Auf der Straße begann das Leben des Morgens. Die Ochsengespanne
zogen mit schwerem Schritt, die Leiterwagen rasselten, und die Leute
gingen ihrer Arbeit nach. Der erst halb zerflossene Rauch der beiden
Brandstätten lag wie ein Schleier über dem ganzen Tal, und der
widerliche Geruch des verbrannten Mehls erfüllte die Luft. Das war
kein Morgen, um die Menschen fröhlich zu stimmen. Dennoch gingen die
Leute auf der Straße mit vergnügten Gesichtern aneinander vorüber.
Jeder freute sich, daß das Unglück dieser Nacht an ~seinem~ Haus
vorbeigeschritten war.
Von Purtscheller wurde wenig geredet, nur von Karlin und von der armen
Bäckin. Der Toni würde den Stadel im Frühjahr wieder aufbauen und
könnte den Schaden verschmerzen. Aber die Bäckin, die zur Bettlerin
geworden? Dazu wäre sie so elend, daß man für ihre ›dicke‹ Gesundheit,
vielleicht sogar für ihr Leben fürchten müßte. Wenigstens hätte der
Doktor, den Schorschl noch in der Nacht gerufen, ein bedenkliches
Gesicht gemacht.
Der Hof der Daxen-Schmiede wurde nicht leer von Leuten, die aus Neugier
oder Mitgefühl nach dem Befinden der Bäckin fragen wollten. Mit leisem
Schwatzen standen sie um das Tor gedrängt, das Schorschl in der Nacht
eingedrückt hatte, und lugten durch die Spalten der Bretter, um einen
Blick in das Innere der Werkstätte zu erhaschen.
Vor dem Fenster, das gegen den Obstgarten der Schmiede ging, hatte sich
Vroni einen Platz erobert; hier stand sie, spähte bald durch die halb
erblindete Scheibe, bald wieder fuhr sie erschrocken zurück, als hätte
sich in der Werkstätte ein schreckhaftes Ungeheuer dem Fenster genähert.
Der Morgen wurde heller und heller. »Jesses, na! Ich muß heim!«
murmelte Vroni. Aber das ›Mitleid mit der Bäckin‹ war so stark in ihr,
daß sie das Fenster nicht verlassen konnte. Die anderen Neugierigen
verzogen sich, nur Vroni zögerte noch immer.
Hinter ihr im Garten klangen die Beilschläge der beiden Zimmerleute,
die im ersten Morgengrau begonnen hatten, die neuen Türen zu zimmern,
die man in die Stubenwände der Daxen-Schmiede einsetzen mußte, um
die Bäckenmahm aus der Werkstätte in einen wohnlicheren Aufenthalt
verbringen zu können. Vorne im Haus waren auch schon die Maurer bei der
Arbeit, um die alten Türstöcke auszubrechen und die Lichtung in der
Mauer zu erweitern.
Vroni hörte die Zimmerleute im Garten von dem ›Gfrett‹ reden, das der
Daxen-Schorschl haben würde, um in dem der Gant zulaufenden Hause sich
selbst, die Bäckin und dazu noch die Magd zu erhalten, die ihm zur
Pflege der kranken Frau unentbehrlich war. »Man müßt ihm eigentlich
a bißl beispringen«, meinte der Zimmermeister, »und schauen, daß ihm
d' Leut wieder Arbeit zutragen.« Vroni atmete so erleichtert auf,
als hätte man ihr selbst eine Wohltat versprochen. Freilich, mit dem
›Wildling‹ hatte sie ausgeredet, ein für allemal! Aber wenn die Leute
dem Daxen-Schorschl auf die Beine halfen, das kam doch auch der armen
Bäckin zugute. »Jetzt ~muß~ ich aber heim!« Seufzend über das
›harte Los der Bäckin‹, warf sie noch einen letzten Blick durch die
trübe Scheibe und fuhr mit purpurrotem Gesicht zurück.
Schorschl war aus der Werkstätte getreten und ging zum Brunnen. In
den Händen hielt er eine irdene Schüssel mit einer Wasserflasche
und zwei Gläsern; ein paar nasse Handtücher hingen ihm über die
Schulter. Er trug noch die von Brandlöchern durchsiebte Joppe;
das Gesicht hatte er gewaschen; dabei hatte er freilich nur den
Ruß und Mörtelstaub weggebracht; die roten Schrunden, die ihm die
scharfkantigen Mauerbrocken in Stirne, Nase und Wangen gerissen hatten,
waren geblieben; und auf der einen Seite des Kopfes hatten ihm die
Feuerfunken das Haar bis auf die Haut versengt; das war anzusehen,
als hätte der Daxen-Schorschl Türke werden wollen, sich aber mit halb
rasiertem Kopf noch eines Besseren besonnen.
