Rings um das brennende Haus zuckte alles von grellroter Helle und
schwarzen Schatten. Schreiende Menschen füllten den Garten; sie
wollten helfen, doch Rauch und Flammen verwehrten ihnen den Eingang.
Das Feuer mußte in der Backstube ausgebrochen sein, hatte schon alle
ebenerdigen Räume ergriffen und war über die Treppe in den Dachstuhl
hinaufgeklettert. Der Rauch hatte die alte Magd, die neben den Zimmern
der Bäckin in einer Kammer schlief, aus dem Schlummer geweckt, und
weil sie die Treppe schon vom Feuer ergriffen sah, war sie im ersten
Schreck, ohne sich weiter um ihre Herrin zu kümmern, aus dem Fenster
in den Garten gesprungen. Jetzt heulte sie um die arme Frau, die
hilflos verbrennen mußte, und machte mit ihrem Geschrei die Leute
noch konfuser, als sie schon waren. Während man ratlos durcheinander
kreischte, kam die freiwillige Dorffeuerwehr mit Spritze und
Schubleiter angerasselt, und Purtscheller, der als Kommandant eine
funkelnde Uniform und einen blitzblanken Messinghelm trug, begann seine
Befehle auszuteilen, von denen einer dem andern widersprach. Eine
heillose Verwirrung entstand, und so hätte es der dicken Bäckin in
ihrem Stubenkerker übel ergehen können, wenn nicht der Daxen-Schorschl
mit seinem Schmiedhammer und einem fertigen Rettungsplan auf dem
Brandplatz erschienen wäre.
Mit derbem Ellbogen stieß er den scheltenden Herrn Kommandanten
beiseite, wälzte die Schubleiter vor die Firstmauer, und als er die
Leiter bis zu einem Fenster aufgewunden hatte, kletterte er hurtig über
die Sprossen hinauf. Mit einem einzigen Streich seines Hammers schlug
er den ganzen Kreuzstock in die Stube hinein und begann auf die Mauer
loszuarbeiten, mit so wilder Kraft, daß jeder Hammerstreich die Öffnung
in der Wand um eine ausgiebige Scharte erweiterte. Dicker Rauch quoll
ihm entgegen, der ihm fast den Atem benahm, die Mauerbrocken fielen ihm
auf Kopf und Schultern, doch er schlug und schlug, bis das Loch in der
Wand schon breiter wie eine Tür geworden war. Nun merkten die Leute,
was er wollte, und gehorchten jedem Wort, das er aus Rauch und Staub zu
ihnen hinunterrief.
Durch die weite Öffnung war der Qualm aus der Stube entwichen, und bei
dem Flackerschein sah Schorschl die Bäckenmahm in weißer Nachtjacke
und Schlafmütze bewußtlos auf den Dielen liegen. »Wasser! Wasser!«
schrie er. Als der Spritzenmann mit dem Schlauch über die Leiter
heraufgeklettert war, ließ Schorschl, um die Bewußtlose zu ermuntern
und das Holzwerk gegen das eindringende Feuer zu sichern, den
zischenden Wasserstrahl über den Fettberg der Bäckenmahm und durch die
ganze Stube spielen. Dann sprang er in das klaffende Mauerloch. »D'
Leiter in d' Höh bis unters Dach! Und den Flaschenzug abi!« befahl er.
»Vierthalb Zentner Frauenzimmer tragt kein Goliath über d' Leiter. Wir
müssen die Bäckin mit 'm Flaschenzug abilassen wie an Mehlsack! Aber
flink! Mir scheint, es pressiert!«
Er wandte sich in die Stube, und weil ihm von dem geschluckten Rauch
schon wirblig zu werden begann, griff er mit beiden Händen in das
auf den Dielen stehende Wasser und wusch sich das Gesicht. Dabei
merkte er nicht, daß seine Hände bluteten. Jetzt hatte er auf andere
Dinge zu achten, weil jetzt das Schwerste kam: den ohnmächtigen Koloß
der Bäckenmahm auf den Lehnstuhl zu heben! Vierthalb Zentner frei
vom Boden emporzustemmen, das ist eine Arbeit. Sie gelang. Freilich
war dem Schorschl einen Augenblick, als wollten ihm alle Sehnen
reißen. Entkräftet taumelte er gegen den Tisch, umwirbelt von dem
rotleuchtenden Dampf, der von der brennenden Tür durch die Stube
wallte. Da kletterte schon der Spritzenmann mit Stricken und mit dem
Flaschenzug durch das Mauerloch. Die Bewußtlose wurde auf dem Lehnstuhl
festgeschnürt und dann der Flaschenzug in die Stricke eingehakt. »Auf!«
schrie Schorschl durch das Mauerloch hinunter.
