»D' Simmerauer-Vroni.«
Da schwiegen die Hammerschläge, und heiß fuhr es über das rußfleckige
Gesicht des Schmiedes. »Hat dich 's Madl gschickt, daß d' mir's sagen
sollst?«
»Ah na! Sie is bloß zur Bäckin kommen.«
»So, so?« Wütend drosch er auf das Eisen los. »Ich laß gute
Unterhaltung wünschen!« Er hämmerte, daß die glühenden Funken bis in
die äußersten Winkel der Werkstätte flogen. Nach einer Weile zog es ihn
aber doch hinüber. Als er in die Krankenstube trat, sah er nur die Magd
am Bett sitzen. »Wo is denn die ander?« fragte er enttäuscht.
»Ich weiß net, was 's Madl ghabt hat! Jetzt grad, wie drüben die
Hammerschläg ausgsetzt haben, springt s' auf und rennt davon wie
narrisch!«
Schorschl machte auf der Schwelle kehrt und stapfte wieder in die
Werkstätte zurück.
Der folgende Tag war ein Sonntag. Vor Beginn des Hochamtes
stand Schorschl, mit seinem besten Feiertagsstaat angetan, im
verschneiten Kirchhof und musterte die Leute, die zur Messe
kamen. Die Purtschellerin, die allein den Kirchhof betrat, redete
ein paar freundliche Worte mit dem Schorschl. Dafür schien der
Purtscheller-Toni, der eine Weile später in lustigem Geplauder mit
Zäzil kam, den Schorschl für Luft anzusehen. Der Daxenschmied zuckte
die Achseln und lachte. Dann wurde er unruhig. Der alte Simmerauer mit
seinen Kindern und Enkeln hatte den Kirchhof betreten. »Grüß Gott!«
sagte Schorschl, wobei seine Stimme so heiser klang, so daß er sich
räuspern mußte. »Jetzt heißt's Schnee stapfen! Gelt?«
»Ja!« Der Alte lächelte. »Jetzt haben wir a bißl Ruh, da droben.«
Michel und Mathes reichten dem Daxen-Schorschl die Hand und fragten,
wie es der Bäckin ginge. Vroni, welche die beiden Kinder führte, drehte
das Gesicht auf die Seite und wanderte stumm vorüber.
»No also! Jetzt hab ich die Quittung drauf!« Dem Daxenschmied war die
Lust vergangen, seiner Christenpflicht zu genügen. Er surrte nach
Hause, und weil er die Sonntagsruhe durch Hammerschlag nicht stören
durfte, stellte er sich mit der Feile an den Schraubstock.
Während der nächsten Tage war Schorschl in schrecklicher Laune. Die
Bäckenmahm lag bewußtlos im Fieber, und dem Schmied wuchsen die Sorgen
über den Kopf. Um alles herzuschaffen, was die Kranke brauchte, mußte
er die Kreide reichlich in Anspruch nehmen. Sein ganzer Barbestand
waren Vronis dreißig Pfennige, die er sorgsam eingewickelt in seinem
Kleiderkasten versteckt hielt. Und da trat noch eines Morgens der alte
Rufel mit dem Zwerchsack in die Schmiede. »Mar' und Josef!« stotterte
Schorschl. »Jetzt kommt der auch noch!«
Rufel legte neben der Tür seinen Binkel nieder, zog die Schlappmütze
und machte eine devote Verbeugung. »Erlauben Se gefälligst, Herr Dax,
daß ich Ihnen untertänigst wünsch en recht guten Morgen!«
Schorschl trat den Blasbalg und schielte über die Schulter. »Was wollen
S' denn?«
»Weil ich grad vorübergeh, hab ich bei Gelegenheit nachfragen wollen,
ob der Herr Dax nix brauchen? Sagen wir: e bißl Eisen, oder en feinen
Stahl, oder e Werkzeug? Oder sagen wir meintwegen auch: e Geld?«
Schorschl riß Maul und Augen auf.
Schmunzelnd nahm Rufel die langen Flügel seines Rockes auseinander und
setzte sich auf den Amboßblock. »Nu? So reden Se doch, Herr Dax! Wollen
Se haben e Geld?«
Schorschl ließ den Blasbalg ruhen und kraute sich hinter den Ohren.