Beim Brunnen pumpte er so energisch, daß das Wasser mit dickem Strahl
aus der Röhre schoß. Freilich, aufs ›pumpen‹ verstand sich Schorschl
wie kein anderer. Dann begann er die Handtücher auszuwaschen und die
Gläser zu spülen. Er stellte sich durchaus nicht ungeschickt. Aber
Vroni, die hinter der Hausecke hervorguckte, meinte doch, daß ihm diese
Frauenzimmerarbeit nicht recht von der Hand ginge. Wär's ein anderer
gewesen als der Daxen-Schorschl, sie wäre flink zum Brunnen gesprungen.
Aber ›dem da‹ helfen? Nicht um die Welt!
Während Schorschl wusch und plätscherte, sah er einen Buben mit dem
Schulränzl kommen und rief ihm zu: »Du, lauf zum Wirt ummi und sag, er
soll mir an Zuber voll Eis ummischicken.«
»Ich kann net, ich muß in d' Schul.«
Schon wollte Schorschl dem Buben ein paar gesunde Grobheiten mit auf
den Weg geben, als er hinter sich eine scheue Mädchenstimme fragen
hörte: »Schorschl? Soll ~ich~ ummispringen zum Wirt?«
Der Daxen-Schorschl fuhr auf, als hätte der Blitz vor ihm
eingeschlagen. Während er die Finger spreizte, von denen das Wasser
niedertropfte, betrachtete er zuerst das Mädel vom Kopf bis zu den
Füßen, dann die Kratzwunden auf seiner Hand. »Was willst denn?«
Die Antwort klang nicht freundlich. »Ob ich net a bißl helfen muß, hab
ich gmeint?«
»So, so?« Schorschl streifte mit schiefem Blick die blaue Schürze, die
sich im kalten Morgenwind bewegte. »Helfen? Wie gestern vielleicht? Und
~mir~ willst helfen?«
»Na! Dir net! Der armen Bäckin aber gern!«
»Ich dank schön. Der Bäckin hilf ich selber. Pfüe Gott!« Mit diesem
Gruß ließ Schorschl das Mädel stehen und sprang zum Wirtshaus hinüber,
um das Eis zu holen.
Verblüfft und geärgert sah ihm Vroni nach. »Was kann denn dö arme
Bäckin dafür, daß ihr so einer helfen muß?« Sie ging zum Brunnen,
spülte das Geschirr, wusch die Handtücher, daß kein Fleck mehr an ihnen
war, und trug die Sachen in die Schmiede. »O du mein lieber Herrgott!«
stammelte sie, als sie bei dem Zwielicht, das die Morgenhelle und ein
in der Esse flackerndes Holzfeuer in dem großen, rußgeschwärzten Raum
verbreitete, die schwer geprüfte Frau in den von Schorschl aus dem
ganzen Haus zusammengeschleppten Decken und Kissen auf der Erde liegen
sah; weil man ein für ihren Umfang passendes Gewand zum Austausch
für die durchnäßten Kleider nicht hatte auftreiben können, hatte man
die Bäckin in zwei zusammengeheftete Leintücher und in den weiten
Wintermantel gehüllt, der noch von Schorschls Vater und Großvater
stammte. Ein nasser Umschlag bedeckte das halbe Gesicht; kraftlos lagen
die rund gepolsterten Hände auf der Decke und glühten von heißem Fieber.
»Schorscherl?« lispelte die Kranke, als sie den Schritt auf der
Schwelle hörte.
»Ich bin's, Bäckin, die Simmerauer-Vroni!«
»So? Wo is denn mein Schorscherl?«
»Ins Wirtshaus is er um a bißl Eis.«
»Kommt er bald wieder?«
»Ja, Bäckin!« Vroni hatte sich auf die Knie niedergelassen und
streichelte die heißen Hände der Kranken. »Gleich wird er wieder da
sein.«
Da atmete die Bäckenmahm auf. »Mein Schorscherl! Gott sei Dank, daß
ich ~den~ noch hab! Und so viel ungut bin ich gwesen, wie er
~mich~ braucht hätt!« Sie hörte einen Schritt. »Kommt er schon?«
Es war die Magd, die eine Schale mit Fleischsuppe brachte.