Drunten begannen die Leute am Seil zu ziehen. Der Lehnstuhl mit der
Bäckenmahm geriet ins Schweben. Jetzt schwankte er durch das Mauerloch
heraus und baumelte frei in der Luft. Der Spritzenmann vermochte das
Schaukeln und Drehen des Sessels nicht zu verhindern, und so fing der
Lehnstuhl mit der weiß gekleideten Bäckin ein immer flinkeres Kreisen
und Wiegen an, während er sich langsam zu Boden senkte. Das war bei
aller Gefahr des Augenblicks ein Bild von so drastischer Komik, daß
die Leute trotz des Erbarmens, das sie mit der armen Frau empfanden,
den Ernst nicht völlig bewahren konnten. Allen Lärm übertönte eine
kreischende Weiberstimme: »Wie der Heilige Geist schwebt s' abi!« Ein
dumpfer Krach erstickte das Gelächter, das diesen Worten folgte. Es
war höchste Zeit gewesen, daß der Lehnstuhl mit der Bäckenmahm den
Boden erreichte. Der First des brennenden Hauses war entzweigeborsten,
brennende Balken stürzten nieder, droben in der Stube war die Decke
eingebrochen, und während ein Gewirbel von Rauch und Funken aus dem
Mauerloch hervorquoll, sausten in dicken Garben die brennenden Flocken
der auf dem Bodenraum explodierten Mehlsäcke in die Nacht hinaus und
rieselten gleich einem feurigen Sprühregen über den ganzen Umkreis des
Hauses. Erschrocken stoben die Leute auseinander, und nur wenigen fiel
es auf, daß der Daxen-Schorschl nicht beim Lehnstuhl der Bäckenmahm zu
sehen war.
»Mar' und Josef! Wo is denn der Schorschl?«
Halb besinnungslos saß er droben auf der Brüstung des Mauerloches und
hielt den Kopf an die geschwärzten Steine gelehnt. Die Funken fielen
auf ihn nieder, brannten ihm Löcher in das Gewand und versengten ihm
die Haare. Als er seinen Namen schreien hörte, schaute er auf. Im
gleichen Augenblick streifte ein fallender Glutstrunk seine Schulter.
»No, no, no, a bißl langsam, ich geh ja gleich!« brummte er, während
ihm alle Sinne taumelten. »So arg pressiert's net, daß der Teufel den
Schorschl holt!« Gemächlich rutschte er von der Brüstung und ließ sich
die sechs Meter in den Garten hinunterplumpsen. Ein paar Männer fingen
ihn auf, aber der Sturz war doch so hart, daß Schorschl sich kaum
wieder aufzurichten vermochte. »Unkraut verdirbt net!« sagte er und
schüttelte die Funken von der Joppe. »Wo is denn die Mahm? Es is ihr
doch hoffentlich nix passiert?«
Als er zum Lehnstuhl kam, von dem man gerade die Stricke löste, mußte
er sich an den Knäufen der Lehne festhalten, um nicht umzusinken. Die
kalte Nachtluft schien ihn langsam wieder zu ermuntern.
Die Bäckenmahm war aus der Ohnmacht erwacht; doch ihre versunkenen
Äuglein blickten verständnislos, während sie mit zitternden Händen an
ihrem triefenden Nachtgewand herumtastete.
»Macht nix, Mahmerl!« tröstete Schorschl. »Dei' Schlafhauben trücknet
schon wieder! 's Wasser is weniger gfahrlich als wie 's Fuier!«
Aufatmend wandte er sich an die Umstehenden. »Ich bitt schön, Leut,
packts a bißl mit an! Wir müssen die Mahm zu mir heimbringen. Ich muß
ihr halt in meiner Werkstatt aufbetten, wir bringen s' ja zu keiner Tür
net eini!«
Ihrer sechse faßten den Lehnstuhl. Wie eine ›heilige Martrerin beim
Umzug‹ wurde die Bäckenmahm in die Daxen-Schmiede getragen.