»Geben S' mir denn eins?«
»Hätt ich sonst gefragt? Sagen Se mir, wieviel Se brauchen, und der
Rufel wird Ihnen schaffen das Geld bis morgen. Ich weiß doch, Se
brauchen Geld ins Geschäft und brauchen Geld für die kranke Frau, was
Se haben im Haus. Gott soll Ihnen lohnen, was Se haben getan an der
armen Bäckin! Aber nu reden Se doch emal! Wieviel brauchen Se? Durch
vierzehn Tag hab ich gesehen, wie Se stehen bei der Arbeit von Früh bis
Nacht. Ich kann Ihnen sagen, Herr Dax: alle Achtung! Ich hab wieder
Vertrauen zu Ihnen, Se können haben vom alten Rufel, was Se wollen!«
»Rufel!« stammelte Schorschl. Mit beiden Fäusten packte er die dürre
Hand. »Geh her, alter Jud! Dich hat mir unser Herrgott gschickt!«
Rufel krümmte sich vor Schmerz bei diesem Händedruck. »Waih geschrien!
Lassen Se aus, Herr Dax!« Vorsichtig rieb er die gequetschte Hand.
»Und machen Se mir nix solche Sprüch mit dem Herrgott! Mich hat nix
geschickt der Ihrig, mich hat nix geschickt der meinig. Ich bin selber
gekommen, weil ich weiß, beim Herrn Dax is e Geschäft zu machen! Aber
nu sagen Se doch emal, wieviel Se brauchen!«
»Viel, Rufel!«
»Viel? Was heißt: viel? Für en Menschen, der nix bezahlt, is e Mark
viel Geld. Für en Mann, wie der Herr Dax, wo ich weiß, ich krieg mein
Geld mit Zinsen wieder, sennen tausend Mark e Kleinigkeit! Wollen Se
~haben~ tausend? Ich geb's!«
»Meiner Seel, so viel wird's bald ausmachen!«
»Glauben Se, der Rufel kann nix rechnen?«
»Vierhundert brauch ich auf meine Schulden. An die hundert hab ich
Gott sei Dank schon abzahlt.«
»Dreiezwanzig haben Se abgezahlt bei der Kramerin«, unterbrach ihn
Rufel, »sechsedreißig beim Schneider, macht neunefunfzig. Sennen noch
lang keine hundert. Nix übertreiben, Herr Dax! Ich bin schon zufrieden,
daß Se haben abgezahlt neunefunfzig.«
Schorschl lachte zu dieser genauen Rechnung. »No ja, und zweihundert
brauch ich auf d' Hand, daß ich d' Mahm ohne Sorgen über'n Winter
bring und einkaufen kann, was ich in d' Werkstatt brauch! Dazu die
vierhundert, die an Neujahr bei Ihnen fällig sind.«
»Die können Se lassen stehen. Und die anderen sechshundert sollen Se
haben bis morgen. Se zahlen mir sieben Perzent. Fünfe muß ich selber
geben, und verdienen möcht der Rufel auch e bißl was. Zeit will ich
Ihnen lassen zwei volle Jahr. Geben Se mir die Hand, Herr Dax, und das
Gschäft is gemacht.«
»Vergelts Gott, Rufel!« sagte Schorschl und drückte dem Alten die Hand,
diesmal gelinder. »Da haben S' mir mit christlicher Nächstenlieb aus'm
Wasser g'holfen.«
»Nächstenlieb!« Rufel schnitt eine Grimasse. »Lassen Se mich in Ruh
mit so en großen Wort. Nächstenlieb is e schöne Sach, aber haben muß
man was davon. Ich geb Ihnen das Geld, weil ich bei Ihnen verdien mit
Sicherheit. Und daß wir das auch noch bereden: ich will nix herumgehen
im Dorf, Ihre Schulden bezahlen, sondern geb Ihnen das Geld auf die
Hand. Ich weiß, Se werden machen glatte Ordnung. Und de Leut sollen nix
herumtratschen, daß der Herr Dax is aufgekauft worden vom Juden.«
»Fragen werden d' Leut aber doch, wo 's Geld her is?«
»Sagen Se, daß Se gemacht haben en Treffer. Da kriegen de Leut Respekt.
Und nu machen Se so fort, wie Se haben angefangen. In zwei Jahr können
Se sagen: der Rufel hat's gesagt, Ihr Haus wird sein wie e schöner
grüner Berg, was steigt in die Höh und nix lauft herunter, so, wie
herunterlauft en anderes großes, schönes Haus im Dorf. Aber ich will
nix gesagt haben!« Rufel hob seinen Zwerchsack auf die Schulter.
»Den Purtscheller meinen S'?«
»Ich will nix gesagt haben. Aber stecken möcht ich nix in der Haut, in
was steckt der vornehme, feine Herr Purtscheller! Unter uns gesagt:
helfen hab ich ihm wollen! Seiner guten Frau zulieb. Aber was sag ich
Ihnen! Mit dem Schießgewehr is er auf mich losgegangen. Als wär der
alte Rufel e Gamsbock. Nu? Jetzt hat er sich eingelassen mit einem, vor
dem soll Gott ihn bewahren bis zu hundert Jahr! Und da legen se jetzt
e Hypothek von achtzigtausend Mark auf den Hof! Achtzigtausend Mark!