Hätte die Bäckin eine lange Stunde das Lob des Daxen-Schorschl
gesungen, es hätte bei Vroni nicht so tief gewirkt wie dieses
erleichternde Aufatmen der Kranken und der dankbar zärtliche Klang
dieses Namens: »Mein Schorscherl!«
Fürsorglich war Vroni der Magd behilflich, um der Kranken die
Suppe einzuflößen. Dann erhob sie sich und versprach, bald wieder
nachzuschauen, wie es der ›lieben Bäckin‹ ginge. Als sie in den Hof
hinaustrat, kam Schorschl mit dem Eis. Sie nickte: »Pfüet dich Gott,
Schorschl! D' Handtücher hab ich ausgwaschen.«
Er machte große Augen. Und während er kopfschüttelnd in die Schmiede
trat, brummte er: »Pfüet dich Gott, Katzerl!«
Unwillig blieb Vroni stehen. »Katzerl! Allweil: Katzerl! Ich möcht
nur wissen, was er meint mit dem unsinnigen Gred!« Sie machte Miene,
wieder umzukehren. Da sah sie, daß es durch die Lüfte weiß und gaukelnd
herunterfiel. Erst waren es nur vereinzelte Flocken; doch in der
Höhe verwandelten sich alle Wolken schon in wirbelnde Schleier. Mit
warmer Freude dachte Vroni an die Ihrigen. »Gott sei Lob und Dank! Der
Winter is da!« Sie begann zu laufen. Als sie an dem noch rauchenden
Brandschutt des Bäckenhauses vorüberkam, fielen die Flocken schon in
dichter Menge.
Straß auf und ab tönte das lustige Geschrei der Schulkinder, die ihre
Ränzlein zu Boden warfen, um den ersten Schnee von den Bretterplanken
zu streifen und die nassen Ballen mit sicher gezieltem Wurf hinter ein
ahnungsloses Ohr zu pflanzen. Das kreischende Spiel setzte sich von der
Straße in alle Gärten fort, sogar auf die Brandstätte, deren qualmende
Ruine den Humor der Kinder nicht zu beeinträchtigen vermochte. Auch gab
es hier ein wundersames Ereignis. Ein Junge, der im Garten der Bäckin
den Schnee zu einem Ballen zusammenraffte, hatte einen Apfel gefunden.
Das wäre für die Kinder nichts Neues und Erstaunliches gewesen. Aber
der Apfel war gebraten! Freilich kalt, aber wunderschön gebraten, recht
wie ein gebratener Apfel sein soll: auf der einen Seite weich, auf der
anderen noch etwas fester, damit man Abwechslung im Genusse hat.
Zuerst betrachtete der Junge seinen merkwürdigen Fund mit verblüfften
Augen; dann dachte er: probieren geht über studieren, und grub die
Zähne in den Apfel. Das schmeckte so gut, daß der Junge schmatzte vor
Vergnügen. Er rief seine Schwester und ließ sie am Apfel beißen. Die
anderen Kinder sammelten sich neidisch um das Paar, und plötzlich
machte jenes Bürschl, das für den Daxen-Schorschl nicht zum Wirt
hatte gehen wollen, weil es ›in die Schule mußte‹, die aufregende
Entdeckung, daß die vom Feuer versengten Bäume im Garten der Bäckin
noch voll von gebratenen Äpfeln hingen. Da gab es, während die Flocken
tanzten, bis in die höchsten Äste hinauf ein Klettern um die Wette.
Der Lehrer in der Schule konnte lang auf seine Schüler warten. Wie ein
lärmender Spatzenschwarm hockte die Kinderschar im Gezweig, speiste
die gebratenen Äpfel vom Baum und ergötzte sich an der wundersamen
Schlaraffiade, in die sich das Unglück der Bäckin verwandelt hatte.
Man konnte das vergnügte Kreischen der Kinder bis hinüber zur
Daxenschmiede hören. Weil die Flocken in die Werkstätte wirbelten,
mußte Schorschl das Tor schließen und die Lücken der eingedrückten
Bretter vernageln. Das wärmende Feuer in der Esse hatte er löschen
müssen, weil der flackernde Schein in der Fieberphantasie der Kranken
schreckende Bilder erzeugte. Jetzt war sie wieder bei Bewußtsein. Als
Schorschl den Eisumschlag auf ihrer Stirn wechselte, tastete sie nach
seiner Hand: »So viel Plag muß ich dir aufhalsen!«
»Macht nix, Mahmerl! Tu dich net aufregen! Schön langsam wird alles
gehn. Und geht's net auf ~zwei~ Füß, so mach ich noch zwei dazu.
Da geht's gschwinder.«
Die Bäckenmahm mußte lachen, und das brachte den Daxen-Schorschl noch
lustiger ins Plaudern.
»Was d' heut in der Nacht verloren hast, Mahmerl, dös kann ich dir
aus der Aschen nimmer aussikratzen! Viel is net dran an der irdischen
Nichtigkeit. So predigt der Pfarr an jedem Sonntag. Und hin is hin,
sagt der Teufel, wann die arme Seel in Himmel fahrt. Schlecht sollst es
net haben bei mir! Die feinsten Bröckerln sollst kriegen! Und wann ich
Zeit hab, fang ich dir die schönsten Forellen. Oft hab ich freilich net
Zeit. Jetzt muß ich arbeiten. Wie drei Rösser! Aber Arbeit is gsund,
sagen die faulen Leut zum Taglöhner. Und paß auf, Mahmerl: jetzt will
ich's bei der Arbeit grad so halten, wie's im Lumpenliedl heißt --« Mit
den Fingern schnalzend, begann er lustig zu singen:
»Und a richtiger Loder,
Kreuz Teufel juheh!