Auf dem Brandplatze war jetzt Purtscheller als Feuerwehrkommandant
wieder Herr der Situation. Er dirigierte den puffenden Wasserstrahl
bald durch die Fenster in die brennenden Räume, bald wieder in die
rauschende Lohe des Daches. Als der Brunnen kein Wasser mehr geben
wollte, organisierte Purtscheller zwischen der Feuerspritze und dem
Bach eine dicht geschlossene Reihe, durch deren Hände die ledernen
Wasserkübel auf und nieder wanderten. Die Leute, als sie sahen, daß
an dem brennenden Hause nichts mehr zu retten war, erlahmten bald in
ihrem Eifer. Nur eine kleine Schar hielt noch tapfer beim Wassertragen
aus. Unter diesen rastlos Arbeitenden befanden sich Mathes und
Vroni mit ihrem Vater. Die drei waren atemlos auf dem Brandplatz
eingetroffen, als man die Bäckenmahm auf ihrem ledergepolsterten
Speckthron davongetragen hatte. Der Anblick des Daxen-Schorschl, der
in seinem von Brandlöchern und Mauerschutt verwüsteten Gewand und mit
dem rauchgeschwärzten, blutfleckigen Gesichte kaum zu erkennen war,
hatte Vroni stumm und bleich gemacht; und während sie die schweren
Wasserkübel schleppte, horchte sie unruhig auf jedes Wort, das in ihrer
Nähe gesprochen wurde.
Eine erregt durcheinanderschwatzende Gruppe hatte sich um den
Geschäftsführer der Bäckin gebildet, der die Schuld am Ausbruch
des Feuers auf eine Fahrlässigkeit des Gesellen schob und seinen
Verlust bejammerte; er war brotlos und hatte den Koffer mit seinen
Habseligkeiten und seinem ersparten Geld verloren. »Wer macht mir
denn mein' Schaden gut? Die Bäckin? Dö hat selber nix mehr. Dö hat 's
ganze Vermögen in Pfandbrief droben im Kasten ghabt. Und ihr Gschäft
is hin. Und ihr Haus brennt nieder bis auf'n Boden. Und kriegen tut s'
nix dafür, weil s' allweil z'geizig gwesen is, als daß sie sich hätt
versichern lassen.«
Diese Nachricht weckte in Purtscheller eine Erinnerung. Verstört
blickte er zu dem Flug der durch die grell erleuchtete Nacht
dahintreibenden Funken auf, rief stotternd dem Spritzenwart zu, das
Kommando ›für ein paar Minuten‹ zu übernehmen, und rannte auf die
Straße hinaus. In der Eile verlor er den blitzblanken Messinghelm und
nahm sich nicht die Mühe, ihn wieder aufzuheben. Als er seinen Garten
erreichte, kam ihm Karlin von der durch den Feuerschein erhellten
Haustür entgegen. Sie trug ihr Bübchen auf den Armen, das sie zum Schutz
gegen die Nachtkälte in eine Decke gehüllt hatte. »Gott sei Dank, Toni,
daß d' heimkommst!« stammelte sie. »Ich weiß mir ja nimmer z'helfen!
's Tonerl bleibt net allein in der Stuben droben, und es muß doch
wer herunten sein und aufpassen, ob nix passiert! Unsere Leut sind
davonglaufen, und schau nur, wie d' Funken ummifliegen über unser Haus!
Um Gotts willen, Toni! Ich bin so in Sorg!«
»Karlin«, keuchte Purtscheller, »hast net a bißl Geld bei der Hand?«
»Aber Toni! Wie soll denn ich Geld haben? Vertraust mir ja nie was an!«
»Du ~mußt~ was haben! Ich brauch's!«
Sein verstörtes Wesen mehrte ihre Sorge. »Toni, so sag mir doch, was
hast denn?«
»Unglück überall! Grad heuer muß mir's passieren, daß ich net an d'
Versicherung denk!«
»Jesus Maria!« Karlin umklammerte seinen Arm. »Wieviel brauchst denn?
Dem Tonerl sein Sparbüchsl hab ich droben --«
»Her damit!«
Sie stürzten ins Haus und über die Treppe hinauf. In der Stube brannte
die Hängelampe, die Schlafkammer war ohne Licht, nur matt erhellt durch
den roten Feuerschein der Brandstätte; gleich tanzenden Sternen flogen
vor den Fenstern die Funken vorüber.