E schwer Geld, Herr Dax! Hat e Gewicht, daß es wird eindrücken an dem
schönen Haus das Dach und alle Mauern!«
»Um Gotts willen«, stammelte Schorschl, »hat denn der Purtscheller
sein' Verstand verloren?«
»Mein lieber Herr Dax! Man kann nix verlieren, was man sein Leben lang
nix gehabt hat. Noch e Jahr, und dem feinen Herrn Purtscheller wird nix
mehr viel übrigbleiben! Mich erbarmt nur de arme Frau!« Rufel rückte
den Zwerchsack höher auf die Schulter. »Und nu bitt ich, erlauben Se
gefälligst, Herr Dax, daß ich auf Ihrem Herd mir koch mein bißl Essen!
Ich werd Ihren Herd schön sauber wieder fegen, damit Se nix haben e
Grausen!«
»Aber Rufel!«
»Nu!« Ein schmerzliches Lächeln zuckte um den welken Mund des Alten.
»Bin ich doch gewöhnt zu rechnen mit solche christliche Sachen. Bleiben
Se, bitt ich, Herr Dax! Ich will Se nix abhalten von der Arbeit. Das
Holz trag ich mir selber, e Topf und e Fleisch und e Brot, alles hab
ich bei mir. Nix brauch ich als wie e Schwefelhölzl. Das hab ich selber
im Sack. Bleiben Se, arbeiten Se fleißig und erlauben Se gefälligst,
daß ich Ihnen wünsch en recht en schönen Tag!« Mit tiefem Bückling
drückte sich Rufel zur Tür hinaus, die in den Hausflur führte.
Schorschl, aufatmend, streckte die nackten, sehnigen Arme. Lachend
faßte er den schweren Hammer, der das große Loch in die Mauer des
brennenden Bäckerhauses gebrochen hatte, und versetzte mit übermütig
spielender Kraft dem Amboß einen Streich, daß es hell wie ein
Glockenton durch alle Mauern des Hauses klang und weit hinaus ins Dorf.
Am folgenden Morgen brachte Rufel das Geld. Nun konnte Schorschl die
Runde bei seinen Gläubigern machen. Da gab es ein heiliges Staunen und
ein wortreiches Glückwünschen. Rufel hatte am vergangenen Abend noch
dafür gesorgt, daß die Nachricht vom Glück des Daxen-Schorschl, der
›gemacht hat e so en schönen Treffer‹, von Haus zu Haus wanderte. Das
Gerücht fand seinen Weg auch in die Simmerau. Während Mutter Katherl
dieses unverhoffte Glück auf Rechnung des ›lieben Herrgott‹ setzte, der
den Daxen-Schorschl für die ›Guttat an der Bäckin‹ belohnen wollte,
stammelte Vroni: »Mar' und Josef! Wann er dös viele Geld nur net
verjucken tut!«
»Na, na! Wie magst denn so ungut denken? Es kann sich doch einer auch
zum Bessern ändern!«
»Der net!«
Der Ton dieser Antwort schien dem Simmerauer nicht zu gefallen! »He!
Du?« Bevor er weiterreden konnte, legte ihm Mathes die Hand auf den
Arm: »Geh, Vater, laß 's Madl in Ruh!«
Vroni hatte die Stube verlassen und war vor die Haustür getreten. Hof
und Garten waren hoch verschneit. Der Schnee funkelte in der Sonne,
und lautlose Winterstille lag über dem weißen Berggehäng. In diesem
frostigen Schweigen tönte durch die klare Luft ein leiser, kaum noch
vernehmbarer Hall aus dem Tal herauf: kling, kling, kling, kling. Das
setzte immer aus und tönte nach einer Weile wieder: kling, kling,
kling, kling. Mit finsterem Gesicht wandte Vroni sich in den Flur
zurück und brummte: »So an Spitakel machen, daß man's bis da auffi
hören muß!« Verdrossen ging sie an ihre Arbeit.