Der draht im Tag 's Unterste
Zwanzgmal in d' Höh!«
»Hör auf, Schorscherl!« stöhnte die Bäckenmahm. »'s Lachen tut mir so
viel weh!«
»Was? 's Lachen tut dir weh? Da wird's dir aber schlecht gehn bei mir!
Da wirst lachen müssen den ganzen Tag! Paß auf, wie schnackerfidel dös
zum anschauen is, wann ich dem Lüftigkeitsteufel in mir schön langsam
die Stockzähn ausreiß, ein' nach'm andern! Und geben mir d' Leut im
Dorf net Arbeit? Meintwegen! Sollen s' mich buckelkraxen tragen! In der
Stadt drin weiß ich an Fabriksherrn. Der gibt mir Arbeit gnug, wann
ich's gut und billig mach. Heut noch fahr ich in d' Stadt eini und
bring auf'n Abend an Wagen voll Arbeit mit! Und für dich a Bettstattl,
wo schön drin Platz hast, a zwieschläfrigs, weißt! Da bett ich dir auf,
aber nobel! So is kein Christkindl noch net glegen!« Schorschl erhob
sich vom Lager der unter Schmerzen lachenden Bäckenmahm, betrachtete
sinnend das sauber gewaschene Handtuch und tat einen brunnentiefen
Seufzer.
»Schorscherl?« lispelte die Kranke. »Was hast denn?«
»Nix hab ich, als an Kratzer auf der Hand. Der beißt mich.«
Zwei Stunden später, als der Schnee schon einen Schuh tief auf der
Straße lag, fuhr der Daxen-Schorschl mit dem Wagen, den er sich vom
Wirt gepumpt hatte, in die Stadt. Am Abend kehrte er zurück, mit
hundert Mark Vorschuß in der Tasche und mit reichlicher Arbeit für ein
Vierteljahr. Quer über den Eisenstangen, die auf dem Wagen rasselten,
schwankte die ›Zwieschläfrige‹, die er für die Bäckenmahm mitgebracht
hatte.
Es war an der Zeit, daß die Kranke in ruhigen Aufenthalt kam. Die
Befürchtung des Doktors, daß die Bäckenmahm den Schreck der Brandnacht
mit einem Nervenfieber bezahlen müßte, hatte sich bewahrheitet.
Ein Glück, daß auch der Maurer und die Zimmerleute tagsüber ihre
Schuldigkeit getan hatten! Die neuen Türen waren fertig und hatten eine
so geräumige Breite, daß Schorschl bei ihrem Anblick meinte: »Sakra!
Da kann ich amal mit meiner ganzen Familli am Arm durchmarschieren!«
Dieses Wort machte ihn nachdenklich. »Mit der Familli hapert's a bißl!
Schier glaub ich, daß ich mit der Bäckenmahm z'frieden sein muß.«
Die Türen bekamen noch Doppelwände aus dickem Strohgeflecht, damit der
Hammerlärm die Kranke nicht belästigen möchte. Und so konnte Schorschl
mit dem Morgengrau des folgenden Tages die Arbeit beginnen. Vom ersten
Licht bis zur sinkenden Dämmerung stand er am Amboß. Er hatte es nicht
nötig, dem ›Lüftigkeitsteufel‹ einen Stockzahn auszureißen; dieser
›Teufel‹ erwies sich als so gutmütig wie ein dressierter Pudel; die
zwingende Not und die Fülle der Arbeit legten ihn an eine dauerhafte
Leine. Auch die Dorfleute brachten Arbeit in die Daxenschmiede.
Schorschl hatte ›wie ein Roß‹ zu schaffen und mußte daran denken, sich
nach einem Gesellen umzusehen. Trotz alledem waren seine Finanzsorgen
nicht leichter geworden. Seine Kunden im Dorf sagten: »Schreib's auf
d' Rechnung!« Und die hundert Mark Vorschuß waren für die Pflege der
Kranken aufgegangen. Schorschl dachte ratlos an die kommenden Tage, und
bei jedem Hammerschlag, der lustig durch das Dorf hinaustönte, redete
eine drückende Sorge mit.
Eines Abends, als Schorschl verdrießlich seinen Kummer in das glühende
Eisen hineinhämmerte, kam die Magd und sagte: »Bsuch is drüben bei der
Mahm.«