»Sei stad, Herzerl!« tröstete Karlin das weinende Kind, während sie aus
ihrem Wäschekasten die kleine Blechbüchse hervorsuchte. »'s Schlüsserl
hab ich nimmer«, stammelte sie, »dös hab ich in der Kirch der heiligen
Mutter Gottes in d' Hand glegt!«
Purtscheller packte die Blechbüchse, rannte in die Stube hinaus und riß
das Vorhängeschloß von dem kleinen Schatzgut seines Kindes. Ein Dutzend
Goldstücke kollerten über den Tisch. Purtscheller raffte sie zusammen
und sprang davon. Zuerst suchte er den Buchbinder auf dem Brandplatz;
hier fand er ihn nicht; der Mann war heimgelaufen, hatte seine Kinder
und Gesellen zusammengerufen, um das von den fliegenden Funken bedrohte
Schindeldach seiner Scheune mit Wasser zu überschütten, und stieg
gerade, als Purtscheller kam, mit einer Gießkanne über die Leiter
hinauf. »Du! Sei so gut, an Augenblick!« rief ihm Purtscheller zu.
Der Buchbinder schleppte ruhig die Gießkanne vollends über die Leiter
hinauf und reichte sie einem seiner Buben. Dann erst kam er. »Was
schaffen S', Herr Purtscheller?«
»Da! Nimm! Da bring ich dir 's Geld für die Polizzen! Sei gscheid und
nimm's!« Purtscheller versuchte ihm die Goldstücke in die Hand zu
zwängen. Der Buchbinder hielt die Faust geschlossen und schüttelte
den Kopf. »So nimm doch! Ob ich gestern zahlt hätt oder ob ich heut
zahl, dös wird ja doch wurst sein!« Er wollte dem Mann das Geld in die
Joppentasche stecken.
Der Buchbinder wehrte sich und trat zurück. »Na, Herr Purtscheller!
Dös kunnt ich als Agent net verantwortigen vor der Gsellschaft. Ich
hab Ihnen gmahnt, Sö haben net ghört drauf. Jetzt kann ich nix mehr
machen. Morgen, wann alles wieder in Ruh is, meintwegen! Aber heut in
der Nacht, wo 's Fuier umanandfliegt? Na! Dös geht net!«
In Purtscheller loderte der Jähzorn auf. »So einer bist du? Ganz recht,
daß ich dich endlich amal kennenlern! Man muß sich ja net grad bei
~dir~ versichern lassen.«
»Vater!« klang vom grell beleuchteten Dach eine kreischende
Knabenstimme. »Da geht schon wieder a Fuier in d' Höh!« Der Buchbinder
sah hinter dem Dach des Purtschellerhofes eine Flamme emporsteigen, als
wäre Stroh in Brand geraten. »Herr Purtscheller! Schauen S', daß S'
heimkommen! Ich fürcht, Sö kriegen Arbeit daheim.«
Purtschellers Gesicht war entstellt; wortlos stürzte er davon, ohne
zu merken, daß ihm die Goldstücke durch die schlaff gewordenen Finger
glitten. Als er in die Nähe der Dorfstraße kam, sah er einen Haufen
schreiender Leute. Er rannte, bis ihm der Atem versagte. Bei der
Gartentreppe stieß er mit Karlin zusammen, die ihn nicht erkannte; in
verzweifelter Angst hielt sie ihr Kind umklammert und lief über die
Straße hinüber, um es im Haus des Nachbars in Sicherheit zu bringen.
Auf dem Kirchturm begann eine zweite Glocke anzuschlagen, und rasselnd
kam die Feuerwehr, die das verlorene Haus der Bäckin verlassen hatte,
zum Purtschellerhof gefahren. Mathes ritt auf einem der beiden Pferde,
die vor die Spritze gespannt waren, und mit dem Leitseil peitschte er
auf die vom Geschrei der Leute, vom Glockenschlag und vom Feuer scheu
gemachten Tiere los, welche die hügelige Auffahrt in Purtschellers Hof
nicht nehmen wollten. So wild sich die Pferde auch gebärdeten, Mathes
zwang sie. Als er vor der brennenden Scheune, durch deren offenes Tor
die Flugfunken einen Weg zu den Strohgarben gefunden hatten, vom Pferd
gesprungen war und den Schlauch der Spritze auseinanderrollen half,
klammerten sich zwei zitternde Hände um seinen Arm.
