Zwölftes Kapitel

Ein Morgen von schneidender Kälte. Die Raben waren aus den Wäldern

bis in die Dorfgärten geflogen, und mit aufgeblähtem Gefieder saßen

die Meisen und Sperlinge in den verschneiten Hecken. Laut krachte der

Schnee bei jedem Tritt, als Mathes gegen neun Uhr morgens in den

Vorgarten des Purtschellerhofes trat. Er trug die Soldatenhose, die

blaue Mütze und seine Sonntagsjoppe. Sorgfältig klopfte er den Schnee

von den Beinkleidern und kratzte ihn mit einem Reis von den Schuhen;

in der warmen Stube wäre der Schnee geschmolzen; so was ist immer ein

Kummer für eine junge Frau, die auf Sauberkeit in ihrem Hause hält.

Mathes sah jünger aus als sonst; der Niederstieg über den verschneiten

Berghang hatte sein Gesicht gerötet. Als er die Haustür öffnete,

zitterte seine Hand. In der Küche sah er die Magd beim Herd. »Is der

Herr Purtscheller daheim?«

»Ja. Geh nur auffi!«

Während er die weißgescheuerte Treppe hinaufstieg, vernahm er aus der

Wohnstube das Kichern einer Mädchenstimme. Die Tür wurde aufgerissen,

und mit zerzaustem Haar kam Zäzil über die Schwelle gestolpert. Eine

Münze fiel ihr aus der Hand und rollte über den Treppenflur bis zu

Mathes' Füßen -- ein Goldstück. Er wollte es aufheben. Zäzil raffte

hurtig die Münze vom Boden. Das zerzauste Haar glättend, huschte sie

über die Treppe hinunter. Mathes sah ihr nach; alle Farbe schwand aus

seinem Gesicht. Dann ging er zögernd zur Tür und pochte.

»Herein!«

Purtscheller saß in Hemdärmeln hinter dem Tisch, mit der qualmenden

Zigarre. In der Fensternische hatte er eine Flasche Tiroler stehen.

Der Tisch war mit Banknoten und Goldstücken bedeckt, die zu kleinen

Stößen geordnet waren. »Mathes? Du? Ah, schau!« Purtscheller lehnte

sich behaglich zurück. »Hast dir mein' Antrag überlegt?«

»Ja, Herr Purtscheller. Wann S' mich brauchen können?«

»Was brauchen!« Purtscheller blies eine Rauchwolke vor sich hin. »Einer

wie ich, der ~alle~ haben kann, steht auf an einzigen net an. Aber

ich weiß, was ich krieg an dir. Die Sach is abgmacht. Ich hab an harten

Winter vor mir und muß viel außer Haus sein. Da is mir's lieb, daß ich

ein' daheim weiß, auf den Verlaß is.«

»Wollen S' d' Arbeit im Holzschlag droben selber überwachen?«

Purtscheller lachte. »Ah na! Den Schmarren hab ich verkauft bei Butz

und Stingel. Aber a Winter wie der heurige treibt 's Hochwild auf d'

Felder. Da muß fleißig abgschossen werden, wann uns der Wildschaden net

übern Kopf wachsen soll. Die halbe Woch geht mit die Jagden drauf. Und

gestern in der Stadt hab ich an neuen Traber kauft. Morgen kommt er.

Den tauf ich auf den Namen Lüftikus. Gleich beim ersten Versuchsfahren

wär er durchgangen, wann net der Herr Purtscheller am Bockschlitten

sitzt. A narrischer Kerl! Aber ich gewöhn ihm seine Mucken ab. Bei mir

lernt er was. Mein Herzbinkerl selig is gwiß an erstklassiger Traber

gwesen, aber aus'm Lüftikus bring ich noch was Bessers aussi. Freilich,

den Winter wird's kosten. Aber spitzen sollen s', die gwissen Herrn,

beim Frühjahrsmeeting! Geh, setz dich a bißl! Sonst tragst mir am End

den Fried aus'm Haus, wie 's Sprichwort sagt.«

»Auf mich paßt's net!« erwiderte Mathes ernst. »Was an ~mir~

liegt, will ich beitragen, daß der Fried daheim is in Ihrem Haus.« In

einiger Entfernung vom Tische setzte er sich auf die Wandbank.

»No also, wann kannst einstehn?«

»Heut noch. Aber an Fürhalt muß ich machen. Im Fruhjahr, wann der Berg

's Laufen wieder anfangt, da müssen S' mich freigeben.«

»Für ganz?« fragte Purtscheller enttäuscht.

»Solang mich der Vater braucht.«

»No ja, meintwegen. Lang dauert's net im Fruhjahr, wann 's Wasser amal

stark wird. Da wird bald alles drunt liegen im Bach.« Purtscheller

steckte eine frische Zigarre in Brand. »Red dem alten Trotzkopf zu, daß

er abizieht, eh der Winter ausgeht. Sonst passiert an Unglück.«

Mathes schwieg.

»Also, und so wären wir in Ordnung! Magst an Vorschuß haben? Geld liegt

da wie Heu!«

»Z'erst will ich arbeiten. Mit'm Lohn hat's Zeit.« Mathes erhob sich.

»Jetzt weisen S' mich halt in d' Arbeit ein!«

»Dös pressiert net. Z'erst muß ich dös Geld da überzählen.«

Purtscheller begann die Banknoten abzublättern und die Geldstücke zu

sortieren. »Was meinst, wieviel da liegt am Tisch?«

»Auf 's Geldschätzen versteh ich mich net.«

»Ganze zehntausend Mark! Ja, mein Lieber, so was kannst öfters bei

mir sehen! Erst gestern hab ich in der Stadt drin dem Schloßbräu

fufzgtausend blank auf'n Tisch hin gstrichen. Der hat Augen gmacht.

Beim nächsten Rennen soll er noch ganz anders dreinschauen! Der!«

Purtscheller zählte: »Dreihundert, vierhundert, fünfe, sechse, siebne,

achte, neune, viertausend.«

Vom Treppenflur ließ sich ein leichter Schritt vernehmen. Fester schloß

Mathes seine Hände um die Mütze. Karlin trat ein. Auf der Schwelle nahm

sie ihrem Bübchen die Pelzmütze ab und löste das wollene Tuch, das dem

Kind um den Hals geschlungen war. »So! Sag dem Vater schön Grüß Gott!«

Als sie sich aufrichtete, sah sie das Geld auf dem Tisch. Ihre Lippen

zitterten. Mathes erhob sich. Jetzt erst gewahrte ihn Karlin. »Mathes!«

Die Freude leuchtete aus ihren Augen.

»Ja, der Mathes steht bei uns ein!« sagte Purtscheller. »Sechse,

siebne, achte, neune, fünftausend.«

Wortlos ging Karlin auf Mathes zu und streckte ihm die Hand hin. Er

nahm sie. »Grüß Gott, Frau Purtschellerin!«

Sie lächelte. »Purtschellerin? Was fallt dir denn ein! Sag Linerl! Ich

bin's doch seit der Kinderzeit net anders gwöhnt von dir.«

»Dös sind andere Zeiten gwesen, Frau Purtschellerin.«

Der laufende Berg · 第 40 / 60 题