Still und einförmig verliefen in der Simmerau die Tage. Neuer Schnee
fiel auf den alten und machte den Weg ins Dorf zu einer schweren
Mühsal. Aber in dem kleinen Haus begrüßte man den Winter wie einen
Erlöser. Der strenge Frost hatte den rinnenden Boden in starre Fesseln
gelegt, das nagende Wasser in unbewegliches Eis verwandelt. Wohl war
die Ruhe, die der Simmerauer mit den Seinen gefunden hatte, nur eine
äußerliche; die Furcht vor dem Frühjahr legte sich am Abend mit ihnen
schlafen und war mit ihnen am Morgen wieder auf den Beinen. Vorerst
aber war doch Zeit gewonnen, und man konnte die mürbgewordenen Glieder
rasten lassen. An dieser Ruhe hatte Vroni keinen Anteil. Sie erledigte
mit einer mürrischen Beschäftigungswut alle Arbeit im Haus, so daß
für Mathes nichts mehr zu schaffen blieb. Immer schwermütiger blickten
seine stillen Augen. Eines Abends sagte er: »Schau, Vater, d' Arbeit
bei uns hat an End. Ich kann dir doch net den ganzen Winter faul auf
der Schüssel liegen.«
»Aber Mathes!« Michel legte seinem Buben die Hand aufs Knie. »Wo fünfe
essen, ißt der sechste auch noch mit. Freilich därf ich dir's net
wehren, daß dir was verdienst den Winter über. Schau, der Purtscheller
hat 's Fallholz in seim Wald drüben verkauft. Da fangt man bald 's
Arbeiten an. Wann an Holzknecht machen tätst? Da kriegst a nobles Geld.
D' Liegerstatt und 's Essen hast bei mir. Da kannst ebbes sparen und
bist daheim.«
»Ja, ja!« sagte Mathes zögernd.
»Oder hättst was anders in Aussicht?«
»Denkst nimmer an 's selbig Anbot, dös mir der Purtscheller gmacht
hat? Und weißt doch selber, was d' Leut allweil reden. Ich mein', der
Purtscheller kunnt mich brauchen.«
»So?« Dem Alten wollte die Stimme nicht recht gehorchen. »Freilich! Wie
der Hungrige 's Brot, so kunnt er dich brauchen. Aber --«
»Was, Vater?«
»Wann er ein' hat, wie du einer bist, den wird er im Frühjahr nimmer
auslassen.«
»Dös mach ich zur Bedingnis, daß er mich freigeben muß, wann mich der
Vater braucht.«
Michels Sorge schien beschwichtigt. Eine Weile redeten sie noch weiter,
dann erhob sich Mathes und verließ die Stube. Aufatmend trat er ins
Freie. Über ihm funkelten die Sterne der klaren Winternacht, und in der
Tiefe blitzten kleine Lichter, als läge ein See dort unten, in dessen
Wasser sich die Sterne des Himmels spiegelten. Mit den Händen auf dem
Rücken, stand Mathes im Schnee, so versunken in Gedanken, daß er den
Schritt der Schwester nicht hörte.
»Mathes?« Ihre Stimme war rauh vor Aufregung. »Is dös wahr, was mir der
Vater gsagt hat?«
Er nickte.
»Mathes! Hast dir's gut überlegt?«
»Ja. Ich denk mir, es kunnt ihr d' Sorg a bißl leichter machen, wann s'
ein' hat, der bei der Arbeit einholt, was der Toni versäumt.«
»Mathes!«
»Red mir net ab! Ich ~muß~.«
Das schien sie zu verstehen. Nach einer Weile fragte sie leis: »Tust
dich der Gfahr net fürchten?«
»Gfahr?« Er schüttelte den Kopf. »'s Linerl hat den Toni gern. Was
liegt an ~mir~? Ich bin z'frieden, wann ich ihr a bißl helfen
kann.«
Mit jäher Bewegung legte sie den Arm um seinen Hals, als möchte sie
den Bruder vor den Schmerzen beschützen, denen er entgegenging. Er
zog die Schwester an sich. Und weil er im Schweigen des Abends den
verschwommenen Hall der Hammerschläge vernahm, die drunten im Dorf noch
immer rastlos klangen, sagte er lächelnd: »Hörst ihn? Wie fleißig als
er hammert bis in d' Nacht eini!«
»Geh!« murrte Vroni. »Tu mich du auch noch plagen!« Dann drückte sie
das Gesicht an den Hals des Bruders.
Er streichelte ihr Haar. »Wann er bei der Arbeit festhalt, laßt er
auch bei der Lieb net aus. Sei nur ~du~ gscheid! Und tu dir nix
vergeben, eh dir net sagen kannst: ~er~ is dich wert!« Mit beiden
Händen nahm er ihren Kopf und sah ihr beim Sternschein in die Augen.
Wortlos stapften sie durch den Schnee, und als sie den Flur betreten
hatten, stieß Mathes an der Haustür den Riegel vor.