»Mathes!«
Er sah in Karlins abgehärmte, vom Feuerschein überflackerte Züge und
brachte zuerst kein Wort heraus. Dann strich er mit der Hand über
Karlins Wange, als wäre er noch der Bub von dreizehn und sie noch das
Kind von neun Jahren. »Sorg dich net, Linerl! Hast doch dein Büberl in
gute Händ geben?«
»Ja, Mathes! Bei der Nachbarin drüben!«
»No also! Und für 's Haus is kei' Gfahr. Den Stadel wird der Toni
verschmerzen müssen. Na, Linerl! Tu dich net sorgen!«
Sie atmete auf.
»Und komm, Linerl, hilf mir!« Er riß einen Ledereimer vom
Spritzenwagen. »Da hast an Kübel!«
Mit heller Stimme, daß es über den wirren Lärm hinausklang, schrie sie:
»Leut! Da her! Da is Wasser!« Den anderen voraus eilte sie zum Garten,
zwischen dessen Bäumen der Entenweiher lag. Vroni und der Simmerauer
waren die ersten bei ihr. »Michel! Vronerl! Vergelts Gott!« Karlin warf
sich am Rand des Weihers auf die Knie und hob den ersten vollen Eimer
aus dem Wasser.
Mathes brauchte nur wenige Minuten, um zwischen Spritze und Teich eine
Doppelreihe für die laufenden Eimer zu bilden. Während man schon zu
pumpen begann, um das Wasser in den Schlauch zu treiben, rannte der
Spritzenwart überall umher und schrie nach Purtscheller. Neben der
Hintertür des Hauses fand er ihn an die Mauer gelehnt, ratlos vor
Schreck und mit schlaffen Armen. Zäzil war bei ihm und redete tröstend
auf ihn ein.
»He! Purtscheller!« Der Spritzenwart rüttelte ihn am Arm. »So rühren S'
Ihnen! Es brennt ja doch net bei ~mir~!«
»Lasen S' ihn doch in Ruh!« murrte Zäzil. »Sehen S' denn net, wie's
ihm z'mut is, dem armen Herrn?«
Über das Rauschen der Flammen und über allen Lärm hinaus, der den Hof
erfüllte, tönte die hallende Stimme, mit welcher Mathes der Spritze ein
Kommando gab. Purtscheller blickte auf. »Der Mathes!« stammelte er.
»Der Mathes soll reden für mich! Der versteht sich auf d' Arbeit!« Er
machte eine Bewegung, als wären ihm die Knie schwach geworden.
»Was haben S' denn, Herr?« fragte Zäzil.
»Völlig übel is mir von der Aufregung. Geh, Madl, sei so gut und mach
mir an schwarzen Kaffee!«
»Trinken S' lieber a Glasl Wein!«
»Ja, hast recht! Bist a guts Madl.« Purtscheller ließ sich von Zäzil,
die ihn barmherzig unter den Arm genommen hatte, ins Haus und hinauf in
die Wohnstube führen. Und während das Mädel für den ›armen Herrn‹ eine
Flasche Tiroler holte, arbeiteten die anderen, um des Feuers Herr zu
werden.
Die in Brand geratene Scheune mußte man verloren geben; es kostete
schon Arbeit genug, um die umliegenden Wirtschaftsgebäude und die
Ställe gegen die Flammen zu schützen. Als dieses Rettungswerk in Gang
war, machte Mathes sich daran, das Vieh, das sich unter Gebrüll in
den Ketten würgte, aus seiner Angst zu erlösen. Jedes einzelne Stück
mußte gewaltsam aus dem Stall geführt und in einem entlegenen Teil
des Gartens angepflöckt werden. Dann kehrte Mathes in den Hof zurück
und stellte sich an die Pumpe. Die anderen, die den Spritzenschwengel
zogen, ließen sich von Zeit zu Zeit ablösen, nur Mathes nicht.
Gegen die fünfte Morgenstunde, als der Tag zu grauen begann, war alle
Gefahr überwunden und die Scheune in glimmende Kohlen zerfallen. Nun
konnte die Spritze hinüberfahren zum Bäckenhaus, um auch dort die
versinkenden Flammen vollends zu löschen.
Mit durchnäßten Kleidern, zitternd vor Erschöpfung und Kälte, stand
Karlin unter dem Hoftor; jedem, der hinausging, reichte sie die Hand.
»Vergelts Gott, Nachbar! Vergelts Gott, Bub! Vergelts Gott, Madl!
