diesen Wochen fand Karlin nur selten Gelegenheit, mit Mathes ein
paar Worte zu wechseln. Er war vor dem Morgen auf und hatte bis spät in
die Nacht zu schaffen. Fast immer fehlte er beim Mittagstisch und ließ
sich, wenn er grade Zeit hatte, in der Küche einen Bissen reichen. Da
glaubte Karlin zu bemerken, daß er geflissentlich jede Begegnung mit
ihr zu vermeiden suchte. Weshalb? Das verstand sie nicht. Eines Tages
sprach sie ihn deshalb an. »Warum tust du so fremd? Ich hab doch nie a
Wörtl gsagt, dös dich verdrießen hätt können?«
»Gwiß net!«
»No also! Und wie stellst dich denn zu mir!«
»Wie der Knecht zur Bäurin!« sagte er ruhig.
Sein Wort machte sie fast böse. »Der Toni und ich, wir wissen doch, was
wir haben an dir. Du bist doch mehr wie der Knecht im Haus.«
Er schüttelte den Kopf. »Mehr will ich net sein. Und jetzt muß ich zur
Arbeit.«