Hast dich auch noch plagen müssen!« Jedes, dem sie ihr Vergelts Gott
sagte, hatte ein freundlich Wort für sie. So deutlich, wie in dieser
Stunde, hatte es Karlin noch nie gemerkt, wie gut ihr alle Leute waren.
Diese Erkenntnis tat ihr wohl und hauchte ein bißchen Wärme auf ihre
bleichen, erschöpften Wangen.
Der Hofraum leerte sich. Nur Purtschellers Dienstleute waren noch bei
der Arbeit, um die Pferde und das Vieh in die Ställe zurückzuführen,
und der alte Simmerauer mit seinen Kindern half ihnen dabei. Dann
konnten auch diese letzten gehen.
Karlin reichte dem Alten die Hand. »Vergelts Gott, Michel! Hast selber
die härteste Sorg daheim und bist trotzwegen kommen!«
»Wär net übel, Frau Purtschellerin, wann der Mensch kei' Zeit net übrig
hätt für an bedrängten Nachber!« Der Alte streichelte Karlins Hand. »In
der Not muß man zamm helfen. Der gute Herr Purtscheller hat mir auch
sei' Hilf anboten! Wo is er denn, daß ich ihm d' Hand drucken kann?«
»Ich weiß net.« Es zuckte um Karlins Lippen. »Bei der Arbeit wird er
sein.« Sie konnte nicht weitersprechen und wandte sich zu Vroni.
Schweigend legte das Mädel den Arm um Karlins Hals und schmiegte die
Wange an das Gesicht der jungen Frau.
»Da kommt der Mathes auch!« sagte Karlin mit schwankender Stimme. Sie
machte sich von den Armen des Mädels los, und während Vroni den Vater
zum Hoftor hinauszog, ging Karlin auf Mathes zu und reichte ihm die
Hand. »Vergelts Gott!«
Mathes erschrak, als er sie ansah. »Aber Linerl! Hast ja kein'
trockenen Faden mehr am Leib! Mußt dir ja ebbes holen bei so einer
Kälten! Ich bitt dich um Christi willen, geh auffi und tu dich gwanden!«
»Ja, Mathes! Bloß auf dich hab ich noch gwart, daß ich dir mein
Vergelts Gott sagen kann, 's erste Wörtl nach soviel Jahr!« Sie sah ihm
in die Augen.
»Aber geh, Linerl! A Vergelts Gott? Mir? Dös braucht's doch net! Schau
nur an, wie der Wind herblast! Ich bitt dich, geh auffi! Schau, es
pressiert mir selber, daß ich heimkomm! Pfüet dich, Linerl!«
Lächelnd und mit nassen Augen nickte sie zu ihm auf, strich die losen
Härchen hinters Ohr und ging der Haustür zu. Auf halbem Wege wandte sie
sich um und rief: »Mathes! Die heutige Nacht vergiß ich dir nimmer!«
Er stand schon unter dem Tor. »Aber geh!« Verlegen schob er die Hände
in die Joppentaschen. Dann lächelte er und trat auf die Straße hinaus.
»Komm, Bub!« sagte der Simmerauer, der auf ihn gewartet hatte. »Schauen
wir, daß wir heimkommen! Wie wird's wohl da droben ausschauen?«
»Gut, Vater!« Mathes stampfte mit dem Fuß, daß die harte Erde klang.
»Der Boden is gfroren. Den taut sobald kei' Sonn nimmer auf! Heut noch,
mein' ich, fallt der Schnee! Und da haben wir gute Zeit.«
»Ja, kannst recht haben!«
»Wo is denn d' Vroni?«
»Sie kommt gleich. A Sprüngl hat s' ins Ort einigmacht, nachschauen,
wie's der armen Bäckin geht.«
»Der Bäckin? So so?« Mathes spähte zur Daxen-Schmiede hinüber.
Während sie dem Gehäng des laufenden Berges zustrebten, jammerte der
Simmerauer: »Dös arme Weiberleut! Alles verlieren müssen! So a schöns
Haus! Und was soll s' denn machen auf ihre alten Täg? Sie hat kein'
Menschen net als den Lüftikus, den Daxen-Schorschl, der sich selber net
erhalten kann.«
Im oberen Stock des Purtschellerhofes, in der Wohnstube, hatten die
Fenster noch roten Lichtschein. Jetzt verschwand er. Karlin hatte die
Hängelampe ausgelöscht, die sie brennend vorgefunden. Erschöpft und
zitternd stand die junge Frau am Tisch, starrte im Morgengrau die drei
geleerten Weinflaschen an und sah in dem von Zigarrenqualm erfüllten
Raum umher, mit so verlorenem Blick, als wäre sie in einer fremden
Stube und wüßte nicht, durch welchen Irrtum sie hierhergekommen. Ein
Schauer befiel sie. Mit langsamen Händen strich sie an den nassen
Kleidern hinunter, die ihr halb gefroren am Körper klebten, nickte
vor sich hin und murmelte: »Ja, der Mathes hat recht, ich muß mich
gwanden.« Sie trat in die Schlafkammer und sah ihren Mann in der
Feuerwehruniform und mit den Stiefeln auf dem Bett liegen. Als die Türe
ging, erwachte er halb aus seinem Dusel und drehte sich auf die Seite.
Karlin faßte seine Hand. »Geh, laß mich schlafen!« brummte er. »Wie
Blei liegt's mir in alle Glieder!« Dann richtete er halb den Kopf in
die Höhe, sah sie mit steifen Augen an, und während er sprach, spürte
Karlin den Geruch des Weines. »Wie schaut's denn aus drunten?«
»'s Feuer is glöscht.«
»Hast dich bedankt bei die Leut?«
»Ja.«
»Hast Wein oder Bier aufstellen lassen und Zigarren hergeben?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Du denkst aber auch an gar nix! Alles liegt auf mir! Alles!« Seufzend
drückte er den schweren Kopf in die Kissen. »Mit dir is einer
aufgricht, dös muß ich sagen!«
Wortlos wandte sich Karlin ab, ging zum Kasten und nahm heraus, was
sie an Wäsche und Kleidern brauchte. Als sie zur Tür wollte, fragte
Purtscheller unwillig: »Wohin denn schon wieder?«
»Zu meim Kind.«
Karlins Stimme klang verändert. Dieser fremde Klang schien auch ihrem
Mann aufzufallen, trotz seines Dusels; er stierte sie an, als stünde
nicht seine Frau, sondern eine andere vor ihm, die er noch nie gesehen
hatte. »Ich bitt dich, mach mir jetzt keine so narrischen Gschichten!«
murrte er. »Was hast denn?«
Ohne zu antworten, verließ Karlin die Kammer. In der Stube kleidete sie
sich um. Dann stieg sie die Treppe hinunter und verließ das Haus. Im
Garten blieb sie stehen und atmete auf. Nun ging sie raschen Schrittes
über die Straße und trat ins Nachbarhaus.
In einer niederen, warmen Stube, durch deren kleine Fenster schüchtern
das erste Licht des Tages schimmerte, fand Karlin die alte Bäurin in
einem Lehnstuhl neben dem Ledersofa, auf dem für den kleinen Tonerl mit
geblumten Kissen ein Bett gerichtet war. Das Kind hatte rote Wangen.
»Schauen S' nur, wie gut er schlaft!« flüsterte die Bäuerin. »Und guter
Schlaf is Kinderglück! Da übertaucht so a Hascherl alles und kann noch
lachen dazu!« Sie erhob sich, um ihren Platz der Mutter einzuräumen.
»Vergelts Gott, Nachbarin!« sagte Karlin, während sie sich über die
Kissen beugte. Die Bäurin wollte von dem Unglück der Nacht zu reden
beginnen, aber Karlin blickte flehend zu ihr auf: »'s Kindl kunnt
aufwachen.« Sie ließ sich müde in den Lehnstuhl sinken. »Dös tut mir
wohl! Gelt, ich kann a bißl bleiben?«
»Aber ja, Purtschellerin! Und was meinen S', wann ich an recht an guten
Kaffee machen tät? Ja?«
»Ich bitt schön, Nachbarin! Aber sein muß 's net!«
Geschäftig humpelte die alte Frau zur Tür hinaus.
Karlin saß regungslos, den Kopf zurückgesunken in den Lehnenwinkel des
Sessels. Vom nahen Ofen strömte die Wärme an ihren Körper. Das Frösteln
ihrer Glieder löste sich, und nach aller Angst und Erschöpfung dieser
Nacht fiel ihr der Schlummer über die Augen. Einmal lächelte sie im
Traum.
Der kleine Vogel der Wanduhr rief die siebente Morgenstunde.
»Kuckuck!«
In der winterlichen Stube ein Frühlingsruf!
Weder das schlummernde Kind noch seine müde Mutter erwachten.